Nov 062016
 

Die ‚digitale Welt‘ ist allgegenwärtig, besser gesagt: die Digitalisierung der Welt durch Vernetzung. War es vor einiger Zeit noch modern, von „Welt 2.0“ zu sprechen, so wird heute die Version 3.0 übersprungen und allenthalben von „XY 4.0“ geschrieben. „Industrie 4.0“ ist dabei der Slogan der digitalen Marketing-Strategen. „Smart Home“ sei der nächste technische Schritt der Totalvernetzung und -steuerung. Die wirklich spektakuläre Evolutionsstufe aber wird mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI / AI) angestrebt. Sie ist das eigentliche Ziel all dessen, was mittels Big Data und vernetzten Rechenkapazitäten alsbald erreicht werden soll. Nun, die Vorkämpfer der digitalen Kulturrevolution werden nicht müde, neue Ziele auszumalen, die durch die technisch-digitale Bewältigung der Welt möglich und erstrebenswert würden. Nicht weniger als die technische Vervollkommnung des Menschen auf einer neuen Evolutionsstufe (‚homo digitalis‘) wird da verheißen.

Vernetzung

Vernetzung (c) Pixabay

In manchen Bereichen ist das Schlagwort „Digitalisierung“ zum reinen Selbstzweck geworden. Besonders im Bildungsbereich wird der Einsatz von Computern / Tablets sowie vernetzter Lehr- und Lernformen von einigen Enthusiasten als Ziel an sich proklamiert. Diskussion über Inhalte scheint fast überflüssig zu werden: The medium is the message. Das ist auf dem Hintergrund der Überzeugung erklärlich, dass Digitalisierung plus Internet als solche sowohl anthropologisch positiven als auch emanzipativen Charakter haben. Diese Idee des emanzipativen, Freiheit und Egalität fördernden Netzes („Wissen frei für alle“) mag in den frühen Jahren des Internets eine begründete Hoffnung gewesen sein. Sie heute noch zu beizubehalten und zu vertreten, bedeutet die Aufrechterhaltung einer Ideologie, die von der Wirklichkeit längst als ’schöner Schein‘ entlarvt wird.

Statt emanzipativer Wirkungen hat das Netz aufgrund des inzwischen hohen Grades an digitaler Durchdringung eher verblendende, freiheitsbeschränkende und dissoziale Auswirkungen, die nur die Inbesitznahme digitaler Strukturen durch globale Konzerne und autoritäre Regierungen widerspiegelt. Totalüberwachung ist nicht nur möglich, sondern real. Social bots steuern Meinungen und Haltungen, beeinflussen massiv demokratische Wahlprozesse. Attacken im und auf das Netz (‚cyber war‘) sind ebenfalls Realität, aktuelle Testläufe (Mirai-Botnetz) zeigen die Möglichkeiten und Auswirkungen. Weder der ‚Brexit‘ noch die US-Wahlen sind ohne die Einflüsse und Inszenierungen (kontrafaktische Strategien der Desinformation) durch digitale Multiplikatoren mehr beschreibbar. Längst ist das Internet im Bereich der Medien zu einem weiteren, sehr viel effektiveren Distributionskanal geworden, dessen eine Richtung der Verhaltenssteuerung und dem Erreichen von Marktzielen, also dem Verkaufen, dient, dessen „Rückkanal“ aber fast ausschließlich die Erhebung und Verwertung von Daten der Anwender liefert. Emanzipativ und egalitär ist hier gar nichts. Man kann dies sogar in Zahlen wiedergeben anhand des Verhältnisses von verfügbaren Downstream- zu Upstream-Bandbreiten, üblicherweise hierzulande mindestens 10 : 1. Zu Zeiten der ISDN-Technologie für das Internet war es zumindest möglich, synchrones ISDN zu mieten, obwohl schon damals das Überwiegen des asynchronen Netzs deutlich wurde.

Digitalisierung in den Bereichen Konstruktion, Produktion, Distribution sowie datenbasierte Dienstleistungen (z.B. Banken, Börsen) bringen enorme Produktivitätsgewinne, die allerdings ebenfalls ‚asynchron‘, also einseitig verwirklicht und angeeignet werden. Im digitalen Netz ist die Globalisierung eine Einbahnstraße. Die von Kritikern und zugleich Visionären wie Jaron Lanier geforderte „Demokratisierung“ des Netzes durch geldwertes synchrones Geben und Nehmen war bisher nicht mehr als eine schöne Idee: irrelevant. Auch die Idee der digitalen Allmende (open source, open science, open informtion) ist bisher mangels Unterstützung durch die Marktmächtigen kaum in den Bereich der kritischen Masse geraten. Ein Schritt vorwärts hier steht im Wettstreit mit 100 Schritten voran in der digital vernetzten Umstrukturierung von ökonomischer und politischer Macht. Den Wettlauf kann man nicht gewinnen. Hinzu kommt die Entwicklung des durch Facebook, Google & Co monopolisierten Netzes zu einer einzigen Integrationsplattform aller bisherigen Medien. Vorteil aus Sicht der Anbieter: personen- und situationsgenaue Erreichung des ‚Kunden‘ (eher Opfers) zwecks Meinungs- und Verhaltensmanipulation. Opfer passt deswegen besser, weil ‚Kunde‘ noch eine selbstbestimmte Entscheidungsmöglichkeit suggeriert in einem offenen Handlungsprozess. De facto ‚weiß‘ der Algorithmus längst und besser, wie die Entscheidung des ‚Kunden‘ höchstwahrscheinlich fällt und kann entsprechend verstärken oder kompensieren. Nicht die Entscheidungsfindung ist transparent, sondern ‚transparent‘ ist allenfalls die Abschöpfung des wichtigstens digitalen ‚Kapitals‘: der Daten über Einstellungen und Verhalten.

Es wird in Äußerungen der enthusiastischen Vorkämpfer der digitalen Netzrevolution viel von „disruption“ gesprochen, also der usprünglich ökonomische Begriff ’schöpferischer Zerstörung‘ (Schumpeter) verwandt. Er soll positiv besetzt darstellen, auf welche Weise der radikale Bruch mit dem ‚Alten‘ notwendigerweise die schöne neue Welt digital-vernetzten Fortschritts ermöglicht. Kapitalistische Ökonomie wird hier offen zum Urbild einer passgerecht digitalisierten und un-informierten Gesellschaft. Information, die nur massenhaft und scheinbar unstrukturiert verfügbar ist, bewirkt das Gegenteil von Informiertheit, nämlich Desinformation und Orientierungslosigkeit. Wir erleben das politisch und gesellschaftlich allenthalben; der Ruf nach Populisten soll in dieser Orientierungslosigkeit neue Richtung geben – möglichst einfach und dekomplex. So zeigt sich eine fatale Umkehrung der ersehnten Hoffnungen: Statt der Disruption im Interesse der Emanzipation und der unzensierten Wissensverbreitung und des egalitären Wissenserwerbs tritt die monopolistische Information der digitalen Schlüsselinhaber im Interesse der Desinformation und schrankenlosen Manipulierbarkeit aller anderen, die im digitalen Netz an der Nadel hängen, womöglich ohne es direkt zu merken. Vollständig ‚transparente‘, also unsichtbare Auswertung von Daten und Profilen lassen das (juristische) Ideal der „informationellen Selbstbestimmung“ zur überholten Lachnummer verkommen.

Die Disruption durch Digitalisierung wendet sich gegen ihre Kinder: Sie verwandelt sich in die Disruption der vernetzten Digitalisierung selber. Die positiven Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung scheinen von den negativen „collaterals“ verschlungen zu werden. Das ‚resiliente‘ Netz wird zur Hydra, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Sogenannte KI / AI (computergestützte, rekursiv optimierende Simulationen) zeigt sich darum auch eher als Chimäre zwischen Bedrohung und Verheißung. Man muss sich darin einrichten.

 

UPDATE 09.11.2016

In einem Kommentar zum Ausgang der US-Präsidentschaftwahl schreibt MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON (FAZ) über „Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien“:

So langsam muss man die großen Fragen stellen: Hat das digitale Netz, das jetzt in seiner populär zugänglichen Form des WWW mehr als zwanzig Jahre besteht, die Gesellschaft vorangebracht? Hat das Internet zu einem harmonischeren Zusammenleben geführt, hat es die Demokratie gestärkt, so wie die Protagonisten es einst erhofften?

Noch nie konnten sich Menschen ja so gut über die Hintergründe und auch Fakten der Politik und ihrer Akteure informieren. Noch nie gab es soviel Material, um eine abgewogene Entscheidung zu fällen. Noch nie war es so einfach, einen Kandidaten wie Donald Trump der Lüge zu überführen. Zumindest theoretisch. Doch gleichzeitig arbeiten viele Mechanismen der digitalen Kommunikation gegen Aufklärung und Verständigung. Noch nie zuvor wurde eine Wahl so sehr durch die Stimmung in den sozialen Medien beeinflusst.

Es mag später einmal wie einer dieser unglücklichen Zufälle der Weltgeschichte aussehen. Mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp jedenfalls haben die Wut-Bewegungen dieser Welt eine nahezu perfekte Technologie an die Hand bekommen. Sie hat den Charakter des Internets zu einer Zeit grundlegend verändert, in der sich Empörung in politischen Bewegungen bündelt, die wiederum dankbar die Mechanismen der digitalen Laut-Verstärkung aufgreifen. Statt Wissen zu demokratisieren, dient das Netz mittlerweile vielen zuvörderst, um Emotionen zu vervielfältigen.

aus FAZ.NET vom 09.11.2016

Mai 102015
 

[Netzkultur]

Es herrscht Ratlosigkeit, Katerstimmung. Das räumte auch Johnny Haeusler im Interview mit Scobel zum Abschluss der re:publica 2015 ein. Das ist eigentlich nicht neu, denn das hatte der deutsche Netzguru Sascha Lobo schon vor einem Jahr festgestellt. Es war offenbar nicht nur das diesjährige Thema, das mehr Schwierigkeiten machte als gedacht: „Finding Europe“ – was bedeuten kann: den Weg dahin finden oder Europa überhaupt erst (er)finden. Symptomatisch vielleicht auch die drei Diskutanten bei Scobel, die entweder grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Projekt Internet (ökonomisch, kulturell, demokratisch) äußerten oder es mit der Bändigung von mächtigen Konzernen assoziierten oder in der Lösung der Sicherheitsprobleme den Ausweg sahen. Diese unterschiedlichen Akzente sind zusammen genommen gewiss richtig. Sie weisen auf die Bruchstellen der gegenwärtigen Netzwelt und Netzpolitik. Wie lässt sich das Potential der Netzökonomie mit Demokratie, Freiraum und Privatheit verbinden?

re:publica, nowhere, Friedrichstadtpalast, re:10, republica10, konferenz, social media,

re:publica – wikimedia

Mir stellt sich die Frage, ob die historischen Vergleiche passen und ob überhaupt schon ein vorläufiger Konsens darüber besteht, wie die „Internet-Welt“ einzuordnen ist. Von „digitaler Revolution“ ist die Rede, und dieser Ausdruck kennzeichnet das Umwälzende der Digitalisierung, die dem Internet ebenso wie der globalen Ökonomie zugrunde liegt, nämlich alles und jedes in binären Daten ausdrücken und algorithmisch verarbeiten zu können. Von „Netzwelt“ ist die Rede, vom „Online-Bereich“ oder dem „Cyberspace“, als ob es sich um eine zusätzliche Welt oder zumindest um eine neue Dimension der „offline“ oder „real“ Welt handele, die sich da als Layer über alles andere lege. Beim Internet denkt man dann besonders an die neuartige Kommunikation, die quasi raum- und zeitlos instantan erfolgen kann und alle „sozial“ in Netzwerken verbindet und digital erfasst. Facebook hat es immerhin auf 1,44 Milliarden Mitglieder gebracht (März 2015), mit deren Daten die Firma arbeitet. Man könnte noch viel mehr aufzählen, um das Neue der digitalen Netzwelt zu adressieren. Aber was ist eigentlich das wirklich Neue, das all dem zugrunde liegt und so viel Veränderung („disruption“) zur Folge hat?

Da beginnt schon die Unsicherheit. Der Verweis auf ein einzelnes Faktum (der Mikrochip, die digitale Codierung) ist so richtig wie zu kurz gegriffen. Es hat nach den Maßstäben der heutigen Innovationszyklen sehr lange, nämlich einige Jahrzehnte gebraucht, bis der Mikrochip samt der zugehörigen Software und Netzstruktur den Siegeszug antreten konnten. Die technischen Voraussetzungen der Mikroelektronik wurden in den 50er Jahren gelegt. Daneben brauchte es offenbar auch die passenden wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die dann ab Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Netzrevolution auslösten. Selbst vom ARPA Netz zum WWW (CERN) hat es so lange gedauert, wie heute kein Smartphone hält. Was eigentlich dazu geführt hat, dass sich „das Internet“ nach sehr zögerlichen Anfängen (besonders auch hierzulande) dann sehr schnell massenhaft durchsetzen konnte, wäre noch ein interessantes Forschungsprojekt. Dafür mussten eine Reihe von Voraussetzungen stimmen. Die Verbreitung des Telefons und des Farbfernsehens je Haushalt hat jedenfalls sehr viel länger gedauert. Was konnte diese Beschleunigung auslösen?

Es ist zudem schwierig, zutreffende Vergleiche zu finden. Es handele sich um eine neue industrielle Revolution – man denkt vergleichsweise an Dampfmaschine und Elektrizität. Mit Blick auf die Revolution in der Kommunikation wird der Vergleich mit dem Buchdruck herangezogen – dem billigen Flugblatt entspricht dann das Weblog für jedermann, der Zeitung die Twitternews. Versteht man das Internet insbesondere mit seinen „Sozialen Netzwerken“ als grundlegend neue Kulturtechnik, dann legt sich der Vergleich mit der Erfindung der Schrift nahe. Die Verführung der Möglichkeiten des Netzes besteht auch darin, unüberbietbar groß zu denken. Dabei muss man heute schon bei dem Adjektiv „sozial“ vor Netzen ein Fragezeichen machen, weil erst zu klären ist, was darin sozial und was ausgesprochen a-sozial ist. Jedenfalls merkt man sehr bald, dass die historischen Vergleiche hinken und die zugewiesenen Namen (z.B. Cyberspace, Onlinewelt) mehr verdecken als erhellen.

Das erklärt, dass es sich tatsächlich um etwas sehr Neuartiges handelt. Zugrunde liegt zunächst eine neue Technik, die eine Explosion von Anwendungsmöglichkeiten freisetzt. Es handelt sich aber zugleich um eine komplett neue Darstellung, eine neue Repräsentanz der Welt, nämlich übersetzt in binäre Daten und darum berechenbar und mit Codes bearbeitbar. Text, Bild, Ton, sogar räumliche Gegenstände lassen sich in digitalisierter Form re-produzieren. Original und Kopie werden auf ein digitales Substrat zurück geführt. Ebenso sind personale Beziehungen und Kommunikation digital darstellbar und mit Algorithmen formbar und auswertbar. Das Neue besteht also darin, dass es eine neue Beschreibungssprache für die Wirklichkeit gibt in Form von Programmcodes für die mikroelektronische Verarbeitung. Die grundlegende Sprache dieser Repräsentation der Wirklichkeit ist die Mathematik. Sie liefert das Medium für die Welt als digitale Form. Diese neue Möglichkeit der Repräsentation der Wirklichkeit und ihrer Funktionen und Beziehungen macht es verständlich, dass die Netzwelt oder Onlinewelt wie eine zweite, eigene Welt erscheint. Es ist aber die eine, alte Welt mit all ihren Funktionsweisen, Mächten und Interessen, die sich in dieser digitalen Repräsentation neu erfindet, derer sich Kapital und Machtinteressen ebenso bedienen können wie Staaten, einzelne Personen und freie Vereinigungen.

Die Veränderungen durch diese funktionale digitale Repräsentation der Wirklichkeit sind sehr weitreichend, wir erleben das gerade in allen Facetten der digitalen Revolution – diesen Ausdruck halte ich für die angemessenste Beschreibung. Aber als neue Weise der Darstellung der Wirklichkeit, der Repräsentation und Codierung der Welt, bleiben die Tatsachen zunächst dieselben: Reden ist Reden, Schreiben ist Schreiben, Kaufen ist Kaufen, Kapital ist Kapital, Macht ist Macht, Staat bleibt Staat. Dass nationales Recht multinationalen Konzernen und global vernetzten Akteuren nicht beikommen kann, ist keine Eigentümlichkeit der Digitalisierung, sondern eher der ökonomischen Globalisierung. Digitalisierung verstärkt das nur. Was die digitale Verfügbarmachung von Welt und Wirklichkeit, von Beziehungen und Personen im Einzelnen bedeutet, welche Auswirkungen und Weiterungen das enthält, ist jeweils im Einzelfall zu diskutieren und zu bewerten. Moralische Normen müssen deswegen nicht neu erfunden werden. Beleidigungen im Netz sind ebenso inakzeptabel wie Beleidigungen im persönlichen Gegenüber – usw. Allerdings ist der rechte Gebrauch der digitalen Verfügbarmachung allererst neu zu bewerten und sind Regeln anzuwenden, die der Tragweite der digitalen Repräsentation angemessen sind. Rechtliche Normen sind in der Tat neu zu definieren (z.B. Urheberschaft, Kopie; Privatheit, Öffentlichkeit usw.). Da sind wir erst am Anfang eines Weges, bisweilen rat- und machtlos, aber am besten illusionslos und beharrlich – die re:publica ist eine Station, die dies dokumentiert, nicht nur im Blick auf Europa.

UPDATE 11.05.2015

Ich finde heute bei FAZ.NET einen Artikel von VALENTIN GROEBNER über die Vergänglichkeit von digitalen Speichern und die Flüchtigkeit digitaler Prozesse.

 10. Mai 2015  Posted by at 13:17 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digitale Repräsentation
Mrz 312015
 

[Netzkultur]

Von einer Zeit der Reife kann man noch nicht sprechen, aber von einer Phase einer (ersten) Konsolidierung. Die digitale Welt ist im Alltag angekommen. Social media, also die Nutzung sozialer Kontakte über Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagram, Pintrest usw. ist selbstverständlich geworden. Dies gilt in höchstem Maße für die Generation unter 40, aber zunehmend auch für die Generation über 40. Smartphones und Tablet-Computer haben in kurzer Zeit eine so hohe Reichweite erlangt, dass immer mehr Nutzer den Computer gar nicht anders kennen als über die smarten Geräte, und das Internet nicht anders erreichen als über die beliebten Apps. Der Messenger WhatsApp ist überhaupt nur über die Smartphone App zu nutzen (neuerdings auch über PC, aber nur als Anhängsel an die App). PC’s und Notebooks werden kaum verschwinden, aber es sind Arbeitsgeräte für den produktiven Einsatz zu Hause oder im Beruf. Für Infos und Kontakte, Dates und Pizzas reichen die Apps – die sind einfacher, schneller und bequemer. Las man vor einiger Zeit von einer Sättigung des Marktes für Notebooks, so findet man heute ähnliche Meldungen für den stagnierenden Verkauf von Tablets. Nur Smartphone haben noch eine eigene Faszination mit ihrer wachsenden technischen Perfektion – und weil sie halt so stylisch sind. – Der Kauf von eBooks wächst zwar nicht in gleichem Umfang, aber doch deutlich, demzufolge auch die Verbreitung von geeigneten Lesegeräten. – All das gilt in hohem Maße für die jüngere und in wachsendem Maße auch für die ältere Generation.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit ein solcher Wandel bei der Nutzung digitaler Kommunikation und eine entsprechende Änderung des Verhaltens insbesondere der jüngsten Generation statt gefunden hat. Bei Jugendlichen haben soziale Medien, Gaming sowie netzbasierte Musik- und Videodienste das TV nahezu vollständig abgelöst. Aber auch bei der mittleren Generation verändert sich das Verhalten gegenüber dem Fernsehen und erst recht bezogen auf Zeitungen und Nachrichten-Konsum. Das Fernsehen ist dabei sich umzustellen. Mehr Live-Events und gleichzeitiges Streamen sowie Serien, die sogar vorab (ZDF) im Netz verfügbar sind und eventuell über YouTube verbreitet werden, sind erste Schritte einer Anpassung an neue Seh- und Nutzungsgewohnheiten. Dasselbe gilt für die Tageszeitungen. An Aktualität sind die Webseiten und Apps der Zeitungen den eigenen Print-Ausgaben weit überlegen. Print und Netz wachsen als unterschiedliche Vertriebsformen zusammen. Das zeigt zum Beispiel der neue Auftritt der Süddeutschen Zeitung. Aber als pure „Vertriebsform“ ist das Internet noch unterbewertet. Es fehlt die soziale Komponente, die sich kaum in bissigen Leserkommentaren erschöpfen dürfte. – „Featured content“ ist eine zunehmend attraktive Weise, eigene und fremde Inhalte ansprechend zu präsentieren, beispielsweise im großen Stil wie Buzzfeed (Unternehmen mit eigener Redaktion) oder als News-App wie Flipboard (Aggregator) – oder für jedermann mittels „featured content“ – Plugin für WordPress. Mit paper.li kann jeder selber seine eigene Zeitung bauen, aber das ist schon mehr etwas für Spezialisten. Bei den überregionalen Zeitungen zeigt sich die Entwicklung am deutlichsten: Aus dem Abwehrkampf der früheren Jahre (online kostet Abos und Druckauflage) wird zunehmend eine positive Gestaltung, ein Umdenken und eine neuartige Nutzung der Möglichkeiten des Netzes und der Mobilität. Gerade der professionelle Journalismus ist heraus gefordert und kann sich kaum mehr auf Altbewährtes verlassen (siehe den kaum überstandenen Streit in der Spiegel-Redaktion zwischen Druck und Online). Über allem steht hier natürlich die Notwendigkeit, unter veränderten Bedingungen verlässlich Einnahmen zu generieren. Die Übertragung des Abo-Modells einer Druck-Ausgabe auf das Online-Modell ist sicher noch nicht das letzte Wort. Die nervige und aufdringliche Werbung gerade bei kleinen Displays allerdings auch nicht. Wie die Welt des „distributed content“ aussehen könnte und müsste, darüber macht sich Joshua Bentons lesenswerter Beitrag Gedanken. Eine Denk- und Testphase täte hier gut.

share buttons

Share buttons – Symbole der Konnektivität

 

Und dann sind da noch die vielen einzelnen kleinen und in ihrer Summe riesigen Dinge, in denen die digitale Welt unseren Alltag erobert. Jedes moderne Auto steckt voller digitaler Steuerungen, die wir dann bestenfalls als Fahr-Assistenten und intelligente Displays direkt zu Gesicht bekommen. Haushaltsgeräte und erst recht die Visionen über „smart home“ oder „smart health“ zeigen die Richtung an, wie sich „Digitalien“weiter entwickeln könnte. Noch ist das Gesundheits-Armband etwas für die Avantgarde. Denn noch ist alles am Anfang, alles im Umbruch, vieles noch nicht ausgegoren, aber in der Tendenz unaufhaltsam. Die Möglichkeiten virtueller Realität (VR) und die jegliche Produktion erobernde „Industrie 4.0“ eröffnen allererst das Feld qualitativer Veränderungen. Es wird unterhaltsam, bisweilen auch erschreckend sein, diese umstürzenden Erfolge und Misserfolge („vision“ und „disruption“) alltäglich zu beobachten.

Auf einer noch anderen Seite stehen die Herausforderungen, die durch die globale Digitalisierung und Vernetzung für den Datenschutz, für den Schutz der Privatsphäre, für die Kontrolle der staatlichen Überwachungsorgane und für die notwendigen Anpassungen des rechtlichen Rahmens national und international bewältigt werden müssen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das bedeutet dann auch, dass den (rechts-) staatlichen Organen für die Strafverfolgung und Informationsbeschaffung geeignete moderne Mittel zur Verfügung stehen müssen. Wir hinken da den schnellen technischen Entwicklungen und ökonomischen Realisierungen gesellschaftlich, politisch und juristisch weit hinterher. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Neujustierung des gesetzlichen Rahmens im Blick auf Strafverfolgung einschließlich Prävention, Urheberrechte, Haftungsfragen, den berechtigten Schutz vor Überwachung und den Grenzen des data mining ist in letzter Zeit (auch dank Edward Snowden) gewachsen. Man kann allenfalls die Langsamkeit beklagen, in der hier die Dinge in Bewegung geraten, aber das muss wohl so sein, wenn man zu länderübergreifenden Lösungen kommen will.

Als Letztes noch ein Blick auf „das Netz“ und „die Netzgemeinde“, die „Nerds“, „storms“, „mobs“ usw. Auch in all diesen Dingen ist die anfängliche Euphorie („Piraten“) und die spätere Entrüstung über den miesen Stil vieler Beiträge einer Ernüchterung gewichen, die zu einer realistischen Einschätzung führt. Im Netz spiegelt sich nur ein bestimmter Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit wider mit allen guten und schlechten Seiten. Netz-Meinung und repräsentative Meinung in der Bevölkerung sind keineswegs deckungsgleich. Die Anmaßung vieler Äußerungen im Netz und die abstrusen Phantasien, was da angeblich wirklich oder verschworen passiere, sind vielfach nur noch skurril und lächerlich. Kanns und solls auch geben, muss man sich aber nicht antun. Man kann auf die „flames“ und „shit storms“ und Verschwörer-Seiten gut verzichten. Sie relativieren sich als öffentlich ausgetragenes soziales Gezänk oder als  Verschrobenheiten einzelner, deren Geltungssucht sich online nieder schlägt. Wo sie durch Stalken und Bedrohen einzelne schädigen, haben sie dieselbe Behandlung verdient wie alle anderen Resultate böswilliger oder krimineller Energien. Jedenfalls trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen, und „das Netz“ ist eben nur ein weiterer Bereich öffentlicher Interaktionen, aber in keiner Weise von einer höhreren moralischen Dignität oder demokratischen Legitimität wie andere öffentliche Äußerungen auch. Die Anonymität verführt zum Ausrasten, „Netiquette“ ist von Gestern – cool bleiben!

Man sieht: Von Reife ist die digitale Welt noch weit entfernt. Sie ist ja auch noch sehr jung. Aber sie hat enormes Potential, weit über die rein technische Möglichkeiten hinaus. Was sich wissenschaftlich (KI, Bio-, Neuro-) und kulturell, individuell und politisch daraus noch entwickeln wird, vermag man heute noch nicht abzusehen. Aber eines ist sicher: Der Umbruch und Aufbruch der digitalen Welt ist gewaltig und einzigartig. Eine neue Phase in der kulturellen Entwicklung der Menschheit könnte dadurch angezeigt sein. Aber vor allzu viel Vollmundigkeit sollte man sich eben auch hüten. Man weiß noch zu wenig…

 31. März 2015  Posted by at 16:37 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digital normal
Sep 192013
 

Es hat nicht viel gebraucht, und die dünne Hülle der ach so auf abgeklärten Postmoderne ist zerrissen. Dabei war man sich doch sicher, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind, dass Pluralismus und kulturelle Vielfalt zu den Grundgegebenheiten unserer Gesellschaft geworden sind, dass das Internet mitsamt dem damit einhergehenden technologischen Fortschritt uns (zumindest den westlichen Gesellschaften) dem Glück, wenn nicht gleich dem Reich der Freiheit ein Stück näher bringt. Manche beklagen zwar den Verfall traditioneller Werte oder deren Nivellierung, aber das sind dann doch erfreulicherweise klar identifizierbare Agenten des Gestrigen wie die Kirchen. Die Gewerkschaften haben dagegen den Umschwung in die Postmoderne irgendwie doch noch geschafft, wenn auch mit Blessuren (in den Mitgliederzahlen).

Und dann kommt ein Edward Snowden mit seinen Enthüllungen, und die schöne neue Welt freier Kommunikation im grenzenlosen Netz schmilzt dahin wie Frühjahrsschnee an der Sonne. Das Netz ist längst von Unternehmen, Regierungen und Geheimdiensten in Besitz und unter vollständige Kontrolle genommen worden. Der so oft beschworene Wertepluralismus kommt schnell an seine Grenze, wenn es um die (Ideologie der) Hochschätzung der Familie geht. Ziert sich die Kanzlerin, dem Adoptionsrecht schwul/lesbischer Paare uneingeschränkt und locker zuzustimmen, erfährt das postmoderne Selbstverständnis einen Knacks: Das ist ein Verstoß gegen die politisch korrekte Gleichheit. Letztere, die Gleichheit, ist flugs von einem formal-juristischen Prinzip der bürgerlichen Revolution zu einem material-sozialen Prinzip der Postmoderne geworden – und dann doch nicht allen recht und billig.

Schließlich ist da noch die Sache mit Trittin. Dank taz ist die Pädophiliedebatte der frühen Grünen nun zum Hauptthema der letzten Wahlkampfwoche erkoren worden. Trotz mancher Anstrengungen der einschlägigen Zeitungsmedien findet sie doch mehr am Rande statt / soll aus dem Wahlkampf heraus gehalten werden. Dabei zeigt sich, wie jung die letzte Vergangenheit noch ist, denn es geht um den Zeitraum der achtziger bis hinein in die neunziger Jahre. Wohl weils voriges Jahrhundert ist, scheint es weit weg zu sein. Doch geschwind tauchen da die Flugschriften der Stadtindianer wieder auf und holen manchen Akteur der gesitteten = politisch korrekten Postmoderne wieder ein. Und schon ereifern sich manche über die perfide „moralische Keule“ der Konservativen und rufen nach „kulturgeschichtlicher Einordnung“. Dabei merken sie gar nicht, wie sehr sie hier auf einmal mit zweierlei Maß messen, weil ihr eigenes Denken, vielleicht auch ihre eigene Vergangenheit betroffen ist und nicht die derjenigen, auf die traditionell gerne mit dem Finger gezeigt wird.

Twitter Thread

Twitter Thread

Der Firnis der unideologischen, wertneutralen und multikulturellen Postmoderne ist dünn. Er ist besonders dünn, seit das große Projekt „Freiheit im Netz – digitale Selbstverwirklichung“ in den Rechenzentren und Algorithmen der NSA, Google  etc. dahin geschieden ist. Die Allmacht von BIG DATA ist zum Bumerang geworden. Diese Hoffnung aber auf ein neues Paradies auf Erden, nein, im unergründlichen Cyberspace, der Vorstufe zum digitalen Nirwana, hielt aber die postmoderne Avantgarde zusammen. Nerdaktivisten und post-neoliberale (ups, was für ein Wort) Business-Freaks und deren Spindoktoren stimmten ja trotz aller Gegensätze darin überein, dass Freiheit und Glück des künftigen Menschen („Mensch-Maschine“ als Idealkonstrukt der Digitalkultur) nirgendwo anders als im Netz, in den Wolken entgrenzter Kommunikation und ubiquitären Wissens und Konsums liege. Womöglich wurde da mehr verwechselt als nur die Vernetzung von Datenbanken und die Aneignung von Wissen und Erfahrung.

Diese Brüchigkeit der postmodernen Selbstgefälligkeit ist ein gutes Zeichen. Der Übergang in eine Zeit nach der Postmoderne (Post-Postmoderne? Spät-Postmoderne? Neue Moderne?) hat die Chance, von den ungedeckten Versprechungen der Digital- und Derivate-Nerds Abstand zu nehmen. Es könnte ein wohltuender Abstand werden, wenn die kritische Betrachtung dieser jüngsten vorgeblich unideologischen, aber mit den 80ern und 90ern noch ach so tief verbundenen Neo-Ideologen (Neo-Liberale wie Netz-Gurus) einiges wieder nüchterner ins Licht setzt. Techniken und Strategien sind stets Mittel zu einem Zweck, nie Selbstzweck. Algorithmen werden nicht wertfrei entwickelt und eingesetzt. Macht bleibt Macht und möchte noch mächtiger werden. Ökonomie mag mal mehr die „unsichtbare Hand“, mal den rationalen homo okonomicus hätscheln, ihr essentielles Interesse bleiben Gewinn und Monopol. Regierung und ihre Dienste streben Kontrolle an, möglichst vollständig. Der vollmundige Pluralismus und die kulturelle Vielfalt verdecken oft vorhandene Machtstrukturen und Interessenlagen – und verdecken dunkle Seiten der jüngsten Vergangenheit.

Kurz gesagt: Auch die Postmoderne hat nur mit Wasser gekocht, auch das Netz ist nicht das Evangelium, auch die Neue Moderne (oder wie immer man die Zeit nach der Postmoderne nennen wird) wird ihrerseits mit Wasser kochen, ihre Interessen, Träume, Ideologen und Versäumnisse haben. Schön menschlich ist das. Schön zu sehen, wie manch vollmundige Großsprecher und Gender-Aktivistinnen, wie manch Prophet grüner Heilslehren am Ende doch nur auf dem Teppich der Tatsachen landen. Als Tiger gestartet – als Bettvorleger gelandet? Nein, das habe ich nicht gesagt…

 

Kleine ausgewählte Linkliste als Hintergrund des hier Geschriebenen:

Twitter-Gespräch mit MusikBÄRchen @musicaloris (siehe Bild im Text)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/evgeny-morozov-liest-pynchons-bleeding-edge-in-der-tiefe-12577093.html

http://taz.de/Debatte-Gruene-und-Paedophilie/!123992/

http://www.taz.de/!51494/

http://www.carta.info/64383/das-aushalten-von-ambivalenzen/?utm_source=buffer&utm_campaign=Buffer&utm_content=bufferb550f&utm_medium=twitter

http://www.faz.net/aktuell/politik/portraets-personalien/juergen-trittin-goettinger-verhaeltnisse-12580083.html

 19. September 2013  Posted by at 13:15 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne Tiger auf dem Teppich
Mai 172013
 

Netzfreiheit ist kein Netzthema. Es ist auch kein Thema der ‚Netzgemeinde‘. Wie vieles andere auch, zum Beispiel das Urheberrecht, die Privatsphäre, die Forderung nach Transparenz und demokratisch-kultureller Teilhabe, das Marktverhalten mächtiger Konzerne wie Google oder Amazon, die Lage der Zeitungen und des „klassischen“ Journalismus, – all diese vermeintlich eigenen Themen der Internet-Aktivisten, der Piraten, der Netzgemeinde oder der ‚Netzelite‘, sind überhaupt keine spezifischen Netzthemen. Es sind politische Themen, vielleicht besonders aktuelle und brisante, aber eben Themen im politischen Raum, die sich die Aufmerksamkeit mit anderen Themen im politischen Raum teilen müssen. Netzfreiheit als Forderung / Slogan / Mobilisierungsthema ist nur dann ein gesellschaftliches Thema, wenn es auch als solches verstanden und in die politische Diskussion eingebunden wird. Es ist nur dann ein Thema, wenn es ein öffentlich relevantes politisches Thema wird. Nur als Gegenstand von irgendwelchen Netzdebatten einer Gruppe von Internet-Enthusiasten oder als Lieblingsthema der „Bloggosphäre“ ist es völlig irrelevant.

re:publica 13

re:publica 13

Es greift zu kurz, nur die Abgehobenheit der Netzdiskussion oder die Selbstbezogenheit der Netzaktivisten zu kritisieren und jetzt „Handeln“ zu fordern. Vor dem Handeln sollte schon das Denken kommen, möglichst das kritische. Das würde dann auch die eigene Borniertheit und Selbstverliebtheit der Netzsphäre aufdecken können. Mir geht es um eine wirklich gut begründete Kritik der netztypischen Illusionen und Verklärungen. Die gestellte Aufgabe ist also eine grundlegende Kritik der ideologischen Wurzeln des Technizismus bzw. der Technikkultur, des Reduktionismus der Wissenschaften auf science (Naturwissenschaften), der ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit und des diesem Fortschrittsglauben zu Grunde liegenden Menschenbildes der Machbarkeit, Formbarkeit, Erziehbarkeit durch – ja wen oder was denn? die Gattung? die Elite der Wissenden? einen sozial-evolutionären Paternalismus? Wer hier und heute noch von der schranken- und ‚klassenlosen‘ Netzfreiheit träumt, hat sich schon im Wolkenkuckuksheim eines romantischen Cyberspace verloren. Die Netzwelt ist längst real world geworden. It’s ecnomy, stupid!

Diese zugegeben etwas polemischen Bemerkungen müssen theoretisch fundiert und in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden: als politischen Beitrag. Nur „Handelt endlich!“ reicht nicht, überhaupt nicht. Wenn sich aus den Veränderungen der technisch-sozialen Welt neben öknonomisch-medialen Prozessen der Generierung von Mehrwert auch noch neue Chancen des Politischen, des Demokratischen, der Beteiligung und der Teilhabe möglichst Vieler ergeben sollen, dann ist ein enormer politischer Prozess erforderlich, ein politischer Wille zum Disput der Ideen, zu einer Ziel- und Mitteldiskussion, zu einer Rückbindung dieser Diskussion auf bestehende Interessen und Machtverhältnisse. Also kurz: eine eminent politische Diskussion ist dran um Themen wie Freiheitsrechte des Individuums, Eigentumsrechte im Verhältnis zu den neuen digitalen Gütern, Mitwirkungsmöglichkeiten (Partizipation) über die vorhandenen politischen Parteien, Gruppen und Gremien hinaus. Aber nicht ohne sie, sonst verläuft sich alles wieder im unpolitischen Raum. Auch die ’subversive‘ Kraft des Kulturellen, speziell der Kunst, ist nur dann wirklich subversiv, wenn sie – politisch wird. Denn Kultur braucht Freiheit wie die Luft zum Atmen.

 17. Mai 2013  Posted by at 16:54 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Illusion der Netzfreiheit
Jan 012013
 

Die aktuelle Titelgeschichte des SPIEGEL (Nr. 1/2013) „Männerdämmerung – Vom Niedergang des Mannes“ (in Anlehnung an Hanna Rosin) ist gut geschrieben. Zwar ist der Titel selber und auch der Teaser etwas reißerisch formuliert, aber das gehört sich ja beim Spiegel so. Die Geschichte selber ist sehr viel besser und bedenkenswert. Statt also gleich darüber zu ätzen, hier werde im „Weihnachtsloch“ nur ein neumodisches Klischee bedient, das man inzwischen in allen Gazetten lesen könne (Twitter, G+), sollte man vielleicht genauer in die Titelstory hinein schauen.

An US-amerikanischen Beispielen und Untersuchungen wird gezeigt, wo und inwiefern dort in einzelnen Regionen Frauen anpassungsfähiger sind und wirtschaftliche Umbrüche schneller realisieren und darauf reagieren. Männer halten eher am gewohnten Berufsbild fest, zeigen sich als weniger flexibel. Dies wird am Beispiel beschrieben und Daten aus Untersuchungen belegt. Hinzu kommt, was auch hierzulande Bildungsstudien offenbaren: Mädchen gehören eher zur leistungsmäßigen Spitzengruppe als Jungen, sie lesen und rechnen besser und kommen auf der Bildungsleiter schneller hinauf. In den USA bilden Frauen deutlich mehr als die Hälfte, nämlich 60%,  der Studierenden. Auch bei uns ist in den letzten Jahrzehnten der Frauenanteil an den Studierenden erheblich gewachsen auf nahe 50%, wenngleich ihr Anteil an den Professorenstellen noch stark unterrepräsentiert ist (siehe Übersicht). Der Spiegel fragt dann aber zu Recht: Wie kommt es, dass man in den USA diese Entwicklung auch in den Chefetagen wieder finden kann, dass auch Top-Konzerne dort immer öfter von Frauen geführt werden, dass dies bei uns aber schon ab der oberen Führungsebene der großen Firmen praktisch kaum vorkommt?

Diese Zahlen bestätigen: Deutschland ist auch im 21. Jahrhundert noch ein Land, das auf das Modell des männlichen Familienernährers ausgerichtet ist. Denn stärker als in den meisten anderen Industrienationen wird dieses Modell von den herrschenden Normen unterstützt: Mit enormen Steuersubventionen zementiert der deutsche Staat die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter; Krankenkassen versichern Ehefrauen, die den Haushalt besorgen, kostenlos mit; das System der Halbtagsschulen setzt voraus, dass sich die Mütter nachmittags um ihre Kinder kümmern können: und auch vom Versprechen, flächendeckend Kita-Plätze anzubieten, ist die Wirklichkeit fast überall noch weit entfernt.

Besonders in den westlichen Bundesländern ist das traditionelle Familienbild vom männlichen Ernährer und der „zuverdienenden“ Ehefrau geprägt, wobei letztere im Falle der Geburt von Kindern ihre Hauptaufgabe als Vollzeit-Mutter findet. Nur in den Bundesländern der ehemaligen DDR ist das Rollenverhältnis stärker aufgebrochen und die Berufstätigkeit der Frau bei gleichzeitig gutem Krippen- und Tagesstättenangebot eher der Normalfall. Aber auch im Westen holen, so die zentrale These des Spiegel, die Frauen auf:

Jenen 80 Prozent der Frauen, die eine Karriere möchten, stünden nur 40 Prozent der Männer gegenüber, die sich vorstellen können, das zu unterstützen. „Man kann es nicht anders sagen“, so [Klaus] Hurrelmann, „das passt nicht zusammen.“ Der Forscher erwartet, dass viele Frauen nicht länger bereit sein werden, sich durch dieses Missverhältnis stoppen zu lassen. „Die sagen: Ich habe so viel in Beruf und Karriere investiert, das gebe ich jetzt nicht preis“, sagt Hurrelmann. „Die marschieren durch. Egal ob sie den Mann dazu finden oder nicht.“

Das erklärt zum Teil die niedrige Geburtenrate in Deutschland, aber nur zum Teil, denn auch in den östlichen Bundesländern liegt die Geburtenrate trotz etwas anderem Rollenverständnis nicht höher als im Westen. Dass auf die starke Fixierung der Deutschen, speziell der deutschen Männer, auf das traditionelle Familienbild des Haupternährers und der beruflichen Zweitrangigkeit der Frauen erst im Zusammenhang der demografischen Entwicklung hingewiesen wird, ist für sich schon bemerkenswert. Der Sachverhalt hätte aber auch unabhängig von der Geburtenrate aufmerksame Beachtung verdient. Umso besser, dass der Spiegel in einer seiner „Feiertagsausgaben“ auf diese Probleme unseres sehr deutschen struktur-konservativen Familienbildes und eines traditionalistisch zu  nennenden Rollenverständnisses der Geschlechter hinweist. Da gibt es viel zu tun.

Hier wären Erklärungsmodelle gefragt als Voraussetzung für bessere Lösungsvorschläge. Der Hinweis auf die bislang stärker als in den USA industriell geprägte Wirtschaftsstruktur in unserem Land kann dafür wohl kaum herhalten. Mit diesem stark ideologisch durchsetzten Familienbild stehen wir auch innerhalb Europas ziemlich einzigartig da. Ich würde manche Gründe dafür eher in dem starken Einfluss der Kirchen in Deutschland hinsichtlich des Rollenverhaltens der Geschlechter und der Familienpolitik vermuten. Hier zeigt sich ein Mentalitätsgefälle, das mit dominanter Kirchlichkeit korrespondiert. Dass gerade im am stärksten katholisch geprägten Bundesland Bayern dessen „Staatspartei“ CSU nachdrücklich das Betreuungsgeld („Herdprämie“) gefordert hat, ist wohl kein Zufall. Genauere Untersuchungen dazu und belegbare Gründe dafür wären mir freilich lieber.

Es wird jedenfalls deutlich, dass wir im Blick auf das Rollenverständnis von Mann und Frau in Partnerschaft und Familie einen erheblichen Änderungsbedarf haben, und zwar nicht allein wegen der niedrigen Geburtenrate, sondern um der Chancengerechtigkeit von Männern und Frauen in Bildung, Beruf und Familie – und um der Kinder willen. Solange ein Kind bei uns fast zwangsläufig als Belastung und Risiko, als Verhinderung von Aufstieg und Karriere gesehen wird und samt Haushalt allein der Domäne der „Frau und Mutter“ zugewiesen wird, kommen weder Eltern noch Kinder zu ihrem Recht. Dass es anders geht, zeigt nicht zuletzt unser Nachbar Frankreich. Es ist daher durchaus zu hoffen, dass gut ausgebildete und selbstbewusste Frauen „durch marschieren“ und so ihr Rollenverständnis ändern. Sie zwingen dadurch auch die Männer dazu, an ihrem Rollenverhalten und Rollenverständnis zu arbeiten, um es, – um sich zu ändern. Wenn man den Spiegelartikel „Männerdämmerung“ dafür als Aufhänger nimmt, kann er als ein guter Anstoß gesehen werden. Noch viel mehr ist allerdings vonnöten.

Frauen und Computer

Frauen und Computer: Google Bildsuche

Vielleicht ist manches, vieles (?) bei den Diskussionen in der Netz-Szene ja deswegen so verbohrt, so technizistisch einseitig und ideologisch aufgeladen (vgl. meinen vorher gehenden Blogbeitrag „Déjà vu ’68„), weil es der letzte nahezu unbestrittene Rückzugsraum der deutschen Männer ist. Dass die Piraten-Partei von männlichen Aktivisten dominiert wird (ehemals Marina Weisband als Ausnahme) und eine überwiegend männliche Mitgliedschaft hat, ist oft fest gestellt worden. Schaut man sich Bilder und Mitschnitte vom derzeit in Hamburg tagenden Kongress 29C3 des Chaos Computer Clubs an, so sind dort ebenfalls kaum Frauen zu sehen, aber, so habe ich irgendwo gelesen, immerhin schon mehr als die Jahre zuvor. Das ist bei dem Anstieg der Teilnehmerzahlen auch sehr erfreulich, ändert aber noch nichts am „männlichen“ Gesamtbild. Internet, Nerds, Hacker, Netzaktivisten sind eo ipso männlich, auch hier mit der Ausnahme der medialen Präsenz von Constanze Kurz. Hier wäre deutlich mehr Engagement von Frauen wünschenswert, die ja auch zunehmend Informatik-Studiengänge wählen. Mögen zwar bisher die meisten Blogger Bloggerinnen sein, so sind bei den ureigensten Netzthemen doch nahezu ausschließlich männliche Blogger präsent. Ich sage mal platt: Wie die Thematik verhandelt wird, ist auch danach.

Aber seit selbst in der allerheiligsten Männerdomäne, dem Fußball, die Frauen auch in der Öffentlichkeit an sportlicher Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben, so dass Frauenfußball ganz allmählich auch im TV etwas mehr Raum bekommt (hoffentlich nicht zur Frauen-E/WM), besteht Hoffnung. Ich würde mir fürs neue Jahr wünschen, dass auch in der Netzdiskussion, in der „Netzgemeinde“, in politischen Aktionen der Netzaktivisten sich endlich mehr Frauen einbringen und artikulieren. Thematik und Stil der Diskussionen dürften sich dann ändern, und die verbohrten Kindereien männlichen Imponier-Gehabes hoffentlich auch. Dann könnte vielleicht auch hier gelten, was der Spiegel in seiner Titelgeschichte so zusammen fasst:

Aufgescheuchte Manager suchen Hilfe bei Fachleuten. „Männer kommen zu uns und sagen, sie brauchten mehr sogenannte weibliche Tugenden“, berichtet der Führungskräfte-Trainer Bernhard Zimmermann, „Sozialkompetenz, Kommunikationsgabe, Empathie.“ Vielleicht gäbe es für manchen dieser Männer einen anderen Weg, dieses Ziel zu erreichen: eine neue Form der Partnerschaft, die, ganz nebenbei, womöglich hilft, ein erfülltes Leben zu führen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein gutes neues Jahr!

NACHTRAG am 5. Januar:

Ich habe den erhellenden Beitrag von Vera Bunse über Frauen& Blogs zu spät gesehen – die Netzlandschaft verändert sich schon mehr als gedacht, was „Frauen im Netz“ betrifft.

 1. Januar 2013  Posted by at 11:13 Gesellschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Typisch männlich