Mai 072017
 

Warum scheint sich derzeit alles zu verändern, die Welt „aus den Fugen zu geraten“, wie es gern formuliert wird? Dass irgendetwas zu kippen droht, kann man als Wahrnehmung ‚gefühlt‘ so feststellen, aber ist diese Wahrnehmung auch belegbar? Betrachtet man das Geschehen auf unserem Planeten quasi aus dem Orbit, kommt ein verknotetes Netz unterschiedlicher Entwicklungen in den Blick. Es scheint in so ziemlich allen Lebens- oder Funktionsbereichen Veränderungen in ein Ausmaß zu geben, die kumuliert eine Totalrevision unserer Lebensverhältnisse bedeuten. Dies gilt für hoch entwickelte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ebenso wie für Schwellen- oder Armutsländer.

  • Kapitalströme mit Entscheidungen im Takt von Nanosekunden, Warenaustausch auf globalisierten Märkten, auf denen die Transportraten gen Null gehen, Arbeitsplatzkonkurrenz der Niedriglöhne mit den geringsten Sozialstandards weltweit, Beschleunigung der Kapitalakkumulation, also der Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen;
  • Umweltveränderungen durch menschliche Eingriffe in planetarischen Ausmaßen: rasantes Verschwinden von Arten, Überfischung, Klimaveränderung, irreversible Infiltration der Nahrungskette durch Plastikpartikel, Ausbeutung der Tiefsee, fossile Energiegewinnung, Pestizideintrag in Böden;
  • Kulturkonfrontationen durch ökonomische, geostrategische und militärisch geprägte Machtpolitik, Flüchtlingsströme weltweit, Entwurzelung durch Kriege, Klimaveränderung und großindustrielle Bodenbewirtschaftung;
  • Bedeutungszunahme von Religionen, religiösen Phänomenen und Ideologien zwecks kontrafaktischer Selbstvergewisserung und Selbstverortung, Vereinfachung und Umdeutung komplexer transpersonaler Zusammenhänge; Misstrauen gegenüber Informationen und Regierungen („Eliten“); Bestreitung der ‚offiziellen‘ Deutungshoheit des pluralistischen mainstream; 
  • Kontra- und post-faktische Informationsvermittlung als pseudo-alternative Deutungsmöglichkeit, Desinformation durch massive ‚Information‘ (MUD: massive ubiquitious disinformation);
  • Populismus, Diskreditierung demokratischer Verfahrensweisen, zunehmende Unterstützung von autoritären bis diktatorischen Regierungsformen, Delegitimierung nationaler und insbesondere internationaler Institutionen, Bestreitung der Allgemeingültigkeit von Rationalität und Menschenrechten, antiliberale Ressentiments inkl. Rassismus und Antisemitismus;
  • Rasante technologische Entwicklung und Verbreitung digitaler, robotergesteuerter Prozesse und Produkte, das algorithmische Paradigma, Transhumanismus etc.

In all diesen soziopolitischen Feldern, personalen Lebensbereichen und ihren jeweils typischen Aktionsmöglichkeiten hat etwas an Bedeutung gewonnen, das bei aller Veränderung allen gemeinsam ist: Das NETZ. Es ist dies eine Vermutung, aber eine nicht unbegründete. Das Internet in all seinen Formen (von der cloud über facebook bis zum dark net) ist weit mehr als ein zusätzliches Hintergrundrauschen. Es scheint mir vielmehr ein sehr spezieller Katalysator der unterschiedlichsten technischen, sozialen und politischen Prozesse zu sein, der die eigentümlichen Phänomene zum Teil hervorbringt, sie zum Teil aber radikal zuspitzt und wie ein Turbo beschleunigt.

Zunächst ist das Netz eine digitale Technik unter anderen, die wie jede technische Erneuerung zuerst zu quantitativen, dann vor allem zu qualitativen Veränderung führt. Das galt für die Druckerpresse genauso wie für die Dampfmaschine und das elektrische Netz. ‚Disruption‘ gab es auch früher schon, und Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ ist als auf den entwickelten Kapitalismus gemünzte Theorie vor-digital (1942). Die „digitale Revolution“ hat aber über die technische Umwälzung von Produktions-, Distributions- und Kapitalisierungsprozessen hinaus zu einer Beschleunigung und Transformation sozialer Verhältnisse geführt, deren Auswirkungen wir derzeit nur in Ansätzen erkennen können. Begriffe wie „fake news“ und „post-faktisch“ können als marker dieser Veränderung gelten. In der Allgegenwart des Internets und seiner rein digitalen (Selbst-) Darstellung wird Realität flüssig: Was ist Original, was Kopie, was ist echt, was gefälscht, was ist real, was ’nur‘ virtuell? Es geht also um die Grundkategorien der Erkenntnis von und des Verhaltens gegenüber Wirklichkeit, meiner eigenen und der „sozial konstruierten“. Dass die eher philosophischen oder soziokulturellen Thesen des (De)Konstruktivismus nun zeitlich genau mit der Verbreitung digitaler Netztechniken zusammenfällt, ist wohl ein Zufall (ihre Schöpfer hatten mit dem Internet noch nichts am Hut), aber ein folgenschwerer. Im gesellschaftlichen Diskurs und darauf folgend in der populären medialen Verbreitung sickerten die Theoreme durch als „es ist alles nur gemacht“ (womöglich „alles nur geraubt“, Die Prinzen) und gesellschaftlich bedingt. Die Gender-Debatte ist ohne diesen Ausgangspunkt gar nicht verständlich. Die Transformation jeglicher analogen Information in die digitale Wirklichkeit des Netzes gibt dem Ganzen einen virtuellen Untergrund: Nichts ist mehr real und sicher, alles ist konstruierbar, behauptbar, machbar, alternative Wirklichkeit und Wahrheit – post-faktisch eben.

GCHQ Headquarter

GCHQ United Kingdom (c) The Japan Times

Dagegen entsteht als Reaktion der ‚alt-right‘- oder rechtspopulistische Bezug auf das scheinbar einzig Echte, Verlässliche, Unveränderliche: Nation, Rasse, Männlichkeit, weiße Vorherrschaft, „Volk“ (andernorts Religion, „Islam“) als quasi-transzendentale Deutungskategorie. Ohne die Beschleunigung der Nachrichtenverbreitung, der massiven ‚viralen‘ Verbreitung von news und memes, der kaum noch möglichen Entwirrung von Realistischem und Gefaktem lässt den Rückzug in die individuelle, gewaltsame Selbstbehauptung gegenüber anonymen „Faktenschleudern“ („Lügenpresse“) noch einen Rest von Rationalität. Politik wird de facto als virtuell, als geisterhaft abgehoben begriffen, als ein Geflecht von Fälschung und Interessen zwecks persönlicher Bereicherung. Dass in den USA das Urbild eines archaischen, irrationalen Selbstbereicherungs-Typs als populistischer Präsident gewählt wurde, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Im Chaos kann es richtig scheinen, den Bock zum Gärtner zu machen.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Die Digitalisierung einschließlich vernetzter Rechner ist eine grundstürzende technologische Innovation, die wie alle Verbreitung neuer Basistechnologien enorme gesellschaftliche Folgen hat, gute wie schlechte, mit Gewinnern und Verlierern. Wie bei allen Innovationen ist die Hoffnung die, dass die positiven Auswirkungen die negativen überwiegen und insofern einen echten „Fortschritt“ für alle darstellen. Dies betrifft die oben aufgezählten Bereiche der Ökonomie, der Finanzwelt, der Produktion, Distribution, der Dienstleistungen und Administration. Auch viele Bereiche des kulturellen Betriebes profitieren, was die instantane Verfügbarkeit von Medien aller Art deutlich macht, aber auch die Grenzen des Urheberrechtes zeigt. Diese technologische Umwälzung mit der Entwicklung von Gentechnik, KI, Robotik usw. stellt ein gewaltiges Potential an Veränderung bereit. Wieviel davon Disruption und positive Innovation sein wird, wird sich im Laufe der Zeit zeigen.

Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten Aspekt der digitalen Revolution, nämlich der Digitalisierung von Information und Kommunikation über das Internet. Die Einebnung von wahr und falsch, von Original und Fälschung, die beliebige Kopierbarkeit jedweder digitaler Daten, egal ob Text, Bild, Ton, Verlaufsdaten und ihre grundsätzlich stets mögliche und heute zunehmend realisierte Kompromittierbarkeit untergräbt die Vertrauensbasis gesellschaftlicher, interpersonaler Kommunikation. Die Nachvollziehbarkeit aller Kommunikation macht Vertraulichkeit zur Farce oder zur Falle: wenn nämlich bei vermeintlicher Vertraulichkeit durch Verschlüsselung backdoors bestehen, durch die Verschlüsselung jederzeit aufgehoben werden kann. Ob dies innerhalb oder außerhalb der (nationalen) Legalität geschieht , spielt für die grundsätzliche Unsicherheit auch der verschlüsselten Kommunikation keine Rolle. Wenn dazu noch Geschäfts-, also Kapitalinteressen kommen, wird aufgrund der privatwirtschaftlichen Monopolisierung des Internets (Google, Facebook, Amazon) der Graubereich wahr – falsch – absichtsvoll – zufällig – fake – joke – Manipulation – Betrug ununterscheidbar. Der hierdurch ausgelöste Kulturschock beginnt gerade erste Auswirkungen zu zeigen. Die von der populistischen Rechten skandalisierte und skandierte „Lügenpresse“ ist dann nur das vergleichsweise harmlose Vorspiel gewesen. Wo keine Wahrheit mehr festzustellen ist, gibt es gar keine oder nur ganz viele Wahrheiten bzw. Überzeugungen, die sich alle als gleichberechtigt aufführen. Die größte Errungenschaft der Aufklärung, nämlich die Herrschaft des rationalen Diskurses und der faktenbasierten Rechtfertigunspflicht gehen dabei verloren. Das Netz wird zum postfaktischen Lügen-Netz.

 

Aus aktuellem Anlass: Bericht über Kasparows Beitrag bei der re:publica.

 7. Mai 2017  Posted by at 18:47 Gesellschaft, Internet, Kultur Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Das postfaktische Netz verändert alles
Mai 102015
 

[Netzkultur]

Es herrscht Ratlosigkeit, Katerstimmung. Das räumte auch Johnny Haeusler im Interview mit Scobel zum Abschluss der re:publica 2015 ein. Das ist eigentlich nicht neu, denn das hatte der deutsche Netzguru Sascha Lobo schon vor einem Jahr festgestellt. Es war offenbar nicht nur das diesjährige Thema, das mehr Schwierigkeiten machte als gedacht: „Finding Europe“ – was bedeuten kann: den Weg dahin finden oder Europa überhaupt erst (er)finden. Symptomatisch vielleicht auch die drei Diskutanten bei Scobel, die entweder grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Projekt Internet (ökonomisch, kulturell, demokratisch) äußerten oder es mit der Bändigung von mächtigen Konzernen assoziierten oder in der Lösung der Sicherheitsprobleme den Ausweg sahen. Diese unterschiedlichen Akzente sind zusammen genommen gewiss richtig. Sie weisen auf die Bruchstellen der gegenwärtigen Netzwelt und Netzpolitik. Wie lässt sich das Potential der Netzökonomie mit Demokratie, Freiraum und Privatheit verbinden?

re:publica, nowhere, Friedrichstadtpalast, re:10, republica10, konferenz, social media,

re:publica – wikimedia

Mir stellt sich die Frage, ob die historischen Vergleiche passen und ob überhaupt schon ein vorläufiger Konsens darüber besteht, wie die „Internet-Welt“ einzuordnen ist. Von „digitaler Revolution“ ist die Rede, und dieser Ausdruck kennzeichnet das Umwälzende der Digitalisierung, die dem Internet ebenso wie der globalen Ökonomie zugrunde liegt, nämlich alles und jedes in binären Daten ausdrücken und algorithmisch verarbeiten zu können. Von „Netzwelt“ ist die Rede, vom „Online-Bereich“ oder dem „Cyberspace“, als ob es sich um eine zusätzliche Welt oder zumindest um eine neue Dimension der „offline“ oder „real“ Welt handele, die sich da als Layer über alles andere lege. Beim Internet denkt man dann besonders an die neuartige Kommunikation, die quasi raum- und zeitlos instantan erfolgen kann und alle „sozial“ in Netzwerken verbindet und digital erfasst. Facebook hat es immerhin auf 1,44 Milliarden Mitglieder gebracht (März 2015), mit deren Daten die Firma arbeitet. Man könnte noch viel mehr aufzählen, um das Neue der digitalen Netzwelt zu adressieren. Aber was ist eigentlich das wirklich Neue, das all dem zugrunde liegt und so viel Veränderung („disruption“) zur Folge hat?

Da beginnt schon die Unsicherheit. Der Verweis auf ein einzelnes Faktum (der Mikrochip, die digitale Codierung) ist so richtig wie zu kurz gegriffen. Es hat nach den Maßstäben der heutigen Innovationszyklen sehr lange, nämlich einige Jahrzehnte gebraucht, bis der Mikrochip samt der zugehörigen Software und Netzstruktur den Siegeszug antreten konnten. Die technischen Voraussetzungen der Mikroelektronik wurden in den 50er Jahren gelegt. Daneben brauchte es offenbar auch die passenden wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die dann ab Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Netzrevolution auslösten. Selbst vom ARPA Netz zum WWW (CERN) hat es so lange gedauert, wie heute kein Smartphone hält. Was eigentlich dazu geführt hat, dass sich „das Internet“ nach sehr zögerlichen Anfängen (besonders auch hierzulande) dann sehr schnell massenhaft durchsetzen konnte, wäre noch ein interessantes Forschungsprojekt. Dafür mussten eine Reihe von Voraussetzungen stimmen. Die Verbreitung des Telefons und des Farbfernsehens je Haushalt hat jedenfalls sehr viel länger gedauert. Was konnte diese Beschleunigung auslösen?

Es ist zudem schwierig, zutreffende Vergleiche zu finden. Es handele sich um eine neue industrielle Revolution – man denkt vergleichsweise an Dampfmaschine und Elektrizität. Mit Blick auf die Revolution in der Kommunikation wird der Vergleich mit dem Buchdruck herangezogen – dem billigen Flugblatt entspricht dann das Weblog für jedermann, der Zeitung die Twitternews. Versteht man das Internet insbesondere mit seinen „Sozialen Netzwerken“ als grundlegend neue Kulturtechnik, dann legt sich der Vergleich mit der Erfindung der Schrift nahe. Die Verführung der Möglichkeiten des Netzes besteht auch darin, unüberbietbar groß zu denken. Dabei muss man heute schon bei dem Adjektiv „sozial“ vor Netzen ein Fragezeichen machen, weil erst zu klären ist, was darin sozial und was ausgesprochen a-sozial ist. Jedenfalls merkt man sehr bald, dass die historischen Vergleiche hinken und die zugewiesenen Namen (z.B. Cyberspace, Onlinewelt) mehr verdecken als erhellen.

Das erklärt, dass es sich tatsächlich um etwas sehr Neuartiges handelt. Zugrunde liegt zunächst eine neue Technik, die eine Explosion von Anwendungsmöglichkeiten freisetzt. Es handelt sich aber zugleich um eine komplett neue Darstellung, eine neue Repräsentanz der Welt, nämlich übersetzt in binäre Daten und darum berechenbar und mit Codes bearbeitbar. Text, Bild, Ton, sogar räumliche Gegenstände lassen sich in digitalisierter Form re-produzieren. Original und Kopie werden auf ein digitales Substrat zurück geführt. Ebenso sind personale Beziehungen und Kommunikation digital darstellbar und mit Algorithmen formbar und auswertbar. Das Neue besteht also darin, dass es eine neue Beschreibungssprache für die Wirklichkeit gibt in Form von Programmcodes für die mikroelektronische Verarbeitung. Die grundlegende Sprache dieser Repräsentation der Wirklichkeit ist die Mathematik. Sie liefert das Medium für die Welt als digitale Form. Diese neue Möglichkeit der Repräsentation der Wirklichkeit und ihrer Funktionen und Beziehungen macht es verständlich, dass die Netzwelt oder Onlinewelt wie eine zweite, eigene Welt erscheint. Es ist aber die eine, alte Welt mit all ihren Funktionsweisen, Mächten und Interessen, die sich in dieser digitalen Repräsentation neu erfindet, derer sich Kapital und Machtinteressen ebenso bedienen können wie Staaten, einzelne Personen und freie Vereinigungen.

Die Veränderungen durch diese funktionale digitale Repräsentation der Wirklichkeit sind sehr weitreichend, wir erleben das gerade in allen Facetten der digitalen Revolution – diesen Ausdruck halte ich für die angemessenste Beschreibung. Aber als neue Weise der Darstellung der Wirklichkeit, der Repräsentation und Codierung der Welt, bleiben die Tatsachen zunächst dieselben: Reden ist Reden, Schreiben ist Schreiben, Kaufen ist Kaufen, Kapital ist Kapital, Macht ist Macht, Staat bleibt Staat. Dass nationales Recht multinationalen Konzernen und global vernetzten Akteuren nicht beikommen kann, ist keine Eigentümlichkeit der Digitalisierung, sondern eher der ökonomischen Globalisierung. Digitalisierung verstärkt das nur. Was die digitale Verfügbarmachung von Welt und Wirklichkeit, von Beziehungen und Personen im Einzelnen bedeutet, welche Auswirkungen und Weiterungen das enthält, ist jeweils im Einzelfall zu diskutieren und zu bewerten. Moralische Normen müssen deswegen nicht neu erfunden werden. Beleidigungen im Netz sind ebenso inakzeptabel wie Beleidigungen im persönlichen Gegenüber – usw. Allerdings ist der rechte Gebrauch der digitalen Verfügbarmachung allererst neu zu bewerten und sind Regeln anzuwenden, die der Tragweite der digitalen Repräsentation angemessen sind. Rechtliche Normen sind in der Tat neu zu definieren (z.B. Urheberschaft, Kopie; Privatheit, Öffentlichkeit usw.). Da sind wir erst am Anfang eines Weges, bisweilen rat- und machtlos, aber am besten illusionslos und beharrlich – die re:publica ist eine Station, die dies dokumentiert, nicht nur im Blick auf Europa.

UPDATE 11.05.2015

Ich finde heute bei FAZ.NET einen Artikel von VALENTIN GROEBNER über die Vergänglichkeit von digitalen Speichern und die Flüchtigkeit digitaler Prozesse.

 10. Mai 2015  Posted by at 13:17 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digitale Repräsentation
Mrz 312015
 

[Netzkultur]

Von einer Zeit der Reife kann man noch nicht sprechen, aber von einer Phase einer (ersten) Konsolidierung. Die digitale Welt ist im Alltag angekommen. Social media, also die Nutzung sozialer Kontakte über Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagram, Pintrest usw. ist selbstverständlich geworden. Dies gilt in höchstem Maße für die Generation unter 40, aber zunehmend auch für die Generation über 40. Smartphones und Tablet-Computer haben in kurzer Zeit eine so hohe Reichweite erlangt, dass immer mehr Nutzer den Computer gar nicht anders kennen als über die smarten Geräte, und das Internet nicht anders erreichen als über die beliebten Apps. Der Messenger WhatsApp ist überhaupt nur über die Smartphone App zu nutzen (neuerdings auch über PC, aber nur als Anhängsel an die App). PC’s und Notebooks werden kaum verschwinden, aber es sind Arbeitsgeräte für den produktiven Einsatz zu Hause oder im Beruf. Für Infos und Kontakte, Dates und Pizzas reichen die Apps – die sind einfacher, schneller und bequemer. Las man vor einiger Zeit von einer Sättigung des Marktes für Notebooks, so findet man heute ähnliche Meldungen für den stagnierenden Verkauf von Tablets. Nur Smartphone haben noch eine eigene Faszination mit ihrer wachsenden technischen Perfektion – und weil sie halt so stylisch sind. – Der Kauf von eBooks wächst zwar nicht in gleichem Umfang, aber doch deutlich, demzufolge auch die Verbreitung von geeigneten Lesegeräten. – All das gilt in hohem Maße für die jüngere und in wachsendem Maße auch für die ältere Generation.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit ein solcher Wandel bei der Nutzung digitaler Kommunikation und eine entsprechende Änderung des Verhaltens insbesondere der jüngsten Generation statt gefunden hat. Bei Jugendlichen haben soziale Medien, Gaming sowie netzbasierte Musik- und Videodienste das TV nahezu vollständig abgelöst. Aber auch bei der mittleren Generation verändert sich das Verhalten gegenüber dem Fernsehen und erst recht bezogen auf Zeitungen und Nachrichten-Konsum. Das Fernsehen ist dabei sich umzustellen. Mehr Live-Events und gleichzeitiges Streamen sowie Serien, die sogar vorab (ZDF) im Netz verfügbar sind und eventuell über YouTube verbreitet werden, sind erste Schritte einer Anpassung an neue Seh- und Nutzungsgewohnheiten. Dasselbe gilt für die Tageszeitungen. An Aktualität sind die Webseiten und Apps der Zeitungen den eigenen Print-Ausgaben weit überlegen. Print und Netz wachsen als unterschiedliche Vertriebsformen zusammen. Das zeigt zum Beispiel der neue Auftritt der Süddeutschen Zeitung. Aber als pure „Vertriebsform“ ist das Internet noch unterbewertet. Es fehlt die soziale Komponente, die sich kaum in bissigen Leserkommentaren erschöpfen dürfte. – „Featured content“ ist eine zunehmend attraktive Weise, eigene und fremde Inhalte ansprechend zu präsentieren, beispielsweise im großen Stil wie Buzzfeed (Unternehmen mit eigener Redaktion) oder als News-App wie Flipboard (Aggregator) – oder für jedermann mittels „featured content“ – Plugin für WordPress. Mit paper.li kann jeder selber seine eigene Zeitung bauen, aber das ist schon mehr etwas für Spezialisten. Bei den überregionalen Zeitungen zeigt sich die Entwicklung am deutlichsten: Aus dem Abwehrkampf der früheren Jahre (online kostet Abos und Druckauflage) wird zunehmend eine positive Gestaltung, ein Umdenken und eine neuartige Nutzung der Möglichkeiten des Netzes und der Mobilität. Gerade der professionelle Journalismus ist heraus gefordert und kann sich kaum mehr auf Altbewährtes verlassen (siehe den kaum überstandenen Streit in der Spiegel-Redaktion zwischen Druck und Online). Über allem steht hier natürlich die Notwendigkeit, unter veränderten Bedingungen verlässlich Einnahmen zu generieren. Die Übertragung des Abo-Modells einer Druck-Ausgabe auf das Online-Modell ist sicher noch nicht das letzte Wort. Die nervige und aufdringliche Werbung gerade bei kleinen Displays allerdings auch nicht. Wie die Welt des „distributed content“ aussehen könnte und müsste, darüber macht sich Joshua Bentons lesenswerter Beitrag Gedanken. Eine Denk- und Testphase täte hier gut.

share buttons

Share buttons – Symbole der Konnektivität

 

Und dann sind da noch die vielen einzelnen kleinen und in ihrer Summe riesigen Dinge, in denen die digitale Welt unseren Alltag erobert. Jedes moderne Auto steckt voller digitaler Steuerungen, die wir dann bestenfalls als Fahr-Assistenten und intelligente Displays direkt zu Gesicht bekommen. Haushaltsgeräte und erst recht die Visionen über „smart home“ oder „smart health“ zeigen die Richtung an, wie sich „Digitalien“weiter entwickeln könnte. Noch ist das Gesundheits-Armband etwas für die Avantgarde. Denn noch ist alles am Anfang, alles im Umbruch, vieles noch nicht ausgegoren, aber in der Tendenz unaufhaltsam. Die Möglichkeiten virtueller Realität (VR) und die jegliche Produktion erobernde „Industrie 4.0“ eröffnen allererst das Feld qualitativer Veränderungen. Es wird unterhaltsam, bisweilen auch erschreckend sein, diese umstürzenden Erfolge und Misserfolge („vision“ und „disruption“) alltäglich zu beobachten.

Auf einer noch anderen Seite stehen die Herausforderungen, die durch die globale Digitalisierung und Vernetzung für den Datenschutz, für den Schutz der Privatsphäre, für die Kontrolle der staatlichen Überwachungsorgane und für die notwendigen Anpassungen des rechtlichen Rahmens national und international bewältigt werden müssen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das bedeutet dann auch, dass den (rechts-) staatlichen Organen für die Strafverfolgung und Informationsbeschaffung geeignete moderne Mittel zur Verfügung stehen müssen. Wir hinken da den schnellen technischen Entwicklungen und ökonomischen Realisierungen gesellschaftlich, politisch und juristisch weit hinterher. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Neujustierung des gesetzlichen Rahmens im Blick auf Strafverfolgung einschließlich Prävention, Urheberrechte, Haftungsfragen, den berechtigten Schutz vor Überwachung und den Grenzen des data mining ist in letzter Zeit (auch dank Edward Snowden) gewachsen. Man kann allenfalls die Langsamkeit beklagen, in der hier die Dinge in Bewegung geraten, aber das muss wohl so sein, wenn man zu länderübergreifenden Lösungen kommen will.

Als Letztes noch ein Blick auf „das Netz“ und „die Netzgemeinde“, die „Nerds“, „storms“, „mobs“ usw. Auch in all diesen Dingen ist die anfängliche Euphorie („Piraten“) und die spätere Entrüstung über den miesen Stil vieler Beiträge einer Ernüchterung gewichen, die zu einer realistischen Einschätzung führt. Im Netz spiegelt sich nur ein bestimmter Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit wider mit allen guten und schlechten Seiten. Netz-Meinung und repräsentative Meinung in der Bevölkerung sind keineswegs deckungsgleich. Die Anmaßung vieler Äußerungen im Netz und die abstrusen Phantasien, was da angeblich wirklich oder verschworen passiere, sind vielfach nur noch skurril und lächerlich. Kanns und solls auch geben, muss man sich aber nicht antun. Man kann auf die „flames“ und „shit storms“ und Verschwörer-Seiten gut verzichten. Sie relativieren sich als öffentlich ausgetragenes soziales Gezänk oder als  Verschrobenheiten einzelner, deren Geltungssucht sich online nieder schlägt. Wo sie durch Stalken und Bedrohen einzelne schädigen, haben sie dieselbe Behandlung verdient wie alle anderen Resultate böswilliger oder krimineller Energien. Jedenfalls trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen, und „das Netz“ ist eben nur ein weiterer Bereich öffentlicher Interaktionen, aber in keiner Weise von einer höhreren moralischen Dignität oder demokratischen Legitimität wie andere öffentliche Äußerungen auch. Die Anonymität verführt zum Ausrasten, „Netiquette“ ist von Gestern – cool bleiben!

Man sieht: Von Reife ist die digitale Welt noch weit entfernt. Sie ist ja auch noch sehr jung. Aber sie hat enormes Potential, weit über die rein technische Möglichkeiten hinaus. Was sich wissenschaftlich (KI, Bio-, Neuro-) und kulturell, individuell und politisch daraus noch entwickeln wird, vermag man heute noch nicht abzusehen. Aber eines ist sicher: Der Umbruch und Aufbruch der digitalen Welt ist gewaltig und einzigartig. Eine neue Phase in der kulturellen Entwicklung der Menschheit könnte dadurch angezeigt sein. Aber vor allzu viel Vollmundigkeit sollte man sich eben auch hüten. Man weiß noch zu wenig…

 31. März 2015  Posted by at 16:37 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digital normal
Dez 202013
 

[Netzkultur]

Bundestagswahl und GroKo sind nun endlich durch. AIDA (Ausschuss für Internet und digitale Agenda) erwies sich als Schnellschuss und Flop – vorerst. Und dann der Shitstrom über Sexismus, der Shitstorm über – über – über. Danach die NSA. Und immer wieder Snowden. War nicht stark, eher breit wie Quark. Bei Twitter nichts Neues.

Ach ja, der NSA-Skandal – „Geheimdienste arbeiten ja – – – G E H E I M !!“ (Dieter Nuhr). Unglaublich. Da werden ohne Anlass und Ende Daten erfasst. Auch deine und meine. Handy-Telefon, Email, soziale Medien, einfach alles. Also alles im Netz bzw. den diversen Netzen, Blasen, Kreisen, Timelines. Sogar VISA – Transaktionen werden erfasst. Uah, unglaublich. Beispielloser Skandal. Bürgerrechte im Eimer. Privatsphäre sowieso. Vom Intertnet-Paradies direkt in die NSA-Hölle. Grrmpf.

Netz. Warum wird das von der Netzgemeinde stets mit Kommunikation und Freiheit assoziiert? Das Spinnennetz ist eine Falle zum Fangen. Das Fischernetz ebenso. Fangnetze, Mittel zum Beutemachen. Wenn einem etwas ins Netz geht, hat man es – gefangen. Der neu erklärte Netzbürger – im Netz verfangen. Eigentlich klar. Neuland ist abgebrannt.

Google hat das längst verstanden, Amazon sowieso, Microsoft brauchte etwas länger. Der Verbraucher im Netz wird umgarnt. Und oft geleimt. Wie bei allen Schnäppchen. Dabei gibts im Netz weit mehr als Billiges. Interessantes, Gutes, Tolles, das man nicht missen möchte. Der Köder für die Daten. Sex sells.

Dies Inter-Netz ist dabei sehr offen mit seinen Ansprüchen. Ganz anders als das fast unsichtbare Spinnennetz. Darin verfängt sich die Beute unerwartet. Das Internet zeigt seine Prinzipien offen: „Wer tauscht denn heute keine Daten aus? Das ist doch das Geschäftsmodell des Internet.“ sagt ein „Datenbroker“. Ein Geben und Nehmen. Umsonst und kostenlos ist nichts im Netz.

Eigene Daten für Kommunikation, für Freunde, für „Likes“ oder „Plusse“. Daten für Waren und Dienste. Daten für Digitales und Reales. Nicht Bitcoin ist die neue Währung. Daten sind es.

Wir haben Daten ja massenhaft zur Verfügung. Eine Währung, die uns nie ausgeht. Daten darüber, wer wir sind, was wir tun, wo wir uns bewegen, was wir lieben, wen wir hassen, was wir wünschen, was wir denken, wohin wir wollen, was wir planen. Algorithmen verarbeiten sie zu Profilen, der Schatzkiste des Inter-Netzes.

Profile kennen uns besser, als wir selbst uns kennen. Algorithmen aus unseren Daten sagen zutreffend voraus, was wir als nächstes machen werden. Bei Einkäufen ist das schon fast trivial. Wir glauben, wir kaufen, was wir wollen, einfach so. Dabei verhalten wir uns nach genauem „Beuteschema“. Daten verratens.

Daten zum „daten“. Den passenden Partner trifft man leichter im Netz als auf der Straße. Unsere Daten machen uns bekannt. Daten erleichtern die Auswahl, weil sie längst das passende Profil ausgesucht haben. Dating-Plattformen boomen. Einfach weil sie erfolgreich sind. Zumindest kurzfristig.

Das Netz besteht aus einem Geben und Nehmen. Wir geben unsere Daten, wir bekommen Waren, Dienste, Freunde, Partner. Wir geben uns preis. Der Preis sind unsere Daten. Das scheint billig. Darum ist das Internet solch ein Wahnsinns Erfolgsmodell. Geld wird alle, unsere Daten nie. Ein nicht versiegender Schatz.

Was Amazon, Facebook, Google als die Aushängeschilder und Acxiom, Epsilon und Experian als die unbekannten Datenbroker längst wissen und können, kann und tut auch der Staat. Es nützt ihm. Für Geheimdienste sind Daten das gefundene Fressen. Und alles nahezu kostenlos und und überall verfügbar. Nur Speichern und Verarbeiten kostet. Das Anzapfen der Daten ist noch die geringste Arbeit.

Wundern über den BND, GCHQ, NSA, „Five Eyes“, China, Russland usw? Verwunderlich wäre es, wenn sie nichts täten. Geheimdienste und Bürgerrechte haben noch nie recht zusammen gepasst. Ich muss es nicht gut finden. Aber das ist so in der Welt der Macht. Entrüstung ist nur naiv.

Mit den Mitteln wachsen die Möglichkeiten. Gemacht wird, was möglich ist. Grenzen zu setzen ist nötig, kommt aber meist zu spät. Das ist die Sache mit dem Geist aus der Flasche. Dennoch ist jetzt das Recht gefragt.

Gibt es also kein Entrinnen aus dem Fangnetz? Nun, zunächst einmal hole ich mir aus dem Netz Informationen, Dinge die ich lesen, anschauen, wissen will. Andererseits teile ich einiges mit anderen. Ich schreibe und lese Blogs, Tweets, News. Kaufe ein. Hinterlasse Spuren, gebe meine Daten, wahrscheinlich mehr als ich ahne.

Ich schreibe sogar Emails, unverschlüsselt. Die meisten Empfänger kennen keine Verschlüsselung. Also bleibts bei der elektronischen „Postkarte“. Die meisten „Mitteilungen“ im Netz sind auch nicht mehr wert als irgendein Zettel auf irgendeiner Pinwand. Rauschen.

Ich habe nichts zu verbergen? Blödsinn. Natürlich habe ich etwas zu verbergen. Viele Dinge, die ich tue und denke, gehen niemanden etwas an. Das allerdings geht nur außerhalb des Netzes. Das soll nicht öffentlich sein. Das war schon immer so.

Rudolf Epp, Der Liebesbrief

Rudolf Epp, Der Liebesbrief (Wikimedia)

Ein wichtiges Gespräch führt man persönlich, nicht am Telefon (wo man in analogen Zeiten gelegentlich plötzlich in einer fremden Leitung war) und schon gar nicht über das Internet. Wo Firmen dennoch Wichtiges in Online-Konferenzen klären, gibt es hoch abgesicherte Verfahren. Meine „Ich“ – Firma kommt ohne das aus.

Im Zweifelsfalle schreibe ich einen Brief, richtig auf Papier mit der Post. Ist auch nicht sicher, läuft aber wenigstens nicht über Fort Mead oder Palo Alto. Das alte Analoge ist digital schlecht zu handhaben. Kann ein Vorteil sein.

Daten sind die Währung des Netzes. Man kann sie sammeln und auswerten. Das ist wie wenn man einen Schatz hebt. Man kann sich im Netz gut aufgehoben fühlen, mit Freunden, Lesern, Unterhaltung. Man kann sich im Netz verfangen. Man kann sich ihm ausliefern, wenn man zu viel preis gibt. Das aber liegt an einem selber.

Auch wenn es schwer fällt, gelegentlich ohne Netz zu sein. Man kann. Selbst wenn auch das noch der NSA auffällt. Sch..ß drauf.

Im Übrigen: Asyl für Snowden!

 20. Dezember 2013  Posted by at 14:29 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Daten, Daten, daten
Sep 192013
 

Es hat nicht viel gebraucht, und die dünne Hülle der ach so auf abgeklärten Postmoderne ist zerrissen. Dabei war man sich doch sicher, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind, dass Pluralismus und kulturelle Vielfalt zu den Grundgegebenheiten unserer Gesellschaft geworden sind, dass das Internet mitsamt dem damit einhergehenden technologischen Fortschritt uns (zumindest den westlichen Gesellschaften) dem Glück, wenn nicht gleich dem Reich der Freiheit ein Stück näher bringt. Manche beklagen zwar den Verfall traditioneller Werte oder deren Nivellierung, aber das sind dann doch erfreulicherweise klar identifizierbare Agenten des Gestrigen wie die Kirchen. Die Gewerkschaften haben dagegen den Umschwung in die Postmoderne irgendwie doch noch geschafft, wenn auch mit Blessuren (in den Mitgliederzahlen).

Und dann kommt ein Edward Snowden mit seinen Enthüllungen, und die schöne neue Welt freier Kommunikation im grenzenlosen Netz schmilzt dahin wie Frühjahrsschnee an der Sonne. Das Netz ist längst von Unternehmen, Regierungen und Geheimdiensten in Besitz und unter vollständige Kontrolle genommen worden. Der so oft beschworene Wertepluralismus kommt schnell an seine Grenze, wenn es um die (Ideologie der) Hochschätzung der Familie geht. Ziert sich die Kanzlerin, dem Adoptionsrecht schwul/lesbischer Paare uneingeschränkt und locker zuzustimmen, erfährt das postmoderne Selbstverständnis einen Knacks: Das ist ein Verstoß gegen die politisch korrekte Gleichheit. Letztere, die Gleichheit, ist flugs von einem formal-juristischen Prinzip der bürgerlichen Revolution zu einem material-sozialen Prinzip der Postmoderne geworden – und dann doch nicht allen recht und billig.

Schließlich ist da noch die Sache mit Trittin. Dank taz ist die Pädophiliedebatte der frühen Grünen nun zum Hauptthema der letzten Wahlkampfwoche erkoren worden. Trotz mancher Anstrengungen der einschlägigen Zeitungsmedien findet sie doch mehr am Rande statt / soll aus dem Wahlkampf heraus gehalten werden. Dabei zeigt sich, wie jung die letzte Vergangenheit noch ist, denn es geht um den Zeitraum der achtziger bis hinein in die neunziger Jahre. Wohl weils voriges Jahrhundert ist, scheint es weit weg zu sein. Doch geschwind tauchen da die Flugschriften der Stadtindianer wieder auf und holen manchen Akteur der gesitteten = politisch korrekten Postmoderne wieder ein. Und schon ereifern sich manche über die perfide „moralische Keule“ der Konservativen und rufen nach „kulturgeschichtlicher Einordnung“. Dabei merken sie gar nicht, wie sehr sie hier auf einmal mit zweierlei Maß messen, weil ihr eigenes Denken, vielleicht auch ihre eigene Vergangenheit betroffen ist und nicht die derjenigen, auf die traditionell gerne mit dem Finger gezeigt wird.

Twitter Thread

Twitter Thread

Der Firnis der unideologischen, wertneutralen und multikulturellen Postmoderne ist dünn. Er ist besonders dünn, seit das große Projekt „Freiheit im Netz – digitale Selbstverwirklichung“ in den Rechenzentren und Algorithmen der NSA, Google  etc. dahin geschieden ist. Die Allmacht von BIG DATA ist zum Bumerang geworden. Diese Hoffnung aber auf ein neues Paradies auf Erden, nein, im unergründlichen Cyberspace, der Vorstufe zum digitalen Nirwana, hielt aber die postmoderne Avantgarde zusammen. Nerdaktivisten und post-neoliberale (ups, was für ein Wort) Business-Freaks und deren Spindoktoren stimmten ja trotz aller Gegensätze darin überein, dass Freiheit und Glück des künftigen Menschen („Mensch-Maschine“ als Idealkonstrukt der Digitalkultur) nirgendwo anders als im Netz, in den Wolken entgrenzter Kommunikation und ubiquitären Wissens und Konsums liege. Womöglich wurde da mehr verwechselt als nur die Vernetzung von Datenbanken und die Aneignung von Wissen und Erfahrung.

Diese Brüchigkeit der postmodernen Selbstgefälligkeit ist ein gutes Zeichen. Der Übergang in eine Zeit nach der Postmoderne (Post-Postmoderne? Spät-Postmoderne? Neue Moderne?) hat die Chance, von den ungedeckten Versprechungen der Digital- und Derivate-Nerds Abstand zu nehmen. Es könnte ein wohltuender Abstand werden, wenn die kritische Betrachtung dieser jüngsten vorgeblich unideologischen, aber mit den 80ern und 90ern noch ach so tief verbundenen Neo-Ideologen (Neo-Liberale wie Netz-Gurus) einiges wieder nüchterner ins Licht setzt. Techniken und Strategien sind stets Mittel zu einem Zweck, nie Selbstzweck. Algorithmen werden nicht wertfrei entwickelt und eingesetzt. Macht bleibt Macht und möchte noch mächtiger werden. Ökonomie mag mal mehr die „unsichtbare Hand“, mal den rationalen homo okonomicus hätscheln, ihr essentielles Interesse bleiben Gewinn und Monopol. Regierung und ihre Dienste streben Kontrolle an, möglichst vollständig. Der vollmundige Pluralismus und die kulturelle Vielfalt verdecken oft vorhandene Machtstrukturen und Interessenlagen – und verdecken dunkle Seiten der jüngsten Vergangenheit.

Kurz gesagt: Auch die Postmoderne hat nur mit Wasser gekocht, auch das Netz ist nicht das Evangelium, auch die Neue Moderne (oder wie immer man die Zeit nach der Postmoderne nennen wird) wird ihrerseits mit Wasser kochen, ihre Interessen, Träume, Ideologen und Versäumnisse haben. Schön menschlich ist das. Schön zu sehen, wie manch vollmundige Großsprecher und Gender-Aktivistinnen, wie manch Prophet grüner Heilslehren am Ende doch nur auf dem Teppich der Tatsachen landen. Als Tiger gestartet – als Bettvorleger gelandet? Nein, das habe ich nicht gesagt…

 

Kleine ausgewählte Linkliste als Hintergrund des hier Geschriebenen:

Twitter-Gespräch mit MusikBÄRchen @musicaloris (siehe Bild im Text)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/evgeny-morozov-liest-pynchons-bleeding-edge-in-der-tiefe-12577093.html

http://taz.de/Debatte-Gruene-und-Paedophilie/!123992/

http://www.taz.de/!51494/

http://www.carta.info/64383/das-aushalten-von-ambivalenzen/?utm_source=buffer&utm_campaign=Buffer&utm_content=bufferb550f&utm_medium=twitter

http://www.faz.net/aktuell/politik/portraets-personalien/juergen-trittin-goettinger-verhaeltnisse-12580083.html

 19. September 2013  Posted by at 13:15 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne Tiger auf dem Teppich
Jul 122013
 

Langsam kommt eine Diskussion in Gang, die über den Tellerrand der skandalösen Affäre um den Whistleblower Snowden hinaus blickt. Bisher wird sie in den Medien überwiegend als  ein Thema der Datensicherheit, der Schnüffelpraxis der Geheimdienste, inbesondere der NSA, des Belauschens und Verwanzens wahr genommen. Das sind Begrifflichkeiten und Bilder, die man aus Spionagefilmen kennt und die einem irgendwie bekannt und vertraut sind. Nur sehr allmählich wächst die Erkenntnis, dass es sich bei den Dingen, die durch die Veröffentlichungen Snowdens an den Tag gekommen sind, insgesamt um etwas grundsätzlich Neues handelt.

Gewiss, vieles ist bisher schon bekannt gewesen. Die im Grunde grenzenlose Abhörpraxis der NSA ist bereits vor Jahren wiederholt beschrieben worden (siehe Echelon), die Arbeitsweise auch der europäischen Nachrichtendienste (zumindest) am Rande der Legalität wird ebenfalls nicht zum ersten Mal thematisiert. Insbesondere die weltweite Ausweitung der Überwachungsaktionen nach 9/11 („war on terror“) ist bekannt und wird auch in Europa und anderswo unter dem Stichwort Terrorismusbekämpfung geteilt. Selbst die ‚beschränkte ‚Souveränität‘ Deutschlands auch nach Beendigung der Viermächteverantwortung im Rahmen der Verträge, die die Vereinigung 1990 ermöglichten, wurde zuletzt vom Historiker Josef Foschepoth detailliert beschrieben. Als sein Buch „Überwachtes Deutschland“ 2012 veröffentlicht wurde, hat das so gut wie niemanden interessiert (Ausnahme: FAZ-Rezension von Rainer Blasius). Heute ist es in der 2. Auflage top aktuell. Man ist also über die Überwachungs- und Abhörpraxis der Geheimdienste in der Vergangenheit (z.B. Stasi) bestens informiert. Es hat darüber kaum eine breite politische oder gesellschaftliche Diskussion gegeben. Mit dem Satz „Ich hab nix zu verbergen“ fühlen sich Otto und Lisa Normalo einfach nicht betroffen. Und Hacken schien eine Sache der Computer-Freaks und Netz-Nerds zu sein. Alles, was war, ist aber mit dem, was heute Praxis ist, offenkundig in keiner Weise zu vergleichen.

Die heutigen Dimensionen der Datenerfassung und Datenverarbeitungen schaffen eine neue Wirklichkeit und verändern die Welt. Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass schon derzeit und erst recht nach Inbetriebnahme des neuen Data-Centers der NSA im Herbst 2013 (Yottabyte – Kapazität) jede digitale Verbindung, jede digitale Spur weltweit erfasst und mit entsprechenden Analyseprogrammen durchsucht und verarbeitet wird.

[Bei Maybrit Illner erklärte] Jacob Appelbaum gestern im deutschen Fernsehen: Drohnen wählen ihre Ziele heute anhand von Datensignaturen, die aus anlasslos gespeicherten Datensätzen gewonnen werden. Das allerdings findet auf der anderen Seite der Welt statt. In der westlichen Hemisphäre ist dieses „Targeting“ nur aus der Werbebranche bekannt. Die Diskussion darüber, dass es Supercomputern egal ist, ob sie gezielte Werbung auf Bildschirme ausliefern oder tödliche Drohneneinsätze steuern, weil sie bei beiden Aufgaben neutrale Rechenschritte absolvieren, wird im Fernsehen allerdings noch nicht geführt.

Microsoft Werbung für Skype

Microsoft Werbung für Skype

Gleichzeitig wird durch Veröffentlichung im Guardian am Beispiel von Microsoft und seinen Diensten (Skype) bekannt, wie weit die Zusammenarbeit von US – Firmen mit der NSA von Anfang an gegangen ist und noch geht. Nichts bleibt je privat. Stefan Schulz schreibt in dem zitierten FAZ-Frühkritikartikel weiter:

Dass es sich bei dieser geheimen Ausforschung der Weltbevölkerung um ein Verbrechen gegen die Menschheit handelt, deutete Appelbaum gestern kurz an. Dass die Politik darüber allerdings keine öffentliche Diskussion führen will, zeichnet sich derzeit ab. Darüber, dass Menschen heute in Datensätze zerstückelt in Datenbanken aufbewahrt werden und nur dann wieder als vollständige Menschen zur Geltung kommen, wenn ein Algorithmus sie als potentielle Täter zusammengesetzt hat, wird in den kommenden Jahren aber vielleicht im Fernsehen besprochen.

Verbrechen gegen die Menschheit. Das ist eine harte, aber reale Bezeichnung für einen wahrlich monströsen Tatbestand. Dies so zu erkennen und so zu benennen kann der Anfang sein, sich wirklich ernsthaft und entschlossen mit diesen Folgen des digitalen Zeitalters auseinander zu setzen. Wenn big data neue Wirklichkeit produziert und der Code Gesetz ist (code is law), spätestens dann muss die Frage nach dem Recht und nach neuer Rechtsetzung und nach der Durchsetzung dieses Rechtes gestellt werden.

Jacob Appelbaum hat in der ZDF-Sendung (übrigens derzeit in der ZDF-Mediathek abrufbar) fast lapidar auf diese notwendige Handlungsmaxime hingewiesen:

Überzeugende Beiträge lieferte der junge amerikanische Hacker Jacob Appelbaum … stellte Appelbaum fest, man könne doch Edward Snowden nach Deutschland holen, um sich bei ihm direkt über den Sachstand der Überwachungsgesellschaft zu erkundigen. Ebenso könnte man in Europa Gesetze beschließen, die das Sammeln und Weitergeben von Daten verbieten. Man könnte Gerichten neue Handlungsspielräume geben und dafür sorgen, dass nicht nur hochrangige Politiker abhörsichere Kommunikationstechnik bekämen, sondern jedermann. Dass der Ahnungslosigkeit, der sich die Politiker heute selbst bezichtigten, nun noch Tatenlosigkeit folge, dafür zeigte Appelbaum kein Verständnis.

Der von der Politik bisher gerne vor allem gegen Kinderpornografie benutzte Satz, das Internet sei kein rechtsfreier Raum, muss nun in einen ganz anderen Zusammenhang gestellt werden und sollte ein ganz neues Gewicht bekommen: Es geht um die Durchsetzung von Menschenrechten, Bürgerrechten, Privatheit im Netz, – generell unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters. Thomas Stadler, IT-Fachanwalt und Blogger, hat vor einigen Tagen in einem knappen, aber absolut klaren Blog-Beitrag die Forderung eines Nachholprozesse in Sachen Demokratisierung aufgestellt, die eine neue Rechtsgestaltung verlangt:

Die aktuelle öffentliche Diskussion erfasst die Tragweite und Bedeutung dieses Aspekts noch nichts ansatzweise. Wir müssen die Rolle der Geheimdienste vor dem Hintergrund der Funktionsfähigkeit desjenigen Staatswesens diskutieren, zu dem sich alle westlichen Staaten formal bekennen. Verträgt sich das Grundkonzept von Geheimdiensten mit der Vorstellung von einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung?  …  Wir müssen letztlich erkennen, dass unser Demokratisierungsprozess noch nicht abgeschlossen, sondern vielmehr ins Stocken geraten ist. Auf dem Weg zu einer vollständigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung müssen Fremdkörper wie Geheimdienste beseitigt werden. Sie sind Ausdruck eines archaisch-kriegerisch geprägten Denkens, das es zu überwinden gilt. Man kann durch nationales Recht den Bruch des Rechts eines anderen Staates nicht legitimieren. Das ist vielmehr nur die Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln.

Es geht tatsächlich um einen weltweit wie national zu gestaltenden Prozess, um einen Kampf um Grundrechte der Weltbürger wie der nationalen Bürger im digitalen Zeitalter. Big data und die Algorithmen gestützte automatisierte Analyse aller individuellen Daten und Spuren verändern die Wirklichkeit derart, dass darauf mit einem veränderten Recht, national wie international, geantwortet werden muss. Letztlich wird das nur über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg gelingen. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, nicht national mit all den Anpassungen und Rechtsetzungen zu beginnen, die hier möglich sind. Appelbaum hat da auf einiges hingewiesen. Beschwichtigung und Verharmlosung bis hin zum völligen Unverständnis über die Tragweite der neuen Verhältnisse in einer durch digitalisierten, komplett vernetzten Welt („intelligente Stromnetze“ usw.), sind nur ein Zeichen der Ahnungslosigkeit und fehlender Handlungsbereitschaft. Unsere Politik ist über diesen Status offenbar noch nicht hinaus. Erfreulich, dass das Fernsehen erste Schritte macht. Um die Geltung und Durchsetzung demokratischer Bürgerrechte in der heutigen Welt muss gekämpft werden. Es muss darüber informiert werden. Die chinesisch-bleierne „große Harmonie“ ist absolut keine Lösung, die Beschwörung traditioneller (atlantischer) Partnerschaft unangemessen. Der Weg dieser weiter gehenden Demokratisierung und Einhegung der Datenmacht durch das Recht ist noch lang.

 12. Juli 2013  Posted by at 11:42 Internet, Recht Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Einhegung der Datenmacht
Jul 032013
 

Die euphorische Adler ist gelandet. Nach dem Katzenjammer (SLobo) über die Bedeutungslosigkeit der Netizens folgt nun das Entsetzen, dass es im Netz auch nur zu geht wie IRL = in real life. Ökonomische wie machtpolitische Interessen, Kontrolle, Verschleierung, das Machbare machen zu Gunsten  der Machthaber. Über die gläubigen Piraten und ihre Netzreligion spricht schon gar niemand mehr.

Man hätte es wissen können. Auch Snowden hat eigentlich nichts an neuen Fakten an den Tag gebracht, was man so oder ähnlich nicht vorher hätte erfahren und wissen können. Einige Fakten bleiben unklar (DE-CIX). Manche aktuell zitierten Äußerungen von (Ex-) Geheimdienstlern sind Monate oder Jahre alt. Snowden und seine Jagd als Spielball der Mächtigen peppen das Ganze nur medial genial auf. Als Mensch kann er einem jetzt schon leid tun, was immer seine Motive sind.

Google Data Center Mayes

Google Data Center Mayes

Dass das Internet und all seine „Errungenschaften“ (DDR Jargon) nicht das neue Evangelium sein kann, konnte dem nüchtern Bleibenden nicht verborgen sein. Jede Technik ist zwiespältig, zumal eine so neue und umwälzende. Darüber hinaus ist das Internet zugleich das Medium universeller (und damit auch universaler) Digitalisierung. Nur beides gemeinsam ergibt diesen ungeheuren Schub der Veränderung. Was Wunder, wenn es da so einige Kollateralschäden gibt. Die beklagten negativen Effekte, die „natürlich“ niemand wollte (wie war das mit dem Slogan „Kontrollverlust“ und der Spackeria?), sind die fast zwangsläufige Kehrseite technologisch-sozialer Umwälzungen. Sie rufen Nutzer und Interessenten aller Couleur auf den Plan. Gutwillige Idealisten sind auch hierbei schnell als dümmliche Träumer abgestempelt. Dabei ist Realismus angesagt.

Man vergisst leicht: Bürgerrechte wurden noch nie geschenkt, schon gar nicht einfach durch eine Technik „bereit gestellt“. Das Netz als Möglichkeit der Partizipation und verbesserten Kommunikation / Öffentlichkeit ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Was sich in der Zeit des Aufbruchs scheinbar spielerisch von selbst einstellte, muss unter den Bedingungen ökonomischer, machtpolitischer, finanzieller, mafiöser Interessen und Aneignung neu definiert und erkämpft werden. Der Freiraum Internet (Netzfreiheit), die erweiterte Kommunikation sozialer Plattformen, die Chancen der Digitalisierung (Bildung) fallen nicht vom Himmel.

Dies zumindest macht die Causa Snowden offenkundig. Wer es noch nicht wusste, weiß es jetzt. Das Netz und die Digitalisierung machen nicht alle früheren Kommunikationstechniken obsolet. Wie liest man heute bei Alexander Kissler (Cicero oder Focus) über diesen „Modus des Unbehagens“: „Daneben wird der aufgeklärte Nutzer sich des Briefes entsinnen, der keine Datenspur zieht.“ Da ist es: Briefeschreiben als Möglichkeit des Eskapismus. Das ist vielleicht besser als die gerade wieder zahlreichen Anleitungen für private Verschlüsselungstechniken. Der freie Bürger aber möchte sich nicht verstecken oder verschlüsseln, sondern in seiner Privatsphäre unbehelligt und geschützt sein.

Lerne: Darum muss gekämpft werden. Die Auseinandersetzung hat gerade erst begonnen.

 3. Juli 2013  Posted by at 10:23 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Realismus statt Euphorie
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an „Technikkultur“ (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die „obsolet“ geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der „second screen“ zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich „Holzmedien“ genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja „tot“ sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten „brains“? Prozess „massiver“ Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler „digitaler“ und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu „Genius“ und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der „neuen“ Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb („Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten“…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft „verweigernd“; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die „Freiheit des Netzes“ steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des „Kampfes gegen den Terrorismus“ öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur „unangemessener“ Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung („big data“), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der „digitalen Welt“ zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Posted by at 13:00 Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kein Evangelium
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Sep 282012
 

„Das Netz“ ist inzwischen ein häufig benutztes Bild. „Vernetzung“, „Netzwerk“ sind sehr beliebte Begriffe. Ursprünglich in der Fachsprache der Informationstechnologie angesiedelt, dienen sie heute oft als Metaphern zur Beschreibung aller möglichen sozialen und kommunikativen Strukturen. Ob solcherart Allerweltbegriffe dann noch analytisch taugen, mögen die Soziologen und Politologen unter sich entscheiden. Ich greife das Bild des Netzes einmal auf, um daraus einige Gedanken zum Thema „Europa“ und „Geschichte“ zu spinnen.

Unsichtbare Grenzen Ein Netz besteht aus Knoten und Verbindungen zwischen den Knotenpunkten. Im Prinzip sind alle Knoten gleichberechtigt. Das ist ja der Witz bei einem ‚Netzwerk‘. Über verschiedene andere Knoten und Verbindungen sind alle Punkte, alle einzelnen Knoten eines Netzes miteinander und untereinander verbunden. Hier hängen tatsächlich alle mit allen anderen zusammen. So wird das Ganze zusammen gehalten. Wer es noch aus der Anschauung kennt: Ein Netz aus Baumwollfäden oder Garn bildet ein starkes Behältnis. Ist es ungefüllt ganz schlank, dann wird das Netz voll und schwer zu einer starken Angelegenheit. Es trägt viel, es bindet vieles ein, es hält alles beieinander. Ein solches Netz ist eine praktische Sache. Solange nichts reißt. Ein Knoten, eine Verbindung kann versagen. Dann reißt es schnell noch weiter ein, und alles fällt heraus. Das Netz ist zerrissen, die noch zusammen hängenden Knoten halten und tragen nichts mehr. Das Ganze zerfällt in seine Einzelteile. Wenn die Verbindungen brüchig geworden sind, ist auch eine Reparatur schwer, vielleicht unmöglich. Der nächste Riss würde sogleich folgen. Diese Eigenschaft teilt das Netz mit der Kette: Eine Kette ist so stark wie das schwächste seiner Glieder. Ein Netz hält so viel aus wie die schwächsten seiner Knoten, wie die schwächsten Verbindungen. Europa in Gestalt der Europäischen Union und darin speziell der Gruppe der Euro-Länder kann als ein solches „Netz“ angesehen werden. Ein Netzwerk wurde geknüpft. Europa wurde unter vielen Mühen aus seinen Mitgliedsländern zusammen gefügt. Es wuchs, immer neue „Knoten“ (Staaten) und „Verbindungen“ (EU-Regelungen, „Acquis communautaire„) wurden in das Netz eingeflochten. Europa ist ein großes Netz geworden. Manchen ist es sogar schon zu feinmaschig, „überreguliert“. Aber ohne Zweifel hat sich Europa zu einem sehr starken Netz entwickelt. Das Netzwerk EU trägt 27 Mitgliedsländer aus ganz unterschiedlichen nationalen und kulturellen Traditionen, darunter die 17 Euro-Staaten mit gemeinsamer Währung. Ein Netzwerk fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht, geknüpft, gepflegt, ausgebessert, verstärkt, in Stand gehalten, erweitert. Europa hat viele Jahrhunderte hinter sich, in denen es nur sehr kurzfristige und interessegeleitete ‚Netze‘ gab: Allianzen, ‚Verbindungen‘ von Verbündeten, solange man einig war gegen Dritte, eben nur bis auf weiteres. In zwei furchtbaren Kriegen hat Europa im vergangenen Jahrhundert erfahren müssen, wohin man gerät, wenn ‚Netze‘ nur Kriegskoalitionen und das vermeintliche nationale Eigeninteresse das Wichtigste war – vom ideologischen „Überbau“ mal ganz abgesehen. Seit fünfzig Jahren erleben wir Europa als ein einziges Netz, als Montanunion zuerst, dann als Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich als Europäische Union. Eine völlig neue, singuläre Erfahrung in Europa, wenn man die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte seit Kaiser Karl betrachtet. Es gibt sie nicht umsonst. Wenn der Euro zerbricht, zerbricht Europa, liest man, sagt man. Das hat einen falschen Zungenschlag. Da zerbricht nichts von alleine. Man lässt etwas zerreißen, man nimmt  in Kauf, dass das Netz kaputt geht. Menschen haben das Netz geknüpft, und Menschen können es wieder zerstören. Aus Nachlässigkeit, weil es einem zu teuer wird, weil einem das je Eigene wichtiger ist, weil, weil, weil. Weil man dumm daher schwatzt wie ein Dobrindt oder jüngst Berlusconi. Es zerreißt nicht von alleine. Man lässt die Risse im Netz zu, wenn die Fliehkräfte zu groß geworden sind. Wer die ‚Knoten‘ zu sehr belastet, nimmt auch das Zerreißen willentlich hin. Da ist nichts Schicksalhaftes: Man handelt, man unterlässt – und schon ist ein Netzwerk nur noch in seinen Brüchen da. Das Netzwerk Europa besteht und erhält sich nicht aus sich selber. Es hat fantastische Entwicklungen erlebt: Die vielen jungen Länder des europäischen Ostens, die dazu gekommen sind. Grenzen, scheinbar unverrückbar (was natürlich geschichtlich gesehen Unsinn ist) wurden verändert, neu gezogen, meist friedlich (nicht zuletzt das, was wir nicht sehr zutreffend „Deutsche Wiedervereinigung nennen), anderswo, in Jugoslawien, sehr blutig. Nichts besteht aus sich heraus für immer, weder Staaten noch Nationen, weder Grenzen noch Verträge. Nur solange es Menschen gibt, die das so wollen – oder Menschen, die etwas anderes wollen. Da geht es um Macht und Politik, um die Gunst der Stunde. Manche „Separatisten“ in verschiedenen Ländern Europas (besonders in Spanien, Italien) sehen in der wirtschaftlichen Schwäche ihrer ungeliebten Staaten eine Chance, Veränderungen einzuleiten. Wie immer man das politisch beurteilen mag, so etwas ist immer möglich und geschieht und wird wieder geschehen. Das ‚Netz‘ Europa ist nie und nimmer etwas Statisches. Es ist auch mehr als nur Statistik. Das Netz Europa ist genau das, was es uns wert ist. Es sollte uns sehr viel wert sein nach all den mühseligen und unseligen Erfahrungen vergangener Jahrhunderte. Man muss etwas dafür tun, dass dieses Netz nicht reißt, dass Knoten stark gemacht werden, Nahtstellen besonders beachtet werden, dass Verständnis wächst für den Wert des Ganzen. Das Netz Europa – es liegt an uns, es weiter zu knüpfen und nach Möglichkeit zu erhalten. Nachgetragen: Siehe den Kommentar von Stefan Kornelius in der „Süddeutschen“ vom Samstag, 29.09.2012: Gefährliche Vielfalt: „Europas Nationen wachsen nicht zusammen, Europa zerfällt in Zellen des nationalen Egoismus.“

 28. September 2012  Posted by at 19:40 Europa, Geschichte Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Das Netz Europa