Nov 192016
 

Aus deutscher und europäischer Perspektive erscheint 2016 als „annus horribilis“. Das Erstarken populistischer Bewegungen und rechtsnationaler Regierungen, der Brexit, schließlich die US – Präsidentenwahl zeigen so etwas wie eine Zeitenwende an. Darüber ist und wird derzeit viel geschrieben. Die einen sehen den Weltuntergang – zumindest der Welt, wie wir sie kennen (SPIEGEL), andere mahnen emotionslos zur Realpolitik nach dem Motto „business as usual“. Beides ist der Sache nicht angemessen. „Weltuntergang“ ist ein typisches Erregungs-Szenario an Kaffeepott und Tastatur, und die pure Realpolitik vergisst die Ziele und Ideen und nimmt alles so, wie es gerade kommt. Der Hintergedanke in beiden Haltungen ist im Grunde derselbe: Es wird hoffentlich nicht so schlimm kommen, wie es aussieht. Aber wenn man nicht die Fakten ins Auge fasst und etwas gegen fatale Entwicklungen tut, dann kommt es, wie befürchtet, – und erst recht schlimm.

Populisten

Google Bildersuche „Populisten“

Zu den Tatsachen gehört, dass es einen Stimmungsumschwung gibt, der hierzulande weniger durch eine schlechte wirtschaftliche Lage als vielmehr durch diffuse Ängste und Bedrohungsgefühle verursacht wird. Die langjährige und letztlich sehr erfolgreiche Politik der „Öffnungen“ (international, europäisch, national, gesellschaftlich, kulturell) hat etwas ins Fließen gebracht, das jetzt für viele als Bedrohung der eigenen Lokalität, Identität und Sicherheit empfunden wird. Ob das nun als Kehrseite der Globalisierung erklärt wird, als Reaktion auf die angewachsene Migration oder auf eine angestaute Frustration über die „abgehobenen Eliten“ (wer immer das sein mag), sei dahin gestellt. Ein weiteres Faktum besteht darin, dass weltweit autokratische Herrschaften Einfluss gewinnen. Wenn dann in einem Kernland der westlichen Demokratie wie in Groß Britannien nationale Kräfte mit Mehrheit eine Abschottung wollen und in den USA ein demagogischer Populist zum Präsidenten gewählt wird und sich nun anschickt, eine Lobby ultrarechter, nationalistischer und zum Teil offen rassistischer Politiker und Meinungsmacher in entscheidende Machtpositionen zu bringen, dann sollte das nicht nur zu denken geben. Die Klage, hier würde sich nur eine neue Elite installieren, um sich hemmungslos zu bereichern, ist zu oberflächlich, selbst wenn es stimmt (wofür einiges spricht). Man – also die derzeitig verantwortlichen Politikerinnen und Politiker –  sollte in Deutschland und der engeren EU die eigenen Handlungsmöglichkeiten neu abwägen, Interessen klar formulieren und Verbündete suchen. Es werden hoffentlich nicht allzu wenige übrig bleiben.

Keine Demokratie, überhaupt keine Staatsform ist davor gefeit, einer Diktatur Raum zu geben, es kommt nur auf die Umstände an. Das Vertrauen auf die demokratische Kraft der USA kann nur begrenzt sein, wenn neue Machtgruppierungen die bisherigen checks & balances aushebeln und außer Kraft setzen. Man konnte ähnliches im Kleinen bereits in Polen erkennen – oder derzeit in der Türkei. Wenn nun gar die internationalen Karten der Macht neu gemischt werden, weil alte Interessen nicht mehr ohne weiters gelten und neue Koalitionen, die bisher undenkbar waren, als politische Möglichkeiten in Sichtweite geraten, dann sind das Veränderungen, die auch uns hierzulande nicht ungeschoren lassen. Es ist also nicht nur der Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen bei uns und unseren europäischen Nachbarn, der Anlass zur Sorge gibt, es ist das gesamte Umfeld demokratischer Konstruktionen, die ins Rutschen zu geraten drohen. „Angst ist rational“, schrieb ein Korrespondent – richtig. Darum gilt es hier sehr wachsam und auf der Hut zu sein, um Stimmen der Freiheit und der Offenheit so lange und so laut vernehmbar zu machen, wie es irgend geht. Es kann sein, dass der Protest gegen die rechts-nationale Revolution nicht nur in den „sozialen Medien“ ausgetragen werden kann, sondern auch auf die Straße getragen werden muss. Das werden die Ereignisse zeigen. Man muss gewappnet sein. Wer dabei „1933“ beschwört, sieht zu kurz. Das neue Böse kommt in ganz anderer Form. Es kann aber genauso gewalttätig sein.

Lesetipp:

Wer hat Platz in diesem Land? Polens Opposition, von Paul Ingendaay, FAZ.NET

Sep 102014
 

[Geschichte, Politik]

Verständnisvolle Journalisten

Wer die vergangene Sendung „Hart aber fair“ (Plasberg) gesehen hat mit dem Titel „Wladimir Putin – der gefährlichste Mann Europas?“ (dieser Link zur ARD-Mediathek hat nur begrenzte Gültigkeit), konnte nicht viel Neues erfahren. Überrascht wurde ich von den Stellungnahmen und Argumenten zweier Journalisten, Hubert Seipel und Fritz Pleitgen, nicht weil das, was sie sagten, eine Neuigkeit war, sondern weil sie noch immer dasselbe sagten, was man von ihnen und anderen seit Wochen und Monaten hören oder lesen konnte. Besonders Pleitgen habe ich wegen seiner engagierten und sachlichen Berichterstattung immer sehr geschätzt. Umso mehr war ich erstaunt, scheinbar unpolitisch die Argumente wie aus einem Geschichtsseminar zu hören und dabei recht beliebig gewählte historische Ausgangspunkte genannt zu bekommen. Die vorgetragene Sachlichkeit wirkte dann doch sehr interessegeleitet und einseitig. „Russland verstehen“ um fast jeden Preis. Diese Argumentationslinie ist nicht neu, aber nach den jüngsten Entwicklungen in der Ukraine doch zumindest verwunderlich

Die beiden wichtigsten Aspekte dieser Argumentation sind einmal eher psychologisch, zum anderen mehr historisch begründet. Putin habe die große Mehrheit seiner Bevölkerung hinter sich; er repräsentiere also nur die nach dem Zerfall der Sowjetunion gedemütigte russische Seele, die nach Stärke und Anerkennung lechze. Es folgt stets der Hinweis auf die St. Petersburger Hinterhöfe, in denen angeblich der jugendliche Putin die Erfahrungen mit seiner Schwäche und der Stärke anderer gemacht habe. Diese sozial- und individualpsychologischen Hinweise leiten dann über in eine historische Einordnung. Russland habe nach dem Zusammenbruch und der Auflösung der UdSSR massive Gebietsverluste hinnehmen müssen, zugleich das Nachrücken der NATO bis dicht an seine östlich verschobenen Grenzen erlebt und dann auch noch die Provokation erfahren, dass ein russisches Bruderland wie die Ukraine nach einer Assoziierung mit der EU strebte, wohlgemerkt unter dem damaligen russlandfreundlichen Präsidenten Janukowitsch. Plasberg lässt eine Grafik einblenden, die in Rot die Machtsphäre der UdSSR vor 1989 zeigt (die Elbe im Westen) und danach das Ausfüllen der blauen Farbe mit gelben NATO-Stern bis weit in den Osten an die Grenzen des heutigen Russland – jenseits vom Baltikum, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien. Nur Weißrussland und eben die Ukraine fehlten noch in Blau. Gegen dieses Vorrücken der NATO-Staaten habe sich Russland doch letztendlich wehren müssen. Auf der Krim sei doch Sewastopol immer ihr Schwarzmeerhafen gewesen, da sei die Annektion der Krim doch politisch verständlich, wenn auch rechtlich nicht zu billigen. Aber so sei nun einmal Machtpolitik.

Historische Standpunkte

Ich finde die etwas willkürliche Wahl des Ausgangspunktes der historischen Betrachtung der Machtsphären bemerkenswert kurzschlüssig. Immerhin bemüht Putin in seinen Reden viel größere zeitliche Dimensionen, die auf das Zarenreich zurückgehen oder gar auf die fast mythische Keimzelle Russlands, nämlich die Kiewer Rus. Natürlich verschweigt Putin bei seinem Verweis auf die zaristische Machtausdehnung („Noworossija“, Sewastopol), dass auch diese Ergebnisse des Zarenimperialismus nur nach heftigen Kriegen und mit einigen Niederlagen verbunden waren (die russisch-türkischen Kriege 1768 – 1774 mit der Verlegung der russischen Flotte von der Ostsee auf die Krim 1770; Krimkrieg 1853 – 1856 Verlust des Donaugebietes, Eroberung Sewastopols durch Briten und Franzosen 1755, Verlust der russischen Kontrolle des Schwarzmeers). Geschichte wird also von den jeweiligen Machthabern gerne in den Dienst ihrer jeweils aktuellen Ziele gestellt. Dass dies nun aber auch von zwei bekannten Journalisten ebenso getan wird, dass also ein einseitig-interessiertes ‚Putinverstehen‘ einer sachlich-nüchternen historischen Beurteilung übergeordnet wird, das ist schon bemerkenswert. Die Motive dafür wären eigens zu ergründen.

Die Machtausdehnung der UdSSR und der Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes war ja ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, oder, wie es in russischer Diktion heißt, des „Großen Vaterländischen Krieges“ (Stalin). Nach den furchtbaren russischen Verlusten an Menschen und Material im Kampf gegen die vorrückenden Armeen Hitlerdeutschlands konnte das sowjetische Russland am Ende des Krieges auf der Siegerseite stehen und sowohl sein Staatsgebiet als auch seine Machtsphäre weit nach Westen ausdehnen, bis an die Elbe, so dass Westdeutschland und Österreich zu Grenzstaaten gegenüber dem Ostblock wurden. Das waren die Ergebnisse der Friedenskonferenz von Jalta (Februar 1945) und des Potsdamer Abkommens (August 1945) der Siegermächte. Territorial gesehen war Stalin der große Gewinner. So wurde auch die machtpolitische Nachkriegsordnung in Europa begründet, die nahtlos in den Kalten Krieg führte und die Eindämmung weiterer russisch-kommunistischer Expansion zum Ziel hatte. Diese Ordnung, die auf dem „Gleichgewicht des Schreckens“, also der megatonnenstarken atomaren Abschreckung beruhte, zerbrach 1989 / 1990, als die Sowjetunion zerfiel: Sie war wirtschaftlich und als Folge davon politisch am Ende. Dies war nach dem oft zitierten Putin „die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ – und nicht etwa die 30 Millionen russischer Kriegsopfer im WWII. Immerhin hatte sich Sowjetrussland 1945 die östlichen Teile Polens, Weißrussland und das Baltikum einverleiben können. Die anderen aus russischer Sicht westlichen Staaten Europas (Polen, das auf Kosten des deutschen Reiches territorial im Westen entschädigt wurde, die kommunistische Neuschöpfung Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und mit Einschränkungen Titos Jugoslawien) waren militärisch und wirtschaftlich von Moskau abhängige Satellitenstaaten mit begrenzter Souveränität (Breschnew-Doktrin).

Die russische Katastrophe?

Das aus russischer Sicht Katastrophale des Zusammenbruchs der UdSSR (ich denke, Putin spricht da tatsächlich eine verbreitete und nahe liegende russische Ansicht aus) besteht ja nicht nur im Kontrollverlust über die ehemaligen Satellitenstaaten, sondern darüber hinaus im Verlust von russischen Republiken (ehemals Sowjetrepubliken), die sich nun als selbstständige und unabhängige Staaten etablierten (von Estland, Lettland, Litauen bis zu Kasachstan usw.) Die erlangte Selbständigkeit von Moskauer Oberhoheit war keineswegs durch westlich-imperiales Vordringen, also etwa durch einen Druck der NATO-Staaten entstanden. Diese Unabhängigkeit war eine Befreiung vom russischen Joch (ganz wörtlich), aber vor allem auch eine Chance für regionale Eliten und spätere Oligarchen, Macht und Wirtschaftsgüter an sich zu reißen und so die Grundlage für den geschmähten jelzinschen „Raubtier-Kapitalismus“ zu legen. Die Staaten an der neuen Ostgrenze des früheren russischen Imperiums hatten allerdings noch eine ganz andere Sorge und Aufgabe, nämlich Strukturen zu schaffen, die eine erneute Vereinnahmung und Eroberung durch Russland dauerhaft verhinderten. Darum strebten vor allen Dingen Polen und die baltischen Staaten unter das schützende Dach der NATO und strebten darüber hinaus in die westlich verankerte Europäische Union. Die NATO tat sich schwer mit der Aufnahme so vieler neuer Mitglieder, von einem Drängen war da nichts zu spüren, wie ja auch der 1997 gegenüber Russland erklärte Verzicht zeigt, dauerhaft NATO-Truppen in den neuen östlichen Mitgliedsländern zu stationieren. Der Beitritt zur NATO wurde Polen, Ungarn und Tschechien erst nach Abschluss des NATO-Russland-Vertrages (Paris 1997) angeboten. Erst seit 2004 gehören auf deren ausdrücklichen Wunsch hin die Staaten Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei und Slowenien der NATO an.

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NATO Erweiterung (Wikimedia)

Imperialismus hüben und drüben

Von einer imperialen Machtausdehnung der NATO nach Osten, die also Russland unangemessen, expansiv und bedrohlich auf den Pelz gerückt sei (Seipel, Pleitgen) kann also kaum die Rede sein. Die NATO-Osterweiterung ist vielmehr als ein historischer Prozess anzusehen, der auf lange, vielfältige und unterschiedliche Erfahrungen der beteiligten souveränen Staaten insbesondere mit ihrem östlich großen Nachbarn Russland resultiert. Allerdings verdanken sich manche Grenzen der neuen Staaten dem einstigen Imperium der UdSSR bzw. resultieren aus früheren Grenzziehungen, die mehr innen- als außenpolitische Bedeutung hatten. Nur so sind die Grenzen der seit 1991 unabhängigen Ukraine zu verstehen (einschließlich Donbass und Krim) – und sind diese Anlass zu dem heutigen Krieg um die Unabhängigkeit der Ukraine geworden. Dass gerade erst (zum Teil wieder) selbstständig gewordene Staaten aus dem früheren Moskauer Einflussbereich ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit bewahren, ist verständlich – dass Russland diesen vermeintlichen oder realen Verlust an imperialer Größe rückgängig machen oder wenigstens kompensieren möchte, ebenso. Allerdings ist kaum einzusehen, warum europäische Staaten heute den russischen Großmachtträumen eines Putin willfährig und verständnisvoll gegenüber stehen sollten. Das Gegenteil sollte der Fall sein, nämlich die politische Verpflichtung, die Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und territoriale Integrität aller europäischen Staaten zu schützen. Hier hat Russland mit der Besetzung der Krim und dem geheimen, aber offensichtlichen Krieg gegen die Ukraine einen fatalen Präzedenzfall geschaffen (nicht ganz vergleichbar mit Georgien / Abchasien). Hierauf nicht zu reagieren wäre politisch fahrlässig. [Nebenbemerkung: Über diese neue Form verdeckter Kriegsführung wäre als eine wiederum veränderte Weise asymmetrischer Kriegführung noch einiges an Fakten zu erheben und analytisch zu bewerten: eine Aufgabe für die Historiker / Zeitgeschichtler. Konkrete politische Frage: Ist ein solcher verdeckter Krieg „Grüner Männer“ auch ein Anwendungsfall der NATO-Beistandsverpflichtung, wie sich insbesondere die baltischen Staaten mit russischen Bevölkerungsanteil besorgt fragen?]

Kein  Appeasement

Das stereotype Werben um „Verständnis für Putin“ hat für mich einen schalen Beigeschmack. Natürlich gibt es bei Konflikten immer mindestens zwei Seiten, und man tut gut daran, alle Seiten zu hören und dann zu urteilen. Auch „der Westen“ (merkwürdig pauschal) hat gewiss Anteile an der Kette von Ursachen, die zum jetzigen heißen Konflikt im Osten der Ukraine geführt haben. Von Schuld möchte ich dabei nicht reden. Diese Zuordnung passt vielleicht besser auf den früheren ukrainischen Präsidenten und Oligarchen Janukowitsch, der mit seinem Machtpoker zwischen Ost und West wirtschaftlich gewinnen wollte (vor allem persönlich), und am Ende alles verloren hat – und dabei das Land Ukraine in einen Strudel der Gewalt und der Instabilität gerissen hat: Der „Rechte Sektor“ in Kiew ist keine Phantasie, und die von Russland unterstützten Separatisten sind es auch nicht. Die Länder der EU und der USA trügen allerdings dann eine Schuld, wenn sie nicht historischer Parallelen eingedenk wären. Bei manchen Äußerungen von Seipel und Pleitgen (und anderer auf Stern oder Spiegel online) stelle ich mir vor, sie hätten genau so 1938 bei der Sudetenkrise und vor dem Münchner Abkommen fallen können: Man müsse ja für das Deutsche Reich Verständnis haben, der Versailler Vertrag 1919 sei zu hart gewesen und für Deutsche eine kaum zu akzeptierende Schmach und Verletzung ihres nationalen Stolzes, und im Sudetenland lebten ja nun einmal Deutsche, also seien die nationalen Forderungen Hitlers ja nicht ganz unberechtigt, und wenn man auf diese Weise deutsche Ansprüche befriedigen und weiteres Unheil von Europa, einen Krieg also, abwenden könne, dann in Gottes Namen… Und so schloss man das Münchner Abkommen. Chamberlains Politik vor allem wurde aufgrund dieser Denk- und Handlungsweise als „appeasement“ verurteilt: die anscheinend widerstandslose Hinnahme eines diktatorischen Machtanspruchs.

2014 ist nicht 1938, und direkt vergleichbare Akteure mit 1938 gibt es auch nicht. Es gibt aber Parallelen, die nachdenklich machen. Offensichtlicher Bruch des Völkerrechts im Falle der Annektion der Krim (die Volksabstimmung auf der Krim würde keine internationale Organisation als frei und fair anerkennen) und die verdeckte russische Intervention im Donbass und womöglich auch in der Region Mariupol sind eine gewaltsame Änderung von Grenzen und die Durchsetzung von Machtansprüchen Russlands, die allein auf dem „Recht des Stärkeren“ beruhen. Wenn Europa und Amerika dies dulden und nach einigen Protesten hinnehmen würden, wäre das der Bankrott der Politik – und der Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit gegenüber den jungen NATO-Partnern an Russlands Grenzen. Es wäre auch die Hinnahme der Bedrohung unserer eigenen Sicherheit, denn wo sollten die neoimperialen Ansprüche Putin-Russlands enden? wiederum an der Elbe? Ein wenig historisches Bewusstsein sollten auch die Länder Westeuropas aufbringen. Freiheit und Unabhängigkeit wurden noch nie für längere Zeiträume geschenkt. Sie muss immer wieder innerlich anerkannt, nach außen bewahrt und falls notwendig auch erstritten werden. Ein Krieg (wie jetzt in der Ukraine) hat niemals eine „ratio“, nur Macht hat sie. Damit in Europa der Krieg nicht wieder zur „ultima ratio“ werde, sollte Rechtsbruch nicht beschönigt und Aggression nicht verständnisvoll abgenickt werden, sondern es sollte politisch entschieden und entschlossen und einig gehandelt werden. Die anderen Fragen nach Ursachen, Gründen, Motiven mögen dann später die Historiker klären.

 

Update 11.09.2014

Ein sehr engagierter und im Grunde nüchtern-realistischeer Kommentar zum antiwestlichen Ressentiment in der deutschen publizistischen Öffentlichkeit von Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ.

 10. September 2014  Posted by at 18:02 Allgemein Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Geschichte à la carte
Jan 302014
 

[Geschichte]

Es ist offenbar gut, dass unsere Wahrnehmung und unser Verstand auf die Gegenwart und auf die allernächste Zukunft ausgerichtet sind. Das hat sich zum Überleben als das Wichtigste erwiesen. Dennoch ist der Mensch auch in der Lage, einen Zukunftsentwurf seines Lebens zu machen und Pläne zu schmieden, sich überhaupt die Zukunft vorzustellen, mal ganz abgesehen von der Wahrscheinlichkeit der Realisierung. Möglicherweise ist dies sogar etwas, was Menschen von intelligenten Tieren unterscheidet. Zugleich pflegen wir unsere Erinnerungen, betrachten wir die Vergangenheit und erforschen die Geschichte. Sich um Herkunft und Zukunft zu kümmern, erscheint uns zumindest persönlich als ganz natürlich.

Wenn es um politische Geschichte geht, ist Erinnerung fast stets von einem Zweck in der Gegenwart bestimmt. „Nie wieder Krieg“, „den Holocaust als beispielloses Verbrechen niemals vergessen“ sind solche Topoi, deren Motivation in der Gegenwart liegt und die aktuelles politisches Handeln prägen und begründen sollen. Ob damit eine wirklich genaue Ursachenforschung und Klärung der Entstehungsbedingungen vergangener Ereignisse verbunden ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ob man also aus geschichtlichen Ereignissen und „Tatsachen“ wirklich lernen will und kann, ist eine offene Frage. Schon das Feststellen dessen, was denn „Tatsache“ war, ist eine Frage heutigen Standpunktes und gegenwärtiger Interessen (darum die Anführungszeichen). Insofern ist Geschichte immer auch eine Konstruktion.

Dennoch scheint es umso wichtiger zu sein, geschichtliche Ereignisse möglichst nüchtern zu klären und zu betrachten, je weiter sie entfernt sind und je mehr sich mögliche Parallelen zur Jetztzeit aufdrängen. Die zunehmende zeitliche Entfernung sichert das Zurücktreten heutiger Interessen bei der Untersuchung geschichtlicher Ereignisse, zugleich zeigt sich jeweils die Besonderheit und Einmaligkeit einer geschichtlichen Situation, die direkte Parallelisierung verbietet. Aber Linien und Typen des Verhaltens können sich sehr wohl ausmachen lassen, die dann für die Gegenwart Gewicht bekommen können.

Und noch eines leisten geschichtliche Untersuchungen: Sie können die Auffassung jeder Gegenwart relativieren, so gut / schlecht / gefährlich / hoffnungsvoll wie heute sei es noch nie zuvor gewesen. Das gilt sowohl für die politische wie für die kulturelle Geschichte insgesamt. Es gilt dabei, aus der jeweiligen Aktualität geborene Legenden aufzuarbeiten (und zu widerlegen) und eine Wahrnehmung für größere Zusammenhänge zu entwickeln, die sich erst mit der Zeit deutlicher zeigen. Einhundert Jahre sind einerseits viel, auf historische Epochen gesehen jedoch noch ein kürzerer Zeitraum. Dennoch ist ein rundes Datum wie das des kontinentalen Kriegsbeginns im August 1914 ein guter Anlass, sich sowohl über den heutigen Stand der historischen Forschung als auch über mögliche „Lehren“ oder besser Parallelen zu späteren Ereignissen oder gar zu Heute aufklären zu lassen.

In einem Interview mit dem Berliner Politikwissenschaftler und Kriegsforscher Herfried Münkler (Andreas Kilb in der FAZ vom 28.01.2014) über Ursachen und Zusammenhänge des Ersten Weltkriegs fand ich folgende Ausführung:

In Ihrem Buch bezeichnen sie den Ersten Weltkrieg sowohl als Kompendium für all das, was man in einem Krieg falsch machen kann, als auch als Laboratorium des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts. Kann man beides zusammendenken?

Ein Laboratorium ist dieser Krieg, wenn ich ihn über die vier Jahre hinweg mit Blick auf seine technischen Errungenschaften betrachte. Ein Kompendium ist er, wenn ich ihn rückschauend analysiere. Was wir aus ihm zu lernen haben, ist, dass Fritz Fischers These von der deutschen Allein- oder Hauptschuld ihre geschichtspolitische Berechtigung gehabt haben mag, diese Sicht inzwischen aber auch geschichtspolitisch falsch ist, weil sie von dem eigentlichen Lernergebnis ablenkt. Die wilhelminische Gesellschaft ist in ihrer politischen Naivität in mancher Hinsicht vergleichbar mit bestimmten Gruppierungen der heutigen bundesdeutschen Gesellschaft, die nicht bereit sind, sich den Paradoxien der Politik zu stellen. Man hält die Reinheit der Gesinnung, die Aufrichtigkeit, die Gutherzigkeit der Absichten teilweise wieder für den Schlüssel zum richtigen politischen Handeln und ist nicht bereit, vom Ende her zu denken. Man kann den Ersten Weltkrieg als Verkettung von Fehleinschätzungen, Missgriffen, Illusionen und gutgemeinten Irrtümern denken. Das meine ich mit Kompendium: ein Lehr- und Warnstück gegen eine Politik, die glaubt, durch Aufrichtigkeit und Gutherzigkeit werde schon alles gut werden.

Das bringt mich zu Überlegungen über die konkrete Bedeutung von Geschichte, insbesondere politischer Geschichte, Gegenwartsverantwortung und Zukunftserwartung. Münkler legt den Finger in eine Problemstelle unserer politischen (netz-) öffentlichen Diskussionen, sich lieber an Illusionen als an Realitäten zu halten. Die öffentlich kultivierte „Gesinnungsethik“ (Max Weber) verbunden mit einer möglichst korrekten „Erinnerungskultur“ tragen mehr zur Legendenbildung als zur Aufklärung bei. Münklers Hinweis auf die vergleichbare „Naivität“ der Wilhelminischen und unserer heutigen Gesellschaft lässt aufmerken. Gut gemeint ist selten gut gedacht und niemals gut gemacht – oder das Bonmot „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“. Demnach wäre ein großer Teil der öffentlichen Diskussionen, Aufgeregtheiten und Betroffenheiten wohl faktisch nicht „gut“, weil nur „gut gemeint“.

Oberste Heeresleitung 1918 in Avesnes (Wikimedia)

Oberste Heeresleitung 1918 in Avesnes (Wikimedia)

Wenn die Fragen militärischer Fähigkeiten und Ausrüstung, weltpolitischer (Macht-) Instrumente und wirtschaftlicher Interessen einschließlich der Energiepolitik zu Fragen des persönlichen Bekenntnisses und der reinen Gesinnung werden, dann hat sich die „Politik als Kunst des Möglichen“ (Bismarck), also Pragmatismus (Böll) und Realpolitik, längst verabschiedet. Das tut weder uns Deutschen in der Mitte Europas noch unserer politischen Debattenkultur im Lande gut – von kluger Regierungspolitik ganz zu schweigen. Den Unterschied markierte der sonst so beliebte und geschätzte Altkanzler Helmut Schmidt, als er angesichts der Aufregungen über die Überwachungstätigkeiten der Geheimdienste dazu mahnte, gelassen zu bleiben und mit den Realitäten zu leben. Das wurde in der (Netz-) Öffentlichkeit nicht so goutiert.

Ein paar grundsätzliche Dinge werden gern außer Acht gelassen. Nationalstaaten, wie wir sie kennen, sind eine neuzeitliche Erscheinung, die wohl kaum Ewigkeitswert hat. Die Redeweise von „failed states“ zeigt unser Unvermögen, mit nicht-staatlichen Konglomerationen umzugehen. Supranationale Großmächte (Russland, China, Indien) haben von ihren „Nationalitäten“ sowieso etwas andere Vorstellungen. Die EU ist dabei ein modernes Gebilde ganz eigener Art, und wahrscheinlich deshalb so angreifbar und (derzeit) unbeliebt, aber wahrscheinlich das interessanteste staatliche Projekt neuerer Art. Ob es Bestand hat, wird sich zeigen. Denn auch Grenzen und Hoheitsgebiete sind nicht unveränderlich. Bislang wurden und werden Grenzen meist gewaltsam verändert (Kriege). Eine große Ausnahme davon war die osteuropäische Neugestaltung nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Welche Transformationen der Staatlichkeit in Zukunft möglich sind und welche Rolle dabei die wirtschaftlichen und technischen Eliten spielen werden, ist nicht absehbar.

Das ist der zweite Hinweis, der mir immer wieder einfällt: Uns scheint heute oft die Bewältigung der Zukunftsfragen eine rein technologische zu sein, unabhängig davon ob es sich dabei um die umfassende Vernetzung („Internet der Dinge“) einschließlich der Kontrolle und Macht über die Daten handelt, oder ob es um Energiegewinnung, Mobilität, Gesundheit und Ernährung geht. Dagegen zeigt sich immer deutlicher, dass ein gut Teil unserer heutigen Weltprobleme (Klima, Armut, Fehlernährung) mit der industriellen Produktions- und globalen Wirtschaftsweise zu tun haben. Natürlich gibt es auch den Segen technischer Errungenschaften. Aber Technik und Ökonomie bleiben äußerst zwiespältig in ihren globalen und (in)humanen Auswirkungen. Schon deswegen bleibt Nüchternheit und Gelassenheit angesagt, sowohl gegenüber geschichtlichen Verklärungen oder „Erinnerungskulturen“ als auch gegenüber allzu großen Hoffnungen auf die Lösung aller Nöte durch entsprechende Technologien.

Sogar die USA werden als Großmacht nicht ewig bestehen, obwohl das der frühere US-Botschafter Kornblum jüngst bei Günter Jauch (ironisch) meinte. Das Spannendste in der Geschichte (und beim Interesse an der Geschichte) ist die ungeheure Dynamik ständiger Veränderungen. Ein Menschenleben ist für die Wahrnehmung solcher Veränderungen viel zu kurz. Wer allerdings seinen Enkelkindern heute erzählt, ihre Urgroßeltern hätten in ihrer Jugend weder Autos noch Fernreisen noch gar TV, Handys oder Internet gekannt, wird ungläubiges Staunen ernten. Geschichte und Geschichtsbewusstsein gehören zum wichtigsten Reservoir kulturellen Wissens. Wenn wir heute oft Geschichte vergessen oder bloß ausschnittsweise für unsere aktuellen Zwecke einspannen, ist das ein Zeichen für Arroganz gegenüber früherer Wirklichkeit und ein Verkennen der Relativität von Menschen, Mächten und Gestalten.

Geschichte wiederholt sich nie, nicht weil man so gut aus ihr lernt, sondern eher im Gegenteil: Weil sich die Ausgangsbedingungen stetig ändern und man zu wenig beachtet, dass der Mensch dahinter – derselbe bleibt. Streben nach Macht und Glück, – Hoffnungen, Illusionen, Enttäuschungen, Überheblichkeit und Vorurteile sind immer wieder die entscheidenden Triebkräfte für geschichtliche Veränderungen. Darum ist es wohl sehr angemessen, im aktuellen Falle den Ersten Weltkrieg mit Münkler als Kompendium menschlichen Verhaltens und Lehrstück der Geschichte zu begreifen.

 30. Januar 2014  Posted by at 15:30 Europa, Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , ,  1 Response »
Mrz 032013
 

Kaum ist man ein paar Tage weg, schon tritt der Papst zurück. Sollte ich öfter verreisen?- Anyway. Anlässlich des Machtwechsels in der katholischen Kirche gerät das Christentum für einen Moment in den medialen Fokus. Ein guter Zeitpunkt, einige immer wieder geäußerte Irrtümer über das Christentum aufzuklären. Manche dieser Irrtümer sind derart verbreitet, dass sie sogar von den Kritikern der Kirchen geteilt werden. Mit „Irrtümern“ meine ich nicht die christlichen Glaubensinhalte, denn die sind eben eine Sache des Glaubens und nicht des Wissens. Ein Glaube kann darum nicht eigentlich „irren“. „Irrglaube“ ist ein Widerspruch in sich, wird aber gerne als Begriff zur Denunziation von Gegnern der jeweiligen Glaubensrichtung benutzt. Mir geht es um die Dinge, die historisch gut belegt sind und deren Tatsächlichkeit aufklärbar ist.

Ein erster, sehr genereller Irrtum ist die Aussage, es gäbe „das Christentum“.  Es gibt dagegen sehr verschiedene Spielarten einer Glaubensrichtung, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf einen „Christus“ beruft, an den sich bestimmte Glaubensinhalte heften. In den Hauptrichtungen des „Christentums“ findet sich zwar eine recht große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten, aber die Menge der Unterschiede ist von erheblicher Größe. Je nachdem man nur auf Glaubensformeln oder auch auf Traditionen, Lebensweisen und innerreligiöse Machtverhältnisse abhebt, können diese Unterschiede eher größer als die Menge der Gemeinsamkeiten sein. Dies gilt schon für die Hauptströmungen (siehe unten) der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen („Kirchen“), erst recht für die viel zahlreicheren Nebenströmungen (siehe unten) der „erwecklichen“, „pfingstlerischen“, rigoristisch-ethischen oder neo-gnostischen bzw. dualistischen Ausprägungen des Christentums. Das, was wir im Allgemeinen „Christentum“ nennen, war von Anfang an ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher religiöser Glaubensformen mit einigen gemeinsamen Bezugspunkten („Christus“, „Offenbarung“).

Die üblich gewordene Redeweise von „Kirchenspaltungen“ ist eine sehr tendenziöse Ausdrucksweise jeweils aus der Sicht derer, die sich als die einzig richtige, darum „rechtgläubige“ Hauptrichtung verstehen. Die von mir verwandten Begriffe „Haupt- bzw. Nebenströmung“ beziehen sich ausschließlich auf die geschichtliche Ausprägung von quantitativ unterschiedlich zu gewichtenden Glaubensformen des Christlichen, unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis, die allein „rechtgläubige“ und darum legitime Verkörperung des Christentum zu sein. Denn dieses Selbstverständnis haben alle Strömungen des Christentums, gerade auch ohne Berücksichtigung der zahlenmäßigen Größe: Auch die kleinsten Gruppen können sich zu den „einzig wahren“ Christen radikalisieren. Die Unterscheidung „Haupt-“ und „Neben-“ trägt also nur der historischen Faktizität Rechnung, dass es zahlenmäßig besonders bedeutsame Gruppierungen gibt, die sich gegeneinander als „allumfassend“ (=katholisch), als „rechtgläubig“ (=orthodox) oder als „evangelisch“ (= dem Evangelium gemäß) verstehen. „Reformatorisch“ oder „protestantisch“ sind dagegen Selbstbezeichnungen bestimmter abendländischer „Kirchen“, die auf die Interpretation ihrer Entstehungsgeschichte („Reformbewegung“) oder auf bestimmte historische Fakten (Reichstags-Protest) abheben.

Dieser mainstream des Christentums hat sich aber keineswegs, wie stets behauptet, als die „wahre Kirche“ aufgrund ihrer „Wahrheit“ durchgesetzt, sondern vielmehr unter jeweils sehr unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen aufgrund von sehr konkreten Machtverhältnissen, Machtansprüchen oder Koalitionen mit den jeweils Mächtigen. Damit ist zugleich das weite Feld äußerst verwickelter Interessenkollisionen und / oder -koalitionen unter den jeweiligen kulturellen und politischen Machtverhältnissen angesprochen. Die Christen haben das auch oft genug offen zugegeben, diese Tatsachen aber religiös uminterpretiert durch die schon dem „Kirchenvater“ Augustin zugeschriebene Formel „confusione hominum, Dei providentia“, das heißt „trotz Irrtümer der Menschen durch Gottes Vorsehung (geschehen)“. Die „Vorsehung“ war dann stets auf der Seite der siegreichen Partei. Dass sich die genannten drei Hauptströmungen des Christentums durchgesetzt haben, hat also mit sehr konkreten „Verbandelungen“ mit den Interessen der jeweils Mächtigen zu tun und zum geringsten Teil mit dem vermeintlichen „Wahrheitsanspruch“. Immerhin war der noch heute allgegenwärtige Augustin zu seiner Zeit ein recht umstrittener und als eigensinnig verschriener Bischof (siehe Kurt Flasch, Augustin). Die geschichtlichen Bedingungen der Durchsetzbarkeit der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen waren sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber die Übereinstimmung mit den Herrschenden bzw. einer Gruppe von Herrschenden zu ihrer Zeit. Geschichtsmächtig wurde also das, was in der Geschichte die Macht auf seiner Seite hatte. Das gilt nicht nur für die Ausformungen der christlichen Religion(en), aber für diese ganz bestimmt.

Im Interessenkonflikt von Macht und Politik haben sich nicht nur organisatorische Strukturen (Cäsaropapismus, Vorrang des römischen Bischofs als „Papst“, der Sum-Episkopat der Fürsten) der heute verbreiteten christlichen „Kirchen“ durchgesetzt, sondern de facto auch ihre Glaubenslehren. Das beginnt bei dem oft zitierten gemeinsamen „Glaubensbestand“ der altkirchlichen „ökumenischen Konzilien“ immerhin mit den zentralen Dogmen der Trinität und der „tatsächlichen“ Gottessohnschaft des Christus, setzt sich in dem sich während des Mittelalters herausbildenden Machtprimat des römischen Papstes (nicht nur eines „Ehrenprimats“) fort und findet unter dem russisch-orthodoxen „revival“ unter Jelzin – Putin noch lange nicht sein Ende. Die derzeit anstehende Papstwahl in Rom ist in erster Linie mitnichten ein „geistliches“, d.h. spirituelles Ereignis, sondern eines von extremer machtpolitischer Relevanz. Liest man dazu die derzeit einschlägigen Berichte, dann gibt es im Vatikan wieder einmal ein großes Hauen und Stechen, Tricksen und Treten. Genau dies hat über Jahrhunderte Tradition – und führte nicht zuletzt zu langjährigen Doppel- ja Dreifach-Päpsten. Der Vatikan setzt nur auf die Vergesslichkeit der Gläubigen – und auf eine perfekt inszenierte „Heiligkeit“. De facto verbirgt sich im römischen Katholizismus ein heute fast unglaublicher machismo , ein Kampf alter Männer um die Macht innerhalb und außerhalb der „Kirche“ (Finanzwelt). Ähnliches ließe sich für die orthodoxen Gruppen zeigen, die stets einen Hang zu den Mächtigen hatten, ob es nun Russen, Serben oder Griechen während der Militärdiktatur waren bzw. sind.

Will man erkennen, was sich sonst noch alles unter dem Sammelbegriff „Christentum“ an interessanten und kuriosen Blüten finden lässt, dann muss man sich denjenigen Gruppen zuwenden, die von den machtvollen Hauptvertretern des Christentums als „Sekten“ oder „Ketzer“ diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch dies begann gleich von Beginn dessen an, was wir Christentum nennen. Schon in der „Bibel“, dem energisch formierten Erfolgsbuch der Mehrheitschristen, lassen sich Spuren ernster Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen (Pauliner, Petriner, Jakobus-Anhänger, Johannes-Christen) finden. Das setzt sich fort mit den Gnostikern, den Thomaschristen, den Apokalyptikern, den Arianern, den Marcioniten, den Manichäern, den Miaphysiten, den – springen wir über die Jahrhunderte, weil die Liste sonst zu lang würde – den Katharern (aus denen eben die „Ketzer“ wurden), den Averroisten, den Armutschristen, – und wieder später den Mennoniten, den Adventisten, den Mormonen, den Waldensern, den vielen Alt-, Neu-, Frei-Kirchen. Ein Buch über das Christentum müsste all diese Bewegungen und Glaubensrichtungen mit im Blick haben, wenn man die religiöse Breite dessen darstellen will, was sich unter dem Dach „Christentum“ finden lässt. Die Konzentration auf die „geschichtsmächtig“ gewordenen Hauptströmungen ist durch nichts anderes als durch eine machtpolitische Perspektive der Kirchenhistoriker bedingte, interessegeleitete Verengung, Zuspitzung, Auswahl.

Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Zeitgenossen, das Christentum nur aus dem Blickwinkel der großen Kirchen zu betrachten. Diese legen es allerdings gerade darauf an und prägen auf diese Weise noch Blickwinkel und Zugangswege auch der Kritiker. Christentum ist weit mehr als seine Machtorganisationen und Hauptströmungen. Eigentlich ist die interessanteste Geschichte des „Christentums“ seine „Ketzergeschichte“. Aber auch die sogenannten Ketzer sind keineswegs „die Guten“, sind ebenso selbstgerecht und unduldsam, eigensinnig und rechthaberisch („wahre Kirche“) wie der mainstream. Aber oftmals finden sich bei ihnen verschüttete Gedanken und Impulse, die sich mit entsprechenden Erfahrungen anderer Religionsformen als der christlichen berühren, überschneiden, befruchten und so die Vielfalt religiöser Ausdrucks- und Lebensformen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen.

Es gibt nicht die „wahre Religion“, auch nicht diejenige (humanistische) Religion aus Lessings „Ringparabel“. Der Wahrheitsanspruch ist schon der verkehrte Weg. Ob dieser exklusive und gewalttätige Wahrheitsanspruch erst durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, wie eine interessante These behauptet (Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung), oder ob das Rechthabenwollen („Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“) doch mehr zum Fundament des Menschlichen gehört, kann dahin gestellt bleiben. Religion als ein eigenständiger Bereich des Menschlichen kann das Leben des Einzelnen bereichern und erfüllen, kann auch Sinn und Hoffnung vermitteln, kann Impulse zu solidarischem Handeln geben, überhaupt Verantwortung und Gemeinschaft stiften. Darum sollte man Religionen, auch das „Christentum“, eben nicht nur kirchenhistorisch (dominante Sicht der Mehrheit) und auch nicht nur religionshistorisch, (verengt auf eine religiöse Geschichte ohne ihre Interessen an Macht, Geld und  Einfluss) betrachten, sondern allgemein kulturgeschichtlich, soziologisch, psychologisch, sozialgeschichtlich mit all den dort zur Verfügung stehenden Methoden und Modellen.

Bischöfe

Ein letzter Irrtum als aktuelle Zuspitzung. Wenn in Rom ein neuer Papst gewählt wird, so geht es um handfeste Machtpolitik, auch wenn viele Katholiken kindlich von einem neuen „heiligen Vater“ träumen. Die Machtstrukturen der römischen Kirche erfordern deren Selbsterhalt, und sei es um des Selbsterhaltes willen: wegen der Privilegien, der Finanzströme, der Abhängigkeiten, der „Leichen“ und Skandale, die unter Verschluss gehalten werden müssen. Damit steht diese „Weltkirche“ tatsächlich repräsentativ für das offizielle „Christentum“ da: Das Christentum ist die geschichtlich vielleicht wirkungsvollste religiöse Form politischer Macht – und die politische Form religiöser Macht überhaupt. Da ist der theokratische Islam im Iran oder in Saudi Arabien nur ein schwacher Abklatsch, wie überhaupt der Islam vom Christentum machtpolitisch viel gelernt hat. Mag einem manche Struktur überholt, „von gestern“ und im Niedergang begriffen erscheinen, so sollte man die Virulenz der „alten Männer“, ihrer Dogmen und Herrschaft über die „Seelen“ nicht unterschätzen. Christentum ist geschichtliche Gestalt gewordene institutionelle religiöse Macht in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Sie teilt mit aller Macht und allen Mächtigen die Fähigkeit, sich in eigenem Interessen zu wandeln, zu transformieren, selbst unter dem Deckmantel der Tradition. Genau diese Fähigkeit hat den tatsächlichen Erfolg des Christentums begründet. In dieses Schema muss und wird auch der neue „Papst“ passen.

 3. März 2013  Posted by at 12:44 Geschichte, Kirchen, Kultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Irrtümer des Christentums
Feb 222013
 

Der Senat tritt im Capitol zusammen, um eine Gesetzesvorlage zu beraten. Senat? Capitol? Gesetze? Klar, Washington, US – Politik. Oder doch Rom, zum Beispiel im Jahr 79 v.u.Z.? Und der Regierungschef hieß nicht Obama, sondern Sulla? Allerdings hielt auch dieser eine Rede von der Art „State of the Union“ und zog sich dann auf seinen Landsitz zurück. Sullas „Camp David“ lag in Puteoli. Worin besteht die Gemeinsamkeit, oder sind es nur die zufällig gleichen Namen? Nein, zufällig ist hier nichts. Namen sind Programm. Und die Gemeinsamkeiten gehen weit über diese Namen hinaus. Wenn man in Washington auf die Architektur der Regierungsgebäude blickt, kommt einem fast zwangsläufig Rom in den Sinn, – anders natürlich, irgendwie „neo-klassizistisch“. Auch da wird ein Anspruch deutlich: Ein Imperium, das neue Rom. Das aber wollten schon viele sein: Byzanz, Alexandria, Moskau…

Bei aller Faszination, die solche Vergleiche ausüben und die darum immer wieder angestellt werden, ist doch große Vorsicht geboten. Über zweitausend Jahre Zeitunterschied sind kein Pappenstiel, der „garstige Graben der Geschichte“ ist nicht einfach feuilletonistisch zu überfliegen. Dennoch kann man natürlich Linien aufzeigen, die sich über die Zeiten hinweg, wenn auch gebrochen, durchgehalten haben, Einflüsse, Auswirkungen, Fernwirkungen, Übereinstimmungen und Abgrenzungen, bewusst oder unbewusst. Umgekehrt gilt auch, dass immer wieder versucht wurde, an „Rom“ anzuknüpfen und das „neue Rom“ zu sein, und sei es auch nur religiös, „Rom“ als Mittelpunkt einer Weltkirche. Das Römische Reich als Republik, als Kaiserreich, als Militärdiktatur, bis hin zu seinem Niedergang, hat immer wieder als (vermeintliche) Vorlage gedient, um jeweils aktuelle Interessen und Ansprüche „historisch“ zu legitimieren. Und wenn US-Senatoren einen US-Präsidenten an der Leine des „Filibusters“ zappeln lassen, so werden auch darin uralte Konfliktmechanismen zwischen einem gleichnamigen Kollegial- und dem Exekutivorgan sichtbar.

Maccari-Cicero-Senate

Römischer Senat (Maccari – Wikipedia)

Vom „Imperium Romanum“ haben wir noch viel mehr geerbt als das Capitol, den Senat und den imperialen Anspruch „Roms“. Auch die „Republik“ (res publica) kommt aus der römisch-lateinischen Tradition, wohingegen die Demokratie auf ihre Ursprünge in der griechischen Polis verweist. Die Unterscheidung von öffentlich und privat kommt aus dem römischen Recht, auch die Zivilgesellschaft ist ein Erbe der römischen „civitas“, des „civis romanus“. Der römische Bürger, welch Privileg, ist allein Teilhaber der römischen Civitas und lebt soziokulturell im Raum dessen, was man später mit „romanitas“, Romanität, bezeichnet hat. Beiläufig habe ich eben das römische Recht erwähnt, das noch in unserer Zeit eine wesentliche Rechtsquelle des Bürgerlichen Gesetzbuches darstellt. Nicht zufällig ist darin so viel von Eigentum, Besitz und der Unterscheidung dieser beiden Begriffe die Rede.

Sozialgeschichtliche Studien sind faszinierend, insbesondere zum Römischen Reich. Man lernt dabei nicht nur die Ursprünge des „Populismus“ kennen, sondern auch des „Plebejers“ und sogar des „Proleten“: Der „proles“ hatte nämlich nichts an Besitz als nur seine Nachkommen, die Kinder. Marxistische Geschichtsschreibung hat darum immer wieder versucht, die Sozialgeschichte Roms als die Ursprünge einer Klassengesellschaft zu beschreiben. Das mag einen nicht unbedingt überzeugen, aber dieser Nachdruck, der in dieser weltanschaulichen Betrachtung auf die Sozialgeschichte gelegt wurde, hat doch sehr viel Erhellendes und Wichtiges angestoßen und zu Tage gebracht. Schaut man heute auf die durchaus aktuelle Literatur zur Sozialgeschichte des Römischen Reiches, so kann man damit bzw. mit den zahlreichen Einzelstudien Bibliotheken füllen. Wer die Mühe nicht scheut, das umfangreiche deutschsprachige Standardwerk von Géza Alföldy (G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, 4. Aufl. 2011) zu lesen, wird reich belohnt. Es erschließt sehr anschaulich einen großen Teil der sozialen Wirklichkeit des Römischen Reiches.

Die Verführung, Verbindungen zur Jetztzeit zu ziehen und entsprechende Vergleiche anzustellen, ist groß. Tut man dies mit der gebotenen Vorsicht, eben nicht vorschnell Ungleiches gleich zu setzen, so eröffnen sich vielfältige Perspektiven auf unsere politischen Wirklichkeiten, die zeigen, dass Vieles gar nicht so neu ist, dass es tatsächlich vergleichbare Strukturen und Verhaltensweisen gibt über die Jahrtausende hinweg. Vor allem im Blick auf den Umgang mit Macht lässt sich viel Erkenntnis gewinnen. Hier fällt das Gleichartige besonders in die Augen. Was zu Beginn der Renaissance Niccolò Macchiavelli in seinem „Il Principe“ auf den Begriff gebracht hat, galt schon Jahrhunderte vorher – und gilt offenbar ebenso Jahrhunderte nach ihm. Es gibt offenbar so etwas wie Grundstrukturen des Umgangs der Menschen mit Macht und Gewalt, die sich trotz Humanismus und Aufklärung kaum geändert haben. Wen das erschreckt, der hat sich offenbar bisher über die Grundstrukturen des Menschlichen getäuscht. Jedenfalls gibt es keinen Anlass, erst das 20. Jahrhundert als das „Jahrhundert der Gewaltexzesse“ zu kennzeichnen. Massive Gewalt zur Durchsetzung von Macht ist offenbar zu allen Zeiten erste Wahl derer, die herrschen (wollen).

Öffentlichkeit, Demokratie, bürgerschaftliche Diskurse, Zivilgesellschaft, Kommunikation durch neue Medien – auch dies ist als Gegengewicht gegen die Gewalt der Mächtigen stets in irgend einer Form da gewesen, heute hoffentlich kraftvoller als früher. „Hoffentlich“, schreibe ich, denn sicher bin ich mir da keineswegs. Die römische Gesellschaft baute auf Besitz, auf Grundbesitz, und schon damals floß Geld zu Geld. Auch heute noch ist „Grundbesitz“ eine wesentliche Ressource des Reichtums, wenn auch nicht die einzige und auch nicht mehr in Form „preußischer Junker“, sondern als BHP, Exxon und Gazprom – und all derer, die sich daran teilhabend bereichern. Wie Reichtum entsteht und bewahrt, wie er geraubt und verteidigt wird, das zeigen sozialgeschichtliche Studien mit aller Deutlichkeit. Man müsste sich dazu mehr Gedanken machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 22. Februar 2013  Posted by at 12:09 Geschichte, Politik, Rom Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Unvergleichliche Geschichte