Feb 212014
 

[Netzkultur]

Kann man nach #internetkaputt „social media als Kulturraum erhalten“ (+Thorsten Breustedt)? Welche Frage – natürlich kann man. Dabei verstehe ich unter Kulturraum einen Sinn-, Kommunikations- und Handlungszusammenhang einer bestimmten Gruppe von Menschen ähnlich wie bei dem Begriff Musikkultur, aber auch bei den Begriffen Integrations- oder Willkommenskultur oder bei der Rede von einer Kultur der Offenheit und Transparenz. Als partielle Kulturräume innerhalb einer Gesellschaft können sie nur selten Allgemeinverbindlichkeit oder auch nur allgemeines Interesse beanspruchen. Natürlich wäre es schön, wenn eine „Kultur des Hinschauens“ die Zivilcourage aller Bürger stärken würde, aber de facto betrifft das immer nur einen kleinen engagierten Teil. So in etwa verhält es sich auch im „Kulturraum social media“.

Trotz der Millionen Nutzer von sozialen Medien / Plattformen ist es für die meisten doch nur ein weiterer Kommunikationskanal, der die vergleichsweise spärlichen, aber weit verbreiteten Möglichkeiten des SMS abgelöst bzw. ergänzt hat. Typisch dafür ist der Boom von WhatsApp und die Stagnation der Selbstvermarktungsplattform Facebook. In Zeiten von SMS-Flatrates, Twitter, WhatsApp und Facebook sind die meisten Äußerungen doch „Geblubber und Rauschen„, also unverbindliche und an sich belanglose situative Gelegenheitsäußerungen. Eben darum können sie auch so schnell vergessen werden – oder zu einem Shitstorm anwachsen – ‚Fliegen-auf-Sch…‘-Verhalten. Derjenige Teil der social media Kommunikation, der an themenbezogenen Äußerungen und Austausch von Meinungen interessiert ist, beschränkt sich weitgehend auf die Gruppe, die mit „Netzgemeinde“ recht unscharf, aber gleichwohl treffend beschrieben wird. Blogger gehören natürlich dazu, die vielen kleinen und größeren „Portale“ der Internet-Diskussion (netzpolitik.org, netzpiloten.de, carta.info uvam.) und gelegentlich auch die selten gewordenen offenen Diskussionen auf Google+. Noch einmal: Warum sollte diese Kommunikation innerhalb der Netzgemeinde gefährdet sein?

Vernetzung

Vernetzung (pixabay / geralt)

Wegen der Überwachung und also der Schere im Kopf? Oder wegen der Enttäuschung à la Sascha Lobo? Oder weil anderes wichtiger (geworden) ist? Ich denke, zur Aufrechterhaltung eines freien Kummunikationsortes im Netz gehört der Mut zur freien Rede und Meinungsäußerung, unabhängig davon, wer möglicherweise zuhört und sammelt. Das ist eigentlich eine Grundregel innerhalb eines jeden Totalitarismus. Warum sollte das nicht auch für die totale Netzüberwachung gelten? Wer sich selber zensiert oder zurück zieht, hat schon verloren.

Enttäuschung kann nur eine Folge der Selbstüberschätzung sein. Sie kann gut sein, wenn sie auf den Boden der Tatsachen zurück führt. Für sehr viele unter uns Heutigen ist das Netz entweder noch immer „Neuland“ oder eben ein Gebrauchsgegenstand wie Telefon und Fernsehen, nur bunter und präsenter. Internet-Einkauf macht auch mehr Spaß als einen Verkaufssender zu gucken. Für diesen großen Teil der Bevölkerung wäre es vermutlich gleichgültig, ob sie Kurznachrichten und Mitteilungen über ein geschlossenes Subsystem versenden  (z. B. Apple, Telekom) und Wetter-, Klatsch- und Börsenberichte über geschlossene Apps (z. B. Flipboard) erhalten und Einkäufe ebenfalls über ein geschlossenes System tätigen (z. B. Amazons Kindle) – oder eben im „freien Netz“. Ein großer Teil der heftigen Diskussion über „Netzneutralität“ geht aus meiner Sicht am Interesse der meisten Menschen schlicht vorbei, ist de facto nebensächlich. Hauptsache gewisse bequeme Dienste funktionieren zuverlässig.

Für andere (ich zähle mich dazu) ist das freie Netz zwar ein hohes Gut, Medienkompetenz eine Grundkompetenz jeder und besonders der jungen Generation und die Vielfalt und Offenheit sozialer Kommunikation im Netz eine sehr gute und wichtige Sache. Aber anderes ist ebenso wichtig oder wichtiger. Ich denke nicht einmal in erster Linie an private Verhältnisse, sondern an das Interesse an Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist tatsächlich von solcher Bedeutung, dass man das kaum wichtig genug nehmen kann. Hier kündigt sich eine wesentliche Korrektur der Zeiten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 an. Für Europa wird das weit reichende Folgen haben, wie auch immer die Situation in der Ukraine ausgehen wird. Woher bzw. über welches Medium ich Nachrichten darüber beziehe, ist zweitrangig – zuverlässig müssen sie sein. Das nur als ein Beispiel (siehe auch Venezuela oder noch anderswo).

Die Welt der Machtpolitik, der wild-globalen Wirtschaft, der neuen Ideologien ist derartig stark in Bewegung geraten (so kommt es mir vor), dass man schon Verständnis haben kann, wenn ein kleines Land wie die Schweiz am liebsten die Schotten dicht machen möchte – oder wie die (rl) Schotten künftig möglicherweise für sich alleine sorgen wollen. Im Augenblick fühlen wir uns hier in Deutschland wirtschaftlich stark und sozial gelassen (-> Allensbach-Umfrage, FAZ v. 20.02.2014), aber das kann sich schnell wieder ändern, und dann treten sogleich andere Sorgen in den Vordergrund: um den Arbeitsplatz, um die Zukunft der Kinder usw. Manche treibt gar die Sehnsucht nach einem Leben ohne Internet um. Kurzum: Der „Kulturraum social media“ ist weitgehend eine schöne und interessante Spielwiese, die man nutzen und genießen, die man aber nicht zu wichtig nehmen sollte – selbst der Hype um MOOC ebbt gerade wieder ab.

Kultur im weiteren Sinne, als Interesse und Fähigkeit zur Information, Diskussion, Kommunikation; als Phantasie und Kreativität; als Literatur, Kunst und Musik, ist wohl kaum auf ein einziges Medium angewiesen.

22. P. S.: Künftig wird der Fokus der Beiträge in diesem Blog wieder auf Politik, Geschichte und Kultur liegen.

 21. Februar 2014  Posted by at 14:59 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Wichtiger als Netz
Nov 202013
 

[Netzkultur]

In einem taz-Interview gestern hat Herfried Münkler formuliert:

95 Prozent unserer Handykommunikation ist Informationsmüll. All die Gespräche, die ich in der U-Bahn höre, muss kein Mensch verschlüsseln. Die Leute sprechen so laut, dass der ganze Waggon es versteht. Und was die Leute da sagen, ist zumeist banal, überflüssig und Zeitverschwendung. Jeder Euro zum Schutz dieser ausgetauschten Informationen wäre rausgeschmissenes Geld. Wir würden in einen teuren Rüstungswettlauf eintreten für nichts. Strategisches Denken ist Konzentration auf zentrale Ziele bei begrenztem Ressourceneinsatz. Wir sollten das schützen, was als Geheimnis wirklich wertvoll ist. (taz 19.11.2013)

Mir geht es jetzt nicht darum, ob Münklers Beurteilung insgesamt zutreffend ist oder nicht (NB: Ich halte sowohl die Analyse als auch die Folgerungen für richtig), sondern um die Beurteilung, um welche Kommunikation es sich bei den fraglichen Abhöraktionen überhaupt handelt. Seine Aussage über den 95 % Handy-Informationsmüll ist provozierend, aber wahrscheinlich (SMS!) zutreffend. Wenn man auf die Sozialen Medien insgesamt schaut (Facebook, Twitter, Google+), dann dürfte ebenfalls zutreffen, dass das Meiste einfach Gelegenheitsäußerungen sind, emotionale Feedbacks, überflüssige Mitteilungen, die eigentlich niemanden interessieren („esse gerade Pizza“), spontane Reaktionen aus dem Bauch heraus, also insgesamt ohne viel Gehalt, Sinn und Verstand. Ich würde es das soziale Geblubber oder Rauschen nennen, zum großen Teil ohne wirklichen Informationswert und ohne festen Adressaten. Es ist jedenfalls weniger, als es ein zufälliges Gespräch beim Treffen eines Bekannten auf dem Markt hat.

Rauschen

Weißes Rauschen (wikimedia)

Es ist dieses Blubber-Phänomen, das mir die Kommunikation auf sozialen Plattformen immer wieder verleidet. Ich schließe die häufig gelobten Communities bei Google+ ausdrücklich ein. Jedenfalls was die nicht rein technisch orientierten betrifft. Ebenso die Masse der Kommentare bei Zeitungsartikeln wie bei der FAZ oder SZ – und die sind sogar moderiert. Sie bringen selten eine neue Information oder auch nur einen neuen Gedanken. Meist drücken sie subjektive Befindlichkeit, Vorurteile,  Zustimmung oder Ärger aus.

Auch viele Blogs und Blogbeiträge gehören zu dem informationsarmen „Datenmüll“, und ich will selbstkritisch dieses eigene Blog nicht von der Prüfung ausschließen, ob das, was ich hier schreibe, nun wirklich gehaltvoll und lesenswert ist. Das möge der Leser beurteilen. Manchmal reicht es ja schon, ein Gegengewicht zu sein. Jedenfalls ist vieles, was ich andernorts lese, völlig belanglos und bringt einen, wenn man es denn gelesen hat, nicht wirklich weiter. Anders gesagt: Wenn ich es nicht gelesen hätte, wäre es genauso gut.

Münkler führt dieser „Befund“ (wenn diese provokante Formulierung denn ein solcher ist) zu einer bestimmten Einschätzung der NSA-Schnüffelei bzw. dem Erfordernis, eigene Kommunikation zu verschlüsseln. Darüber könnte man nun diskutieren, ob nicht gerade auch dieser „Müll“ für die komplexen Analysen der NSA (profiling) äußerst ergiebig ist. Jedenfalls ist es richtig, die Art der Kommunikation im Internet zu differenzieren, zu gewichten und nach bestimmten Kriterien zu bewerten. Dabei dürfte, so meine Vermutung, heraus kommen, dass ein großer Teil der privaten Netz-Kommunikation eher unter sozialpsychologischen Kategorien zu fassen ist („Psychohygiene“) als unter sachlich-inhaltlichen. Man tauscht aus („share“) und fühlt sich dabei gut. Insofern trüge das Netz viel weniger zu Bildung und Information bei als oft behauptet, sondern, zumindest in den sozialen Medien, zu einem kommunikativen Wohlfühl-Rauschen. Das ist nicht nichts und auch nicht weniger wert, sondern es hat nur eine ganz andere Funktion als die oft behauptete.

Aus meiner Sicht ist dies ein Hinweis auf die verbreitete Überschätzung der Netz-Kommunikation und des Internet im Alltag. Abgesehen von den Nerds und Freaks lebt niemand „im Internet“. Die Wichtigkeit des Gebrauchsmittels Internet ist unbestritten. Aber die hervor gerufenen Veränderungen sind doch sehr viel zäher und langwieriger als oft beschrieben. So hat das eBook bisher zwar fabelhafte Zuwächse (ich nutze es in bestimmten Fällen gerne), kann das gedruckte Buch aber keineswegs in allen Bereichen ersetzen. Mir fehlt z.B. die Möglichkeit, ein eBook weiter zu verschenken oder antiquarisch zu verkaufen. Ich nutze also nur dann ein eBook, wenn ich den Preis dafür als reinen Leasing-Preis für angemessen halte. Das ist aber meist, zumal bei Neuerscheinungen, nicht der Fall. Interessante wissenschaftliche Literatur ist als eBook überhaupt nicht verfügbar.

Ebenso wenig teile ich Martin Weigerts  jüngst geäußerten Enthusiasmus über die bargeldlose Gesellschaft und das Ende von Geld, wie wir es kennen – eine typische Überschätzung oder Fehleinschätzung. In den USA ist bargeldloses Zahlen längst Standard. Dass es bei uns anders ist, liegt nicht an den fehlenden technischen Möglichkeiten, sondern schlicht am Verhalten der Käufer in Deutschland / Europa, die bisher im Alltag Bargeld vorziehen. Ob das durch „Coin“ oder ähnliche Dienste anders wird, wage ich zu bezweifeln. Zu sehr hat gerade durch die NSA-Schnüffelei der Vorzug anonymen Bezahlens mittels Bargeld wieder an Bedeutung gewonnen. Darauf weist Weigert auch selber hin. „Bitcoin“ andererseits ist eine völlig eigene Geschichte und hat zunächst mit normalem Geld nicht viel zu tun, eher mit einem Spekulationsobjekt wie einem Hedgefond.

Bis dato haben auch Musik- und Video-Streamingdienste die Lust am „monologen“ Fernsehen kaum gemindert. Wie so viele andere Unterhaltungsangebote sind die neuen Streamingdienste einfach hinzu gekommen, eher zu Lasten der CD / DVD. Damit wird eine weitere Funktion des Mittels Internet deutlich: Es schafft andere Verteilwege. Es schafft neue Möglichkeiten des Audio- und Videokonsums, aber es schafft aus sich heraus keine neuen Inhalte. Auch neue Formate sind nur in sehr geringem Maße zum Transport wirklich neuer Inhalte geeignet. Auf YouTube und Vine ist davon gelegentlich etwas zu sehen.

Trotz sehr parteilicher und vorurteilsbehafteter Fragen seitens Martin Kaul hat sich Münkler in dem taz-Interview nicht beirren lassen, seine Beurteilung des Verhaltens der US-Geheimdienste und eventuell zu ziehender Folgerungen aus der NSA-Affäre nüchtern darzustellen. Diese Nüchternheit ist auch der Beurteilung der politischen Konsequenzen nicht nur der gängigen Abhörpraxis, sondern auch des Internets insgesamt mit Brauch und Missbrauch (Cyber-Kriminalität) anzuempfehlen. Wir sollten es geschickt nutzen („Industrie 4.0“) und seine Grenzen erkennen. Der produktive Nutzen ist groß und wird allenfalls unterschätzt. Die Bedeutung der Netzkommunikation aber ist meist genauso groß wie das, was wir sonst jeden Tag zu sagen haben. Im Grunde ist das nicht viel. Nicht viel Wichtiges und Wesentliches jedenfalls. Geblubber und Rauschen.

 20. November 2013  Posted by at 14:42 Internet Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Geblubber und Rauschen
Okt 202012
 

Eigentlich können wir so gut wie nie zuvor kommunizieren. Internet und Smartphones bieten die Möglichkeit, jederzeit mit jedermann in Kontakt zu treten, seien es Freunde, seien es Fremde. SMS hat den Anrufbeantworter verdrängt, und Email oder  Statusmeldungen bei Facebook oder die Timeline bei Twitter ergänzen oder ersetzen ihrerseits die klassische SMS. Whatsapp kommt mit rasantem Wachstum daher, allen Sicherheitslücken zum Trotz. Regierungsmitglieder einschließlich der Kanzlerin tippen bei Debatten im Bundestag fortwährend wie wild in ihr Handy oder Smartphone. Man kann sich fragen, wie denn die Kommunikation in der Zeit vor der ständigen Erreichbarkeit ausgesehen hat, wie „damals“ das Regieren überhaupt vonstatten ging.

„Digital Natives“, wie die „Netzgemeinde“ neudeutsch genannt wird, oder auch die „digitale Bohème“ (Süddeutsche Zeitung), propagieren zwar unermüdlich die kommunikativen Segnungen des Netzes, aber bisher hat ihr politischer Arm, die Piraten, nur eine altbekannte Selbstgefälligkeit im Zurschaustellen von Arroganz und Inkompetenz öffentlich gemacht. Die viel gerühmte und vehement geforderte Transparenz erschöpfte sich bald in Personalquerelen und Shitstorms; Austritte auf Grund solcher persönlichen Verletzungen sind die Folge. Also nichts Neues, das übliche menschlich-bornierte Klein-Klein. Das dürfte einen kaum wundern, denn es wirken ja keine „neuen Menschen“ im Netz der social media.

Google, Douglas County, Georgia, by Zhou

Erstaunlicher ist für mich allerdings, dass die ungleich größeren und intensiveren Kommunikationsmöglichkeiten gegenüber der Zeit sagen wir vor 50 Jahren („rotes Telefon“) zwischen politischen und kulturellen Gruppen, Eliten wie Normalos, kaum zu mehr Verständigung und Hörbereitschaft geführt haben, von größerer Toleranz und von mehr Einfühlungsvermögen ganz zu schweigen. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf erleben wir eine irritierende Verhärtung der politisch verfeindeten Lager, die US-Beobachter mit dem Riss vergleichen, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts durch die damalige US-Gesellschaft ging. In Europa lesen wir heute mitten in einer der tiefgreifendsten Krisen des Kontinents seit 1945 von einem EU-Gipfel der Sprachlosigkeit, des Nichtverstehens, von einer „Achse des Misstrauens“ zwischen Deutschland und Frankreich. Beunruhigend. Während dessen schlittert die griechische Gesellschaft sehenden Auges (seitens der griechischen Bürger ebenso wie seitens der auswärtigen Beobachter) auf eine Katastrophe zu: es droht ein „failed state“ mitten in Europa, und die politischen Konzepte zur „Rettung“ klingen eher nach der Alternative zwischen Erhängen oder Erschießen.

Wie nie zuvor in der deutschen Gesellschaft ist die soziale Schere auseinander gegangen. Das zeigt sich in den Schulen (fehlende soziale Durchlässigkeit) ebenso wie beim Wohnen und Arbeiten. Während sich große Teile der Gesellschaft immer größeren Luxus leisten können, wird ein anderer größer werdender Teil der Gesellschaft (Geringverdiener, Rentner, Alleinstehende) von der Wohlstandsentwicklung zunehmend abgehängt. Es ist dabei erstaunlich, wie wenig diese wachsende Kluft hier im Lande zu Diskussionen oder gar zu Unruhe führt. Noch nicht zumindest. Statt dessen befleissigt man sich anderer  beliebter und trotz aller gegenteiligen Aufklärung unausrottbarer Vorurteile: dass die Hartz IV – Leute selber Schuld sind, dass Ausländer „uns“ die Jobs wegnehmen, dass die Ossis maulen und dass mit der D-Mark alles besser war.

Neben der sozialen Kluft entdecke ich auch eine sich eher verstärkende digitale Kluft. Teile meiner Lebenswelt können und wollen die „Segnungen“ des Internets nicht „genießen“. Es ist nach meiner Beobachtung keineswegs nur eine Frage der Generationen. Man passt sich dort an, wo es unumgänglich ist (Geldautomaten, Fahrkartenautomaten, Hotlines) – und macht ansonsten einen möglichst großen Bogen um die Glitzerwelt der Computertechnik. Andererseits weist das Internet ständig zunehmende Nutzerzahlen auf, sei es beim Online-Shopping, beim Buchen einer Reise oder bei der Möglichkeit sich zu informieren: Nachrichten, Kaufberatung, Preisvergleiche. Man nutzt also das, was einem einen praktischen Nutzen verspricht. Social media sind davon noch weit entfernt, sie sind eher eine Spielwiese der Jugend oder der – „digital Bohème“ (?!).

Wo bitte gibt es angesichts der ständig präsenten „instant“ Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, wirklich mehr Verständigung, mehr Bereitschaft, aufeinander zu hören und dann auch auf einander zu zu gehen? Wo ist der „gesellschaftliche Diskurs“ sichtbar und greifbar? Die Beschränkung auf das Eigene, Private fängt im Wohnviertel an und hört bei kulturellen oder politischen Fragen noch lange nicht auf. Bevorzugt wird allemal die Rückversicherung in der peer group, also in der eigenen Gruppe der Meinungs- und Interesse – Gleichen, Netzwerke hin, Netzwerke her, bzw. gerade in und mit den Netzwerken. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass die zunehmende Globalisierung die Suche nach dem Tellerrand, den man nicht überschreiten möchte, eher noch begünstigt, fehlende „Nestwärme“ also. So wächst ein kaum für möglich gehaltener Separatismus in Europas Regionen ebenso wie ein Fundamentalismus der Meinungen und Überzeugungen. Oft wird auf die „Hass-Seiten“ radikaler Islamisten im Netz verwiesen, dabei vergisst man, dass neben den Websites zum Thema Sex das Thema Religion das zweitgrößte ist: religiöser Fundamentalismus feiert allerorten, gerade auch bei Christen, fröhliche Urständ. Immerhin weist das Christentum die größte fundamentalistische Institution auf: die römisch-katholische Kirche (vgl. Hans Küng). Wie soll es da zu mehr Verständigung untereinander kommen?

Kommunikationsmittel, Medien, Netze als solche schaffen noch keine wirkliche Kommunikation, die auf Verständigung und Ausgleich zielt. Demokratisches Verhalten wird in dem Maße obsolet, wie die Fähigkeit zum Kompromiss verlernt wird. Auf Verständigung aber kommt es an, auf das Zwischenmenschliche gerade mit dem, der anders ist / denkt / lebt als ich. Alles andere ist bestenfalls – Selbstbefriedigung im Netz. Hoffen wir, dass wenigstens die europäischen Regierungen noch einmal die Kurve kriegen – und sei es aus ökonomischem Eigennutz -, ehe alles auseinander fliegt.

 20. Oktober 2012  Posted by at 10:59 Gesellschaft, Netzkultur, Politik Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Gestörte Kommunikation