Okt 072017
 

Wir unterliegen einem rasanten Wandel wie nie zuvor, gesellschaftlich, politisch, technologisch usw., so liest man. Kaum eine Zeitbeschreibung oder Ortsbestimmung insbesondere nach der jüngsten Bundestagswahl kommt ohne diese Floskel vom „rasanten gesellschaftlichen Wandel“ aus. Plötzlich werden neue Mauern in der Gesellschaft entdeckt, digitale Umwälzungen konstatiert, politische Unsicherheiten und kulturelle Infragestellungen, die offenbar ganz neu sind und auf einmal kumulativ aufzutreten scheinen, so dass „die Welt aus den Fugen geraten“ ist – noch solch eine beliebte Metapher. Je öfter ich das lese, desto mehr muss ich mich wundern – über die allzu große Vergessenheit und über die Lust am finalen Drama. Das trifft dann laut vielfacher Klage besonders die „Abgehängten“, „Verlierer“ und von „Heimatlosigkeit“ Bedrohten – und schon hat man ein alles erklärendes (und vereinfachendes) Narrativ zur Hand.

Dass die Welt im steten Wandel begriffen ist, das ist keine neue Erkenntnis. Sogar die Bemerkung, nichts sei beständiger als die Veränderung, kann kaum mehr als besonders originelles Bonmot gelten. Diejenigen, die so viel oder gar zu viel Wandel feststellen, meinen also offenbar, dass der Wandel heute besonders intensiv, die Veränderungen besonders tief greifend und die geforderte Anpassungsfähigkeit besonders groß sei, womöglich „nie da gewesen“ sei – superlative Zuspitzungen sind nicht nur bei Herrn Trump beliebt. Die „rasante“ Ausbreitung des Internets und digitaler Techniken („disruption“) scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Wenn man allerdings nur wenige Jahrzehnte zurückblickt, werden einem die heutigen Veränderungen gar nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen. Vermutlich ist es eine Form der gesellschaftlichen Vergessenheit, welche die (sozialen) Medien fleißig befeuern, wenn sie die „Umwälzungen“ der nicht mehr allerjüngsten Vergangenheit einfach übersehen oder aus dem Gedächtnis verlieren.

Was waren denn die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anderes als eine vollständige Veränderung aller Lebensverhältnisse – nach Nazifaschismus, Krieg, Zerstörung, mit Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen? Kann man sich heute überhaupt noch einen größeren Umbruch vorstellen als diesen? Es dauerte ein weiteres Jahrzehnt mit dem sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Vorsicht, ideologischer Begriff), dem zeitweise erfolgreichen Verdrängen des Naziterrors, der millionenfachen Opfer und der Tausenden von Tätern, die schnell adrett gewendet und „entnazifiziert“ einigen Siegermächten gerade recht kamen, um als neue „Elite“ im Kampf gegen den Bolschewismus zu dienen. Was für einen großen Wandel, und zwar gesellschaftlich und kulturell, bedeutete ab den sechziger Jahren die sexuelle Emanzipation, ausgelöst durch die „Pille“, die zu einer Entkrampfung der verlogenen und verdrucksten früheren Sexualmoral führte, dazu Ende der Sechziger die aufbegehrende Jugend, mit Rockmusik, Schwofen, flower power oder saturday night fever, und ihrem Angriff auf die Verdrängung der Nazidiktatur und ihrer Gräuel durch die (ältere) Kriegsgeneration. Was sich als Studentenrevolte artikulierte, war ja nur die Spitze eines tief greifenden Wandels der gerade erst restaurierten (klein-) bürgerlichen Lebensverhältnisse. Anfang der siebziger Jahre fing dann ein sozialdemokratischer Bundeskanzler (Willy Brandt, Regierungserklärung 1969) mit der Demokratie „erst richtig an“ – in wenigen Jahren hatte sich die bundesrepublikanische Gesellschaft, wie man heute sagen könnte, total gewandelt mit entsprechenden politischen Umbrüchen und neuen Parteien auf der Linken und nun auch wieder auf der Rechten. Was daran gerne nostalgisch als kulturelle Revolution der ‚Achtundsechziger‘ verklärt oder verleumdet wird, hatte einen auch ökonomisch relevanten Hintergrund: Die ersten Wellen der Automatisierung gelangten in die Großindustrie, „REFA-Leute“ waren der Schrecken der Belegschaften, weil es da um Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau ging. Die aufkommende Forderung nach der 35-Stunden-Woche war auch darauf eine Reaktion. Im Ruhrgebiet, der Kernzone des industriellen Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland, brach in den sechziger Jahren die Kohlekrise aus, und auf sie folgte die Stahlkrise und leitete den größten strukturellen Wandel einer Industrieregion ein (es betraf auch andere Regionen), den Deutschland (West) in Friedenszeiten je erlebt hat. Unsicherheit? Ängste um den Arbeitsplatz? Streiks? Heillose Brüche in den Biografien? Verlust der vertrauten industriellen und sozialen Umwelt? Was heute, 50 Jahre später, als schützenswerte Industriekultur gefeiert wird, als erfolgreiche Umgestaltung einer rußigen Industrielandschaft in eine grüne Kulturlandschaft, das bedeutete damals den Ruin ganzer Städte, den Abbruch ererbter Berufe („Steiger“), die Vernichtung von Qualifikationen und vertrauter Erwerbsbiografien ganzer Generationen. Wenn das kein tief greifender Umbruch war – jedenfalls sehr viel tiefer, als man ihn sich heute vorstellen kann.

Zeche Zollverein – (c) wikimedia commons

In diese Zeit fiel nicht nur die Mondlandung, sondern auch die Kubakrise und die reale Gefahr eines dritten Weltkrieges mit unvorstellbarem Vernichtungs- und Zerstörungspotenzial. Die Wolkenpilze des Wasserstoffbomben, die im Pazifik getestet wurden, kamen in schwarz-weißen Bildern in die Fernseher. Ach ja, muss ich noch etwas zur medialen Revolution schreiben, die mit dem Einzug des Fernsehens (und Telefons!) in alle Haushalte verbunden war, die dann den Begriff „Massenmedien“ hervorbrachten? Waren das etwa normale, ruhige Verhältnisse einer heute nostalgisch verfärbten Vergangenheit – die doch erst kürzlich stattfand, weniger als ein Menschenleben lang? Ich beschreibe ja nur die Zeit, die ich selbst erlebt habe. Dann die siebziger Jahre mit dem Terrorismus der RAF, die Reaktionen von Staat und Gesellschaft durch rigide Neuerungen im Recht – Baader / Meinhoff hatten Deutschland West im Griff und verwandelten die Gesellschaft. Zur Bedrohung durch den kalten Krieg von außen trat für die Nachkriegsgesellschaft die neue Erfahrung einer Bedrohung im Innern, Pershingraketen und Nachrüstungsdebatte taten ein Übriges. Alles ‚business as usual‘? Mitnichten – eine Kette von „disruption“! Das leitet nahtlos über in die Zeit des Zusammenbruchs und der Auflösung des Ostblocks, die letztendlich zur „Wiedervereinigung“ führte, dem größten denkbaren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbruch vor allem im Osten, der ehemaligen DDR, den man sich denken kann. Die Folgen und Auswirkungen all dieser Umbrüche und „rasanten Veränderungen“ unserer jüngsten Vergangenheit sind mitten unter uns gegenwärtig.

Ich stoppe hier und wundere mich noch mehr. Diese knappe Vergegenwärtigung jüngster deutscher Geschichte mit ihren Umbrüchen und Veränderungen zeigt, dass wir erstaunlich geschichtsvergessen und aktualitätsfixiert sind und dadurch den heutigen „rasanten Wandel“ fehlinterpretieren oder auch überbewerten im Vergleich zu dem Wandel der jüngsten Vergangenheit. Tatsächlich erleben wir einen starken Wandel, erneut steht Vertrautes auf dem Spiel, ändern sich die Kategorien der Wahrnehmung und Beurteilung, treten neue Herausforderungen auf den Plan, die unsere Gesellschaft prägen und verändern. Diesen Wandel gilt es zu gestalten – auch eine Plattitüde – , ebenso wie die vorangegangenen Zeiten des Wandels bewältigt und gestaltet werden mussten. Der Prozess des ständigen Wandels und der erforderlichen Anpassung ist nicht einfach, die Digitalisierung macht manchen Probleme, die globale Veränderung produziert Gewinner und Verlierer, muss darum stets gesellschaftlich neu justiert, diskutiert und sozial abgefedert werden – aber dieser Prozess als solcher ist absolut nichts Neues. Er vollzieht sich fortwährend. Unsere Welt verändert sich („rasant“ für den Zuschauer), so wie sie es immer tat. Gewiss gibt es auch eine verstärkt globale Wahrnehmung und Sichtweise, die uns heute viel leichter möglich ist als früher. „Klimaveränderungen“ (wörtlich und als Metapher) sind global und verlangen globale Lösungen, machtpolitische Verschiebungen ebenso. Vielleicht ist es auch ein demografisches Phänomen, dass die zahlenmäßig stark gewordene ältere Generation sich um die Früchte ihrer Lebensleistung betrogen und die Fortdauer des vertrauten Deutschland bedroht sieht. Auch das war schon immer so. Wir sollten dem kein so großes Gewicht beimessen. Sich einzustellen auf den großen Wandel in der Welt fällt nicht immer leicht, und ein Blick zurück hilft uns in der Gegenwart nur sehr begrenzt, weil es die heutigen Fragestellungen und Aufgaben so eben früher nicht gab. Der Blick zurück ohne Vergessenheit relativiert aber einiges an Übertreibungen und auch an Ängsten. Wandel war schon immer, wir haben ihn bewältigt, mal besser, mal schlechter. Aber Dramatisierungen und Alarmismus helfen niemandem und keiner Sache. Wir sollten alles dafür tun, geschichtsbewusst und selbstbewusst die Veränderungen heute anzugehen.

Reinhart Gruhn

Mai 202016
 

Das Ende der Geschichte wird proklamiert als Katastrophe oder als Paradies. Nüchterner zeigt sich, dass nichts so sicher ist wie die Veränderung. Ein pragmatisches Plädoyer für diskursive Liberalität.

Das Ende der Geschichte wurde in vergangenen Jahrhunderten oft als baldige Katastrophe erwartet. Ob es Luthers Weltuntergangsstimmung war (und das Apfelbäumchen, das er dennoch zu pflanzen gedachte) oder die düstere Gestimmtheit nach den Schrecken des dreißigjährigen Krieges – , Apokalyptiker hatten, wie schon die Bibel zeigt, zu allen Zeiten Konjunktur. Dem steht ein Zukunftsoptimismus entgegen, der das Ende aller Übel in einem baldigen paradiesischen Zustand kommen sieht. Spezifisch neuzeitlich ist es, dieses Paradies nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden und politisch machbar zu erwarten. Der Kommunismus, der Nationalsozialismus und auch die liberale Demokratie des kapitalistischen Marktes sahen bzw. sehen den glückseligen Endzustand in der klassenlosen Gesellschaft oder der auferstandenen Volksgemeinschaft oder der schrankenlosen Freiheit des Individuums und des Marktes erreichbar oder schon so gut wie erreicht. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, proklamierte der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ (1992): Die systemischen, antagonistischen Konflikte der Welt seien endgültig überwunden und aufgehoben in einer weltumspannenden liberalen Demokratie westlicher Prägung. Was er damit auch meinte, war, dass die USA als einzige verbliebene imperiale Macht ihre unbestrittene Weltherrschaft antreten konnte. Man sieht: Endzeiterwartungen stimmen niemals.

Dies ist wohl so, weil der Mensch als tätiges Subjekt seine Geschichte gestaltet. Darum gibt es gewisse Konstanten in der Kultur ebenso wie in der Geschichte, und diese liegen in der menschlichen Art (früher hätte man vielleicht gesagt: Seele) begründet: das Streben nach Macht und die Suche nach Selbstbestätigung. Das eine formt die materiellen Interessen, das andere die psychischen. „Die einen sind meist klarer als die anderen – verschwiegen werden oft beide.“ (Fritz Stern, zitiert nach FAZ.NET) Weil diese beiden Interessen tief in der menschlichen Natur verankert sind, prägen und gestalten sie bewusst oder unbewusst, willentlich oder nicht, menschliches Handeln. Diese zunächst individuelle Grundstruktur wird zwar im gesellschaftlichen Handeln vielfältig verknüpft und mit Schleifen der Rückkopplung versehen, gedämpft, verstärkt, in ein neues Konglomerat verwoben, bisweilen gar hybridisiert, aber es ist immer wieder erkennbar. Die Geschichte der Kultur und Politik des Menschen ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Helden und Opfern, von Phantasie und Leidenschaft, von Hingabe und Selbstverleugnung, von grenzenloser Hoffnung und abgrundtiefer Enttäuschung. Das tatsächliche Leben jedes Einzelnen liegt natürlich eher im gesellschaftlichen Durchschnitt, also irgendwo in der lauen Mitte mit ihrem alltäglichem Kleinklein. Man kann Geschichte „von oben“ und „von unten“ schreiben und erhält dadurch einen oft erstaunlichen Wechsel der Perspektive. Dennoch bleibt geschichtliche Entwicklung in einem ständigen Hin und Her, Auf und Ab, Wechsel und Veränderung gegenüber allen Kräften der Beharrung und Dauer. Selbst die Art der Beharrung, des Konservativen, ändert sich. Auch das erlebt man heute sehr konkret.

Es kommt hinzu, dass menschliche Geschichte, also der bewusste Raum menschlichen Handelns und Gestaltens, unwiderruflich global geworden ist. Politik ist Geopolitik, Ökologie ist global, Kultur ist multikulturell, Gesellschaft ist international verflochten, der Einzelne ist Teil eines universellen Netzes – und damit ist nicht nur das Internet gemeint. Das ist nur ein Teil der Universalisierung, seine technologische Seite. Dieser unwiderruflich globale Lebens- und Handlungsraum prägt die Seinsweise des modernen Menschen in einer fast totalitären Weise. Insofern hat vielleicht der Begriff „Anthropozän“ seine Berechtigung, allerdings weniger als evolutionsgeologischer denn als kulturgeschichtlicher Begriff: Die Welt insgesamt, der Erdenraum in seiner überall durch UTC strukturierten Zeit (GPS!) ist faktisch die gesamte ‚Drehbühne‘ menschlichen Handelns und Lebens, Leidens und Sterbens geworden. Es gibt keine unbekannten Winkel und Rückzugsräume mehr. Selbst die News aus den entferntesten Enden erreichen uns sekundenschnell, instantan. Man ist uninformiert, weil man überinformiert ist. Es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen, Systemtheoretiker konstruieren Sinn im Unsinn, und oft vermag nur die Chaostheorie ein wenig Licht ins Gewirr zu bringen wie bei den Wettervorhersagen. Dies eröffnet ganz neue Wege zur Verfolgung und Durchsetzung eigener Interessen, sei es als Einzelner, als Unternehmen, als Staat, – aber jegliches global vernetzte Handeln führt auch zu einer unübersehbaren Folge von Nebenwirkungen (collateral effects), die wiederum die Mutter aller Verschwörungstheorien sind: „Das kann doch kein Zufall sein!“ Genau darum gilt es, nüchtern all die Informationen zu erheben und zu prüfen, die einem eben zugänglich sind, und diejenigen Tatsachen zu gewichten und zu bewerten, die eingegrenzt, erkannt und bewertet werden können – samt ihren zugrundeliegenden Interessen und möglichen Konsequenzen. Nie war rationales, deliberatives Denken und Handeln so lebenswichtig wie heute – und Ideologiekritik so notwendig, wenn Liberalität überhaupt noch eine Bedeutung haben soll.

Pegida

Pegida Dresden, (c) Wikimedia

Populismus – Nationalismus – Machtpolitik – Religion

Wir erleben heute wohl nicht zufällig eine Phase der Restauration autoritärer und nationalistischer Konzepte. Das Modell westlicher freiheitlicher Demokratie verliert an Attraktivität gegenüber autoritär verfassten Gesellschaften in Russland und China. Aufstrebende Staaten wie die Türkei, Ägypten, Iran und neuerdings die Philippinen eifern diesem Modell eines ideologischen, nationalistischen Autoritarismus nach. Zugleich erstarken in den klassischen westlichen Demokratien Kräfte und Parteien, die das Etikett „populistisch“ tragen, die konservativ bis nationalistisch ausgerichtet sind und jeweils ein Ressentiment gegenüber Fremden (Mexikanern, Muslimen, Afrikanern) pflegen. Oft zeigt sich in diesen Bewegungen eine Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, nach (angeblich) traditionell geordneten Rollen und Verhältnissen, nach Abgrenzung von Fremdem und Neuem, nach ungebrochener Stärke und Selbstgenügsamkeit. Es treten doch erstaunliche Parallelen zutage in dem Auftreten des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dem Kaczynski-Regiment in Polen, Orban in Ungarn, der FPÖ in Österreich, dem Front National in Frankreich, der UKIP in Großbritannien, schließlich der AfD in Deutschland und den ‚Rechtspopulisten‘ in den Niederlanden und den skandinavischen Staaten. In der krassen Situation Griechenlands vereinen sich radikale Rechte und radikale Linke in einem historischen Regierungsbündnis – die bisher üblichen Kategorien taugen offensichtlich nicht mehr. Was eint diese in sich so diffusen und voneinander jeweils unterschiedlich national geprägten Kräfte? Vielleicht trifft auf diese Entwicklung das zu, was Fritz Stern über den Nationalsozialismus schrieb: „Die Nazis haben nicht begriffen, dass sie Teil eines historischen Prozesses waren, in dem das Ressentiment gegen die Entzauberung der Welt Zuflucht in Ekstasen der Unvernunft fand.“ (FAZ-Artikel). Da hinein passen dann sogar solche anscheinend ganz unterschiedliche Bewegungen wie der radikale Islamismus mit seinem nur scheinbar ‚mittelalterlichen‘, letztlich aber konsequent modernen Methoden des Terrorismus und der ausgrenzenden und kompromisslos ideologischen Schreckensherrschaft eines IS (oder ISIS, DAESH), Al-Kaida, Boko Haram usw. Es scheint so etwas wie ein „Ressentiment“, ein Aufbegehren, ein Aufstand nicht nur gegen die neuzeitliche „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) mittels Wiederbelebung des Religiösen zu sein, sondern Unwillen und Protest gegen eine Art von Globalisierung und Ökonomisierung (Märkte sind alles), die das Eigene, Vertraute zu nivellieren und zu rauben droht (wie vor 50 Jahren die „Kulturrevolution“ in China), die als weltgeschichtlicher, globalisierter Prozess zugleich allumfassend ist und eben so unverstanden, unbegreiflich und unbegriffen bleibt. So finden sich auch heute wieder Sterns „Ekstasen der Unvernunft“, praktisch in Aktion im Terrorismus, im religiösen Herrschaftswahn, aber auch ideologisch im schicken Eskapismus verschiedenster Verschwörungstheorien, Elitenschelte, in allerlei Spiritismus und salonfähiger Esoterik. Von den terroristischen Anschlägen abgesehen (schlimm  genug) hat es bisher noch keinen ‚großen‘ irrationalen Knall gegeben, doch niemand weiß, was sich im Südchinesischen Meer oder an der südlichen Grenze der Türkei anbahnt – von den Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegung noch ganz abgesehen. Trotz aller verfeinerten politischen und technischen Mechanismen – im Griff hat diese möglichen Entwicklungen niemand. Man kann allenfalls Tendenzen sehen und Konfliktpunkte ahnen, die sich als nicht mehr beherrschbar heraus stellen könnten. Die Zuflucht zu „Ekstasen der Unvernunft“ könnte noch ganz anders verlockend sein.

Das Irrationale findet seinen Weg zurück in die Öffentlichkeit gerade dort, wo im vermeintlichen Protest gegen eine als verzerrt erlebte repräsentative Demokratie die öffentlichen Wahrheitsansprüche selber infrage gestellt und ununterscheidbar werden. In einem Aufsatz in der NZZ hat Boris Schumatsky die „Krise der Wahrheit“ artikuliert. Als Form hybrider Kriegführung hat die Desinformation zu neuer Blüte gefunden – die sogenannten „Sozialen Medien“, also Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram usw. lassen ohnehin die Grenze zwischen Fakt und ‚Fikt‘ verschwimmen. All dies macht doch die Forderung nach einer öffentlichen, gesellschaftlichen Gegenstrategie unabweisbar. Sie kann sich kaum der Mittel der Emotionalisierung und der Simplifizierung, also der Schwarz-Weiß-Malerei bedienen, sondern ihre Devise kann nur lauten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Um den besten Weg geht es dabei. Nüchterner Realismus ist das einzige Mittel der Wahl, wenn es um die Entgegnung gegenüber neuen Ideologien und Pathologien geht. Das Verführerische in der Argumentation eines Björn Höcke ist, dass er so eloquent ‚modern‘ formuliert und den Nagel im Fleisch der Neuen Rechten genau benennt: die „versifften 68er“ (Jörg Meuthen). Diesen Anti-Eliten gilt es sich zu stellen – und sie nicht zu ignorieren. Gerade in den klassischen Medien Fernsehen und Zeitung (aber keineswegs nur dort) ist viel mehr „Faktencheck“, Hintergrundinformation und sachgerechte Diskussion zu erwarten. Das wäre zumindest der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Darüber hinaus ist die Leerstelle zu füllen, die durch das nahezu völlige Fehlen sachkundiger,  redegewandter und öffentlichkeitswirksamer Intellektueller spürbar ist. Es muss doch über die Fragen nach Glücksratgebern und Alltagspsychologie hinaus ein intellektuelles Potential vorhanden sein, das seinerseits klar Position beziehen und zugleich argumentativ die Gegenwartsprobleme aufgreifen kann. Es ist also auf einer neuen Stufe in einer veränderten Zeit und unter sich wandelnden Bedingungen das zu wünschen, was Jürgen Habermas seinerzeit „die Kraft der deliberativen Vernunft“ genannt hat. Die deliberative Liberalität der neuzeitlichen Moderne ist jedenfalls eine Errungenschaft, die nicht beim ersten (oder zweiten) Sturm aufgegeben werden sollte. Vielleicht werden ja die kommenden zwanziger Jahre die ’neuen Siebziger‘. In jedem Falle ist dabei die geopolitische und globalkulturelle Perspektive einzunehmen: Die westlichen Gesellschaften mit ihren repräsentativen Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, aber auch mit den schreienden Ungerechtigkeiten ihrer kapitalistischen Ökonomien haben wahrhaftig noch eine Aufgabe. Das Programm einer ‚westlichen‘ Reform auf Grund der neuzeitlich aufgeklärten Werte gilt es selbstbewusst zu formulieren und zukunftsgerichtet zu vertreten. Rationalität und Liberalität können sich selbst behaupten.

Nov 032015
 

[Politik, Geschichte]

Grenzen sind Heiligtümer des Nationalstaats. Natürlich hat es Grenzen schon immer gegeben zwischen Fürstentümern, Städten, Herrschaftsgebieten. Entscheidend waren in der Vergangenheit weniger die klar umgrenzten Territorien als vielmehr Zonen oder Gebiete, in denen Einfluss (Steuern) ausgeübt und Macht durchgesetzt werden konnte. Befestigte Burgen, Städte, Häfen, Forts, Garnisonen markierten Herrschaftsgebiete. Auch die Außengrenzen des Römischen Reiches, die heute öfter wieder mit dem Verweis auf die antiken Völkerwanderungen als Vergleich heran gezogen werden, waren kaum Grenzen in unserem modernen Sinn. Der berühmte Limes und der Hadrianswall waren Verteidigungslinien an Orten, wo natürliche Barrieren (Flüsse, Gebirge) fehlten. Eroberern ging es weniger um Territorialbesitz als um die Einnahme von Machtzentren samt deren Umfeld, aus dem Reichtum zu schöpfen war. Noch die US-amerikanische Eroberung des Westens Nordamerikas beruhte zunächst mehr auf der Sicherung strategisch bedeutsamer Punkte (Forts, Flussübergänge, später Bahnstationen) als auf der Beherrschung des weiten Raumes. Zäune zogen erst die Rinderzüchter. Dass Grenzen aber ein Staatsvolk mit einem bestimmten Staatsterritorium (und dann einer Staatsordnung) definieren, das ist vergleichsweise neu, eine Erfindung des Nationalstaats seit dem 17. Jahrhundert (Westfälischer Friede).

Man kann über den modernen Nationalstaat als positive Errungenschaft oder als Fehlentwicklung trefflich streiten, zumindest sind die verheerenden Kriege des vorigen Jahrhunderts auch aufgrund der Machtansprüche nationalstaatlicher Prägung entstanden. Darum ist die Idee der Einigung Europas auf dem Hintergrund der Erfahrungen zweier Weltkriege auch als der Versuch zu verstehen, die nationalstaatlichen Restriktionen und Ressentiments in einem transnationalen Europa zu überwinden. Noch heute gilt, wenn auch wieder mehr umstritten, offiziell das Ziel der immer tieferen Integration der Staaten der EU. Zugleich zeigen die Friktionen und divergierenden Interessen in den Ländern der Europäischen Union, dass die Nationalstaatlichkeit keineswegs überwunden ist, sondern angesichts der jüngsten Krisen (Euro, Ukraine, Flüchtlinge) wieder an Bedeutung gewinnt. Die unterschiedlichen nationalen Interessen sind innerhalb der EU, so scheint es, immer schwieriger unter einen Hut zu bekommen. Dann werden auch Grenzen wieder zum beherrschenden Thema, wenn es nämlich darum geht, nationalstaatliche Souveränität zu demonstrieren und durchzusetzen. „Schengen“ hat das nationale Grenzprinzip zumindest nach innen obsolet gemacht. Ob das durchzuhalten ist, erscheint auf dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um nationalstaatliche Verantwortung in der Flüchtlingskrise eher fraglich. Der Nationalstaat, das Staatsterritorium und das einheitliche Staatsvolk, eben die Nation mit entsprechender „Leitkultur“, ist in den öffentlichen Diskurs wie selbstverständlich zurück gekehrt. Diesen Trend zeigen auch die verstärkten Bemühungen von Katalanen und Schotten, national definierte Eigenständigkeit auch als unabhängige Staaten anzustreben.

Die Gedanken sind frei , Wikimedia

Die Gedanken sind frei, Wikimedia

Diese Entwicklung ist eigentlich erstaunlich, weniger im politischen Kontext (da mag es eher verständlich erscheinen) als im ökonomischen, technologischen und kulturellen Zusammenhang. Aber vielleicht hängt doch beides als Bewegung und Gegenbewegung zusammen. Denn ökonomisch dominiert die Globalisierung und die technologische Digitalisierung unsere gegenwärtige Welt. Internationale Konzerne agieren grenzenlos und nutzen die nationalstaatlichen Unterschiede geschickt zur Steuervermeidung und Gewinnoptimierung. Die Steuer als Zeichen hoheitlicher Souveränität wird ironischerweise zur Spielwiese von Strategien zur Steuerminimierung, Aushebelung des Datenschutzes usw. Die weltweite digitale Vernetzung hat die Formen, Strukturen und Funktionen der Globalisierung erheblich radikalisiert. Die Cloud ist überall, und selbst die dafür nötigen Rechenzentren unterliegen nicht mehr ausschließlich nationalem Recht. So erheben die USA Anspruch auf den Zugriff auf alle Daten US-amerikanischer Firmen unabhängig vom Länderstandort der Rechenzentren. Das „Safe Harbor Abkommen“ war auch schon vor der juristischen Aufhebung eine reine Farce; es beruhte nur auf Glauben und allgemeinen Zusagen. Letztlich zeigt die weltweite Vernetzung und die Dominanz global agierender Konzerne und Institutionen, wie sehr nationalstaatliche Grenzen und Souveränitäten obsolet geworden sind. Dass diese Entwicklung nationalstaatliche Souveränität und Machtansprüche faktisch sabotiert, haben einige Staaten sehr schnell begriffen und darum eine konsequente Abschottung und Kontrolle des Internets umgesetzt (China, Iran, VAR) bzw. ein nationales Netz etabliert (China), dass nur noch punktuell für das westlich geprägte Internet durchlässig ist. Die angeblich erreichte „Weltkultur“ wird flugs wieder national eingezäunt und kulturalistisch vereinnahmt. Da können dann auch die allgemeinen Menschenrechte als nur für spezifische Kulturen geltend auf der Strecke bleiben.

In Zeiten zunehmender ökonomischer Konkurrenzen, kultureller Differenzen und politischer Krisen scheinen derzeit wieder diejenigen die Oberhand zu gewinnen, die eine Stärkung der Nationalstaaten und damit eine Neubewertung der Grenzen befürworten. Die Flüchtlingsströme scheinen kaum eine andere Wahl zu lassen, solange die Uniformität von Nation, Kultur und Staat als Grund und Ziel jeder Nationalstaatlichkeit verteidigt wird. Es geht nicht darum, Stimmungen, Gefühle und Ressentiments zu ignorieren, sondern darum, selbstkritisch, offen und „vorurteilsbewusst“ die Widersprüchlichkeit und Gegensätzlichkeit von Entwicklungen ernst zu nehmen, die zu fatalen Konsequenzen eines erneuten Siegeszuges nationalstaatlichen Denkens und Handelns führen können. Man muss nicht alle Begleiterscheinungen der Globalisierung und Vernetzung mögen und gut heißen, aber wir verdanken ihr unseren Wohlstand und Lebensstandard. Bisher hat der freie Austausch von Ideen, Waren und Dienstleistungen den Frieden eher befördert, aber es könnte sein, dass sich diese Periode dem Ende zuneigt. Nationale Egoismen aber, wenn sie nicht supranational ausgeglichen und neutralisiert werden, tragen immer den Keim zu offenen, kriegerischen Konflikten in sich. Wenn nicht mehr Recht und Verträge gelten, sondern Machtansprüche und Eigeninteressen dominieren samt Floriansprinzip, hat Europa verloren, und mit Europa die ganze Welt. Dann ist der (und das) Fremde wieder die Gefahr, die ausgegrenzt werden muss, die schon immer als Rechtfertigung für die Schrecken der Kriege getaugt hat. Grenzregime sind daher immer über den behaupteten praktischen Nutzen hinaus Symbole nationalstaatlicher Selbstbehauptung – und Befangenheit gewesen. Ob man die positive Seite von Grenzen („Sichere Grenzen schaffen gute Nachbarn“) in der Bewahrung von Frieden und im gegenseitigen Respekt einer „Weltgesellschaft“ aufrecht erhalten kann, wird sich zeigen. Kulturell gesehen sind Grenzen etwas Archaisches, denn Kultur und Geist streben nach Freiheit und Grenzenlosigkeit.

 3. November 2015  Posted by at 18:10 Geschichte, Politik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Grenzen
Mrz 312015
 

[Netzkultur]

Von einer Zeit der Reife kann man noch nicht sprechen, aber von einer Phase einer (ersten) Konsolidierung. Die digitale Welt ist im Alltag angekommen. Social media, also die Nutzung sozialer Kontakte über Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagram, Pintrest usw. ist selbstverständlich geworden. Dies gilt in höchstem Maße für die Generation unter 40, aber zunehmend auch für die Generation über 40. Smartphones und Tablet-Computer haben in kurzer Zeit eine so hohe Reichweite erlangt, dass immer mehr Nutzer den Computer gar nicht anders kennen als über die smarten Geräte, und das Internet nicht anders erreichen als über die beliebten Apps. Der Messenger WhatsApp ist überhaupt nur über die Smartphone App zu nutzen (neuerdings auch über PC, aber nur als Anhängsel an die App). PC’s und Notebooks werden kaum verschwinden, aber es sind Arbeitsgeräte für den produktiven Einsatz zu Hause oder im Beruf. Für Infos und Kontakte, Dates und Pizzas reichen die Apps – die sind einfacher, schneller und bequemer. Las man vor einiger Zeit von einer Sättigung des Marktes für Notebooks, so findet man heute ähnliche Meldungen für den stagnierenden Verkauf von Tablets. Nur Smartphone haben noch eine eigene Faszination mit ihrer wachsenden technischen Perfektion – und weil sie halt so stylisch sind. – Der Kauf von eBooks wächst zwar nicht in gleichem Umfang, aber doch deutlich, demzufolge auch die Verbreitung von geeigneten Lesegeräten. – All das gilt in hohem Maße für die jüngere und in wachsendem Maße auch für die ältere Generation.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit ein solcher Wandel bei der Nutzung digitaler Kommunikation und eine entsprechende Änderung des Verhaltens insbesondere der jüngsten Generation statt gefunden hat. Bei Jugendlichen haben soziale Medien, Gaming sowie netzbasierte Musik- und Videodienste das TV nahezu vollständig abgelöst. Aber auch bei der mittleren Generation verändert sich das Verhalten gegenüber dem Fernsehen und erst recht bezogen auf Zeitungen und Nachrichten-Konsum. Das Fernsehen ist dabei sich umzustellen. Mehr Live-Events und gleichzeitiges Streamen sowie Serien, die sogar vorab (ZDF) im Netz verfügbar sind und eventuell über YouTube verbreitet werden, sind erste Schritte einer Anpassung an neue Seh- und Nutzungsgewohnheiten. Dasselbe gilt für die Tageszeitungen. An Aktualität sind die Webseiten und Apps der Zeitungen den eigenen Print-Ausgaben weit überlegen. Print und Netz wachsen als unterschiedliche Vertriebsformen zusammen. Das zeigt zum Beispiel der neue Auftritt der Süddeutschen Zeitung. Aber als pure „Vertriebsform“ ist das Internet noch unterbewertet. Es fehlt die soziale Komponente, die sich kaum in bissigen Leserkommentaren erschöpfen dürfte. – „Featured content“ ist eine zunehmend attraktive Weise, eigene und fremde Inhalte ansprechend zu präsentieren, beispielsweise im großen Stil wie Buzzfeed (Unternehmen mit eigener Redaktion) oder als News-App wie Flipboard (Aggregator) – oder für jedermann mittels „featured content“ – Plugin für WordPress. Mit paper.li kann jeder selber seine eigene Zeitung bauen, aber das ist schon mehr etwas für Spezialisten. Bei den überregionalen Zeitungen zeigt sich die Entwicklung am deutlichsten: Aus dem Abwehrkampf der früheren Jahre (online kostet Abos und Druckauflage) wird zunehmend eine positive Gestaltung, ein Umdenken und eine neuartige Nutzung der Möglichkeiten des Netzes und der Mobilität. Gerade der professionelle Journalismus ist heraus gefordert und kann sich kaum mehr auf Altbewährtes verlassen (siehe den kaum überstandenen Streit in der Spiegel-Redaktion zwischen Druck und Online). Über allem steht hier natürlich die Notwendigkeit, unter veränderten Bedingungen verlässlich Einnahmen zu generieren. Die Übertragung des Abo-Modells einer Druck-Ausgabe auf das Online-Modell ist sicher noch nicht das letzte Wort. Die nervige und aufdringliche Werbung gerade bei kleinen Displays allerdings auch nicht. Wie die Welt des „distributed content“ aussehen könnte und müsste, darüber macht sich Joshua Bentons lesenswerter Beitrag Gedanken. Eine Denk- und Testphase täte hier gut.

share buttons

Share buttons – Symbole der Konnektivität

 

Und dann sind da noch die vielen einzelnen kleinen und in ihrer Summe riesigen Dinge, in denen die digitale Welt unseren Alltag erobert. Jedes moderne Auto steckt voller digitaler Steuerungen, die wir dann bestenfalls als Fahr-Assistenten und intelligente Displays direkt zu Gesicht bekommen. Haushaltsgeräte und erst recht die Visionen über „smart home“ oder „smart health“ zeigen die Richtung an, wie sich „Digitalien“weiter entwickeln könnte. Noch ist das Gesundheits-Armband etwas für die Avantgarde. Denn noch ist alles am Anfang, alles im Umbruch, vieles noch nicht ausgegoren, aber in der Tendenz unaufhaltsam. Die Möglichkeiten virtueller Realität (VR) und die jegliche Produktion erobernde „Industrie 4.0“ eröffnen allererst das Feld qualitativer Veränderungen. Es wird unterhaltsam, bisweilen auch erschreckend sein, diese umstürzenden Erfolge und Misserfolge („vision“ und „disruption“) alltäglich zu beobachten.

Auf einer noch anderen Seite stehen die Herausforderungen, die durch die globale Digitalisierung und Vernetzung für den Datenschutz, für den Schutz der Privatsphäre, für die Kontrolle der staatlichen Überwachungsorgane und für die notwendigen Anpassungen des rechtlichen Rahmens national und international bewältigt werden müssen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das bedeutet dann auch, dass den (rechts-) staatlichen Organen für die Strafverfolgung und Informationsbeschaffung geeignete moderne Mittel zur Verfügung stehen müssen. Wir hinken da den schnellen technischen Entwicklungen und ökonomischen Realisierungen gesellschaftlich, politisch und juristisch weit hinterher. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Neujustierung des gesetzlichen Rahmens im Blick auf Strafverfolgung einschließlich Prävention, Urheberrechte, Haftungsfragen, den berechtigten Schutz vor Überwachung und den Grenzen des data mining ist in letzter Zeit (auch dank Edward Snowden) gewachsen. Man kann allenfalls die Langsamkeit beklagen, in der hier die Dinge in Bewegung geraten, aber das muss wohl so sein, wenn man zu länderübergreifenden Lösungen kommen will.

Als Letztes noch ein Blick auf „das Netz“ und „die Netzgemeinde“, die „Nerds“, „storms“, „mobs“ usw. Auch in all diesen Dingen ist die anfängliche Euphorie („Piraten“) und die spätere Entrüstung über den miesen Stil vieler Beiträge einer Ernüchterung gewichen, die zu einer realistischen Einschätzung führt. Im Netz spiegelt sich nur ein bestimmter Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit wider mit allen guten und schlechten Seiten. Netz-Meinung und repräsentative Meinung in der Bevölkerung sind keineswegs deckungsgleich. Die Anmaßung vieler Äußerungen im Netz und die abstrusen Phantasien, was da angeblich wirklich oder verschworen passiere, sind vielfach nur noch skurril und lächerlich. Kanns und solls auch geben, muss man sich aber nicht antun. Man kann auf die „flames“ und „shit storms“ und Verschwörer-Seiten gut verzichten. Sie relativieren sich als öffentlich ausgetragenes soziales Gezänk oder als  Verschrobenheiten einzelner, deren Geltungssucht sich online nieder schlägt. Wo sie durch Stalken und Bedrohen einzelne schädigen, haben sie dieselbe Behandlung verdient wie alle anderen Resultate böswilliger oder krimineller Energien. Jedenfalls trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen, und „das Netz“ ist eben nur ein weiterer Bereich öffentlicher Interaktionen, aber in keiner Weise von einer höhreren moralischen Dignität oder demokratischen Legitimität wie andere öffentliche Äußerungen auch. Die Anonymität verführt zum Ausrasten, „Netiquette“ ist von Gestern – cool bleiben!

Man sieht: Von Reife ist die digitale Welt noch weit entfernt. Sie ist ja auch noch sehr jung. Aber sie hat enormes Potential, weit über die rein technische Möglichkeiten hinaus. Was sich wissenschaftlich (KI, Bio-, Neuro-) und kulturell, individuell und politisch daraus noch entwickeln wird, vermag man heute noch nicht abzusehen. Aber eines ist sicher: Der Umbruch und Aufbruch der digitalen Welt ist gewaltig und einzigartig. Eine neue Phase in der kulturellen Entwicklung der Menschheit könnte dadurch angezeigt sein. Aber vor allzu viel Vollmundigkeit sollte man sich eben auch hüten. Man weiß noch zu wenig…

 31. März 2015  Posted by at 16:37 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digital normal
Feb 202015
 

[Kultur]

„Postmoderne“ ist ein oft verwandtes Etikett – ja, für was eigentlich? Leben wir nicht mehr modern? Oder ist es eine Bezeichnung für eine bestimmte Zeiterscheinung so wie hyper- (über-) modern? Vielleicht soll aber doch mehr damit gesagt werden. Wie die Moderne wäre Postmoderne dann die Beschreibung einer Epoche. Sie wird durch das Post- (Nach-) von der Moderne abgegrenzt. Was also kennzeichnet die Moderne, und was ist es genauer, dass man heute dezidiert von Post-Moderne sprechen möchte? [siehe Anmerkung]

Mit Moderne werden zum Beispiel Kunstrichtungen oder Stile verbunden: Malerei der Moderne meint dann die Art der Malerei besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, „Klassische Moderne“ sagt man dazu auch. Kulturgeschichtlich wird vor allem die Zeit nach der Industriellen Revolution als Moderne erlebt, nämlich das moderne Zeitalter von Globalisierung, Technisierung, Fortschritt. Nicht modern zu sein ist dann gleichbedeutend mit „aus der Zeit gefallen“, zurück geblieben, traditionell zu sein, orientiert an der Vergangenheit als „guter alter Zeit“ usw. Für die Moderne als gesellschaftliche Epoche ist ein Wort besonders typisch: Machbarkeit. Darin schwingt mehr mit als nur die Möglichkeit einer Realisierung. Machbarkeit suggeriert den Anspruch, alles sei machbar, zu klären bleibt allenfalls, auf welche Weise. Es ist erstaunlich oder auch bezeichnend, dass besonders die Zeit nach den Weltkriegen als modern empfunden wurde, als nach den furchtbaren Zerstörungen der wirtschaftliche Aufschwung in Europa eingeleitet wurde. Optimismus, Orientierung am Fortschritt, technische Aufholjagd, überhaupt ungeahnte Möglichkeiten wurden aller Orten entdeckt. Automobilität, Weltraumfahrt und Mondlandung können dafür Sinnbilder sein. Schneller – weiter – höher hinaus, das sind die Adjektive der Moderne. Rationalität hatte einen hohen Wert. Dafür typisch ist es, dass technische Erneuerungen in der Industrie, die personal- und kostensparend waren, als „Rationalisierungsmaßnahmen“ bezeichnet wurden.

Überhaupt die Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaften, aber auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, galten als zuverlässige Garanten stetigen Wissenszuwachses, der die Grenzen der Machbarkeit ins Unendliche zu verschieben schien. Wachstum des Wissens, der Wirtschaft, des Kapitals waren die unumstößlichen Grundwerte, Grundüberzeugungen jener Zeit. Religion wurde immer bedeutungsloser, die Kirchen zunehmend leerer. Säkularisierung war dafür der Leitbegriff. Die moderne neuzeitliche, vor allem technische Rationalität konnte und sollte möglichst alle Lebensbereiche durchdringen. Sie lag als Prinzip auch den Bildungsplänen und Bildungsreformen zugrunde. Technokratie wurde zum Schlagwort.

Natürlich ist dies eine sehr vereinfachende und einseitig akzentuierende Skizze. Natürlich gab es immer auch Widerstände, Warnungen, Kritik vor allzu viel Zuversicht und „Fortschrittswahn“. Die „Grenzen des Wachstums“ wurden ausgerufen, und während eine Bildungsreform die andere ablöste, schickten mehr und mehr besorgte Eltern ihre Kinder auf Waldorfschulen oder andere Privatschulen, die eine mehr „ganzheitliche“ Erziehung versprachen. Nichtsdestoweniger war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des erstarrten Kommunismus der westliche Triumph der Moderne grenzenlos. Man sah das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) gekommen: Alles, was sich künftig ereignen sollte, wären nur Variationen des einen globalen Lebensstils, wie er sich im Westen durchgesetzt hatte. Die postkolonial zurück gebliebene „Dritte Welt“ wurde bestenfalls zur Welt von „Schwellenländern“, die eben ökonomisch und kulturell die Schwelle zur westlich libertären Glückseligkeit anstrebten. Niemand und nichts würde sich dem entziehen können – das war das neue Glaubensbekenntnis, neudeutsch Narrativ, des „Posthistoire“.

MIT stata center

MIT’s stata center GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Fast wie ein Gegenbegriff zu diesem überschwenglichen Weltbild des Posthistoire ist inzwischen der Begriff Postmoderne geworden. Man verwendet ihn für alles Mögliche, aber eben immer gerade dann, wenn man unsere Zeit von dem Überschwang der Moderne abheben möchte. Vieles, um nicht zu sagen alles, was die Moderne kennzeichnete, ist inzwischen gebrochen, fragwürdig, obsolet geworden. Die Zuversicht des modernen Fortschrittsglaubens lebt natürlich weiter fort, besonders bei den Verkündern der „digitalen Revolution“ und der durch sie für möglichen gehaltenen qualitativen Beschleunigung der kulturellen Entwicklung des Menschen. Aber mehr und mehr wird der Preis sichtbar, ebenso die illusionäre Hybris dieses Anspruchs und die Fragwürdigkeit solcher technizistischen Weltbilder. Die Postmoderne beginnt damit, an diesen optimistischen und „alternativlosen“ Projektion zu zweifeln. Die Kehrseite der rasanten digitalen Umwälzungen wird allzu deutlich: totale Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Beschleunigung und weitere Verdichtung der Arbeitswelt, um nur einiges zu nennen. Auch die Verheißungen grenzenloser Kommunikation erweisen sich als zwiespältig. Das kommunikative Rauschen macht einerseits alles ‚“egal“, bereitet aber andererseits den verrücktesten, einseitigsten Ideen und Verschwörungstheorien einen Nährboden. Im Netz der freien Kommunikation geht es sehr ruppig und egoistisch (egomanisch?) zu. Das Internet selber wird immer fragmentierter und ökonomisierter. Die „Filterblase“ war nur der vergleichsweise harmlose Auftakt.

Die total globalisierte und zugleich total fragmentierte Welt von heute stellt sich quer zu den Träumen westlicher Wortführer der einstigen Moderne, die heute als neoliberal und turbokapitalistisch gebrandmarkt werden. Sinnbild dafür sind die „Zocker“ in den Bankentürmen. Der „rationale Diskurs“, den dagegen ein Habermas in aufklärerischer Tradition als Leitlinie für pluralistische Demokratien gefordert hatte, wird oft durch blinde Stimmungsmache ersetzt: ein Shitstorm statt vernünftiger Argumente, Pegida statt politischer Diskussion. Vom vielbeschworenen „Qualitätsjournalismus“ ist bei den Netizens jedenfalls fast gar nichts zu finden, statt dessen Meinungsmache und Propaganda des eigenen Vorurteils. Überhaupt wird der Rationalität und Sachlichkeit immer weniger vertraut, schon gar nicht gegenüber der „Lügenpresse“. Sie habe sich zu oft als interessegeleitet, machtorientiert und parteilich erwiesen. Und so geht der „vernünftige Diskurs“ aufgeklärter Bürger den Bach runter.

Auch Religion ist wieder „in“, und seit ein terroristischer „Islamischer Staat“ die Welt mit grauenhaften medialen Inszenierungen erschreckt und verunsichert, blühen auch bei uns wieder obskure Ideen und Verschwörungstheorien. Fundamentalismus ist auch der christlich-abendländischen Welt nicht fremd, sei es in Form der wachsenden Bedeutung der Evangelikalen und anderer traditionalistischer Gruppen, sei es in reaktionären Pontifikaten der katholischen „Weltkirche“. Auch in der Philosophie, insbesondere der Religionsphilosophie, ist das Thema „Glaube“ und Religion“ wieder aktuell, von einer Erneuerung metaphysischer Ansätze ganz zu schweigen. Das Pendel ist offenbar zu weit ausgeschlagen.

Politisch fein austarierte Vertragsverhältnisse zur Sicherung des Friedens in Europa („Legitimität durch rechtsstaatliche Verfahren“) geraten plötzlich ins Wanken, wo Gewalt wieder ein Mittel der Politik wird – oder wo die Ohnmacht der wirtschaftlich Zurückbleibenden ein Protestventil sucht und findet: „Brüssel“. Der Euro sollte als „Projekt“ Europa einen – und bewirkt derzeit das Gegenteil. Seine ideologische Überhöhung („Scheitert der Euro, scheitert Europa.“) fällt seinen Verteidigern auf die Füße. Es scheitert allenfalls ein bestimmtes Konzept von Europa (und seinen herrschenden „Eliten“), das so in vielen südlichen Ländern offenbar nicht mehr anschlussfähig ist.

„Postmodern“ ist ein in der Abgrenzung zutreffendes Kennzeichen für eine Zeit – wer weiß, vielleicht für eine ganze Epoche -, die aus einer Entwicklung stetigen Fortschritts und Wachstums plötzlich sehr macht- und wirkungsvoll mit Gegenentwicklungen und Widerständen konfrontiert wird. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hat vielen Selbstverständlichkeiten und optimistischen Überzeugungen der früheren Moderne den Boden entzogen. Die Anschläge von  „9/11“ 2001, der Irakkrieg 2003 und dann die Finanzkrise 2008 sind die Menetekel dieser Zeit, und was wir heute alles an Scherbenhaufen vorfinden (Ukraine, IS, Irak, Syrien, Libyen, – Euro), hätte man sich vor zwanzig Jahren nicht vorzustellen gewagt.

Die Postmoderne ist also eine Zeit neuer Ungewissheiten, Risiken, Krisen und chaotischen Entwicklungen. Sie scheinen sich allzu oft der bewährten Rationalität zu entziehen, sowohl der Handlungen und Verläufe als auch ihrer Erklärung und Verständigung. Es zeigt sich: Vieles, was wir für Errungenschaften der Neuzeit, speziell der Aufklärung halten, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Zwiespältigkeit technologischer Entwicklungen muss neu berücksichtigt werden. Die Rolle der Religion ist neu zu untersuchen und zu bewerten. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, persönliche Freiheit, Privatsphäre, aber auch Bildung, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe müssen bewahrt und jeweils neu erstritten werden. Das gilt für uns hierzulande eben so wie anderswo, erst recht in der arabischen Welt. Die Postmoderne mag den Abschied aus manchen Illusionen der Moderne bedeuten, dann wäre sie nur heilsam. Zugleich aber drohen mit ihr neue Gewalt, neuer Wahn, neue Ideologien und neuer Obskurantismus. Dem kann und muss man mit dem entgegentreten, was schon vor zweihundert Jahren die Parole war: Aufklärung, Aufbruch aus Verdummung und Überwachung, aus Ungerechtigkeit und (neuer) Knechtschaft, aus Terror und Gewalt. Um diese so skizzierte Postmoderne zu überwinden, müssen Ziele und Werte neu formuliert werden, muss Verantwortung ganz neu buchstabiert werden, müssen kritisches Bewusstsein und entschiedenes Eintreten für unsere Freiheit geübt werden. Es wird nicht leicht sein.

*) Erhellend sind die Wikipedia-Artikel zu Moderne, Postmoderne, Posthistoire.

 20. Februar 2015  Posted by at 18:04 Allgemein Tagged with: , , , , , , ,  1 Response »
Apr 272014
 

[Mensch]

Die Frage, warum der Mensch immer wieder bereit ist, gegeneinander Krieg zu führen, zu bedrohen, zu bekämpfen, zu töten, ist offenbar so alt wie die Menschheit. Der Homo sapiens ist stets auch der Homo bellicus. Eine endgültige Antwort auf diese Menschheitsfrage gibt es nicht, kann es nicht geben. Der Mensch ist ein sehr vielseitiges, zugleich widersprüchliches und konsequentes Wesen. Seine Lebensverhältnisse wandeln sich ständig und erfordern Anpassung sowohl des Einzelnen als auch einer menschlichen Gemeinschaft. Versuche einer Antwort gibt es aber viele.

Man könnte diese Versuche, die Frage nach dem kriegerischen Menschen zu beantworten, in drei Kategorien einteilen: Es werden metaphysische, gesellschaftliche oder individuelle Gründe angeführt. Wohlgemerkt, es geht um Voraussetzungen, Ursachen und Gründe der Bereitschaft und Fähigkeit des Homo bellicus, es geht hier nicht um die Ursachen und Gründe einzelner Kriege oder gewaltsamer Auseinandersetzungen. Das wäre ein anderes, eigenständiges Thema.

Metaphysische Voraussetzungen für die menschliche Kriegsfähigkeit nenne ich solche, die Streit und Krieg unter Menschen unabhängig von ihren konkreten Anlässen und Bedingungen auf einen Krieg auf höherer Ebene zurückführen. Das können Kriege unter Göttern sein, die sich in Kriegen von Königen und Priestern und ihrem Volk widerspiegeln (Babylon, Altes Ägypten, Israel). Es kann ein metaphysisches Prinzip als Ursache angeführt werden, zum Beispiel der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und den Mächten der Finsternis, aber auch der Zwiespalt zwischen gleichsam gegensätzlichen, dualistischen Weltprinzipien wie Ying und Yang, Himmel und Hölle, göttlichen Lichtfunken und finsterer Materie oder als Ausdruck dialektischer Geschichtsmetaphysik. Schließlich kann der Krieg als Ausfluss des Kampfes zwischen Gott und Seele interpretiert werden, dann geht es um den großen und kleinen Dschihad sozusagen, ein Gedanke, den auch schon der Kirchenlehrer Augustin vorgeprägt hat als Kampf und Krieg der reinen, wahren Gläubigen der Kirche gegen die gottfeindlichen Mächte des Antichrist. All diesen metaphysischen Begründungen des Krieges ist einiges gemeinsam: Der kriegerische Mensch ist nur Spiegelbild, Werkzeug gar eines viel größeren und umfassenderen Krieges der übernatürlichen Welt. Er kann letztlich „nichts dafür“, dass er in Kriege verwickelt wird. Es geht vielmehr um die Erkenntnis des gerechten Krieges und des notwendigen Kampfes, den der Mensch aufgrund seiner (vorausgesetzten) Bestimmung halt auch mit irdisch-gewaltsamen Mitteln auszufechten hat. Jahrhunderte lang wurden und werden in verschiedensten Kulturen die unterschiedlichsten Arten solcher metaphysischer Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien für den Homo bellicus entwickelt. Mir scheinen es Versuche zu sein, das ebenso Unleugbare wie Unvermeidliche des Krieges ‚Mensch(en) gegen Mensch(en)‘ irgendwie zu entschärfen und in eine höhere Notwendigkeit einzubetten.

Der in der westeuropäischen Aufklärung gewählte Weg des Verzichtes auf eine jenseitige Welt und damit auf überweltliche Metaphysik musste auch zu anderen Begründungen für den Homo bellicus, also für das kriegerische Wesen des Menschen führen. An die Stelle der Metaphysik traten (meist in der Nachfolge Hegels) große Geschichtsentwürfe, die einmal das Bürgertum, ein andermal das Proletariat zu treibenden, auch Krieg treibenden Kräften der Entwicklung der menschlichen Geschichte auf dem Weg zu einem höheren Status erklärten. Die Idee des Fortschritts der Menschheit, der stetig aufwärts gerichteten Entwicklung der Geschichte als Geschichte der Selbstvervollkommnung des Menschen schloss und schließt notwendig auch Kampf und Krieg ein: gegen die beharrenden Kräfte des Alten, gegen Widerstände überholter Strukturen und ihrer Profiteure im Interesse des allgemeinen Fortschritts. Man denke nicht, die Zeit dieser großen alten, gewissermaßen klassischen Ideologien sei vorbei. Wir erleben sie heute nur in neuem Gewand. Die Idee der durch Kämpfe herzustellenden „großen Harmonie“ seitens der chinesischen Machtelite gehört ebenso hierher wie die notwendig und im Interesse des Fortschritts agierenden zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus (Schumpeter) und seiner Erneuerung und Umgestaltung der Welt zu einem einzigen allumfassenden „freien Markt“, – und ebenso die heutige Silicon-Valley-Ideologie der andauernden „disruptiven Innovation“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – mit „uns“ ist damit die jeweils unterschiedlich akzentuierte Vorhut der fortschrittlichen Menschheit gemeint – ehemals in Moskau, heute mehr in San Francisco. Sie gilt als so unaufhaltsam, dass Krieg und Kampf (ökonomisch, kulturell und eben auch militärisch) nur der Preis für uferlos freie Märkte und schrankenlosen Gewinn ist. Allmählich werden die Petro-Kriege durch Daten-Kriege (verharmlosend Cyber-War genannt, als wäre es ein Spiel) (1) und ihre mächtigen globalen Akteure ersetzt. In jedem Falle geht es um Ressourcen, um die künftige Verfügungsmacht, um den unaufhaltsamen Fortschritt mit Glücksverheißung für alle: „Don’t be evil!“. Russlands derzeitige militärische Aggressivität scheint da auf verlorenem Posten zu stehen – irgendwie von gestern, was nicht weniger gefährlich sein kann (2). – Diesen geschichtsmetaphyischen, gesellschaftsideologischen Begründungs- und Rechtfertigungsmodellen des Homo bellicius ist das Bewusstsein gemeinsam, Teilnehmer an einer grandiosen Geschichte zu sein, die sich unaufhaltsam verwirklicht und einem Glückszustand entgegen strebt, der zwar allen verheißen, für den aber nur wenige auserwählt sind. Dieser Fortschrittsidee ist als Bewusstsein, auf der „richtigen“ Seite der Geschichte zu leben, nahezu jedes Mittel recht. Kriege, Vernichtung der Gegner und Beseitigung von Widerständen gehören unvermeidlich dazu. Bisweilen wirkt diese Strategie der Rechtfertigung wie ein Ansporn.

Krieg oder Frieden

Krieg oder Frieden (bykst, pixabay)

Bei der dritten Kategorie geht es um Begründungsmodelle des Homo bellicus, die im einzelnen Menschen selber fest gemacht werden. Es kann dabei auf die animalische Basis des Menschen verwiesen werden, auf seine evolutionäre Naturgeschichte, die für das Individuum den Kampf ums Überleben und Anpassung um jeden Preis notwendig und unausweichlich macht. Es kann die Triebstruktur des Menschen heran gezogen werden, seine unvermeidliche Aggressivität, die auf Konkurrenz oder Frustration reagiert; auf Neidkomplexe, Habgier, Egoismus, sexuelle Gewalt usw. Hier könnten all die Tugend- und als Umkehrung davon, die Lasterkataloge früherer Jahrhunderte beigezogen werden. Nach diesen individualistischen Erklärungsmodellen ist der Mensch ein zutiefst durch seine unbewusste Natur geprägtes gewalttätiges Lebewesen, das gefährlichste Raubtier auf der Erde. Gegenstrategien dienen dann der Aufdeckung und Umlenkung latenter Gewaltphantasien in produktive, selbstheilende und gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen. Das Übel des Krieges wird im unbewältigten Dunkel der eigenen Persönlichkeit gesehen, die es aufzuklären und zum Beispiel durch meditative Praktiken aufzulösen gilt. Findet der Einzelne seinen Frieden, wird auch die Menschheit friedlich und glücklich sein. Viele Religionen verfolgen diesen Weg.

Es gibt noch viel mehr Erklärungsversuche, warum der Krieg in die Welt kommt und der Mensch als Homo sapiens eben immer auch ein Homo bellicus ist. Ich bin einigen Haupttypen nachgegangen, die Liste ist natürlich nicht vollständig. Es sind Beispiele, die zeigen, wie die Tatsächlichkeit von Streit, Krieg, Tod und Vernichtung unter Menschen doch immer wieder als rätselhaft, als erklärungsbedürftig empfunden wird. Denn eigentlich wollen doch alle nur zufrieden sein, – wenn da nicht der böse Nachbar wäre… Alle diese Modelle der Ursachen und Gründe einer weithin kriegerischen Welt, in der gewaltsames Leiden und Tod täglich gegenwärtig sind, haben vielleicht jeweils etwas Richtiges im Blick. Auf jeden Fall ist es aber wahr, dass die Verwicklung des Menschen und der Menschen in Krieg, Gewalt, Foltern, Töten unüberschaubar vielfältig und insofern „multikausal“ verursacht ist. Es bleibt dennoch als etwas letztlich Unerklärliches, Unbewältigtes bestehen. Noch unerklärlicher erscheint dann besonders die Lust am Töten, der Rausch des Blutes, die exzessive Gewalt, die keine Grenzen kennt. Ebenso unbegreiflich ist es, dass es immer wieder gerade auch vormals friedliche „normale“ Menschen überkommt – wenn die Umstände danach sind. Jeder Völkermord hat Täter, die – auch nur Menschen sind. Das ist ein Erratum: ein unauflösliches Faktum.

Die Rätselhaftigkeit dieser Struktur des Menschen als Homo bellicus anzuerkennen erscheint mir jedenfalls angemessener als all die verschiedenen Erklärungsversuche für sich genommen. Andererseits ist die Suche nach Erklärungen unvermeidlich; sie drängt sich auf. Vielleicht kommt man dennoch zum Ergebnis, dass diese Frage nach der Möglichkeit und Fähigkeit des Menschen zum Krieg, zu Vernichtung und Töten anderer Menschen letztlich unbeantwortbar bleibt. Kriege werden von Menschen geführt, „gemacht“. Dass es sie gibt, scheint zu unserer conditio humana, zu unserem Dransein als Menschen zu gehören – eine Erkenntnis, die zu selbstkritischer Mäßigung und zu rationaler Bescheidenheit zwingt.

Anmerkungen

1) Wer wissen will, worum es geht, schaue The Netwars-Project.

2) Man lese Viktor Jerofejew, Russland in der Offensive, FAZ Dez 2013

 27. April 2014  Posted by at 11:47 Gesellschaft, Mensch Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Rätsel des Homo bellicus
Jul 192013
 

I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel des Internets und der ihnen bereitwillig folgenden Internetgemeinde hat einen spürbaren Knax bekommen. Zwar muss hier zwischen der medialen und teilweise auch dem Wahlkampf geschuldeten Aufgeregtheit der veröffentlichten Meinung einerseits und dem tatsächlichen Verhalten der Internetnutzer andererseits unterschieden werden. Solange sich die derzeitige Diskussion um Big Data und #PRISM auf die Verkaufszahlen von Apple, Samsung, der Nutzerzahlen von Google, Facebook, Amazon nicht auswirkt, so lange kratzt die Diskussion offenbar nur an der gesellschaftlichen Oberfläche. Erst ein verändertes Nutzerverhalten würde hier ein gestiegenes Problembewusstsein und eine ernsthafte Sorge erkennen lassen. Dies fest zu stellen ist es noch zu früh. Vermuten kann man allerdings, dass die aktuelle Diskussion kaum dazu beitragen wird, den digitalen Graben zwischen den Techies und den eher Reservierten zu verringern. Vielleicht ist das ja auch gut so. Jedenfalls ist in der Öffentlichkeit die Diskussion über das neue Menschenbild der digitalen Welt – der verhaltenstransparente Konsument und der sicherheitsriskante Bürger – eröffnet.

II. Ganz anders ist die Lage in dem anderen, mindestens ebenso brisanten Themenfeld. Auf welche Weise die modernen Humanwissenschaften auf naturalistischer Grundlage ein neues Menschenbild, mehr noch einen neuen Menschen schaffen, dessen Gehirn in seiner Funktionsweise immer verständlicher und dessen geistige Fähigkeiten und individuelles Verhalten dementsprechend neurologisch erklärbar, kognitiv transparent und psychiatrisch manipulierbar werden, das interessiert nur am Rande gelegentlich das Feuilleton. Populärer sind allemal Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein oder zur „richtigen“ Entfaltung der eignen Potentiale. Dabei beruhen die Methoden der Neurowissenschaften immer stärker auf Computermodellen, die ebenfalls big data erfassen und verarbeiten. „Bildgebende Verfahren“ klingt da etwas naiv und harmlos, denn das ist ja nur die bunte, anschauliche Oberfläche neurologischer Forschung. Andere Verfahren erheben den gesamten elektrischen Zustand eines Gehirns und übersetzen ihn in ein algorithmengestütztes, selbstlernendes Computermodell, das, so die Erwartung, dann schlicht ein Spiegelbild eines menschlichen Gehirns ist. Ob es sich wirklich so verhält und ob es funktioniert, wird sich zeigen, aber die Fortschritte in den Neurowissenschaften sind gerade in den letzten Jahren mit wachsender Rechenpower gewaltig. Jedenfalls wachsen die Bemühungen um eine Modellierung des menschlichen Geistes bzw. des Bewusstseins weit über bloße Theorien hinaus. Es wäre leichtfertig, hier nur Spekulation und technische Phantasien am Werk zu sehen. Was bisher als science fiction erscheint, könnte schneller als gedacht science technics werden. Nachdem die Diskussion vor einigen Jahren die Frage des „freien Willens“ (ein Nebenkriegsschauplatz) publikumswirksam thematisiert hat, ist die Hirnforschung mit ihren Strategien, menschliches Gehirn und menschlichen Geist endlich in den Griff zu bekommen, weitgehend öffentlich unbeobachtet. Nur über die Stammzellenforschung hat man sich eine Zeit lang aufgeregt, auch dies aus meiner Sicht eine sehr deutsche Nebenbühne.

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

III. Im Blick auf die Neurowissenschaften und die durch sie gemeinsam mit der Biogenetik nachhaltig veränderten Humanwissenschaften hinkt eine öffentliche Diskussion, ja überhaupt Wahrnehmung der Tragweite und Auswirkungen, also der ethischen Herausforderungen und Handlungsbegleitung der Wirklichkeit auffallend hinterher. Was die digitale Transformation betrifft, haben wir soeben die Chance bekommen (Snowden sei Dank), die Diskussion um Mittel und Wege, Rechte und Grenzen, Wollen und Sollen breit und öffentlich, hoffentlich ausführlich und begründet zu führen, praktische politische und persönliche Konsequenzen eingeschlossen. Auch dies hat ethische Aspekte in der Frage, welches Menschenbild der Digitalisierung zu Grunde liegt oder liegen sollte. Es zeigt sich, dass die großen Themengebiete Digitalisierung und Hirnforschung, erweitert um das Thema der Biogenetik, uns an die Schwelle einer kulturellen Transformation ungeahnten Ausmaßes bringen. Diese Transformation wird zwar zunächst in den industrialisierten Ländern beginnen, aber kaum vor irgend einem Kontinent halt machen. Die Möglichkeit, diesen Transformationsprozess zu steuern, wird schwierig sein, weil der ihn antreibende Strom der Ereignisse und Interessen fast übermächtig ist. Umso mehr und kraftvoller muss das Bemühen um öffentliche Diskussion und Gestaltung sein. Neue ethische Maßstäbe und rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig. „Alles was wir einmal Bürgerrechte oder Privatsphäre nannten: Das ist alles weg.“ (Leyendecker). Damit nicht noch mehr von dem „weg“ ist, was uns lieb und teuer ist, sollten wir uns kundig machen und einmischen, in jedem der neuen Wissensgebiete, vor allem gegenüber den politisch-industriellen Machtkomplexen. Die Zeiten eines Nelson Mandela, der gestern seinen 95. Geburtstag beging, könnten andernfalls im Rückblick noch als rosig erscheinen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Ethik und Politik der kulturellen Transformation.

 19. Juli 2013  Posted by at 11:15 Gesellschaft, Mensch, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der digitalen Transformation
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an „Technikkultur“ (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die „obsolet“ geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der „second screen“ zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich „Holzmedien“ genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja „tot“ sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten „brains“? Prozess „massiver“ Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler „digitaler“ und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu „Genius“ und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der „neuen“ Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb („Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten“…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft „verweigernd“; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die „Freiheit des Netzes“ steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des „Kampfes gegen den Terrorismus“ öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur „unangemessener“ Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung („big data“), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der „digitalen Welt“ zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Posted by at 13:00 Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kein Evangelium
Dez 132012
 

Ich lese des öfteren vom Problem einer „Mensch-Technik-Dichotomie“, ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. In der Mehrzahl sind es Beiträge, die eine solche Dichotomie, also einen Gegensatz zwischen Mensch und Technik, bestreiten. Ich kenne allerdings niemanden, der einen solchen Gegensatz ernsthaft behauptet. Ein Streit um Worte, ein Kampf gegen Windmühlen? Es scheint so.

Technik ist eine Kulturleistung, und jede Kulturleistung ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man „den Menschen“ weg, verschwindet auch die Technik (spätestens wenn die Energieversorgung zusammen bricht). Hier von einer Dichotomie zu sprechen ist ebenso abwegig, wie wenn man eine Dichotomie zwischen Mensch und Musik behaupten oder bestreiten würde. Auch Musik wie alle Bereiche der Kultur ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man den Menschen weg, ist auch die Musik verschwunden. Zurück bleiben allenfalls Töne.

Bisweilen habe ich den Eindruck, manche wenden sich deswegen so energisch gegen eine „Mensch-Technik-Dichotomie“, weil man sich grundsätzlich gegen bestimmte Warnungen oder Vorwürfe wehren will wie zum Beispiel gegen die der „Technikgläubigkeit“, der „Technikverliebtheit“ oder des „Machbarkeitswahns“. Letzterer ist nicht spezifisch auf Technik bezogen, und die ersten beiden Vorwürfe beziehen sich auf ein Gefühl der Übertreibung, wie die Wortbestandteile „Gläubigkeit“ und „Verliebtheit“ zeigen. Auch solche Gefühle sind nicht spezifisch gegen Technik gerichtet, es gibt sie in allen Bereichen menschlicher Betätigung: übertriebene Sportbegeisterung, Star-Kult und anderes mehr. Solche Gefühle der Übertreibung mögen zu Recht oder zu Unrecht eine Abneigung anzeigen, sind aber selten begründete Argumente. Schon gar nicht enthalten sie eine grundsätzliche Kritik. Allerdings kann sich darin eine ideologische Position spiegeln; dann wäre diese Position erst zu erheben. Das behauptete Problem „Mensch-Technik-Dichotomie“ ist also eine Chimäre.

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Dahinter verschwindet ein wirklich grundsätzlicher Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur. Natur ist kein Produkt des Menschen, sondern umgekehrt: Der Mensch ist ein „Produkt“ der Natur. Die Anführungszeichen sind deswegen gesetzt, weil hier der Begriff Produkt nur in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. Streng genommen ist der Mensch kein Produkt der Natur, sondern Teil der Natur. Der Mensch ist Natur. Eine Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ergibt sich nur im Hinblick auf die originär menschlichen Hervorbringungen, also auf das, was wir Kultur nennen, seine materiellen (Artefakte) und geistigen Werke. In alledem bleibt der Mensch aber Naturwesen. Kultur wird zum Teil seiner Natur, meinetwegen zu seiner „zweiten Natur“.

Der Unterschied zur Technik liegt auf der Hand. Technik kann der Mensch machen, verändern, beherrschen. Die Regeln des Gebrauches der Technik setzt der Mensch selbst. Die Natur aber beherrscht den Menschen. Er kann sich Natur immer nur sehr partiell „dienstbar“ machen, sie seinen Bedingungen anpassen und in ihrer Auswirkung verändern. Die Naturgesetze (es bleibe hier unerörtert, was das eigentlich ist) kann der Mensch aber nicht verändern. Sie sind so, wie sie sind, und der Mensch ist ihnen unterworfen. Das hindert den Menschen „natürlich“ nicht daran, sie so weit es geht zu seinem (vermeintlichen) Nutzen zu manipulieren. Auch dieser Eingriff in den Naturverlauf und ihre Nutzbarmachung gehört zur Natur des Menschen, zu seinen natürlich gegebenen schöpferischen Fähigkeiten. Natur zu verändern ist unsere Natur.

Diese Fähigkeiten sind allerdings sehr weitreichend. Ohne dass dem Menschen alle Zusammenhänge schon bekannt sind oder jemals bekannt sein können bzw. werden, beeinflusst und verändert er Faktoren in den Naturzusammenhängen, so dass sich andere zum Teil erwünschte, zum Teil unerwünschte Folgen ergeben. Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Ressourcen ist erwünscht, die dadurch beschleunigte Klimaerwärmung ist unerwünscht. So ist es in vielen, um nicht zu sagen in allen Bereichen der menschlichen Eingriffe in Naturzusammenhänge. Wie das Wort schon sagt: Es sind Zusammenhänge, also äußerst komplexe Strukturen, Regelkreise, labile (Un-) Gleichgewichte („Strömungsgleichgewichte“), die zu erkennen und zu durchschauen wir Menschen in vielen grundlegenden Bereichen noch weit entfernt sind, siehe das Wettergeschehen, das Klimageschehen, die Funktionsweise des Gehirns und vieles andere. Optimisten werden sagen: Noch nicht, aber absehbar bald. Skeptiker werden zu bedenken geben, dass es aufgrund unserer eigenen Verwicklung in Natur, weil wir also selber Natur sind, vielleicht manche grundsätzlichen Hindernisse gibt, bestimmte Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist immer schwierig, wenn der Beobachter sich selber beobachtet (Rückkopplungen, Beeinträchtigungen eines objektiven Ergebnisses).

Also auch als Produzent erstaunlicher Technik bleibt der Mensch Natur, ist er ein Naturwesen. Dieses zu verkennen und außer Acht zu lassen, ist ein sehr schwerwiegender methodischer und sachlicher Mangel, wenn wir uns über den Zusammenhang von Mensch und Technik Gedanken machen wollen. Es geht nur im Zusammenhang von Natur, Mensch und Technik (Kultur). Als „Techniker“ sind wir geneigt, unsere natürlichen Rahmenbedingungen und Konstitutionsmerkmale zu vernachlässigen. Denn nur dann bleibt Technik vollständig machbar und einigermaßen kontrollierbar. Das ist sie dann aber ganz und gar nicht, wenn wir den Menschen einmal als Gefühlswesen, also als von seiner natürlichen Ausstattung bestimmtes und begrenztes Lebewesen zugrunde legen. Das sogenannte Limbische System ist allemal mächtiger als all unsere Bewusstseinsprozesse – unbewusste Natur tief in uns drin.

Dass es nicht zum Atomkrieg gekommen ist (bisher nicht), verdanken wir weniger der menschlichen Fähigkeit, seine Technik zu beherrschen, als der Urangst vor Selbstvernichtung, die zumindest 1962 die entscheidenden Politiker in den USA und der UdSSR bestimmt hat. Das Zeitalter der Drohnen setzt allerdings ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten frei. Umso wichtiger, vielleicht sogar überlebenswichtig, bleibt es, uns Menschen als Natur zu begreifen. Bisher bedeutet das: Wir begreifen alles Mögliche, nur uns selbst, unser eigenes Leben nicht.

 13. Dezember 2012  Posted by at 12:14 Kultur, Natur, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Technik – Mensch – Natur
Nov 282012
 

Ich glaube, dass das Leben unheimlich gut und schön ist.

Das ist ein Glaubenssatz, denn wissen kann ich es nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Vertrauen auf die Güte des Lebens, auch meines Lebens, geht oftmals gegen den Augenschein. Es siegt nicht immer das Gute. Krebs ist nicht schön. Gewalt, Neid, Hass und Niedertracht gibt es genug  im Umgang miteinander, aber auch Hingabe, Hoffnung, Freundschaft, Mitgefühl. Im miteinander Leben, Denken, Arbeiten finde ich den Sinnzusammenhang, der über den Tod hinaus weist.

Die Natur ist, wie sie ist. Trotz aller Härte des „Kampfes ums Überleben“ kommt sie mir wunderschön vor, faszinierend und stark, aber auch empfindlich und zerbrechlich. Die Kraft des Lebens ist bisweilen unheimlich. Dabei wissen wir noch nicht einmal, woher es kommt, wie es entstanden ist. Stoffwechsel und Fortpflanzung – das Geheimnis des Entropie-Aufschubs, der „geborgten Energie“, des Ursprungs der Zeit. Einzigartig im Universum – bislang.

Der Mensch ist, wie er ist, und macht sich zu dem, was er wird. Er koexistiert im Zusammenhang von Natur und Kultur. Gut und Böse fallen nicht vom Himmel, sondern sind soziale Kategorien. Böckenfördes berühmter Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, wird oft religiös verstanden, als würde damit auf einen transzendenten Hintergrund verwiesen. Dabei ist es der Mensch als soziales Wesen, sind es seine gesellschaftlich geprägten Werte und Grundsätze, die als kulturelle Voraussetzungen des Gemeinswesens „vorwissenschaftlich“ und also nicht ableitbar oder garantierbar sind.

Ich glaube, für ein zufriedenes, gelingendes Leben brauche ich weder den Himmel noch die Ewigkeit, weder Gott noch Unsterblichkeit. Ich suche aber Symbole und Bilder, die mir jenseits der Ratio die Erfahrung des Urvertrauens vermitteln und mich darin immer wieder bestärken: Erzählungen, Rituale, kultische und kulturelle Gemeinschaft. Dies wäre die begrenzte und positiv „eingehegte“ (Habermas) Bedeutung von Religion.

 

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Was ich definitiv nicht brauche, was ich vielmehr für eine üble Weise der Okkupation und Monopolisierung des menschlichen Bedürfnisses nach Trost, Sicherheit und Jenseitigkeit halte, ist die Institution der Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche hat aus ihrer Geschichte heraus derart mafiöse Strukturen entwickelt, dass man zwischen perfider Scheinheiligkeit, perfekt inszenierter Ideologie und realer Macht kaum mehr unterscheiden kann: ein fundamentalistischer religiös-industrieller Machtkomplex, anachronistisch und doch, was die eigenen Interessen betrifft, stets auf der Höhe der Zeit. –  Die protestantischen Kirchen leiden an organisatorischer und vor allem intellektueller Auszehrung und faktischer Bedeutungslosigkeit, stellen sich oft nur noch naiv, nett und dumm dar: „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ als trinitarischer Bekenntnisersatz der „Gutmenschen“. Wo Dummheit herrscht, kanns gefährlich werden, das sieht man am  evangelikalen Fundamentalismus. – Dabei gibt es überall in den christlichen Traditionen und Institutionen immer auch viele Menschen guten Willens, guter Absichten, guter Taten. Sonst wäre es mit dem Christentum überhaupt nicht auszuhalten.

Was fehlt, ist ein ehrliches Aufdecken der geschichtlichen Gewordenheit und der kulturellen Zeitbedingtheit der christlichen Dogmatik. Himmel, Hölle und Paradies, Trinität und Gottessohnschaft, Gericht und Strafe, die Hypostasierung einer „Heiligen Schrift“ – alles von Menschen gemacht, relativ, fehlbar und absolut kritikbedürftig. Was also fehlt nach der gesellschaftlichen Säkularisierung ist eine „geistliche“ Säkularisierung. Man wird darauf vergeblich hoffen, denn es bedeutete die Selbstabschaffung der Kirchen in ihrer heutigen Form. Dran wäre es. Dann könnte man vielleicht auch wieder Positives am Christentum entdecken.

 28. November 2012  Posted by at 13:41 Christentum, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Was ich glaube