Okt 162012
 

Die Entwicklung der modernen Welt ist an einem Punkt angelangt, an dem die Dimension der quantitativen Veränderung diverser Parameter der Sozioökonomie einen qualitativen Sprung, umgangssprachlich einen „Quantensprung“, anzuzeigen scheint. Angesichts der globalen Bedeutung und Auswirkungen der gegenwärtig stattfindenden Prozesse kann von einer Art Paradigmenwechsel gesprochen werden. Das Ende der „Westzentrierung“ ist eingeläutet. Dies jedenfalls ist die zentrale These von Volker Schmidt, derzeit als Professor für Soziologie in Singapur tätig.

Die Größenordnung und Tragweite des sozialen und technologischen Wandels, der sich in den letzten ca. zwei bis drei Jahrzehnten zugetragen hat, übersteigt in mehreren Dimensionen diejenige aller vergleichbaren Phasen früheren Wandels, in manchen den kumulativen Effekt bzw. Entwicklungsertrag der voranliegenden 150 Jahre. – Der globale Durchbruch moderner Lebensverhältnisse … ist ein Novum von welthistorischer Bedeutung, das wissenschaftlich noch kaum verarbeitet ist. Er markiert die Heraufkunft einer „anderen Welt“, einer Welt, die uns in vielerlei Hinsicht vertraut ist, sich jedoch zugleich radikal von ihren Vorläufern unterscheidet. … Dabei spricht einiges dafür, dass er in der Summe seiner Einzelerscheinungen, womöglich auch in seinen Konsequenzen, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

In mehreren Beiträgen des SOZBLOGs beleuchtet Volker Schmidt, ausgehend von der thematischen Eröffnung unter der Überschrift „Durchbruch der globalen Moderne“ (12. September 2012), verschiedene Aspekte dieses epochalen Wandels. Insbesondere beziehe ich mich dabei noch auf den Beitrag vom 10. Oktober 2012, „We ain‘t seen nothing yet“ (siehe Bachman Turner Overdrive 1974), frei übersetzt: Das hat die Welt noch nie gesehen.

Schon die Transformationen des 19. und 20. Jahrhunderts haben zeitgenössische Beobachter immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt. Aber nicht nur mit dem Übergang zum modernen Zeitalter, auch innerhalb desselben nimmt die Intensität und Extensität des Wandels von Phase zu Phase zu. Es steht zu erwarten, das auch die gegenwärtige Phase, die Phase der globalen, polyzentrischen Moderne das Wandlungsgeschehen nochmals beträchtlich dynamisiert. Die Transformationskraft und das Transformationspotential der globalen Moderne sind nämlich ungleich größer als diejenigen früherer Phasen der Modernität.

In Anlehnung an Parsons‘ Unterscheidung von Gesellschaft, Kultur, Person und Verhaltensorganismus („heuristisch fruchtbar“)  und unter Zuhilfenahme systemtheoretischer Konzepte Luhmanns („Expansionismus der Funktionssysteme“) skizziert Schmidt das exponentielle Wachstum in den Bereichen Produktion, Wohlstand, Bildung, Forschung, Rationalisierung, Individualisierung, Alphabetisierung, Frauenrechte usw. Er zitiert in beeindruckender Weise verfügbare globale Datensätze und Veröffentlichungen der UNO / UNESCO, Statistischer Ämter und Einzeluntersuchungen. Dabei kommt ihm sein „asiatischer“ Blickwinkel zugute, der ihn manche Entwicklungen und Bewertungen bei uns als Sichtweisen „westlicher“ Dominanz erkennen lassen. Diese aber gehe seit der Jahrtausendwende offensichtlich zu Ende.

Nimmt man eine globale Perspektive ein und orientiert man sich an den im 20. Jahrhundert geläufigen Indikatoren für Modernität, dann scheint es nämlich nur wenig übertrieben zu sagen, die Transition zur Moderne befinde sich in gewisser Weise noch am Anfang, weil moderne Strukturmuster in großen Teilen der Welt erst jetzt auf breiter Front Wurzeln zu schlagen beginnen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die genannten Begriffe als Ausdruck einer bemerkenswert parochialen Sichtweise. Denn abgesehen von ihrem analytisch ohnehin zweifelhaften Wert konnte man, wenn überhaupt, dann nur in Europa und Nordamerika auf die Idee kommen, man befände sich inmitten einer Phase des Übergangs zu einem neuen, nachmodernen Zeitalter. Wer so denkt, denkt die gesamte Welt vom Westen her, behandelt den Westen als Nabel der Welt und den „Rest“ als sozialtheoretisch vernachlässigbare Größe.

Schon die Vergleiche und Entwicklungslinien seit 1900 und dann erst recht ihre Dynamisierung seit 2000 (+/- 20 Jahre, wie er eingrenzt) sind beachtlich. Zwar beschleicht mich ein etwas ungutes Gefühl, wenn Schmidt als Grundlage seiner Analyse rein quantitative Größen verwendet, andererseits kann man bei Daten nichts anderes erwarten als Quantifizierbarkeit. Die dieser Datenlage entsprechende Qualität ist dann Sache der Interpretation bzw. des analytischen Modells sei es der vier Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung nach Parsons, sei es der Zunahme funktionaler Systeme nach Luhmann – oder eines anderen brauchbaren Modells. Und gewiss richtig, wenn auch nicht mehr neu ist es, den Fokus der Betrachtung auf Asien zu setzen.

Pepsi in Indonesien – Wikipedia

In jedem Falle sind Schmidts Überlegungen äußerst anregend, zumal er erstaunlicherweise und gegen den Trend nicht aufs globale „Netz“ und soziale Netzwerke Bezug nimmt, ansonsten die „üblichen Verdächtigen“ als „Marker“ des Modernisierungsprozesses. Zu fragen wäre allerdings, ob dieses Modell nicht zu optimistisch ist (nach dem „zu optimistisch“ fragt Schmidt nur bezogen auf die zukünftige Entwicklung der Datenreihen), zu fortschrittsgläubig. Den vielen deutlichen Steigerungen des Wohlstands und von Bildung und Wissenschaft stehen doch entsprechende Zunahmen der „Opfer“ gegenüber: Zurückgelassene der Modernisierung, Verslumung der Metropolen, Plünderung der natürlichen Ressourcen, Beschädigung der Umweltsysteme (Asien!), wachsende Armut-Reichtum-Drift, Renationalisierung, Fundamenalisierung, „failed states“, Klimaveränderung, um nur die wesentlichen Problembereiche und negativen Themen zu nennen. (Auch hierbei darf der Fokus durchaus auch auf Asien liegen.) „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ – das trifft eben auch auf die weltweite Armut, die Gewaltanwendung gegenüber der Landbevölkerung (China), den Menschenhandel und den Drogenkonsum zu. Die italienische Mafia des 19. und 20. Jahrhunderts ist doch Killefit gegenüber der mächtigen, wachsenden organisierten Kriminalität ganzer Staaten und „Eliten“ heutzutage.

Kurz: Ich vermag diesen Optimismus hinsichtlich des „Durchbruchs der globalen Moderne“ nicht zu teilen. Ich halte schon die enthusiastische Beurteilungen des Siegeszuges egalitärer und freiheitlicher Strukturen allein durch die globale Vernetzung und den Gebrauch sozialer Medien für vermessen, wenn nicht realitätsfremd. Das Ausrufen des Zeitalters der „Globalen Moderne“, die uns um ein „Vielfaches reicher [… macht] als das … vor 150 Jahren“ der Fall war, erscheint mir recht einseitig aus der Sicht der Gewinner geurteilt. Und die Behauptung, letztendlich seien ja alle auf der Gewinnerseite, stellt Schmidt ausdrücklich nicht auf, wenngleich sie mit schwingt und immer wieder zu hören und zu lesen ist. Auch den Ärmsten der Welt gehe es besser als früher. Das mag sein, nur werden sie weiterhin immer stärker abgehängt. Weder das „Netz“ noch der globale „Fortschritt“ werden das Paradies auf Erden bringen. Wir sollten uns vielmehr anstrengen zu verhindern, dass die zukünftige Welt die Hölle wird.

 16. Oktober 2012  Posted by at 10:28 Bildung, Moderne, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Globales Glück?
Mai 312012
 
 Reicht „wissenschaftlich“ als Kriterium der Wirklichkeit? In welcher Perspektive wird geforscht und gedacht? Welches sind unsere speziellen kulturellen Bedingtheiten? Keine neuen Fragen, aber stets wichtige. Und aktuell besonders notwendige.

Wir neigen oft dazu (und ich kann mich selbstverständlich nicht davon frei sprechen), die Ereignisse um uns herum aus einer sehr einseitigen Perspektive wahrzunehmen. Zusätzlich zu unseren subjektiven Bedingtheiten und zu unseren individuellen Vorlieben setzen wir unsere geistigen Auseinandersetzungen, Diskussionen und Diskurse in Buch, Zeitschrift oder im Netz auf eine Perspektive auf, die durch unser Herkunftsland und -sprache bestimmt ist. Es ist deswegen normalerweise die deutsche Perspektive. Manchmal gelingt uns auch schon eine europäische Perspektive, allerdings selten genug, wie sich gerade in der sehr nationalstaatlich geführten Politik-Debatte über die Euro-Schulden-Sonstwas-Krise zeigt. Geschichtsbetrachtungen freilich, seien es mehr belletristisch-feuilletonistische Essays oder historische Rekonstruktionen auf der derzeit gültigen wissenschaftlichen Basis, lassen sich schwerlich auf eine nationale Perspektive begrenzen, ist die nationale Idee und die Praxis der Nationalstaaten doch eine recht junge Erscheinung in Europa. Litereraturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Philosophiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte usw. sprengen den nationalstaatlich begrenzten Rahmen. Kultur ist international, sagen wir dann leichthin, meinen damit aber im Allgemeinen nur, dass sie nicht nur rein „deutsch“ verständlich zu machen ist. Meist unbedacht bleibt dabei aber die Voraussetzung, dass es selbstverständlich eine europäische Betrachtungsweise ist. Denn Kultur- und „Geistesgeschichte“ gibt es nur in Europa, oder etwa nicht?

Dumme Frage, natürlich nicht, klar. „Natürlich“ gibt es anderswo auch Kultur und Geist und Geschichte, aber eben halt eine „andere“, und die hat mit „unserer“ europäischen wenig zu tun, hat es den Anschein, – zumindest sehr wenig zu tun mit der Perspektive, aus wir tagtäglich lesen – schreiben – denken – reden – diskutieren. Die „andere“ Kultur kommt allenfalls als etwas Exotisches, Touristisches in den Blick, in der großstädtischen Nachbarschaft allenfalls als „Multi-Kulti“, aber „normalerweise“ sind wir eben nur „bei uns“ daheim. „Bei uns“ ist dann die spezifisch deutsche – europäische – westliche – abendländische (womöglich noch christlich geprägte) Umgebung. Sie prägt uns in alltäglicher Handlung wie im alltäglichen Denken viel mehr und stärker, als es uns bewusst ist. Für den Alltag reicht das doch auch, meinen wir.

Ich bin da nicht mehr so sicher.  Schaut man nämlich genauer hin, dann wird es auch bei heute aktuellen Diskussionsthemen (z.B. Urheberrecht bzw. Einstellung zur „Kopie“, oder Energiepolitik oder ‚digitaler Revolution‘) zu unterschiedlichen Beurteilungen führen je nach dem, welchen Standpunkt ich „global“ einnehme und welche Perspektive ich wähle. Ich möchte das an einem Punkt verdeutlichen, der zum allgemeinen Konsens in unserer Kultur zählt, dass nämlich die wissenschaftlich-technisch-industrielle Revolution auf den spezifisch abendländischen Tugenden und Voraussetzungen beruht. Dies aber kann begründet bezweifelt werden. Lesen wir dazu einmal bei dem US-Historiker Robert B. Marks nach, was der über den oft hergestellten Zusammenhang zwischen abendländischer Wissenschaft und industrieller Revolution schreibt:

Es gibt jedoch kaum Anhaltspunkte dafür, die europäische Wissenschaft in Verbindung mit den Anfängen der Industriellen Revolution oder mit ihren revolutionären technischen Neuerungen zu bringen. Dies hat vielerlei Gründe….

So lange man glaubte, die Industrielle Revolution sei von der Suche nach Arbeit sparenden Maschinen in Gang gesetzt worden, mag es sinnvoll gewesen sein, den technologischen Fortschritt als entscheidendes Merkmal anzusehen. Woran es aber tatsächlich mangelte, war – wie oben gezeigt – Boden, nicht Arbeit: Folglich waren es Kohle und Kolonien, die diesen Mangel behoben und es England ermöglichten, sich als erstes Land zu industrialisieren. Grundsätzlich waren die Prinzipien der in der Industriellen Revolution verwendeten Technologien in China bereits bekannt. Was ihre Entwicklung in England statt in China möglich machte, waren – wie zuvor angedeutet – die besonderen Umstände in England, die den Brennstoff [Kohle] für die ersten, außergewöhnlich ineffizienten Dampfmaschinen praktisch frei verfügbar machten. China hatte dieses Glück nicht.

Selbst wenn wir den neuen Technologien – besonders Dampfmaschinen, der Eisen- und später Stahlproduktion – eine namhafte Rolle in der Industriellen Revolution beimessen wollen, gibt es kaum Belege dafür, dass die Mechaniker und Tüftler, die solche Maschinen erfanden, „Wissenschaftler“ waren oder dass sie überhaupt wissenschaftliche Kenntnisse besaßen….Industrialisierung in England war also durch eine Unmenge Faktoren bedingt, zu denen freilich die wissenschaftliche Revolution nicht gehörte. [Robert B. Marks, Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, 2006 (US: 2002), S. 133f.]

Vielmehr lagen die „besonderen Umstände“ unter anderem im Silberbedarf des frühneuzeitlichen Chinas begründet, den man mit dem südamerikanischen Silber, also aus kolonialer Ausbeutung der Erze, befriedigen und damit Handelsströme umlenken und Machtgewichte neu bestimmen konnte. Sind „Kohle und Kolonien“ (und Sklaven) dann also nur die historischen „Zufälle“, die zum überraschenden Überholen und dann Vorsprung des Westens gegenüber Indien und China führten? So liest es sich bei Marks. Der „ideengeschichtliche“ und durch wissenschaftliche Forschung getriebene „Fortschritt“ erweist sich dann als Mythos, gewissermaßen als Gründungsmythos der Überlegenheitsepoche der abendländischen Zivilisation. Ganz kurz auf die Gegenwart geschlossen: Die heutige (Wirtschafts-) Politik Chinas und Indiens holt also nur einen Entwicklungsschub nach, natürlich heute unter ganz anderen globalen Bedingungen, den die westliche Welt im 18. / 19. Jahrhundert begründete und durch mehrere „Weltkriege“ (auch der Krimkrieg war ein solcher) zu einseitigem Vorteil zu zementieren suchte. Aus chinesischer Perspektive muss allein um der eigenen kulturellen Tradition und Selbstbehauptung willen sowohl die Debatte um die in der abendländischen Aufklärung begründeten „Menschenrechte“ als auch um das Eigentumsrecht an „Originalen“ und die Verteufelung und letztlich Kriminalisierung von „Kopien“ ganz anders geführt und mit sehr anders gelagerten Begründungen und Selbstverständnissen unterfüttert werden, als „uns“ das westlich selbstverständlich und aufgeklärt-humanitär gerechtfertigt zu sein scheint. Auch „Wissenschaft“ hilft da nicht so einfach weiter, weil das Verständnis von dem, was als „wissenschaftlich“ zu gelten hat, ebenfalls kulturell und damit perspektivisch bedingt ist.

Was hilft, ist zu aller erst die Augen über den Tellerrand der abendländischen Perspektive zu erheben. Es ist darum sehr hilfreich, wenn auch einmal „Weltgeschichte“ nicht aus europäisch-abendländischer“ Perspektive geschrieben wird, sondern aus einer globalen Perspektive heraus (siehe das zitierte lesenswerte Buch von Robert Marks), die sich natürlich nie vollständig von der eigenen Herkunft lösen kann. Und das muss ja auch nicht sein. Nur bewusst sollte es sein, aus welcher Perspektive man denkt, liest, redet, schreibt, diskutiert. Der seitens mancher „Netizens“ oft etwas verbissenen ideologischen Diskussion um das Ausmaß und die inhaltliche Tragweite („Paradigmenwechsel“) dessen, was zunächst einmal mit dem Arbeitstitel „digitale Revolution“ versehen werden kann, täte es auch sehr gut, sich ihrer eigenen westlich-wissenschaftlichen „Borniertheit“ bewusst zu werden und das, was jetzt aus „unserer“ Sicht selbstverständlich „dran“ ist, in den weiteren Horizont einer globalen, wirklich interkulturellen Diskussion und Perspektive zu stellen. Den Diskurs dazu muss man allerdings erst erfinden. Das „Weltwirtschaftforum“ in Davos allein (Vorsicht, Ironie) kann es ja wohl kaum sein.

 31. Mai 2012  Posted by at 13:29 Europa, Geschichte, Kolonialismus, Kultur, Neuzeit, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Wessen Wirklichkeit treibt die Wissenschaft?