Okt 072017
 

Wir unterliegen einem rasanten Wandel wie nie zuvor, gesellschaftlich, politisch, technologisch usw., so liest man. Kaum eine Zeitbeschreibung oder Ortsbestimmung insbesondere nach der jüngsten Bundestagswahl kommt ohne diese Floskel vom „rasanten gesellschaftlichen Wandel“ aus. Plötzlich werden neue Mauern in der Gesellschaft entdeckt, digitale Umwälzungen konstatiert, politische Unsicherheiten und kulturelle Infragestellungen, die offenbar ganz neu sind und auf einmal kumulativ aufzutreten scheinen, so dass „die Welt aus den Fugen geraten“ ist – noch solch eine beliebte Metapher. Je öfter ich das lese, desto mehr muss ich mich wundern – über die allzu große Vergessenheit und über die Lust am finalen Drama. Das trifft dann laut vielfacher Klage besonders die „Abgehängten“, „Verlierer“ und von „Heimatlosigkeit“ Bedrohten – und schon hat man ein alles erklärendes (und vereinfachendes) Narrativ zur Hand.

Dass die Welt im steten Wandel begriffen ist, das ist keine neue Erkenntnis. Sogar die Bemerkung, nichts sei beständiger als die Veränderung, kann kaum mehr als besonders originelles Bonmot gelten. Diejenigen, die so viel oder gar zu viel Wandel feststellen, meinen also offenbar, dass der Wandel heute besonders intensiv, die Veränderungen besonders tief greifend und die geforderte Anpassungsfähigkeit besonders groß sei, womöglich „nie da gewesen“ sei – superlative Zuspitzungen sind nicht nur bei Herrn Trump beliebt. Die „rasante“ Ausbreitung des Internets und digitaler Techniken („disruption“) scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Wenn man allerdings nur wenige Jahrzehnte zurückblickt, werden einem die heutigen Veränderungen gar nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen. Vermutlich ist es eine Form der gesellschaftlichen Vergessenheit, welche die (sozialen) Medien fleißig befeuern, wenn sie die „Umwälzungen“ der nicht mehr allerjüngsten Vergangenheit einfach übersehen oder aus dem Gedächtnis verlieren.

Was waren denn die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anderes als eine vollständige Veränderung aller Lebensverhältnisse – nach Nazifaschismus, Krieg, Zerstörung, mit Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen? Kann man sich heute überhaupt noch einen größeren Umbruch vorstellen als diesen? Es dauerte ein weiteres Jahrzehnt mit dem sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Vorsicht, ideologischer Begriff), dem zeitweise erfolgreichen Verdrängen des Naziterrors, der millionenfachen Opfer und der Tausenden von Tätern, die schnell adrett gewendet und „entnazifiziert“ einigen Siegermächten gerade recht kamen, um als neue „Elite“ im Kampf gegen den Bolschewismus zu dienen. Was für einen großen Wandel, und zwar gesellschaftlich und kulturell, bedeutete ab den sechziger Jahren die sexuelle Emanzipation, ausgelöst durch die „Pille“, die zu einer Entkrampfung der verlogenen und verdrucksten früheren Sexualmoral führte, dazu Ende der Sechziger die aufbegehrende Jugend, mit Rockmusik, Schwofen, flower power oder saturday night fever, und ihrem Angriff auf die Verdrängung der Nazidiktatur und ihrer Gräuel durch die (ältere) Kriegsgeneration. Was sich als Studentenrevolte artikulierte, war ja nur die Spitze eines tief greifenden Wandels der gerade erst restaurierten (klein-) bürgerlichen Lebensverhältnisse. Anfang der siebziger Jahre fing dann ein sozialdemokratischer Bundeskanzler (Willy Brandt, Regierungserklärung 1969) mit der Demokratie „erst richtig an“ – in wenigen Jahren hatte sich die bundesrepublikanische Gesellschaft, wie man heute sagen könnte, total gewandelt mit entsprechenden politischen Umbrüchen und neuen Parteien auf der Linken und nun auch wieder auf der Rechten. Was daran gerne nostalgisch als kulturelle Revolution der ‚Achtundsechziger‘ verklärt oder verleumdet wird, hatte einen auch ökonomisch relevanten Hintergrund: Die ersten Wellen der Automatisierung gelangten in die Großindustrie, „REFA-Leute“ waren der Schrecken der Belegschaften, weil es da um Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau ging. Die aufkommende Forderung nach der 35-Stunden-Woche war auch darauf eine Reaktion. Im Ruhrgebiet, der Kernzone des industriellen Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland, brach in den sechziger Jahren die Kohlekrise aus, und auf sie folgte die Stahlkrise und leitete den größten strukturellen Wandel einer Industrieregion ein (es betraf auch andere Regionen), den Deutschland (West) in Friedenszeiten je erlebt hat. Unsicherheit? Ängste um den Arbeitsplatz? Streiks? Heillose Brüche in den Biografien? Verlust der vertrauten industriellen und sozialen Umwelt? Was heute, 50 Jahre später, als schützenswerte Industriekultur gefeiert wird, als erfolgreiche Umgestaltung einer rußigen Industrielandschaft in eine grüne Kulturlandschaft, das bedeutete damals den Ruin ganzer Städte, den Abbruch ererbter Berufe („Steiger“), die Vernichtung von Qualifikationen und vertrauter Erwerbsbiografien ganzer Generationen. Wenn das kein tief greifender Umbruch war – jedenfalls sehr viel tiefer, als man ihn sich heute vorstellen kann.

Zeche Zollverein – (c) wikimedia commons

In diese Zeit fiel nicht nur die Mondlandung, sondern auch die Kubakrise und die reale Gefahr eines dritten Weltkrieges mit unvorstellbarem Vernichtungs- und Zerstörungspotenzial. Die Wolkenpilze des Wasserstoffbomben, die im Pazifik getestet wurden, kamen in schwarz-weißen Bildern in die Fernseher. Ach ja, muss ich noch etwas zur medialen Revolution schreiben, die mit dem Einzug des Fernsehens (und Telefons!) in alle Haushalte verbunden war, die dann den Begriff „Massenmedien“ hervorbrachten? Waren das etwa normale, ruhige Verhältnisse einer heute nostalgisch verfärbten Vergangenheit – die doch erst kürzlich stattfand, weniger als ein Menschenleben lang? Ich beschreibe ja nur die Zeit, die ich selbst erlebt habe. Dann die siebziger Jahre mit dem Terrorismus der RAF, die Reaktionen von Staat und Gesellschaft durch rigide Neuerungen im Recht – Baader / Meinhoff hatten Deutschland West im Griff und verwandelten die Gesellschaft. Zur Bedrohung durch den kalten Krieg von außen trat für die Nachkriegsgesellschaft die neue Erfahrung einer Bedrohung im Innern, Pershingraketen und Nachrüstungsdebatte taten ein Übriges. Alles ‚business as usual‘? Mitnichten – eine Kette von „disruption“! Das leitet nahtlos über in die Zeit des Zusammenbruchs und der Auflösung des Ostblocks, die letztendlich zur „Wiedervereinigung“ führte, dem größten denkbaren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbruch vor allem im Osten, der ehemaligen DDR, den man sich denken kann. Die Folgen und Auswirkungen all dieser Umbrüche und „rasanten Veränderungen“ unserer jüngsten Vergangenheit sind mitten unter uns gegenwärtig.

Ich stoppe hier und wundere mich noch mehr. Diese knappe Vergegenwärtigung jüngster deutscher Geschichte mit ihren Umbrüchen und Veränderungen zeigt, dass wir erstaunlich geschichtsvergessen und aktualitätsfixiert sind und dadurch den heutigen „rasanten Wandel“ fehlinterpretieren oder auch überbewerten im Vergleich zu dem Wandel der jüngsten Vergangenheit. Tatsächlich erleben wir einen starken Wandel, erneut steht Vertrautes auf dem Spiel, ändern sich die Kategorien der Wahrnehmung und Beurteilung, treten neue Herausforderungen auf den Plan, die unsere Gesellschaft prägen und verändern. Diesen Wandel gilt es zu gestalten – auch eine Plattitüde – , ebenso wie die vorangegangenen Zeiten des Wandels bewältigt und gestaltet werden mussten. Der Prozess des ständigen Wandels und der erforderlichen Anpassung ist nicht einfach, die Digitalisierung macht manchen Probleme, die globale Veränderung produziert Gewinner und Verlierer, muss darum stets gesellschaftlich neu justiert, diskutiert und sozial abgefedert werden – aber dieser Prozess als solcher ist absolut nichts Neues. Er vollzieht sich fortwährend. Unsere Welt verändert sich („rasant“ für den Zuschauer), so wie sie es immer tat. Gewiss gibt es auch eine verstärkt globale Wahrnehmung und Sichtweise, die uns heute viel leichter möglich ist als früher. „Klimaveränderungen“ (wörtlich und als Metapher) sind global und verlangen globale Lösungen, machtpolitische Verschiebungen ebenso. Vielleicht ist es auch ein demografisches Phänomen, dass die zahlenmäßig stark gewordene ältere Generation sich um die Früchte ihrer Lebensleistung betrogen und die Fortdauer des vertrauten Deutschland bedroht sieht. Auch das war schon immer so. Wir sollten dem kein so großes Gewicht beimessen. Sich einzustellen auf den großen Wandel in der Welt fällt nicht immer leicht, und ein Blick zurück hilft uns in der Gegenwart nur sehr begrenzt, weil es die heutigen Fragestellungen und Aufgaben so eben früher nicht gab. Der Blick zurück ohne Vergessenheit relativiert aber einiges an Übertreibungen und auch an Ängsten. Wandel war schon immer, wir haben ihn bewältigt, mal besser, mal schlechter. Aber Dramatisierungen und Alarmismus helfen niemandem und keiner Sache. Wir sollten alles dafür tun, geschichtsbewusst und selbstbewusst die Veränderungen heute anzugehen.

Reinhart Gruhn

Feb 202015
 

[Kultur]

„Postmoderne“ ist ein oft verwandtes Etikett – ja, für was eigentlich? Leben wir nicht mehr modern? Oder ist es eine Bezeichnung für eine bestimmte Zeiterscheinung so wie hyper- (über-) modern? Vielleicht soll aber doch mehr damit gesagt werden. Wie die Moderne wäre Postmoderne dann die Beschreibung einer Epoche. Sie wird durch das Post- (Nach-) von der Moderne abgegrenzt. Was also kennzeichnet die Moderne, und was ist es genauer, dass man heute dezidiert von Post-Moderne sprechen möchte? [siehe Anmerkung]

Mit Moderne werden zum Beispiel Kunstrichtungen oder Stile verbunden: Malerei der Moderne meint dann die Art der Malerei besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, „Klassische Moderne“ sagt man dazu auch. Kulturgeschichtlich wird vor allem die Zeit nach der Industriellen Revolution als Moderne erlebt, nämlich das moderne Zeitalter von Globalisierung, Technisierung, Fortschritt. Nicht modern zu sein ist dann gleichbedeutend mit „aus der Zeit gefallen“, zurück geblieben, traditionell zu sein, orientiert an der Vergangenheit als „guter alter Zeit“ usw. Für die Moderne als gesellschaftliche Epoche ist ein Wort besonders typisch: Machbarkeit. Darin schwingt mehr mit als nur die Möglichkeit einer Realisierung. Machbarkeit suggeriert den Anspruch, alles sei machbar, zu klären bleibt allenfalls, auf welche Weise. Es ist erstaunlich oder auch bezeichnend, dass besonders die Zeit nach den Weltkriegen als modern empfunden wurde, als nach den furchtbaren Zerstörungen der wirtschaftliche Aufschwung in Europa eingeleitet wurde. Optimismus, Orientierung am Fortschritt, technische Aufholjagd, überhaupt ungeahnte Möglichkeiten wurden aller Orten entdeckt. Automobilität, Weltraumfahrt und Mondlandung können dafür Sinnbilder sein. Schneller – weiter – höher hinaus, das sind die Adjektive der Moderne. Rationalität hatte einen hohen Wert. Dafür typisch ist es, dass technische Erneuerungen in der Industrie, die personal- und kostensparend waren, als „Rationalisierungsmaßnahmen“ bezeichnet wurden.

Überhaupt die Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaften, aber auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, galten als zuverlässige Garanten stetigen Wissenszuwachses, der die Grenzen der Machbarkeit ins Unendliche zu verschieben schien. Wachstum des Wissens, der Wirtschaft, des Kapitals waren die unumstößlichen Grundwerte, Grundüberzeugungen jener Zeit. Religion wurde immer bedeutungsloser, die Kirchen zunehmend leerer. Säkularisierung war dafür der Leitbegriff. Die moderne neuzeitliche, vor allem technische Rationalität konnte und sollte möglichst alle Lebensbereiche durchdringen. Sie lag als Prinzip auch den Bildungsplänen und Bildungsreformen zugrunde. Technokratie wurde zum Schlagwort.

Natürlich ist dies eine sehr vereinfachende und einseitig akzentuierende Skizze. Natürlich gab es immer auch Widerstände, Warnungen, Kritik vor allzu viel Zuversicht und „Fortschrittswahn“. Die „Grenzen des Wachstums“ wurden ausgerufen, und während eine Bildungsreform die andere ablöste, schickten mehr und mehr besorgte Eltern ihre Kinder auf Waldorfschulen oder andere Privatschulen, die eine mehr „ganzheitliche“ Erziehung versprachen. Nichtsdestoweniger war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des erstarrten Kommunismus der westliche Triumph der Moderne grenzenlos. Man sah das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) gekommen: Alles, was sich künftig ereignen sollte, wären nur Variationen des einen globalen Lebensstils, wie er sich im Westen durchgesetzt hatte. Die postkolonial zurück gebliebene „Dritte Welt“ wurde bestenfalls zur Welt von „Schwellenländern“, die eben ökonomisch und kulturell die Schwelle zur westlich libertären Glückseligkeit anstrebten. Niemand und nichts würde sich dem entziehen können – das war das neue Glaubensbekenntnis, neudeutsch Narrativ, des „Posthistoire“.

MIT stata center

MIT’s stata center GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Fast wie ein Gegenbegriff zu diesem überschwenglichen Weltbild des Posthistoire ist inzwischen der Begriff Postmoderne geworden. Man verwendet ihn für alles Mögliche, aber eben immer gerade dann, wenn man unsere Zeit von dem Überschwang der Moderne abheben möchte. Vieles, um nicht zu sagen alles, was die Moderne kennzeichnete, ist inzwischen gebrochen, fragwürdig, obsolet geworden. Die Zuversicht des modernen Fortschrittsglaubens lebt natürlich weiter fort, besonders bei den Verkündern der „digitalen Revolution“ und der durch sie für möglichen gehaltenen qualitativen Beschleunigung der kulturellen Entwicklung des Menschen. Aber mehr und mehr wird der Preis sichtbar, ebenso die illusionäre Hybris dieses Anspruchs und die Fragwürdigkeit solcher technizistischen Weltbilder. Die Postmoderne beginnt damit, an diesen optimistischen und „alternativlosen“ Projektion zu zweifeln. Die Kehrseite der rasanten digitalen Umwälzungen wird allzu deutlich: totale Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Beschleunigung und weitere Verdichtung der Arbeitswelt, um nur einiges zu nennen. Auch die Verheißungen grenzenloser Kommunikation erweisen sich als zwiespältig. Das kommunikative Rauschen macht einerseits alles ‚“egal“, bereitet aber andererseits den verrücktesten, einseitigsten Ideen und Verschwörungstheorien einen Nährboden. Im Netz der freien Kommunikation geht es sehr ruppig und egoistisch (egomanisch?) zu. Das Internet selber wird immer fragmentierter und ökonomisierter. Die „Filterblase“ war nur der vergleichsweise harmlose Auftakt.

Die total globalisierte und zugleich total fragmentierte Welt von heute stellt sich quer zu den Träumen westlicher Wortführer der einstigen Moderne, die heute als neoliberal und turbokapitalistisch gebrandmarkt werden. Sinnbild dafür sind die „Zocker“ in den Bankentürmen. Der „rationale Diskurs“, den dagegen ein Habermas in aufklärerischer Tradition als Leitlinie für pluralistische Demokratien gefordert hatte, wird oft durch blinde Stimmungsmache ersetzt: ein Shitstorm statt vernünftiger Argumente, Pegida statt politischer Diskussion. Vom vielbeschworenen „Qualitätsjournalismus“ ist bei den Netizens jedenfalls fast gar nichts zu finden, statt dessen Meinungsmache und Propaganda des eigenen Vorurteils. Überhaupt wird der Rationalität und Sachlichkeit immer weniger vertraut, schon gar nicht gegenüber der „Lügenpresse“. Sie habe sich zu oft als interessegeleitet, machtorientiert und parteilich erwiesen. Und so geht der „vernünftige Diskurs“ aufgeklärter Bürger den Bach runter.

Auch Religion ist wieder „in“, und seit ein terroristischer „Islamischer Staat“ die Welt mit grauenhaften medialen Inszenierungen erschreckt und verunsichert, blühen auch bei uns wieder obskure Ideen und Verschwörungstheorien. Fundamentalismus ist auch der christlich-abendländischen Welt nicht fremd, sei es in Form der wachsenden Bedeutung der Evangelikalen und anderer traditionalistischer Gruppen, sei es in reaktionären Pontifikaten der katholischen „Weltkirche“. Auch in der Philosophie, insbesondere der Religionsphilosophie, ist das Thema „Glaube“ und Religion“ wieder aktuell, von einer Erneuerung metaphysischer Ansätze ganz zu schweigen. Das Pendel ist offenbar zu weit ausgeschlagen.

Politisch fein austarierte Vertragsverhältnisse zur Sicherung des Friedens in Europa („Legitimität durch rechtsstaatliche Verfahren“) geraten plötzlich ins Wanken, wo Gewalt wieder ein Mittel der Politik wird – oder wo die Ohnmacht der wirtschaftlich Zurückbleibenden ein Protestventil sucht und findet: „Brüssel“. Der Euro sollte als „Projekt“ Europa einen – und bewirkt derzeit das Gegenteil. Seine ideologische Überhöhung („Scheitert der Euro, scheitert Europa.“) fällt seinen Verteidigern auf die Füße. Es scheitert allenfalls ein bestimmtes Konzept von Europa (und seinen herrschenden „Eliten“), das so in vielen südlichen Ländern offenbar nicht mehr anschlussfähig ist.

„Postmodern“ ist ein in der Abgrenzung zutreffendes Kennzeichen für eine Zeit – wer weiß, vielleicht für eine ganze Epoche -, die aus einer Entwicklung stetigen Fortschritts und Wachstums plötzlich sehr macht- und wirkungsvoll mit Gegenentwicklungen und Widerständen konfrontiert wird. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hat vielen Selbstverständlichkeiten und optimistischen Überzeugungen der früheren Moderne den Boden entzogen. Die Anschläge von  „9/11“ 2001, der Irakkrieg 2003 und dann die Finanzkrise 2008 sind die Menetekel dieser Zeit, und was wir heute alles an Scherbenhaufen vorfinden (Ukraine, IS, Irak, Syrien, Libyen, – Euro), hätte man sich vor zwanzig Jahren nicht vorzustellen gewagt.

Die Postmoderne ist also eine Zeit neuer Ungewissheiten, Risiken, Krisen und chaotischen Entwicklungen. Sie scheinen sich allzu oft der bewährten Rationalität zu entziehen, sowohl der Handlungen und Verläufe als auch ihrer Erklärung und Verständigung. Es zeigt sich: Vieles, was wir für Errungenschaften der Neuzeit, speziell der Aufklärung halten, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Zwiespältigkeit technologischer Entwicklungen muss neu berücksichtigt werden. Die Rolle der Religion ist neu zu untersuchen und zu bewerten. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, persönliche Freiheit, Privatsphäre, aber auch Bildung, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe müssen bewahrt und jeweils neu erstritten werden. Das gilt für uns hierzulande eben so wie anderswo, erst recht in der arabischen Welt. Die Postmoderne mag den Abschied aus manchen Illusionen der Moderne bedeuten, dann wäre sie nur heilsam. Zugleich aber drohen mit ihr neue Gewalt, neuer Wahn, neue Ideologien und neuer Obskurantismus. Dem kann und muss man mit dem entgegentreten, was schon vor zweihundert Jahren die Parole war: Aufklärung, Aufbruch aus Verdummung und Überwachung, aus Ungerechtigkeit und (neuer) Knechtschaft, aus Terror und Gewalt. Um diese so skizzierte Postmoderne zu überwinden, müssen Ziele und Werte neu formuliert werden, muss Verantwortung ganz neu buchstabiert werden, müssen kritisches Bewusstsein und entschiedenes Eintreten für unsere Freiheit geübt werden. Es wird nicht leicht sein.

*) Erhellend sind die Wikipedia-Artikel zu Moderne, Postmoderne, Posthistoire.

 20. Februar 2015  Posted by at 18:04 Allgemein Tagged with: , , , , , , ,  1 Response »
Jan 102015
 

[Religion]

 It’s religion stupid!

In der gegenwärtigen Diskussion ist die Unterscheidung von Islam und Islamismus von großer Bedeutung. Als Beispiel nenne ich die Aussage von Rainer Hermann in der FAZ: „Die Behauptung, der Koran sei in seiner Gesamtheit ein Werk, das zu Gewalt aufruft und dem Gewalt inhärent ist, trifft nicht zu. Jeder liest heraus, was er will.“ Klingt gut und aufgeklärt, ist aber nur die halbe Wahrheit.

Dieselbe Aussage ließe sich auch für die Bibel machen, und zwar für Altes und Neues Testament. Gerade das Alte Testament galt immer wieder als zu blutrünstig und darum dem Geist des Neuen Testaments eigentlich fremd. Die christlich-theologische Lösung hieß, man dürfe das Alte Testament nur „von Christus her“ lesen. Aber auch die neutestamentliche Bibel ist nicht zimperlich, wenn man die Apokalypsen (insbesondere die Offenbarung des Johannes) liest. [Ich beschränke mich hier auf Judentum, Christentum, Islam. Auch in den Schriften anderer Religionen wird man zum Thema Gewalt schnell fündig.]

Kann also jeder aus den heiligen Schriften der Religionen heraus lesen, was er will? Die Sache ist die: Gewalt ist jeder Religion inhärent.

In der Religion geht es immer um Grenzerfahrungen des Menschen, um Tod und Leben, um heilig und profan, um gut und böse. Das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen bzw. zu Gott ist ambivalent und muss durch Rituale geregelt werden. Denn als die entscheidende Macht hinter und über den Dingen der Welt wird Gott / das Göttliche gesehen, das die Welt bestimmt und begrenzt. Gewalt spielt in der Religion von Anfang an eine entscheidende Rolle, ist es doch die Erfahrung der Übermacht, die der Mensch in der Religion zu bändigen sucht.

Die soziale Funktion der Religionen besteht unter anderem darin, Gewalt einzudämmen. „Gott“ hat sozusagen das Gewaltmonopol. Menschliche Gewaltausübung kann dann nur im Namen Gottes geschehen, entweder um seinen Willen (bzw. was man als solchen erkannt hat) durchzusetzen oder um Angriffe auf die Herrschaft Gottes abzuwehren – oder, wenn einem Gewalt widerfährt, dies als Schicksal bzw. Strafe Gottes zu verstehen. In dieses Schema passen alle biblischen  und koranischen Textbefunde zum Thema Gewalt.

Die Funktion der Religion besteht also zunächst in einer Eindämmung blindwütiger Gewaltanwendung. Schon das alttestamentliche Gebot „Auge um Auge“ diente eben diesem Zweck, gewalttätige Rache zu begrenzen. Die sogleich folgende Frage ist die, wer über die erlaubte Gewalt entscheidet. Es sind dies die Priester bzw. die (gesalbten) Könige oder Propheten. Eine solche Strafgewalt im Namen Gottes wird im Alten Testament oft mit „den Bann vollstrecken“ umschrieben. Im Neuen Testament ist die Ankündigung und Ausmalung des letzten Strafgerichts Gottes über seine Feinde voller Gewalt, denn nur gewalttätig verschafft sich Gott (mit Hilfe seiner Heerscharen) Recht. Der Koran schreibt diese Linie ungebrochen fort. Mohammed ist Feldherr und Gewaltherrscher im Namen seines Gottes.

Raffael, Konstantins Taufe (Vatikan)

Raffael, Konstantins Taufe (Vatikan)

Die Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islam ist immer zugleich eine Gewaltgeschichte. Das biblische „Volk Israel“ hat allerdings im Endeffekt mehr Gewalt erlitten als ausgeübt. Die Christentumsgeschichte ist dagegen voller Gewalt im Namen des Christengottes. Schon der berühmte römische Kaiser Konstantin wurde durch siegreiche Schlachten von der Stärke des christlichen Gottes überzeugt (siehe die Legende vom Kreuz als Standarte in der Schlacht gegen den Konkurrenten Maxentius 312: „In diesem Zeichen sollst du siegen.“) Karl der Große führte seine mehrfachen Feldzüge gegen die Sachsen mit allen blutigen Gemetzeln ganz ausdrücklich im Namen des Christentums und unter Androhung der Zwangstaufe. Dann die Kreuzzüge, der Dreißigjähre Krieg, die Feldpredigten im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte von Christentum und Gewalt ist endlos lang.

Der Islam ist 600 Jahre jünger und müsste mit dem Christentum im 15. Jahrhundert verglichen werden. Damals waren christliche Fanatiker mindestens ebenso blutrünstig und gewalttätig wie heute die Islamisten. Religion und Gewalt – das lässt sich gar nicht trennen.

Spannender ist die Frage, was Judentum und Christentum dazu gebracht haben, den Hang zur weltlichen Herrschaft, zur Macht- und Gewaltausübung aufzugeben? Beim Judentum war es die faktische Ohnmacht in den vergangenen 2000 Jahren. Beim Christentum war es die Geschichte von Reformation und vor allem der Aufklärung mit der ideologischen und dann auch tatsächlichen Trennung von Staat und Kirche, von religiöser („geistlicher“) und weltlicher Macht. Die Französische Revolution mit ihrem Laizismus, die Napoleonischen Kriege mit der folgenden Säkularisation (Reichsdeputationshauptschluss 1803), die Schriften der Aufklärung, die historisch-kritische Erforschung und Relativierung der „heiligen“ Schriften wie der Bibel und später des Koran (vom Islam nicht anerkennt) sind hier Meilensteine einer Transformation. Die Aufklärung führte dazu, Religion als eine wenngleich wichtige, so doch menschliche Kulturerscheinung zu verstehen. Sie ließ sich historisch, sozial und psychologisch erforschen, erklären und kritisieren (Feuerbach, Marx, Freud, Nietzsche). Hinter diese Errungenschaft der Aufklärung darf das Christentum als Religion nicht mehr zurück fallen.

Es ist leicht erkennbar, dass der Verzicht auf Gewalt und direkte weltliche Macht vom Christentum aus nicht freiwillig geschah. Es musste dieser Religion und ihrem Machtanspruch (Papsttum) abgetrotzt werden, sie musste gesellschaftlich und politisch in ihre Schranken gewiesen werden. Erst dann setzte auch ein Prozess der Selbstkritik und Selbstbeschränkung ein, wie er heute insbesondere für die protestantischen Kirchen kennzeichnend ist. Diesen Prozess der Neuzeit nenne ich den Prozess der Einhegung der Religion, um ihr inhärentes Gewaltpotential zu neutralisieren.

Der Islam hat solch einen Prozess der Kritik, der Selbstkritik, der Relativierung und (Selbst-) Beschränkung noch nicht, noch nirgendwo durchlaufen. Auch der westlich-liberale Islam kennt noch keine theologisch verantwortete historisch-kritische Forschung. Es handelt sich bei ihm mehr um eine pragmatische Anpassung und faktische Relativierung innerhalb der westlichen kulturellen Vielfalt. Die grundsätzliche kritische Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen und historischen Tradition einschließlich ihrer Gewaltgeschichte fehlt dem Islam bis heute. Seine „Aufklärung“ steht noch aus. Das muss die Religion des Islam in ihrer Vielfalt selber leisten.

Insofern ist Hermanns Satz „Jeder liest heraus, was er will.“ ein Satz, der so nur auf Fundamentalisten aller Couleur (also auch auf christliche) zutrifft. Kritische Forschung und eine aufgeklärte Theologie lässt eben nicht mehr alles und jedes an Bedeutung und Interpretation zu. Aber auch dieses gilt: Es geht nicht nur um den Islam. „It’s religion“ soll sagen: Auch andere, auch die christliche Religion muss sich ständig fragen und kritisieren lassen, inwiefern sie Waffen segnet, nach Macht strebt, wenn auch heute sublimer, oder gar in ihren fundamentalistischen Strömungen die Ergebnisse der Aufklärung ignorieren oder ungeschehen machen will. Wer seine eigene Wahrheit mit der Wahrheit Gottes gleichsetzt, hat den Kampf gegen die Gewalt in der eigenen Religion schon verloren.

Weil Religion diese totalitäre gewalttätige Tendenz haben kann, muss sie eingehegt werden.

UPDATE:

In Fortführung seiner oben zitierten Gedanken schreibt Rainer Hermann einen ausgezeichneten Kommentar in der heutigen FAZ, der soeben auch als Artikel online gestellt ist: Die flexible Weltreligion.

 10. Januar 2015  Posted by at 12:26 Religion Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Einwurf: Religion und Gewalt
Apr 102014
 

[Kultur]

Wir leben in der Postmoderne, sagt man. Das bedeutet ideologiefrei, pragmatisch, in realistischer Einschätzung der begrenzten Möglichkeiten dieser Welt, selbstbezogen mit dem Anspruch, daraus in jedem Fall das Beste zu machen, zu mindest das Beste für sich selbst. Orientierung an der eigenen Karriere (Lean in!) schließt Ungebundenheit und Lustbetonung nicht aus: Um Work-Life-Balance geht es. Und ansonsten: „Everything goes.“ Politik ist nicht besonders angesagt,  eher Technik und effizientes Politik-Management – überhaupt Management. Das ist mehr als nur ein Begriff aus der Ökonomie. Er wird übertragen in den eigenen Lebensbereich: Das eigene Leben managen, heißt: Krieg’s endlich gebacken. Vernetzt sein gehört auch dazu, nicht nur wörtlich, was die aktuellen Gadgets betrifft, sondern ebenso die Freunde. „Beziehungen“ nannte man das früher, soziale Kontakte, oder „Vitamin C“.

Man könnte fortfahren. Man wird dabei spüren, dass es nicht mehr ganz richtig ist, was man da über die aktuelle Zeit schreibt. Es hat sich etwas verändert. Das Gesagte stimmt so nicht mehr. Es gibt schrille Zwischentöne. Die Harmlosigkeit im Umgang mit der Zukunft (wird schon weiter gehen wie bisher) und die Hoffnung auf die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik (alles machbar) ist geschwunden oder zumindest sehr gebrochen. Ursachen dafür? Sicher vielfältige. Markante Symbole dieser Veränderung sind aber mit den Hashtags #snowden und #internetkaputt gekennzeichnet. Und dann der nächste Schlag: #ukraine, #krimkrise. Militärische Bedrohung, Sanktionen, Krieg? Nein, beileibe nicht, aber unmöglich? Das bisher Undenkbare wird auf einmal wieder denkbar: In Europa könnte die lange Phase des Friedens und der rechtlich, vertraglich geregelten Konfliktbewältigung zu Ende gehen.

Bisher war da allenfalls der Islamismus, aber den wähnte man doch weit weg. Und wegen der paar potentiellen Terroristen im eigenen Land musste man sich nicht allzu großes Kopfzerbrechen machen. Die islamistische Szene in DE scheint gut im Blick und einigermaßen sicher im Griff zu sein. Aber anderes beunruhigt viel mehr: Das enthusiastisch gefeierte Netz hat seine Unschuld verloren. „Internet kaputt“ – ein Menetekel. Aber auch hier ist die Schnüffelpraxis der NSA nur die eine, oberflächliche Seite der Medaille. So nach und nach dämmert es, was „das Netz“, zumal das „Netz der Dinge“ (smart home usw.), alles mit sich bringt an Datenerfassung und Auswertungsmöglichkeiten. Da kommen noch einige Fragen und zu lösenden Probleme des Daten- und Persönlichkeitsschutzes auf uns zu, gerade auch im Bereich des Arbeitsrechts.

Plünderung Roms

Plünderung Roms (Wikimedia)

Nicht erst seit der Krimkrise, aber vor allem im Zusammenhang mit der Lage in der Ukraine, in der EU und seitens der russischen Politik werden auf einmal wieder ganz andere Töne laut, Ansichten und Befindlichkeiten, die man längst in der vielzitierten „Mottenkiste der Geschichte“ wähnte. Nationalstolz, Volksseele, ureigenster Kern der Nation, Korrekturen der Geschichte, Wiedererstehung eines Großreiches, der umstürzende Segen der Gewalt. Man traut seinen Ohren nicht. Als ich den Artikel des russischen Schriftstellers Viktor Jerofejew las: „Die Krim ist Putins Meisterstück„, stockte mir förmlich der Atem. Ist es denn möglich, so begeistert und offenbar ohne jedes Arggefühl von der Größe Russlands, der russischen Seele, die der Westen sowieso nicht verstehe, und dem wieder auferstehenden „Dritten Rom“ zu schreiben?

Darin dass man den „alten Westen“ (wohl in Abwandlung der Rumsfeld-Diktion vom „alten Europa“) getrost ignorieren könne, weil er völlig irrelevant sei, ist sich Jerofejew mit einem Vertrauen und Ideengeber  des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan einig. Yigit Bulut sieht den Abschied von Europa gekommen („Wir brauchen es heute nicht mehr.“) und das Osmanische Reich allmählich wiedererstehen.

Bulut betonte, die Weltordnung werde künftig von drei globalen Machtzentren bestimmt: Neben den Vereinigten Staaten als „neuem Westen“ werde es einen aus Russland, der Türkei, dem Nahen Osten und Eurasien bestehenden Block geben. Das dritte Zentrum bestehe aus China, Indien und Iran. Europa werde in dieser Machtverteilung keine Rolle mehr spielen. … Er vertritt die Ansicht, dass die Türkei eine aufstrebende Macht sei und dass Europa diesen Aufstieg verhindern wolle.

Alles Spinner? Nur merkwürdig, dass diese Töne plötzlich deutlich vernehmbarer werden in Worten und Gedanken, die man lange nicht mehr gehört hat. Wenn  man dazu die zentrifugalen Kräfte innerhalb Europas berücksichtigt – die Uneinigkeit der Nord- und Süd-EU, die inzwischen wieder recht holprige „Harmonie“ zwischen Paris, London und Berlin, dann will einem nichts mehr unmöglich scheinen. 1914 wird sich nicht wiederholen, weil sich Geschichte nie wiederholt. Aber altes, längst überwunden geglaubtes Gedankengut, irrationale Träume von Macht und Größe, von Selbstreinigung durch den Einsatz von Gewalt, Mythen vom uralten Recht und uralten Kern einer Nation und ihren Ansprüchen, geschichtsmächtige Symbole (die „Fahne“, „Rom“) werden beschworen – wer hätte das vor wenigen Jahren  für möglich gehalten? Dass in den USA schon länger voraufklärerische nationalreligiöse Mythen fröhliche Urstände feiern („tea party“), ist ebenfalls schon länger bekannt.

Demgegenüber fällt die pragmatische Nüchternheit der Bundesregierung geradezu angenehm auf, GroKo hin, GroKo her. Andererseits fällt einem zu solch naiven, unpolitischen und geschichtslosen Überlegungen wie denen des Rechtsphilosophen Reinhard Merkel („Kühle Ironie der Geschichte“) schon gar nichts mehr ein, – als könnte man dadurch die Verwirrung nicht noch größer machen. Dass man so oft den Kopf schütteln muss, gibt mir dann doch zu denken.

Dieser Trend, wenn es denn ein anhaltender Trend werden sollte, ist ein gefährlicher Trend, ein Spiel mit alten Feuern und Verführungen. Dies Spiel wurde und wird in aller Welt immer wieder gespielt. Dass es das „noch“ gibt, ist nicht verwunderlich, – dass es das nun wieder mitten in Europa gibt mit Regierungen (Ungarn, Rumänien), die auf autoritäre Führung und Nationalstolz setzen, erst recht aber in Russland und in der Türkei, das lässt schon erstaunen. Statt in die Postmoderne scheinen wir stracks in die Vormoderne zu marschieren. Die Neuauflage wäre bitter, denn was sich wiederholt, wäre allenfalls eine Groteske. Aufpassen sollten wir allerdings schon, welche Geister da am Werke sind, damit nicht wirklich aus der Postmoderne eine Vormoderne wird. „Vormoderne mit Internet“, irrationale nationale Mythen und Blüten verbunden mit den technischen Fähigkeiten totaler Vernetzung, das wäre tatsächlich etwas Neues. Die Frage wird sein, wer da am Ende die Strippen – und den Nutzen zieht.

 10. April 2014  Posted by at 13:05 Allgemein Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne, Vormoderne
Dez 232012
 

Wenn man sich intensiver mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, so muss das keineswegs mit einem erwarteten oder erhofften Gegenwartsbezug verbunden sein. Wenn ich mich seit einiger Zeit genauer mit der Geschichte des Römischen Reiches befasse, insbesondere mit der Epoche seiner Transformation zur Spätantike und schließlich zu dem, was „Mittelalter“ genannt wird, so geschieht das eben nicht, um Parallelen mit irgendwelchen Erscheinungen oder Mächten unserer Gegenwart herzustellen oder aufzudecken. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Was immer man an vermeintlichen Ähnlichkeiten in der Geschichte des „Aufstiegs und Falles“ großer Reiche / Mächte / Kulturen mit jüngeren oder gegenwärtigen Entwicklungen zu finden meint, ist weit mehr von Projektionen bestimmt, die wir aus den Fragen und Problemen unserer Gegenwart heraus in Ereignisse der Geschichte hinein verlegen, als von den geschichtlichen Gegebenheiten, Tatsachen und Ereignissen selbst. Tun wir das womöglich mit dem Ziel, aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen zu können, sei es um sie besser zu deuten, sei es gar um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, so gehen wir doppelt fehl. Die Geschichte „lehrt“ nichts. Sie ist kein Steinbruch von Direktiven und Handlungsanweisungen. Sie bietet uns noch nicht einmal eine Auswahl an Optionen, die wir für die Gegenwart fruchtbar machen könnten.

Was für die Militärs oft festgestellt wurde, dass nämlich die Generalität für den nächsten Krieg stets mit den Erfahrungen des letzten Krieges plant – und dann von der völligen Andersartigkeit des nächsten Krieges überrascht wird, genau dies gilt auch für geschichtliche und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen insgesamt. Die Bedingungen und Zusammenhänge eines jeden Ereignisses in Geschichte und Gegenwart sind so einzigartig, multipel kausal, verflochten und ambivalent, dass allein schon die Feststellung dessen, was „Tatsache“, also was wirklich „der Fall ist“, nie unproblematisch ist. Die Erhebung nackter distinkter Daten allein sagt ja noch überhaupt nichts über das damit gemeinte Ereignis aus: über seinen Zusammenhang, die Genese, die Komplexität, die darin zum Ausdruck kommenden Absichten und Interessen, die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen und Auswirkungen, erst recht nicht über die jeweilige Bedeutung eines Ereignisses. All dies nämlich setzt schon eine Einbettung eines Ereignisses in einen Sachzusammenhang voraus, der vom Beobachter nie ohne einen zugehörigen Deutungs- und Verstehenszusammenhang zu haben ist. Nicht nur für Ereignisse der Geschichte, sondern ebenso auch für solche der Gegenwart (was ist überhaupt die „Gegenwart“? wie lange erstreckt sie sich?) gilt die methodische Klärung der Herangehensweise und des damit jeweils verbundenen vorausgesetzten Verstehensrahmens des Betrachters. Sogleich kommen dann die metahistorischen, gewissermaßen geschichtsphilosophischen Fragen auf, zum Beispiel nach „Historismus“, „Konstruktivismus“ (in diversen Spielarten), dem „post-histoire“ und anderen Geschichtsbildern. Bei Ereignissen der Gegenwart liefert uns unser Weltbild und unser vorgängiges Weltverstehen („Vorurteil“) den Rahmen möglicher Deutungen, die allererst zur Bedeutung eines Ereignisses führen.

Forum Romanum (Wikipedia)

Forum Romanum (Wikipedia)

Man mag meinen, Ereignisse der Gegenwart seien doch viel leichter und besser zu erkennen und zu verstehen als solche der Geschichte, da wir doch viel „näher dran“ sind und heute viel mehr Informationen zur Verfügung haben. Das hilft jedoch nicht allzu viel, da die Menge möglicher Informationen immer unabsehbar größer ist als die gegebene Menge vorhandener Informationen. Dies gilt natürlich auch für Ereignisse in der Geschichte, in vergangenen Zeiten, nur dass uns dort mit wachsendem Abstand eine immer größere Menge von Informationen über wesentliche Zusammenhänge für immer verborgen bleibt und eben nicht mehr verfügbar ist. Zwar bietet das Urteil aus dem zeitlichen Abstand heraus den Vorteil, bestimmte Verläufe inzwischen zu kennen. Jedoch ist es bleibend schwierig, hier Verläufe als Folgen und Auswirkungen zu verstehen. Allein dies setzt gleich wieder eine bestimmte „Konstruktion“ unserer eigenen Wahrnehmung und Bewertung der früheren Ereignisse voraus. Damit ist dann die Erkenntnis und das Verstehen geschichtlicher Ereignisse gar nicht so verschieden von der Erkenntnis und dem Versuch, gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen zu verstehen.

Diese angedeutete Schwierigkeit mit vermeintlich „objektiven“ Beschreibungen geschichtlicher Ereignisse (abgesehen von der reinen Tatsächlichkeit begrenzter Fakten und Daten), die sie mit gegenwärtigen Ereignissen durchaus teilen, macht es schwer, zu einem abschließenden Urteil der Bedeutung, der Auswirkungen und der „Lehren“ zu kommen. Deutungen und Bewertungen, die sich möglichst genau und umfassend auf vorhandenes oder zugängliches Faktenmaterial stützen möchten, werden stets nur annäherungsweise und vorläufig möglich sein. Darum ist es auch vergebliche Mühe, aus Geschehenem außerhalb meines unmittelbaren Einflussbereiches und außerhalb meines unmittelbaren Wirkungszusammenhanges irgendwelche positiven Handlungsalternativen (und das wären „Lehren“ ja) abzuleiten. Jedenfalls wäre eine intuitive Wahl unter verschiedenen gegenwärtigen Optionen mindestens genau so „vernünftig“ wie eine vermeintlich rational begründete. Der von mir jeweils feststellbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bleibt in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Sache mit unendlich vielen Variablen.

Warum also sich überhaupt mit Geschichte beschäftigen? Um des Menschen willen, um zu sehen und zu erkennen, wie Menschen sich verhalten haben oder gerade verhalten, was ihnen möglich war oder eben nicht möglich ist. Der Mensch in der Geschichte ist das eigentlich spannende Thema. Je mehr man in geschichtliche Zusammenhänge eintaucht, Ereignisse und Gestalten zu erkennen sucht, desto mehr  wird man zu der Auffassung kommen, dass unserer Art nichts „Menschliches“ fremd ist. Die mich leitende Frage ist also weniger: Was ist warum so und nicht anders passiert? sondern vielmehr die Frage: Wie haben sich Menschen verhalten? Wie weit sind ihre Motive, Wünsche und Absichten erkennbar? Wie haben sie tatsächlich gelebt und gedacht? Wenn man so will, sind dies einerseits sozialgeschichtliche, andererseits verhaltenspsychologische Fragestellungen.

Ich möchte sie aber nicht so eng und methodisch begrenzt verstanden wissen. Mich interessiert schlicht das „Humanum“, der homo sapiens als Kultur- und Geschichtswesen, als meist etwas erleidendes und seltener aktiv handelndes Subjekt seines Lebens. Mit dieser Fragestellung rückt mir ein konkreter Mensch von vor 2000 Jahren, sofern und so weit er fassbar ist, sehr nahe: Er ist dasselbe, was ich bin, nur unter sehr anderen Umständen und Bedingungen. Auch diese Frage will nicht quasi hinten herum nach „Lehren“ fragen, eben nach den Lehren aus dem sogenannt Allzumenschlichen. Das wäre ziemlich platt und uninteressant. Natürlich haben Menschen zu allen Zeiten gelebt, geliebt, gelitten und sind erfüllt oder unerfüllt gestorben. Mein Nachfragen in die Geschichte hinein (genauso wie übrigens in andere Kulturkreise hinein) orientiert sich an den vielfältigen Facetten des Menschlichen, ihres Umgangs mit Glück und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, mit Macht und Reichtum, mit Gewalt und Stolz und und und. Und da gibt es dann in der Tat unendlich viele Unterschiede zu entdecken, Merkwürdiges, Beeindruckendes, Großartiges, Ernüchterndes, Kleinliches, Jämmerliches usw. in allen nur denkbaren Nuancierungen. Nein, eben nicht in nur „denkbaren“ Nuancen, sondern in Weisen und Facetten der Lebensgestaltung, die immer wieder anders und neu und unerwartet, weil unableitbar sind. Nur dies macht für mich Geschichte so interessant, ja so wahnsinnig aufregend: Weil einem dadurch das, was Menschen möglich ist, so erhellend, aber auch so grausam vor Augen geführt wird. Geschichte ist darum auch so spannend – und desillusionierend. Und genau diese zu gewinnende Nüchternheit ist es, die dann auch für die Orientierung in der je eigenen Gegenwart hilft. Es ist nicht das geschichtliche Beispiel, es ist die Vielfalt des dem Menschen Möglichen. Wer das ein wenig erkennt und damit zu rechnen lernt, der gewinnt tatsächlich auch eher Orientierung und Perspektiven in der Gegenwart, sei es im Großen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, sei es im Kleinen des mir eigenen Verantwortungsbereiches. Nur insofern kann Geschichte ‚Schule des Menschlichen‘ sein.

Einer, der zu einer solch selten nüchternen und scharfsichtigen Urteilskraft über Dinge der Vergangenheit und Gegenwart im Verlaufe eines langen Lebens gefunden hat, ist Helmut Schmidt. Ich denke, das macht die eigentliche Faszination seiner Person aus.

 23. Dezember 2012  Posted by at 12:34 Geschichte, Kultur, Mensch Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Mensch in der Geschichte