Mai 072017
 

Warum scheint sich derzeit alles zu verändern, die Welt „aus den Fugen zu geraten“, wie es gern formuliert wird? Dass irgendetwas zu kippen droht, kann man als Wahrnehmung ‚gefühlt‘ so feststellen, aber ist diese Wahrnehmung auch belegbar? Betrachtet man das Geschehen auf unserem Planeten quasi aus dem Orbit, kommt ein verknotetes Netz unterschiedlicher Entwicklungen in den Blick. Es scheint in so ziemlich allen Lebens- oder Funktionsbereichen Veränderungen in ein Ausmaß zu geben, die kumuliert eine Totalrevision unserer Lebensverhältnisse bedeuten. Dies gilt für hoch entwickelte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ebenso wie für Schwellen- oder Armutsländer.

  • Kapitalströme mit Entscheidungen im Takt von Nanosekunden, Warenaustausch auf globalisierten Märkten, auf denen die Transportraten gen Null gehen, Arbeitsplatzkonkurrenz der Niedriglöhne mit den geringsten Sozialstandards weltweit, Beschleunigung der Kapitalakkumulation, also der Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen;
  • Umweltveränderungen durch menschliche Eingriffe in planetarischen Ausmaßen: rasantes Verschwinden von Arten, Überfischung, Klimaveränderung, irreversible Infiltration der Nahrungskette durch Plastikpartikel, Ausbeutung der Tiefsee, fossile Energiegewinnung, Pestizideintrag in Böden;
  • Kulturkonfrontationen durch ökonomische, geostrategische und militärisch geprägte Machtpolitik, Flüchtlingsströme weltweit, Entwurzelung durch Kriege, Klimaveränderung und großindustrielle Bodenbewirtschaftung;
  • Bedeutungszunahme von Religionen, religiösen Phänomenen und Ideologien zwecks kontrafaktischer Selbstvergewisserung und Selbstverortung, Vereinfachung und Umdeutung komplexer transpersonaler Zusammenhänge; Misstrauen gegenüber Informationen und Regierungen („Eliten“); Bestreitung der ‚offiziellen‘ Deutungshoheit des pluralistischen mainstream; 
  • Kontra- und post-faktische Informationsvermittlung als pseudo-alternative Deutungsmöglichkeit, Desinformation durch massive ‚Information‘ (MUD: massive ubiquitious disinformation);
  • Populismus, Diskreditierung demokratischer Verfahrensweisen, zunehmende Unterstützung von autoritären bis diktatorischen Regierungsformen, Delegitimierung nationaler und insbesondere internationaler Institutionen, Bestreitung der Allgemeingültigkeit von Rationalität und Menschenrechten, antiliberale Ressentiments inkl. Rassismus und Antisemitismus;
  • Rasante technologische Entwicklung und Verbreitung digitaler, robotergesteuerter Prozesse und Produkte, das algorithmische Paradigma, Transhumanismus etc.

In all diesen soziopolitischen Feldern, personalen Lebensbereichen und ihren jeweils typischen Aktionsmöglichkeiten hat etwas an Bedeutung gewonnen, das bei aller Veränderung allen gemeinsam ist: Das NETZ. Es ist dies eine Vermutung, aber eine nicht unbegründete. Das Internet in all seinen Formen (von der cloud über facebook bis zum dark net) ist weit mehr als ein zusätzliches Hintergrundrauschen. Es scheint mir vielmehr ein sehr spezieller Katalysator der unterschiedlichsten technischen, sozialen und politischen Prozesse zu sein, der die eigentümlichen Phänomene zum Teil hervorbringt, sie zum Teil aber radikal zuspitzt und wie ein Turbo beschleunigt.

Zunächst ist das Netz eine digitale Technik unter anderen, die wie jede technische Erneuerung zuerst zu quantitativen, dann vor allem zu qualitativen Veränderung führt. Das galt für die Druckerpresse genauso wie für die Dampfmaschine und das elektrische Netz. ‚Disruption‘ gab es auch früher schon, und Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ ist als auf den entwickelten Kapitalismus gemünzte Theorie vor-digital (1942). Die „digitale Revolution“ hat aber über die technische Umwälzung von Produktions-, Distributions- und Kapitalisierungsprozessen hinaus zu einer Beschleunigung und Transformation sozialer Verhältnisse geführt, deren Auswirkungen wir derzeit nur in Ansätzen erkennen können. Begriffe wie „fake news“ und „post-faktisch“ können als marker dieser Veränderung gelten. In der Allgegenwart des Internets und seiner rein digitalen (Selbst-) Darstellung wird Realität flüssig: Was ist Original, was Kopie, was ist echt, was gefälscht, was ist real, was ’nur‘ virtuell? Es geht also um die Grundkategorien der Erkenntnis von und des Verhaltens gegenüber Wirklichkeit, meiner eigenen und der „sozial konstruierten“. Dass die eher philosophischen oder soziokulturellen Thesen des (De)Konstruktivismus nun zeitlich genau mit der Verbreitung digitaler Netztechniken zusammenfällt, ist wohl ein Zufall (ihre Schöpfer hatten mit dem Internet noch nichts am Hut), aber ein folgenschwerer. Im gesellschaftlichen Diskurs und darauf folgend in der populären medialen Verbreitung sickerten die Theoreme durch als „es ist alles nur gemacht“ (womöglich „alles nur geraubt“, Die Prinzen) und gesellschaftlich bedingt. Die Gender-Debatte ist ohne diesen Ausgangspunkt gar nicht verständlich. Die Transformation jeglicher analogen Information in die digitale Wirklichkeit des Netzes gibt dem Ganzen einen virtuellen Untergrund: Nichts ist mehr real und sicher, alles ist konstruierbar, behauptbar, machbar, alternative Wirklichkeit und Wahrheit – post-faktisch eben.

GCHQ Headquarter

GCHQ United Kingdom (c) The Japan Times

Dagegen entsteht als Reaktion der ‚alt-right‘- oder rechtspopulistische Bezug auf das scheinbar einzig Echte, Verlässliche, Unveränderliche: Nation, Rasse, Männlichkeit, weiße Vorherrschaft, „Volk“ (andernorts Religion, „Islam“) als quasi-transzendentale Deutungskategorie. Ohne die Beschleunigung der Nachrichtenverbreitung, der massiven ‚viralen‘ Verbreitung von news und memes, der kaum noch möglichen Entwirrung von Realistischem und Gefaktem lässt den Rückzug in die individuelle, gewaltsame Selbstbehauptung gegenüber anonymen „Faktenschleudern“ („Lügenpresse“) noch einen Rest von Rationalität. Politik wird de facto als virtuell, als geisterhaft abgehoben begriffen, als ein Geflecht von Fälschung und Interessen zwecks persönlicher Bereicherung. Dass in den USA das Urbild eines archaischen, irrationalen Selbstbereicherungs-Typs als populistischer Präsident gewählt wurde, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Im Chaos kann es richtig scheinen, den Bock zum Gärtner zu machen.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Die Digitalisierung einschließlich vernetzter Rechner ist eine grundstürzende technologische Innovation, die wie alle Verbreitung neuer Basistechnologien enorme gesellschaftliche Folgen hat, gute wie schlechte, mit Gewinnern und Verlierern. Wie bei allen Innovationen ist die Hoffnung die, dass die positiven Auswirkungen die negativen überwiegen und insofern einen echten „Fortschritt“ für alle darstellen. Dies betrifft die oben aufgezählten Bereiche der Ökonomie, der Finanzwelt, der Produktion, Distribution, der Dienstleistungen und Administration. Auch viele Bereiche des kulturellen Betriebes profitieren, was die instantane Verfügbarkeit von Medien aller Art deutlich macht, aber auch die Grenzen des Urheberrechtes zeigt. Diese technologische Umwälzung mit der Entwicklung von Gentechnik, KI, Robotik usw. stellt ein gewaltiges Potential an Veränderung bereit. Wieviel davon Disruption und positive Innovation sein wird, wird sich im Laufe der Zeit zeigen.

Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten Aspekt der digitalen Revolution, nämlich der Digitalisierung von Information und Kommunikation über das Internet. Die Einebnung von wahr und falsch, von Original und Fälschung, die beliebige Kopierbarkeit jedweder digitaler Daten, egal ob Text, Bild, Ton, Verlaufsdaten und ihre grundsätzlich stets mögliche und heute zunehmend realisierte Kompromittierbarkeit untergräbt die Vertrauensbasis gesellschaftlicher, interpersonaler Kommunikation. Die Nachvollziehbarkeit aller Kommunikation macht Vertraulichkeit zur Farce oder zur Falle: wenn nämlich bei vermeintlicher Vertraulichkeit durch Verschlüsselung backdoors bestehen, durch die Verschlüsselung jederzeit aufgehoben werden kann. Ob dies innerhalb oder außerhalb der (nationalen) Legalität geschieht , spielt für die grundsätzliche Unsicherheit auch der verschlüsselten Kommunikation keine Rolle. Wenn dazu noch Geschäfts-, also Kapitalinteressen kommen, wird aufgrund der privatwirtschaftlichen Monopolisierung des Internets (Google, Facebook, Amazon) der Graubereich wahr – falsch – absichtsvoll – zufällig – fake – joke – Manipulation – Betrug ununterscheidbar. Der hierdurch ausgelöste Kulturschock beginnt gerade erste Auswirkungen zu zeigen. Die von der populistischen Rechten skandalisierte und skandierte „Lügenpresse“ ist dann nur das vergleichsweise harmlose Vorspiel gewesen. Wo keine Wahrheit mehr festzustellen ist, gibt es gar keine oder nur ganz viele Wahrheiten bzw. Überzeugungen, die sich alle als gleichberechtigt aufführen. Die größte Errungenschaft der Aufklärung, nämlich die Herrschaft des rationalen Diskurses und der faktenbasierten Rechtfertigunspflicht gehen dabei verloren. Das Netz wird zum postfaktischen Lügen-Netz.

 

Aus aktuellem Anlass: Bericht über Kasparows Beitrag bei der re:publica.

Mrz 172017
 

Elite ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Der Begriff ist im aktuellen medialen Gebrauch eindeutig negativ konnotiert. Er bezeichnet nicht einfach eine Gruppe besonders qualifizierter, also ‚herausragender‘ (= eligere) Personen, sondern unterstellt einer solchen nicht näher bestimmten Gruppe einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung – wenn nicht sogar auf die ganze Gesellschaft. Elite steht für Abgehobenheit, Arroganz, Unkenntnis der Situation des normalen Bürgers bzw. des ‚kleinen Mannes‘, – in den politischen Reden von Martin Schulz ist es „der hart arbeitende Mensch“. Elite ist die Negativfolie für den Durchschnittsbürger, dessen Sprachrohr man mit dieser Kritik zu sein glaubt. Zugespitzt findet sich diese Umdeutung des Begriffs Elite in der Verächtlichmachung der Politiker/innen („die da oben“), der Presse („Lügenpresse“) und der Behauptung, selber „das Volk“ zu vertreten. Aber Elite als negativer Streitbegriff ist längst zu einem allgemeinen Topos gesellschaftlicher Kritik geworden. Da hilft es nicht, nach Unterscheidungen zu fragen, welche Elite denn gemeint ist, die Funktionselite, die Geldelite, die Bildungselite, die Machtelite, die Sportelite, die Finanzelite usw. Von Geburtselite ist allerdings gar nicht mehr die Rede, obwohl die Ungleichheit qua Geburt in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Elite ist heute ungefähr so pauschal und negativ wie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Begriff „Establishment“ (siehe zum Elite-Begriff den Wikipedia-Artikel).

„Establishment“ bezeichnete damals die konservative politische Führung samt Wirtschaftsbossen, Springer-Presse und Professoren sowie Richtern mit ihrem „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“. Der Kampf gegen das Establishment geschah mit aufklärerischem Pathos und linker, egalitärer Absicht. Noch die RAF bediente sich dieser antibourgoisen Ideologie pseudomarxistischer Couleur zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten. Der Wahlsieg Willy Brandts 1972 brachte zum ersten Mal so etwas wie das Anti-Establishment demokratisch an die politische Macht. Ein Reformsturm fegte durch die Flure des Establishments, so hofften viele, und in der Bildungsreform geschah ja auch einiges. Es war das Pathos eines Aufbruchs aus dem Mief und der Verlogenheit einer gerade wieder saturierten Nachkriegsgeneration, die mit Vergangenheitsbewältigung nicht viel am Hut hatte. Kiesinger, Globke, Filbinger und viele andere Politiker vor allem aus der CDU hatten eine reiche Nazivergangenheit. Die Kritik des Establishments der westdeutschen Republik in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte etwas in Bewegung, was trotz vieler Auswüchse die Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik offener, freier, unverkrampfter, ’sozialdemokratischer‘ und vor allem geschichtlich sensibler machte. Erst auf diesem Hintergrund konnten nach der Wende die späten Kohljahre, trotz der politischen Leistung der „Wiedervereinigung“, so bleiern und erstarrt erscheinen.

Einer der geistigen Wegbereiter und Wegbegleiter dieser Zeit war und ist Jürgen Habermas, welcher der aufklärerischen Luft der Frankfurter Schule und ihrer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ entstammt. Sein in vielen Jahren ausgearbeitetes und auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse reagierendes  Konzept einer herrschaftsfreien Kommunikation reklamiert die Basis einer für alle Teilnehmer gleich verbindlichen deliberativen Rationalität in einer demokratischen Öffentlichkeit. Seine rationale Diskursethik setzt darauf, im fairen Austausch von Gründen und im Offenlegen von Interessen und Meinungen die gemeinsame Sache gesellschaftlicher Kommunikation zu einem die Gesellschaft zugleich befreienden und befriedenden Prozess zu machen. Bis heute ist seine Stimme eine kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen im Namen aufgeklärter Rationalität und säkularer Liberalität. Ich verweise auf Habermas, weil er gewiß nicht der einzige, aber einer der politisch und kulturell bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands ist. Er hat die vergangenen Jahrzehnte in seiner engagierten Weise begleitet und geprägt. Aktuell betritt er im Vorwahlkampf erneut die politische Bühne der Öffentlichkeit (siehe seine Diskussion mit Sigmar Gabriel.)

Multikulti stoppen

Multikulti stoppen (c) bpb

Der Hinweis auf Jürgen Habermas kann besonders klar verdeutlichen, was es heute mit der wohlfeilen Kritik der „Eliten“ auf sich hat. Sie geschieht auf einem Hintergrund, der in krassem Widerspruch steht zu den Positionen einer kritischen Gesellschaftstheorie, die sich aufgeklärter Rationalität verpflichtet weiß. Es ist der „linksliberale Mainstream“ der vergangenen Jahrzehnte, dem im Kampf gegen die Eliten endgültig der Garaus gemacht werden soll. Rationalität und Aufklärung sind out, Gefühl, hate speech, Populismus sind dafür in. Nicht reale Ungleichheit ist wichtig, sondern die gefühlte, nicht konkret benannte Ungerechtigkeit wird diskutiert, sondern das eigene Gefühl der Betroffenheit, nicht tatsächlicher Ausschluss von Aufstiegschancen wird problematisiert, sondern vermeintliches Abgehängtsein, nicht rational überprüfbare Fakten spielen in der öffentlichen Diskussion eine Rolle, sondern Meinungen, Stimmungen, Emotionen. Der Echoraum der „Sozialen Medien“ macht dies in beliebiger Verstärkung und Schrillheit sichtbar. Viele dieser Themen erscheinen in ihrer medialen Repräsentanz verzerrt und bekommen ein Gewicht, das einer Überprüfung anhand der wohl abgewogenen Fakten kaum standhält. Weder sind der Islam noch die Flüchtlinge noch Unterprivilegierung in einem solchen Ausmaß festzustellen, wie es der Dominanz dieser Themen in der Öffentlichkeit entspricht. Angst vor Überfremdung, vor Terrorismus, vor Einbrüchen, vor Verlusten durch die Globalisierung und vieles mehr vergrößern tatsächliche Phänomene und Probleme ins Überdimensionale – in einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich und sozial so gut geht wie lange nicht mehr. Die öffentliche Diskussion kann diese diffusen Ängste nicht mehr kanalisieren und rationalisieren, sondern befeuert sie durch mediale Aufwertung (Talkshows). Die Gesellschaft, die sich in Teilen lautstarken Populisten öffnet, will mit ihren Stimmungen und Befindlichkeiten als bislang unterdrückte Stimme gehört und beachtet werden. Eine rationale und liberale Diskussionskultur erscheint bei diesen Erwartungen als Hohn einer abgehobenen „Elite“ derer, denen „das Volk“, sprich die jeweiligen Stimmungen und Meinungen, egal sind. Vieles, insbesondere in der Gender-Diskussion, mag überzogen ‚korrekt‘ und vor allem mit der selbstsicheren Attitüde der moralisch Überlegenen vorgetragen sein, – heute aber gilt dies als neumodisches Geschwätz, dass durch „Tacheles-Reden“ endlich beiseite geschoben werden soll. Vermeintliche neue Offenheit („Das wird man ja noch sagen dürfen“) ist aber nur die Maske eines dumpfen Gefühls, das sich absichtlich einer rationalen Einvernahme und Befriedung entzieht. Jede ernsthafte Diskussion wäre ja nur wieder ein erneuter Triumph der „Eliten“. Den neuen Rechten und ihren populistischen Strömungen geht es genau darum: Den links-liberalen und aufklärerisch-rationalen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu beenden und ein Rollback von Nationalem, Völkischem und Irrationalem („Reichsbürger“) zu fördern. Die Offenheit von Kultur und Gesellschaft wird im Heimatkitsch erstickt: statt Globalisierung und offener Gesellschaft Eskapismus hinter nationalistischen Mauern.

Darum ist das derzeitige Erstarken des Populismus und Autoritarismus mit dem Eliten-Bashing nicht nur ein irgendwie merkwürdiges politisches Phänomen, das man mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis nimmt. Es ist auch nicht damit getan, es vorschnell zu erklären mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in manchen Regionen oder mit einer behaupteten sich weiter öffnenden Einkommensschere oder mit einem wachsenden Prekariat oder mit der Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg oder mit der Selbstgefälligkeit vieler Politiker oder, oder, oder. Das mögen im Einzelnen alles Punkte berechtigter Kritik sein, aber die gab es auch schon vor dem Erstarken des Populismus und vor der Ankunft der Flüchtlinge. Was da rumort, ist etwas anderes, tiefer Sitzendes: Das Ressentiment gegen die aufklärerische Vernunft, gegen Abwägung, Ausgewogenheit, Fairness, Differenzierung. Damit einher geht oft auch eine Abwertung der Intelligenz, der Studierten (es werden ja immer mehr…), eben derjenigen, denen man sich zumal im Prozess der Digitalisierung und Vernetzung unterlegen fühlt. Mit Fäusten und Geschrei aber macht man sich dagegen stark – und lautstark Stimmung. Es ist das dumpfe Aufbegehren gegen eine sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaft, gegen eine globalisierte Wirtschaft, gegen zunehmende Rationalisierungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Nur die Jungen und Erfolgreichen kommen da noch mit, – so behaupten es diejenigen, die sich überholt und zurückgelassen wähnen. Dabei ist die Verweigerung der Vernünftigkeit des offenen Gesprächs, des Sicheinlassens auf Veränderungen, neue Bewegungen, Kulturen und Horizonte und das damit einhergehende Sichabschließen in einer vermeintlich heilen Welt dessen, was schon immer so war, die größte Gefahr und die größte Illusion zugleich. So feiern alte Ideen von Nationalismus, Volk und autoritärem Führertum in einer simplen Schwarz-Weiß-Welt fröhliche Urstände. Wir hatten das alles schon vor knapp 100 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt vergleichbare Entwicklungen, die Motive aus der Vergangenheit (Nazis) aufgreifen und neu gemixt zu einer gefährlichen Melange werden lassen.

Darum gilt es, nachdrücklich für die aufgeklärte Vernunft zu streiten und mit aller Geisteskraft und Phantasie nach wirklichen Alternativen zu suchen für eine Welt, die nicht in der Dummheit und Arroganz eines globalisierten Kapitalismus und Ökonomismus versinken darf.


Ich verweise auf einen Artikel vom September 2016 in der ZEIT:

Populismus lässt sich nicht durch Verführung erklären, sagt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller. Ein Gespräch über die gefährliche Kraft gegen jeglichen Pluralismus

„Der Spuk geht nicht so schnell vorbei“

Apr 192016
 
Der Islam ist Religion und Ideologie. Einige Differenzierungen sind nötig. Erst dann können Gespräche mit Muslimen gelingen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Eine sinnvolle Debatte über den Islam sollte einiges unterscheiden können. Der Islam als eine Weltreligion mit reicher Geschichte hat sich in mehrere Hauptrichtungen und vielfältigen theologischen Ausprägungen ausdifferenziert. Sich hierüber einen Überblick zu verschaffen lädt zu einer religionsgeschichtlichen und religionswissenschaftlichen Erkundung ein. Dabei wird er auch als eine Quelle der abendländischen Traditionen sichtbar.

Da der Islam eine gelebte Religion ist, gehört die Kenntnisnahme der unterschiedlichen Lebensweisen und Traditionen muslimischer Gemeinschaften wesentlich zu dem Bild dessen hinzu, was ‚Islam‘ gegenwärtig ist. Neben einer weltweiten Sicht wird auch der Blick auf den Islam in Deutschland ein vielfältig gestaltetes Bild ergeben mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen und verschieden ausgerichteten Moscheegmeinden und Dachorganistaionen.

Noch einmal anders ist das Bild, das einzelne Muslime vermitteln in der ganzen Bandbreite, in der sich heutiges Leben eben darstellt, sei es in Europa, sei es in überwiegend islamisch geprägten Ländern. In Deutschland pflegt der überwiegende Teil muslimischer Menschen die eigene Religion mehr oder weniger eng als identitätsstiftende Herkunftstradition. Sie kann sich in das plurale Bild unserer Gesellschaft einfügen.

Dann gibt es den Islam als herrschendes politisches System. Der Streit beginnt schon bei dieser Formulierung, denn manche drücken es lieber so aus, dass gewisse Herrschaftssysteme sich wiederum bestimmter islamischer Traditionen und Motive bedienen für eine politische Ideologie zur Legitimation eigener Herrschaft. Egal wie man es wendet, gemeint sind ‚islamische Staaten‘ wie Iran (schiitisch) und Saudi-Arabien (sunnitisch), aber auch andere überwiegend muslimisch geprägte Gesellschaftssysteme wie in Pakistan und Indonesien. Den Unterschied macht hier die Frage, ob der Islam geradezu als Verfassung gilt (Iran, Saudi-Arabien) oder ob ein formal säkularer Staat im Wesentlichen auf islamische Tradition und Gesellschaftsordnung baut (Pakistan, Indonesien, immer stärker auch die Türkei). Als politische Ideologie ist der Islam zu analysieren und zu kritisieren wie andere Herrschaftsideologien auch.

Schließlich ist da der Islam in seiner offensiv-reaktionären Ausprägung als Salafismus. Schließt dieser Gewalt und Terror zur Etablierung einer entsprechend ausgerichteten islamischen Herrschaft ein (IS oder ISIS), dann sprechen wir vom Islamismus. Terrorismus und fanatischer Fundamentalismus aber können nur bekämpft werden.

Al Azhar, Wikimedia

Al Azhar, Wikimedia

So nützlich diese Differenzierungen sind, so unzureichend und abstrakt sind sie in der Praxis. Die Bilder der einen Form oder Ebene überlagern die Bilder der anderen Ebene, eines vermischt sich in allen möglichen Übergängen mit dem anderen. Erschwerend kommt hinzu, dass der offiziell gelehrte Islam, sei es in seiner schiitisch-iranischen Gestalt, sei es in seiner sunnitischen Mehrheitsform (Al Azhar) kaum zur Stärkung solcher Unterscheidungen beiträgt, im Gegenteil. Radikale Gewalt lehnt die Azhar zwar ab, aber der „moderate“ Islam ist immerhin derjenige der Muslimbrüder, nimmt also möglichst die gesamte Gesellschaft und Politik in den Blick und als Ziel – dort, wo es möglich ist. Es ist auch diese Ambivalenz (Wohlmeinende sprechen von Ambiguität, siehe der Islamforscher Thomas Bauer), welche die Haltung der obersten Gelehrten prägt, von der man nie weiß, ob sie aus Überzeugung oder aus bloßer Opportunität geäußert wird. Die negativen Schlagzeilen des Islam werden dabei schlicht geleugnet: Sie hätten mit dem Islam nichts zu tun.

So ist die hilfreiche und notwendige Differenzierung doch nur eine an den Islam herangetragene Diskussion. Der Weg zu einer einsichtsvollen Veränderung des Islam in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht müsste allerdings über eine gewollte Selbstaufklärung und Selbstkritik führen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Update:

Sehr gut und passend zum Beitrag ist der Artikel von Rainer Hermann, Islam und Demokratie in FAZ.NET .

 19. April 2016  Posted by at 10:11 Islam, Islamismus, Politik Tagged with: , , ,  1 Response »
Nov 282013
 

[Kultur]

Kann Technik obszön sein? Obszön bedeutet im allgemeinen Sinne „das Moralgefühl verletzend“ (so Langenscheidt). Moral und Anstand verletzen kann aber nur ein Verhalten, keine Sache. Sofern bei Technik nur an Gegenstände, Artefakte, gedacht wird, kann das nicht obszön genannt werden. Meint Technik hingegen in einem weiteren Sinne die technische Lebenswelt, ist menschliches Verhalten darin eingeschlossen. Dann sind Wertungen eines Verhaltens als obszön, anstößig, die allgemeinen Werte und Sitten betreffend, möglich.

Ist Technik im Sinne der technischen Lebenswelt obszön? Es mag sinnvollen und weniger sinnvollen Gebrauch von Technik geben, es mag technische Einrichtungen geben, deren Nutzen unmittelbar auf der Hand liegt und für alle ersichtlich und darum erstrebenswert ist (z. B. Waschmaschinen) ebenso wie es technische Apparate gibt, deren Funktion und Zweck fast ausschließlich negativ bewertet werden müssen (z. B. Atombombe, selbst wenn US-Militärhistoriker es noch als positiv anführen, einen für die eigene Seite verlustreichen Krieg schnell beendet zu haben). Man könnte nun fast alles moderne Kriegsgerät anführen, dessen technische Perfektionierung stets der Vernichtung und Zerstörung dient, deren „Verbesserung“ allenfalls in der größeren Zielgenauigkeit, effektiveren Wirkungsweise oder der Vermeidung bzw. Herbeiführung bestimmter verheerender Nebenwirkungen besteht.

Schon hier könnte es nahe liegen, von obszöner Technik zu sprechen. Meine Anführungsstriche beim Wort „Verbesserung“ zeigen das an. Verbesserte Waffen sind solche, deren Vernichtungsfähigkeit verbessert wird, die also letztlich tödlicher, zerstörender, grausamer sind (z. B. Streubomben). Streubomben sind zwar von einigen Staaten geächtet, aber nicht von den Großmächten und von keinem Staat im Nahen Osten. Selbst bei einer völkerrechtlichen Ächtung einer bestimmten Waffenart (z. B. Landminen) wird weder deren heimliche Produktion noch tatsächlicher Einsatz verhindert. Außerdem hat bisher die technologische Weiterentwicklung der Waffenarsenale eher dazu geführt, dass für eine geächtete bzw. überholte Art längst modernere und effektivere Alternativen zur Verfügung stehen.

Solange Menschen, Gruppen, Staaten existieren, die um Macht und Einfluss konkurrieren, wird es auch Waffen zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Bekämpfung und Vernichtung der Gegner geben. Zu Feinden erklärt entbehren Individuen sogar oft jedes menschenrechtlichen Schutzes (Folter, Tötung). Technik steht zu einem großen (größten?) Teil im Dienst der Militärs und der Waffenindustrie. Der militärisch-industrielle Komplex ist eine mächtige Realität (Geheimdienste, Rüstungsforschung, Waffenexporte). Die Stichworte zeigen, dass kein Land davon aus zu nehmen ist, auch Deutschland nicht. Dass technischer Fortschritt dem Leben dient und bessere Lebensverhältnisse schafft, klingt demgegenüber wie Hohn. Kann man Kriegstechnik darum nicht zu Recht als obszön bezeichnen?

Monokultur

Unangenehmes Thema. Wir lieben doch Technik und unsere technischen Spielzeuge. Was soll an einem E-Mobil oder Smartphone schon verwerflich sein? Nun ja, so einfach ist das leider auch hierbei nicht. Nicht allein dass die Bedingungen der Produktion problematisch sind (Auslagerung in Billiglohnländer ohne Sozial- und Umweltstandards), sondern auch der verstärkte Einsatz Seltener Erden insbesondere bei Schlüsseltechnologien (IT, Chemie, Feststoffe) ist grundsätzlich  problematisch. Seltene Erden sind überwiegend giftige „Metalle“, deren Auswirkungen auf Organismen nur wenig erforscht sind. Hinzu kommen erhebliche Probleme beim Abbau und Umgang mit diesen Elementen.

Mining, refining, and recycling of rare earths have serious environmental consequences if not properly managed. A particular hazard is mildly radioactive slurry tailings resulting from the common occurrence of thorium and uranium in rare earth element ores.[60] Additionally, toxic acids are required during the refining process.[15] Improper handling of these substances can result in extensive environmental damage. [Wikipedia, engl.]

Auch bei der Verbesserung der Batterieleistung von E-Mobilen spielen Seltene Erden eine große Rolle. Offenbar handeln wir uns da Probleme ein, deren Auswirkungen bisher kaum bekannt geschweige denn öffentlich diskutiert und angemessen bewertet sind, ganz zu schweigen davon, dass Seltene Erden eben selten sind und damit eine strategische Bedeutung gewinnen. Damit ist klar: Weder E-Mobilität noch IT-Technik ist eindeutig und nur positiv zu bewerten. Dass die negativen Implikationen und Folgen so wenig bekannt sind und kaum diskutiert werden, macht die Gefahren eher noch größer. Die bisweilen von technikverliebten Zeitgenossen skandalisierte Zweiteilung der Gesellschaft in IT-Besitzer und IT-Habenichtse (oft verkürzt auf eine Online- bzw. Offline-Generation) ist nun wirklich das geringste Problem. Es ist ein typisches sekundäres Luxus-Problem, das von den primären Problemen allenfalls ablenkt.

Man könnte nun weitere Technologien (im Sinne von Technik-Systemen) durchgehen und auf deren jeweilige Ambivalenz (vorsichtig gesagt) hinweisen: Der drohende Mangel an lebenswichtigem Phosphat, der in der Phosphatdüngung bislang hemmungslos (wörtlich: ohne Hemmung, weil ohne Problembewusstsein) eingesetzt wird, siehe die Infos bei ARTE Futur. Oder das weltweit in den Ozeanen vagabundierende Plastik, das in die Nahrungsketten eindringt und dem man bisher außer Achselzucken nichts entgegen setzt. Oder die bislang nur recht verschwiegen behandelten Langzeitgefährdungen durch den massiven Einsatz von Pestiziden (neueste Technik: „gebeiztes“, d. h. mit Pestiziden imprägniertes Saatgut) und da besonders durch Neonicotinoide. Wer nach so viel Negativem noch mag, schaue sich die gestrige Sendung von NetzNatur (SRF, 3sat) an. Das Bienensterben ist nur die Spitze des Eisberges; das Verschwinden der Biodiversität in unseren agrotechnischen Lebensräumen ist offenbar eine biologische Zeitbombe – und keineswegs ein Anlass zu romantischer Naturschwärmerei.

Von den Folgen und Auswirkungen der sog. Ersten Technischen Revolution, also der klassischen Industrialisierung, habe ich noch gar nicht geredet und will es auch nur als Stichwort erwähnen. Dieser Themenbereich ist zumindest weitgehend bekannt und gut dokumentiert. In Geschichte sind wir gut, in Zukunft weniger.

Beim näheren Hinsehen zeigt sich, dass unsere durch Technik geprägte Lebenswelt vorsichtig gesagt ambivalent ist, allerdings ambivalent nur der Sache nach. Denn technische Instrumente haben ja an sich keinen positiven oder negativen Wert. Den gewinnen sie erst durch ihren Zweck und ihren Gebrauch. Allenfalls eine eher positive oder eher negative Möglichkeit steckt in den Apparaten, weil sie bereits durch den menschlichen Geist und dessen Interessen und Absichten konstruiert sind. [Die möglicherweise weit reichenden Implikationen dieses Gedankens möchte ich hier nicht weiter verfolgen.]

Wird Technik aber verwirklicht, „gebaut“ und eingesetzt, verliert sie einen großen Teil der Ambivalenz. Sie dient nun dem für sie bestimmten Zweck, bisweilen bringt sie auch noch Folgezwecke und Folgenutzen – und unerwartete Folgewirkungen mit sich. Diese Zwecke technischer Instrumente sind fast durchweg ideologisch verbrämt. Technik, so hört man, dient der Erleichterung von schwerer menschlicher Arbeit. Technik dient der Mobilität, dem Komfort und damit (unterstellt) höherer Lebensqualität. Technik ermöglicht bessere Kommunikation und Beteiligung usw. Irgendwo stimmt das ja auch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, oft, so vermute ich, weit weniger als die halbe Wahrheit. Und genau da beginnt es obszön zu werden. Denn die Kosten im Bereich der Biosphäre und im Bereich „Arbeit & Soziales“ werden regelmäßig und absichtlich unterschlagen. Das konnte nicht nur die Atomindustrie gut.

Der Einsatz von technischen Mitteln dient nüchtern betrachtet zum größten Teil einem lebensbedrohenden Vernichtungspotential (Militär) oder einer massiven Gewinnmaximierung bzw. Kapitalvermehrung (Monopole und monopolähnliche Firmenkomplexe, weniger Google als vielmehr z. B. Monsanto, Syngenta uva.). Der jeweilige Technik-Nutzen dient in erster Linie macht- und wirtschaftpolitischen Zwecken, was oft genug zusammen fällt. Man muss wahrlich kein Marxist sein, um dies zu erkennen. Jede noch so abwegige technische Spielerei wird als lebensdienlich oder Komfort erhöhend verkauft („life companion“). Die sozialen und vor allem auch ökologischen Folgelasten werden tunlichst verschwiegen oder klein geredet. Da das Ausmaß der Schäden durch unsere technisch-industriellen Lebenswelten noch kaum zu ermessen, aber in der Klimaveränderung bereits mehr als nur zu ahnen ist, da dieses Ausmaß aber die menschliche Lebensbasis, die Lebenstauglichkeit unseres Planeten für künftige Generationen angreift und gefährdet, da die Lernfähigkeit und die Bereitschaft und Willigkeit für entscheidende Änderungen der Lebensstile, insbesondere unserer westlichen Überflussgesellschaften kaum vorhanden ist, da also die rasant wachsenden Möglichkeiten der Technik das Potential der Gefahren Weltzerstörung und Selbstvernichtung des Menschen ebenso rasant vergrößern, da – – – ich halte ein.

Ich kann es kaum anders denn als obszön bezeichnen, was sich vor unseren Augen und in unserer Lebenswirklichkeit abspielt. Die Verklärung von Technik, Technikkultur und technologischen Zukunftsvisionen steht in schreiendem Gegensatz zur tatsächlichen Gegebenheit, Produktion und Indienstnahme von Technik. Dazu braucht es nicht erst die NSA. Die Obszönität, die Unmoral liegt im Auseinanderklaffen von vorgespiegelter Glücksverheißung und welt- wie selbstzerstörerischer Wirklichkeit. Vielleicht ist es tatsächlich ein faustisches Problem: Der Geist der technischen Weltveränderung geht nicht, geht nie wieder in die Flasche zurück. Es könnte ein heilender Geist sein, die Möglichkeit zum Guten und zum Nutzen für das Leben sind ja da. Für einen kleineren Teil der Menschheit haben sich die Lebensbedingungen durch den Einsatz moderner Technologien drastisch verbessert (Gesundheit, Wohlstand), aber zu einem hohen Preis für die große Mehrheit und zu Lasten der Biosphäre. De facto haben sich bisher stets die zerstörerischen Kräfte durchgesetzt. Gewalt, Macht und Gier sind einfach zu real, zu dominant. Solange der Mensch Mensch ist, wird sich das kaum ändern. [Absatz update 29.11.]

[Update 21.12.: Link zum Thema Seltene Erden ]

 28. November 2013  Posted by at 14:46 Kultur, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Obszöne Technik
Sep 122013
 

In manchen intellektuellen, zumal netzaffinen Kreisen scheint es chic zu sein, sich als Nichtwähler zu bekennen. „Outen“ kann man nicht sagen, denn dazu gehört ja nichts, keine Überwindung, kein Mut, keine besondere Position. Gerade in Foren und sozialen Plattformen wie Twitter und Google+ scheint das Nichtwählen die einzig „ehrliche “ Option zu sein. Jedenfalls wird auf Texte, die dieses erläutern und propagieren, gerne und oft verwiesen / verlinkt.

Ich ärgere mich darüber, weil die darin zum Ausdruck kommende Haltung reichlich dumm und unverfroren daherkommt. Was als Gründe angeführt werden, sind eigentlich Allerweltsformeln oder auch Stammtischparolen:

  • Die Parteien sind alle gleich.
  • Wahlversprechungen sind Wählerbetrug.
  • Politikern ist die Wählermeinung egal.
  • Politiker denken nur an ihr Interesse / ans eigene Portemonnaie.
  • ‚Die da oben‘ haben den Kontakt zum normalen Volk längst verloren.
  • Leute, die es besser könnten, kriegen keine Chance.
  • Politik ist verlogen, unaufrichtig, Betrug.
  • Wichtiges wird hinter verschlossenen Türen ausgemauschelt.
  • Keiner bietet die Lösungen an, die Otto Normalo will.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Da Politiker immer so sind und sich durch Wahlen eh nichts ändern lässt, kann man auch gleich zu Hause bleiben. Das ist sogar „ehrlicher“, weil man den Politikzirkus einfach nicht mehr mitmacht.

Wer aus welchen Gründen auch immer auf Politik keinen Bock hat, den wird man auch mit mehr Information und größerer Transparenz kaum erreichen. Und ich behaupte: Es ist eines jeden gutes Recht, sich politisch zu interessieren oder nicht – von engagieren ganz zu schweigen. Diese Option eines freien Bürgers darf seitens der Politik aber kein Freibrief dafür sein, nicht fortwährend um Verständnis, Beteiligung und Mitwirkung – kurz: um Interesse zu werben. Auch darf soziale Ausgrenzung  nicht auch politische Beteiligung verhindern. Klar. Mir geht es hier um die anderen, die mit ihrer Wahlverweigerung bewusst kokettieren.

Bundestagswahl 2013 Google Suche

Bundestagswahl 2013 – Google Suche

Es ist dabei unstrittig, dass der Politikbetrieb einiger Verbesserungen bedarf. Es geht dabei nicht bloß um die bessere Vermittlung aktueller Themen, wie es von politischer Seite oft dargestellt wird, sondern um effektiv bessere Information zur Sache, Transparenz der Verfahren, Offenlegung der Interessen, Mitwirkung und Beteiligung der politisch Interessierten am öffentlichen Diskurs. Hier ist vor allem auch die Presse, der „Qualitätsjournalismus“ gefragt. Dieser Diskurs kann schwierig sein, und genau da liegt das Problem.

Immer wieder wird die Komplexität unserer Gesellschaft beschrieben. Themen wie Euro, Renten, Pflege, Krankenversicherung sind in der Tat komplex und verlangen einiges an Information und Verständnis. Wer hier meint, es gäbe jeweils ganz einfache Lösungen und dem entsprechend schwarz-weiß malt, der vertritt den sprichwörtlichen Stammtisch. Die Dinge sind nun mal kompliziert, vielschichtig und meist aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, also differenziert. Klar dass man dann auch zu unterschiedlichen Beurteilungen kommen kann. Voraussetzung einer begründeten eigenen Meinung sollten eben Gründe sein, die auf Kenntnissen und Informationen zum Thema beruhen. Diese Mühe erfordert das politische Geschäft ebenso wie der öffentliche Diskurs.

Die Liste der Klagen (siehe oben) entspringt aber, so mein Eindruck, oft dem Wunsch, es sollte alles so schön einfach sein, wie man sich das wünscht, wie man das selber sieht. Seine eigene Meinung kann jeder und jede zu jedem Thema haben und äußern, man kann auch darüber diskutieren – vielleicht, aber diese eigene Meinung braucht nicht zu stimmen und sie muss auch keiner tatsächlichen Überprüfung stand halten. Sie hat auch keinerlei Folgen. Wie motzen ist sie völlig unverbindlich.

Jeder Einzelne weiß es natürlich besser. Es ist wie beim Fußball: Der Schiri ist doof, nur ich habe recht, ich habs ja klar gesehen – vom TV aus. Auch Politiker und Politikerinnen werden oft gerade von intellektuellen Kritikern der Dummheit und Blödheit geziehen. Das ist dann eine verdammt arrogante und besserwisserische Haltung, die sich über Konsequenzen keine Gedanken machen muss. Auch die Folgewirkungen und Nebenaspekte (Auswirkungen auf andere Bereiche usw.) einer Sache müssen ja nicht bedacht werden. Einfach los blubbern: Politik ist doof, ich weiß es besser, die Parteien bieten keine Alternativen, die Wahl ist eine Farce. Also weg bleiben.

Solche Verantwortungslosigkeit, solche Oberflächlichkeit als chice Attitüde nervt. Demokratie, Meinungsbildung, Diskussion und Diskurs ist mühsam. Gesellschaftlicher, auch politisch zu erzielender Konsens ist der mühsame Weg des Kompromisses. Die intellektuelle Arroganz, die es heute chic findet, nicht zu wählen, ist nahe benachbart dem Ruf nach der harten Hand und dem starken Mann. Demokratische Meinungs- und Willensbildung aber setzt die Mühe der informierten Beteiligung, des Prozesses der Diskussion und Mitwirkung voraus. Am Ende steht zu recht der Kompromiss. Auch das Unterliegen der eigenen Überzeugung gegenüber einer Mehrheit nach einer Abstimmung (z.B. Stuttgart 21) gehört dann zu den politischen Erfahrungen hinzu. Und in all dem heißt es: Toleranz wahren, Respekt und Achtung vor dem Andersdenkenden zeigen. Das ist das Mindeste, was auch im Wahlkampf von Politikern ebenso wie vom interessierten Wahlvolk erwartet werden muss.

Erfreulicherweise ist das repräsentative Wahlvolk, wie es sich in den beiden TV-Wahlarenen zeigte, sehr viel mündiger, kritischer und selbstbewusster als mancher demonstrative Wahlverweigerer:

Ein „Wahlvolk im Kleinen“, nennt Moderator Jörg Schönenborn das Publikum. Es sei repräsentativ ausgewählt. Dabei ist es vor allem erstaunlich souverän. Fast keiner spricht zu lange, fast keiner stellt abseitige Fragen, keiner stottert. Erstaunlich selbstbewusst haken die Zuschauer im Anschluss an die Antworten dieses im Sprechen so geschulten Mannes vor ihnen nach. Manche widersprechen ihm gekonnt, andere wagen sich an Politikempfehlungen. Die meisten eloquent, verständnisvoll, höflich und trotzdem beharrlich. Kaum Politikverdrossenheit, kein Stammtisch. Wenn das repräsentativ ist, dann muss man sich um das Land keine Sorgen machen. (Julian Staib, FAZ)

 

 12. September 2013  Posted by at 16:10 Demokratie, Wahlen Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Verlogener Chic
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins“ darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

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Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas „Öffentlichkeit“.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

„Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.“

Ernst Cassirer, 1944