Jul 152017
 

Es ist viel in Bewegung geraten in letzter Zeit. Bisweilen hat man den Eindruck, die Welt sei unruhiger geworden als vor 20 Jahren. Vielleicht täuscht man sich auch, weil manche Tendenzen erst nach und nach deutlicher werden und anderes schon wieder verblasst ist. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Faktoren, die den ‚Weltlauf‘ besonders beeinflussen, natürlich aus europäischer / deutscher Sicht. Die Reihenfolge ist keine Wertungs-Skala.

Die Digitalisierung schreitet weiter voran und durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn wir befinden uns immer noch ganz am Anfang einer Umwälzung, für die bisher Begriffe stehen wie Vernetzung, Internet, Algorithmen, Robotik, Selbstlernende Systeme, KI (was immer im Einzelnen unter „künstlicher Intelligenz“ definiert und verstanden wird), Industrie 4.0, Smart Phone, Smart Home, Smart Production. Dass dieser Prozess Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, insbesondere die Wirtschaft, die Produktion, die Arbeitsverhältnisse und das Konsumverhalten hat, ist jetzt schon deutlich. Wohin es führen wird, ist noch nicht abzusehen.

Globalisierung ist ein schillernder Begriff, der alles mögliche bezeichnen kann. Es sind ja nicht nur die Warenströme und die modulare Produktion am günstigsten Standort gemeint, sondern immer deutlicher auch die Menschenströme: Migration ist ein immer stärkerer Bestandteil dessen, was als globalisierte Wirtschafts- und Handelsverhältnisse begonnen hat. Kommen bessere Lebensverhältnisse nicht zu den Menschen, dann kommen die Menschen in die Wohlstandsregionen. Urbanisierung ist ein weiterer Teilaspekt, wenn ländliche Subsistenzwirtschaft immer mehr von kapitalintensiver Agrotechnik verdrängt wird. Damit verbunden ist oftmals der Verlust kultureller und sozialer Bindungen. Die Auswirkungen sind enorm und werden von einer Vielzahl von Kultur- und Traditionsbrüchen begleitet, – Ende offen.

Toronto

Toronto (C) R.G.

Entgegen den Verheißungen haben die globalen Märkte keineswegs ‚automatisch‘ zu mehr Wohlstand in allen Teilen der Welt geführt. Die Globalisierung hat nicht nur Gewinner hervorgebracht, sondern ebenso Verlierer, die man bisher nur aus den Augen verloren hatte. Sie melden sich unter anderem als „Wirtschaftsflüchtlinge“ in den westlichen Metropolen und an Europas Grenzen zurück. Die Ungleichheit hat insofern zugenommen, als zwar einerseits die absolute Armut gesunken ist, andererseits der ‚absolute Reichtum‘ ins Unermessliche gestiegen ist. Selbst hierzulande, wo ein umfassendes Sozial- und Transfersystem die wirtschaftliche Ungleichheit mildert, wird dieses Auseinanderdriften zumindest von relativer Armut und gewaltigem Reichtum als „Gerechtigkeitslücke“ thematisiert. Nimmt gleichzeitig der Druck und die Unsicherheit bei den Arbeitsverhältnissen zu, entsteht in den Bevölkerungen ein explosives Potential, das sich Ventile sucht in Protest, Populismus und Radikalisierung. Auch hier ist kein Ende der Entwicklung abzusehen.

Mit der wachsenden Unsicherheit und erlebten Ungleichheit (was immer Statistiken und Gini-Koeffizienten anders sagen mögen) wächst die Chance für autoritäre Entwicklungen, von einigen als ‚Lösungen‘ begrüßt. Der Autoritarismus hat eine zunehmende Bedeutung erlangt, die Bindungskraft parlamentarischer, rechtsstaatlicher Demokratien scheint abzunehmen. Dass dadurch zugleich Gegenbewegungen liberaler und demokratischer Kräfte auf den Plan gerufen werden, macht das Lagebild schwer einschätzbar. Dass politische Strukturen in Staat und Gesellschaft auf wirtschaftliche und soziale Umwälzungen reagieren, dürfte allerdings wenig überraschend sein, – ob die Anpassungen immer wünschenswert und planbar sind, steht auf einem anderen Blatt. Ob dann für Regierungen konkret mehr möglich ist als relativ kurzfristige Reaktionen auf fortwährende ‚Krisen‘, ist eine offene Frage. Die gelegentlich vermissten „Visionen“ bleiben bisher den radikalen Aussteigern (wie den „Reichsbürgern“) vorbehalten.

In all diese Problemanzeigen hinein spielen dann, zumeist verstärkend, die globalen Veränderungen hinsichtlich des Klimas, der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität eine wachsende Rolle. Ein Hauptopfer der sich exponentiell ausbreitenden Kapitalisierung, Industrialisierung und Digitalisierung ist die Natur. Sie verändert sich reaktiv und ‚planlos‘ durch alles, was Milliarden von Menschen tun oder unterlassen. Die Auswirkungen und Folgen zeigen sich erst mit Verzögerung, so dass der Wandel in den natürlichen Lebensgrundlagen umso gravierender ist. Klimaerwärmung ist ja nur ein Faktor von vielen. Pestizid-Belastung und das Eindringen von Nanopartikeln aus Plastik in die Nahrungskette sind vielleicht noch schwerwiegendere, aber weniger beachtete Faktoren der Umweltbeeinträchtigung. Auch der medizinische Fortschritt ist bedroht, wenn Antibiotika ihre Wirksamkeit verlieren: Besiegte Geißeln der Menschheit (z.B. Tuberkulose, Tripper, Pest) drohen von neuem. Solche Entwicklungen werden unter dem Stichwort Pandemien erst allmählich in der Öffentlichkeit wahrgenommen – mit unabsehbaren Folgen.

Was bedeutet dies alles für Freiheit und Selbstbestimmung, für moralische Werte, für Kultur im weitesten Sinne? Wir wissen es nicht, auch nicht, ob die Zunahme von Rücksichtslosigkeit, Rechtlosigkeit und Gewalt nur gefühlt ist oder einen realen Bezug hat. Unsicherheiten in den wirtschaftlichen Lebensverhältnissen spiegeln sich sehr rasch in sozialen und kulturellen Veränderungen. Denn sicher ist in jedem Falle: Es hängt alles mit allem zusammen. Diese Komplexität kann einerseits Gefahren und Risiken verstärken, andererseits aber auch als „Trägheitsdämpfer“ dienen. Vieles von dem, was heute aufgeregt durch die Medien gejagt wird, ist der Erwähnung kaum wert – und auch ebenso schnell wieder vergessen. In mancher Hinsicht lässt tatsächlich die menschliche Trägheit, positiv formuliert: die menschliche Sehnsucht nach Beständigkeit hoffen. Auch wenn es sie so, wie gewünscht, nicht gibt, kann sie Handeln und Verhalten als subjektiven Hintergrund prägen. Es wäre nicht das Schlechteste. Schlecht ist es nur, wenn die Augen verschlossen werden und die Informationen ignoriert werden gegenüber dem, was sich unaufhaltsam verändert. Manches kann eben doch beeinflusst und in seinem Lauf verändert werden – zum Glück. Man muss es nur mit anderen zusammen versuchen.

Jul 012016
 

Unübersichtlichkeit und Multikomplexität erfordern neue Handlungsweisen. –

Geschichtliche Abläufe sind eigentlich immer unübersichtlich. Geschichtswissenschaft bemüht sich, Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen, Quellen zu erheben und zu bewerten, Abläufe zu strukturieren und Ereignisse im Geflecht anderer Ereignisse zu identifizieren. Die unterschiedlichsten Interessen und Kräfte wirken in unterschiedlicher Intensität und mit abgestufter Wirkungskraft aufeinander ein. Zufälle überformen planvolles Handeln oder setzen es gänzlich außer Kraft. Zu den tatsächlichen Ereignissen treten die Bewertungen und Reaktionen hinzu, die sich bei Bekanntwerden ergeben, und sind nun ihrerseits Ereignisse, die den Verlauf der Dinge beeinflussen. Jeder zeitliche Ablauf handelnder Akteure ist verflochten mit anderen Akteuren, Individuen, Gemeinschaften, gesellschaftlichen Strukturen, geistigen Strömungen und Stimmungen, welche die Wahrnehmung der Ereignisse in einem begrenzten Umfeld bestimmen. Dies alles gilt im Rückblick auf die Vergangenheit, wo man den Vorteil hat, gewisse Ergebnisse und Auswirkungen geschichtlicher Verläufe inzwischen zu kennen und darum einzelne Ereignisfäden gegeneinander abgrenzen und gesondert verfolgen zu können.

In der Gegenwart gilt dieselbe Komplexität, dieselben Verflechtungen von Ereignissen und Interessen, Meinungen und Absichten usw. Es fehlt allerdings der Abstand, um bestimmte Ereignisse isolieren und gewichten zu können, und es fehlt jegliches Wissen darüber, wie etwas ausgeht. Es gibt Vermutungen über wahrscheinliche Verläufe, die allesamt mit den Erfahrungen aus bisherigen Verläufen begründet werden. Es sind im Blick auf die zu erwartende Zukunft also bestenfalls Extrapolationen, die weder Überraschendes noch Zufälliges noch Stimmungsmäßiges berücksichtigen können. Solche Gegenwartsanalysen mit Voraussagen für die nahe Zukunft sind nicht besser als Computermodelle, deren Güte von den eingehenden Daten und den gewählten Rahmenbedingungen bestimmt wird. Geschichte verläuft de facto immer wieder anders als erwartet oder vermutet. Viele Beobachter vermuten vieles, und einige wird es immer geben, deren Vermutungen dem tatsächlichen Verlauf nahe kommen. Sie hatten aber keine besonderen Fähigkeiten, sondern schlicht das Glück gehabt, in der erwartbaren Bandbreite der Voraussagen den Sektor getroffen zu haben, der zufällig die tatsächliche Entwicklung abgebildet hat.

Insofern dient alle geschichtliche Forschung, dienen auch alle geschichtlichen Betrachtungen dem Wunsch und dem Bemühen, im Gewirr der Ereignisse innerhalb des eigenen Gesichtsfeldes eine Struktur, Tendenz, Auswirkung von etwas zu entdecken. Was da gefunden und heraus gestellt wird, ist nie mehr als nur eine Facette des Rückblicks auf Ereignisse, die von anderen mit anderem Blick und einem anderen Datenbereich auch in einer anderen Facette interpretiert und dargestellt werden. Dies gilt in höchstem Maße zugespitzt für Analysen und Betrachtungen der Gegenwart. Unübersichtlichkeit ist also ein wesentliches Merkmal von Weltereignissen überhaupt, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart.

Dies gilt wiederum umso mehr, wenn der Bereich der Wahrnehmung und der Erfassung von Ereignissen und Daten erheblich zunimmt. Die durch Kommunikation, Mobilität und wirtschaftlichen Austausch globalisierte und vernetzte Welt bildet einen Ereignis- und Erfahrungsraum, der von einem einzelnen Beobachter nicht mehr zu überblicken ist. Viele Beobachter zusammen genommen können zwar mehr und Unterschiedliches wahrnehmen, stellen dann aber ihrerseits wiederum ein neues Netz von Meinungen und Interessen dar (z.B. „Medien“), die sozusagen auf der Metaebene der Deutung von Ereignissen indirekt auf Ereignisse ein- und rückwirken und also ebenfalls beobachtet, analysiert und interpretiert werden müssen – eine Deutungsebene zweiter Ordnung, und so fort. Die Komplexität der Ereignisse, Verläufe und ihrer Wahrnehmung wird dadurch also nicht einfacher, sondern eher noch komplexer.

Diese verschachtelten Zusammenhänge von Strukturen, Ereignissen, Wahrnehmungen, Absichten, usw. in globalisierten Wechselverhältnissen nenne ich einmal Multikomplexität. Multikomplexität ist das, was Unübersichtlichkeit ausmacht. Die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, geistigen und mentalen Verhältnisse der Gegenwart sind extrem multikomplex, das heißt extrem unübersichtlich. Eine Erkenntnis, die sich daraus ableitet, ist, dass Multikomplexität so gut wie gar nicht steuerbar, kontrollierbar ist. Schon ‚einfache‘ Komplexität ist schwer zu beherrschen; dazu können Computermodelle beitragen. Doch auch für das beste Modell gilt letztlich die Unvorhersehbarkeit zukünftiger Ereignisse – und eben auch Murphys ‚Gesetz‘, dass alles, was passieren kann, irgendwann tatsächlich passiert [„If there’s more than one possible outcome of a job or task, and one of those outcomes will result in disaster or an undesirable consequence, then somebody will do it that way.“]. Vermeidung von Disaster und Eingrenzung möglicher Folgen gehört also zum Geschäft der Risikobegrenzung in der Politik ebenso wie in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Von völliger Kontrolle komplexer Zusammenhänge, von Kontrolle über Multikomplexität kann aber keine Rede sein. Dies liegt weniger an zu geringer Daten- oder Rechenbasis als an der Dynamik komplexer offener Systeme.

Brext

Brexit 2016 (Youtube.com)

Nun gibt es aber stets Erfahrungswerte, die bei der Bewältigung konkreter Aufgaben helfen und in den meisten Fällen auch sicher zum Ziel führen. Die Reduktion von Komplexität auf das Wesentliche (bzw. auf das, was als solches erscheint) ist dafür der bewährte Weg. Wenn ich nur einige Rahmenbedingungen kenne und nur wenige davon beeinflussen kann, werde ich mich gerade auf diese konzentrieren. Dies gilt natürlich auch für die Bewertung und Bewältigung einer unübersichtlichen Gegenwart – und ist das Geschäft konkreter, praktischer Politik. Es kommen heute aber aus meiner Sicht Dinge dazu, die an bewährten und bekannten Deutungs- und Handlungsmustern zweifeln lassen. Und genau dies nenne ich die „neue Unübersichtlichkeit“. Verantwortlich dafür sind sowohl Veränderungen in der politischen „Großwetterlage“ (keine zufällige Metapher), als auch eine Vielzahl von Innovationen, deren Auswirkung und Folgen noch weitgehend unbekannt sind. Zwei Ereignisse mögen diese Situation kennzeichnen: Die Auflösung der machtpolitischen Nachkriegsverhältnisse 1989/90 und der Siegeszug der Digitalisierung. Beides fällt in etwa in denselben Zeitraum, beides hat bisherige Deutungen von Ereignissen und daraus abzuleitende Handlungsmuster in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft obsolet gemacht. Machtpolitik ist zwar immer noch Machtpolitik, Interessen einzelner Mächte halten sich meist über einen langen Zeitraum (über mehrere Generationen) durch, die Ökonomie funktioniert weltweit weitestgehend auf kapitalistischer Basis, und mehr als in einen Tag und in einen Kopf hinein geht, geht eben nicht hinein. Jeder versucht in seinem eigenen kleinen Umfeld (Familie, Arbeit, Freunde) möglichst gut zu leben, was für einen Großteil der Menschheit nichts Luxuriöses bedeutet, sondern schlicht den Kampf ums Überleben – in der Heimat oder in der Fremde.

Darüber hinaus aber haben sich in der letzten Dekade die Verhältnisse derart gravierend verändert, dass allein schon die Geschwindigkeit dieser Veränderung (von einigen als „disruption“ gefeiert) die Multikomplexität erhöht und die Unübersichtlichkeit verstärkt hat. Orientierung wird immer schwieriger, zumal dann, wenn eigene Lebensverhältnisse betroffen sind und aus einer scheinbar sicheren Vergangenheit heraus die Gegenwart instabil wird und sich in eine prekäre Zukunft verwandelt. Die Angst allein genügt schon, um als Motor für eine Reihe von Entwicklungen zu dienen, die sprunghaft, nicht vorhersehbar und irrational verlaufen – für Strategen und Technokraten aller Art ein Graus. Vieles, was wir an sozialen und politischen Entwicklungen beobachten, hat seinen Grund in dieser gesteigerten Unübersichtlichkeit, die mit gesteigerter Unsicherheit gepaart ist. Die Multikomplexität unserer heutigen Lebensverhältnisse lässt sich eben nicht einfach mit Aufmerksamkeits – „multitasking“ überspielen oder gar in den Griff bekommen. So verwundert es gar nicht, dass die Suche nach einfachen Erklärungen, das Bedürfnis nach klaren Schwarz-weiß-Einordnungen, die Bereitschaft, irrationalen Erklärungen und Mechanismen zu vertrauen (Verschwörungstheorien, Esoterik), auch der Drang zur unmittelbaren Gewalt insbesondere gegenüber Minderheiten, (vermeintlichen) Außenseitern und Andersdenkenden zunimmt. Sündenböcke machen die Hyperkomplexität mit ihren individuellen Auswirkungen anscheinend erträglicher. Hier tut sich derzeit den Sozialwissenschaftlern und Psychologen ein weites Feld der Betätigung auf.

Die Politik allerdings, und das ist wirklich besorgniserregend, steht recht hilflos da und scheint sich weitgehend mehr treiben zu lassen, als wirklich noch steuern und gestalten zu können oder zu wollen. Vielleicht ist derzeit schon einiges gewonnen, wenn das Schlimmste (was immer das konkret ist) verhindert werden kann. Manchmal ist es gut, wenn man bei vermeintlicher Ausweglosigkeit Zeit gewinnt für neuen Handlungsspielraum. Die neue Unübersichtlichkeit zwingt zur Pragmatik in den Handlungsmöglichkeiten und zur Bescheidenheit in den Zielen. Vertrauen erwecken und Zusammenhänge erklären wird zur Hauptaufgabe. Gewinnen werden sonst nur die großmauligen Verführer und Verkäufer einfacher Lösungen. Da könnte allerdings noch einiges auf uns zukommen.

Apr 212013
 

Es ist schwierig, die gegenwärtige Zeit in Gedanken zu fassen. Das liegt weniger daran, dass die Gegenwart so schwierig wäre, sondern verweist auf ein grundsätzliches Problem. Die unmittelbare Nähe und Distanzlosigkeit des Erlebens der jeweils aktuellen Zeit macht es nahezu unmöglich, in der Gegenwart etwas „objektiv“ zu sehen, denn das hieße ja: aus der Distanz, mit Abstand. „Mit Abstand von einigen Jahren“ sieht bekanntlich alles ganz anders aus. Der subjektive Gesichtswinkel, aus dem heraus man jeweils seine Zeit wahr nimmt und beurteilt, ist ebenfalls unvermeidbar, solange die unmittelbare Mitbetroffenheit im Verlauf gegenwärtiger Ereignisse und Erscheinungen die neutrale Position aus der Perspektive eines Dritten unmöglich macht. Es ist das oft zitierte Problem, den Vogel aktuell im Fluge zu zeichnen. Ohne die Richtung und das Ziel zu kennen, ist das ein schier unmögliches Unterfangen. Völlig anders ist die Situation, wenn man die mediale Aufzeichnung desselben Vogelfluges betrachtet. Da ist dann jegliche Beschreibung und Analyse sehr leicht möglich, weil der Gesamtverlauf bekannt ist.

Wiewohl die Beurteilungen von Zeiterscheinungen also stets und prinzipiell schwierig sind, gibt es doch Dinge und Erscheinungen, deren „Gegenwart“ sich bereits eine Zeit lang hin dehnt, die also rückblickend einen Verlauf aufweisen. Hier ist es schon leichter, zu Beurteilungen zu gelangen, da ihre jeweilige Gegenwart bereits einen Teil (naher) Vergangenheit und somit Distanz enthält. Offensichtlicher sind daneben solche Phänomene der Gegenwart, die sich leicht als Modeerscheinung, als ‚Hype‘, erkennen lassen, weil sie vielfach medial verstärkt gleichsam von allen Dächern zugleich herab tönen und in vielen gesellschaftlichen Bereichen zugleich auftreten. Ihre mediale Verstärkung macht sie nur scheinbar übermächtig. Zwischen noch unklaren Ereignissen der Gegenwart mit ungewissem Ausgang und unsicherer Bedeutung einerseits und klar erkennbaren Modeerscheinungen der Alltagsöffentlichkeit andererseits liegen Trends. Trends können eine tatsächliche Richtung, ein wirkliches Gefälle (‚bias‘) der Entwicklung anzeigen, sie können aber auch ganz in die Irre gehen oder in eine Sackgasse führen. Da ist man erst hinterher schlauer. Wer einen ‚richtigen‘ Trend erkennt (zum Beispiel an den Börsen, in der kulturellen oder auch technologischen Entwicklung), gilt dann im Nachhinein als ein besonders schlauer oder genau analysierender Zeitgenosse, – dabei hat er wahrscheinlich in einem konkreten Fall nur Glück gehabt. Über erfolgreiche Trends wird berichtet, – falsch erkannte Trends werden schnell vergessen.

Mit dieser vorsichtigen Annäherung und durch Hinweis auf die möglichen inkludierten Schwierigkeiten einer Zeitbeschreibung möchte ich nun doch ein paar Beobachtungen über die Gegenwart aus versuchter Distanz heraus mitteilen. Es gibt eine Reihe von Dingen und Zuschreibungen, die zwar wieder und wieder geschrieben und verbreitet werden, die also so etwas wie eine öffentliche Übereinkunft über den Zustand der Gegenwart darstellen, die aber nichts desto weniger fragwürdig und bezweifelbar und also keineswegs selbstverständlich sind.

Ein Beispiel ist die Aussage, die gegenwärtige Zeit sei besonders „beschleunigt“. Das bezieht sich dann auf gesellschaftliche Veränderungen einerseits und auf technologische  Entwicklungen andererseits. Oft wird die Feststellung einer Beschleunigung auch mit dem Hinweis auf die Hektik des Alltags begründet. Das aus meiner Sicht einzig konkret fassbare Datum (=Gegebene) aber ist die zunehmende Verdichtung von mancherlei Arbeits- und Produktionsprozessen. Hier ist die Aussage einer Beschleunigung sicher zutreffend. Ob das aber im Blick auf das Leben insgesamt gilt, ist für mich eher zweifelhaft. Konkrete Alltagsbeobachtungen sprechen eher dagegen. Ob man sich gerne in jeden Trubel stürzt und möglichst viel mit bekommen will oder ob man bedächtiger und behutsamer Schritt für Schritt an Dinge und Entscheidungen heran geht, ist eine Frage der persönlichen Einstellung, der Mentalität. Die angeblich so verbreitete Beschleunigung der Lebensverhältnisse und ihrer Veränderungen besteht zum einen aus der Verwechslung von Beschleunigung mit selbst induzierter Hektik (man macht sich Stress) vermittels übersteigerter Ansprüche, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben, zum anderen darin, dass der erlebnishafte Vergleich mit der Vergangenheit fehlt. Liest man zeitgenössische Berichte zum Beispiel aus den „goldenen Zwanzigern“ des vorigen Jahrhunderts in Berlin, so ist die Klage oder Freude über eine übergroße Hektik („Jubel, Trubel, Heiterkeit“) kaum zu übersehen. So neu scheint das Phänomen der Beschleunigung also gar nicht zu sein. Dass die jeweilige Zeit hektisch und überstürzt sei, wurde eigentlich zu vielen Zeiten gesagt (vgl. Renaissance). Darüber hinaus zeigt uns die Sozialforschung, dass sich Einstellungen und Mentalitäten nur sehr allmählich, im Grunde nur von Generation zu Generation wirklich ändern und verschieben. Was also ist heute so „beschleunigt“?

Times Square NY

Times Square NYC

Am ehesten scheint das auf die technologischen Entwicklungen zuzutreffen. Die Taktzahl der allfälligen Neuerscheinungen hat sich gewaltig erhöht; alle halbe Jahr gibt es neue technische Geräte, insbesondere im Bereich von Medien und Kommunikation (Handys!). Doch marktgetriebene Neuerungen sind selten eine wirkliche Beschleunigung, entpuppen sich doch die meisten Neuheiten als nur geringfügig verbesserte Altversionen. Auch technologische Entwicklungsschübe bleiben weitaus seltener, als es die medialen promotions (PR!) glauben machen. Wie das Automobil in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die künftige Entwicklungen verändernde und bestimmende Neuerung war, so dürfte wohl die Verbreitung des Mediums Internet zu den wegweisenden Neuerungen dieses Jahrhunderts gehören. Ein neues iPhone allerdings macht wie eine Schwalbe noch längst keinen ‚beschleunigten‘ Sommer. In diesem Sinne sind konsumorientierte Neuheiten eigentlich nichts, was eine Beschleunigung des Lebens des Einzelnen bewirken könnte. Auch hier zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass sich Verbraucherverhalten nur sehr allmählich ändert und auf neue Verhältnisse einstellt. Hier muss man manche „Internetfuzzis“ bei aller Begeisterung einfach mal auf den Boden der Tatsachen zurück holen.

Ein anderes Phänomen ist der Burn-Out. Unter Medizinern ist es nach wie vor umstritten, ob es sich dabei um ein eigenes Krankheitsbild handelt, und wenn ja, um welches, oder ob es sich um eine unscharfe Bezeichnung für ein Art von Depressionen oder depressivem Verhalten handelt. Schaut man in die Medien, bekommt man allerdings den Eindruck, es handele sich um eine neue Volksseuche. Nun ja, vor einhundertfünfzig Jahren gehörte es in der Damenwelt zum guten Ton, regelmäßig in Ohnmacht zu fallen. Mir scheint das, was man mit Burn-out-Syndrom bezeichnet, eher ein symptomatischer Ausdruck für ein Gefühl der Selbstüberforderung zu sein. Die kann natürlich auch handfeste klinische Befunde verursachen. Die Leidenserfahrung Betroffener will ich weder klein reden noch ignorieren. Nur könnten die Ursachen und Zusammenhänge von anderer Art sein, als es die „Modekrankheit“ Burn-Out anzeigt. Das Ausgebranntsein hat zwar auch etwas mit Selbstüberschätzung bzw. Selbstüberforderung zu tun, vor allem aber verweist es auf eine Desorientierung und vielleicht sogar Desillusionierung innerhalb der umgebenden Lebenswelt.

Damit kommen wir zu einem dritten Bereich, der als letztes Beispiel dienen soll. Es handelt sich um die viel beschworene zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft und Lebensverhältnisse. Dabei ist es zunächst einmal gleichgültig, ob diese Zunahme der Komplexität real abbildbar ist, oder ob sie als solche lediglich erlebt wird. Letzteres ist offenkundig der Fall, bei Ersterem bin ich mir nicht so sicher. Meine These ist dabei, dass es weniger die objektiven Verhältnisse unseres Lebens sind, die so viel ‚komplexer‘ geworden sind, als vielmehr die Art und Weise, wie wir mit den Gegebenheiten und Zufälligkeiten der Ereignisse des Lebens umgehen. Leben ist immer und an sich von großen Zufälligkeiten und überraschenden Veränderungen geprägt, eine Allerweltsweisheit. Dem sollten in früheren, zum Beispiel eher ständisch organisierten Gesellschaften, klare Orientierungsrahmen entgegenwirken, die als Lebensordnungen bestimmten Werten folgten und einigermaßen klare Verhaltensweisen in den Unfällen des Lebens ermöglichten. Der Aufbruch in eine offene Gesellschaft der individuellen Freiheit, der Auswahl eigener Werte ohne vorgegebenes Wertesystem, die zunehmende Eigenverantwortlichkeit für die Gestaltung des eigenen Lebensverlaufs, sind große neuzeitliche Errungenschaften für die Selbstwerdung als freie Person, werden aber mit einem Verlust an selbstverständlicher Stabilität und Systemorientierung  erkauft. Ein guter Teil dessen, was heute als Zunahme objektiver Komplexität beschrieben wird, ist viel mehr der subjektiven Seite des Umgangs mit stets unsicheren und wechselhaften Lebensverhältnissen zuzuschreiben. Wenn es keine oder kaum selbstverständliche Verhaltensweisen im Umgang mit den Zufälligkeiten und Wechselfällen des Lebens gibt, muss sich jeder einzelne stets aufs Neue damit für sich auseinandersetzen und einen Ausweg finden. Das ist der Preis der Freiheit, der Offenheit und der Individualisierung unserer Lebensverhältnisse. Wer sie nicht missen möchte (ich gehöre jedenfalls dazu), muss damit leben, dass die Verhältnisse und Gegebenheiten jeweils eine eigene Entscheidung erfordern, dass eigene Werte und Verbindlichkeiten gesucht und freiwillig befolgt werden wollen und dass diese Freiheit und Offenheit in unserer modernen Gesellschaft der Individuen eben auch anstregend sein kann. Sich Übersicht zu verschaffen über die eigenen Lebensumstände und Ziele und hierbei eigene Prioritäten zu setzen fernab von gesellschaftlich verbindlichen Konventionen muss erlernt und geübt werden. Was Wunder, wenn sich da bisweilen das Gefühl der Überforderung und der „Überkomplexität“ der Lebensverhältnisse breit macht. Die offene Gesellschaft freier Individuen in der modernen Zeit („everything goes“) gibt es tatsächlich nicht zum Nulltarif.

Dies sind nur einige Aspekte der Betrachtung unserer Gegenwart. Vor allem was den Blick auf die Entwicklung der modernen Gesellschaft betrifft,  ist hier nur ein einziger, wenngleich grundsätzlicher Aspekt genannt worden. Selbstverständlich sind die politischen Verhältnisse, Machtstrukturen, kulturelle Bindungen und Verflechtungen, globalisierte Entwicklungen usw. usw. in eine genauere Analyse einzubeziehen. Hier geht es nur um einige Beobachtungen und Anregungen, die gegenwärtige Zeit und einige ihrer Entwicklungen ruhig in den Blick zu nehmen. Das Bild ließe sich um viele Aspekte ergänzen, erweitern, korrigieren. Nur der Versuch der vorsichtigen Distanzierung (Abstand gewinnen) kann hierbei weiter helfen.

 21. April 2013  Posted by at 11:04 Gesellschaft, Moderne Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeiterscheinungen
Jan 262013
 

Im politisch-feuilletonistischen Kontext stößt man heute oft auf die Redeweise von der „Komplexität der Gesellschaft“, der Zunahme „sozialer Ausdifferenzierung“ und des „Bedeutungsverlustes von Sinnsystemen“. Dass unsere moderne Gesellschaft durch ein neuartiges Maß von Komplexität gekennzeichnet ist, gehört zum Allgemeingut, fast schon zum selbstverständlichen Hintergrundwissen, wenn man mit einer Kurzformel direkt oder indirekt unsere heutige Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Gesellschaften charakterisieren will. Die Beschreibung der Komplexität wird ergänzt oder präzisiert mit dem Hinweis auf die breite soziale Ausdifferenzierung, die frühere statische Hierarchien bzw. Klassen abgelöst hätten. Übergangsweise (zeitlich wie sachlich) spricht man auch gerne von mehreren in sich noch einmal strukturierten Schichten oder von einer breiter ausgefächerten, zur Nivellierung tendierenden „Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky). Hinzu kommt die Feststellung, dass fest abgegrenzte und allgemein anerkannte Sinn vermittelnde Institutionen an Bedeutung bzw. „Glaubwürdigkeit“ verloren haben („Krise der Institutionen“). Bisweilen wird auch eine zunehmende Entpolitisierung der Gesellschaft diagnostiziert, verbunden mit dem Rückzug ins Private, zu Freizeitvergnügen und Spaß. Damit sind Vorstellungen und Begriffe genannt, wie sie einem in Artikeln, Beiträgen und Diskussionen wie selbstverständlich begegnen. Ich stutze dabei freilich immer öfter.

Woher kommen diese gängigen Zuschreibungen zur Kennzeichnung unserer Gesellschaft? Es handelt sich dabei, wie auch kaum anders zu vermuten, um Popularisierungen bestimmter sozialwissenschaftlicher Theorien und Modelle (vgl. N. Luhmann). Es braucht allerdings schon eine hohe heuristische Qualität, wenn soziologische Theoriebildungen ihren Weg in die Alltagsdiskussion finden sollen, sprich: Diese Theorien müssen recht offenkundig etwas ansonsten Unverstandenes erklären und aufhellen können. Dann haben sie das Zeug, in das Bewusstsein der Allgemeinheit, in politische oder kulturelle Diskussionen einzudringen und sie als festes Hintergrundwissen prägen zu können. Dies ist für sich genommen ganz wertfrei ein normaler Prozess, wie „Weltbilder“ oder „Denkmodelle“ die jeweils erfahrbare Welt verstehen und begreifen helfen. Aber damit erhalten wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die an sich immer nur partielle Beschreibungen und vorläufige Deutungen eines Aspekts der Wirklichkeit liefern können, universellen, bisweilen sogar „totalitären“ Charakter und werden zur Ideologie, zur vereinfachenden und verzerrenden, eindimensionalen und polarisierenden Darstellung einer an sich äußerst vielgestaltigen und vielschichtigen Wirklichkeit.

Ich habe den Eindruck, dass zumindest in Teilen der interessierten Öffentlichkeit heute die „Systemtheorie“ die wesentlichen soziologisch relevanten Deutungsmuster und Kategorien zum Verständnis unserer Gesellschaft liefert. Als populäre Derivate kann man jetzt auf die „Komplexität“ der gesellschaftlichen Systeme und auf den Verlust von „Sinnsystemen“ verweisen. Ja, Komplexität wird im Gefolge dieser soziologischen Theorien zum Ausweis einer modernen Gesellschaft überhaupt, die sich in vielfältigen Institutionen und Teil- und Subsystemen strukturiert und entsprechend differenziert kommuniziert. Eine inhaltliche Nähe zu den Strukturen digitaler Netzwerke scheint sich anzubieten, um auf diese Weise Kategorien und Begriffe aus der soziologischen Theorie bzw. der Technikwelt in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übernehmen oder doch zu übersetzen. Gerade in der Netzdiskussion findet man häufig systemorientierte Interpretamente.

Struktur (Metall)

Struktur (Metall)

Die Komplexität unserer Gesellschaft in funktionalen Systemen gilt als das unterscheidende Merkmal der modernen Gesellschaften gegenüber „traditionellen“, hierarchisch strukturierten und in vertikalen Ständen oder horizontalen Verbänden gegliederten Gesellschaften. Vielleicht sollte man aber besser von einer Zunahme der Dynamisierung gesellschaftlicher Prozesse sprechen, beginnend mit der Industrialisierung – und mit der Allgewalt des Finanzkapitals noch lange nicht endend. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, inwiefern unsere heutigen (westlichen) Gesellschaften apriori komplexer sind und sich aller erst durch Komplexität konstituieren im Vergleich zu anderen (auch früheren) Gesellschaftsformen. Diese Sichtweise erscheint mir als zu eng.

Entsprechendes gilt für den allseits diagnostizierten Verlust von „Sinnsystemen“. Ohne Zweifel hat die Selbstverständlichkeit einiger „Sinn-Agenturen“ wie Kirchen und Gewerkschaften erheblich nachgelassen. Daraus wird man aber kaum einen Verlust an Sinn vermittelnden Instanzen ableiten können, allenfalls eine Verschiebung hin zu anderen Instanzen und Institutionen, denen sich der Einzelne selber verbunden fühlen kann. Der gesellschaftliche Zwang, bestimmten vorgegebenen Sinnagenturen zu folgen (der Kirche, der bürgerlichen Moral, dem Brauchtum), ist geschwunden. An deren Stelle ist die individuelle Suche und Wahl einer Verbindlichkeit getreten, die vielfältige plurale Angebote bereit stellen.

***

Ich möchte einmal einen anderen Blickwinkel vorschlagen: nicht den systemtheoretisch voreingestellten Blick ‘von oben’, sondern den Blick ausgehend vom Einzelnen, wie er sich in seiner Welt sieht. Der Einzelne steht stets in Beziehungen zu anderen, mit denen er interagiert. Die anderen sind für ihn jeweils Vermittlungsstellen („Knoten“) seines Weltbezuges, die ihrerseits wiederum mit weiteren verbunden sind. Entweder sind das fremde oder ihm ebenfalls bekannte Individuen / „Knoten“. Die Beziehungen sind sehr unterschiedlich strukturiert und regelgeleitet: Die Beziehung zum Partner ist eine andere als die Beziehung zum Chef; die Beziehungen in der Familie sind anders als die am Arbeitsplatz, die im Sportverein wieder anders als die in der Nachbarschaft usw. Dies lässt sich gut im Bild eines Netzwerks beschreiben, wobei die meisten Verbindungen reziprok sind. Von der Valenz her, also der Qualität nach sind sie aber jede für sich unterschiedlich gewichtet und unterliegen sehr unterschiedlichen Regeln und Normen. Zudem sind einige Beziehungen vorgegeben (Eltern-Kinder), andere selbst gewählt und präferiert, einige dauerhaft (Kind der Eltern; bester Freund), andere eher lösbar oder gar nur auf Zeit angelegt (Arbeitsverhältnis). Dies wäre noch weiter auszuführen und differenzierter zu bestimmen, ich belasse es bei dieser Skizze. Entscheidend ist, dass sich die Weltsicht für den Einzelnen praktisch aus seinen Beziehungen ergibt und sich zugleich in seinen Beziehungen spiegelt. Das alte Sprichwort „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist“ beschreibt einen Aspekt dieses Wechselverhältnisses von Leben-in-Beziehungen und Ich-Konstitution. Oder noch anders: Der Mensch als soziales Wesen konstituiert sich auch als Individuum nur in und durch Beziehungen zu anderen. Das durch andere vorgängig vermittelte Wissen und Leben-in-Beziehung schließt dem Menschenkind aller erst seine Welt auf.

Fragen wir also danach, wie sich die Wirklichkeit im Leben des Einzelnen zeigt, so geht es nicht um objektiv ermittelte Strukturen, also auch nicht um ein von außen oder ‘oben’ auferlegtes Raster, sondern um das, was sich konkret in lebendiger Vielfalt als Welt-in-Beziehung zeigt. Das, was sich da zeigt (Welt-in-Beziehung), kann nun als verständlich, übersichtlich und vertraut erfahren und gedeutet werden oder als unübersichtlich und verwirrend. Meist sind beide Komponenten gegeben, das Vertraute-Klare und das Unvertraute-Unsichere in jeweils unterschiedlichen ‘Mischungsverhältnissen’. Beständige Beziehungen werden eher dem Feld des Eindeutigen und Vertrauten und darum Sicherheit Gewährenden zuzuordnen sein, kurzfristige, instabile Beziehungen eher dem Bereich des Unklaren, Unsicheren. Je mehr sich das Leben des Einzelnen in solchen Beziehungen wieder findet, die Verständlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit geben, desto verständlicher, einfacher und gewisser wird ihm seine Welt erscheinen, und umgekehrt: Je unsicherer die Beziehungen, desto unübersichtlicher und unverständlicher wird ihm seine Welt.

Wir können nun heute feststellen, dass sich gerade in den Beziehungen des einzelnen Menschen innerhalb seines Lebens erhebliche Veränderungen abspielen, die eine Folge der Dynamik der gesellschaftlichen Anpassungen und der wirtschaftlichen Veränderungen sind. Bestimmte Erwartungen ‘sicherer’ Beziehungen etwa durch eine lebenslange Partnerschaft, ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis, eine Verwurzelung an einem bestimmten Wohnort (Heimat) weichen immer öfter flexiblen Lebensverhältnissen mit einem „Lebensabschnittspartner“, einer befristeten Arbeitsstelle und einem nur zeitweisen Wohnort. Dies nur als markante, gut belegte Beispiele. Aus der Sicht des Einzelnen ist seine Welt also nicht „komplexer“, sondern schlicht unübersichtlicher und unsicherer geworden. Selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse („Systeme“) auf relativ einfachen Strukturen und Mechanismen beruhten – und ich glaube, dies ist tatsächlich der Fall – , wäre die Gesellschaft doch aus der Sicht und auf Grund der Erfahrung des Einzelnen ‘kompliziert’ im umgangssprachlichen Sinne, weil sie sich in seinen Beziehungen als unübersichtlich und unsicher darstellt, zum Teil auch deswegen, weil ökonomisch-politische Abläufe und Zwänge sowohl unverstanden als auch an sich unverständlich sind.

Es ist also die Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, die dem Einzelnen in seiner Welterfahrung widerfährt. Dies ist als solches kein neues Phänomen, jede Epoche (zumal bei Jahrtausendwenden!) hatte ihre Krisen und Unübersichtlichkeiten und dementsprechend ihre „Neurosen“ beim Einzelnen wie in der Gesellschaft. Heute allerdings ist die Dynamisierung der Lebens- und Wirtschaftsvollzüge derart angewachsen (manche nennen es ‘beschleunigt’), dass die Weltsicht fast zwangsläufig fragwürdig, unübersichtlich und diffus wird. Was gilt noch? Was gibt Sicherheit? Wo finde ich Bestätigung? Wo Geborgenheit? Welchen Sinn macht es / alles? Sowohl die Irritationen in den menschlichen Interaktionen als auch die fast zwanghafte Suche nach Stabilisierung und persönlicher Vergewisserung (-> Neurotisierung) erklären sich durch diese veränderten Beziehungsverhältnisse. Mal sehr platt formuliert ist es die Frage, ob der geeignete Mensch für diese Dynamik globaler Veränderungen überhaupt schon geboren ist.

Wir sind von den Schlagworten wachsender Komplexität und sinkender Sinnvermittlung ausgegangen. Statt objektiv von wachsender Komplexität schlage ich darum vor, lieber subjektiv von einer faktischen Unübersichtlichkeit zu sprechen, die unsere Epoche kennzeichnet. Die Kategorien „komplexer Systeme“ verführen zu einer theoretischen Eindeutigkeit, die es so praktisch nicht gibt. Wir sind auf der Suche, unsere Welt zu verstehen, jeder für sich und „in Beziehung“. Nur in und durch seine wirklichen Lebensvollzüge in konkreten Lebensbeziehungen kann der Einzelne seine Welt bewältigen und begreifen. Die Suche nach Sinn spiegelt nur die Suche nach stabilen Beziehungen in den eigenen Weltverhältnissen wider. Die Gesellschaft als Ganzes ist ‘mehr’, vor allem anders als die Summe ihrer Individuen. Und doch macht erst der seiner selbst bewusste und gewisse Einzelne in seinen konkreten Beziehungen und den ihnen eigenen Normen und Strukturen den Kern unserer Gesellschaft aus. Ihre Dynamik hängt letztlich auch von ihm ab. Insofern ist es zutreffender, von „Individualität-in-Beziehung“ als Kennzeichen unserer Moderne zu sprechen.

[27.01.: Gekürzt. Die Langfassung findet sich hier.]

 26. Januar 2013  Posted by at 18:46 Gesellschaft, Individuum, Moderne Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Verführerische Komplexität
Jun 212012
 

Der  Thread bei Google+ zum meinem Beitrag „Komplexität und Populismus“  hier im Blog ist zwar etwas daneben gegangen, bringt mich aber dazu, eine Erläuterung und Präzisierung nachzuliefern.

Dass die Lebensbedingungen in unserer heutigen Welt zunehmend „kompliziert“ geworden sind, ist trivial. Dass Menschen ihre Verhältnisse und Umwelt lieber „einfach“ und übersichtlich haben wollen, ist ebenso trivial. Dass man sich dann gerne auf Kompliziertes einen eigenen Reim macht, welcher erworbene Verstehensschemata (genannt Vorurteile) quasi als Folie oder Raster über das zu erklärende Phänomen legt, ist auch noch ziemlich trivial. So verfahren wir übrigens alle irgendwann. Beispiel: Ist jemand der Überzeugung, Europa stehe in einem Abwehrkampf gegen den Islam, dann werden für denjenigen zahlreiche Einzelphänomene „auf einmal“ leicht erklärbar und verständlich. Die Beschreibung dieser Einzelgegebenheiten kann dann auch äußerst genau erfasst und mit Daten untermauert werden. Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist ein Paradebeispiel für ein solches vorturteilsbehaftetes Erklären bestimmter politischer Phänomene in Deutschland. Sein Buch war ein Renner, weil es Sarrazin geschafft hat, etwas Komplexes durch ein sehr einfaches vorgegebenes (!) Erklärungsschema wiederum „einfach“ zu machen: Ein Fall von nicht sachgerechter Komplexitätsreduktion also. [Bitte keine Diskussion über Sarrazin, dient hier nur als strukturelles Beispiel.] Populismus habe ich das genannt. Auch dieser Sachverhalt ist noch ziemlich trivial.

Bezogen auf komplexe Zusammenhänge ist zur eigenen Urteilsfindung und erst recht für die Evaluierung von Handlungsoptionen stets eine Vereinfachung nötig. Man konzentriert sich „auf das Wesentliche“, sieht von „Randbedingungen“ ab, definiert klare, einfache Ziele und bekommt dann eine leicht verständliche „Situationsanalyse“ mit einer begrenzten, also übersichtlichen Zahl von Handlungs- oder Verhaltensoptionen. Die meisten unserer Entscheidungen im Alltag, der ja ebenfalls ziemlich komplex ist, funktionieren so, und zwar gut. Der Vorteil ist, dass wir uns bei dieser Selbstbeschränkung „auf das Wesentliche“ meist schnell orientieren und entscheiden können. Fehleinschätzungen haben wir dann auch sehr bald selber auszubaden. Auch alles noch überwiegend trivial.

Politik aber funktioniert anders, – sollte sie wenigstens. Da können Randbedingungen eben nicht „einfach“ ausgeblendet werden, da ist oft schon die Feststellung der Ausgangsbedingungen problematisch, erst recht die Prüfung der Auswirkungen bei vorgestellten Handlungsweisen und die Folgenabschätzung bei unterschiedlichen Handlungsoptionen. Die Ziele sind vielleicht noch vergleichsweise einfach zu benennen. Jedes der im vorigen Beitrag als Beispiele genannten Themen ist so komplex, dass schon die Darstellung des Sachverhalts keineswegs mehr trivial ist. Zudem ist jedem bekannt, dass schon kleine Änderungen der Ausgangs- oder Randbedingungen große Auswirkungen auf die möglichen Handlungsoptionen zur Erreichung eines bestimmten Zieles haben. Die Abwägung und Klärung von „Lösungswegen“ ist dann ein ebenfalls äußerst komplexer Vorgang, der von einzelnen Politikern wie von politischen Gremien immer nur durch wenigstens partielle Vereinfachungen (systemische Komplexitätsreduktionen), durch Einschätzung bekannter Verhaltensmuster der Beteiligten und unter Berücksichtigung eigenen Vorerfahrungen („Umwelt“) geleistet werden kann. Sachgerecht sind solche „Vereinfachungen“ dann, wenn eben bestimmte Verläufe temporär unter Außerachtlassung der meisten „Nebenbedingungen“ und „Nebenfolgen“ durchgespielt werden, um zu erkennen, welche Zieltendenzen sich abzeichnen, wo es Differenzen gibt und wo die größte Annäherung an das zu erreichende Ziel zu erwarten ist. Dies Verfahren wäre als multiple Konstruktion einer variablen systemimmanenten Komplexitätsreduktion zu bezeichnen, und das ist alles andere als trivial. Dies allein verdient aber die Bezeichnung „sachgerecht“. Um so etwas jeweils fundiert durchzuführen, bedarf es eines hoch effizienten und top aktuellen Beamtenapparates. Ministeriale sollten das leisten können.

Um diesen ganzen Sachverhalt angemessen zu beschreiben, halte ich die systemtheoretischen Begriffe und Denkmodelle für hilfreich und präzise, eben auch den Begriff der „Komplexitätsreduktion“. – Zwei Probleme zum Abschluss:

1) Auch Menschen in herausgehobener Verantwortung neigen leider oft genug zur Komplexitätsunterschätzung bzw. zur Problemlösung aufgrund von nicht sachgerechten Vor-Urteilen. Die Bush-Administration im Afghanistankrieg hat die Komplexität der (vermeintlichen) Problemlösung dort weit unterschätzt, ebenso wie im Irakkrieg, als mit der Eroberung Bagdads und der Vertreibung Saddams die echten Probleme erst anfingen – auf die niemand in der Administration vorbereitet gewesen zu sein scheint. Ergebnis: Verheerend, beide Male. Ein weiteres Beispiel näher bei uns: Ich vermute (aufgrund der bisherigen Unterlassungen), dass die Bundesregierung bezüglich der propagierten „Energiewende“ einer erheblichen Komplexitätsunterschätzung erliegt. In Sachen „Euro“ scheint man sich wenigstens der Komplexität bewusst zu sein…

2) Entscheidend für meine Überlegungen im vorigen Blogbeitrag war ja die Frage: Wie bringt man Kompliziertes verständlich rüber? Glanzbroschüren drucken hilft da kaum. Ich vermisse einfach weithin auch nur das Bemühen der politisch Verantwortlichen, die komplexen Sachverhalte und Entscheidungsbegründungen den Bürgern sachgerecht und differenziert zu vermitteln. Spätestens „Stuttgart 21“ hat gezeigt, dass der Hinweis auf die formale Rechtsstaatlichkeit des Vorgehens (Legitimation durch Verfahren) nicht reicht. Wenn derzeit das Verfassungsgericht wieder und wieder mehr Beteiligung und Information des Bundestages in Sachen europäischer Beschlüsse anmahnt, dann ist auch dies ein Hinweis darauf, dass die Erklärung und Vermittlung weit reichender Entscheidungen seitens der Politik bei uns völlig unzulänglich sind. Stichwort: „Bringschuld“.

Genial ist der Hinweis, von +Bruno Jennrich, der sich überlegt, „wie man z.b. mit dem smartphone komplexe zusammenhänge sichtbar und „erlebbar“ machen kann. sowie „ökolopoly“ von vester. nur eben einfach erstellbar, und zum herumspielen an den stellschrauben und dem betrachten der möglichen outcomes.“ Toll, genau so etwas wäre es. Vester war vor 20 Jahren ziemlich aktuell, ein solches „Spielmodell“ komplexer Steuerung (Kybernetik) war faszinierend. Was könnte da heute möglich sein! Warum setzt die bpb da nicht mal was Innovatives aufs Gleis? Auch die Erkenntnisse aus dem Bereich „micro learning“ könnten da vielleicht weiterhelfen, +Martin Lindner, als Fachmann für die Gestaltung von „Wissens- und Lernprozessen mit den Mitteln des Internet“ hätte da bestimmt Ideen. Möglichkeiten gäbe es heute also genug, wenns um die Vermittlung komplexer Sachverhalte geht. Man muss es nur wollen, aber, wie ich schon schrieb, man kanns lernen, man kanns machen. Nötig und gut wäre es.

 21. Juni 2012  Posted by at 19:49 Aufklärung, Bildung, Bush, Politik, Sarrazin Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Komplexitätsreduktion? – eine Erläuterung