Jul 302015
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Gehen wir davon aus, dass „Fortschritt“ eine Kategorie zur Deutung von Geschichte ist, die sich in der Moderne als Leitbegriff durchgesetzt hat. Dass darin eine bestimmte Weltanschauung mitgesetzt ist, haben wir im vorigen Beitrag erörtert. In Verbindung mit der Evolutionstheorie legt es sich nahe, auch den Gang der menschlichen Geschichte entsprechend dem Evolutionsgedanken zu verstehen. Die Menschheit entwickelt sich aus steinzeitlich-primitiven Formen zu immer höheren und besseren geistigen und technischen Fähigkeiten. Marxismus und Systemtheorie erklären je auf ihre Weise den Fortgang der Geschichte als dialektischen Prozess oder als Bewältigung immer komplexer werdender Gesellschaftsstrukturen. Beiden gemeinsam ist die Auffassung, dass der Fortgang der Geschichte ein Aufstieg zu immer besseren, vollkommeneren Formen gesellschaftlicher Existenz ist. Der Technizismus legt gewissermaßen noch einen drauf und versteht die kulturelle Entwicklung des Menschen im Wesentlichen als unterschiedliche Stadien technischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu Einschnitten werden dann besondere technische Fortschritte erklärt wie die küstenferne Navigation, mechanische Kriegsmaschinen, Schießpulver, Buchdruck, Dampfmaschine, Mondlandung, Computer usw. All dies sind dann Stationen auf dem Weg der Menschheit, sich von den Zwängen der Natur zu befreien und über die Kräfte der Natur die Oberhand zu gewinnen.

Eine mehr kulturgeschichtliche Betrachtung setzt die Markierungspunkte zwar etwas anders, verbleibt aber meist ebenso im Denkmodell des Aufstiegs bzw. der Entwicklung. Da sind dann die entscheidenden Wendepunkte der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau, die Erfindung der Schrift und des Buches, die Entdeckung der Metaphysik (Jaspers‘ „Achsenzeit“), der Aufbau strukturierter Sozial- und Herrschaftssysteme („Polis“, „Pax Romana“ usw.), der Übergang zur empirischen Naturforschung, die Aufklärung samt gesellschaftlicher Revolutionen und schließlich die „Neuzeit“ als bislang höchste Stufe der kulturellen Entwicklung – „Neu-Zeit“ als Programm. Man kann die Akzente und Wendepunkte gewiss noch anders setzen und anderes einbeziehen, aber es besteht doch das weithin geteilte Einvernehmen darüber, dass die „neue“ Zeit der Moderne nie da gewesene Möglichkeiten für den Menschen bietet und sich wissenschaftlich, technisch und reflexiv weit über die vergangenen Zeiten erhebt. Eigentlich ist in dieser Sichtweise nicht nur das berüchtigte „Mittelalter“ eine finstere Zeit, sondern alle Zeit vor den Segnungen der Neuzeit. Es ist vielleicht dies ein Kennzeichen des modernen Selbstverständnisses: Nicht nur in der „besten aller Welten“ (Leibniz), sondern vor allem in der besten aller Zeiten zu leben, mag auch noch so viel „noch“ mangelhaft und verbesserungswürdig sein.

Auf die Spitze getrieben ist dieser Fortschrittsglaube als grenzenloser Optimismus bei den Technizisten der Digitalisierung und der globalen Vernetzung. Ein Pionier dieser Internetwelt, die sich vor allem als eine Internet-Ökonomie darstellt, ist Jaron Lanier. Mit seiner Idee einer „humanistischen Internetökonomie“ (Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft? 2014) teilt er zwar den Optimismus des Silicon Valley, (alles ist machbar, alles ist möglich), zieht aber doch eine kritische Grenze ein: „humanistisch“ meint bei ihm „Menschen-zentriert“, das heißt, der Mensch als Urheber aller Werte soll auch in einer kybernetischen Welt im Zentrum bleiben und nicht überflüssig werden, immerhin. Die von ihm und vielen anderen entwickelten Ideen und Modelle für die digitale Welt sind faszinierend, man kann sich dem Spiel mit Utopien kaum entziehen. Und doch mehren sich die Zweifel, ob dies alles nicht doch mehr Wunsch und Verführung als wirkliche Welt oder erstrebenswerte Zukunft ist.

„Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix - Wikimedia

„Eugène Delacroix – Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix – Wikimedia

Man kann sowohl die vergangene als auch die gegenwärtige Zeit völlig anders sehen. Man muss dafür nicht in einen grundsätzlichen Pessimismus verfallen, sozusagen als das Spiegelbild des grenzenlosen Optimismus. Man muss die Welt um einen herum und die überlieferte Geschichte vor einem her nur von einer anderen Seite sehen, pragmatischer wahrnehmen. Auch dann bleiben da die unbestreitbaren technischen „Errungenschaften“ und die kulturellen Großtaten und Wandlungen, welche die nachfolgenden Generationen prägten, „nachhaltig“, gewiss. Manche erhalten vielleicht noch ein größeres Gewicht. Wird mit dem Begriff der „neolithischen Revolution“ der epochale Übergang zu Ackerbau und Viehzucht gekennzeichnet, der menschlichen Gruppen ein unvergleichlich besseres und zuverlässigeres Nahrungsangebot bereit stellte, so sind Schrift und Buch, wenngleich lange Zeit königliche und priesterliche Privilegien, mindestens ebenso grundlegend, weil Verpflichtungen nun nachprüfbar und wiederholbar dokumentiert wurden (Gesetze, Schulden) und Erfahrungen nicht mehr nur im mündlichen Gedächtnis tradiert, sondern in schriftlicher Form „festgehalten“ werden konnten. Dies ist dazu eine der Voraussetzungen für die Beschäftigung mit Metaphysik und die Bildung von Groß-Religionen. Vielleicht ist dann erst die Digitalisierung ein weiterer kultureller Einschnitt, an dessen Anfang wir gerade stehen – möglicherweise. Wie man sieht, sind die wirklich nachwirkenden Markierungen gar nicht so viele wie gemeinhin gedacht. Es ist letztlich sehr viel mehr Kontinuität und Wiederholung da als das Aufkommen von wirklich „Neuem“.

Dies bestätigt auch ein Blick auf das praktische Leben. Es ist nach wie vor vom Bemühen um Selbsterhaltung und Machtentfaltung, um Überleben und Nachkommenschaft gekennzeichnet. Jedenfalls steht das für den weitaus größten Teil der heute lebenden Menschen im Mittelpunkt. Selbst die modernsten Gesellschaften bzw. ihre Eliten spiegeln diese Anstrengung des Lebens nur auf einer anderen, scheinbar besseren, weil luxuriöseren Stufe wider. Die tatsächliche Welt ist von Liebe und Hass, Kriegen und Gewalt, Grausamkeiten und Willkür, Not und Krankheit und akuter Todesgefahr so durchgängig geprägt, dass es schwer fällt, hier von „Fortschritt“ zu sprechen. Es sind Grundkonstanten des kreatürlichen Lebens. Die „modernen“ Formen des Terrorismus sind ja gerade kein Rückfall ins Mittelalter, sondern mit aktuellsten technischen Mitteln inszenierter Schrecken. Für Folter gilt dasselbe. Die Erklärung der Menschenrechte (UN) hatte offenbar nur 1948 nach dem Ende eines weiteren schrecklichen Krieges eine Chance, wenigstens deklariert zu werden. Dass die Zivilisiertheit des Menschen nur ein hauchdünner Firnis ist, hat weit mehr Wahrheit als nur die eines zynischen Bonmots. Die gelebte Wirklichkeit ist für den größten Teil der Menschheit von größter Unsicherheit und einem alltäglichen „Kampf ums Überleben“, zumindest um bessere Chancen für sich und die eigenen Nachkommen bestimmt. Dass diese „Last“ der Menschheit kleiner wird, ist wohl eine illusionäre Hoffnung.

Ein noch einmal anderes Bild ergibt der Blick auf das, was man „Ideengeschichte“ nennen könnte. Man ist versucht zu sagen, so furchtbar viel Neues ist in den vergangenen 2500 Jahren nicht passiert, nicht gedacht worden. Grundlegende Ideen und Alternativen des Denkens wie Realismus und Idealismus, Materialismus oder Skeptizismus, kausalitäts-geschlossen oder teleologisch-offen, logisch-formal oder gegenständlich-substantiell usw. sind so alt wie das philosophische Denken überhaupt. Wenn Vertreter der analytischen Sprachphilosophie hervor heben, so begrifflich genau und logisch konsistent habe man nie zuvor gedacht, dann sollten sie einmal scholastische Abhandlungen und Erörterungen lesen. Da sind moderne Philosophen und Literaten wie Foucault, Derrida, Sloterdijk usw. mit ihren Themen wie Macht, Existenz, Sein und Nichts, Glück und Leiden sehr viel näher an ‚ewigen‘ Grundthemen menschlichen Nachdenkens und Bemühens. Gewisse Fragestellungen sind wie archetypisch gegeben: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ – „Was soll das alles?“ – „Wozu lebe ich?“ Es hilft nichts, jede Generation muss und wird darauf ihre eigenen Antworten finden. Und wie man das gesellschaftliche Zusammenleben am besten organisiert, ist heute so unklar und umstritten wie eh und je: mehr konservativ-hierarchisch oder mehr liberal-egalitär, mehr individualistisch oder mehr kollektiv, mehr national-begrenzt oder mehr elitär-ubiquitär usw. Wenn wir unsere heutige Form einer rechtsstaatlichen Demokratie und kapitalistischen  Ökonomie als den geschichtlichen Endpunkt und jeder Veränderung enthoben ansehen, dann wird das Erwachen aus diesem Irrtum umso überraschender sein.

Man könnte bisweilen verleitet sein, in den alten Satz „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ einzustimmen. Aber das ist falsch. Es gibt viel Neues, sehr viel Neues, Veränderung allenthalben, Brüche, Umbrüche, Aufbrüche, – die Geschichte ist voll davon. Es gibt nicht nur neue technische Erfindungen, sondern auch neue kulturelle Einsichten und Ausdrucksmöglichkeiten, sich neu gestaltende Bereiche in einer eng miteinander verzahnten Gesellschaft, die darin dennoch eine bestimmte Eigenständigkeit entwickeln, so dass die Rede von Systemen und Teilsystemen durchaus ihre Berechtigung hat. Die moderne Naturwissenschaft ist ja nicht dumm, und ebenso wenig die Biowissenschaften, Humanwissenschaften, Soziologie, Psychologie usw. Aber all der in der Neuzeit erlebte „explodierende“ Wissenszuwachs kann doch kaum darüber hinweg täuschen, dass mit jedem Schritt neuen Wissens das Meer des Nichtwissens größer zu werden scheint. Auf der anderen Seite zeigen die existentiellen Konstanten über Zeiten und Kulturen hinweg, dass da bei aller „gefühlten“ Neuheit und Veränderung doch viel mehr Konstanz und Beharrung, also viel mehr Gleichbleibendes und Unverändertes da ist, das uns ein Leben, wie es uns vertraut ist, als Einzelne und in der Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht. Letztlich möchte man ja auch bei Facebook und Instagram nur Aufmerksamkeit und Anerkennung finden. Es täte sicher gut, neben all dem Geschrei über Neuheiten, Errungenschaften, Revolutionen sich einfach dessen bewusst zu werden, was sehr beharrlich und unveränderlich und wenig verbesserlich da ist: Der Mensch mit Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe und Leidenschaft, Vorurteilen und Vorlieben, mit Verständnis und Einfühlungsvermögen, aber auch mit Gewalt, Verachtung und Grausamkeit. All dies hat weder die Neuzeit noch der Computer „abgeschafft“. Es steht nicht zu erwarten, dass sich das bei allem Wandel ändert.

Vielleicht sollte man auf die Rede vom „Fortschritt“ eine Weile verzichten.

 30. Juli 2015  Posted by at 17:13 Geschichte, Gesellschaft, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Geschichte und Beharrung
Jul 232015
 

[Gesellschaft]

Sprechen wir zunächst vom Gedanken des Fortschritts. Es ist ein relativ neuer Gedanke, ein typisches Kind der Aufklärung und der Moderne. Für Hegel ist die „Weltgeschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, Comte und Marx / Engels haben je auf ihre Weise die geschichtlichen Veränderungen ihrer Zeit als eine mehr oder weniger gesetzmäßig verlaufende Entwicklung verstanden. „Aus Chaos zur Ordnung“ war der Schlachtruf der Modernisten des 19. Jahrhunderts, die sich begeistert Darwins Evolutionslehre aneigneten und sie als „Sozialdarwinismus“ auf gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen versuchten. Der Fortschrittsgedanke verband sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung zu einem gewaltigen Weltbild einer „kosmischen Evolution“ (Spencer), die Natur und Kultur in gleicher Weise einschloss und antrieb. Besonders in kulturgeschichtlichen Betrachtungen und Analysen (Elias, Durkheim, Levi-Strauss uva.) wurde der Gedanke einer aufwärts strebenden Entwicklung aus primitiven Schichten zu immer höher stehenden, kulturell entwickelteren Formen des Zusammenlebens, als ein Prozess der positiven Zivilisierung aufgefasst. Das 20. Jahrhundert brachte das typische „immer weiter – immer schneller – immer höher“ als ein Griff zu den Sternen ins Bewusstsein. Etwas abgewandelt findet sich der Gedanke noch heute als „Mooresches Gesetz“ (Verdopplung der IC-Komplexität alle 24 Monate) in der Chip-Industrie wider.

Die Literatur zum Thema Fortschritt und Entwicklung / Evolution ist uferlos. Sie schwankt zwischen grenzenlosem Optimismus und abgrundtiefem Pessimismus und deckt zwischen diesen Polen alle möglichen Schattierungen ab. Das 20. Jahrhundert hat mit zwei Weltkriegen und zahllosen postkolonialen Katastrophen die Fragwürdigkeit eines Progressismus vor Augen geführt, der nicht zugleich auch die Schrecken der Neuzeit und die Abgründe der Moderne (Verdun; Auschwitz; Hiroshima; My Lai) mit bedenkt. Auch 1989 fand nicht das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) statt, und Zweifel daran, dass die USA nach eigener Einschätzung die höchste Form menschlicher Zivilisation darstellen, sind nicht erst seit Abu Ghraib angebracht. Inzwischen sind auch die enthusiastischen Töne, dass die digitale Revolution mit Robotern und künstlicher Intelligenz die Menschheit auf eine höhere Kulturstufe katapultiere, leiser geworden. Im Grunde ist es aber dasselbe Spiel mit der Begeisterung für den „Fortschritt“, der nicht nur in der DDR in heute kaum glaublicher Naivität gefeiert wurde. Silicon Valley teilt von Grund auf diesen grenzenlosen Optimismus, dass sich mit Computern, Daten und ein paar guten Ideen (+ Dollar) alle Probleme der Menschheit lösen lassen („Schöne neue Welt“…) Natürlich gibt es auch die Gegenmeinung, „warum man das Silicon Valley hassen darf“ (Evgeny Morozov).

Es ist ein Kennzeichen der Debatte um Fortschritt und Entwicklung, sei es technologisch oder kulturell, politisch oder digital, dass sie zu Extremen verleitet, dass dem enthusiastischen Optimismus, dem alle Veränderung gar nicht schnell genug gehen kann, stets der warnende Pessimismus zur Seite steht, der bei Umwelt, Klima, Gentechnik usw. die jeweils nächsten Katastrophen-Szenarien ausbreitet. Die „heißen“ (progressiven) und „kalten“ (konservativen) Formen der Kultur (Levi-Strauss) finden sich also gar nicht so sehr in unterschiedlichen Ethnien und auf zeitlich oder räumlich verteilte „Kulturstufen“ wider als vielmehr nebeneinander als Ausdruck unterschiedlicher Weltanschauungen innerhalb der modernen globalisierten Welterfahrungen. Das Muster von „heiß“ und „kalt“ kann dabei durchaus als Spektrum dienen, in dem man die unterschiedlichen Ausprägungen des Weltgefühls verorten kann. Erkennt man es als ein brauchbares Deutungsmuster, so findet man Anwendungsbeispiele in vielen Bereichen des sozialen und politischen Alltags. Selbst die Debatte um Griechenland und Europa konnte zum Teil unter der Chiffre „Fortschritt“ (=mehr transnationales Europa, heiß) und „Beharrung“ (=mehr nationale Selbständigkeit, kalt) geführt werden, wobei die Anhänger des Fortschrittsgedanken diesen als den quasi natürlichen und darum selbstverständlich gerechtfertigten Gedanken behaupten konnten. Das hat mit einer Eigentümlichkeit des „Fortschritts“ in unserem gegenwärtigen Weltverständnis zu tun.

Der Fortschritt gilt nämlich im Allerweltsbewusstsein inzwischen gar nicht mehr als ein besonderer Gedanke, der erst noch begründet und gerechtfertigt werden müsste, sondern als eine selbstverständliche Gegebenheit, die man allenfalls begrüßen und befördern oder abmildern und „gemächlicher“ (P. Kafka) gestalten möchte. Aber die Progression ist als Tatsache gesetzt – „den Fortschritt hält in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf“, um Erich Honecker frei zu zitieren. Es gerät dabei fast völlig aus dem Blick, dass der Fortschrittsgedanke ein in der Tat begründungsbedürftiger Gedanke ist, dass er ansonsten zum Glaubensaxiom einer Weltanschauung mutiert. Dieser Wechsel von einer deutenden gedanklichen Kategorie zu einem quasi naturhaften Axiom ist, so meine Beobachtung, tatsächlich schon weit gediehen. Eine ähnliche Verschiebung eines Theorems der Deutung zu einer angeblich natürlichen Tatsache kann man beim Begriff der Evolution fest stellen. Eine Kritik des Evolutions-Gedankens muss aber genauso möglich sein wie eine Kritik des Fortschritts-Gedankens, ohne dass sogleich das Etikett des Ewiggestrigen oder des archaischen Kreationisten verteilt wird. Wie immer in solchen Kontroversen, wo es ums Eingemachte, also um die axiomatische Gewissheit bestimmter Weltanschauungen geht, wird ein Schwarz-Weiß-Gegensatz aufgemacht, wo es doch eigentlich in begrifflich denkerischer Arbeit um die unendlichen Schattierungen dazwischen gehen sollte, vielleicht zum Teil in Form einer Dialektik, vielleicht zum Teil in Form beständiger Ambiguitäten. „Fortschritt“ und „Entwicklung“ (Evolution) tragen nämlich ein gedankliches Problem, eine Frage in sich, die nur schwer zum Schweigen zu bringen ist: Wie verhält sich ein ständig aufwärts weisender Fortschritt mit dem Zufall? Was ist mit Anfang und Ende, mit Ursprung und Telos? Ist die Rede von Singularitäten, also von Wendepunkten wirklich erklärend? Also wohin entwickeln sich Natur und Kultur? Bisher weiß die Antwort nur der Wind oder ‚Kommissar Zufall‘, auch wenn dieser mehr abstrakt als „autopoietisches System“ bezeichnet wird. Und die andere Frage, „Cui bono“, wem nützt es bzw. er (der jeweilige Fortschritt), ist vielleicht noch abgründiger und hinterhältiger, weil sie hinter der Larve des Selbstverständlichen handfeste Interessen vermutet und aufdeckt.

Fortschrit - Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Fortschritt – Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Weltanschauungen brauchen wie alle Ideologien und Religionen ihre Grundannahmen, ihre Axiome. Dass man von ihnen dann ’selbstverständlich‘ weiterhin ausgeht, ist ja gerade der Witz an solchen Glaubens-Axiomatiken. Man sollte aber dennoch nicht vergessen, dass auch so selbstverständliche Grundgedanken wie der des Fortschritts oder der Evolution zunächst einmal nicht mehr als heuristische Begriffe in einer bestimmten Theorie der Weltdeutung sind. Sie werden immer nur zum Teil erklären und sich nur zum Teil bewähren. Denn die Wirklichkeit in Politik und Gesellschaft, in Wissenschaft und Alltag, spottet jeder vereinfachenden Deutung. Man kann nur verschiedene Aspekte in den Blick nehmen und gegenwärtige Entwicklungen im Pro und Contra diskutieren. Jeder „Fortschritt“ hat bekanntlich seinen Kollateralschaden. Man muss darum schon wissen, was man eigentlich will, wohin man will, und das sollte man mit guten Gründen fundieren. Ein Fortschrittsglaube taugt dazu wenig. Denn unter der Hand – das lehrt die Religionsgeschichte – wird aus einem anfänglichen Glauben recht schnell ein System von Hypostasierungen (die Gene, die Natur, die Narrative usw.), die dann ein fröhliches Eigenleben führen. Um in der heutigen Welt, wie man sie erlebt und wahrnimmt, Orientierung zu geben oder zu finden, dafür ist der optimistische Glaube an Fortschritt und Notwendigkeit ebenso hilfreich wie weißer Kalk auf einer blutroten Wand. Etwas mehr Skepsis ist immer dann angebracht, wenn allzu laut und allzu oft Behauptungen als Selbstverständlichkeiten ausgegeben werden. Das hat zuletzt sogar die Griechenland-Debatte gezeigt. Der Fortschritt zeigt sein chimärenhaftes Wesen bisweilen erst dann, wenn man einen Schritt zurück tritt.

 23. Juli 2015  Posted by at 12:20 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fortschrittsglaube
Jan 312013
 

Altes Denken – neues Denken, das ist doch keine Alternative. Altes Denken ist eben alt, vergangen, ‚out‘; neues Denken ist modern, dran, ‚in‘. Seit Francis Bacon (†1626)  ist „das Neue“ Ausweis wirklichen Wissens und vorwärts treibende Kraft der Wissenschaft. „Wissen ist Macht“ – dieses Diktum wird ihm zugeschrieben, es kennzeichnet durchaus das, was Bacon mit seiner „Neuen Methodenlehre der Wissenschaft“ (1620) verband: den stetigen Fortschritt der Erkenntnis und eine wachsende Naturbeherrschung. Seine Gedanken haben das, was sich danach im neuzeitlichen Denken und Wissensbetrieb  abspielte, erstaunlich hellsichtig auf den Begriff gebracht. Bacon kennzeichnet damit die endgültige Abkehr vom mittelalterlichen Denken, dessen Gütesiegel eher darin bestanden hatte, wie die berühmten Alten zu denken und keine Neuerungen zu lehren. Denn das war ja gerade der Inbegriff der Ketzerei: Neues zu lehren und nicht mehr der Tradition zu folgen. Die Hinwendung zum fortschreitend Neuen kennzeichnet sehr präzise die Wende zur „Neu-Zeit“, nämlich zur ‚Zeit des Neuen‘. Klaus Peter Fischer hat in einem kleinen Vortrag „Als das Neue noch neu war“ sehr schön diesen Wandel der Perspektive des Denkens heraus gestellt.

Für uns heute ist diese Perspektive ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Nur das Neue ist wirklich interessant. Nachrichten sind eo ipso „Neuigkeiten, „news“. ‚Altigkeiten‘ gibts nicht. Neue Ideen, neue Modelle, neue Lösungen sind gefragt. Im Zeitalter des Internets leben wir in einer ständig Neues produzierenden Welt: Neue ‚gadgets‘, neue ‚apps‘, neue (Facebook-) Freunde und Kontakte, das Neuste jeweils als „Gezwitscher“ im Netz, neue Bildung, neues Wissen usw. Manche sehen ja erst mit den Möglichkeiten des Internets die wirklich neue Neuzeit angebrochen. Im Denken zumindest gilt Älteres nur dann als interessant, wenn früher schon etwas Neues gedacht und eben nur nicht beachtet wurde. Das Alte als solches ist definitiv vorbei und uninteressant. Es wäre durchaus lohnend, einmal über das Zeitgefühl nachzudenken, das sich in dieser modernen Mentalität äußert. Der Hinweis, es sei eben zielgerichtetes Denken auf dem „Zeitpfeil“ und nicht mehr Denken in Kreisläufen, gibt eine einfache, vielleicht sogar zutreffende Deutung, reicht aber zur näheren Kennzeichnung und Erfassung dessen, was unser neuzeitliches Zeitverständnis ausmacht, noch längst nicht aus.

Bacon

Bacon, Great Instauration – Titel (Wikipedia)

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele nur noch Kurzes lesen (wenn denn gelesen wird),  mal eben den Anfang einer Nachricht, einer Geschichte, eines Blogbeitrags („tl;dr“), – Lesen als literales Zappen gewissermaßen. Oft fehlt die Muße und die Mühe, ein größeres Werk in seinem Zusammenhang zu lesen, zu durchdenken, zur Kenntnis zu nehmen. Dies Verhalten ist natürlich nicht neu, wird aber durch die schnellen Medien und den Zwang zur Kürze (Twitter: 140 Zeichen) und durch die ständig einströmenden Meldungen der jeweiligen „timeline“ erheblich gefördert. Dabei lässt sich komplexes Denken, also ein Denken, das sich als größeres System begreift und ein Denkgebäude darstellt, kaum im Vorbeigehen erfassen. Das braucht Zeit, um in alle Räume dieses Denkens einzutauchen. Nur dann wird sich das Spezifische, das Eigentümliche, das Faszinierende und das vielleicht sogar Wahre dieses jeweiligen Denkentwurfs erschließen. Hinzu kommt, dass manche denkerischen Gebäude schwer zugänglich sind, man sich einlesen und eindenken muss, die Begrifflichkeit des Denkens lernen und verstehen muss, um überhaupt erst die „Denkräume“ begehen und erforschen zu können. Dies gilt übrigens nicht nur für Philosophen, die als „schwer“ gelten (Leibniz, Kant, Wittgenstein), sondern oft viel mehr für die vermeintlichen „Leichtgewichte“ im Verstehen, die sich so glatt weglesen (Platon, Jaspers), deren strenge und sehr präzisen Denkstruktur dann aber glatt übersehen oder gar nicht erfasst werden. Schon gar nicht gilt das für die „Modedenker“, zu denen ich hier einmal Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk rechne, wobei auf jeden Fall die beiden Erstgenannten in ihren eigenen Werken (weniger in den Popularisierungen) äußerst streng, präzise, vielschichtig und deswegen ’schwierig‘ sind. Sloterdijk legt es von vornherein, mit Sprache spielend, mehr aufs Feuilleton an, was die Gefahr der Fehleinschätzung als „oberflächlich“ eher noch erhöht.

Wer es aber unternimmt, in das Gebäude eines Denkens hinein zu gehen und es auszuforschen, einem Denker auf seinen Denkwegen zu folgen und auch dem nur Angedeuteten, Ungesagten nachzuspüren, dem erschließt sich eine ganz andere Welt, ja auch eine ’neue‘ Welt, nämlich unterschieden von dem, was einem bisher zu denken und verstehen gewohnt und vertraut war. Und dann spielt es auch kaum eine Rolle, ob es sich um einen „alten“ oder einen „modernen“ Denker handelt. Ja, es kann einem dann so ergehen, dass ein recht altes Denksystem, gerade weil es uns in seinen Zusammenhängen so fremdartig und unvertraut ist, völlig faszinieren und neue Räume öffnen und Denkmöglichkeiten erschließen kann, als käme es aus einer anderen Welt. Mir ist das so bei dem schon literarisch-technisch in der Tat schwer zugänglichen Werk Plotins († 270) ergangen. „Faszinierend“, um es mit Spock zu sagen. Beginnt man dieses platonische (neuplatonisch genannte) Denken eines so großartigen Denkers wie Plotin ein wenig zu begreifen, erkennt man eine Schönheit und Wahrheit („ja, das ist so“), die einen fast überwältigen kann. Klar, eine solche faszinierende Wirkung führt leicht dazu, über die Widersprüche und Fragwürdigkeiten hinweg zu sehen. Dennoch, es liegt ein besonderer Reiz in der Entdeckung solcher Denkwege und Denkmöglichkeiten. Beim genaueren Hinschauen ist dann zu merken, wie sehr doch viele Begriffe und Ideen eines Plotin und seines Schülers Porphyrios zum Beispiel Jahrhunderte später wieder kehren und in diesem Falle bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel fast in Reinform auftauchen. So nah liegt oft das Alte.

Ich komme darum immer mehr zu der Einsicht, dass es nur sehr wenig wirklich Neues im Denken und Verstehen gibt. Das Meiste, was uns neu erscheint, ist uns nur unbekannt gewesen, obwohl es schon längst da war und gedacht und beschrieben worden ist. Das trifft sich mit der Bemerkung des britischen Philosophen Alfred North Whiteheads († 1947), die abendländische Philosophiegeschichte bestehe aus „Fußnoten zu Plato“. Oft ist das jeweils Neue nur eine kleine Änderung der Perspektive, eine leichte Verschiebung des Gewichtes bestimmter Ansätze und Ausgangspunkt. So etwas kann man sehr schön bei Descartes im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorläufern und Zeitgenossen finden. Das Besondere und Geniale liegt dann, übrigens nicht nur im Denken, im rechten Zeitpunkt und im gefundenen Begriff. Auf die knappe Formulierung „cogito ergo sum“ muss man erstmal kommen, auch wenn der Sache nach Ähnliches schon lange vorher gedacht und geschrieben war. Mich interessiert darum immer wieder und oftmals stärker als manches Neue, das sich in Kürze als Geschwätz erweist, das Alte: Denkmöglichkeiten, die schon einmal erprobt, formuliert, vielleicht nur angedeutet waren. Wenn ich oder ein beliebiger anderer dies heute tut, geschieht es ja in einem ganz anderen zeitlichen Zusammenhang, in einer anderen Welt als derjenigen, in welcher der ursprüngliche Denker gelebt und gearbeitet hat. Schon die ‚Verfremdung‘ kann erhellend sein. Erneutes Nachdenken eines alten Gedankens ist dann eben doch auch zugleich ein erneutes Durchdenken und insofern ein ’neues Denken‘. Das Alte neu zu denken ist dann vielleicht das Spannendste, was es überhaupt zu denken gibt.

 31. Januar 2013  Posted by at 11:33 Geschichte, Philosophie, Wissen Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Altes Denken, neues Denken
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an „Technikkultur“ (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die „obsolet“ geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der „second screen“ zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich „Holzmedien“ genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja „tot“ sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten „brains“? Prozess „massiver“ Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler „digitaler“ und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu „Genius“ und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der „neuen“ Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb („Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten“…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft „verweigernd“; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die „Freiheit des Netzes“ steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des „Kampfes gegen den Terrorismus“ öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur „unangemessener“ Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung („big data“), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der „digitalen Welt“ zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Posted by at 13:00 Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kein Evangelium
Nov 112012
 

Unsere westliche Kultur ist vom Fortschrittsgedanken geprägt. Spätestens seit Beginn der Neuzeit, im Grunde aber schon mit der Renaissance, gewinnt eine Anschauung der Welt an Bedeutung, die nicht mehr den „ewigen“, gottgegebenen Ordnungen verhaftet ist, sondern die Welt als durch den Menschen veränderbar und verbesserbar ansieht. Das ersehnte „Reich der Freiheit“ ist nicht mehr der jenseitige „Gottesstaat“ (Augustin) im qualitativen Unterschied zu allen menschlichen Reichen, vielmehr wird die Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Aufgabe des Menschen selbst erkannt. Niccolò Machiavelli war es, der in „Il principe“ und den „Discorsi“ (1531/32) ein neuzeitliches Programm der „good governance“ entworfen hat. Der gesellschaftliche Fortschritt ist planbar geworden. Die zur selben Zeit rasch zunehmende Fähigkeit zu technischen Entwicklungen und Erfindungen (Leonardo da Vinci) vergrößert den Handlungsspielraum menschlicher Gestaltungskraft. Mit dieser ersten technologischen „Revolution“ auf der Basis der Mechanik und erst recht mit jeder weiteren technologische Stufe erweitert sich der Freiheitsraum um ein Vielfaches; Freiheit wird erfahrbar als Steigerung der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten zur Erreichung bestimmter Ziele. Auch gänzlich neue Ziele kommen dabei in den Blick; das Fliegenkönnen bleibt nicht mehr den Vögeln und dem mythologischen Traum (Dädalus und Ikarus) vorbehalten. Die Mondlandung 1969 wird nicht das letzte „neue Ziel“ der Menschheit sein. Die abendländische Kultur erschöpft sich nicht mehr im Urbild der gefeierten Antike oder im bloßen Sammeln von Wissen und Beschreiben von Einzelphänomenen (Enzyklopädien), sondern die Kultur im weiteren Sinne (Arbeit, Alltag, Recht usw.) transformiert sich zur expliziten Verwirklichung technischer Möglichkeiten, die den menschlichen Handlungsraum vergrößern und erweitern. Eine ehedem überwiegend literale Kultur (Handschriften, Bibliotheken) wird zur technisch-sozialen Kultur erweitert, wie sie unsere Neuzeit prägt. Damit vergrößert sich zugleich die Menge der Akteure, die an dieser Kultur teilhaben. Die neuzeitliche Kultur hat die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen und zu gestalten. Der Fortschrittsgedanke wird dabei zum entscheidenden Katalysator, denn er wird zum allgemein akzeptierten Kriterium dessen, was „vorwärtsweisend“ und darum gut und nützlich ist. Was sich dem entgegen stellt, ist „von Gestern“, veraltet und überholt und auf weitere Sicht ohne Existenzberechtigung.

Leonardo da Vinci, Automobile (Wikipedia)

Gegen diesen „Mythos der Neuzeit“ gibt es seit langem Einwände. Statt von der positiv besetzten Fortschrittsidee wird dann skeptisch vom „Fortschrittsglauben“ gesprochen, der anfechtbar und letztlich irrational sei. Nicht erst die Erfahrungen der zahllosen Kriege und Genozide mit immer exzessiverer Gewaltanwendung („totaler Krieg“) haben den neuzeitlichen Optimismus getrübt. Grundsätzliche Erwägungen bestreiten die quasi axiomatische Gewissheit des „Immer-weiter, Immer-höher, Immer-schneller, Immer-besser“. Zu Recht wird heute angesichts der Folgen nach dem Preis gefragt, den die westliche Zivilisation und ihre technologisch vermittelte Kultur kostet, ob sich die Menschheit diesen Preis, bestehend im Aufbrauchen endlicher Ressourcen und verschärfter Ungleichheit, überhaupt leisten könne. Einmal ist es der moralisch-philosophisch beschriebene „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) bzw. die erreichten „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome), ein andermal wird auf die grundsätzliche Ambivalenz jeder geschichtlichen Entwicklung verwiesen; erst vom Ende her zeige sich, was wirklich geworden und für den Menschen gut ist. Bei der buchhalterischen Betrachtung stehe eben jeder gesellschaftlichen „Progression“ eine ebensolche „Regression“ gegenüber, welche den Saldo des „Fortschritts“ meist ins Minus bringe, bestenfalls auf Null stelle. Bei der Diskussion über Chancen oder Gefahren des Internets zum Beispiel erleben wir genau diese Argumentationsmuster: Positive Freiheitsverheißung kontra negativen Manipulationsverdacht (Kontrollverlust). Dahinter steht ein jeweils unterschiedliches Bild vom Menschen: Hier das Bild des letztlich zum Guten fähigen und bereiten Mensch, der aus Fehlern lernt und zu Kompromissen und Verzicht bereit ist (das Faustische „wer immer strebend sich bemüht“), dort die Skepsis des zu allem fähigen, eben auch zu jeder Bosheit und Brutalität bereiten Menschen, dessen unstillbarer Gier und Gewaltbereitschaft nur die passende Gelegenheit geboten werden müsse. Manche psychologischen Untersuchungen über das Stressverhalten von Soldaten scheinen dieses letzte Bild eher zu bestätigen. Dieser gegensätzliche Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, also hinsichtlich der Entwicklungs- und Verhaltensmöglichkeiten des Menschen, wird von einem naturalistischen „Realismus“ allenfalls gemildert. Wenn die Neurowissenschaften die recht urtümlichen Reiz-Reaktions-Schemata menschlichen Verhaltens beschreiben (“Jäger und Sammler“ – Mentalität), erklärt das zwar manches, hilft aber nicht dabei, diskursiv ein Urteil über Ziele und Werte menschlichen Verhaltens bzw. gesellschaftlicher Handlungen und Strukturen zu finden. „Kultur“ bleibt definitorisch im Bereich dessen, was der Mensch über seine Natur hinaus gehend anstrebt und verwirklicht. Damit bleibt auch der weite Raum der Kultur unserer technisch-sozialen Zivilisation nicht frei von Ambivalenzen; Kultur bleibt so ambivalent wie der Mensch selbst, der sie gestaltet und trägt.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich festhalten:

  • Unsere Kultur ist von einem technisch-sozialen Fortschrittsgedanken geprägt. Er betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Fortschrittskultur ist Alltagskultur geworden. Der Fortschrittsgedanke selber ist eine geschichtliche Idee der Neuzeit.
  • Fortschritt in diesem Sinne bietet Freiheit als erweiterte Wahlmöglichkeit an. Der Markt der Möglichkeit ist unüberschaubar groß geworden. Damit haben auch die Rollen und Verhaltensmodelle im individuellen Leben eine bisher nie da gewesene Flexibilisierung erfahren.
  • Die neuzeitliche westliche Kultur ist der Entfaltungsraum jedes Einzelnen geworden, der zugleich Individualität und Uniformität bereit hält, nämlich freie individuelle Auswahl gleicher allgemeiner Ziele und Werte.
  • Die Grenzen dieser Kultur des Fortschritts liegen nicht in den Möglichkeiten und Zielen, sondern in den Fähigkeiten und Ressourcen. Eine Ende des Fortschrittsprozesses ist nicht absehbar.
  • Die Kultur erfährt jeden Schub der Entwicklung als Anstoß zur Transformation. Die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Entwicklungsschübe lässt kulturelle Transformation zum Prozess permanenter Veränderung werden.

Als Frage stellt sich mir, welches Verständnis von Wirklichkeit dadurch impliziert ist. Jedenfalls ist es ein dynamisches Verständnis, weniger „Wirklichkeit“ als ständige „Verwirklichung“, aristotelisch gesprochen Entelechie. Neuzeitlich hinzu getreten ist der naturwissenschaftlich im 2. Hauptsatz der Wärmelehre verankerte Zeitpfeil der Entropie. Fortschritt bedeutet dann zugleich Zunahme von Entropie, bedeutet Zunahme von Information (Carl Friedrich von Weizsäcker), bedeutet wachsende Differenzierung des Einzelnen, bedeutet aber paradoxerweise auch zunehmende Nivellierung („Kältetod“) des Gesamtsystems. Lässt sich Leben als eine Form des Entropie-Aufschubs verstehen, so werden am Ende die ‘Kosten’ eingefordert: Im Tod wird die „geborgte“ Energie wieder abgegeben, das Individuum stirbt. Da aber das Leben insgesamt kein perpetuum mobile ist, tendiert auch das Gesamtsystem des Lebens und darin eben auch des Systems „Mensch & Kultur“ zur Informations-Implosion. Will sagen: Der Fortschritt hat eine systemimmanente Grenze, sofern die sich darin vollziehende Wirklichkeit (nicht nur die Ressourcen!) eine entropisch begrenzte ist. Unser Fortschrittsdenken blendet dies aber als aktuell irrelevant aus. Das mag eine Weile gehen. Grundsätzlich aber ist es eine Infragestellung durch die Wirklichkeit selbst.

Damit öffnet sich ein Blick auf die Befindlichkeit des Individuums. „Bin“ ich tatsächlich nur, sofern ich mich „verwirkliche“, also aus mir heraus gehe, „existiere“? Finde ich meinen Sinn nur dann und darin, wenn ich möglichst viele Türen unterschiedlicher Chancen öffnen und in ein Leben treten kann, in dem ich mich immer wieder „frei“ bestimme und selber schaffe? Liegt der Sinn (und damit die Ruhe und Zufriedenheit) meines Seins nur in meinem „Existieren“ = Heraustreten? Oder finde ich mich selbst eher in der Introversion, also der Rückwendung, Zuwendung zu mir selbst in meinem Inneren? Liegt also die Wahrheit meines Seins und damit meine wahrhafte Persönlichkeit in der Abwendung vom extrovertierten Fortschrittsleben und in der Hinwendung zur introvertierten Suche und Erkenntnis meiner selbst? Ist wirkliches Sein nur als tätige, instrumentelle Verwirklichung fassbar oder nicht vielmehr als Rücknahme, Rückkehr, Loslassen, Gelassenheit und Ruhe seiner selbst? Wird erst dann Sein als lebendige Fülle erlebbar? Ist dies „alternativ“ oder vielmehr „zugleich“? – Mystiker haben so gedacht, sagen wir, aber ebenso die Nachfolger des Parmenides, Platons und so vieler anderer. Sie weisen darauf hin: Die Fülle liegt innen, in mir, nicht außen im ‘Getriebe’. Dann wird auch der Tod nicht zur letzen Katastrophe des tätigen Menschen, sondern zur Hingabe, zur Rückgabe aller meiner individuellen Potentiale und Energien an das Sein, das Alles und Nichts ist: Entropie als Aufgehen im Einen. Dann hat mich die Wirklichkeit eingeholt – nicht der schlechteste Gedanke.

 11. November 2012  Posted by at 13:43 Kultur, Neuzeit Tagged with: , , ,  2 Responses »
Okt 162012
 

Die Entwicklung der modernen Welt ist an einem Punkt angelangt, an dem die Dimension der quantitativen Veränderung diverser Parameter der Sozioökonomie einen qualitativen Sprung, umgangssprachlich einen „Quantensprung“, anzuzeigen scheint. Angesichts der globalen Bedeutung und Auswirkungen der gegenwärtig stattfindenden Prozesse kann von einer Art Paradigmenwechsel gesprochen werden. Das Ende der „Westzentrierung“ ist eingeläutet. Dies jedenfalls ist die zentrale These von Volker Schmidt, derzeit als Professor für Soziologie in Singapur tätig.

Die Größenordnung und Tragweite des sozialen und technologischen Wandels, der sich in den letzten ca. zwei bis drei Jahrzehnten zugetragen hat, übersteigt in mehreren Dimensionen diejenige aller vergleichbaren Phasen früheren Wandels, in manchen den kumulativen Effekt bzw. Entwicklungsertrag der voranliegenden 150 Jahre. – Der globale Durchbruch moderner Lebensverhältnisse … ist ein Novum von welthistorischer Bedeutung, das wissenschaftlich noch kaum verarbeitet ist. Er markiert die Heraufkunft einer „anderen Welt“, einer Welt, die uns in vielerlei Hinsicht vertraut ist, sich jedoch zugleich radikal von ihren Vorläufern unterscheidet. … Dabei spricht einiges dafür, dass er in der Summe seiner Einzelerscheinungen, womöglich auch in seinen Konsequenzen, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

In mehreren Beiträgen des SOZBLOGs beleuchtet Volker Schmidt, ausgehend von der thematischen Eröffnung unter der Überschrift „Durchbruch der globalen Moderne“ (12. September 2012), verschiedene Aspekte dieses epochalen Wandels. Insbesondere beziehe ich mich dabei noch auf den Beitrag vom 10. Oktober 2012, „We ain‘t seen nothing yet“ (siehe Bachman Turner Overdrive 1974), frei übersetzt: Das hat die Welt noch nie gesehen.

Schon die Transformationen des 19. und 20. Jahrhunderts haben zeitgenössische Beobachter immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt. Aber nicht nur mit dem Übergang zum modernen Zeitalter, auch innerhalb desselben nimmt die Intensität und Extensität des Wandels von Phase zu Phase zu. Es steht zu erwarten, das auch die gegenwärtige Phase, die Phase der globalen, polyzentrischen Moderne das Wandlungsgeschehen nochmals beträchtlich dynamisiert. Die Transformationskraft und das Transformationspotential der globalen Moderne sind nämlich ungleich größer als diejenigen früherer Phasen der Modernität.

In Anlehnung an Parsons‘ Unterscheidung von Gesellschaft, Kultur, Person und Verhaltensorganismus („heuristisch fruchtbar“)  und unter Zuhilfenahme systemtheoretischer Konzepte Luhmanns („Expansionismus der Funktionssysteme“) skizziert Schmidt das exponentielle Wachstum in den Bereichen Produktion, Wohlstand, Bildung, Forschung, Rationalisierung, Individualisierung, Alphabetisierung, Frauenrechte usw. Er zitiert in beeindruckender Weise verfügbare globale Datensätze und Veröffentlichungen der UNO / UNESCO, Statistischer Ämter und Einzeluntersuchungen. Dabei kommt ihm sein „asiatischer“ Blickwinkel zugute, der ihn manche Entwicklungen und Bewertungen bei uns als Sichtweisen „westlicher“ Dominanz erkennen lassen. Diese aber gehe seit der Jahrtausendwende offensichtlich zu Ende.

Nimmt man eine globale Perspektive ein und orientiert man sich an den im 20. Jahrhundert geläufigen Indikatoren für Modernität, dann scheint es nämlich nur wenig übertrieben zu sagen, die Transition zur Moderne befinde sich in gewisser Weise noch am Anfang, weil moderne Strukturmuster in großen Teilen der Welt erst jetzt auf breiter Front Wurzeln zu schlagen beginnen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die genannten Begriffe als Ausdruck einer bemerkenswert parochialen Sichtweise. Denn abgesehen von ihrem analytisch ohnehin zweifelhaften Wert konnte man, wenn überhaupt, dann nur in Europa und Nordamerika auf die Idee kommen, man befände sich inmitten einer Phase des Übergangs zu einem neuen, nachmodernen Zeitalter. Wer so denkt, denkt die gesamte Welt vom Westen her, behandelt den Westen als Nabel der Welt und den „Rest“ als sozialtheoretisch vernachlässigbare Größe.

Schon die Vergleiche und Entwicklungslinien seit 1900 und dann erst recht ihre Dynamisierung seit 2000 (+/- 20 Jahre, wie er eingrenzt) sind beachtlich. Zwar beschleicht mich ein etwas ungutes Gefühl, wenn Schmidt als Grundlage seiner Analyse rein quantitative Größen verwendet, andererseits kann man bei Daten nichts anderes erwarten als Quantifizierbarkeit. Die dieser Datenlage entsprechende Qualität ist dann Sache der Interpretation bzw. des analytischen Modells sei es der vier Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung nach Parsons, sei es der Zunahme funktionaler Systeme nach Luhmann – oder eines anderen brauchbaren Modells. Und gewiss richtig, wenn auch nicht mehr neu ist es, den Fokus der Betrachtung auf Asien zu setzen.

Pepsi in Indonesien – Wikipedia

In jedem Falle sind Schmidts Überlegungen äußerst anregend, zumal er erstaunlicherweise und gegen den Trend nicht aufs globale „Netz“ und soziale Netzwerke Bezug nimmt, ansonsten die „üblichen Verdächtigen“ als „Marker“ des Modernisierungsprozesses. Zu fragen wäre allerdings, ob dieses Modell nicht zu optimistisch ist (nach dem „zu optimistisch“ fragt Schmidt nur bezogen auf die zukünftige Entwicklung der Datenreihen), zu fortschrittsgläubig. Den vielen deutlichen Steigerungen des Wohlstands und von Bildung und Wissenschaft stehen doch entsprechende Zunahmen der „Opfer“ gegenüber: Zurückgelassene der Modernisierung, Verslumung der Metropolen, Plünderung der natürlichen Ressourcen, Beschädigung der Umweltsysteme (Asien!), wachsende Armut-Reichtum-Drift, Renationalisierung, Fundamenalisierung, „failed states“, Klimaveränderung, um nur die wesentlichen Problembereiche und negativen Themen zu nennen. (Auch hierbei darf der Fokus durchaus auch auf Asien liegen.) „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ – das trifft eben auch auf die weltweite Armut, die Gewaltanwendung gegenüber der Landbevölkerung (China), den Menschenhandel und den Drogenkonsum zu. Die italienische Mafia des 19. und 20. Jahrhunderts ist doch Killefit gegenüber der mächtigen, wachsenden organisierten Kriminalität ganzer Staaten und „Eliten“ heutzutage.

Kurz: Ich vermag diesen Optimismus hinsichtlich des „Durchbruchs der globalen Moderne“ nicht zu teilen. Ich halte schon die enthusiastische Beurteilungen des Siegeszuges egalitärer und freiheitlicher Strukturen allein durch die globale Vernetzung und den Gebrauch sozialer Medien für vermessen, wenn nicht realitätsfremd. Das Ausrufen des Zeitalters der „Globalen Moderne“, die uns um ein „Vielfaches reicher [… macht] als das … vor 150 Jahren“ der Fall war, erscheint mir recht einseitig aus der Sicht der Gewinner geurteilt. Und die Behauptung, letztendlich seien ja alle auf der Gewinnerseite, stellt Schmidt ausdrücklich nicht auf, wenngleich sie mit schwingt und immer wieder zu hören und zu lesen ist. Auch den Ärmsten der Welt gehe es besser als früher. Das mag sein, nur werden sie weiterhin immer stärker abgehängt. Weder das „Netz“ noch der globale „Fortschritt“ werden das Paradies auf Erden bringen. Wir sollten uns vielmehr anstrengen zu verhindern, dass die zukünftige Welt die Hölle wird.

 16. Oktober 2012  Posted by at 10:28 Bildung, Moderne, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Globales Glück?
Jul 172012
 

Der fast inflationär gebrauchte Begriff „Evolution“ für kulturelle Teilbereiche reizt zur Auseinandersetzung. Möglicherweise ist er nicht so wertfrei und angemessen, wie es scheint. Eine kleine Kritik der kulturellen Selbstüberschätzung.

Der Begriff „Evolution“ hat Hochkonjunktur. Nicht nur in der Werbebranche, und dort besonders im Automobil-Bereich. Auch im Bereich der Kultur (wollte sagen, dem klassischen, eher „langsamen“ Reich derselben) wird immer öfter und lieber von Evolution gesprochen. Da ist es zum einen natürlich die Kultur selber, deren „Evolution“ von Kulturwissenschaftlern betrachtet wird, zum anderen ist der Begriff in manchen kulturellen Teilbereichen zunehmend beliebt. Von einer „Evolution“ des Rechts ist die Rede, von „sozialer Evolution“ (Habermas), gerne auch von der „Evolution“ der Religionen (Michael Blume) und der Moralvorstellungen, auch Kulturtechniken insgesamt können unter dem Blickwinkel der Evolution gedeutet werden, und zuletzt ist es auch die Technik selber, deren „Evolution“ beschworen wird (z.B. beim Thema AI, „singularity„). Bisweilen ist es einfach eine Ersetzung des als zu bieder empfundenen Begriffes „Entwicklung“, was ja die wörtliche Übersetzung von „Evolution“ ist. Aber die semantische Konnotation des Evolutionsbegriffes enthält doch mehr als nur „Entwicklung“, nämlich etwas Naturgesetzliches, qualitativ Neues, höher Entwickeltes, Besseres, gewissermaßen den Charakter eines „Quantensprunges“. Wie eben dieser aus der Physik entlehnte Begriff „Quantensprung“ gerne als Metapher gebraucht wird, um eine große qualitative Veränderung = Verbesserung anzuzeigen (obwohl ein Quant physikalisch nur ein winziges Päckchen ist!), so wird der Begriff „Evolution“ als Metapher benutzt, um eben das naturgesetzlich Zwangsläufige, aber dabei Fortschrittliche und Höherentwickelte anzuzeigen. Oft scheint allerdings nicht mehr bewusst zu sein, dass es sich beim inflationären Gebrauch des Evolutionsbegriffes um eine Metapher handelt. Dann gerät die Metapher unter der Hand zu einem pseudo-analytischen Instrument, – „pseudo“ deswegen, weil der Begriff als solcher, zumindest in seinem biologischen Kontext, kaum mehr ein analytisches Potential hat. Schauen wir uns den Begriff „Evolution“ also einmal näher an.

„On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life.“ („Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.“) So hieß der Titel des berühmten Buches von Charles Darwin von 1859 (frei im Netz). Er lieferte damit sowohl Definition als auch Programm seiner Arbeit. Erstaunlicherweise kommt das Wort Evolution in diesem Werk keinmal vor, nur zweimal das Verb „evolve“. Darwin spricht statt dessen mehrmals von eine Revolution in der Naturbetrachtung durch dieses Vorgehen. Aber tatsächlich bedeutet das Werk das Programm und die Durchführung dessen, was wir heute unter „Evolution“ verstehen. Schon die Übersetzung des Titels in der 1860 erschienen deutschsprachigen Ausgabe macht Schwierigkeiten: sie interpretiert bereits. [Heute heißt das Buch einfach „Über die Entstehung der Arten.“] Wir würden besser schreiben: „Über den Ursprung der Arten mittels natürlicher Auswahl, oder die Bewahrung der begünstigten Gattungen im Bemühen um Lebenserhaltung“. Ja, das ist natürlich auch eine Interpretation, aber wie ich meine, eine treffendere. Ernst Mayr, der „andere“ Vater der Evolutionsforschung dadurch, dass er die Molekularbiologie und Biogenetik in die Evolutionsforschung integrierte, definiert in seinem Buch „Das ist Evolution“ (2003), “ dass man fast alle Evolutionsphänomene einem von zwei Vorgängen zuordnen kann: entweder dem Erwerb oder der Beibehaltung eines angepassten Zustandes [Selektion] oder der Entstehung und Funktion biologischer Vielfalt [Variation].“ (a.a.O. S. 15; Eckklammern von mir.)  Insgesamt betrachtet hat sich die Evolutionsforschung heute ausdifferenziert und eine kaum noch überschaubare Weite erreicht (Biogenetik, Hirnforschung etc.). Wer „Evolution“ als eine einheitliche „Theorie“ bezeichnet, verkennt das Programm. Es geht dabei um einen bestimmten Blickwinkel, unter dem die Herkunft und Ausgestaltung des Lebendigen betrachtet wird. Darum eignet sich auch der Begriff „Evolution“ kaum zu mehr als einer Abgrenzung: Die Welt des Lebendigen wird nicht als fix und fertig Geschaffene, also statisch, betrachtet, sondern als Gewordene und weiterhin Werdende angesehen, als komplexes dynamisches System. Dabei gilt dieses System nicht als von einem vorgegebenen „Willen“ außengesteuert, sondern als sich selbst organisierendes, quasi chaotisches System ohne bestimmtes Ziel. Letzteres wird allerdings mit dem Hinweis auf ein mögliches „schwaches“ oder sogar „starkes anthropisches Prinzip“ teilweise bestritten (vgl. z.B. Simon Conway Morris‘ „Konvergenzen“). Zumindest liegt auch dann der vermutete „Sinn“ der evolutionären Entwicklung im Prozess selbst. Der Witz ist in jedem Falle: Die Evolution steuert sich selbst, bringt als selbst lernendes System das Lebendige zu Anpassung, Vielfalt, Veränderung.

Wenngleich selbst Jared Diamond meint, dass der Evolutionsbegriff so faszinierend und selbsterklärend sei, dass er „ganz allgemein auch zum Verstehen unserer Welt und des Phänomens Mensch“ tauge (Vorwort zu Mayr), so möchte ich gerade diese verlockende These bestreiten. Die rasante Ausweitung und die Erfolgsgeschichte der Evolutionsforschung hat dazu geführt, dass der Begriff „Evolution“ selbst seine analytische Valenz verloren hat. Er ist fast nur noch ein Oberbegriff, bestenfalls eine Metapher, manchmal auch nur ein Schlagwort, für eine bestimmte Betrachtungsweise geworden. War der Begriff im Bereich der Erforschung des Lebendigen und seiner Geschichte dazu gedacht, den Werdegang und die inneren Regeln sich selbst organisierender Systeme zu beschreiben (sie „evolvieren“, vgl. dazu Ilya Prigogine, Dialog mit der Natur, 1986), so verändert sich bei der Übertragung auf bestimmte Lebensbereiche des Menschen sein Charakter: „Evolution“ suggeriert dann als verdeckte Metapher eine Naturgesetzlichkeit, wo doch ganz eindeutig das „Menschengemachte“, also durch den Menschen bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich (collateral) Gestaltete, Gemachte, Verursachte gemeint ist. Und es ist doch unbestritten, das der Bereich der Kultur einschließlich des Sozialen und der Technik ein Bereich menschlicher Pragmatik oder auch poiesis ist. Allerdings trägt in dieser abgeleiteten Diskussion der Evolutionsbegriff noch etwas Weiteres bei: den Gedanken des Fortschritts. Im Bereich des Lebendigen ist diese Konnotation eigentlich fehl am Platze, denn „Fortschritt“ im Sinne einer „Höherentwicklung“ setzt eine bestimmte Bewertung voraus, die der lebendigen Natur an sich fremd ist: Sie kennt nur Entwicklung und Ausprägung (-> Gen-Expression) dessen, was in einer konkreten Lebensumgebung „favoured“ ist. Oder konkretes Beispiel: Die Dinosaurier waren an ihre Lebenswelt optimal angepasst, also „hoch entwickelt“, bis sich die Lebensumstände änderten und sie ausstarben. Auf die Bereiche der Kultur übertragen möchte die Verwendung des Begriffes Evolution also auch eine sich „naturnotwenig“ ergebende Verbesserung und Vervollkommnung nahe legen, die aber im Grunde auf bestimmten vorgängigen Wertungen beruht, die der jeweilige Autor trifft. Johannes Rohbeck hat in seinem schönen Bändchen „Technik – Kultur – Geschichte“ (2000) gezeigt, wie sich der optimistische Impetus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in einer heute technikbezogenen Fortschrittsphilosophie (oder -ideologie) fortsetzt, wo selbst noch die Technikkritik am aufklärerischen Grundgedankens einer „Erziehung des Menschengeschlechts“ (Lessing) oder der „Idee einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (Kant) mit dem Ziel „ewigen Friedens“ (ders.) partizipiert. Das mag ja alles gut und richtig sein, nur hat es nichts zu tun mit einer quasi naturgesetzlichen Evolution.

Insofern ist auch den Entwürfen und Versuchen, eine „Evolution der Religionen“ zu beschreiben oder eine „Evolutionsgeschichte der Kultur“ zu verfassen, mit Skepsis zu begegnen. Was trägt das Wörtlein „Evolution“ eigentlich zur Erklärung bei, wenn es doch schlicht darum geht, die wechselvolle, jeweils zeit- und umständebedingte (Produktionsverhältnisse, Gesellschaftssystem, Klima) Geschichte von Kulturen oder Religionen nachzuzeichnen? Es bleibt ohnehin stets eine selektive Konstruktion aus heutiger Sicht und Bewertung nach eigenen Maßstäben. Ich halte es jedenfalls für unangemessen, bei der Darstellung der Entwicklung von kulturellen Phänomenen, von Religionen, von technologischen Gegebenheiten, eine innere Notwendigkeit, ein von außen vorgegebenes höheres „allgemeines“ Ziel oder eine geheimnisvolle „List der Vernunft“ bzw. ein Streben des Weltgeistes (Hegel) zu unterstellen. Teleologisch, also auf ein bestimmtes Ziel und auf einen gewissen Sinn hin kann ich Gegebenheiten nur gemäß eines eigenen Weltbildes interpretieren. Aber auch dieses bleibt wie jedes andere „Weltbild“ ein vorläufiges, subjektives „Bild“. Die Wirklichkeit ist immer noch einmal anders, ob wir sie so erkennen können oder nicht. Bestimmte Kulturen oder auch Religionen als „höher entwickelt“ („Hochkultur“, „Hochreligion“) zu bezeichnen, verbietet sich ohnehin dank der kolonialen Korruption dieser Begriffe. Sie kaschieren nur den Anspruch eigener Suprematie. Darum plädiere ich dafür, der Verlockung zu widerstehen und der Inflation des Gebrauch des Begriffes „Evolution“ entgegen zu wirken. „Entwicklung“ meint meist dasselbe, ohne den ideologischen Beigeschmack. Die Versuchung ist derzeit wohl deswegen so groß, weil wir meinen, heute an einem Wendepunkt („Quantensprung“, Paradigmenwechsel“) der Entwicklung der Menschheit zu stehen, meist als positiv bewertet, gelegentlich auch pessimistisch gedeutet. Die Möglichkeiten der Computertechnik und der Vernetzung „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“) scheinen den Menschen noch einmal über sich selbst hinaus wachsen zu lassen zu etwas Größerem, Vollkommeneren („AI“). Die transformierte Netzgesellschaft könne von sich aus zu mehr Befreiung und Beteiligung des Einzelnen führen, wird fröhlich prophezeit. Ich bin skeptisch, nicht nur wegen der faktischen Fragmentierung des vielbeschworenen Netzes und seiner „Netzkultur“ („network in a bottle„). Denn das, was uns heute wie ein „Quantensprung“, nämlich der Lösung des Menschen von seinen natürlichen, evolutionär bedingten Entwicklungsmöglichkeiten vorkommt, könnte sich später als reiner Trugschluss erweisen. Die wirkliche „Lösung“ der Menschheit von seinen naturhaften Festlegungen und Begrenzungen begann viel früher, damals, als der Jäger und Sammler zum Ackerbauern wurde und seine eigene Reproduktion exponential wachsen konnte: Das Gehirn erwies sich bei dem von der Natur nicht eben besonders wehrhaft ausgestatteten homo sapiens als die effektivste „Waffe“, die es je gegeben hat. Aber das ist eine (spannende) andere Geschichte. Sie hat nur in einer bestimmten Hinsicht (Gehirn) etwas mit Evolution, dafür aber sehr viel mehr (Kultur) mit Geschichte und Geschichten zu tun. Auch die heutige Technik ist viel spannender, wenn  sie als „Geschichte“ erzählt wird…

 17. Juli 2012  Posted by at 11:13 Evolution, Geschichte, Kultur, Netzkultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Evolution – Kultur – Technik