Jun 292013
 

Die Wirklichkeit ist nicht so unzweifelhaft wirklich, wie sie auf den ersten Blick scheint – und wie sie von den „naiven“ Realisten voraus gesetzt wird. Es ist erstaunlich, wie alte philosophische Traditionen wie der antike erkenntnistheoretische Skeptizismus eines Sextus Empiricus plötzlich wieder ganz aktuell erscheinen. Natürlich muss ein neuer Name her, „eliminativer Phänomenalismus“ klingt auch gleich viel wissenschaftlicher. Die dahinter stehende Sache ist aber alt und durchaus ernst zu nehmen. Es ist erst recht bemerkenswert, dass diese radikale Position auf dem Hintergrund der Hirnforschung und der modernen Phänomenologie des Bewusstseins auftaucht. Thomas Metzinger, analytischer Philosoph und Bewusstseinsforscher, entwickelt eine hoch interessante, wenn auch im Blick auf die verfügbare empirische Datenbasis noch hoch spekulative Theorie des Ich und des Bewusstseins; auf sein anregendes Buch „Der Ego-Tunnel“ habe ich wiederholt hingewiesen. Mittels des Begriffs des „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM) versucht Metzinger, auf der Höhe der empirischen Befunde der Neurowissenschaften eine evolutionär-funktionale Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Der Titel seines populärwissenschaftlichen Buches deutet schon das Ergebnis an: Wir leben in einem unbewusst selbst entworfenen „Ego-Tunnel“, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der aus dem Gehirn evolutionär entspringende Geist hat eine unglaublich komplexe und effektive Weise der Aneignung der Welt hervor gebracht mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei wird „die Welt“ aber allererst in einem Modell konstruiert, das durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung im Gehirn transparent zur Verfügung gestellt wird. „Welt“, also äußere Realität, ist das, was mir zuhanden ist. Das „virtuelle“ Selbst erstellt eine virtuelle Welt, um darin als absichtsvoller Agent auftreten zu können. In einer wissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins kann diese Funktionalität entdeckt und bewusst gemacht werden. Es bleibt aber ein Zirkel, denn das Bewusstsein spiegelt sich hierbei nur in sich selbst. Offenbar hat sich dieses Modell aber als Überlebensstrategie bestens bewährt. Es ist allerdings nur ein Modell.

Dass der Wirklichkeitsbezug erkenntnistheorerisch zweifelhaft bleibt, verdeutlicht eine zunächst recht exaltiert erscheinende Position. Metzinger beschreibt sie in einem fiktiven Gespräch so:

Das merkwürdige philosophische Konzept, das diese Traumgemeinschaft aus Naturwissenschaftlern entwickelt und zu ihrer Prämisse gemacht hat, ist unter dem Namen »eliminativer Phänomenalismus« bekannt. Wie der etwas übereifrige Doktorand Ihnen erklärt: »Eliminativer Phänomenalismus ist durch die These charakterisiert, dass die Physik und das neurowissenschaftliche Menschenbild eine radikal falsche Theorie sind; eine Theorie, die so fundamentale Defekte aufweist, dass sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Ontologie irgendwann schließlich durch eine vollständig entwickelte Wissenschaft des reinen Bewusstseins ersetzt werden, statt problemlos auf diese reduziert zu werden.« Die gesamte Wirklichkeit ist demzufolge eine phänomenale Wirklichkeit. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Wirklichkeit herauszufallen, besteht darin, die grandiose (aber fundamental falsche) Annahme zu machen, dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt (ein Wurmloch, wie die Forscher im Traum-Tunnel es ironisch nennen) und dass es Ihr eigener Tunnel ist. Indem Sie sich diese Überzeugung ernsthaft zu eigen machen, würden Sie jedoch plötzlich unwirklich werden und sich selbst in etwas noch Geringeres als eine bloße Traumfigur verwandeln: in eine mögliche Person – genau das, was Ihr Kontrahent am Anfang der Diskussion behauptet hat. (Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, S. 213f.)

Der „Ego-Tunnel-Blick“ ist also durchaus nicht nur erhellend. Aber richten wir unsere Überlegung auf etwas Anderes. Weniger bezweifelbar ist es, dass wir die Welt außerhalb nur vermittels unserer Sinne durch unsere geistige Aktivität wahrnehmen können. Dabei geschieht eine Interpretation der Sinneserfahrung, die uns das, was der Sinn vermittelt, allererst zugänglich und begreifbar macht. Das Auge gibt uns ein „Bild“ von etwas, das elektromagnetische Strahlung im „sichtbaren“ Bereich, also zwischen 380 nm und 780 nm Wellenlänge, reflektiert. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung, wie ein Schaubild (Wikipedia) verdeutlicht. Für akustische Sinneswahrnehmung gilt dasselbe, auch da steht unseren Sinnen nur ein kleiner Ausschnitt zur Verfügung, den wir als Töne und Klang wahrnehmen. Ein bestimmter Wellenbereich wird von unserem Tastsinn als Wärme empfunden. Auch dies ist eine Interpretation, denn das Gefühl von Wärme ist keine physikalische Eigenschaft. Wärme ist „thermische Energie, die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeichert ist.“ Gegenständlichkeit ist eine bestimmte Anordnung oder Struktur eines atomaren oder molekularen Verbandes, dessen Energie- und Masseeigenschaften von unseren Sinnen (Auge, Tastsinn) in ganz bestimmter Weise wahrgenommen und durch das Gehirn interpretiert werden können. Physikalisch gibt es allenfalls „Körper“, das heißt molekulare Strukturen mit bestimmten Eigenschaften. Auch hier gilt wiederum, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt vorhandener Körper wahrnehmen können, die von Größe und Ausdehnung her unseren lebensweltlichen Anforderungen entsprechen. Was zu klein oder zu groß, zu langsam oder zu schnell, zu nah oder zu fern ist oder wofür wir überhaupt keinen Sinn haben, das nehmen wir nicht wahr, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Was wir auf keinerlei Art wahrnehmen können, ist für unsere „naives“ Realitätsempfinden nicht vorhanden. Für Radarimpulse oder Radioaktivität haben wir kein Sensorium, darum nehmen wir diese Strahlung und damit diese mögliche Gefahr unmittelbar nicht wahr. Das Zeitempfinden schließlich ist ebenfalls durch unseren Organismus bestimmt, indem unser Leben im Rhythmus des Herzschlages entlang des Rhythmus‘ von Tag und Nacht verläuft. Zeit „an sich“, also physikalisch, ist nur als Veränderung im Raum relativ zu anderen Systemen bestimmbar. Sie ist allerdings „gerichtet“, d.h.  unumkehrbar aufgrund des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre (Entropie).

Molekülbewegung (Wikipedia)

Molekülbewegung (Wikipedia)

Über das „Gesetz“ der steten Zunahme der Entropie ließe sich genüsslich philosophieren, insbesondere was Entropie genau bedeutet. „Unordnung“ ist nur eine sehr ungenaue Interpretation, „Zunahme von Information“ (von Weizsäcker) schon eine sehr viel genauere. Hier sei nur fest gehalten, dass grob gesprochen die Welt der Physik (als Basiswissenschaft unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes) von der Welt, wie wir sie wahrnehmen, erfahren und interpretieren, grundverschieden ist. Alles, was wir als inner- und alltagsweltliche Gegebenheiten kennen, kommt dort „nur“ als abstrakte Beschreibung von Massen und Energien, von Kräften und Wechselwirkungen, von Feldern und Konstanten vor. Beide Welten passen schon „irgendwie“ zusammen, aber sind ihrer Art nach doch völlig verschieden: In den Gesetzen der Physik findet sich nämlich überhaupt keine unsrer Empfindungen und mentalen Metaphern, Modelle, Bilder wieder.

Was ist nun wirklich: die Welt der Physik oder die Welt unserer Alltagserfahrung? Oder ist auch die Welt der Physik „nur“ ein Modell, ein sehr viel abstrakteres, genaueres, aber eben auch nur ein eben mathematisches Modell unseres Geistes, um all das („Welt“) zu erfassen und zu bestimmen („Erkenntnis“) und in seiner Funktionsweise („Gesetze“) zu erklären, was uns zunächst unsere Sinne naiv-real als zuhanden und darum vorhanden vermitteln? Zumindest machen diese Überlegungen deutlich, dass die Auffassung der alten Skeptiker bis hin zu den Geist-Theorien der Neuplatoniker (Welt als Emanation unseres Nous / Geistes) gar nicht so weit von dem entfernt sind, was auch heute zugespitzt formuliert wird wie oben zitiert: Dass sich die „reale“ Welt als reines Phänomen, als fiktives Modell, als mentale Repräsentanz des Bewusstseins eliminativ auflöst oder zumindest infrage gestellt sieht. „Darum soll es auch erst mal genug sein mit der Tunnel-Erkenntnistheorie“, beschließt Metzinger seinen Abschnitt. Wohl wahr, es ist verwirrend, aber eben auch spannend und nachdenkenswert. Die allzu forschen Realisten und physikalischen Materialisten sollten sich jedenfalls nicht allzu sicher wähnen. Der Hauptgegner des Skeptizismus von ehedem war der von ihnen so benannte und bekämpfte Dogmatismus. Das könnte zu denken geben.

 29. Juni 2013  Posted by at 11:53 Philosophie, Wissenschaftstheorie Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Eliminative Wirklichkeit
Okt 082012
 

Wenn denn gilt (wie im vorigen Beitrag dargestellt): kein psychisches Vermögen ohne Hirnfunktion, „nichts ohne Gehirn“ (Hoppe), wo bleibt dann der „Geist“, die geistigen Kräfte, das geistige Vermögen, lateinisch mens, griechisch nous? Was hat ‚dann noch‘ der Bereich des Mentalen, Noëtischen für eine Wirklichkeit? Strikte „Reduktionisten“ reduzieren hier alles auf die neurale Ebene; es sind schlicht Hirnfunktionen. Wie bei der klassischen Religionskritik eines Feuerbach wird von „physikalistischen“ Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth gerne die Formulierung „nichts anderes als“ gebraucht, als entlarve man einen schönen Schein. Die Wirklichkeit dahinter aber sei in unserem Falle materiale Biochemie und Bioelektrik. Der Geist ist dann „nichts anderes als“ eine spezielle Hirnfunktion, zumindest „beruht“ er auf ihr. Reicht das? Anders gefragt, wird das dem Phänomenen des Geistigen gerecht?

Der Denker – Le penseur, Auguste Rodin, Paris (Wikipedia)

Ich sehe das weniger monokausal und reduktionistisch, so als könne man eine Persönlichkeit und ihr Empfinden („Qualia“) einfach messen und in bildgebenden Verfahren darstellen. „Nichts ohne Gehirn“ meint zwar ganz klar und eindeutig, dass in unserer einen durch unsere menschliche Natur gegebenen Wirklichkeit alle psychischen und mentalen Vorgänge und Vermögen von Funktionen des Nervensystems abhängen, mit ihnen also bestehen und vergehen, aber damit ist über die „Welt“ des Geistigen noch gar nichts gesagt. Karl Popper hat sehr schön von der „Welt 3“ gesprochen, was nicht die Denkakte („Welt 2“ = psychische Phänomene) meint, sondern die Denkinhalte bezeichnet. Ob die Unterscheidung in drei „Welten“ glücklich und heute noch brauchbar ist, sei dahin gestellt. Es geht aber um den Bereich der Denkinhalte, der geistigen „Gegenstände“ des Denkens, der Kunst, der Poesie. Für den geistigen Bereich gibt es eigene „Gesetze“, Regeln des Denkens wie die Logik zum Beispiel, Regeln des Zählens und abstrakten Verknüpfens wie die Mathematik, Regeln der Räumlichkeit wie in der Geometrie, usw.. Geistige, künstlerische oder philosophische „Konstrukte“ haben eine eigene Art der Wirklichkeit, zwar als Konstruktionen, d.h. Produkte unserer geistigen Tätigkeit, aber dann doch in gewisser Weise unabhängig von uns als einzelnen Personen, selbständig, mitteilbar, kommunizierbar und allgemein gültig. Man kann seine Gedanken nieder schreiben, fest halten und für andere aufbewahren, man kann die Gedanken und „Theorien“ („Anschauungen“) anderer Menschen, die Jahrhunderte früher gelebt und gedacht haben, lesen, aufnehmen und nach vollziehen, sich mit ihnen auseinander setzen, sie kritisieren oder weiterführen.

Der Bereich des Geistigen ist ein eigener, unabhängiger Bereich unserer Lebenswelt. Er gehört zu unserer Wirklichkeit, ist für uns wirklich, stellt aber keine zweite, andere Wirklichkeit dar, keine zweite „reale“ Welt hinter, unter oder über unserer Welt, wie wir sie von Natur aus haben und erleben. Ich gebrauche statt des missverständlichen Bildes einer „eigenen Welt“ oder „Wirklichkeit“ des Geistigen lieber das Bild einer (grafischen) Ebene, eines Layers. Mit unseren mentalen Fähigkeiten und Vermögen sind wir Menschen tatsächlich in der Lage, unsere gegebene natürliche Welt, der wir ganz und gar angehören und der wir unsere Existenz verdanken, mit einer weiteren Ebene, mit einem geistigen Layer zu überziehen und auf diese Weise die natürliche Wirklichkeit noch einmal anders zu erleben, zu deuten, zu interpretieren, zu verstehen und zu gestalten. Diese Ebene des Geistigen ist wie ein eigenständiger Gegenstandsbereich zu betrachten, kommunikabel und mit anderen teilbar. Manches aus dem Bereich unserer geistigen Welt kann sogar uns selbst, wenn wir sterben und unsere Hirnfunktionen aufhören, unsere mentalen Tätigkeiten für immer enden, überdauern: Eine musikalische Komposition, ein Gemälde, ein Gedicht, ein (hoffentlich) kluges Buch. Nur insofern kann man bildhaft vom Geistigen als einer eigenen und eigenständigen Welt sprechen.

„Nichts ohne mein Gehirn.“ Wie ich diesen minimalen Konsens mit der Hirnforschung verstehe, tut es der Bedeutung und der Kraft dessen, was ich als „geistige Welt“, als geistigen Layer der natürlichen Wirklichkeit beschrieben habe, keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, es holt die Gegenstände des geistigen Tuns, Denkens, Schaffens aus dem fatalen „Reich“ einer künstlichen Welt heraus, befreit sie vom falschen Schein ideologisch verstellter „Wirklichkeit“ und macht sie menschlich: Das geistige Sein als eine ganz spezielle Seite und Fähigkeit des Menschen, als ein ungemein schönes und reiches Tun des Menschen, der mit seinen geistigen, mentalen Fähigkeiten sogar die Grenzen seiner Endlichkeit in der Vorstellung überwinden kann. In der Vorstellung und verankert in unserer natürlichen, endlichen Existenz als Homo sapiens. Die Philosophen vor und nach Platon haben es eigentlich immer schon gewusst und sich bemüht, die eine Wirklichkeit unserer geistigen und natürlichen Existenz angemessen zu beschreiben und „irgendwie“ zutreffend auszusagen, also die Wirklichkeit des Denkens und Seins zu begreifen.

Wer daraus eine zweite, gleichsam doppelte Realität macht, verfällt dem Fehler der Religionen, wenn sie das Bild, das Symbol, die Allegorie und das Erleben bestimmter psychosozialer Erfahrungen zur „anderen“, zeitlich verdoppelten Wirklichkeit verklären, mit allen desaströsen Folgen des falschen Scheins, der Täuschung, des Betruges und der Gewalt. Auch die Religion kann nur gewinnen, wenn sie sich als Kraft des Symbolischen in der einen natürlichen Wirklichkeit des endlichen Menschen begreift. Auch hier kann ich in der Tendenz noch mit Christian Hoppe übereinstimmen, wenn er am Ende seines Vortrages schreibt:

Nun – ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass das Einheitsdenken der Naturwissenschaftler in Bezug auf die Wirklichkeit und besonders der Antidualismus der Hirnforscher eine große Chance bietet, irrtümlich für christlich gehaltene weltanschauliche Überzeugungen nun endlich zur Seite zu räumen. Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens. Dieser Glaube hat mit einem dualistischen, weltabgewandten Platonismus nicht viel gemein.

 8. Oktober 2012  Posted by at 10:21 Geist, Kultur, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Wo bleibt der Geist