Okt 032016
 

Die auffällig ambivalente Stimmung im Land und das rasante Erstarken einer rechtspopulistischen Partei geben immer noch Rätsel auf. Viele der bisher gelieferten Erklärungen halten einer Nachprüfung nicht Stand. Oft genannt wird die „Abstiegsangst der Mittelschicht“ oder die Frustration der „Abgehängten“. Beides beruht auf der Annahme, die soziale Schere sei in auffälliger Weise auseinander gegangen, die soziale Ungleichheit habe also drastisch zugenommen. So beliebt dieses (tendenziell linke) Erklärungsmuster ist, so wenig ist es eindeutig zu belegen. Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Belege, dass Arbeitslosigkeit anhaltend abgenommen hat, dass die Einkommen aus nichtselbständiger Arbeit einschließlich der Renten deutlich gewachsen sind und die Konsumbereitschaft spürbar zugenommen hat (was auch auf dem Hintergrund erfolglosen Sparens kein Wunder ist). Andererseits ist es ebenfalls belegt, dass Teilzeit-Arbeitsverhältnisse ebenso wie die Zahl „prekärer Beschäftigungsverhältnisse“ zugenommen haben und insbesondere viele Kinder von Sozialleistungen abhängig sind. Schaut man sich Deutschland auf einem Sozial- und Beschäftigungsatlas an, dann steht Süddeutschland (Hessen, Bayern und Baden-Württemberg) deutlich besser da als das Ballungsgebiet Rhein-Ruhr oder der Berliner Raum. In beiden Regionen ist die Zahl derer, die von staatlichen Leistungen abhängen, besonders hoch. Dies gilt auch für viele Regionen in den ostdeutschen Bundesländern. Wirtschaftlich und sozial ist die Vereinigung Deutschlands noch längst nicht hergestellt, wie sollte es auch in solch kurzer Zeit gelingen können?

Der Flüchtlingsatlas sieht ähnlich aus mit der wenig erstaunlichen Besonderheit, dass Migranten und schon länger zugewanderte Menschen besonders zahlreich in den Ballungsgebieten von Hamburg bis München anzutreffen sind – wiederum mit einem Schwerpunkt in NRW an Rhein und Ruhr. In den ländlichen Regionen der früheren DDR gibt es kaum Flüchtlinge, auch wenig Ausländer aus früherer Zuwanderung im Vergleich zu den westlichen Bundesländern. Ein weiteres Faktum: In Bayern und Baden-Württemberg wird besonders gut verdient, ist der Mittelstand besonders ausgeprägt und der Lebensstandard besonders hoch. Legt man nun über diese Karten eine Karte der Wahlergebnisse der AfD, so gibt es erstaunliche Nicht-Übereinstimmungen mit den vermeintlichen Ursachen. Zwar ist die AfD in Ostdeutschland besonders stark mit Wahlergebnissen von über 20 %, andererseits hat sie auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mit 15 % bzw. knapp 13 % aus dem Stand auffallend gut abgeschnitten. Baden-Württemberg ist nun ganz bestimmt keine Wirtschaftsregion der Abgehängten oder des bedrohten Mittelstands oder besonders vieler prekär Beschäftigter. Das Erklärungsmuster passt also nicht auf die Wirklichkeit, die dennoch von einer erheblichen Verunsicherung gekennzeichnet ist.

Die Angst vor dem Islam und die Furcht vor Islamisierung kommt als nächstes Deutungselement hinzu. Dies ist allerdings noch fragwürdiger als das Vorhergehende, weil es erstens in den östlichen Gebieten mit dem höchsten Anteil der Rechtspopulisten und den stärksten (Gewalt-) Ausbrüchen von Ausländerhass und Islamfeindlichkeit kaum Muslime gibt und weil umgekehrt dort, wo die meisten Muslime wohnen, Ausländerfeindlichkeit sehr viel geringer ist. Bekanntlich wird darauf oft hingewiesen, dass diejenigen am meisten Angst vor dem Islam zu haben scheinen, die bisher so gut wie keinen Kontakt mit Muslimen hatten. Auch das passt nur teilweise, denn im Ruhrgebiet, wo die Zahl muslimischer Mitbürger besonders hoch ist, sind auch die Rechtsradikalen und Neonazis besonders aktiv (Dortmund, Essen), – ob sich das in Wahlergebnissen niederschlagen wird, muss sich noch zeigen. Eines ist allerdings sicher: Schon seit den neunziger Jahren leben bei uns ca. 5 Millionen Muslime (geschätzt, exakte Zahlen gibt es nicht), ohne dass es in der Vergangenheit zu manifestem Islamhass gekommen wäre. Allenfalls Minarette oder der Neubau von Moscheen hat in den davon berührten Stadtteilen für manche Unruhe gesorgt. Selbst wenn die 850 000 Flüchtlinge des Jahres 2015 alles Muslime wären (was allenfalls überwiegend der Fall ist), hätte sich die Zahl der Muslime in Deutschland um gut 15 % erhöht, was zwar viel, aber doch angesichts von 82 Millionen Einwohnern in Deutschland kein eklatanter oder die deutsche Gesellschaft bedrohender Anteil (=7 %) ist.

Kommt als letztes noch die Gefahr drohender terroristischer Anschläge hinzu. Bisher ist Deutschland von einem großen Anschlag zum Glück verschont geblieben. Die meisten Toten forderte ein Amoklauf in München, dessen Täter ein in München geborener Deutscher mit einem iranischen Elternteil war. Wenn auch die Bedrohungslage, was eine islamistische Terrorattacke betrifft, unverändert hoch ist, so sind die Sicherheitsorgane bisher in der Lage gewesen, Schlimmeres und Schlimmstes zu verhüten. Realistisch gesehen muss sich niemand vor einem Terroranschlag fürchten, jedenfalls ist die Gefahr, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, deutlich größer. Zum Glück sind auch keine auffälligen Verhaltensänderungen bei Großveranstaltungen (Feste, Fußballspiele) festzustellen. Auch hier widersprechen die Fakten dem Gefühl der Verunsicherung.

Vorläufiges Fazit: Es scheint keinen offensichtlichen Grund zu geben dafür, dass in manchen Teilen der Bevölkerung, in manchen Regionen der Republik und in vielen Medien (!) von Ängsten, Bedrohung oder wirtschaftlicher Not die Rede sein müsste. Es stimmt ja nach allen Eckdaten: Wirtschaftlich steht Deutschland selten stark da, und das kommt bei den Beschäftigten mit hohen Lohnabschlüssen auch durchaus an, auch wenn es sozial noch einiges zu verbessern gibt (→ Bildung, → Integration). Was könnten dann die Gründe für die zunehmende Bereitschaft sein, sich rechtpopulistischen, offen fremdenfeindlichen und nazistischem Gedanken so zu öffnen, dass man radikal auftretende Parteien zu wählen bereit ist und lautstark „das System“ ablehnt? Wahlanalysen haben zudem ergeben, dass sich Wähler der AfD aus allen Schichten der Bevölkerung und aus allen bisherigen Parteien rekrutieren. Ich vermute ein ganzes Bündel von Faktoren, die zu der jetzigen Situation der Verunsicherung beigetragen haben und die sich nicht auf eine einzige Ursache, auch nicht auf eine besondere ‚Hauptursache‘, zurückführen lassen. Bevor ich einzelnen Hinweisen nachgehe, sei noch dies vorausgeschickt: In der Alltagswelt der meisten Deutschen ist von Pessimismus, Resignation, Angst oder Wut nicht das geringste zu spüren, wie eigene Erfahrung, ein Blick in die Lokalzeitungen und die Begeisterung für lokale Events zeigen. Es betrifft nur einen Teil der Bevölkerung, aber eine doch recht große, wachsende Minderheit, die nach Ost und West unterschiedlich stark ausfällt. Sie ist lautstark, tendenziell gewaltbereit (→ Brandanschläge), medial um ein vielfaches verstärkt und hat mit den Landtagswahlergebnissen dieses Jahres die Parteienlandschaft erheblich verändert – Grund genug, genauer nach möglichen Ursachen der ‚großen Verunsicherung‘ zu schauen.

Einheitsfeier Proteste

Merkel und Gauck vor der Frauenkirche beschmipft, (c) RP online

⇒ Einen sehr einleuchtenden Hintergrund beschreibt Stefan Berg in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL in „Das Erbe der DDR“:

Im Osten gibt es ein Erschöpfungssyndrom: Viele Menschen mussten ihr Leben nach 1989 dramatisch umstellen. Sie haben die Wiedervereinigung nur kurzzeitig als Befreiung erlebt; viele verhalten sich weniger wie freie Bürger, eher wie Freigelassene, deren gelernte Verhaltensregeln zu den Erfordernissen der Gegenwart nicht passen. Sicherlich ist dies eine Minderheit, aber eine lautstarke und verhaltensauffällige. …
Zur Hinterlassenschaft der DDR gehört das Modell einer geschlossenen Gesellschaft, in der Einheitlichkeit vor Vielfalt ging. Der Umgang mit Menschen anderer Überzeugungen und aus anderen Ländern wurde kaum gelernt. In Ostdeutschland ist die eigene religiöse Tradition weitgehend bedeutungslos.

Berg weist zurecht darauf hin, es fehle im Osten in Teilen der Bevölkerung die Fähigkeit, sich gegen politische und ökonomische Prozesse zu wehren, die in der alten Bundesrepublik erlernt worden sind. Sitzblockade, Schülerdemo und Streik zählten im Westen seit Generationen zum Werkzeugkasten der Demokratie. Im Osten war es dagegen die Erfahrung eines Aufbruchs, der sich für viele Lebensläufe bald als kaum zu bewältigendes Desaster entpuppte. Da fehlte tatsächlich ein Stück „Integration“ in die freiheitliche Gesellschaft. Dass in der DDR zudem Nazi-Gedankengut totgeschwiegen wurde und sich nun wieder lebendig zur Stelle meldet, ist ein weiterer Gesichtspunkt. Aber es ist nur einer unter vielen.

⇒ Denn der Rechtspopulismus feiert seine Erfolge ja keineswegs nur in Regionen und Gesellschaften des früheren Ostblocks. Die stärksten rechtspopulistischen Parteien und Strömungen gibt es in den entwickelten und wirtschaftlich erfolgreichen westlichen Ländern wie Schweden, Dänemark, Niederlande, Österreich, Frankreich. Letzteres hatte seinen FN schon lange bevor dort der wirtschaftliche Niedergang begann. Schließlich ist auch die Mehrheit für einen Brexit, also den Austritt Großbritanniens aus der EU, unter anderem auf eine erfolgreiche Kampagne tendenziell rechtspopulistischer Parteien und fremdenfeindlicher Strömungen mit Nigel Farage als Gallionsfigur zurückzuführen. Andererseits – Länder mit wirklich tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen wie Portugal, Spanien und Griechenland habe zwar eher radikale Parteien begünstigt, von denen man aber keine mit den Rechtspopulisten der reichen Nordländer vergleichen könnte. Der Syriza-Chef Alexis Tsipras ist für eine erstaunlich realistische und moderate Regierungspolitik verantwortlich. Der Protest gegen die offene Gesellschaft und die Politik der massiven Abschottung gegenüber allem Fremden, insbesondere dem Islam, kommt viel mehr von dem ‚lupenreinen‘ Populisten Viktor Orbán in Ungarn. Es ist ein mehr als disparates Bild. Aber vielleicht steckt ja doch ein Muster dahinter, das allerdings nicht auf die Visegrad-Staaten und ihre Gesellschaften passt: Das Muster der Übersättigung der erfolgreichsten Wohlstandsländer und deren unausgesprochene Angst, andere könnten ihnen den Wohlstand neiden. Ich wage zu vermuten, der Rechtspopulismus ist unter anderem ein Kind der freien Wohlstandsgesellschaften, weil es Wohlstandsgesellschaften sind. Diese Vermutung wäre eigens soziologisch und politisch genauer aufzuklären und mit Daten zu unterfüttern. Wenn man vor nichts anderem, auch vor keiner wirtschaftlichen Not mehr Angst haben muss, machen sich andere zum Teil irrationale Ängste breit vor dem „Abstieg“, dem Terror, dem Islam, den (praktisch nicht vorhandenen) Burkas.

⇒ Vielleicht ist es auch eine Ermüdungserscheinung der offenen Gesellschaften, sich dem dauernden demokratischen Willensbildungsprozessen, gesellschaftlichen Diskursen und Diskussionen, dem Zwang zum produktiven Kompromiss, einer schrittweisen Politik der langsamen Veränderungen, also der Politik als der Kunst des „Bohrens dicker Bretter“ auszusetzen. Die komplexe Welt der Globalisierung fordert ihren Tribut. Es klingt platt, aber manches erscheint oft wie der trotzige Bock eines verzogenen Teenagers, dem es schlicht zu gut geht. Dies Bild taugt allenfalls zur Metapher, ersetzt keine Analyse und kann allenfalls sozialpsychologisch in eine bestimmte Richtung weisen. Zumindest würde dadurch plausibel, warum besonders Teile der hoch entwickelten Gesellschaften von diesen rechtspopulistischen Avancen angezogen werden. In dies Bild passt auch die immer häufiger beklagte erhöhte Bereitschaft zur Gewalttätigkeit, zur Rücksichtslosigkeit und zu verbalen Attacken (Hassbotschaften) besonders im öffentlichen Raum der digitalen Netzwerke. Wenn es hier immer wieder „Ausraster“ gibt, zunehmende Gewalt und Gesetzlosigkeit (zumindest Respektlosigkeit gegenüber dem Gesetz und seinen Vertretern), muss einen das mit Recht besorgt machen. Erstaunlicherweise ist für eine derartige Angst kein breites Echo zu verspüren. – vor Einbrüchen dagegen schon. Da geht es ja auch um „Meins“. Wenn Demokratie die Kunst des Kompromisses ist, dann verlieren Teile unserer Gesellschaft und der Gesellschaften in der westlichen Welt die Fähigkeit dazu, komplizierte Zusammenhänge verstehen zu wollen und sich beim Bilden einer eigenen Meinung von Sachargumenten und nachvollziehbaren Fakten leiten zu lassen, sich also um ein Verständnis und eine verantwortbare Meinung zu bemühen. Die Geduld und der Wille zu diesem bisweilen immens anstrengenden demokratischen Prozessen ist tatsächlich oft nicht mehr vorhanden. Vereinfachende Schwarz-Weiß-Malerei ist gefragt, einfache Lösungen, ein kontrafaktisches Vorspiegeln dessen, was die Vorurteile und Instinkte sich wünschen. Da feiern dann Hass und Wut Weihnachten. Viel anders ist auch der bisherige Erfolg eines Donald Trump kaum zu verstehen. Das Kontrafaktische ist hier wie dort zum Maß der Politik derer geworden, die sich anschicken, die „Massen“ oder „das Volk“ in die Gefilde illusorischer Hoffnungen und Wünsche zu führen.

⇒ Wenn einiges des hier Skizzierten auch nur annäherungsweise stimmen sollte, stehen uns schwere Zeiten bevor. Sache und Argument zählen dann nur noch wenig, wenn Ängste, Wünsche, Vorurteile, Hass und Rachegelüste sich noch mehr Raum verschaffen. Die mediale Verstärkung tut ein Übriges, um die Stimmen der Vernunft und der Besonnenheit zu übertönen. Dass es Mängel im Transport politischer Entscheidungsprozesse, Arroganz der Mächtigen, Mängel in der Willensbildung und Partizipation gibt, dass es also Defizite im sozialen und kulturellen Aufbau postmoderner Gesellschaften gibt, ist unbestritten. Ärger und Wut über „die da oben“ (gemeint sind demokratisch gewählte Politiker) münden heute nicht mehr in konstruktive Kritik derer, die es besser machen wollen, sondern in destruktive Emotionalität, lautstarke Beschimpfung und unkontrollierte Verhaltensweisen, die einen kaum erwarteten zivilisatorischen Rückfall darstellen. Geschichte wiederholt sich niemals, aber Parallelen darf man schon finden, wenn sie einem auffallen. Manches, einiges erinnert an die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Unbewältigte blutige Konflikte gibt es inzwischen in unmittelbarer Nachbarschaft Europas genug. Es ist mehr als nur zu hoffen, dass all die grauenhaften Kriege in Syrien, Irak, Jemen usw. nicht zum Zunder werden, für die wenige Funken reichen, um neue Weltbrände auszulösen. Und ein weiterer etwas düsterer Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen. Schon lange gilt: Kommen Reichtum, Lebenschancen und Gerechtigkeit nicht endlich in den Süden (Afrika), dann kommt der Süden, dann kommt Afrika zu uns und fordert seinen Anteil ein. Dann wäre die jetzige Flüchtlingsbewegung nur ein sanftes Lüftchen gewesen. Dann helfen auch keine Populisten mehr – ja natürlich, die schon gar nicht.

UPDATE 06.10.2016:

„Die Ablehnung der Flüchtenden ist die Ablehnung des Flüchtigen: Eine hilflose Rebellion gegen den Verlust der Welt, wie wir sie kannten, und gegen die uns aufgezwungene Veränderung.“ FAS-Artikel „Die Welt zu Gast bei Fremden“ von Stephan Lessenich, Soziologe an der Universität München

Apr 192015
 

[Kultur]

Ayaan Hirsi Ali: „Reformiert euch!“ Warum der Islam sich ändern muss.

Wir haben uns angewöhnt, im öffentlichen Diskurs zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden. Islam meint dann die reine Religion Mohammeds, deren Anhänger friedlich und unauffällig überall auf der Welt leben (wollen). Der Islam wird als monotheistische Religion hervor gehoben und der Familie der „modernen“ vorderorientalischen Religionen wie Judentum und  Christentum zugerechnet. Alle drei großen Weltreligionen sind zwar nacheinander entstanden, speisen sich aber aus gemeinsamen Quellen. Dies verbindet sie und kann den Blick nach nebenan als den Blick zu einem „Bruder /Schwester im Geiste“ verklären (wie bei Goethe). Solch einem Islam und seinen Glaubensinhalten gebühre Achtung und Respekt.

Ganz anders der Islamismus. Er gilt als eine radikale, fundamentalistische und tendenziell terroristische Ideologie, die mit dem wahren Islam wenig oder gar nichts zu tun habe. Seine Anhänger sind politisch desorientierte und sozial destabilisierte Einzelne, die sich zu Unrecht auf den Islam berufen und mit ihren schwarzen Fahnen und Allahu-akbar-Rufen die eigene Religion im Mißkredit bringen. Bei jedem terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund kann man sicher sein, diese Unterscheidung sofort von Politikern und offiziellen Religionsvertretern zu hören. Das ist schon reflexhaft und gilt als politisch korrekt. Jede andere Meinung sieht sich schnell dem Verdacht und dem Vorwurf der „Islamophobie“ ausgesetzt.

Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist so einfach und praktisch, dass auch ich selber sie bisher benutzt und vertreten habe. Sie ist aber wahrscheinlich grundfalsch. Islam und Islamismus hängen viel enger zusammen, als beschwichtigend behauptet wird. Unterscheiden muss man sehr wohl zwischen friedlichen und gewaltbereiten bzw. gewalttätigen Muslimen. Aber die Grundlagen der Ideologie des Islamismus liegen im Islam selber, offen sichtbar – in einem Islam, wie er heute zumindest in der islamischen Welt mehrheitlich und öffentlich vertreten wird.

Wir müssen vielmehr erkennen, das hinter diesen Gewaltakten eine politische Ideologie steht, eine Ideologie, die im Islam selbst verwurzelt ist, in dessen heiligem Buch, dem Koran, sowie in den „Hadith“ genannten Überlieferungen über das Leben und die Lehren des Propheten Mohammed. – Lassen Sie es mich ganz einfach formulieren: Der Islam ist keine Religion des Friedens.

Dies schreibt programmatisch Ayaan Hirsi Ali in der Einleitung ihres gerade erschienenen Buches „Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“. Hirsi Alis bewegte Biographie einschließlich der Konflikte in Holland um ihre Person kann man in der Wikipedia nachlesen. Ihr neues Buch ist kein soziologisches, historisches oder religionswissenschaftliches Werk. Man müsste es wohl als mutige Streitschrift gegen den islamischen und multikulturellen Mainstream kennzeichnen. Darum kann man es auch einseitig nennen – sofern auch Schriften gegen Stalinismus, Nationalsozialismus und Neonazis naturgemäß einseitig sind. Hirsi Ali liefert eine eingagierte Stellungnahme für die Aufklärung und für die westlichen Grundrechte und Freiheiten. Das Material, das sie zusammen trägt und darlegt, ist beeindruckend. Man mag Einzelheiten und Fehler kritisieren (so ihr Hinweis auf die Scharia-Polizei in Wuppertal). Die Fülle ihrer Beispiele ist gut belegt und entspricht auch dem, was ein interessierter Beobachter der Zeitgeschichte nachvollziehen und bestätigen kann. Man muss sich also mit diesem Buch sehr ernsthaft auseinander setzen.

Dabei ist Hirsi Alis Absicht eine positive und ihre Einstellung, wie sie selbst schreibt, „optimistisch“. Mit vielen anderen Muslimen und nicht-muslimischen Kritikern fordert Ali eine Reformation des Islam. Es sind vor allem fünf Punkte, die Ali zu reformieren fordert, weil sie die fundamentalistische Verharrung des Islam begründen:

1. Mohammeds Status als Halbgott und Unfehlbarer sowie die wörtliche Auslegung des Korans, vor allem jener Teile, die in Medina offenbart wurden.
2. Die Ausrichtung auf das Leben nach dem Tod statt auf das Leben vor dem Tod.
3. Die Scharia, die aus dem Koran abgeleiteten Rechtsvorschriften, die Hadithen sowie der Rest der islamischen Rechtslehre.
4. Die Praxis, Einzelne dazu zu ermächtigen, das islamische Recht durchzusetzen, indem sie das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten.
5. Die Notwendigkeit, den Dschihad beziehungsweise den »heiligen Krieg« zu führen.

Diese fünft Punkte begründet Ali in ihrem Buch ausführlich. Kern ihrer kritischen Analyse ist der Nachweis, dass der heutige Islam seitens seiner offiziellen Vertreter (z.B. Mullahs im Iran, Islamgelehrte der Al-Azhar in Kairo) in einer fundamentalistischen Verengung gefangen ist, die den wahren Islam nur in seiner ursprünglichen Form des 7. Jahrhunderts erkennen. Alle Neuerung ist Verschlechterung und Abweichung. Darin liegt auch die fehlende Transformation in die Moderne begründet. Insbesondere das sich seit der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitende ideologische Konzept der Muslimbruderschaft (Gründer al-Banna, Sayyid Qutb, ähnlich bedeutsam in Pakistan Ala Maududi) beinhaltet eine streng rückwärts gewandte, konservative Auffassung des Islam (Koran und Sunna), wie sie ebenfalls bei den Wahhabiten (vorherrschend in Saudi Arabien) und den Salafisten zu finden ist. Diese im Grunde aus der Stämmegesellschaft der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts stammende Ausprägung des Islam ist heute die dominierende. Hirsi Ali beschreibt diese Wirklichkeit auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen.

Folgt man ihrem Gedankengang, wird deutlich, dass es in der Geschichte des Islam zwar andere Weisen des Umgangs mit der eigenen Tradition gegeben hat (z.B. Mu’taziliten), dass während des „Goldenen Zeitalters“ des Islam (8. – 12. Jahrhundert) ein hohes Maß an Ambiguität aufrecht erhalten und gelebt werden konnte (vgl. Thomas Bauer), dass aber der heute herrschende Islam alle Möglichkeiten unterschiedlicher Interpretationen abgeschnitten hat. Wenn weder der Koran als „Literatur“ erforscht werden kann noch die Scharia als mittelalterliches Recht veränderbar ist noch die Anwendung von „geboten“ und „verboten“ Spielraum lässt, dann kommt eine Religion des Islam heraus, die sich entweder konservativ in sich selbst verschließt (das nennt Ali den „Mekka-Islam) oder aggressiv im Dschihad die Welt erobern und unter das einzig gültige „Richtig“ und „Falsch“ (halal – haram) der Ulama (Scharia und Fatwas)  zwingen will (das nennt Ali den Medina-Islam).

Freiheit geh zur Hölle - Wikimedia

Freiheit geh zur Hölle – Wikimedia

Dieser heute auf dem Vormarsch befindliche Islam ist eine das gesamte Leben bestimmende politische Ideologie, die zwischen Moschee und Staat nicht unterscheidet. Es ist nichts anderes als eine totalitäre Ideologie in der Form eines fundamentalistischen Islam. Wo der Islam politisch aktiv wird und Zwang (Gewalt) anwendet, nennen wir es Islamismus. Der findet sich eben nicht nur in terroristischen Anschlägen und Gruppen wie IS oder Boko Haram, sondern genauso im sunnitischen Staatsislam Saudi Arabiens und dem schiitischen Gottesstaat Iran. Die Verbreitung der Scharia (mittelalterliches „Gottesrecht“) wird außerdem in Pakistan, Afghanistan, Indonesien und vielen Teilen Afrikas angewandt. Der IS hat nur die „beste“ publicity.

Dass dies alles nicht der einseitigen, häretischen, ja viel schlimmer der apostatischen Phantasie von Hirsi Ali entspringt (Häresie = Falschglaube und Apostasie = Unglaube, „Abfall“, sind im Islam todeswürdige Verbechen), zeigt eindrücklich das kleine Büchlein „1000 Peitschenhiebe“ des saudischen Gefangenen Raif Badawi. Es zu lesen ist bedrückend. Tausend Peitschenhiebe sind eine Folter, die faktisch zum Tode führt. Diese offizielle Strafe im Staat Saudi Arabien wurde verhängt wegen einiger Internet-Beiträge Badawis, die in diesem Büchlein abgedruckt sind (im Netz sind sie nicht mehr auffindbar). Badawi ist ein junger Muslim, der nichts anderes will als zu „sagen, was ich denke“. Badawi will ebenso wie Hirsi Ali ein „selbstbestimmtes Leben in der Gegenwart. Badawi fordert Liberalismus, Toleranz, Pluralität, Meinungsfreiheit und Menschenrechte.“ Was man bei ihm zu lesen bekommt, ist für uns in Europa durchweg eine Selbstverständlichkeit. Die Texte als solche enthalten nichts Neues – für uns. Im islamischen Staat Saudi Arabien sind sie todeswürdig. So viel zur Realität des gegenwärtigen Islam.

Darum fordert Hirsi Ali zu recht mit vielen anderen vorwiegend im Westen lebenden (weil aus den islamischen Staaten geflüchteten) Reform-Muslimen eine „Reformation“ des Islam von Grund auf. Der Kampf gilt einer Religion, die sich als eine religiös verbrämte Ideologie der Herrschaft und der Apartheid darstellt. Die Apartheids-Ideologie des Islam ist ebenso subtil wie umfassend. Die Herabsetzung der Frau unter die Gewalt des Mannes, ihr Einsperren in Schleier und Haus, das strikte Verbot der Gemeinschaft von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit ist eine andere Form der Apartheid. „Nur für Frauen“ – nur für Männer, das findet man in der Metro von Teheran (siehe den ARTE-Film „Im Bazar der Geschlechter“, zuletzt gezeigt bei Einsfestival, im Netz leider nicht mehr abrufbar), das bestimmt den Alltag in allen islamischen Ländern. Es wäre zu wünschen, dass gegen diese Ideologie der Apartheid des Islam genauso nachdrücklich und öffentlich protestiert wird wie einst gegen die Apartheidspolitik in Südafrika. Damals ging es um einen einzigen Staat, bei der islamischen Apartheid geht es um eine Vielzahl von islamischen Ländern.

Und noch ein Verdienst kommt dem Buch Hirsi Alis zu: Dass sie sehr klar die beschwichtigende, letztlich jeden Konflikt scheuende und ein genaues Hinsehen verweigernde Haltung mancher „Liberaler“ im Westen benennt, die unter dem Deckmantel der liberalen Toleranz religiöse Intoleranz und massive Verletzungen der Menschenrechte und sogar eine neue Ideologie der Apartheid hinnimmt. In unseren westlich geprägten Ländern sollten wir schon klar sagen, was im Islam und in islamischen Staaten (nicht erst in islamistischen Organisationen) falsch läuft, was unseren Widerstand findet und was dringend reformiert werden muss. Darum Alis Aufforderung: „Reformiert euch!“ Reformiert den Islam. Das ist das Gegenteil von „Islamophobie“, denn allein eine solche Reform des Islam kann ihm einen Platz in der Moderne schaffen und seine geistlichen Schätze würdigen. Solch eine Reformation wird schwierig sein, weil sie Mächtige bedroht, aber sie kann eine Hoffnung sein für all diejenigen Menschen, die Muslime sein wollen und zugleich vom Wert der Menschenrechte, der Freiheit und der Trennung von Religion und Staat überzeugt sind. Dass diese Reformation bereits „unterwegs“ ist, wie Ali schreibt, sollte als konkrete Hoffnung und als Programm unsere Unterstützung finden.

Sep 282014
 

[Politik, Gesellschaft]

Man hört es jetzt häufiger. Jüngst hat es Außenminister Steinmeier auf der UN-Vollversammlung wiederholt: Die Welt sei aus den Fugen geraten. Eine merkwürdige Beschreibung der gegenwärtigen Situation. Es lohnt darüber nachzudenken. Es könnte mehr als die Metapher selbst etwas über die heutige Zeiterfahrung aussagen.

Dass eine Zeit als aus den Fugen geraten erlebt wurde, hat es öfter gegeben. Vor allem „Krieg und Pestilenz“ galten als außerordentliche, wenn auch als regelmäßig und unberechenbar wiederkehrende Ereignisse, die normales Leben an seine Grenzen brachten. Die Große Pest von 1445/46 in Zentraleuropa wurde als besonders verheerend und als „Geißel Gottes“ erlebt: Die böse Welt war aus den Fugen geraten. Erst recht brachte das 17. Jahrhundert mit dem für Mitteleuropa völlig desaströsen und jegliche Ordnung außer Kraft setzenden Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) auch die Pest wieder zurück (1632 – 1635), zum letzten Mal gewaltig und ungebremst dann 1678 – 1680 in Süd- und Osteuropa. Besonders Wien war betroffen, was 1683 mit der erneuten Belagerung durch die Türken unter Mehmed IV. zusammen fiel. Wo Leben in seinen einfachsten, erst recht in seinen zivilisierteren Formen kaum noch möglich war (Pest-Motto: Lasst uns singen und huren, lügen und betrügen, denn morgen sind wir tot), konnte man die Welt als aus den Fugen geraten erleben. Ähnlich war es bei einem ganz anderen, zumindest Europa erschütternden Ereignis: dem Erdbeben von Lissabon 1755. Entsprechende Äußerungen finden sich in den Zeitzeugnissen. J. W. von Goethe schreibt darüber in „Dichtung und Wahrheit“:

„Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im Tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, aber durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür. (zitiert nach Wikipedia)

Man könnte fortfahren mit der Aufzählung weiterer katastrophaler Ereignisse und Zeiträume, in denen die Welt aus den Fugen geriet,  wie die Zeit des Ersten Weltkriegs, besonders ab 1916, und die für Europa und weitere Weltteile materiell und kulturell verheerenden Abläufe des Zweiten Weltkrieges, insbesondere mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Auch die Kriegsverläufe in Russland mit Millionen Toten und die Entdeckung der deutschen Vernichtungslager ließen Zweifel am „Sinn des Lebens“ entstehen (Benjamin, Sartre, vam.). In diesem Zusammenhang erscheint allerdings eher eine reflektierte Kulturkritik als die Artikulation eines unmittelbaren Erlebens, das die Welt als aus den Fugen geraten erfuhr. Das dürften die Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen (nicht nur auf deutscher Seite) jedenfalls faktisch so erlebt haben. Übergroße Not jedoch macht stumm, und die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft und der Schrecken des 2. Weltkriegs geschahen mehr unter dem Stichwort Holocaust. Der eigene Begriff sollte die Unvergleichbarkeit des Verbrechens sichern. „Aus den Fugen geraten“ wäre dafür als zu gering bedeutend erschienen. Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg wurde dann allerdings sehr wohl als eine Zeit erlebt, die allmählich wieder Ordnung und Sinn ins alltägliche Leben zurück brachte: Die „Fugen“ der Kriegszerstörungen wurden wieder ausgefüllt.

Umso erstaunlicher ist es, wenn heute (das schließt die letzten zwei Jahre ein) Bücher und Bestseller erscheinen, welche die gegenwärtige Welt als aus den Fugen geraten titulieren. Als Beispiele nenne ich den gerade verstorbenen Peter Scholl-Latour, Die Welt aus den Fugen: Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart, 2012 (Spiegel-Besteller), und die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assman, Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne, 2013 (bei Amazon als eBook). Beide Bücher sind sogar noch vor den Ereignissen erschienen, die heutige Politiker und Journalisten vermehrt zur Zustandsbeschreibung „aus den Fugen geraten“ motivieren: Dem Erfolg des Terrorregimes „Islamischer Staat“ und der kaum zu bewältigenden Ebola-Epidemie in Westafrika. Demgegenüber ist der Ukraine-Russland-Konflikt schon wieder etwas verblasst, gehört aber wegen seiner weltpolitischen und geostrategischen Auswirkungen durchaus in den Zusammenhang aktueller Zeiterfahrung. Massensterben und der Zusammenbruch der Alltagsordnung wird aber allenfalls in den Ebola-Krisenzentren gefunden. Der IS bewegt und erschreckt (das will er ja gerade = terror) durch seine kalte Brutalität, seine archaische Ideologie gepaart mit perfekter technischer Ausstattung, seine finanziellen Ressourcen und schnellen Erfolge und vor allem auch durch seine Faszination, die er auf Teile jüngerer Menschen in der westlichen Welt ausübt. Aber Massenphänomen, Welterschütterung, Untergangsstimmung? Fehlanzeige. Das könnte allenfalls für die Ereignisse in und um die Ukraine gelten, weil hier geopolitische Gewichte bewegt und verschoben werden mit befürchteten langfristig negativen Auswirkungen für uns in Deutschland. Ebola wird dagegen noch eher am Rande wahr genommen (vgl. das geringe Spendenaufkommen). Was also ist es dann, was gerade bei uns im deutschsprachigen Raum [ich vermute, dass im angelsächischen Raum die Zeiterfahrung unterschiedlich ist] die in Mode gekommene Rede von der aus den Fugen geratenen Welt zu einem so attraktiven Deutungsmuster werden lässt?

Biedermeiermoebel

Biedermeier Möbel (Wikimedia, I, Sailko)

Es hängt vielleicht mit dem zusammen, was man mehr spöttisch als analytisch das „neue Biedermeier“ oder das „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ genannt hat. Es lohnt sich, beide Begriffe zu googeln oder Biedermeier als Suchbegriff bei FAZ.Net einzugeben. Don Alphonso hat schon im Juli (noch vor dem verbalen Biedermeier-Hype der letzten Wochen) sehr erhellend darauf hingewiesen, dass das Biedermeier des 19. Jahrhunderts alles andere als eine Idylle war. Dennoch geistert der Begriff mit dieser Idyll-Konnotation durch die Medien, zuletzt sehr typisch von Carsten Knop so beschrieben:

In diesem Land fühlt man sich wohl. Es erfindet die Mütterrente. Man hält wenig vom störenden Ausbau der Infrastruktur, treibt die Energiepreise in phantasievolle Höhen – und im Zweifel wird das Unbequeme verboten. Gerne kauft man Sachen, die gut und alt aussehen. Nur auf dem immer neuen Smartphone von Apple oder Google tauscht man sich etwas schizophren über die Datensammelwut amerikanischer Internetkonzerne aus. Die Stimmung im Land wird von Vorstandschefs aus der Softwarebranche inzwischen „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ genannt. Und das ausgerechnet jetzt, wo die nächste industrielle Revolution schon begonnen hat und zur gesellschaftlichen Herausforderung wird. (FAZ.Net)

Der Begriff Biedermeier wird hier industriepolitisch und technikkulturell verwandt, soll aber eine gesellschaftliche Mentalität kennzeichnen, die unbeweglich, ängstlich und saturiert ist und im Bewusstsein ihres Wohlergehens das eigene weltentrückte Wolkenkuckucksheim bewahren möchte – nur keine Veränderung, nicht einmal zu besseren Chancen. Eigentlich taucht da wieder das Bild des deutschen Michel auf, der die wichtigsten Entwicklungen der Zeit verschläft und sich mit seinen eigenen Illusionen in den Schlaf singt – ganz im Gegensatz zu Heinrich Heine, der in dieser Situation dagegen dichtete: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, werd ich um den Schlaf gebracht.“ Trifft diese Beschreibung einer Mentalität des so verstandenen „Biedermeier“ auf unsere gegenwärtige Gesellschaft zu oder ist es nur eine weitere Metapher, die mehr verhüllt als erklärt und allenfalls eine Karikatur spiegelt? Ich denke, beides stimmt: Es ist eine durchaus zutreffende Beschreibung, und sie ist dennoch eine Karikatur. Die aus den Fugen geratene Welt bringt es auf den Punkt.

Es ist eine für unsere deutsche Situation sehr erklärliche Einstellung. Mehr als 40 Jahre existierten West- und Ostdeutschland an der Systemgrenze des Eisernen Vorhangs, was durchaus eine höchst gefährliche und tödliche Grenze war. Mögliche Krisen, die aus dem kalten zu einem heißen Krieg werden konnten, waren in den sechziger und auch noch in den siebziger Jahren sehr bewusst, und der Checkpoint Charlie weit entfernt davon, eine jahrmarktsähnliche Touristenattraktion zu sein. Nicht nur wurde der Mauerbau am 13. August 1961 als möglicher Auslöser des dritten Weltkriegs erlebt, sondern die Toten an der Berliner Mauer und an der innerdeutschen Grenze traten in jedem einzelnen Falle erneut ins Bewusstsein. Den letzten erschossenen Mauertoten gab es im Februar 1989 (Chris Gueffroy). Erst auf diesem Hintergrund gewinnt das Ende des Eisernen Vorhangs und der Fall der Berliner Mauer vom 9. November 1989, genau vor 25 Jahren, seine Bedeutung auch für den sich daraus entwickelnden Mentalitätswechsel. Was für die Menschen in der Prager Botschaft Genschers Mitteilung ihrer Ausreise in die Freiheit bedeutete, wiederholte sich in ähnlicher Weise auf westdeutscher und westberliner Seite beim Fall der Mauer bis hin zur staatlichen Vereinigung am 3. Oktober 1990. Die Anspannung durch die ständige Bedrohung ließ plötzlich nach, Moskau war mit dem verständnisvollen und nur in Deutschland beliebten Gorbatschow kein Feind mehr, überhaupt ging das langjährige Feindbild des roten Ostens mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Auflösung des Warschauer Paktes zu Bruch. Fast jubelnd wurde immer wieder erklärt, Deutschland sei jetzt nur noch von Freunden umgeben. Die Redeweise von der Friedensdividende machte die Runde, und der Umbau der Bundeswehr geschah ebenfalls auf dem Hintergrund einer als völlig verändert wahrgenommenen Bedrohungslage. Deutschland wurde nicht mehr an Elbe und Oder verteidigt, sondern im fernen Hindukusch. Das war wirklich weit weg.

Die Friedensdividende wurde durch einen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Intermezzo der vereinigungsbedingten Stagnation eingefahren. Wie wandlungsfähig Deutschland war, konnte man in Schröders Agenda 2010 sehen, die zwar einen Kanzler das Amt kostete, insgesamt aber die deutsche Wirtschaft auf die Überholspur und der Gesellschaft einen Modernisierungsschub brachte („Leistung muss sich lohnen“, „Fördern und Fordern“ usw.) Erst mit dem Hereinbrechen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 gewannen die Kritiker des nun als „neoliberal“ und also unsozial verschrieenen Modells medial in der Öffentlichkeit die Oberhand. Viele wollten nun politisch das Rad etwas zurück drehen, denn so viel Mut und Bewegung brachten gerade auch in der Sozialpolitik Unruhe, die zum Teil gewiss berechtigt war. In dieser Rückwendung zu den angeblich bewährten ehemaligen Sozialstandards und der geforderten und zum Teil umgesetzten stärkeren staatlichen Verantwortlichkeit für Wirtschaft und Industrie sehe ich den materiellen Hintergrund dessen, was heute als Biedermeier karikiert wird. Es ist die Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, Wohlstand und sozialem Ausgleich, nach stetiger, aber behutsamer Fortentwicklung der bewährten Strukturen und Wirtschaftsmodelle, nach Veränderung, aber mit Augenmaß, nach einfacheren und näheren Lösungen, als es die kalte, als bürokratisches Monster empfundene EU bieten kann. Wenn all dies Aspekte einer Mentalität des Biedermeier sein sollten, that’s it. Und nun kommt es: Genau diese Sehnsucht und dieses Wohlgefühl funktionieren nicht, nicht mehr – oder vielleicht haben sie auch niemals wirklich gepasst. Die Welt hat sich rasant weiter gewandelt ohne Rücksicht auf deutsche Befindlichkeiten und passt nicht mehr zu dem so beschrieben Lebensgefühl des Wohlstands und der Sicherheit. Weil sich dies immer deutlicher als Illusion entlarvt, ist die Welt gefühlsmäßig aus den Fugen geraten.

Westerwelles Außenpolitik war vielleicht so etwas wie das Menetekel des deutschen Heraushaltens, Spiegelbild der Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, eben nach dem Genuss der „Friedensdividende“. Heute holt uns die Wirklichkeit (zum Beispiel auch des Zustandes der Bundeswehr, die uns aktuell nicht mehr schützen und verteidigen kann) recht brutal ein. Widerstand gegen den IS ist erforderlich, Deutschland liefert Waffen in den Irak bzw. nach Kurdistan. Im Ukraine-Konflikt saß man fast zwischen allen Stühlen (siehe der illusionären Steinmeier-Pakt einen Tag vor der Flucht Janukowitschs), ehe sich die Bundesregierung zu einer klareren Hinwendung zu gemeinsamen westlichen Positionen entschloss. Nach dem offensichtlichen Ende der Träume von einer neuen friedlichen Welt ohne West-Ost-Gegensatz, ohne heiße geopolitische Antagonismen, am liebsten multipolar nach französischer Façon, musste schnell, sehr schnell gelernt und umgeschaltet werden. Dies betrifft nun keineswegs nur Deutschland, sondern Europa insgesamt. Deshalb konnte schon 2012 das Peter Scholl-Latour-Buch diesen Zustand vermelden:

Die Weltpolitik gleicht derzeit einem aufziehenden Gewittersturm. Ob in Afrika oder Lateinamerika, in Arabien oder im Mittleren Osten – überall braut sich Unheilvolles zusammen. Und auch der Westen – Europa und die USA –, einst Hort der Stabilität, wird von Krisen heimgesucht wie seit langem nicht. Peter Scholl-Latour, Spezialist für turbulente Großwetterlagen, kennt die Welt wie kein Zweiter. Vor dem Hintergrund seiner sechzigjährigen Erfahrung als Chronist des Weltgeschehens beleuchtet er in seinem neuen Buch die Brennpunkte der aktuellen Weltpolitik. Der Abzug der USA aus dem Irak und Afghanistan hinterlässt zerrüttete Staaten, die in Bürgerkriegen versinken. Der Konflikt um Irans Atompolitik spitzt sich gefährlich zu. Pakistan ist ein Pulverfass. Die arabische Welt befindet sich in Aufruhr, mit ungewissem Ausgang. Die Zahl der „failed states“, Brutstätten des Terrorismus, nimmt beständig zu, vor allem in Afrika. Zu allem Überfluss stolpern Europa und Amerika von einer Finanzkrise in die nächste und erweisen sich international zunehmend als handlungsunfähig. Mit dem ihm eigenen Gespür für weltpolitische Umbrüche begibt sich Peter Scholl-Latour auf eine Tour d’Horizon rund um den Globus und schildert eine Welt aus den Fugen. (Klappentext)

Kurz gesagt: Die Welt wird deswegen aus mancherlei Sicht als aus den Fugen geraten beschrieben, weil man zuvor die Fugen und Brüche in einem harmonistischen Wunschbild überdeckt („arabischer Frühling“) und diese romantisierte Idylle für die Wirklichkeit genommen hat. Diese Wirklichkeit gab es so nie, weder in Tripolis noch in Kiew auf dem Majdan. Es gab dagegen vielerlei besorgniserregende Bruchlinien, divergierende Interessen und sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. Darauf hat Scholl-Latour in seinem letzten Buch zurecht und nüchtern hingewiesen. Darauf weist auch Aleida Assmann hin, wenn sie in einem kulturgeschichtlichen Rundumblick die postmoderne Zeiterfahrung thematisiert. Für uns scheint die Welt heute deswegen aus den Fugen zu sein, weil wir die Fugen und Brüche lange Zeit nicht sehen und wahrhaben wollten. Dass gerade Steinmeier davon redet, zeigt, wieweit das illusionäre Denken in der Politik vorgeherrscht hat. Es wird allerhöchste Zeit, die Realitäten wieder ernst zu nehmen.

Es gibt gravierende geopolitische Interessenkonflikte. Es gibt eine neue Art hochbrisanter Energiepolitik, das meint nicht nur den politischen Gashahn, sondern ebenso eine utopische Politik der „Energiewende“ (siehe den weltweiten Erfolg von fracking). Es gibt machtvolle antiwestliche Interessengruppen und politische Akteure, die sich weder um Völkerrecht noch um Menschenrecht kümmern. Es gibt Terroristen, die eine Ideologie rücksichtsloser Machtausübung praktizieren. Es gibt eine religiös verbrämte Hinwendung zu angeblichen alten Werten (Salafismus; Tea Party), die den freiheitlichen und vernunftbasierten Tendenzen der Neuzeit strikt entgegen laufen. Es gibt in der Tat Feinde, nicht nur Gegner unserer Lebensweise (die natürlich selbstkritisch zu analysieren ständige Aufgabe bleibt). Es gibt einen Hang zu einem neuen Nationalismus, der wirklich gefährlich werden kann. Die Abstimmung in Schottland war nur ein harmloses und zumal demokratisch einzigartiges Vorspiel. Es gibt die begründete Vermutung, dass das derzeitige wirtschaftliche und industrielle Niveau in Deutschland auf tönernen Füßen steht. Nicht nur in der digitalen Wirtschaft kriegen wir kaum einen Fuß auf den Boden – und das gilt de facto für ganz Europa. Umso verdrießlicher und fast scherzhaft symbolisch ist es, wenn dann auch noch Adidas von Nike bei den Innovationen abgehängt wird. Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie ist so widersprüchlich und konfliktreich wie eh und je. Den Fortschritt gibt es offenbar nur darin, neue Konflikte noch raffinierter und noch brutaler zu inszenieren. Im Informationszeitalter wächst vor allem die Desinformation. Es wird  Zeit, die Biedermeierhaube abzunehmen und den Wandel zu einer nüchternen Real- und Interessenpolitik zu vollziehen, gewiss auch mit haushaltspolitischen und steuerlichen Konsequenzen, statt über eine „Welt aus den Fugen“ zu lamentieren.

 

 28. September 2014  Posted by at 13:42 Geschichte, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Aus den Fugen
Apr 062014
 

[Kultur]

Es gibt zwei Begriffe, die nahezu selbstverständlich verwandt werden, um besondere Merkmale der postmodernen Gesellschaft zu kennzeichnen: Komplexität und Beschleunigung. Während der erste Begriff aus einer Popularisierung des Soziologen Niklas Luhmanns stammt, erfuhr der zweite Begriff seine soziologische Begründung durch Hartmut Rosa. Beide Begriffe sind auf den ersten Blick einleuchtend. Sie scheinen sehr direkt wesentliche Aspekte heutiger Lebens- und Welterfahrung abzudecken. „Alles wird immer komplizierter“ ist die mehr volkstümliche Version der Komplexität moderner Gesellschaften, festgemacht an Erfahrungen mit Bürokratie oder Technik. Und das andere ist: „Immer diese Hetze und Eile heute“, alles muss schnell gehen, keiner will warten.

Tatsächlich stimmt es ja, dass Verkehrsmittel dank moderner Technik und Infrastruktur so schnell sind wie nie zuvor, das Kommunikation mittels der Allgegenwart von Telefonen (Handys, Smartphones, Internet) instantan geschieht, dass Arbeitsabläufe in Produktion und Dienstleistung optimiert werden auf ihren Ressourcenverbrauch hin, und da ist Zeit eine wichtige Größe. Und es stimmt auch, dass die Handhabung vieler technischer Geräte sich keineswegs mehr auf den ersten Blick bzw. beim ersten Gebrauch erschließt, also komplizierter geworden ist, dass Verwaltung, Bürokratie, Serviceabteilungen eine wachsende Vielzahl von Vorschriften, Rechtssetzungen, Normen sowie unterschiedliche bis divergierende Kundenbedürfnisse berücksichtigen müssen. Wer einen Umbau plant, weiß ein Lied davon zu singen. Projekte wie BER und Stuttgart 21 sind ja nicht nur rein technisch-planerisch so kompliziert, sondern vor allem durch ihre gesellschaftlich und rechtlich genormte Einbettung.

ICE 3

ICE 3 Führerstand (Wikimedia)

Hält man beide Phänomene gegeneinander, so bekommt man den Eindruck einer gewissen Gegenläufigkeit, die die jeweils beschriebenen Effekte zumindest teilweise aufhebt. Zwar waren die Verkehrsmittel rein technisch noch nie so schnell und bequem wie heute, aber der Geschwindigkeitsgewinn wird durch Komplexitätsverluste konterkariert: Staus auf den Autobahnen verlängern die Reisezeit unkalkulierbar, Zugverspätungen oder Zugausfälle machen manche Fahrt durch Deutschland zum Alptraum, im Luftverkehr gibt es allzu oft Chaos durch betriebs- oder naturbedingte Störungen (Streik – Eis – Vulkanasche). Schon Rosa stellt fest, dass die Zeiteinheit pro schriftliche Kommunikation durch Email (SMS, Messages) gegenüber herkömmlichen Briefen zwar drastisch abgenommen hat, zugleich aber viel mehr Kommunikation pro Zeiteinheit produziert wird und zu verarbeiten ist. Hier ist also schon quantitativ eine Bremse eingebaut, von dem bedingt möglichen Qualitätsverlust / -gewinn ganz zu schweigen.

Zwar wachsen die technischen Möglichkeiten bei Planung und Ausführung von Projekten insbesondere durch den Einsatz von Digitaltechnik rasant und auf einer qualitativ neuen Stufe der Produktionsbedingungen, gleichzeitig aber nehmen die zu berücksichtigenden Faktoren der Umsetzung und Einbettung ebenso rasant zu: kein Hausbau ohne Umweltgutachten, keine Flughafenerweiterung ohne die Einbeziehung systemübergreifender, gesamtgesellschaftlicher Auswirkungen und Einflussfaktoren. Ähnliches gilt für Dienstleistungen aller Art. Zwar kann ich das jeweilige Kundencenter sehr „leicht & bequem“ (so das Versprechen) per Telefon oder Internet erreichen, aber dann beginnt das Elend langer Wartezeiten, nichtsahnender Callcenter, die Odyssee von Weitervermittlungen, am Ende ohne konkretes Ergebnis. Bei Behörden sind die Abläufe trotz vieler gegenteiliger Bemühungen für den Kunden intransparent, zeitraubend und oft im Ergebnis nicht zufrieden stellend. Mal eben aufs Amt zu gehen und eine Genehmigung abzuholen, das war mal. Und auf den Handwerker wartet man heute je nach Region so lange wie eh und je – oder länger.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren, und jeder und jede könnte etwas dazu beisteuern. Nun gut, könnte man resümmieren, komplexe Systeme sind halt störanfällig, da heben sich Beschleunigung und Komplexität wechselseitig auf. Ganz so gleichgewichtig ist es natürlich nicht, eher ein Pendeln mal in die eine, mal in die andere Richtung, so dass es schwer wird, diesbezüglich in der gesellschaftlichen Entwicklung eine wirkliche Tendenz heraus zu finden. Es bleibt aber auf jeden Fall der vorherrschende Eindruck in der Öffentlichkeit, die Zeit renne immer schneller und die Dinge würden immer komplizierter. Woher kommt das?

Zum einen ist hier mit Sicherheit auf die Alterung unserer Gesellschaft hinzuweisen. Die Klage über Eile und Hetze sowie über die Kompliziertheit der Lebensverhältnisse wird vielfach von Älteren geäußert: „Früher brauchte man doch bloß…“ Erhebliche und zeitlich gedrängte Veränderungen in den Lebensverhältnissen – und die sind unbestreitbar – treffen vor allem die ältere Generation, die sich dann in der heutigen Welt nicht mehr zurecht findet oder nicht mehr recht heimisch fühlt. Aber dies Generationenproblem gab es im Grunde zu allen Zeiten. Mit „komplizierter“ Technik hat die Jugend kein Problem, und mit Eile und Schnelligkeit auch nicht. Ein Zeitproblem tut sich in der jungen Generation dort auf, wo übergroße Ansprüche (meist der Eltern) den Kalender der Jugendlichen voll stopfen. Aber das ist ein anderes Problem. Eher macht es nachdenklich, dass gerade viele in der mittleren Generation, also der „Leistungsträger“ in ihrer Hauptschaffenszeit, über zunehmenden Druck am Arbeitsplatz klagen, sowohl was die Quantität (Zeit) als auch was die Qualität (Komplexität) angeht. Hier scheint es in der Tat für bestimmte Gruppen in der Gesellschaft einen Trend der Arbeitsverdichtung zu geben, dem keine eingebaute Bremse entgegensteht – es sei denn man rechnet Burn-out dazu. Dafür sind die Einflüsse aber vielfältig; sie lassen sich nicht auf die griffigen Kategorien „Komplexität und Beschleunigung“ reduzieren.

Auch für diese Ambivalenz ließen sich weitere Beispiele anführen. Mir wird deutlich, dass „Beschleunigung“ und „Komplexität“ zu oberflächlichen Schlagworten geworden sind mit geringem analytischen Wert. Es sind unscharfe Worthülsen, in die sich sehr unterschiedliche und verschiedenartige Phänomene unserer Gesellschaft hinein packen lassen. Die gewachsenen Freiräume für „Easy-going“, für Geselligkeit, Freizeit und Sport sind dabei noch gänzlich außen vor gelassen. Die Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft, ihr Wandel durch technische Entwicklungen, Zuwanderung, kulturelle Vielfalt usw. ist unübersehbar. Die Frage ist nur, ob oder wem das Angst macht und ob oder wann wir es einfach als Gegebenheiten einer neuen Zeit, unseres Heute, ansehen können mit (wie immer) vielen Chancen und Gefahren, die zu ergreifen und auszutarieren („work-life-balance“) am Einzelnen liegt. That’s life.

Die beliebten Begriffe „Beschleunigung“ und „Komplexität“ gaukeln eine analytische Kraft vor, die der Nachprüfung nicht stand hält. Es sind Schlagworte, Begriffsblasen, die allenfalls etwas Diffuses anzeigen, aber nichts erklären. Sie wie Selbstverständlichkeiten zu benutzen und in der Argumentation stillschweigend voraus zu setzen, macht nichts besser und klarer. Vielleicht sollten wir eine Weile auf sie verzichten.

 6. April 2014  Posted by at 12:52 Gesellschaft, Kultur, Moderne Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Komplexität und Beschleunigung
Apr 172013
 

In einem Vortrag des Forums Offene Wissenschaft der Uni Bielefeld sprach der linke Altmeister der deutschen Politologen Arno Klönne zum Thema „Christliche Fundamentalisten in Deutschland – Konsequenzen des Abschieds von der Volkskirche“. Er legte dar, wie die wachsende Zahl „fundamentalistischer“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen (evangelische und katholische „Volkskirchen“) als eine Reaktion auf die Moderne, nämlich als deren Ablehnung und Abwendung von ihr, verstanden werden kann. Dabei unterstrich Klönne, dass der Begriff „Fundamentalismus“ recht unscharf gebraucht und oftmals mit Terrorismus verbunden werde und darum näher bestimmt werden müsse. Er markierte vier Kennzeichen christlich-fundamentalistischer Gruppen und Strömungen:

  1. Enthistorisierung des eigenen Weltbildes
  2. Abkehr vom pluralistischen Wertesystem
  3. Unfähigkeit zum Dialog
  4. Aggressiver Hang zur „Missionierung“

1. Enthistorisierung meint, dass die eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen, die das jeweilige religiöse Weltbild prägen, als unverrückbar und dem historischen Wandel entzogen gelten. Die eigenen Glaubensaussagen werden entweltlicht und haben quasi Ewigkeitscharakter. Dementsprechend sind auch die Wertvorstellungen unhinterfragbar vorgegeben, zum Beispiel in der Familienethik oder Sexualmoral.

2. Dieser Herauslösung der eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen aus dem Fluss des geschichtlichen Wandels hypostasiert diese zu über- oder ungeschichtlichen Größen. Sie sind damit auch der gemeinschaftlichen Diskussion oder auch der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen. Es geht allenfalls um die zeit- und situationsgerechte Anwendung dieser unverrückbaren Wahrheiten. Gleichrangige andere Glaubens- und Wertsysteme sind damit undenkbar geworden. Die eigenen Glaubensinhalte und Wertsysteme werden zur ewigen Wahrheit erklärt, die aus pluralistischen Denk- und Lebensweisen heraus fallen.

3. Aus dieser hochgradigen Selbstbezogenheit und Selbstgewissheit, im Besitz der allein richtigen und unwandelbaren Wahrheit zu sein, ergibt sich die Unfähigkeit zum Dialog. Ein Gespräch mit Andersgläubigen (auch ‚andersgläubigen‘ Christen und Mitgliedern der eigenen Kirchen) kann nur nach taktischen Gesichtspunkten erfolgen, um den „Dialogpartner“ für sich zu gewinnen. Der eigene Standpunkt steht dabei niemals ernsthaft zur Disposition. So wird das Gespräch letztlich nur monologisch geführt unter der taktischen Hülle eines „Dialogs“.

4. Glaubt man sich selber im Besitz letztgültiger Wahrheiten, eingeschlossen in vorgegebenen Glaubensgrundlagen und Grundsätzen (Fundamenten), dann kann sich mit der eigenen Haltung ein massiver Drang zur Missionierung verbinden, um „die Welt“ vom „falschen“ Weg zu retten und die Anerkennung der Wahrheit und der Wirklichkeit der als allmächtig verehrten eigenen Gottheit zu erzwingen. Spätestens hier werden fundamentalistische Glaubensgruppen politisch bedeutsam.

5. Zusammenfassend kann man diese so bestimmten „fundamentalistischen“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen als eine Reaktion auf den pluralistischen Wertewandel der Moderne begreifen und sie als antimodernistische Reaktion verstehen. Durch die Enthistorisierung allgemein gültiger Wahrheiten sieht man sich dem nivellierenden Wandel der Zeiten entzogen.

Klönne wies darauf hin, dass solche christlichen Gruppierungen dann und dadurch eine besondere Problematik begründen, dass sie sich immer öfter mit spezifisch „rechtem“ politischen Gedankengut verbänden (Rettung des christlichen Abendlandes) und ihrerseits von rechten Gruppen und ihren Organen („Junge Freiheit„) für sich vereinnahmt würden (Rettung vor Islamisierung und Überfremdung). Gerade die sich bürgerlich gerierende Wochenzeitung „Junge Freiheit“ spielt hierbei eine bedeutende Rolle als intellektueller Türöffner. Von den Piusbrüdern bis zu bestimmten evangelikalen Kreisen eröffnet sich in Deutschland ein Feld christlich-fundamentalistischer und zugleich rechts-reaktionärer Strömungen, die besonders dann gefährlich verführerisch werden können, wenn soziale Verwerfungen in unserer Gesellschaft zunehmen. Klönne nannte die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und ging davon aus, dass sich Deutschland mittelfristig kaum von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der übrigen Europäischen Union abkoppeln könne. Genau hier erkannte er die gesellschaftliche und politische Gefahr, die von christlichen Fundamentalisten und ihren rechten Gesinnungsgenossen ausgehen können, wenn sie mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen.

Pfingstler

Pfingstler

Man kann der Meinung sein, dass dieses gezeichnete Bild aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich und zu negativ akzentuiert sei, – ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive allerdings nicht. Gerade dem bürgerlichen und biederen Deckmäntelchen der „christlichen Rechten“ kommt einige Bedeutung zu, auch wenn die Verhältnisse bei uns in Deutschland noch meilenweit von der politischen Aggressivität der christlichen Rechten in den USA verschieden sind. Zumindest scheint mir die Aufforderung Klönnes gut begründet zu sein, diesen Gruppierungen in unserer Gesellschaft mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch der Hinweis darauf, dass sich manche „fundamentalistischen“, insbesondere evangelikalen Gruppen völlig unpolitisch begreifen und sich und die Ihren „nur“ von den verderblichen Einflüssen des modernen Wertepluralismus fernhalten und abschotten wollen, macht deren Einfluss nicht weniger brisant. Zum einen betonte Klönne, dass sich gerade auch rechte Gruppen im kommunalen Umfeld bewusst scheinbar „unpolitisch“ verhielten, zum anderen zeigen die Konfliktfelder der evangelikalen Abgrenzung (Schulausflüge, Klassenfahrten, koedukativer Sportunterricht, Verweigerung der Teilnahme am Sexualkundeunterricht, Kreationismus) durchaus gesellschaftspolitische Sprengkraft. Werden hier um des lieben (Schul-) Friedens willen vorschnell und übereifrig Kompromisse im Sinne von Zugeständnissen gemacht, gibt man diesen antimodernistischen Strömungen de facto mehr und mehr Raum mitten in der Gesellschaft. Allein diese Auswirkung sollte von all denen, denen Pluralismus, Individualismus und Liberalität als Kennzeichen der Moderne lebenswichtig sind, genauestens beobachtet werden, um dem fundamentalistischen Anspruch angemessen begegnen zu können.

Leider fehlten in dem klaren und anregenden Vortrag Arno Klönnes (ich habe ihn aus meiner eigenen Sicht paraphrasiert) Zahlen: Wie groß sind diese fundamentalistisch genannten Gruppen, gibt es belegte Zahlen des Wachstums oder nachprüfbare Untersuchungen über ihren gesellschaftlichen Einfluss? Eine erste Übersicht über christliche Gruppen („Kirchen“ und „Sekten“) verschaffen die Aufstellungen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Will man hier aber weder einem selbst gebastelten Feindbild noch der Euphorie eines interreligiösen / interkulturellen Dialogs aufsitzen, sind belastbare Zahlen und wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse vonnöten. Das von Klönne skizzierte Szenario möglicher christlich-fundamentalistischer Gefährdungen reicht für sich genommen noch nicht zur Beurteilung der Tragweite dieser Phänomene aus, wenngleich von ihm wertvolle und weiter zu verfolgende Analysen und Hinweise gegeben wurden.

Ferner ist nach Parallelen und Übereinstimmungen mit den Fundamentalismen anderer Religionen zu fragen. Vieles oben Skizzierte ließe sich sicher auch über den islamischen Fundamentalismus aussagen. Dem steht aber zum Beispiel die Interpretation von Olivier Roy entgegen, der den fundamentalistischen Islamismus als eine spezifisch moderne Erscheinung analysiert, nämlich als eine besondere Form der postkolonialen Aneignung der Moderne. Das lässt eine spannende Ambivalenz des Phänomens „neuzeitlicher Fundamentalismus“ erkennen und regt zu weiteren Überlegungen und Forschungen an.

Insgesamt war es ein erfrischend klarer und anregender Vortrag dieses zweiundachtzig jährigen Großmeisters der deutschen Politologie.

 17. April 2013  Posted by at 09:56 Christentum, Fundamentalismus, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fundamentalismus als Antimoderne
Jan 262013
 

Im politisch-feuilletonistischen Kontext stößt man heute oft auf die Redeweise von der „Komplexität der Gesellschaft“, der Zunahme „sozialer Ausdifferenzierung“ und des „Bedeutungsverlustes von Sinnsystemen“. Dass unsere moderne Gesellschaft durch ein neuartiges Maß von Komplexität gekennzeichnet ist, gehört zum Allgemeingut, fast schon zum selbstverständlichen Hintergrundwissen, wenn man mit einer Kurzformel direkt oder indirekt unsere heutige Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Gesellschaften charakterisieren will. Die Beschreibung der Komplexität wird ergänzt oder präzisiert mit dem Hinweis auf die breite soziale Ausdifferenzierung, die frühere statische Hierarchien bzw. Klassen abgelöst hätten. Übergangsweise (zeitlich wie sachlich) spricht man auch gerne von mehreren in sich noch einmal strukturierten Schichten oder von einer breiter ausgefächerten, zur Nivellierung tendierenden „Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky). Hinzu kommt die Feststellung, dass fest abgegrenzte und allgemein anerkannte Sinn vermittelnde Institutionen an Bedeutung bzw. „Glaubwürdigkeit“ verloren haben („Krise der Institutionen“). Bisweilen wird auch eine zunehmende Entpolitisierung der Gesellschaft diagnostiziert, verbunden mit dem Rückzug ins Private, zu Freizeitvergnügen und Spaß. Damit sind Vorstellungen und Begriffe genannt, wie sie einem in Artikeln, Beiträgen und Diskussionen wie selbstverständlich begegnen. Ich stutze dabei freilich immer öfter.

Woher kommen diese gängigen Zuschreibungen zur Kennzeichnung unserer Gesellschaft? Es handelt sich dabei, wie auch kaum anders zu vermuten, um Popularisierungen bestimmter sozialwissenschaftlicher Theorien und Modelle (vgl. N. Luhmann). Es braucht allerdings schon eine hohe heuristische Qualität, wenn soziologische Theoriebildungen ihren Weg in die Alltagsdiskussion finden sollen, sprich: Diese Theorien müssen recht offenkundig etwas ansonsten Unverstandenes erklären und aufhellen können. Dann haben sie das Zeug, in das Bewusstsein der Allgemeinheit, in politische oder kulturelle Diskussionen einzudringen und sie als festes Hintergrundwissen prägen zu können. Dies ist für sich genommen ganz wertfrei ein normaler Prozess, wie „Weltbilder“ oder „Denkmodelle“ die jeweils erfahrbare Welt verstehen und begreifen helfen. Aber damit erhalten wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die an sich immer nur partielle Beschreibungen und vorläufige Deutungen eines Aspekts der Wirklichkeit liefern können, universellen, bisweilen sogar „totalitären“ Charakter und werden zur Ideologie, zur vereinfachenden und verzerrenden, eindimensionalen und polarisierenden Darstellung einer an sich äußerst vielgestaltigen und vielschichtigen Wirklichkeit.

Ich habe den Eindruck, dass zumindest in Teilen der interessierten Öffentlichkeit heute die „Systemtheorie“ die wesentlichen soziologisch relevanten Deutungsmuster und Kategorien zum Verständnis unserer Gesellschaft liefert. Als populäre Derivate kann man jetzt auf die „Komplexität“ der gesellschaftlichen Systeme und auf den Verlust von „Sinnsystemen“ verweisen. Ja, Komplexität wird im Gefolge dieser soziologischen Theorien zum Ausweis einer modernen Gesellschaft überhaupt, die sich in vielfältigen Institutionen und Teil- und Subsystemen strukturiert und entsprechend differenziert kommuniziert. Eine inhaltliche Nähe zu den Strukturen digitaler Netzwerke scheint sich anzubieten, um auf diese Weise Kategorien und Begriffe aus der soziologischen Theorie bzw. der Technikwelt in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übernehmen oder doch zu übersetzen. Gerade in der Netzdiskussion findet man häufig systemorientierte Interpretamente.

Struktur (Metall)

Struktur (Metall)

Die Komplexität unserer Gesellschaft in funktionalen Systemen gilt als das unterscheidende Merkmal der modernen Gesellschaften gegenüber „traditionellen“, hierarchisch strukturierten und in vertikalen Ständen oder horizontalen Verbänden gegliederten Gesellschaften. Vielleicht sollte man aber besser von einer Zunahme der Dynamisierung gesellschaftlicher Prozesse sprechen, beginnend mit der Industrialisierung – und mit der Allgewalt des Finanzkapitals noch lange nicht endend. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, inwiefern unsere heutigen (westlichen) Gesellschaften apriori komplexer sind und sich aller erst durch Komplexität konstituieren im Vergleich zu anderen (auch früheren) Gesellschaftsformen. Diese Sichtweise erscheint mir als zu eng.

Entsprechendes gilt für den allseits diagnostizierten Verlust von „Sinnsystemen“. Ohne Zweifel hat die Selbstverständlichkeit einiger „Sinn-Agenturen“ wie Kirchen und Gewerkschaften erheblich nachgelassen. Daraus wird man aber kaum einen Verlust an Sinn vermittelnden Instanzen ableiten können, allenfalls eine Verschiebung hin zu anderen Instanzen und Institutionen, denen sich der Einzelne selber verbunden fühlen kann. Der gesellschaftliche Zwang, bestimmten vorgegebenen Sinnagenturen zu folgen (der Kirche, der bürgerlichen Moral, dem Brauchtum), ist geschwunden. An deren Stelle ist die individuelle Suche und Wahl einer Verbindlichkeit getreten, die vielfältige plurale Angebote bereit stellen.

***

Ich möchte einmal einen anderen Blickwinkel vorschlagen: nicht den systemtheoretisch voreingestellten Blick ‘von oben’, sondern den Blick ausgehend vom Einzelnen, wie er sich in seiner Welt sieht. Der Einzelne steht stets in Beziehungen zu anderen, mit denen er interagiert. Die anderen sind für ihn jeweils Vermittlungsstellen („Knoten“) seines Weltbezuges, die ihrerseits wiederum mit weiteren verbunden sind. Entweder sind das fremde oder ihm ebenfalls bekannte Individuen / „Knoten“. Die Beziehungen sind sehr unterschiedlich strukturiert und regelgeleitet: Die Beziehung zum Partner ist eine andere als die Beziehung zum Chef; die Beziehungen in der Familie sind anders als die am Arbeitsplatz, die im Sportverein wieder anders als die in der Nachbarschaft usw. Dies lässt sich gut im Bild eines Netzwerks beschreiben, wobei die meisten Verbindungen reziprok sind. Von der Valenz her, also der Qualität nach sind sie aber jede für sich unterschiedlich gewichtet und unterliegen sehr unterschiedlichen Regeln und Normen. Zudem sind einige Beziehungen vorgegeben (Eltern-Kinder), andere selbst gewählt und präferiert, einige dauerhaft (Kind der Eltern; bester Freund), andere eher lösbar oder gar nur auf Zeit angelegt (Arbeitsverhältnis). Dies wäre noch weiter auszuführen und differenzierter zu bestimmen, ich belasse es bei dieser Skizze. Entscheidend ist, dass sich die Weltsicht für den Einzelnen praktisch aus seinen Beziehungen ergibt und sich zugleich in seinen Beziehungen spiegelt. Das alte Sprichwort „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist“ beschreibt einen Aspekt dieses Wechselverhältnisses von Leben-in-Beziehungen und Ich-Konstitution. Oder noch anders: Der Mensch als soziales Wesen konstituiert sich auch als Individuum nur in und durch Beziehungen zu anderen. Das durch andere vorgängig vermittelte Wissen und Leben-in-Beziehung schließt dem Menschenkind aller erst seine Welt auf.

Fragen wir also danach, wie sich die Wirklichkeit im Leben des Einzelnen zeigt, so geht es nicht um objektiv ermittelte Strukturen, also auch nicht um ein von außen oder ‘oben’ auferlegtes Raster, sondern um das, was sich konkret in lebendiger Vielfalt als Welt-in-Beziehung zeigt. Das, was sich da zeigt (Welt-in-Beziehung), kann nun als verständlich, übersichtlich und vertraut erfahren und gedeutet werden oder als unübersichtlich und verwirrend. Meist sind beide Komponenten gegeben, das Vertraute-Klare und das Unvertraute-Unsichere in jeweils unterschiedlichen ‘Mischungsverhältnissen’. Beständige Beziehungen werden eher dem Feld des Eindeutigen und Vertrauten und darum Sicherheit Gewährenden zuzuordnen sein, kurzfristige, instabile Beziehungen eher dem Bereich des Unklaren, Unsicheren. Je mehr sich das Leben des Einzelnen in solchen Beziehungen wieder findet, die Verständlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit geben, desto verständlicher, einfacher und gewisser wird ihm seine Welt erscheinen, und umgekehrt: Je unsicherer die Beziehungen, desto unübersichtlicher und unverständlicher wird ihm seine Welt.

Wir können nun heute feststellen, dass sich gerade in den Beziehungen des einzelnen Menschen innerhalb seines Lebens erhebliche Veränderungen abspielen, die eine Folge der Dynamik der gesellschaftlichen Anpassungen und der wirtschaftlichen Veränderungen sind. Bestimmte Erwartungen ‘sicherer’ Beziehungen etwa durch eine lebenslange Partnerschaft, ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis, eine Verwurzelung an einem bestimmten Wohnort (Heimat) weichen immer öfter flexiblen Lebensverhältnissen mit einem „Lebensabschnittspartner“, einer befristeten Arbeitsstelle und einem nur zeitweisen Wohnort. Dies nur als markante, gut belegte Beispiele. Aus der Sicht des Einzelnen ist seine Welt also nicht „komplexer“, sondern schlicht unübersichtlicher und unsicherer geworden. Selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse („Systeme“) auf relativ einfachen Strukturen und Mechanismen beruhten – und ich glaube, dies ist tatsächlich der Fall – , wäre die Gesellschaft doch aus der Sicht und auf Grund der Erfahrung des Einzelnen ‘kompliziert’ im umgangssprachlichen Sinne, weil sie sich in seinen Beziehungen als unübersichtlich und unsicher darstellt, zum Teil auch deswegen, weil ökonomisch-politische Abläufe und Zwänge sowohl unverstanden als auch an sich unverständlich sind.

Es ist also die Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, die dem Einzelnen in seiner Welterfahrung widerfährt. Dies ist als solches kein neues Phänomen, jede Epoche (zumal bei Jahrtausendwenden!) hatte ihre Krisen und Unübersichtlichkeiten und dementsprechend ihre „Neurosen“ beim Einzelnen wie in der Gesellschaft. Heute allerdings ist die Dynamisierung der Lebens- und Wirtschaftsvollzüge derart angewachsen (manche nennen es ‘beschleunigt’), dass die Weltsicht fast zwangsläufig fragwürdig, unübersichtlich und diffus wird. Was gilt noch? Was gibt Sicherheit? Wo finde ich Bestätigung? Wo Geborgenheit? Welchen Sinn macht es / alles? Sowohl die Irritationen in den menschlichen Interaktionen als auch die fast zwanghafte Suche nach Stabilisierung und persönlicher Vergewisserung (-> Neurotisierung) erklären sich durch diese veränderten Beziehungsverhältnisse. Mal sehr platt formuliert ist es die Frage, ob der geeignete Mensch für diese Dynamik globaler Veränderungen überhaupt schon geboren ist.

Wir sind von den Schlagworten wachsender Komplexität und sinkender Sinnvermittlung ausgegangen. Statt objektiv von wachsender Komplexität schlage ich darum vor, lieber subjektiv von einer faktischen Unübersichtlichkeit zu sprechen, die unsere Epoche kennzeichnet. Die Kategorien „komplexer Systeme“ verführen zu einer theoretischen Eindeutigkeit, die es so praktisch nicht gibt. Wir sind auf der Suche, unsere Welt zu verstehen, jeder für sich und „in Beziehung“. Nur in und durch seine wirklichen Lebensvollzüge in konkreten Lebensbeziehungen kann der Einzelne seine Welt bewältigen und begreifen. Die Suche nach Sinn spiegelt nur die Suche nach stabilen Beziehungen in den eigenen Weltverhältnissen wider. Die Gesellschaft als Ganzes ist ‘mehr’, vor allem anders als die Summe ihrer Individuen. Und doch macht erst der seiner selbst bewusste und gewisse Einzelne in seinen konkreten Beziehungen und den ihnen eigenen Normen und Strukturen den Kern unserer Gesellschaft aus. Ihre Dynamik hängt letztlich auch von ihm ab. Insofern ist es zutreffender, von „Individualität-in-Beziehung“ als Kennzeichen unserer Moderne zu sprechen.

[27.01.: Gekürzt. Die Langfassung findet sich hier.]

 26. Januar 2013  Posted by at 18:46 Gesellschaft, Individuum, Moderne Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Verführerische Komplexität
Jul 282012
 

Geschichte erzählt mehr als nur Geschichten. Die eigene Geschichte zu vergessen macht leichtfertig und blind für die Gegenwart. Glaube an Geld und Fortschritt sind die Dogmen der Moderne. Obs für die Zukunft reicht, wird sich zeigen.

Sich mit „der Geschichte“ zu befassen, hat Hochkonjunktur. So sieht es jedenfalls aus, wenn man die Vielzahl von TV-Sendungen zu historischen Themen in szenischen Darstellungen zum Maßstab nimmt oder die stetig anschwellende Menge populärer Literatur zu Geschichtsepochen und Größen der Geschichte. Offensichtlich kann der heutige Mensch nicht genug bekommen von „Ägypten“, „Rom“, „Friedrich Barbarossa“ und überhaupt den Kaisern, Päpsten und Herrschern der Vergangenheit. Ein wenig im Schatten blüht aber auch die Literatur zur Sozialgeschichte, also sozusagen zur Geschichte des „kleinen Mannes“. Die ist allerdings nicht ganz so attraktiv. Nur in den beliebten touristischen Ritterspielen, in denen man das Mittelalter aufleben lassen möchte, kommen dann die „einfachen Leute“ vor, schön pittoresque als Marketender oder Kräuterfrau in Szene gesetzt. So lieben wir das Mittelalter. Überhaupt, so als Spielfilm, als dramatische Inszenierung und als Turnierspektakel möglichst mit einer mittelalterlichen Burg als Kulisse, so mögen wir „Geschichte“, als „event“ eben.

Daneben aber ist in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft fast der entgegengesetzte Trend festzustellen. Nicht etwa fehlendes Interesse an Geschichte meine ich, sondern die zur bewussten Reflexion gewordene Problematisierung dessen, was Geschichtswissenschaft überhaupt leisten kann. Historiker, so heißt es kritisch, können Geschichte gar nicht anders darstellen als in einer großen „Erzählung“, also einem dichterischen Akt der Konstitution von Geschichte. Die „bruta facta“ treten dann auf einmal völlig zurück hinter einem jeweils entworfenen Geschichtsbild, das viel eher die Fragen und Kategorien der Gegenwart wiedergibt als wirklich „das, was war“. Geschichtswissenschaft, so hören wir, sei entweder eine Sonderform von Literatur und Dichtung, also der Teilnahme an der Erzählung von „Geschichten“, gar nicht so weit entfernt vom Mythos, oder eben eine Konstruktion gegebener Fakten gemäß einer vorgefassten Sinn stiftenden Geschichtsphilosophie. In beiden Fällen scheint der erstrebte Gegenstand der Geschichte, die Tatsachen der Vergangenheit, also das Auffinden und Darstellen dessen, was früher einmal der Fall war, hinter unseren gegenwärtigen Denkschemata, Interessen und Fragestellungen zurück zu treten. Und weiter: Einerseits haben wir das Erbe des Historismus übernommen und sehen uns als durch Geschichte bedingte und in Geschichte verwickelte Menschen an, existieren also bewusst „geschichtlich“, auf der anderen Seite kann das „Ende der Geschichte“ verkündet und als „Posthistoire“ übertrumpft werden. Die Geschichte scheint so zur ewigen Gegenwart zu kondensieren, weil nur die Gegenwart wirklich ist und das Vergangene nicht mehr existiert. Geschichte als eigene Wissenschaft zeigt sich so als in sich selbst fragwürdig.

Es liegt auf der Hand, dass sich gegenüber solch radikalen Thesen Widerspruch geregt hat. Weiterhin forschen Generationen von Historikern akribisch an Quellen und Funden, lesen Texte, studieren Artefakte, orientieren sich an Dokumenten ebenso wie an Bauwerken und Symbolen. Offenbar ist da doch etwas an der Vergangenheit, was zwar so nicht mehr da ist, aber in vielerlei Hinsicht in die Gegenwart hinein reicht und uns in unserer Zeit beschäftigt und bewegt. Bisweilen ist es sogar so, dass nicht nur wir Heutigen Fragen an „die Geschichte“ haben, sondern dass es aus geschichtlichen Ereignissen heraus zu Anfragen an unsere Gegenwart kommt. Die Historismusdebatte und der heftige Historikerstreit zum Ende des 20. Jahrhunderts haben zumindest dieses erbracht: Es hat nicht nur die historisch arbeitenden, sondern uns „moderne“ Menschen überhaupt sensibilisiert für das Gewordensein, für die menschliche Verantwortung für „seine“ Geschichte, für die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, für die Relativität und Bedingtheit von Kulturen (ja, Plural!), Wissenschaften, Staatsformen und Rechtsbestimmungen. So dämmert es uns eben doch recht allmählich, dass wir westlichen Menschen bei allen Erfolgen und Leistungen – und Misserfolgen und Katastrophen – nicht allein der Nabel der Welt sind.

Umso mehr sollten uns geschichtliche Themen und Fragestellungen interessieren, weil sie nämlich zugleich unsere Vergangenheit und  unsere Gegenwart in einer zutiefst verunsichernden Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit erkennbar werden lassen. Verunsicherung darüber, was aus dem, was war, geworden ist, und was daraus denn wohl entstehen könnte. Denn eines zeigen geschichtliche Studien und Betrachtungen auch: Dass es fast nichts gibt, was unmöglich ist, dass scheinbar sichere Entwicklungslinien abrupt abbrechen und etwas völlig Unerwartetes zur Verwirklichung kommt. Die prinzipielle Unabgeschlossenheit, Offenheit der Gegenwart macht jedes ‚abschließende‘ Urteil über gegenwärtige Entwicklungen obsolet. Das ist tatsächlich die Tücke mit der Geschichte: Wir erkennen nur im Nachhinein, was damals in der damaligen Gegenwart wirklich war. Es ist nicht erst das Problem der Zukunft, dass wir nicht wissen, was kommt! Der daraus zu ziehende Schluss sollte also Bescheidenheit und Vorsicht im Urteil darüber sein, was gegenwärtig ist und welche Möglichkeiten und Perspektiven sich ergeben. Es sind allenfalls Wahrscheinlichkeiten, und nicht einmal die lassen sich angemessen bewerten.

Ich möchte noch einen weiteren Blickwinkel für die Betrachtung wählen. Die manifeste Realität der Gegenwart umgibt sich mit einem Charakter von Allmacht: So wie jetzt, war es noch nie; so weit wie heute, hat es noch kein Mensch je gebracht; so klug, erfinderisch und voller technischer Möglichkeiten ist noch kein anderes Zeitalter je gewesen. Wir sind einzigartig, und unsere Gegenwart ist einzigartig, darum muss doch auch unsere Zukunft einzigartig, voller Potentiale und ungeahnter neuer Möglichkeiten sein. Die Zukunft wird so zum absoluten Faszinosum, das schon die Gegenwart als Übergangszeit des „Noch nicht“ bestimmt. Besonders die Entwicklung der Computertechnologie verführt zu solch atemlosen Vorwärtsdrängen, als könne man die nächste Stufe dieser herrlichen Entwicklung kaum erwarten. Das Reich der Freiheit, der unendlichen Möglichkeiten, des Endes von aller Entfremdung und Fremdbestimmung liegt zum Greifen nahe vor uns. So klingt es aus manchen enthusiatischen Beschreibungen der neuen Ära des Internets, die schon zu einer neuen Evolutionsstufe des Menschen verklärt wird. Gewiss ist allerdings nur eines: Dass es auch ganz anders kommen kann und dass hier eine verständliche, aber nichtsdestoweniger gedankenlose und geschichtsvergessene Verwechslung von Wunsch und Wirklichkeit vorliegt. Zunächst ist, nüchtern betrachtet, die Technologie der Elektronik eine Sache erstaunlicher Miniaturisierung. Erst seit integrierte Schaltkreise auf Bruchteilen eines Quadratmillimeters aufgebaut werden können, sind Smartphones überhaupt möglich geworden. Es liegt also zunächst eine besondere Skalierung vor, die es so vordem noch nicht gab. Welchen Geist wir aber aus der Nano-Flasche entlassen, wissen wir noch nicht. Gleichzeitig liegt eine besondere, so noch nicht da gewesene Skalierung zur anderen Seite hin vor: Noch nie zuvor haben Menschen ihre Welt, die heute global, d.h. zum überschaubaren Globus geworden ist, in einer solchen Größenordnung beeinflusst, verändert und über die bisherigen „natürlichen“ Grenzen hinaus belastet wie heute. Es gab zwar auch schon zu Zeiten der Römer für immer gerodete Wälder, die dem Flottenbau zum Opfer fielen, aber das war nur „Fliegenschiss“ im Vergleich zur Klimaveränderung, wie wir sie heute erleben. Und noch ein drittes Beispiel für ein Skalierungsproblem: Nie zuvor war die Geldwirtschaft in Form des Kapitalismus so allgegenwärtig und alles beherrschend und durchdringend wie heute. Bedenkt man, dass das Vertrauen in die Macht des Geldes (nicht allein des Euro, sondern des Geldes überhaupt) allein eine Glaubenssache ist, gewissermaßen das Grunddogma unserer kapitalbasierten und renditegetriebenen „Marktwirtschaft“, und Misstrauen jede Währung zerstört, so wird ahnungsweise deutlich, wie fragil der Boden ist, auf dem unser gegenwärtiges „normales“ Leben beruht. Wahrscheinlich ist es eben überhaupt nicht „normal“ so, wie es jetzt ist, also keine Norm für die Zukunft. Aber auch dies wissen wir nicht, es wird sich allererst zeigen.

Der Blick auf die Geschichte kann lehren, auch das, was uns selbstverständlichste Grundlage zu sein scheint, eben nicht als selbstverständlich und naturgegeben anzusehen. Schon die ideengeschichtliche Basis unseres heutigen Bewusstseins, der Fortschrittsgedanke, ist eine geschichtliche „Erfindung“, ein Produkt der frühen Neuzeit. Dies ist das eigentliche Dogma der Moderne. Der Glaube an die Sicherheit des Geldes und an die Gewissheit des Fortschritts machen eigentlich die Welt zu der, die sie gegenwärtig ist, im Guten wie im Schlechten. Es ist dies sozusagen die säkulare „Religion der Moderne“. Aber ein Glaube verliert seine Kraft, wenn der Zweifel wächst. Der Blick in die Geschichte kann vor einem allzu tiefen Fall bewahren. Ob allerdings überhaupt auf die „Geschichte“ geachtet wird und ob so etwas wie Lehren daraus gezogen werden können, ist ebenfalls überaus zweifelhaft. Es gab geniale Geister, Erfinder und Entdecker lange vor uns; wir haben ihre Namen vergessen (zum Beispiel Lukrez, Alhazen, Zheng He). Die Zukunft jenseits der Dogmen der Moderne wird zeigen, ob man sich an uns einmal erinnern kann.

NACHTRAG:

Wenigstens noch zwei weitere Literaturhinweise:

Hans-Jürgen Görtz, Unsichere Geschichte, Stuttgart 2001 (Reclam)

Johannes Rohbeck, Technik – Kultur – Geschichte. Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie, Frankfurt 2000 (Suhrkamp TB)

 28. Juli 2012  Posted by at 19:44 Geschichte, Kultur, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Dumme Geschichte mit der Geschichte