Mrz 112018
 

Kürzlich veröffentlichte das Umweltbundesamt (UBA) eine Studie zur Gesundheitsbelastung durch Stickstoffdioxid NO2 unter der Überschrift: „Stickstoffdioxid führt zu erheblichen Gesundheitsbelastungen. UBA-Studie ordnet Gesundheitsbelastung durch Stickstoffdioxid in Deutschland ein“. In der Presse wurde die Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie weit stärker verkürzt, als sie auf der Webseite des UBA ohnehin schon knapp dargestellt ist. Die Zahl von knapp 6000 Todesfällen und 437.000 Erkrankungen pro Jahr wurde medial verbreitet: „Stickoxide brachten 2014 Tausenden den Tod.“ (n-tv) Das war noch eine vergleichsweise sachliche Formulierung. Die Präsidentin des UBA, Maria Krautzberger, wird auf ihrer Pressekonferenz zitiert mit dem Satz: „Die Ergebnisse, die wir vorstellen, sind die Untergrenze“, die wirklichen Zahlen lägen wohl höher. Daraus leitete sie die Forderung ab, Grenzwerte weiter zu senken, was, so die weitere Folgerung in der Presse, ohne Fahrverbote für Diesel-PKW kaum möglich sei. Ein kleiner Satz aus der kurzen Pressemitteilung selbst wurde allerdings seltener (z.B. in der FAZ) mitgeteilt: „Epidemiologische Studien ermöglichen zwar keine Aussagen über ursächliche Beziehungen. Jedoch liefern sie zahlreiche konsistente Ergebnisse über die statistischen Zusammenhänge zwischen negativen gesundheitlichen Auswirkungen und NO2-Belastungen.“

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen darauf, was die Studie tatsächlich leistet, was ihr Ziel ist und welche Methoden sie dafür wählt, außerdem welche Einschränkungen und Vorbehalte die Autoren machen. Verantwortet wird die Studie vom Helmholtz Zentrum München GmbH, Institut für Epidemiologie, Arbeitsgruppe „Environmental Risks“. Sie ist auf den Seiten des UBA frei verfügbar,  für den Laien aber nicht ohne weiteres verständlich. Es helfen die in der Studie selbst angebotene Einleitung, Methodenerklärung und ausführliche Zusammenfassung. Die Studie ist nicht allein für das Thema Stickoxide und ihre gesundheitlichen Auswirkungen aufschlussreich, sondern paradigmatisch dafür, auf welche Weise wissenschaftliche Studien durchgeführt, aufgegriffen, zusammengefasst, medial gedeutet und in ihrer extrahierten Quintessenz verbreitet werden. Die komplexe Differenziertheit einer solchen Studie kann darin fast völlig verlorengehen.

Der genaue Titel der Studie lautet: „Quantifizierung von umweltbedingten Krankheitslasten aufgrund der Stickstoffdioxid-Exposition in Deutschland.“ Es geht also um Quantifizierung, um die größenmäßige Feststellung der Verbreitung von Stickoxiden in Deutschland 2007 – 2014, ferner um den quantifizierten Anteil der Bevölkerung unterschiedlicher Altersgruppen und Wohngebiete, der wiederum unterschiedlichen Mengen von NO2 ausgesetzt ist, und schließlich, am wichtigsten, um zahlenmäßige Aussagen zu gesundheitlichen Folgen bzw. um die Art und Zahl der durch NO2 bedingten Krankheitsfälle einschließlich Todesfällen. Entsprechende Untersuchungen wurden natürlich nicht alle neu vom Helmholtz Institut durchgeführt, sondern die Studie sichtet vorhandene Untersuchungen zum Thema NO2 in vergleichbaren Ländern (USA, Kanada, Schweiz), greift auf vorhandene Modelle und Erhebungen zurück und verbindet sie mit dem Kenntnisstand aus epidemiologischen Untersuchungen und Ergebnissen. Dies wird akribisch aufgelistet, dokumentiert und vielfach tabellarisch zusammengefasst. Die Gründlichkeit und Transparenz der in der Studie unternommenen Aufarbeitung scheint mir kaum zu bemängeln.

Stadtverkehr

(c) BMVI

Zentral sind dabei die methodisch bedingten Voraussetzungen und Einschränkungen. Man halte sich das vor Augen: Es wird auf Fakten in Form von Messwerten an einzelnen Stationen im Lande zurückgegriffen, ferner auf Daten von Krankheitsfällen und -verläufen, die klinisch / epidemiologisch dokumentiert sind. Die vorhandenen Rohdaten sagen für sich noch gar nichts, solange sie nicht in ein computergestütztes Modell eingepasst werden, das zum Beispiel aus einzelnen Messdatenreihen die NO2-Konzentration für ein ganzes Land feinkörnig ( 1 qkm) hochrechnet. Dasselbe gilt für die Berechnung, welche Teile der Bevölkerung welcher Konzentration ausgesetzt sind: Es geht um Modellierungen und Hochrechnungen, wie sie in diesen und anderen Bereichen wissenschaftlich üblich und bewährt sind. Es bleiben aber Modelle. Diese Modelle der NO2 -Konzentration und Exposition werden nun korreliert mit ebensolchen Modellen (Hochrechnungen aus Einzeldaten entsprechend einem angenommenenen Verlaufsmodell) aus der Krankheitsstatistik und der epidemiologischen Forschung. Schließlich werden diese erhobenen Korrelationen bewertet, und zwar auf ihre Evidenz (Stichhaltigkeit, Beweiskraft) bezüglich eines Wirkungszusammenhangs zwischen NO2-Belastung und zu erwartenden Krankheitsbildern und -verläufen hin. Diese Bewertungen werden noch einmal differenziert nach starker, moderater und schwacher Evidenz. Ich fasse zusammen: Die Studie fasst andere Studien zusammen und wertet sie aus hinsichtlich vorhandener Modellrechnungen, Korrelationen und Bewertungen entsprechend wissenschaftlicher Methodik und Exaktkeit. Vor allem Computermodelle und die mathematische Statistik sind hierfür zentral. Dieses Verfahren ist nachvollziehbar und wissenschaftlich bewährt, denn wie sonst sollte man aus relativ verstreuten Einzeldaten (von z. B. einigen hundert Messstationen oder konkreten klinischen Verläufen) irgendeine allgemeine Aussage gewinnen und Schlussfolgerungen treffen? Dies geschieht nach bestem Wissen und bewährter Methodik. Aber es sind Modelle (mit begrenzten Rahmen- und Ausgangsbedingungen), Hochrechnungen (mit Fehlerquote), Korrelationen (statistische Zusammenhänge ohne Kausalität), Bewertungen (nach offengelegten Maßstäben) und Schlussfolgerungen, die sich nach Meinung der Autoren der Studie daraus ergeben. Darauf stützen sich dann die Darstellungen und Schwerpunkte in der Vorstellung der Studie durch das UBA und die Bewertungen und Meinungsäußerungen in den Medien. Nebenbemerkung: Ähnlich verfährt auch die Klimaforschung, allerdings auf der Basis eines weitaus größeren empirischen Datenmaterials. Denn schaut man sich die hier besprochene Studie auf die empirischen Daten hin an, dann ist das Material selbst vergleichsweise dürftig, am solidesten sind die an den Messstationen erhobenen Daten sowie klinische Befunde. Diese aber sind empirisch nicht zu verallgemeinern, sondern nur in Modellrechnungen darstellbar – wie in anderen Studien vorgelegt. Studien berufen sich also hier legitimatorisch auf andere Studien. Man muss dies als eine methodische Einschränkung werten.

Als Beispiel für Bewertungen und Maßstäbe, wie sie in der Studie verwandt werden, nenne ich hier den Begriff der „starken Evidenz“. Sie wird so definiert:

Starke Evidenz: Es liegt eine ausreichend große Anzahl von Studien vor, die eine konsistente Verbindung zwischen NO2 und Endpunkt aufzeigen. „Ausreichend“ kann je nach Endpunkt unterschiedlich definiert sein. Der Zusammenhang zwischen NO2 und Endpunkt ist bestätigt, d. h. mehrere Studien kommen zu einem vergleichbaren Ergebnis, und es liegen keine Studien vor, die dem Zusammenhang widersprechen (Nullergebnisse sind kein Widerspruch!). Der Zusammenhang wurde in verschiedenen Populationen mit variierenden Studienmethoden nachgewiesen. [S. 25]

„Endpunkt“ bedeutet die Krankheit bzw. den Krankheitsverlauf, der im Zusammenhang mit NO2-Belastung stehen könnte. Aufgelistet werden 12 Befunde, darunter Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Asthma. Die Bewertung „ausreichend bestätigt“ liegt dann vor, wenn mehrere Studien zu einem vergleichbaren Ergebnis kommen. Bemerkenswert ist dabei, dass ausdrücklich „Nullergebnisse kein Widerspruch!“ sind. Wenn also eine Studie keinen Zusammenhang zwischen NO2-Belastung und Befund herstellen kann, wird das faktisch als Bestätigung eines Zusammenhangs gewertet; ein Widerspruch liegt nur dann vor, wenn eine entsprechende Studie dem Zusammenhang von NO2-Belastung und medizinischem Befund ausdrücklich zuwiderliefe, also z. B. eine sinkende Asthmarate korrelierte. Dass „Nullergebnisse“ hier als Bestätigung gerechnet werden, halte ich in unserem Zusammenhang für höchst fragwürdig.

Darüber hinaus werden aber weitere Einschränkungen in der Studie selbst genannt. Denn einerseits gilt:

Wie den Übersichtsarbeiten der amerikanischen Umweltbehörde (U.S. EPA, 2016), des Schweizerischen Tropen- und Public Health Instituts in Basel (Swiss TPH; Kutlar Joss et al., 2015), des REVIHAAP-Projekts („Review of evidence on health aspects of air pollution“; WHO, 2013a) und von Health Canada (2016) zu entnehmen ist, konnten in Kurzzeitstudien Zusammenhänge zwischen einer Erhöhung der NO2-Belastung und einer Zunahme der Gesamtmortalität und insbesondere der Mortalität aufgrund von Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen gezeigt werden. [S. 19]

Die Studie spricht hier in anderem Zusammenhang von „biologischer Plausibilität“, was immer das genauer bedeuten mag. So weit, so gut. Aber andererseits räumt die Studie ein:

Die gesundheitlichen Wirkungen werden häufig auch bei niedrigen NO2-Konzentrationen gefunden (Brunekreef et al., 2012; Brunekreef and Holgate, 2002). Jedoch können einige der beobachteten gesundheitlichen Folgen derzeit noch nicht allein NO2 zugeschrieben werden, da andere verkehrsbedingte Luftschadstoffe ähnliche räumliche Verteilungen wie NO2 aufweisen. Speziell die sehr begrenzte Anzahl von Studien, die z. B. ultrafeine Partikel (Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 0.1 μm) als Störgröße in ihren Analysen berücksichtigen, lässt hier nur limitierte Schlussfolgerungen zu. Zudem ermöglichen epidemiologische Studien keine Aussagen über ursächliche Beziehungen. Die zahlreich vorhandenen epidemiologischen Studien liefern jedoch konsistente Ergebnisse über die Zusammenhänge zwischen NO2-Belastungen und ihren negativen gesundheitlichen Auswirkungen. [ebd.]

Hier sind wir am eigentlichen Knackpunkt. Zunächst kann man auch innerhalb der Logik der Studie fragen, wie plausibel die Korrelation, interpretiert als Wirkungszusammenhang, für bestimmte NO2-Konzentrationen ist, wenn sich offenbar einzelne Krankheitsbilder- und -verläufe gleichermaßen bei hoher und niedriger Konzentration feststellen ließen, also eher den Hinweis boten, dass da zwischen NO2 – Exposition und medizinischem Befund womöglich gar kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, sondern die genannten „anderen Luftschadstoffe“ (warum nur „verkehrsbedingt“?) ebenso korrelieren – oder auch nicht. Aus meiner Sicht entwerten diese Aussagen und Einräumungen die weitreichenden Schlussfolgerungen der Studie ganz erheblich. Es geht nur um „Modelldaten“ und vermutete Zusammenhänge, um nicht weniger, aber auch nicht um mehr.

Dies gilt noch mehr für die beiden letzten Sätze in dem eben zitierten Absatz. Es sind nur „limitierte Schlussfolgerungen“ erlaubt, denn „epidemiologische Studien machen keine Aussagen über ursächliche Beziehungen“. Noch mehr und stärker gilt das für statistisch erhobene Korrelationen generell. Das räumt die Studie ebenfalls ein, ausdrücklich auch in dem zusammenfassenden Pressestatement. Korrelationen liefern keine Kausalität. Statt dessen muss man sich mit „konsistenten Ergebnissen über die statistischen Zusammenhänge“ begnügen, was immer das „konsistent“ im Einzelnen bedeutet. Das musste vor einigen Jahren auch Google erfahren, als es aus gehäuften Suchanfragen nach Grippemedikamenten eine Voraussage für auftretende Grippeerkrankungen ableiten wollte. Es konnte von der Wirklichkeit nicht gestützt werden, weil offenbar die Korrelate falsch angesetzt waren: Die Suche nach Grippemitteln korrelierte allenfalls mit der Sorge vor Grippeerkrankung, nicht aber mit tatsächlichen Erkrankungen. Die Ableitung von Wirkungszusammenhängen aus statistischen Mustern und Korrelationen bleibt immer problematisch, weil hier oft die Vermutung einer Konsistenz zu einer faktischen Evidenz umgedeutet wird. Dies scheint mir hier in der Studie durchgängig der Fall zu sein. Die in der Presse verkündeten Ergebnisse, zumal hinsichtlich von Mortalitätsraten, werden von der Studie in keiner Weise gedeckt. Es handelt sich allenfalls um statistische Möglichkeiten, sofern man alle anderen definierten Ausgangsbedingungen gelten lässt.

Der Satz „NO2 tötet“ ist eine unzulässige Verallgemeinerung und wissenschaftlich evident nicht belegbar. Die Gesamtmortalität wird als schwach bewertet (im oben eingeschränkten Sinn: es gibt nur widersprechende oder unzureichende Studien), allenfalls die „Respiratorische Mortalität“ (Atemwegserkrankungen) wird als korrelativ „stark“ bewertet, auch wenn sich das bei Kurzzeiteffekten nicht bestätigen ließ (vgl. S. 27). Auch hier gilt, dass der Zusammenhang mit anderen Luftbelastungen nicht ausreichend geklärt und ein Wirkungszusammenhang (Kausalität) nicht bestätigt werden konnte.

Aus den hier vorgestellten Beobachtungen und Überlegungen hinsichtlich der Aussagekraft und Tragweite der diskutierten Studie lässt sich so viel sagen: Die in der Pressemitteilung formulierte Verallgemeinerung des UBA ist schlicht durch die Studie nicht gedeckt, es handelt sich um eine einseitige Interpretation einer vermuteten Tendenz:

Die Studie zeigt unter anderem, dass acht Prozent der bestehenden Diabetes mellitus-Erkrankungen in Deutschland im Jahr 2014 auf Stickstoffdioxid in der Außenluft zurückzuführen waren. Dies entspricht etwa 437.000 Krankheitsfällen. Bei bestehenden Asthmaerkrankungen liegt der prozentuale Anteil der Erkrankungen, die auf die Belastung mit NO2 zurückzuführen sind, mit rund 14 Prozent sogar noch höher. Dies entspricht etwa 439.000 Krankheitsfällen.

Diese Tatsachenaussagen werden durch die Studie selbst nicht gestützt. Die in der Presse verbreitete Zahl von fast 6000 Todesfällen ‚durch NO2‘ entbehrt jeder evidenten Grundlage. Es handelt sich dabei um eine statistisch mögliche Randaussage im Rahmen der limitierten Aussagekraft der verschiedenen Studien und ihrer modellhaften Auswertung. Sie dramatisiert und skandalisiert in unzulässiger Weise. So wird aus transparenter Wissenschaft – Pseudowissenschaft. Unbestreitbar ist jedoch:

NO2 wirkt als sehr reaktives Oxidationsmittel. Die relativ geringe Wasserlöslichkeit von NO2 führt dazu, dass der Schadstoff nicht in den oberen Atemwegen gebunden wird, sondern in tiefere Bereiche des Atemtrakts (Bronchiolen, Alveolen) eindringt. Dort kann NO2 bei Kontakt mit Alveolargewebe Zellschäden auslösen und entzündliche Prozesse verursachen sowie zu einer Hyperreagibilität der Bronchien führen. Hyperreagibilität gilt als ein Risikofaktor für die Entwicklung allergischer Atemwegserkrankungen. [S. 19]

Darum sollte es gehen: Um eine angemessene Bewertung der Luftverschmutzung in unserem Land, maßgeblich verursacht durch den Straßenverkehr. Darüber besteht Einigkeit. Dass alles dafür getan werden muss, Umweltbelastungen, insbesondere Luftverschmutzung, Emissionen, zu reduzieren, steht außer Frage. Selbst vermutete und plausible Wirkungszusammenhänge zwischen verschiedenen Schadstoffen, darunter bestimmt auch NO2, CO2, Feinstaub usw., und dem vermehrten Auftreten von z. B. Atemwegs- und Koronarerkrankungen reichen aus, um politisch nachhaltig aktiv werden zu müssen. Eine wissenschaftlich verantwortete, aber eigentlich nur vermutete und als „evidenzbasiert“ behauptete Studie hilft hier eher nicht weiter. Sie befördert allenfalls eine Instrumentalisierung wissenschaftlich begrenzter Aussagen zu ideologischen Versatzstücken, mit denen die eigene Meinung legitimiert werden soll.

Reinhart Gruhn

Update: Siehe auch hier: Die erfundenen Toten (Spiegel)

 11. März 2018  Posted by at 13:30 Gesellschaft, Statistik, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Das NO2 – Dilemma
Aug 062016
 

Im westeuropäischen Populismus geht es mehr um die gefühlte Bedrohung einer Wohlstandsinsel durch die Migration als um Globalisierungs- oder Kapitalismuskritik.

Es gibt ein neues Gespenst, das Gespenst des Globalisierungs-Narrativs. Die Globalisierung habe zu einer Verschärfung der Einkommens-Ungleichheiten weltweit geführt, die Armut anwachsen und die Mittelklasse absteigen lassen. Die Deindustrialisierung der Industrieländer führe dort zu weiteren sozialen Spannungen. Schließlich bringt die Konkurrenz um Arbeitsplätze durch die Migranten eine explosive Stimmung hervor, die Populisten, Nationalkonservativen und Autokraten die sichtbaren Erfolge liefere – von Le Pen über Orban, Erdogan, Putin bis hin zu Trump. Das entsprechende Gegen-Narrativ ist dann das des unterdrückten Volkes, das einen starken Führer suche. Diese beliebten sogenannten „Narrative“ sind Erfindungen des Feuilletons. Es sind vereinfachende Erklärungsideologien, zur Differenzierung unfähige Deutungsmuster, denen der Populisten ähnlich, und nicht schon darum besser, weil sie in überregionalen  Tageszeitungen wie der Süddeutschen (Stefan Ulrich) verbreitet werden.

Schaut man nur ein bisschen näher hin, dann zeigt sich, dass die „narrativ“ beschworenen Entwicklungen überhaupt keinen gemeinsamen Nenner haben. Dass vieles gleichzeitig passiert und wahrgenommen wird, lässt noch keine Aussage über gemeinsame Ursachen und Problemhorizonte zu. Denn diese sind sehr unterschiedlich. Es ist ja erstaunlich, dass populistische rechtsnationale Strömungen eher in hoch entwickelten Ländern entstehen, deren wirtschaftliche Situation von Stärke und Prosperität geprägt ist, als in Armutsregionen. Trotz gegenteiliger Behauptungen hat sich die Einkommensschere in Deutschland und den Niederlanden (und sogar in Frankreich) unter Berücksichtigung der Sozialtransfers keineswegs geöffnet, im Gegenteil. Der Gini-Koeffizient der meisten (west-) europäischen Länder verharrt im unteren Mittelfeld. So finden sich unter dem Führungspersonal rechtspopulistischer Parteien durchweg saturierte Bürger, auch wenn diese Parteien für diejenigen attraktiv sein können, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen. Wilders, Le Pen, Strache, Blocher (!) und die AfD können eben nicht als aus wirtschaftlicher und sozialer Not heraus motiviert erklärt werden.

Ganz entgegengesetzt aber sieht es dort aus, wo die Ungleichheit größer geworden ist und  hohe Arbeitslosigkeit herrscht. In südeuropäischen Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland gibt es zwar erstarkte rechte und linke „populistische“ Parteien, die aber ganz anders politisch verortet sind als hiesige Rechtsnationale.  Ökonomieprofessoren wie Iglesias und Varoufakis könnten viel eher als Gallionsfiguren einer globalisierungskritischen Bewegung gelten. Wenn man sich allerdings die Regierungspraxis zum Beispiel von Alexis Tsipras anschaut, dann ist in der Politik Griechenlands viel eher Pragmatismus und sozialdemokratischer Konservativismus anzutreffen als populistischer Rigorismus. Den findet man dafür in Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Polen (mit Kaczynski im Hintergrund), was auf die spezielle Situation der postkommunistischen Länder hinweist und entsprechende Ursachen wie gesellschaftliche Abgeschlossenheit vermuten lässt.

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Alexis Tsipras 2014 (c) Wikimedia

Die autokratische, nationalistische Entwicklung in der Türkei findet auf dem Hintergrund eines fast beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs statt. Die Hintergründe der derzeitigen Politik Erdogans muss man wahrscheinlich eher bei einem auch in der Türkei salonfähig gewordenen Islamismus in Verbindung mit mafiösen Strukturen im Erdogan-Clan („Syrer“) suchen. Das Modell „Putin“ bietet sich da als Vergleich an, nur dass die Komponente des politischen Islam hier mehr Gewicht hat als die christliche Orthodoxie in Russland. Die Präsidentschaftskandidatur Trumps hat wiederum sehr US-amerikanische Hintergründe, die sich mit europäischen Entwicklungen nicht annähernd in Übereinstimmung bringen lassen. Käme noch der terroristische und politische Islam hinzu, der insgesamt kaum einfach und eindimensional, oft beliebt als Spätfolge des Kolonialismus, erklärt werden kann. Es ist leider alles sehr viel unterschiedlicher und vielgestaltiger, als es die Feuilleton-Redakteure mit ihren beliebten „Narrativen“ uns vorerzählen wollen. Das macht allerdings Arbeit, die Arbeit der Erörterung von detailreichen Hintergründen, Klärung von Sachverhalten und vor allem immer wieder – Differenzierung.

Vielleicht käme dann ein anderes Erklärungsmuster zum Vorschein, wenn es um den derzeitigen westeuropäischen Populismus geht, der immerhin auch mitbeteiligt am Brexit-Ergebniss gewesen ist. Es geht dabei wohl mehr um die gefühlte Bedrohung einer Wohlstandsinsel durch die Migration als um Globalisierungs- oder Kapitalismuskritik. Merkels „Wir schaffen das“ verkennt dieses Gefühl der Bedrohtheit einer bisher exklusiven Vorzugsstellung als Bürger eines reichen westeuropäischen Landes. Insofern hat Navid Kermani durchaus Recht, wenn er auf das zeitliche Koinzidieren von vielerlei Entwicklungen hinweist, die insgesamnt das Bedrohungsgefühl verstärken, auch wenn sie sachlich kaum etwas miteinander zu tun haben. Und ebenso hat Bassam Tibi Recht, wenn er darauf insistiert, dass wir in Europa überhaupt noch nicht die wirkliche Dimension der Herausforderung durch Migration, Einwanderung und echter Integration begriffen geschweige denn politisch und programmatisch bewältigt haben. Der politische Islam ist dabei eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Statt um einfach zu lesende, aber billige Feuilleton-Geschichten sollten sich auch „Qualitätsmedien“ besser um sachliche Aufklärung und Beiträge zur Lösung dieses Jahrhundertproblems kümmern.

 6. August 2016  Posted by at 11:07 Europa, Politik, Populismus Tagged with: , , , ,  1 Response »
Jul 232015
 

[Gesellschaft]

Sprechen wir zunächst vom Gedanken des Fortschritts. Es ist ein relativ neuer Gedanke, ein typisches Kind der Aufklärung und der Moderne. Für Hegel ist die „Weltgeschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, Comte und Marx / Engels haben je auf ihre Weise die geschichtlichen Veränderungen ihrer Zeit als eine mehr oder weniger gesetzmäßig verlaufende Entwicklung verstanden. „Aus Chaos zur Ordnung“ war der Schlachtruf der Modernisten des 19. Jahrhunderts, die sich begeistert Darwins Evolutionslehre aneigneten und sie als „Sozialdarwinismus“ auf gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen versuchten. Der Fortschrittsgedanke verband sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung zu einem gewaltigen Weltbild einer „kosmischen Evolution“ (Spencer), die Natur und Kultur in gleicher Weise einschloss und antrieb. Besonders in kulturgeschichtlichen Betrachtungen und Analysen (Elias, Durkheim, Levi-Strauss uva.) wurde der Gedanke einer aufwärts strebenden Entwicklung aus primitiven Schichten zu immer höher stehenden, kulturell entwickelteren Formen des Zusammenlebens, als ein Prozess der positiven Zivilisierung aufgefasst. Das 20. Jahrhundert brachte das typische „immer weiter – immer schneller – immer höher“ als ein Griff zu den Sternen ins Bewusstsein. Etwas abgewandelt findet sich der Gedanke noch heute als „Mooresches Gesetz“ (Verdopplung der IC-Komplexität alle 24 Monate) in der Chip-Industrie wider.

Die Literatur zum Thema Fortschritt und Entwicklung / Evolution ist uferlos. Sie schwankt zwischen grenzenlosem Optimismus und abgrundtiefem Pessimismus und deckt zwischen diesen Polen alle möglichen Schattierungen ab. Das 20. Jahrhundert hat mit zwei Weltkriegen und zahllosen postkolonialen Katastrophen die Fragwürdigkeit eines Progressismus vor Augen geführt, der nicht zugleich auch die Schrecken der Neuzeit und die Abgründe der Moderne (Verdun; Auschwitz; Hiroshima; My Lai) mit bedenkt. Auch 1989 fand nicht das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) statt, und Zweifel daran, dass die USA nach eigener Einschätzung die höchste Form menschlicher Zivilisation darstellen, sind nicht erst seit Abu Ghraib angebracht. Inzwischen sind auch die enthusiastischen Töne, dass die digitale Revolution mit Robotern und künstlicher Intelligenz die Menschheit auf eine höhere Kulturstufe katapultiere, leiser geworden. Im Grunde ist es aber dasselbe Spiel mit der Begeisterung für den „Fortschritt“, der nicht nur in der DDR in heute kaum glaublicher Naivität gefeiert wurde. Silicon Valley teilt von Grund auf diesen grenzenlosen Optimismus, dass sich mit Computern, Daten und ein paar guten Ideen (+ Dollar) alle Probleme der Menschheit lösen lassen („Schöne neue Welt“…) Natürlich gibt es auch die Gegenmeinung, „warum man das Silicon Valley hassen darf“ (Evgeny Morozov).

Es ist ein Kennzeichen der Debatte um Fortschritt und Entwicklung, sei es technologisch oder kulturell, politisch oder digital, dass sie zu Extremen verleitet, dass dem enthusiastischen Optimismus, dem alle Veränderung gar nicht schnell genug gehen kann, stets der warnende Pessimismus zur Seite steht, der bei Umwelt, Klima, Gentechnik usw. die jeweils nächsten Katastrophen-Szenarien ausbreitet. Die „heißen“ (progressiven) und „kalten“ (konservativen) Formen der Kultur (Levi-Strauss) finden sich also gar nicht so sehr in unterschiedlichen Ethnien und auf zeitlich oder räumlich verteilte „Kulturstufen“ wider als vielmehr nebeneinander als Ausdruck unterschiedlicher Weltanschauungen innerhalb der modernen globalisierten Welterfahrungen. Das Muster von „heiß“ und „kalt“ kann dabei durchaus als Spektrum dienen, in dem man die unterschiedlichen Ausprägungen des Weltgefühls verorten kann. Erkennt man es als ein brauchbares Deutungsmuster, so findet man Anwendungsbeispiele in vielen Bereichen des sozialen und politischen Alltags. Selbst die Debatte um Griechenland und Europa konnte zum Teil unter der Chiffre „Fortschritt“ (=mehr transnationales Europa, heiß) und „Beharrung“ (=mehr nationale Selbständigkeit, kalt) geführt werden, wobei die Anhänger des Fortschrittsgedanken diesen als den quasi natürlichen und darum selbstverständlich gerechtfertigten Gedanken behaupten konnten. Das hat mit einer Eigentümlichkeit des „Fortschritts“ in unserem gegenwärtigen Weltverständnis zu tun.

Der Fortschritt gilt nämlich im Allerweltsbewusstsein inzwischen gar nicht mehr als ein besonderer Gedanke, der erst noch begründet und gerechtfertigt werden müsste, sondern als eine selbstverständliche Gegebenheit, die man allenfalls begrüßen und befördern oder abmildern und „gemächlicher“ (P. Kafka) gestalten möchte. Aber die Progression ist als Tatsache gesetzt – „den Fortschritt hält in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf“, um Erich Honecker frei zu zitieren. Es gerät dabei fast völlig aus dem Blick, dass der Fortschrittsgedanke ein in der Tat begründungsbedürftiger Gedanke ist, dass er ansonsten zum Glaubensaxiom einer Weltanschauung mutiert. Dieser Wechsel von einer deutenden gedanklichen Kategorie zu einem quasi naturhaften Axiom ist, so meine Beobachtung, tatsächlich schon weit gediehen. Eine ähnliche Verschiebung eines Theorems der Deutung zu einer angeblich natürlichen Tatsache kann man beim Begriff der Evolution fest stellen. Eine Kritik des Evolutions-Gedankens muss aber genauso möglich sein wie eine Kritik des Fortschritts-Gedankens, ohne dass sogleich das Etikett des Ewiggestrigen oder des archaischen Kreationisten verteilt wird. Wie immer in solchen Kontroversen, wo es ums Eingemachte, also um die axiomatische Gewissheit bestimmter Weltanschauungen geht, wird ein Schwarz-Weiß-Gegensatz aufgemacht, wo es doch eigentlich in begrifflich denkerischer Arbeit um die unendlichen Schattierungen dazwischen gehen sollte, vielleicht zum Teil in Form einer Dialektik, vielleicht zum Teil in Form beständiger Ambiguitäten. „Fortschritt“ und „Entwicklung“ (Evolution) tragen nämlich ein gedankliches Problem, eine Frage in sich, die nur schwer zum Schweigen zu bringen ist: Wie verhält sich ein ständig aufwärts weisender Fortschritt mit dem Zufall? Was ist mit Anfang und Ende, mit Ursprung und Telos? Ist die Rede von Singularitäten, also von Wendepunkten wirklich erklärend? Also wohin entwickeln sich Natur und Kultur? Bisher weiß die Antwort nur der Wind oder ‚Kommissar Zufall‘, auch wenn dieser mehr abstrakt als „autopoietisches System“ bezeichnet wird. Und die andere Frage, „Cui bono“, wem nützt es bzw. er (der jeweilige Fortschritt), ist vielleicht noch abgründiger und hinterhältiger, weil sie hinter der Larve des Selbstverständlichen handfeste Interessen vermutet und aufdeckt.

Fortschrit - Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Fortschritt – Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Weltanschauungen brauchen wie alle Ideologien und Religionen ihre Grundannahmen, ihre Axiome. Dass man von ihnen dann ’selbstverständlich‘ weiterhin ausgeht, ist ja gerade der Witz an solchen Glaubens-Axiomatiken. Man sollte aber dennoch nicht vergessen, dass auch so selbstverständliche Grundgedanken wie der des Fortschritts oder der Evolution zunächst einmal nicht mehr als heuristische Begriffe in einer bestimmten Theorie der Weltdeutung sind. Sie werden immer nur zum Teil erklären und sich nur zum Teil bewähren. Denn die Wirklichkeit in Politik und Gesellschaft, in Wissenschaft und Alltag, spottet jeder vereinfachenden Deutung. Man kann nur verschiedene Aspekte in den Blick nehmen und gegenwärtige Entwicklungen im Pro und Contra diskutieren. Jeder „Fortschritt“ hat bekanntlich seinen Kollateralschaden. Man muss darum schon wissen, was man eigentlich will, wohin man will, und das sollte man mit guten Gründen fundieren. Ein Fortschrittsglaube taugt dazu wenig. Denn unter der Hand – das lehrt die Religionsgeschichte – wird aus einem anfänglichen Glauben recht schnell ein System von Hypostasierungen (die Gene, die Natur, die Narrative usw.), die dann ein fröhliches Eigenleben führen. Um in der heutigen Welt, wie man sie erlebt und wahrnimmt, Orientierung zu geben oder zu finden, dafür ist der optimistische Glaube an Fortschritt und Notwendigkeit ebenso hilfreich wie weißer Kalk auf einer blutroten Wand. Etwas mehr Skepsis ist immer dann angebracht, wenn allzu laut und allzu oft Behauptungen als Selbstverständlichkeiten ausgegeben werden. Das hat zuletzt sogar die Griechenland-Debatte gezeigt. Der Fortschritt zeigt sein chimärenhaftes Wesen bisweilen erst dann, wenn man einen Schritt zurück tritt.

 23. Juli 2015  Posted by at 12:20 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fortschrittsglaube
Sep 192013
 

Es hat nicht viel gebraucht, und die dünne Hülle der ach so auf abgeklärten Postmoderne ist zerrissen. Dabei war man sich doch sicher, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind, dass Pluralismus und kulturelle Vielfalt zu den Grundgegebenheiten unserer Gesellschaft geworden sind, dass das Internet mitsamt dem damit einhergehenden technologischen Fortschritt uns (zumindest den westlichen Gesellschaften) dem Glück, wenn nicht gleich dem Reich der Freiheit ein Stück näher bringt. Manche beklagen zwar den Verfall traditioneller Werte oder deren Nivellierung, aber das sind dann doch erfreulicherweise klar identifizierbare Agenten des Gestrigen wie die Kirchen. Die Gewerkschaften haben dagegen den Umschwung in die Postmoderne irgendwie doch noch geschafft, wenn auch mit Blessuren (in den Mitgliederzahlen).

Und dann kommt ein Edward Snowden mit seinen Enthüllungen, und die schöne neue Welt freier Kommunikation im grenzenlosen Netz schmilzt dahin wie Frühjahrsschnee an der Sonne. Das Netz ist längst von Unternehmen, Regierungen und Geheimdiensten in Besitz und unter vollständige Kontrolle genommen worden. Der so oft beschworene Wertepluralismus kommt schnell an seine Grenze, wenn es um die (Ideologie der) Hochschätzung der Familie geht. Ziert sich die Kanzlerin, dem Adoptionsrecht schwul/lesbischer Paare uneingeschränkt und locker zuzustimmen, erfährt das postmoderne Selbstverständnis einen Knacks: Das ist ein Verstoß gegen die politisch korrekte Gleichheit. Letztere, die Gleichheit, ist flugs von einem formal-juristischen Prinzip der bürgerlichen Revolution zu einem material-sozialen Prinzip der Postmoderne geworden – und dann doch nicht allen recht und billig.

Schließlich ist da noch die Sache mit Trittin. Dank taz ist die Pädophiliedebatte der frühen Grünen nun zum Hauptthema der letzten Wahlkampfwoche erkoren worden. Trotz mancher Anstrengungen der einschlägigen Zeitungsmedien findet sie doch mehr am Rande statt / soll aus dem Wahlkampf heraus gehalten werden. Dabei zeigt sich, wie jung die letzte Vergangenheit noch ist, denn es geht um den Zeitraum der achtziger bis hinein in die neunziger Jahre. Wohl weils voriges Jahrhundert ist, scheint es weit weg zu sein. Doch geschwind tauchen da die Flugschriften der Stadtindianer wieder auf und holen manchen Akteur der gesitteten = politisch korrekten Postmoderne wieder ein. Und schon ereifern sich manche über die perfide „moralische Keule“ der Konservativen und rufen nach „kulturgeschichtlicher Einordnung“. Dabei merken sie gar nicht, wie sehr sie hier auf einmal mit zweierlei Maß messen, weil ihr eigenes Denken, vielleicht auch ihre eigene Vergangenheit betroffen ist und nicht die derjenigen, auf die traditionell gerne mit dem Finger gezeigt wird.

Twitter Thread

Twitter Thread

Der Firnis der unideologischen, wertneutralen und multikulturellen Postmoderne ist dünn. Er ist besonders dünn, seit das große Projekt „Freiheit im Netz – digitale Selbstverwirklichung“ in den Rechenzentren und Algorithmen der NSA, Google  etc. dahin geschieden ist. Die Allmacht von BIG DATA ist zum Bumerang geworden. Diese Hoffnung aber auf ein neues Paradies auf Erden, nein, im unergründlichen Cyberspace, der Vorstufe zum digitalen Nirwana, hielt aber die postmoderne Avantgarde zusammen. Nerdaktivisten und post-neoliberale (ups, was für ein Wort) Business-Freaks und deren Spindoktoren stimmten ja trotz aller Gegensätze darin überein, dass Freiheit und Glück des künftigen Menschen („Mensch-Maschine“ als Idealkonstrukt der Digitalkultur) nirgendwo anders als im Netz, in den Wolken entgrenzter Kommunikation und ubiquitären Wissens und Konsums liege. Womöglich wurde da mehr verwechselt als nur die Vernetzung von Datenbanken und die Aneignung von Wissen und Erfahrung.

Diese Brüchigkeit der postmodernen Selbstgefälligkeit ist ein gutes Zeichen. Der Übergang in eine Zeit nach der Postmoderne (Post-Postmoderne? Spät-Postmoderne? Neue Moderne?) hat die Chance, von den ungedeckten Versprechungen der Digital- und Derivate-Nerds Abstand zu nehmen. Es könnte ein wohltuender Abstand werden, wenn die kritische Betrachtung dieser jüngsten vorgeblich unideologischen, aber mit den 80ern und 90ern noch ach so tief verbundenen Neo-Ideologen (Neo-Liberale wie Netz-Gurus) einiges wieder nüchterner ins Licht setzt. Techniken und Strategien sind stets Mittel zu einem Zweck, nie Selbstzweck. Algorithmen werden nicht wertfrei entwickelt und eingesetzt. Macht bleibt Macht und möchte noch mächtiger werden. Ökonomie mag mal mehr die „unsichtbare Hand“, mal den rationalen homo okonomicus hätscheln, ihr essentielles Interesse bleiben Gewinn und Monopol. Regierung und ihre Dienste streben Kontrolle an, möglichst vollständig. Der vollmundige Pluralismus und die kulturelle Vielfalt verdecken oft vorhandene Machtstrukturen und Interessenlagen – und verdecken dunkle Seiten der jüngsten Vergangenheit.

Kurz gesagt: Auch die Postmoderne hat nur mit Wasser gekocht, auch das Netz ist nicht das Evangelium, auch die Neue Moderne (oder wie immer man die Zeit nach der Postmoderne nennen wird) wird ihrerseits mit Wasser kochen, ihre Interessen, Träume, Ideologen und Versäumnisse haben. Schön menschlich ist das. Schön zu sehen, wie manch vollmundige Großsprecher und Gender-Aktivistinnen, wie manch Prophet grüner Heilslehren am Ende doch nur auf dem Teppich der Tatsachen landen. Als Tiger gestartet – als Bettvorleger gelandet? Nein, das habe ich nicht gesagt…

 

Kleine ausgewählte Linkliste als Hintergrund des hier Geschriebenen:

Twitter-Gespräch mit MusikBÄRchen @musicaloris (siehe Bild im Text)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/evgeny-morozov-liest-pynchons-bleeding-edge-in-der-tiefe-12577093.html

http://taz.de/Debatte-Gruene-und-Paedophilie/!123992/

http://www.taz.de/!51494/

http://www.carta.info/64383/das-aushalten-von-ambivalenzen/?utm_source=buffer&utm_campaign=Buffer&utm_content=bufferb550f&utm_medium=twitter

http://www.faz.net/aktuell/politik/portraets-personalien/juergen-trittin-goettinger-verhaeltnisse-12580083.html

 19. September 2013  Posted by at 13:15 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne Tiger auf dem Teppich
Mai 172013
 

Netzfreiheit ist kein Netzthema. Es ist auch kein Thema der ‚Netzgemeinde‘. Wie vieles andere auch, zum Beispiel das Urheberrecht, die Privatsphäre, die Forderung nach Transparenz und demokratisch-kultureller Teilhabe, das Marktverhalten mächtiger Konzerne wie Google oder Amazon, die Lage der Zeitungen und des „klassischen“ Journalismus, – all diese vermeintlich eigenen Themen der Internet-Aktivisten, der Piraten, der Netzgemeinde oder der ‚Netzelite‘, sind überhaupt keine spezifischen Netzthemen. Es sind politische Themen, vielleicht besonders aktuelle und brisante, aber eben Themen im politischen Raum, die sich die Aufmerksamkeit mit anderen Themen im politischen Raum teilen müssen. Netzfreiheit als Forderung / Slogan / Mobilisierungsthema ist nur dann ein gesellschaftliches Thema, wenn es auch als solches verstanden und in die politische Diskussion eingebunden wird. Es ist nur dann ein Thema, wenn es ein öffentlich relevantes politisches Thema wird. Nur als Gegenstand von irgendwelchen Netzdebatten einer Gruppe von Internet-Enthusiasten oder als Lieblingsthema der „Bloggosphäre“ ist es völlig irrelevant.

re:publica 13

re:publica 13

Es greift zu kurz, nur die Abgehobenheit der Netzdiskussion oder die Selbstbezogenheit der Netzaktivisten zu kritisieren und jetzt „Handeln“ zu fordern. Vor dem Handeln sollte schon das Denken kommen, möglichst das kritische. Das würde dann auch die eigene Borniertheit und Selbstverliebtheit der Netzsphäre aufdecken können. Mir geht es um eine wirklich gut begründete Kritik der netztypischen Illusionen und Verklärungen. Die gestellte Aufgabe ist also eine grundlegende Kritik der ideologischen Wurzeln des Technizismus bzw. der Technikkultur, des Reduktionismus der Wissenschaften auf science (Naturwissenschaften), der ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit und des diesem Fortschrittsglauben zu Grunde liegenden Menschenbildes der Machbarkeit, Formbarkeit, Erziehbarkeit durch – ja wen oder was denn? die Gattung? die Elite der Wissenden? einen sozial-evolutionären Paternalismus? Wer hier und heute noch von der schranken- und ‚klassenlosen‘ Netzfreiheit träumt, hat sich schon im Wolkenkuckuksheim eines romantischen Cyberspace verloren. Die Netzwelt ist längst real world geworden. It’s ecnomy, stupid!

Diese zugegeben etwas polemischen Bemerkungen müssen theoretisch fundiert und in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden: als politischen Beitrag. Nur „Handelt endlich!“ reicht nicht, überhaupt nicht. Wenn sich aus den Veränderungen der technisch-sozialen Welt neben öknonomisch-medialen Prozessen der Generierung von Mehrwert auch noch neue Chancen des Politischen, des Demokratischen, der Beteiligung und der Teilhabe möglichst Vieler ergeben sollen, dann ist ein enormer politischer Prozess erforderlich, ein politischer Wille zum Disput der Ideen, zu einer Ziel- und Mitteldiskussion, zu einer Rückbindung dieser Diskussion auf bestehende Interessen und Machtverhältnisse. Also kurz: eine eminent politische Diskussion ist dran um Themen wie Freiheitsrechte des Individuums, Eigentumsrechte im Verhältnis zu den neuen digitalen Gütern, Mitwirkungsmöglichkeiten (Partizipation) über die vorhandenen politischen Parteien, Gruppen und Gremien hinaus. Aber nicht ohne sie, sonst verläuft sich alles wieder im unpolitischen Raum. Auch die ’subversive‘ Kraft des Kulturellen, speziell der Kunst, ist nur dann wirklich subversiv, wenn sie – politisch wird. Denn Kultur braucht Freiheit wie die Luft zum Atmen.

 17. Mai 2013  Posted by at 16:54 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Illusion der Netzfreiheit
Feb 092013
 

Seit einiger Zeit „im Netz unterwegs“ (was für eine Formulierung…) stelle ich fest, dass ich mich öfter als zuvor auf den sozialen Plattformen langweile. Facebook habe ich seit längerem links liegen lassen, bin dort inzwischen abgemeldet, in die Timeline bei Twitter und auf die Mitteilungen bei Google+ schaue ich seltener. Natürlich sinkt damit auch die Häufigkeit meiner aktiven Beteiligung, meiner eigenen Beiträge. Blogs mag ich, aber sehr genau ausgewählt. Die konsumiere ich eigentlich nicht anders als Zeitungen, nur mit der leichteren Möglichkeit direkt zu reagieren. Das tue ich aber auch nicht oft, allenfalls mal ein „1+“, und manchen angefangenen Kommentar habe ich nach der ersten Zeile wieder gelöscht und lasse es dabei. Wie kommts?

Zum einen ist es sicher ein gewisser Gewöhnungseffekt. Der Reiz des Neuen lässt nach. Da schaue ich eher danach, was es mir bringt. Denn eines ist auch klar: Sich im Netz zu bewegen ist zeitaufwändig. Lesen, weiterklicken, einen Diskussionsstrang verfolgen, nachschauen, überprüfen, sich eventuell anderweitig schlau machen – all das kostet viel Zeit. Ich bin nur noch dann bereit, diese Zeit aufzubringen, wenn ich einen Nutzen für mich erkenne: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, auf einen neuen Gedanken aufmerksam gemacht werde, einen mir bisher unbekannten Zusammenhang entdecke oder gar ein ganz anderes Themenfeld finde, das mir so bisher noch nicht begegnet ist. Wenn es der Fall ist, interessiert mich der Beitrag und ich beschäftige mich damit, beteilige mich wohl auch gelegentlich an einer Diskussion. Insgesamt ist das Ergebnis aber äußerst dünn, besonders in den Diskussionsbeiträgen. Es geschieht doch sehr selten, dass man einen wirklich guten Gedanken findet, sei er nur kurz wie ein Aphorismus, sei er länger ausgeführt und begründet. Etwas Interessantes, Neues, Weiterführendes im Netz, in sozialen Medien, in Blogs zu finden ist etwa so selten, – ja eben wie ein wirklich gutes Buch selten ist, wie ein treffender und gelungener (Zeitungs-) Artikel selten ist. Es ist dabei ziemlich egal, obs Online oder Print ist. Diese Feststellung als solche ist nicht neu, das war eigentlich schon immer so.

Vuvuzela

Vuvuzela

Das hängt natürlich von den eigenen Erwartungen und Standards ab. Ich lasse mich bereitwillig von gekonnt formulierten Anstößen interessieren, folge gerne einer klaren, womöglich zwingenden Argumentation, möchte über den verhandelten Gegenstand etwas mir bisher Unbekanntes erfahren. Texte und Beiträge reizen mich also, wenn sie etwas Verschlossenes neu und anders erschließen, Dunkles aufdecken, Neuland skizzieren. Dann lasse ich mich auch gerne auf neue Begrifflichkeiten und Denkmuster ein, prüfe die neuen Kategorien und versuche für mich Klarheit darüber zu bekommen, was darin nun an wirklichem Erkenntniswert liegt, inwiefern eine neue Art zu denken auch neue Wirklichkeit erschließt, deutet, interpretiert, erklärt, welche Aspekte mir bisher so einfach nicht klar waren. Das klingt sehr hoch gestochen, ist aber ganz praktisch und pragmatisch gemeint. Es muss mich interessieren, es sollte stilistisch und formal ansprechend rüber kommen, und ich darf danach möglichst nicht bereuen, extra Zeit aufgewendet zu haben. Ich gebe zu: Zeit zu vergeuden ist für mich inzwischen ein schrecklicher Gedanke.

Es braucht niemand sonst diese Haltung zu teilen, es ist eben meine Haltung. Da ist mir zunächst einmal egal, was andere denken und meinen. Allerdings möchte ich irgendwann auch über bestimmte Gedanken und Erkenntnisse kommunizieren. Das geht in Diskussionen, Arbeitsgruppen, bei einer Tagung oder auch im freundschaftlichen Gespräch. Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser Austausch direkt persönlich oder medial vermittelt geschieht. Natürlich macht eine persönliche Begegnung etwas anderes aus als eine medial vermittelte wie zum Beispiel bei einem Diskussionstrang in einem Forum. Das direkte persönliche Gegenüber schafft eine eigene Atmosphäre der (auch sensualen) Verständigungssmöglichkeiten, die indirekte mediale Kommunikation nicht bietet. Dennoch, es geht auch in der Distanz. Was mich dann stört und zunehmend nervt und langweilt, ist die Oberflächlichkeit der Argumentation, die Rechthaberei, das Nichtzuhören bzw. Lesen dessen, was gesagt, geschrieben und gemeint ist. Die Diskussionswirklichkeit im  Netz ist da eher sehr enttäuschend und dürftig, jedenfalls in dem Bereich und in den Fällen, wo ich es mit bekommen habe. Das betrifft eben nicht nur das lautstarke Tönen des SPON-Papstes. Der Eindruck bleibt natürlich immer subjektiv, siehe auch die Gefahr der Filter-Bubble. Trotzdem würde ich einfach behaupten, dass mein Eindruck nicht ganz einsam und verkehrt ist. Andere haben  Ähnliches beschrieben.

So finde ich „im Netz“ eigentlich all das wieder, was ich sonst auch in öffentlichen Diskussionen antreffen kann: Die Vielredner, die Lauten und Rechthaber, die Eiferer und Verbohrten, die Ideologen, die einfach nur Oberflächlichen und Dummen (in dem was sie da sagen), die Nerver und Eitlen, Selbstgefälligen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es davon in den offenen Foren des Netzes mehr gibt, als mir in den letzten Jahren leibhaftig begegnet sind. Das liegt gewiss auch daran, dass ich solchen Leuten aus dem Weg zu gehen pflege. Ich fetze mich da nicht mehr, ist Zeitverschwendung, unnötig. Was ich nun als Effekt der Langeweile bei mir beobachte, hat vielleicht genau mit derselben Haltung zu tun. Ich mag nicht diese überheblichen Ideologen, die Evangelisten des Netzes, die nun in den social media eine wunderbare Plattform haben, ihre verqueren Ansichten öffentlich auszubreiten. Mögen sie es gerne tun, aber ich muss es ja nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn darüber gestöhnt wird, dass das „Merkel-Deutschland“ einer „neobürgerliche Post-Adenauer-Vergangenheit“ verhaftet sei, wenn linker Eifer im Kielwasser der Achtundsechziger sich mit digital-technizistischen Netzphantasien paart, wenn der erkennbare Frust, es im akademischen Betrieb vielleicht zu nichts gebracht zu haben, sich umso hämischer über das Desaster „politischer Dissertationen“ auslässt, wenn im schönsten Boulevardstil jede Woche eine neue Ismus-Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, alte und neue Medien Hand in Hand, – aus oft nichtigem Anlass, nur aus dem Ungefähren, also aus dem Bauch raus, aber immer mit dem unüberhörbaren Anspruch, in jedem Falle Recht zu haben und es ja besser zu wissen, ja dann habe ich eigentlich genug. Dieser Öffentlichkeit des Netzes gehe ich dann umso lieber aus dem Weg, wie ich es IRL (in real life) und in TV-Talkshows längst tue. Das muss ich mir nicht antun, das ist pure Zeitvergeudung.

Darum schaue ich zwar seltener auf die Diskussionen in den (Netz-) Medien, aber umso öfter in gute Blogs und Zeitschriften und auf ausgezeichnete Beiträge, die mir heute dank Internet viel leichter auffindbar und zugänglich sind, als es beim Stöbern durch Buchläden, Bibliotheken und Literaturverzeichnisse ehedem möglich war. Ich bin darum wahrlich kein Verächter der vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Allerdings bin ich eher gelangweilt durch die atem- und gedankenlose Hektik im Netz, auf Twitter oder sonst wo. Nettes, harmloses Geplänkel ist mir dann allemal lieber als verbohrtes Sektierertum. Das gibts nämlich im Netz zu Hauf. „Nischenkultur“ nennt man das wohlwollend. Meinetwegen, nur mich muss das nichts angehen. Denn gegen die Langeweile im Netz gibt es ein probates Mittel: Interessantes Lesen und selber denken.

UPDATE, 21:51 h

Lese eben bei Heise, was recht gut zu meiner Auffassung passt und sich auf Facebook bezieht. Das ließe sich durchaus als Symptom verallgemeinern:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Viele-machen-Facebook-Ferien-1801186.html

 9. Februar 2013  Posted by at 13:47 Netzkultur, social media Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Mediale Langeweile
Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art „déjà vu“ – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit „Occupy wallstreet“ im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der „Piraten“ bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des „Web 2.0“ war zumindest medial – wie heißt es so schön? – ‚in der Mitte der Gesellschaft‘ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der „Arabische Frühling“ eine „Twitter – Revolution“ gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen „Transparenz“, „Teilhabe“, „Kontrollverlust“, „Liquid democracy“ (=“neues Betriebssystem“ des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften „Frische“ der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber – anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt – und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen „Internet-Gemeinde“: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war („Gipfeltreffen“), rückte das Thema „Internet“ und „social media“ als gleichsam „weiches“, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches „Spielzeug“, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der „digital natives“, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben „Nerds“, „Spackos“, „Piraten“ waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer „evolutionären“ Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‚herrschaftsfreien Interaktion‘, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß „instrumentellen Vernunft“ im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das „normal-elitäre“ Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um „lupenreinen“ Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein „neues“, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die „digital natives“, die sozialistische Bewegung ist nun die „Netzgemeinde“, statt „bürgerlich“ heißt es „analog“ oder „offline“, und der schlimmste Vorwurf, der einst „Faschisten“ lautete, heißt heute „Technikfeind“ oder „Verweigerer“: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als „faschistoid“, so gilt eben heute das beharrende Element als „technikfeindlich“. Aus dem Zauberwort „sozialistisch“ ist das kürzere „digital“ geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue „Leitkultur“.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der „richtigen“ Seite der Entwicklung sieht („Evolution“ sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher „Dummen“ schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann „kritisch“ verhält, wenn es um die Diffamierung der „Bedenkenträger“ oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue „Wahrheit“ manifestiert sich im „Netz“, genauer im „Schwarm“, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation „X“ der „digital natives“ geworden ist. Nicht so sehr die „cloud“, die „crowd“ wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der „Piraten“ doch tatsächlich jede Menge ergrauter „Revoluzzer“ aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, „instant“ eben. Das Wort „Hype“ kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne „Nerds“ und „Geeks“. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug „echte“ Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei „Künstliche Intelligenz“ helfen kann, ok  – aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von „New Republic“) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Posted by at 13:12 Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Déjà vu ’68
Nov 282012
 

Ich glaube, dass das Leben unheimlich gut und schön ist.

Das ist ein Glaubenssatz, denn wissen kann ich es nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Vertrauen auf die Güte des Lebens, auch meines Lebens, geht oftmals gegen den Augenschein. Es siegt nicht immer das Gute. Krebs ist nicht schön. Gewalt, Neid, Hass und Niedertracht gibt es genug  im Umgang miteinander, aber auch Hingabe, Hoffnung, Freundschaft, Mitgefühl. Im miteinander Leben, Denken, Arbeiten finde ich den Sinnzusammenhang, der über den Tod hinaus weist.

Die Natur ist, wie sie ist. Trotz aller Härte des „Kampfes ums Überleben“ kommt sie mir wunderschön vor, faszinierend und stark, aber auch empfindlich und zerbrechlich. Die Kraft des Lebens ist bisweilen unheimlich. Dabei wissen wir noch nicht einmal, woher es kommt, wie es entstanden ist. Stoffwechsel und Fortpflanzung – das Geheimnis des Entropie-Aufschubs, der „geborgten Energie“, des Ursprungs der Zeit. Einzigartig im Universum – bislang.

Der Mensch ist, wie er ist, und macht sich zu dem, was er wird. Er koexistiert im Zusammenhang von Natur und Kultur. Gut und Böse fallen nicht vom Himmel, sondern sind soziale Kategorien. Böckenfördes berühmter Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, wird oft religiös verstanden, als würde damit auf einen transzendenten Hintergrund verwiesen. Dabei ist es der Mensch als soziales Wesen, sind es seine gesellschaftlich geprägten Werte und Grundsätze, die als kulturelle Voraussetzungen des Gemeinswesens „vorwissenschaftlich“ und also nicht ableitbar oder garantierbar sind.

Ich glaube, für ein zufriedenes, gelingendes Leben brauche ich weder den Himmel noch die Ewigkeit, weder Gott noch Unsterblichkeit. Ich suche aber Symbole und Bilder, die mir jenseits der Ratio die Erfahrung des Urvertrauens vermitteln und mich darin immer wieder bestärken: Erzählungen, Rituale, kultische und kulturelle Gemeinschaft. Dies wäre die begrenzte und positiv „eingehegte“ (Habermas) Bedeutung von Religion.

 

***

Was ich definitiv nicht brauche, was ich vielmehr für eine üble Weise der Okkupation und Monopolisierung des menschlichen Bedürfnisses nach Trost, Sicherheit und Jenseitigkeit halte, ist die Institution der Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche hat aus ihrer Geschichte heraus derart mafiöse Strukturen entwickelt, dass man zwischen perfider Scheinheiligkeit, perfekt inszenierter Ideologie und realer Macht kaum mehr unterscheiden kann: ein fundamentalistischer religiös-industrieller Machtkomplex, anachronistisch und doch, was die eigenen Interessen betrifft, stets auf der Höhe der Zeit. –  Die protestantischen Kirchen leiden an organisatorischer und vor allem intellektueller Auszehrung und faktischer Bedeutungslosigkeit, stellen sich oft nur noch naiv, nett und dumm dar: „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ als trinitarischer Bekenntnisersatz der „Gutmenschen“. Wo Dummheit herrscht, kanns gefährlich werden, das sieht man am  evangelikalen Fundamentalismus. – Dabei gibt es überall in den christlichen Traditionen und Institutionen immer auch viele Menschen guten Willens, guter Absichten, guter Taten. Sonst wäre es mit dem Christentum überhaupt nicht auszuhalten.

Was fehlt, ist ein ehrliches Aufdecken der geschichtlichen Gewordenheit und der kulturellen Zeitbedingtheit der christlichen Dogmatik. Himmel, Hölle und Paradies, Trinität und Gottessohnschaft, Gericht und Strafe, die Hypostasierung einer „Heiligen Schrift“ – alles von Menschen gemacht, relativ, fehlbar und absolut kritikbedürftig. Was also fehlt nach der gesellschaftlichen Säkularisierung ist eine „geistliche“ Säkularisierung. Man wird darauf vergeblich hoffen, denn es bedeutete die Selbstabschaffung der Kirchen in ihrer heutigen Form. Dran wäre es. Dann könnte man vielleicht auch wieder Positives am Christentum entdecken.

 28. November 2012  Posted by at 13:41 Christentum, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Was ich glaube
Nov 092012
 

Zweiundneunzig Prozent der befragten Deutschen wünschten sich Obama als Präsidenten. Das wären traumhafte Werte für einen Politiker hierzulande. Aber nur ein ferner Politiker ist ein guter Politiker, denn er tut einem nichts, kann keine Fehler machen  und hier niemanden enttäuschen. Im Gegenteil, solch eine ferne politische Führungsgestalt eignet sich bestens dazu, auf sie alle möglichen Wünsche und Sehnsüchte zu projizieren. Das gilt offenbar nicht nur für räumliche, sondern auch für zeitliche Ferne. Nicht anders lässt sich heute das hohe Ansehen von Helmut Schmidt („Lichtgestalt“) erklären, das er zu Zeiten seiner Kanzlerschaft nie hatte. Immerhin war er nicht nur der Kanzler, der sich mit der RAF auseinander zu setzen hatte, sondern auch der Erfinder des NATO-Doppelbeschlusses. So hatte er im Bonner Hofgarten und in Mutlangen die militante „Straße“ gegen sich – und verlor das Vertrauen der Mehrheit des Parlaments. Nach dem „Umfall“ der FDP und dem bisher einzigen geglückten konstruktiven Misstrauensvotum wurde Helmut Kohl Kanzler. In der folgenden Bundestagswahl von 1983 wurde dieser mit großer Mehrheit bestätigt: Die CDU/CSU erreichte beinahe die absolute Mehrheit im Parlament. Das nur zur Erinnerung.

EU - USA - DE - CHIch las bei Twitter, solch eine Rede wie die von Obama in der Nacht seines Sieges wünschte man sich auch einmal von Angela Merkel. Dem kann ich ganz und gar nicht zustimmen. Ich wünsche mir eine solche Rede weder von der Bundeskanzlerin noch von irgend einem anderen deutschen Politiker. So viel Pathos, so viel nationales Sendungsbewusstsein und Glorifizierung der eigenen Mission, so viel rhetorische Emotionalität in einer bombastischen Siegesfeier ist offenbar typisch amerikanisch, aber passt so gar nicht zu den politischen Mentalitäten bei uns. Und das ist auch gut so.

Denn die Modelle von Demokratie und Politik in Amerika und Europa sind sehr unterschiedlich. Zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Politikverständnis tun sich Welten auf. Es sind keine Unterschiede von „richtig“ oder „falsch“, sondern Unterschiede der Mentalität, des Stils, des Selbstverständnisses und des Demokratiebegriffs. Im Vergleich wird deutlich, wie sehr wir in Deutschland und in manchen anderen Ländern Europas (keineswegs in allen) auf Konsens hin orientiert sind. Manche beklagen das als fehlende Unterscheidbarkeit, als fehlende Alternative im politischen Angebot. Das ist gewissermaßen die Kehrseite dieses Modells. Ein „Lagerwahlkampf“ ist die Ausnahme, wobei „Lager“ nur relativ fest verabredete Parteien-Koalitionen meint, weniger unterschiedliche Ideologien. An Ideologien hatte Europa offenbar genug. In dem Ziel eines sozialstaatlich verfassten und bürgerschaftlich orientierten Gesellschaftsmodells sind sich alle einig, nur die Akzente sind ein wenig verschieden bei dem, was „soziale Marktwirtschaft“ heißt: mal wird mehr das Soziale, mal mehr der Markt betont. Groß sind die Differenzen nicht. Selbst Linke und Piraten finden sich in diesem Spektrum wieder.

Dem gegenüber ist das US-amerikanische Politikmodell sehr viel stärker auf unterschiedlichen Ideologien gegründet, also konfliktorientiert. Das war übrigens schon immer so, siehe den US – Bürgerkrieg, und hat sich nur in der Zeit des Kalten Krieges etwas nivelliert. Präsidentschaftswahlen sind Duelle nicht nur von Personen und Meinungen, sondern von Politikentwürfen und Ideologien. Die heute enorm gewachsene Ungleichheit des Wohlstandes hat die ideologischen Differenzen eher noch verschärft. Heute wird in den USA unverhohlen von Klassenkampf geredet und geschrieben. Dagegen war  Geislers „Rote-Socken-Kampagne“ ein Kinderspiel.

Man mag das Streben nach Ausgleich, Kompromiss und Konsens bei uns als mangelnde Fähigkeit zur wirklichen Auseinandersetzung über Ideen und Handlungsmodelle  kritisieren, als fehlende „Streitkultur“. Doch nicht zuletzt „Stuttgart 21“ hat uns da eines Besseren belehrt: Es gibt sie auch bei uns, die Konfliktbereitschaft, die Streitkultur. Sie hat nur einen anderen Ort, nicht die „große Politik“, sondern die konkreten Dinge in der Stadt oder Region, also „vor Ort“. Da wo Bürger sich direkt betroffen sehen und Änderungspotential entdecken, da sind sie offenbar mehr als früher bereit, sich einzumischen und Konflikte durch zu stehen. Am konsensualen Politikmodell auf Bundeseben ändert das nichts. Ich denke, das ist auch sehr gut so. Jedenfalls sind wir damit trotz mancher ‚Langeweile‘ erstaunlich gut und erfolgreich gefahren.

Damit ähneln wir im Politikverständnis immer mehr der Schweiz, die den Konsens in der Bundesregierung sogar weitgehend unabhängig von Wahlausgängen in einem festen Proporzmodell festgeschrieben hat. Das wurde nur bei wirklich relevanten Gewichtsveränderungen in der Parteienlandschaft (SVP!) verändert, und auch nur um einen Sitz. Das Ausfechten praktischer Konflikte wird auf die Ebene der Volksentscheide in den Kantonen verlagert, wie zum Beispiel die viel beachtete Minarett–Entscheidung zeigte. Beim näheren Hinsehen finde ich es schon erstaunlich und überraschend, wie sehr sich in der Praxis das Politikmodell in Deutschland dem schweizerischen Politikmodell angenähert hat, ohne dessen Strukturen und Rechtsrahmen zu übernehmen: Konsens auf der Bundesebene und in den großen Fragen (Rente, Bundeswehreinsatz, Euro) und Streit, wenn nötig, vor Ort in den Kommunen und Regionen um die am besten akzeptierte Regelung der Dinge im Nahbereich, die durchaus Fragen von grundsätzlicher Natur beinhalten können. Die unterschiedlichen politischen Ebenen folgen damit offenkundig verschiedenen Modellen der Konfliktbewältigung.

Es geht also gar nicht um den abstrakten Gegensatz von Konsens oder Konflikt, von Kompromiss oder Duell („winner takes it all“), sondern um das unterschiedliche Agieren auf den verschiedenen politischen Ebenen. Vielleicht ist darum das politische Modell in Deutschland und anderen Ländern Europas (neben der Schweiz natürlich ebenso in Österreich, Frankreich, Niederlande, Skandinavien, um nur die wichtigsten zu nennen) in anderer Weise differenziert als die „checks & balances“ im angelsächsischen Raum, aber nicht minder austariert und erfolgreich. Vielleicht entspricht auch unsere Weise des Politikmachens eher einem post-ideologischen Gesellschaftsmodell. Eine Rückkehr der Ideologien und Fundamentalismen, welcher auch immer, ist nicht wünschenswert. Auch das zeigen die USA („tea party“, „bible belt“). Insofern reflektiert Europa im Umgang mit Konflikt und Konsens seine jüngste Geschichte. Ich hoffe sehr, dass sich dieses Modell auch weiterhin erhält, den sich wandelnden Anforderungen anpasst (z.B. durch Aufnahme von Elementen direkter Demokratie) und bewährt. Wir leben gut damit in Deutschland – und hoffentlich auch weiterhin in Europa.

 

P.S. Erst im Nachhinein las ich Gumbrechts genialen Blog-Beitrag im Faz-Blog; der gemeinsame „Aufhänger“ im jeweils ersten Absatz legte sich wohl recht nahe.

 9. November 2012  Posted by at 14:37 Europa, Gesellschaft, Politik, USA Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Konsens statt Duell