Mai 202016
 

Das Ende der Geschichte wird proklamiert als Katastrophe oder als Paradies. Nüchterner zeigt sich, dass nichts so sicher ist wie die Veränderung. Ein pragmatisches Plädoyer für diskursive Liberalität.

Das Ende der Geschichte wurde in vergangenen Jahrhunderten oft als baldige Katastrophe erwartet. Ob es Luthers Weltuntergangsstimmung war (und das Apfelbäumchen, das er dennoch zu pflanzen gedachte) oder die düstere Gestimmtheit nach den Schrecken des dreißigjährigen Krieges – , Apokalyptiker hatten, wie schon die Bibel zeigt, zu allen Zeiten Konjunktur. Dem steht ein Zukunftsoptimismus entgegen, der das Ende aller Übel in einem baldigen paradiesischen Zustand kommen sieht. Spezifisch neuzeitlich ist es, dieses Paradies nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden und politisch machbar zu erwarten. Der Kommunismus, der Nationalsozialismus und auch die liberale Demokratie des kapitalistischen Marktes sahen bzw. sehen den glückseligen Endzustand in der klassenlosen Gesellschaft oder der auferstandenen Volksgemeinschaft oder der schrankenlosen Freiheit des Individuums und des Marktes erreichbar oder schon so gut wie erreicht. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, proklamierte der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ (1992): Die systemischen, antagonistischen Konflikte der Welt seien endgültig überwunden und aufgehoben in einer weltumspannenden liberalen Demokratie westlicher Prägung. Was er damit auch meinte, war, dass die USA als einzige verbliebene imperiale Macht ihre unbestrittene Weltherrschaft antreten konnte. Man sieht: Endzeiterwartungen stimmen niemals.

Dies ist wohl so, weil der Mensch als tätiges Subjekt seine Geschichte gestaltet. Darum gibt es gewisse Konstanten in der Kultur ebenso wie in der Geschichte, und diese liegen in der menschlichen Art (früher hätte man vielleicht gesagt: Seele) begründet: das Streben nach Macht und die Suche nach Selbstbestätigung. Das eine formt die materiellen Interessen, das andere die psychischen. „Die einen sind meist klarer als die anderen – verschwiegen werden oft beide.“ (Fritz Stern, zitiert nach FAZ.NET) Weil diese beiden Interessen tief in der menschlichen Natur verankert sind, prägen und gestalten sie bewusst oder unbewusst, willentlich oder nicht, menschliches Handeln. Diese zunächst individuelle Grundstruktur wird zwar im gesellschaftlichen Handeln vielfältig verknüpft und mit Schleifen der Rückkopplung versehen, gedämpft, verstärkt, in ein neues Konglomerat verwoben, bisweilen gar hybridisiert, aber es ist immer wieder erkennbar. Die Geschichte der Kultur und Politik des Menschen ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Helden und Opfern, von Phantasie und Leidenschaft, von Hingabe und Selbstverleugnung, von grenzenloser Hoffnung und abgrundtiefer Enttäuschung. Das tatsächliche Leben jedes Einzelnen liegt natürlich eher im gesellschaftlichen Durchschnitt, also irgendwo in der lauen Mitte mit ihrem alltäglichem Kleinklein. Man kann Geschichte „von oben“ und „von unten“ schreiben und erhält dadurch einen oft erstaunlichen Wechsel der Perspektive. Dennoch bleibt geschichtliche Entwicklung in einem ständigen Hin und Her, Auf und Ab, Wechsel und Veränderung gegenüber allen Kräften der Beharrung und Dauer. Selbst die Art der Beharrung, des Konservativen, ändert sich. Auch das erlebt man heute sehr konkret.

Es kommt hinzu, dass menschliche Geschichte, also der bewusste Raum menschlichen Handelns und Gestaltens, unwiderruflich global geworden ist. Politik ist Geopolitik, Ökologie ist global, Kultur ist multikulturell, Gesellschaft ist international verflochten, der Einzelne ist Teil eines universellen Netzes – und damit ist nicht nur das Internet gemeint. Das ist nur ein Teil der Universalisierung, seine technologische Seite. Dieser unwiderruflich globale Lebens- und Handlungsraum prägt die Seinsweise des modernen Menschen in einer fast totalitären Weise. Insofern hat vielleicht der Begriff „Anthropozän“ seine Berechtigung, allerdings weniger als evolutionsgeologischer denn als kulturgeschichtlicher Begriff: Die Welt insgesamt, der Erdenraum in seiner überall durch UTC strukturierten Zeit (GPS!) ist faktisch die gesamte ‚Drehbühne‘ menschlichen Handelns und Lebens, Leidens und Sterbens geworden. Es gibt keine unbekannten Winkel und Rückzugsräume mehr. Selbst die News aus den entferntesten Enden erreichen uns sekundenschnell, instantan. Man ist uninformiert, weil man überinformiert ist. Es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen, Systemtheoretiker konstruieren Sinn im Unsinn, und oft vermag nur die Chaostheorie ein wenig Licht ins Gewirr zu bringen wie bei den Wettervorhersagen. Dies eröffnet ganz neue Wege zur Verfolgung und Durchsetzung eigener Interessen, sei es als Einzelner, als Unternehmen, als Staat, – aber jegliches global vernetzte Handeln führt auch zu einer unübersehbaren Folge von Nebenwirkungen (collateral effects), die wiederum die Mutter aller Verschwörungstheorien sind: „Das kann doch kein Zufall sein!“ Genau darum gilt es, nüchtern all die Informationen zu erheben und zu prüfen, die einem eben zugänglich sind, und diejenigen Tatsachen zu gewichten und zu bewerten, die eingegrenzt, erkannt und bewertet werden können – samt ihren zugrundeliegenden Interessen und möglichen Konsequenzen. Nie war rationales, deliberatives Denken und Handeln so lebenswichtig wie heute – und Ideologiekritik so notwendig, wenn Liberalität überhaupt noch eine Bedeutung haben soll.

Pegida

Pegida Dresden, (c) Wikimedia

Populismus – Nationalismus – Machtpolitik – Religion

Wir erleben heute wohl nicht zufällig eine Phase der Restauration autoritärer und nationalistischer Konzepte. Das Modell westlicher freiheitlicher Demokratie verliert an Attraktivität gegenüber autoritär verfassten Gesellschaften in Russland und China. Aufstrebende Staaten wie die Türkei, Ägypten, Iran und neuerdings die Philippinen eifern diesem Modell eines ideologischen, nationalistischen Autoritarismus nach. Zugleich erstarken in den klassischen westlichen Demokratien Kräfte und Parteien, die das Etikett „populistisch“ tragen, die konservativ bis nationalistisch ausgerichtet sind und jeweils ein Ressentiment gegenüber Fremden (Mexikanern, Muslimen, Afrikanern) pflegen. Oft zeigt sich in diesen Bewegungen eine Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, nach (angeblich) traditionell geordneten Rollen und Verhältnissen, nach Abgrenzung von Fremdem und Neuem, nach ungebrochener Stärke und Selbstgenügsamkeit. Es treten doch erstaunliche Parallelen zutage in dem Auftreten des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dem Kaczynski-Regiment in Polen, Orban in Ungarn, der FPÖ in Österreich, dem Front National in Frankreich, der UKIP in Großbritannien, schließlich der AfD in Deutschland und den ‚Rechtspopulisten‘ in den Niederlanden und den skandinavischen Staaten. In der krassen Situation Griechenlands vereinen sich radikale Rechte und radikale Linke in einem historischen Regierungsbündnis – die bisher üblichen Kategorien taugen offensichtlich nicht mehr. Was eint diese in sich so diffusen und voneinander jeweils unterschiedlich national geprägten Kräfte? Vielleicht trifft auf diese Entwicklung das zu, was Fritz Stern über den Nationalsozialismus schrieb: „Die Nazis haben nicht begriffen, dass sie Teil eines historischen Prozesses waren, in dem das Ressentiment gegen die Entzauberung der Welt Zuflucht in Ekstasen der Unvernunft fand.“ (FAZ-Artikel). Da hinein passen dann sogar solche anscheinend ganz unterschiedliche Bewegungen wie der radikale Islamismus mit seinem nur scheinbar ‚mittelalterlichen‘, letztlich aber konsequent modernen Methoden des Terrorismus und der ausgrenzenden und kompromisslos ideologischen Schreckensherrschaft eines IS (oder ISIS, DAESH), Al-Kaida, Boko Haram usw. Es scheint so etwas wie ein „Ressentiment“, ein Aufbegehren, ein Aufstand nicht nur gegen die neuzeitliche „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) mittels Wiederbelebung des Religiösen zu sein, sondern Unwillen und Protest gegen eine Art von Globalisierung und Ökonomisierung (Märkte sind alles), die das Eigene, Vertraute zu nivellieren und zu rauben droht (wie vor 50 Jahren die „Kulturrevolution“ in China), die als weltgeschichtlicher, globalisierter Prozess zugleich allumfassend ist und eben so unverstanden, unbegreiflich und unbegriffen bleibt. So finden sich auch heute wieder Sterns „Ekstasen der Unvernunft“, praktisch in Aktion im Terrorismus, im religiösen Herrschaftswahn, aber auch ideologisch im schicken Eskapismus verschiedenster Verschwörungstheorien, Elitenschelte, in allerlei Spiritismus und salonfähiger Esoterik. Von den terroristischen Anschlägen abgesehen (schlimm  genug) hat es bisher noch keinen ‚großen‘ irrationalen Knall gegeben, doch niemand weiß, was sich im Südchinesischen Meer oder an der südlichen Grenze der Türkei anbahnt – von den Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegung noch ganz abgesehen. Trotz aller verfeinerten politischen und technischen Mechanismen – im Griff hat diese möglichen Entwicklungen niemand. Man kann allenfalls Tendenzen sehen und Konfliktpunkte ahnen, die sich als nicht mehr beherrschbar heraus stellen könnten. Die Zuflucht zu „Ekstasen der Unvernunft“ könnte noch ganz anders verlockend sein.

Das Irrationale findet seinen Weg zurück in die Öffentlichkeit gerade dort, wo im vermeintlichen Protest gegen eine als verzerrt erlebte repräsentative Demokratie die öffentlichen Wahrheitsansprüche selber infrage gestellt und ununterscheidbar werden. In einem Aufsatz in der NZZ hat Boris Schumatsky die „Krise der Wahrheit“ artikuliert. Als Form hybrider Kriegführung hat die Desinformation zu neuer Blüte gefunden – die sogenannten „Sozialen Medien“, also Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram usw. lassen ohnehin die Grenze zwischen Fakt und ‚Fikt‘ verschwimmen. All dies macht doch die Forderung nach einer öffentlichen, gesellschaftlichen Gegenstrategie unabweisbar. Sie kann sich kaum der Mittel der Emotionalisierung und der Simplifizierung, also der Schwarz-Weiß-Malerei bedienen, sondern ihre Devise kann nur lauten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Um den besten Weg geht es dabei. Nüchterner Realismus ist das einzige Mittel der Wahl, wenn es um die Entgegnung gegenüber neuen Ideologien und Pathologien geht. Das Verführerische in der Argumentation eines Björn Höcke ist, dass er so eloquent ‚modern‘ formuliert und den Nagel im Fleisch der Neuen Rechten genau benennt: die „versifften 68er“ (Jörg Meuthen). Diesen Anti-Eliten gilt es sich zu stellen – und sie nicht zu ignorieren. Gerade in den klassischen Medien Fernsehen und Zeitung (aber keineswegs nur dort) ist viel mehr „Faktencheck“, Hintergrundinformation und sachgerechte Diskussion zu erwarten. Das wäre zumindest der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Darüber hinaus ist die Leerstelle zu füllen, die durch das nahezu völlige Fehlen sachkundiger,  redegewandter und öffentlichkeitswirksamer Intellektueller spürbar ist. Es muss doch über die Fragen nach Glücksratgebern und Alltagspsychologie hinaus ein intellektuelles Potential vorhanden sein, das seinerseits klar Position beziehen und zugleich argumentativ die Gegenwartsprobleme aufgreifen kann. Es ist also auf einer neuen Stufe in einer veränderten Zeit und unter sich wandelnden Bedingungen das zu wünschen, was Jürgen Habermas seinerzeit „die Kraft der deliberativen Vernunft“ genannt hat. Die deliberative Liberalität der neuzeitlichen Moderne ist jedenfalls eine Errungenschaft, die nicht beim ersten (oder zweiten) Sturm aufgegeben werden sollte. Vielleicht werden ja die kommenden zwanziger Jahre die ’neuen Siebziger‘. In jedem Falle ist dabei die geopolitische und globalkulturelle Perspektive einzunehmen: Die westlichen Gesellschaften mit ihren repräsentativen Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, aber auch mit den schreienden Ungerechtigkeiten ihrer kapitalistischen Ökonomien haben wahrhaftig noch eine Aufgabe. Das Programm einer ‚westlichen‘ Reform auf Grund der neuzeitlich aufgeklärten Werte gilt es selbstbewusst zu formulieren und zukunftsgerichtet zu vertreten. Rationalität und Liberalität können sich selbst behaupten.

Jun 052014
 

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

[Kultur]

Albert Schweitzer ist kaum mehr bekannt. Dabei ist der 1965 in seiner langjährigen Wirkungsstätte Lambarene (Gabun) verstorbene Arzt, Theologe, Philosoph und Humanist eigentlich erstaunlich aktuell. Seine ethische Maxime „Ehrfurcht vor dem Leben“ prägte sein Handeln und sein Lebenswerk (siehe den Wikipedia-Artikel). Vegetarier können sich auf ihn berufen, heute vielleicht sogar die modischen Veganer. Vielleicht aber auch gerade nicht. Denn dass Schweitzer trotz einer weltumspannenden Ökologie- und Naturbewegung weitgehend in Vergessenheit geraten ist, hängt vielleicht gerade mit seiner ethischen Formulierung „Ehrfurcht vor dem Leben“ zusammen. Verantwortung für Umwelt, für nachfolgende Generationen, Erhaltung der Artenvielfalt, Sammlung und Bewahrung des natürlichen Genpools, Nachhaltigkeit – sustainability, dies Zauberwort unserer Zeit – , all das sind Stichworte unseres gewachsenen Umweltbewusstseins, wie wir sagen. Die veganische Lebensweise („nichts essen, was ein Gesicht hat“) ist nur die emotionalisierte, etwas naive oder extravagante Ausdrucksform dieser Haltung. Sie passt in die Zeit. „Ehrfurcht vor dem Leben“ – das passt allerdings überhaupt nicht mehr.

Allein schon das Wort „Ehrfurcht“. Es stammt aus einem religiösen oder höfischen Kontext. Es ist altertümlich. Es passt nicht zu dem Selbstverständnis als freie und selbstbestimmte Menschen, deren Bedürfnisse oberste Richtschnur sind. Oft ist diese Freiheit aber nur ökonomische Freiheit, und die Bedürfnisse müssen schon auch Spaß machen. Die weltweite Überwachung mag manche erschrecken und in Alarmstimmung versetzen, weil die persönliche Freiheit und Privatheit verletzt wird, aber wieder ist allenfalls das menschliche Individuum und seine Bedürfnisse und Ansprüche das Maß. Das ist keineswegs falsch, und Wachsamkeit bzw. Protest ist hier offenkundig vonnöten. Nur mit Ehrfurcht hat das alles gar nichts zu tun. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ – Protagoras, gestorben vor 2500 Jahren. Das gilt auch heute. Gestritten werden kann allenfalls darüber, welcher Mensch da gemeint ist: der ökonomische oder der kulturelle, der öffentliche oder der private, der gesellschaftliche oder der individuelle, der fromme oder der säkulare usw. Im Zweifelsfall ist es ein Querschnitt aus all diesen (und noch mehr) Aspekten. Jedenfalls ist der moderne Mensch das Maß unserer Welt, und das „nachhaltig“.

„Ehrfurcht vor dem Leben“ meint etwas recht anderes. Vielleicht trifft es das heute gebrauchte Wort „Achtsamkeit“ etwas besser, das in eine ähnliche Richtung weist. Beide Begriffe, Ehrfurcht und Achtsamkeit, sind relational, sie weisen auf etwas / jemanden anderes hin, gegenüber dem Ehrfurcht oder Achtsamkeit aufzubringen ist. Sie weisen jedenfalls vom alleinigen Maßstab Mensch weg. Während der Begriff Ehrfurcht auf etwas Größeres, Übergeordnetes hinzuweisen scheint, ist „Achtsamkeit“ nicht hierarchisch gemeint. Achtsamkeit gebührt demjenigen Er / Sie / Es, das mir wichtig ist, das ein eigenes Recht hat, das es zu beachten gilt, das auf mein Achtgeben angewiesen ist, wenn es nicht übersehen oder verloren gehen soll. Beide Begriffe scheinen mir komplementär und sehr gut geeignet zu sein, das zu beschreiben, worum es beim Nachdenken über das Leben geht.

Das Wort „Leben“ ist in diesem Zusammenhang mehrsinnig. Frage ich, worum es im Leben geht, so versteht man es allgemein so, dass da von meinem Leben die Rede ist, also worum es mir in meinem Leben geht. Vielleicht schwingt noch eine weitere Bedeutung mit, worum es nämlich im menschlichen Leben überhaupt geht. Worum es im Leben geht, fragt nicht danach, worum es im Leben der Kuh geht. Selbst Leben überhaupt wird zu allererst als menschliches Leben verstanden. Man muss zur Biologie überwechseln, wenn man einen Begriff Leben zu Gesicht bekommen will, der alles Leben umfasst. Allerdings kommt in der Naturwissenschaft sogleich der ordnende, analysierende, erklärende und instrumentelle Geist des Menschen zum Zuge und insofern auch ein Allgemeinbegriff von Leben, welcher der Einordnung („Bestimmung“), Analyse, Erklärung und zielgerichteten Instrumentalisierung  und Manipulation von Leben dient. Eigentlich ist also nicht das Leben Gegenstand der Wissenschaft Biologie und all ihrer heutigen Erweiterungen und Spezialisierungen, sondern Gegenstand sind lebendige Organismen. Das ist nochmal etwas anderes.

Grand prismatic spring

Grand prismatic spring, Yellowstone (Wikimedia)

„Ehrfurcht vor dem Leben“ meint Leben schlechthin, Leben als umfassende Weise des Existierens, des Vorhandenseins von Lebendigem im Unterschied zu Leblosem, Totem. Dieser Allgemeinbegriff von Leben schließt das individuelle Leben ein, geht aber darüber hinaus auf alles Leben, das überhaupt vorkommt und gefunden wird. Ich bin Teil dieses Lebens, darum gilt Schweitzers Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Leben will leben, heißt es hier zurecht. Leben ist kein bloßes Gegebensein, sondern Leben ist ein Prozess. Es ist kein ungeordneter, zielloser Prozess, sondern ein gerichteter. Leben hat ein Ziel: zu leben, am Leben zu bleiben, zu überleben. Leben muss sich also ständig gegenüber dem Nicht-Leben, dem Toten, behaupten. Zudem muss es sich gegenüber anderem Leben bewähren. Leben überhaupt ist, so Schweitzer, Wille zum Leben. Gibt es einen gewissermaßen natürlichen Wert des Lebens, dann ist es zuerst dieser: am Leben zu bleiben. Albert Schweitzer schreibt: „Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“ Statt Sittlichkeit würden wir heute sagen: Grundprinzip der Ethik des Lebendigen. Diese Beziehung auf das Ganze des Lebens, das mich umgreift und über mich hinaus geht, meint der Begriff Ehrfurcht. Man kann dieser Richtung der Aussagen Schweitzers durchaus heute folgen.

Das Ganze des Lebens bedarf meiner Achtsamkeit. Es ist damit zu allererst das Achten darauf gemeint, dass es neben meinem Leben noch anderes Leben gibt, dass da noch andere Menschen sind. Aber es meint ebenso sehr, dass da noch anderes Lebendiges ist, das nicht Mensch ist, das vielleicht auch keinen Zweck für den Menschen erfüllt, das einfach anders da ist als etwas Lebendiges. Genau darauf gilt es zu achten: nicht weil es mir, dem Menschen, in irgendeiner Weise dienlich ist, ich darin also irgendeinen Zweck erkennen kann, sondern einfach weil es als anderes Leben da ist und neben mir, mit mir, gegen mich und ohne mich lebt. Achtsamkeit ist besonders nach unten gerichtet, nach dem, was anfällig, hilflos, übersehen, verloren scheint. Auch Achtsamkeit hat das Ganze, den Zusammenhang, den Prozess des Lebendigen im Blick, aber mit besonderer Aufmerksamkeit für das bedrohte Leben, das an das Nicht-Leben, das Tote, verloren gehen könnte. Schweitzer hatte das ebenfalls im Blick. Insofern halte ich beide Begriffe, Ehrfurcht und Achtsamkeit, für komplementär: Ehrfurcht schaut auf den Zusammenhang des Lebendigen, sofern es mich umgreift und mir „über“ ist (vielleicht oft auch überlegen ist), Achtsamkeit schaut auf den Zusammenhang des Lebendigen, sofern es von mir übersehen wird, mir untergeordnet zu sein scheint, sofern es ohne meine Achtung jeden Wert und schließlich sein Lebendigsein verliert. Beide Begriffe überschneiden sich in dem dritten Begriff Respekt. Darum geht es, um den Respekt vor dem Leben, um das Respektieren alles Lebendigen.

Leben gab es nicht immer und gibt es nicht überall. Der Kosmos ist, soweit er uns heute außerhalb der Erde bekannt ist, leblos. Leben hat sich auf der Erde zu einer bestimmten Zeit entwickelt. Wir kennen zwar recht genau den Zeitraum, wann auf der Erde das Leben entstand (vor 3,9 – 3,5 Milliarden Jahren, also ungefähr eine Milliarde Jahre nach der Entstehung der Erde selbst), aber bis heute gibt es kein zuverlässiges Wissen darüber, wie genau das Leben entstanden ist, es gibt nur verschiedene Theorien. Als Leben bezeichnen wir das, was stofflich abgegrenzt, organisiert, auf Stoff- und Energiewechsel beruhend und sich selbst vervielfältigend, also fortpflanzend existiert. Wir kennen nur Leben auf der Basis von Kohlenstoff, eingebunden in RNS und DNA (Ribonukleinsäure und Desoxyribonukleinsäure). Unsere Kenntnisse der besonderen atomaren Struktur des Kohlenstoffs lassen es fraglich sein, ob überhaupt anderes als kohlenstoffbasiertes Leben möglich ist. Auch eine Reproduktion der Entstehung von Leben im Labor ist bisher nicht gelungen. Das ist nicht weiter erstaunlich, da der Prozess der wirklichen Entstehung von Leben noch völlig im Dunkeln liegt. Theorien allerdings gibt es manche. In den Bereich der Spekulation gehören dagegen alle Überlegungen, ob und wenn ja, unter welchen Bedingungen anderswo als auf dem Planeten Erde Leben vorhanden ist. Vieles scheint für diese Möglichkeit zu sprechen , manches aber auch gerade nicht. Es müssen nämlich schon sehr spezielle Bedingungen vorliegen. Spekulationen über außerirdisches Leben helfen solange nicht, wie nirgendwo solches Leben entdeckt ist. Bisher wurde da nichts gefunden. Es besteht also die Möglichkeit, dass es Leben nur auf dieser Erde gibt.

Die Frage der Wissenschaften, wie Leben entstehen konnte, lässt noch völlig außer Acht zu fragen, warum Leben entstanden sein könnte. Die Warum-Frage wird von der Naturwissenschaft meist abgelehnt, weil die Theorie der zufälligen Evolution aufgrund des Kausalnexus nur ein Wie, aber kein Warum und Wozu als Frage zulässt. Aber natürlich dürfen wir so fragen, wir müssen es sogar. Leben will leben, sagten wir, und da liegt die Frage ja nahe: Warum will es leben, wozu will es leben? Warum dieser Drang des Lebens, sich gegenüber dem Nicht-Leben, dem Rückfall ins Tote zu behaupten? Was zeichnet Lebendiges gegenüber unbelebter Materie aus? Ist es nicht genau diese Gerichtetheit, diese Ausrichtung auf Lebenbleiben, auf Selbsterhaltung und Weitergabe dessen, was eine konkrete Lebensform jeweils ermöglicht, des Erbgutes? Solange die Naturwissenschaft nur die Frage der Kausalität (mit allen Spielarten des Zufalls, der Determination, der Selbstorganisation, der Entropie usw.), also der Herkunft des Lebens zu erhellen sucht und die Frage der Finalität, also des Ziels, vorsichtiger gesagt, der Gerichtetheit, der Entelechie des Lebens unbeantwortet lässt, ist das Ganze des Lebens, ist der Gesamtprozess des Lebendigen noch nicht recht in den Blick genommen. Auch diese Blickrichtung der Finalität muss rational verantwortet werden und also nach wissenschaftlichen Regeln erfolgen und sollte nicht weltanschaulichen Spekulanten überlassen bleiben. Es wäre allerdings eine erweiterte Fragestellung und Begrifflichkeit der Wissenschaft notwendig, die über das eng gefasste und nahezu dogmatisch verteidigte Weltbild der heutigen Naturwissenschaften hinaus geht.

In diesem Zusammenhang ist auch das Verhältnis von Gattung und Individuum genauer zu klären. Dem allgemeinen Leben, dem Leben in freier Wildbahn sozusagen, komme es nur auf die Erhaltung der Art an, sagen die Biologen, sagen wir leichthin, um aber sofort darauf hinzuweisen, dass das bei intelligenten Lebewesen wie dem Menschen natürlich nicht mehr so gelte, denn da stehe das Individuum und sein individuelles Recht auf Leben und Unversehrtheit, eben mit den Menschenrechten auf dem Plan. Woher wissen wir das so genau, dass das Recht auf Individualität nur für Menschen gilt? Zeigen uns nicht die Verhaltensforscher sehr deutlich, wie ähnlich tierisches und menschliches Verhalten in vielerlei Hinsicht ist, besonders unter den Primaten, aber keineswegs nur dort? Warum sollte es nicht tierische Individualität mit gleichem Recht geben wie menschliche? Damit fangen die ethischen Fragen erst an. Genauso spannend wäre zu fragen: Wann und womit begann die Differenzierung zwischen Gattung, Gruppe und Einzelnem? Was ist die Intelligenz, gar die „Individualität“ der Biene oder Ameise – und kann man so überhaupt berechtigt fragen? Wie spielt die Entstehung und Bewertung von Bewusstsein, insbesondere von Selbstbewusstsein da hinein? Auch bei diesen Fragestellungen würden die Abgrenzungen sicher irgendwo konkret zu ziehen sein, aber ganz gewiss nicht zwischen Menschen und allen übrigen Lebewesen verlaufen. Es sind hier sehr viele Fragen offen, Begriffe und Sachverhalte zu klären und eine gerechtfertigte Theoriebildung zu leisten. Auch die Bewusstseinsforschung (des Lebendigen!) steht da erst am Anfang. Man sollte darauf achten, dass nicht die Prämissen so eng gefasst und die Prinzipien der Erkenntnis kategorial so zugeschnitten werden, dass nur Altbekanntes heraus kommen kann.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dieser Satz enthält viel Wahrheit. Er enthält zudem das vielleicht spannendste Programm, dem unser Wissen und Fragen sich verschreiben kann.  Genau genommen ist es die Frage nach der Gerichtetheit, der Finalität des gesamten Kosmos. Das Universum hat Leben und Bewusstsein hervorgebracht. Wozu, mit welchem möglichen Ziel? Der Satz Albert Schweitzers ist weit mehr als nur eine ethische Maxime, aber immer hin auch das. Mit Ehrfurcht vor dem Leben und Achtsamkeit, Respekt gegenüber allem Lebendigem wäre schon viel gewonnen.

Update 21.09.2014:

Gestern erschien im FAZ.NET ein sehr lesenswerter Artikel zum Thema Tierethik von Jörg Albrecht unter dem Titel „Schreien Fische stumm?“

 5. Juni 2014  Posted by at 17:18 Ethik, Kultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Leben – Ethik des Lebendigen
Dez 132012
 

Ich lese des öfteren vom Problem einer „Mensch-Technik-Dichotomie“, ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. In der Mehrzahl sind es Beiträge, die eine solche Dichotomie, also einen Gegensatz zwischen Mensch und Technik, bestreiten. Ich kenne allerdings niemanden, der einen solchen Gegensatz ernsthaft behauptet. Ein Streit um Worte, ein Kampf gegen Windmühlen? Es scheint so.

Technik ist eine Kulturleistung, und jede Kulturleistung ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man „den Menschen“ weg, verschwindet auch die Technik (spätestens wenn die Energieversorgung zusammen bricht). Hier von einer Dichotomie zu sprechen ist ebenso abwegig, wie wenn man eine Dichotomie zwischen Mensch und Musik behaupten oder bestreiten würde. Auch Musik wie alle Bereiche der Kultur ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man den Menschen weg, ist auch die Musik verschwunden. Zurück bleiben allenfalls Töne.

Bisweilen habe ich den Eindruck, manche wenden sich deswegen so energisch gegen eine „Mensch-Technik-Dichotomie“, weil man sich grundsätzlich gegen bestimmte Warnungen oder Vorwürfe wehren will wie zum Beispiel gegen die der „Technikgläubigkeit“, der „Technikverliebtheit“ oder des „Machbarkeitswahns“. Letzterer ist nicht spezifisch auf Technik bezogen, und die ersten beiden Vorwürfe beziehen sich auf ein Gefühl der Übertreibung, wie die Wortbestandteile „Gläubigkeit“ und „Verliebtheit“ zeigen. Auch solche Gefühle sind nicht spezifisch gegen Technik gerichtet, es gibt sie in allen Bereichen menschlicher Betätigung: übertriebene Sportbegeisterung, Star-Kult und anderes mehr. Solche Gefühle der Übertreibung mögen zu Recht oder zu Unrecht eine Abneigung anzeigen, sind aber selten begründete Argumente. Schon gar nicht enthalten sie eine grundsätzliche Kritik. Allerdings kann sich darin eine ideologische Position spiegeln; dann wäre diese Position erst zu erheben. Das behauptete Problem „Mensch-Technik-Dichotomie“ ist also eine Chimäre.

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Dahinter verschwindet ein wirklich grundsätzlicher Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur. Natur ist kein Produkt des Menschen, sondern umgekehrt: Der Mensch ist ein „Produkt“ der Natur. Die Anführungszeichen sind deswegen gesetzt, weil hier der Begriff Produkt nur in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. Streng genommen ist der Mensch kein Produkt der Natur, sondern Teil der Natur. Der Mensch ist Natur. Eine Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ergibt sich nur im Hinblick auf die originär menschlichen Hervorbringungen, also auf das, was wir Kultur nennen, seine materiellen (Artefakte) und geistigen Werke. In alledem bleibt der Mensch aber Naturwesen. Kultur wird zum Teil seiner Natur, meinetwegen zu seiner „zweiten Natur“.

Der Unterschied zur Technik liegt auf der Hand. Technik kann der Mensch machen, verändern, beherrschen. Die Regeln des Gebrauches der Technik setzt der Mensch selbst. Die Natur aber beherrscht den Menschen. Er kann sich Natur immer nur sehr partiell „dienstbar“ machen, sie seinen Bedingungen anpassen und in ihrer Auswirkung verändern. Die Naturgesetze (es bleibe hier unerörtert, was das eigentlich ist) kann der Mensch aber nicht verändern. Sie sind so, wie sie sind, und der Mensch ist ihnen unterworfen. Das hindert den Menschen „natürlich“ nicht daran, sie so weit es geht zu seinem (vermeintlichen) Nutzen zu manipulieren. Auch dieser Eingriff in den Naturverlauf und ihre Nutzbarmachung gehört zur Natur des Menschen, zu seinen natürlich gegebenen schöpferischen Fähigkeiten. Natur zu verändern ist unsere Natur.

Diese Fähigkeiten sind allerdings sehr weitreichend. Ohne dass dem Menschen alle Zusammenhänge schon bekannt sind oder jemals bekannt sein können bzw. werden, beeinflusst und verändert er Faktoren in den Naturzusammenhängen, so dass sich andere zum Teil erwünschte, zum Teil unerwünschte Folgen ergeben. Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Ressourcen ist erwünscht, die dadurch beschleunigte Klimaerwärmung ist unerwünscht. So ist es in vielen, um nicht zu sagen in allen Bereichen der menschlichen Eingriffe in Naturzusammenhänge. Wie das Wort schon sagt: Es sind Zusammenhänge, also äußerst komplexe Strukturen, Regelkreise, labile (Un-) Gleichgewichte („Strömungsgleichgewichte“), die zu erkennen und zu durchschauen wir Menschen in vielen grundlegenden Bereichen noch weit entfernt sind, siehe das Wettergeschehen, das Klimageschehen, die Funktionsweise des Gehirns und vieles andere. Optimisten werden sagen: Noch nicht, aber absehbar bald. Skeptiker werden zu bedenken geben, dass es aufgrund unserer eigenen Verwicklung in Natur, weil wir also selber Natur sind, vielleicht manche grundsätzlichen Hindernisse gibt, bestimmte Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist immer schwierig, wenn der Beobachter sich selber beobachtet (Rückkopplungen, Beeinträchtigungen eines objektiven Ergebnisses).

Also auch als Produzent erstaunlicher Technik bleibt der Mensch Natur, ist er ein Naturwesen. Dieses zu verkennen und außer Acht zu lassen, ist ein sehr schwerwiegender methodischer und sachlicher Mangel, wenn wir uns über den Zusammenhang von Mensch und Technik Gedanken machen wollen. Es geht nur im Zusammenhang von Natur, Mensch und Technik (Kultur). Als „Techniker“ sind wir geneigt, unsere natürlichen Rahmenbedingungen und Konstitutionsmerkmale zu vernachlässigen. Denn nur dann bleibt Technik vollständig machbar und einigermaßen kontrollierbar. Das ist sie dann aber ganz und gar nicht, wenn wir den Menschen einmal als Gefühlswesen, also als von seiner natürlichen Ausstattung bestimmtes und begrenztes Lebewesen zugrunde legen. Das sogenannte Limbische System ist allemal mächtiger als all unsere Bewusstseinsprozesse – unbewusste Natur tief in uns drin.

Dass es nicht zum Atomkrieg gekommen ist (bisher nicht), verdanken wir weniger der menschlichen Fähigkeit, seine Technik zu beherrschen, als der Urangst vor Selbstvernichtung, die zumindest 1962 die entscheidenden Politiker in den USA und der UdSSR bestimmt hat. Das Zeitalter der Drohnen setzt allerdings ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten frei. Umso wichtiger, vielleicht sogar überlebenswichtig, bleibt es, uns Menschen als Natur zu begreifen. Bisher bedeutet das: Wir begreifen alles Mögliche, nur uns selbst, unser eigenes Leben nicht.

 13. Dezember 2012  Posted by at 12:14 Kultur, Natur, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Technik – Mensch – Natur