Jul 232015
 

[Gesellschaft]

Sprechen wir zunächst vom Gedanken des Fortschritts. Es ist ein relativ neuer Gedanke, ein typisches Kind der Aufklärung und der Moderne. Für Hegel ist die „Weltgeschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, Comte und Marx / Engels haben je auf ihre Weise die geschichtlichen Veränderungen ihrer Zeit als eine mehr oder weniger gesetzmäßig verlaufende Entwicklung verstanden. „Aus Chaos zur Ordnung“ war der Schlachtruf der Modernisten des 19. Jahrhunderts, die sich begeistert Darwins Evolutionslehre aneigneten und sie als „Sozialdarwinismus“ auf gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen versuchten. Der Fortschrittsgedanke verband sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung zu einem gewaltigen Weltbild einer „kosmischen Evolution“ (Spencer), die Natur und Kultur in gleicher Weise einschloss und antrieb. Besonders in kulturgeschichtlichen Betrachtungen und Analysen (Elias, Durkheim, Levi-Strauss uva.) wurde der Gedanke einer aufwärts strebenden Entwicklung aus primitiven Schichten zu immer höher stehenden, kulturell entwickelteren Formen des Zusammenlebens, als ein Prozess der positiven Zivilisierung aufgefasst. Das 20. Jahrhundert brachte das typische „immer weiter – immer schneller – immer höher“ als ein Griff zu den Sternen ins Bewusstsein. Etwas abgewandelt findet sich der Gedanke noch heute als „Mooresches Gesetz“ (Verdopplung der IC-Komplexität alle 24 Monate) in der Chip-Industrie wider.

Die Literatur zum Thema Fortschritt und Entwicklung / Evolution ist uferlos. Sie schwankt zwischen grenzenlosem Optimismus und abgrundtiefem Pessimismus und deckt zwischen diesen Polen alle möglichen Schattierungen ab. Das 20. Jahrhundert hat mit zwei Weltkriegen und zahllosen postkolonialen Katastrophen die Fragwürdigkeit eines Progressismus vor Augen geführt, der nicht zugleich auch die Schrecken der Neuzeit und die Abgründe der Moderne (Verdun; Auschwitz; Hiroshima; My Lai) mit bedenkt. Auch 1989 fand nicht das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) statt, und Zweifel daran, dass die USA nach eigener Einschätzung die höchste Form menschlicher Zivilisation darstellen, sind nicht erst seit Abu Ghraib angebracht. Inzwischen sind auch die enthusiastischen Töne, dass die digitale Revolution mit Robotern und künstlicher Intelligenz die Menschheit auf eine höhere Kulturstufe katapultiere, leiser geworden. Im Grunde ist es aber dasselbe Spiel mit der Begeisterung für den „Fortschritt“, der nicht nur in der DDR in heute kaum glaublicher Naivität gefeiert wurde. Silicon Valley teilt von Grund auf diesen grenzenlosen Optimismus, dass sich mit Computern, Daten und ein paar guten Ideen (+ Dollar) alle Probleme der Menschheit lösen lassen („Schöne neue Welt“…) Natürlich gibt es auch die Gegenmeinung, „warum man das Silicon Valley hassen darf“ (Evgeny Morozov).

Es ist ein Kennzeichen der Debatte um Fortschritt und Entwicklung, sei es technologisch oder kulturell, politisch oder digital, dass sie zu Extremen verleitet, dass dem enthusiastischen Optimismus, dem alle Veränderung gar nicht schnell genug gehen kann, stets der warnende Pessimismus zur Seite steht, der bei Umwelt, Klima, Gentechnik usw. die jeweils nächsten Katastrophen-Szenarien ausbreitet. Die „heißen“ (progressiven) und „kalten“ (konservativen) Formen der Kultur (Levi-Strauss) finden sich also gar nicht so sehr in unterschiedlichen Ethnien und auf zeitlich oder räumlich verteilte „Kulturstufen“ wider als vielmehr nebeneinander als Ausdruck unterschiedlicher Weltanschauungen innerhalb der modernen globalisierten Welterfahrungen. Das Muster von „heiß“ und „kalt“ kann dabei durchaus als Spektrum dienen, in dem man die unterschiedlichen Ausprägungen des Weltgefühls verorten kann. Erkennt man es als ein brauchbares Deutungsmuster, so findet man Anwendungsbeispiele in vielen Bereichen des sozialen und politischen Alltags. Selbst die Debatte um Griechenland und Europa konnte zum Teil unter der Chiffre „Fortschritt“ (=mehr transnationales Europa, heiß) und „Beharrung“ (=mehr nationale Selbständigkeit, kalt) geführt werden, wobei die Anhänger des Fortschrittsgedanken diesen als den quasi natürlichen und darum selbstverständlich gerechtfertigten Gedanken behaupten konnten. Das hat mit einer Eigentümlichkeit des „Fortschritts“ in unserem gegenwärtigen Weltverständnis zu tun.

Der Fortschritt gilt nämlich im Allerweltsbewusstsein inzwischen gar nicht mehr als ein besonderer Gedanke, der erst noch begründet und gerechtfertigt werden müsste, sondern als eine selbstverständliche Gegebenheit, die man allenfalls begrüßen und befördern oder abmildern und „gemächlicher“ (P. Kafka) gestalten möchte. Aber die Progression ist als Tatsache gesetzt – „den Fortschritt hält in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf“, um Erich Honecker frei zu zitieren. Es gerät dabei fast völlig aus dem Blick, dass der Fortschrittsgedanke ein in der Tat begründungsbedürftiger Gedanke ist, dass er ansonsten zum Glaubensaxiom einer Weltanschauung mutiert. Dieser Wechsel von einer deutenden gedanklichen Kategorie zu einem quasi naturhaften Axiom ist, so meine Beobachtung, tatsächlich schon weit gediehen. Eine ähnliche Verschiebung eines Theorems der Deutung zu einer angeblich natürlichen Tatsache kann man beim Begriff der Evolution fest stellen. Eine Kritik des Evolutions-Gedankens muss aber genauso möglich sein wie eine Kritik des Fortschritts-Gedankens, ohne dass sogleich das Etikett des Ewiggestrigen oder des archaischen Kreationisten verteilt wird. Wie immer in solchen Kontroversen, wo es ums Eingemachte, also um die axiomatische Gewissheit bestimmter Weltanschauungen geht, wird ein Schwarz-Weiß-Gegensatz aufgemacht, wo es doch eigentlich in begrifflich denkerischer Arbeit um die unendlichen Schattierungen dazwischen gehen sollte, vielleicht zum Teil in Form einer Dialektik, vielleicht zum Teil in Form beständiger Ambiguitäten. „Fortschritt“ und „Entwicklung“ (Evolution) tragen nämlich ein gedankliches Problem, eine Frage in sich, die nur schwer zum Schweigen zu bringen ist: Wie verhält sich ein ständig aufwärts weisender Fortschritt mit dem Zufall? Was ist mit Anfang und Ende, mit Ursprung und Telos? Ist die Rede von Singularitäten, also von Wendepunkten wirklich erklärend? Also wohin entwickeln sich Natur und Kultur? Bisher weiß die Antwort nur der Wind oder ‚Kommissar Zufall‘, auch wenn dieser mehr abstrakt als „autopoietisches System“ bezeichnet wird. Und die andere Frage, „Cui bono“, wem nützt es bzw. er (der jeweilige Fortschritt), ist vielleicht noch abgründiger und hinterhältiger, weil sie hinter der Larve des Selbstverständlichen handfeste Interessen vermutet und aufdeckt.

Fortschrit - Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Fortschritt – Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Weltanschauungen brauchen wie alle Ideologien und Religionen ihre Grundannahmen, ihre Axiome. Dass man von ihnen dann ’selbstverständlich‘ weiterhin ausgeht, ist ja gerade der Witz an solchen Glaubens-Axiomatiken. Man sollte aber dennoch nicht vergessen, dass auch so selbstverständliche Grundgedanken wie der des Fortschritts oder der Evolution zunächst einmal nicht mehr als heuristische Begriffe in einer bestimmten Theorie der Weltdeutung sind. Sie werden immer nur zum Teil erklären und sich nur zum Teil bewähren. Denn die Wirklichkeit in Politik und Gesellschaft, in Wissenschaft und Alltag, spottet jeder vereinfachenden Deutung. Man kann nur verschiedene Aspekte in den Blick nehmen und gegenwärtige Entwicklungen im Pro und Contra diskutieren. Jeder „Fortschritt“ hat bekanntlich seinen Kollateralschaden. Man muss darum schon wissen, was man eigentlich will, wohin man will, und das sollte man mit guten Gründen fundieren. Ein Fortschrittsglaube taugt dazu wenig. Denn unter der Hand – das lehrt die Religionsgeschichte – wird aus einem anfänglichen Glauben recht schnell ein System von Hypostasierungen (die Gene, die Natur, die Narrative usw.), die dann ein fröhliches Eigenleben führen. Um in der heutigen Welt, wie man sie erlebt und wahrnimmt, Orientierung zu geben oder zu finden, dafür ist der optimistische Glaube an Fortschritt und Notwendigkeit ebenso hilfreich wie weißer Kalk auf einer blutroten Wand. Etwas mehr Skepsis ist immer dann angebracht, wenn allzu laut und allzu oft Behauptungen als Selbstverständlichkeiten ausgegeben werden. Das hat zuletzt sogar die Griechenland-Debatte gezeigt. Der Fortschritt zeigt sein chimärenhaftes Wesen bisweilen erst dann, wenn man einen Schritt zurück tritt.

 23. Juli 2015  Posted by at 12:20 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fortschrittsglaube
Apr 272014
 

[Mensch]

Die Frage, warum der Mensch immer wieder bereit ist, gegeneinander Krieg zu führen, zu bedrohen, zu bekämpfen, zu töten, ist offenbar so alt wie die Menschheit. Der Homo sapiens ist stets auch der Homo bellicus. Eine endgültige Antwort auf diese Menschheitsfrage gibt es nicht, kann es nicht geben. Der Mensch ist ein sehr vielseitiges, zugleich widersprüchliches und konsequentes Wesen. Seine Lebensverhältnisse wandeln sich ständig und erfordern Anpassung sowohl des Einzelnen als auch einer menschlichen Gemeinschaft. Versuche einer Antwort gibt es aber viele.

Man könnte diese Versuche, die Frage nach dem kriegerischen Menschen zu beantworten, in drei Kategorien einteilen: Es werden metaphysische, gesellschaftliche oder individuelle Gründe angeführt. Wohlgemerkt, es geht um Voraussetzungen, Ursachen und Gründe der Bereitschaft und Fähigkeit des Homo bellicus, es geht hier nicht um die Ursachen und Gründe einzelner Kriege oder gewaltsamer Auseinandersetzungen. Das wäre ein anderes, eigenständiges Thema.

Metaphysische Voraussetzungen für die menschliche Kriegsfähigkeit nenne ich solche, die Streit und Krieg unter Menschen unabhängig von ihren konkreten Anlässen und Bedingungen auf einen Krieg auf höherer Ebene zurückführen. Das können Kriege unter Göttern sein, die sich in Kriegen von Königen und Priestern und ihrem Volk widerspiegeln (Babylon, Altes Ägypten, Israel). Es kann ein metaphysisches Prinzip als Ursache angeführt werden, zum Beispiel der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und den Mächten der Finsternis, aber auch der Zwiespalt zwischen gleichsam gegensätzlichen, dualistischen Weltprinzipien wie Ying und Yang, Himmel und Hölle, göttlichen Lichtfunken und finsterer Materie oder als Ausdruck dialektischer Geschichtsmetaphysik. Schließlich kann der Krieg als Ausfluss des Kampfes zwischen Gott und Seele interpretiert werden, dann geht es um den großen und kleinen Dschihad sozusagen, ein Gedanke, den auch schon der Kirchenlehrer Augustin vorgeprägt hat als Kampf und Krieg der reinen, wahren Gläubigen der Kirche gegen die gottfeindlichen Mächte des Antichrist. All diesen metaphysischen Begründungen des Krieges ist einiges gemeinsam: Der kriegerische Mensch ist nur Spiegelbild, Werkzeug gar eines viel größeren und umfassenderen Krieges der übernatürlichen Welt. Er kann letztlich „nichts dafür“, dass er in Kriege verwickelt wird. Es geht vielmehr um die Erkenntnis des gerechten Krieges und des notwendigen Kampfes, den der Mensch aufgrund seiner (vorausgesetzten) Bestimmung halt auch mit irdisch-gewaltsamen Mitteln auszufechten hat. Jahrhunderte lang wurden und werden in verschiedensten Kulturen die unterschiedlichsten Arten solcher metaphysischer Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien für den Homo bellicus entwickelt. Mir scheinen es Versuche zu sein, das ebenso Unleugbare wie Unvermeidliche des Krieges ‚Mensch(en) gegen Mensch(en)‘ irgendwie zu entschärfen und in eine höhere Notwendigkeit einzubetten.

Der in der westeuropäischen Aufklärung gewählte Weg des Verzichtes auf eine jenseitige Welt und damit auf überweltliche Metaphysik musste auch zu anderen Begründungen für den Homo bellicus, also für das kriegerische Wesen des Menschen führen. An die Stelle der Metaphysik traten (meist in der Nachfolge Hegels) große Geschichtsentwürfe, die einmal das Bürgertum, ein andermal das Proletariat zu treibenden, auch Krieg treibenden Kräften der Entwicklung der menschlichen Geschichte auf dem Weg zu einem höheren Status erklärten. Die Idee des Fortschritts der Menschheit, der stetig aufwärts gerichteten Entwicklung der Geschichte als Geschichte der Selbstvervollkommnung des Menschen schloss und schließt notwendig auch Kampf und Krieg ein: gegen die beharrenden Kräfte des Alten, gegen Widerstände überholter Strukturen und ihrer Profiteure im Interesse des allgemeinen Fortschritts. Man denke nicht, die Zeit dieser großen alten, gewissermaßen klassischen Ideologien sei vorbei. Wir erleben sie heute nur in neuem Gewand. Die Idee der durch Kämpfe herzustellenden „großen Harmonie“ seitens der chinesischen Machtelite gehört ebenso hierher wie die notwendig und im Interesse des Fortschritts agierenden zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus (Schumpeter) und seiner Erneuerung und Umgestaltung der Welt zu einem einzigen allumfassenden „freien Markt“, – und ebenso die heutige Silicon-Valley-Ideologie der andauernden „disruptiven Innovation“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – mit „uns“ ist damit die jeweils unterschiedlich akzentuierte Vorhut der fortschrittlichen Menschheit gemeint – ehemals in Moskau, heute mehr in San Francisco. Sie gilt als so unaufhaltsam, dass Krieg und Kampf (ökonomisch, kulturell und eben auch militärisch) nur der Preis für uferlos freie Märkte und schrankenlosen Gewinn ist. Allmählich werden die Petro-Kriege durch Daten-Kriege (verharmlosend Cyber-War genannt, als wäre es ein Spiel) (1) und ihre mächtigen globalen Akteure ersetzt. In jedem Falle geht es um Ressourcen, um die künftige Verfügungsmacht, um den unaufhaltsamen Fortschritt mit Glücksverheißung für alle: „Don’t be evil!“. Russlands derzeitige militärische Aggressivität scheint da auf verlorenem Posten zu stehen – irgendwie von gestern, was nicht weniger gefährlich sein kann (2). – Diesen geschichtsmetaphyischen, gesellschaftsideologischen Begründungs- und Rechtfertigungsmodellen des Homo bellicius ist das Bewusstsein gemeinsam, Teilnehmer an einer grandiosen Geschichte zu sein, die sich unaufhaltsam verwirklicht und einem Glückszustand entgegen strebt, der zwar allen verheißen, für den aber nur wenige auserwählt sind. Dieser Fortschrittsidee ist als Bewusstsein, auf der „richtigen“ Seite der Geschichte zu leben, nahezu jedes Mittel recht. Kriege, Vernichtung der Gegner und Beseitigung von Widerständen gehören unvermeidlich dazu. Bisweilen wirkt diese Strategie der Rechtfertigung wie ein Ansporn.

Krieg oder Frieden

Krieg oder Frieden (bykst, pixabay)

Bei der dritten Kategorie geht es um Begründungsmodelle des Homo bellicus, die im einzelnen Menschen selber fest gemacht werden. Es kann dabei auf die animalische Basis des Menschen verwiesen werden, auf seine evolutionäre Naturgeschichte, die für das Individuum den Kampf ums Überleben und Anpassung um jeden Preis notwendig und unausweichlich macht. Es kann die Triebstruktur des Menschen heran gezogen werden, seine unvermeidliche Aggressivität, die auf Konkurrenz oder Frustration reagiert; auf Neidkomplexe, Habgier, Egoismus, sexuelle Gewalt usw. Hier könnten all die Tugend- und als Umkehrung davon, die Lasterkataloge früherer Jahrhunderte beigezogen werden. Nach diesen individualistischen Erklärungsmodellen ist der Mensch ein zutiefst durch seine unbewusste Natur geprägtes gewalttätiges Lebewesen, das gefährlichste Raubtier auf der Erde. Gegenstrategien dienen dann der Aufdeckung und Umlenkung latenter Gewaltphantasien in produktive, selbstheilende und gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen. Das Übel des Krieges wird im unbewältigten Dunkel der eigenen Persönlichkeit gesehen, die es aufzuklären und zum Beispiel durch meditative Praktiken aufzulösen gilt. Findet der Einzelne seinen Frieden, wird auch die Menschheit friedlich und glücklich sein. Viele Religionen verfolgen diesen Weg.

Es gibt noch viel mehr Erklärungsversuche, warum der Krieg in die Welt kommt und der Mensch als Homo sapiens eben immer auch ein Homo bellicus ist. Ich bin einigen Haupttypen nachgegangen, die Liste ist natürlich nicht vollständig. Es sind Beispiele, die zeigen, wie die Tatsächlichkeit von Streit, Krieg, Tod und Vernichtung unter Menschen doch immer wieder als rätselhaft, als erklärungsbedürftig empfunden wird. Denn eigentlich wollen doch alle nur zufrieden sein, – wenn da nicht der böse Nachbar wäre… Alle diese Modelle der Ursachen und Gründe einer weithin kriegerischen Welt, in der gewaltsames Leiden und Tod täglich gegenwärtig sind, haben vielleicht jeweils etwas Richtiges im Blick. Auf jeden Fall ist es aber wahr, dass die Verwicklung des Menschen und der Menschen in Krieg, Gewalt, Foltern, Töten unüberschaubar vielfältig und insofern „multikausal“ verursacht ist. Es bleibt dennoch als etwas letztlich Unerklärliches, Unbewältigtes bestehen. Noch unerklärlicher erscheint dann besonders die Lust am Töten, der Rausch des Blutes, die exzessive Gewalt, die keine Grenzen kennt. Ebenso unbegreiflich ist es, dass es immer wieder gerade auch vormals friedliche „normale“ Menschen überkommt – wenn die Umstände danach sind. Jeder Völkermord hat Täter, die – auch nur Menschen sind. Das ist ein Erratum: ein unauflösliches Faktum.

Die Rätselhaftigkeit dieser Struktur des Menschen als Homo bellicus anzuerkennen erscheint mir jedenfalls angemessener als all die verschiedenen Erklärungsversuche für sich genommen. Andererseits ist die Suche nach Erklärungen unvermeidlich; sie drängt sich auf. Vielleicht kommt man dennoch zum Ergebnis, dass diese Frage nach der Möglichkeit und Fähigkeit des Menschen zum Krieg, zu Vernichtung und Töten anderer Menschen letztlich unbeantwortbar bleibt. Kriege werden von Menschen geführt, „gemacht“. Dass es sie gibt, scheint zu unserer conditio humana, zu unserem Dransein als Menschen zu gehören – eine Erkenntnis, die zu selbstkritischer Mäßigung und zu rationaler Bescheidenheit zwingt.

Anmerkungen

1) Wer wissen will, worum es geht, schaue The Netwars-Project.

2) Man lese Viktor Jerofejew, Russland in der Offensive, FAZ Dez 2013

 27. April 2014  Posted by at 11:47 Gesellschaft, Mensch Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Rätsel des Homo bellicus