Mai 032019
 

Die größten Gefährder sitzen in Regierungen

Demokratie ist ganz einfach: One man – one vote. Das bedeutet zunächst, dass jeder Mensch unabhängig von jeder anderen Bedingung als dem jeweiligen Bürgerrecht (Staatsbürgerschaft) wählen gehen kann. Auch ein bestimmter Bildungsnachweis zum Beispiel Lesefähigkeit (Alphabetisierung) darf nach demokratischen Prinzipien keine Voraussetzung für das Wahlrecht sein. Das ist auch gut so. Nur die Verfassung kontrolliert den Zugang zum Recht der freien geheimen Wahl.

Aber natürlich ist es ebenso gut und richtig, dass eine funktionierende Demokratie auf die Mündigkeit ihrer Bürger baut. Mündigkeit heißt in diesem Fall: Informationen sammeln, sich ein Urteil bilden und so zu einer eigenen Meinung kommen. In öffentlichen Diskussionen nimmt man am Meinungsbildungsprozess teil, in Wahlen wirkt man am Willensbildungsprozess mit. Wenn Demokratie mehr sein soll als ein formaler Akt der Stimmabgabe, dann gehört Information und Urteilsbildung, eben Mündigkeit zu den Grundlagen einer funktionierenden Demokratie.

Medien, früher bevorzugt die Presse, tragen entscheidend zur Information und zum Meinungsbildungsprozess bei. Informationen sind nie neutral, so sehr man sich auch bemühen mag („überparteilich“), darum ist es nötig, in einer pluralistischen Gesellschaft unterschiedliche Meinungen zu äußern und ihre Begründungen und Argumente zu hören, um sich selber ein Urteil zu bilden. Regierungen dürfen zwar ihre Politik darstellen und in eigenen Pressebüros bewerten, aber jeder weiß dann: Das ist halt die Regierungsmeinung. Man kann anderer Meinung sein und sich sein eigenes Urteil bilden. Informationsfreiheit ist die Voraussetzung für Meinungsfreiheit, und die hält eine pluralistische Demokratie am Leben.

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Deutscher Bundestag (c) bpb

Die große Gefährdung heute besteht darin, dass Regierungen die eigene Regierungsmeinung als allein gültig erklären, indem sie die Pressefreiheit beschränken oder durch Staatsorgane (auch durch gekaufte Presse und Medien) ersetzen. Das kennt man aus Diktaturen und autoritären Staaten: die Pressefreiheit stirbt beim Übergang zur Autokratie und Diktatur zuerst. Die größte Angst autoritärer Herrscher und Regime ist darum die vor einer freien Presse, vor freier Meinung. China gibt ein negatives Beispiel dafür ab, wie freie Berichterstattung und Meinungsbildung staatlich kontrolliert, zensiert und verhindert wird.

Es geht auch subtiler, und das ist die eigentlich Gefahr für westliche Demokratien. Nämlich dadurch, dass Presse und Medien nicht verboten, sondern verunglimpft werden, wenn überhaupt systematisch Unsicherheit verbreitet wird über das, was es zu einem Thema an gesicherten Informationen gibt. Das Ziel des Trump – Schlagwortes fake news ist Verunsicherung. Das Ziel russischer Propaganda in Russia Today und in Internet-Foren ist gleichfalls Verunsicherung. Nichts ist mehr als Fakt sicher, alles gilt als gefälscht, verdreht, als bewusste Täuschung und Verheimlichung der ‚wirklichen Wahrheit‘ dahinter. Die vertritt dann nur die eigene Partei und Regierung. Eine freie Urteilsbildung ist nicht mehr möglich.

Es ist geradezu infam, auf welche Weise die US-Regierung unter Präsident Trump diese Masche als Strategie verfolgt. Infam deswegen, weil man es bisher einer westlichen Demokratie so nicht zugetraut hätte. Klimawandel ist nicht sicher, auch dass er von Menschen verursacht wird, ist nur eine Meinung, eine These wilder Wissenschaftler, die von anderen Wissenschaftlern bestritten wird. Insbesondere wird die Meinung gegenüber der seriösen Wissenschaft bewusst erschüttert und systematisch untergraben: Es könnte ja auch alles ganz anders sein.

Zum Klimawandel: Im Oktober hatte er [Trump] in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP behauptet: „Niemand weiß es so richtig, es gibt auf beiden Seiten des Problems Wissenschaftler. Und ich stimme zu, das Klima verändert sich, aber es geht hin und her, hin und er. Also, wir werden sehen.“ FAZ.NET heute.

Populisten meist rechter Couleur verfolgen dasselbe Rezept: Verunsicherung über „Tatsachen“, Streuen von Verschwörungstheorien, Schüren von Angst, Misstrauen und Hass. Durch ständige Angriffe auf die freien Medien die Grenzen des Sagbaren erweitern. Das wirkt. Es sind weniger ein paar hundert rechtsradikale Krawallmacher, die unsere Demokratie herausfordern und gefährden: Es sind die ebenso radikalen rechten Parteien und Regierungen, die das Vertrauen in die überlieferten Werte der Aufklärung unterminieren und beiseite räumen. Für Autokraten wie Orban, Erdogan, den Saudis usw. ein gefundenes Fressen. Macht es wie Trump, und erfindet eure eigenen Wahrheiten, macht eure eigenen Fakten, lanciert die eigene Meinung, verunsichert die Wähler mit eurer Desinformation und bietet euch an als die Retter in der Not – so werdet ihr Erfolg haben! Bolsonaro in Brasilien hat das offenbar tief verinnerlicht.

Die Europawahlen stehen vor der Tür. Mal sehen, wie stark die rechten Populisten, Wortverdreher, Faktenleugner und Verschwörungsanhänger auch im Europäischen Parlament werden. Es liegt an uns, sehr sehr wachsam zu sein und auch den Polarsierern auf der anderen Seite nicht auf den Leim zu gehen. Selbstvertrauen, Mut zur Mündigkeit und eigenen Urteilsfähigkeit, Stärkung und Verteidigung der freien und pluralistischen Medien (siehe FPÖ und ihr Kampf gegen den ORF) – das brauchen wir jetzt am allernötigsten!

Reinhart Gruhn

(Zuletzt aktualisiert am 04.05.2019)

 3. Mai 2019  Posted by at 11:56 Allgemein, Demokratie, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Demokratie in Gefahr
Jan 162019
 

Auch ARD – Faktenfinder ist einseitig.

Kürzlich rauschte diese Meldung durch die Medien: Ältere und Konservative teilen öfter Fake News. Hängen blieb vor allem das Verhalten „Älterer“. Der ARD – Faktenfinder hob nur noch den auffälligen Aspekt des Alters hervor. Die meisten Presseartikel bezogen sich auf den Bericht der Washington Post vom 09.01.2019 über eine Studie von Wissenschaftlern der Princeton University und der New York University, veröffentlich in der Zeitschrift Science Advances am selben Tag. Die deutschsprachigen Presseberichte haben allerdings die Studie selber kaum eingehender zur Kenntnis genommen und analysiert.

Der ARD – Faktenfinder sticht an Ungenauigkeit und tendenziöser Vereinfachung heraus. In den Mittelpunkt wird hier gestellt, dass es besonders Ältere, über 65 Jährige sind, die laut Studie besonders häufig Fake News teilen. In der Überschrift werden zwar noch „und Konservative“ ergänzt, in der weiteren Zusammenfassung kommen sie aber kaum mehr vor. Dieser oberflächliche und verzerrende „Faktenfinder“ wird im Blog ScienceFiles – Kritische Sozialwissenschaft gründlich auseinandergenommen und zudem die zugrunde liegende US-Studie bei ScienceAdvances als methodisch mangelhaft kritisiert. Die Kritik ist stichhaltig und überzeugend – lies dort.

fakenews
(C) Associated Press

Ähnlich einseitig nimmt Dirk von Gehlen in einem Post auf Twitter und in einem Blogbeitrag „Der Typ, der nie übt“ auf das angeblich signifikante Ergebnis der Studie Bezug. Sein Interesse daran formuliert er so: „Mir geht es darum, dass man stets weiter lernt. Medienkompetenz ist nicht nur ein Thema für Schulen“ (Twitter). Das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Fragwürdig ist der vorletzte Absatz in seinem Blog:

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

(Digitale Notizen, 11.01.2019)

Gehen wir einmal davon aus. die Studie hätte recht und würde als ein allgemeingültiges Ergebnis haben, was der Faktenfinder so formuliert: „Nutzer sozialer Medien ab 65 Jahren teilen fast sieben Mal mehr Falschmeldungen im Netz als Jüngere.“ Lassen wir die methodischen Mängel, die geringe statistische Basis (Von 1191 Facebook – Nutzern haben nur 8,5 % = 101 Nutzer überhaupt ein- oder mehrmals auf Webseiten verlinkt, die potentiell Fake News verbreiten, und nur davon waren die meisten älter und konservativ.) und den besonderen Untersuchungszeitraum (Sommer 2016 während des US – Wahlkampfes Trump – Clinton) außer Acht, dann sind doch die Schlussfolgerungen der Autoren umso bemerkenswerter. Hier fasst der Faktenfinder korrekt zusammen: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen sowie mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen.“ Kurz gesagt: Ältere Internetnutzer sind dumm und blöd. Schauen wir uns dies diskriminierende „Ergebnis“ genauer an.

Zunächst räumen die Autoren der Studie ein, dass trotz der sehr geringen Teilen – Aktivität es erwartbar ist, dass besonders konservative Facebook – Nutzer von Fake News Websites angesprochen werden und sie gelegentlich teilen, und zwar angesichts der „overwhelming pro-Trump orientation in both the supply and consumption of fake news during that period“ – „is perhaps expected“. Sie fragen weiter, warum die ältere Generation so anfällig für Fake News sei, allerdings ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass ohnehin eher die Älteren zur Gruppe der Konservativen und sehr Konservativen (Selbsteinschätzung) gehören, und ohne ferner zu erwägen, dass vielleicht die beobachteten Webseiten ohnehin speziell auf die Sorgen und Ängste Älterer, Abgehängter bzw. sich abgehängt Fühlender ausgerichtet sind. Das könnte ja dazu führen, dass man genau das Ergebnis herausbekommt, das man vorausgesetzt hat: Wer besucht Webseiten, die sich an Ältere und Konservative, potentielle Trump-Wähler richten? – Ältere und Konservative. Allerdings äußern sich die Autoren auch hier vorsichtig: „Given the general lack of attention paid to the oldest generations in the study of political behavior thus far, more research is needed to better understand and contextualize the interaction of age and online political content.“

Dann nennen sie aber doch zwei „potential explanations“, die ausdrücklich weiter untersucht werden sollten. Es handelt sich also um mögliche Interpretationen des Ergebnisses, wie sie die Autoren vermuten, aber nicht belegen können. Ich zitiere:

First, following research in sociology and media studies, it is possible that an entire cohort of Americans, now in their 60s and beyond, lacks the level of digital media literacy necessary to reliably determine the trustworthiness of news encountered online .

A second possibility, drawn from cognitive and social psychology, suggests a general effect of aging on memory. Under this account, memory deteriorates with age in a way that particularly undermines resistance to “illusions of truth” and other effects related to belief persistence“.

Even if our models are correctly specified, we use observational data that cannot provide causal evidence on the determinants of fake news sharing.

„Lack of digital literacy“ und „the effect of aging memory … memory detoriates“, also fehlende digitale Kompetenz und Gedächtnisschwäche mit der Unfähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden (!) – sind die beiden Kernpunkte der „Erklärung“. Die Autoren räumen am Ende der Studie aber ein, dass hier nicht von einer kausalen Verknüpfung die Rede sein kann, immerhin.

Dagegen führt schon der im Übrigen ausführlich berichtende Artikel der Washington Post eine Stellungnahme eines weiteren, nicht an der Studie beteiligten Forschers an:

Harvard public policy and communication professor Matthew Baum, who was not part of the study but praised it, said he thinks sharing false information is “less about beliefs in the facts of a story than about signaling one’s partisan identity.” That’s why efforts to correct fakery don’t really change attitudes and one reason why few people share false information, he said.

However, Baum said in an email that conservatives post more false information because they tend to be more extreme, with less ideological variation than their liberal counterparts and they take their lead from President Trump, who “advocates, supports, shares and produces fake news/misinformation on a regular basis.”

Washington Post, 09.01.2019

Baums Auffassung klingt schon sehr viel überzeugender. Der Washington Post – Artikel weist ferner auf das verstärkte Bemühen von Facebook hin, Fake News einzudämmen.

After much criticism, Facebook made changes to fight false information, including de-emphasizing proven false stories in people’s feeds so others are less likely to see them. It seems to be working, Guess said. Facebook officials declined to comment.

So muss denn der Princeton – Professor Andrew Guess zugeben: „“I think if we were to run this study again, we might not get the same results.” Das bedeutet dann aber wohl, dass einer der Autoren die Relevanz ihrer Studie für äußerst begrenzt hält. Sie kann keinesfalls dazu dienen, pauschal eine Altersgruppe für den wachsenden Zuspruch von Fake News Websites oder Facebook – Links veranwortlich zu machen. Die Interpretation, die sie liefern, sagt tatsächlich mehr über die Voreinstellungen der Forscher aus als über valide Erkenntnisse aus einer (noch dazu problematischen) sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Hier äußern sich Mitglieder der US-amerikanischen Ostküsten – Elite; sie können mit ihren „explanations“ allenfalls das Vorurteil der Voreingenommenheit bestätigen. Und das liegt sicherlich nicht in ihrem ausdrücklichen Interesse.

Die Washington Post dagegen zeigt durch ihren gründlich recherchierten und sachlich argumentierenden Beitrag, wie Qualitätsjournalismus funktionieren sollte. Da können sich einige deutsche Medien und Journalisten eine Scheibe von abschneiden.

Reinhart Gruhn

 16. Januar 2019  Posted by at 14:00 Daten, digital, facebook, Konservative, Medien, News, social media, USA Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media und Fake News