Feb 102014
 
[Politik] [Netzkultur]

Unter dem Hashtag #internetkaputt findet sich inzwischen eine endlos lange Liste von Beiträgen darüber, dass das Internet „kaputt“ ist, wie Sascha Lobo unübertrefflich formuliert hat (FAZ 12.01.2014). Dabei ist eigentlich nicht das Internet kaputt, sondern sein Mythos. Der Mythos von Offenheit, Grenzenlosigkeit und Freiheit, von Demokratie, Selbstbestimmung und Teilhabe ist zerbrochen. Die Enthüllungen über die Arbeitsweise der NSA & Co haben diesem Traum den Rest gegeben. Denn vieles war schon vorher erkennbar und absehbar. Die Fragmentierung und zunehmende Kontrolle und Abschottung des Netzes, die Etablierung von restriktiven Teilnetzen ist ein schon länger andauernder Prozess. Hannes Grasegger stellt das in der NZZ bündig dar und konstatiert das baldige „Ende des Internets“. Und wie der Deckel auf dem Topf wirkt das FAZ-Blog Deus Ex Machina mit dem Beitrag von Marco Settembrini de Novetre „Es ist die Systemfrage, Dummerchen!“: Im naiven Glauben an die Transformationskräfte des Netzes haben die Vorbeter der Netzgemeinde viel zu lange die realpolitische Umwelt da draußen ausgeblendet.“ Zumindest scheint die Begeisterung über die Offenheit des Netzes erst einmal vorbei, seit es vor allem für die Schnüffler offen ist.

Am Tage nach der Schweizer Volksabstimmung mit der Zustimmung zu einer Zuwanderungsschranke und damit dem Abschied von der Freizügigkeit innerhalb der EU drängen sich Vergleiche auf. Auch hier geht es ja um eine Beschränkung von Offenheit, einer Suspendierung des europäischen Traumes eines grenzenlosen Europas. Der „Dichtestress“ (was für ein Wort!) und die Angst vor dem Verlust eigener Identität (und sicher auch Sorge um die Arbeitsplatzkonkurrenz wie im Tessin) haben den knappen Sieg davon getragen. In Kommentaren kann man heute hören und lesen, dass solch ein Abstimmungsergebnis auch in einigen EU-Ländern vermutet werden könne: Die Offenheit des Schengenraumes wird zum Fanal eines sich selbst begrenzenden Europas. Das hat schon Symbolkraft. Man spürt das Berner Beben in Brüssel.

Schweiz - Netz

Schweiz – Netz (Wikiportal /R.G.)

Doch die kaputte Offenheit des Internets und die begrenzte Offenheit des Schweizer Votums liegen ja doch in ihren Ursachen auf sehr unterschiedlichen Ebenen, wenn sie sich auch im Endeffekt in einem gemeinsamen Punkt treffen. Der Enthusiasmus der Netzgemeinde über die neue Netzfreiheit ist ja durchaus vergleichbar dem Enthusiasmus der Verfechter der großen europäischen Einigungsidee, die gar nicht genug „Brüssel“ bekommen können. Derzeit weht der Wind aber aus einer anderen Richtung. Die großen Mächte, Staaten wie Konzerne, haben Angst bekommen vor der Unkontrollierbarkeit und dem freien Wildwuchs eines Inter-Nets und schleunigst die alten Hoheitsrechte, Kontrollmöglichkeiten und Gold-Claims wieder hergestellt. Nur sind die heute möglichen Schranken und Kontrollmöglichkeiten ihrerseits, wie wir durch Snowden erfahren haben, schrankenlos und damit die sich darin äußernde Macht ohne Kontrolle.

Die Beschränkung der Personenfreizügigkeit als Begrenzung der Offenheit Europas beruht dagegen auf einem demokratischen Verfahren, einer urdemokratischen Volksabstimmung. Sie scheint daher unvergleichlich legitimer als die Beschränkung der Netzfreiheit (#internetkaputt) durch die Interessen der Mächtigen. Aber ist dem wirklich so?

Zumindest kann man sich mit einigem Recht fragen, ob die von Stimmungen zu Stimmen gewordene Willensbekundung der Schweizer demokratischer ist als eine starke parlamentarische Willensbildung, deren Ausschläge durch den Zwang zum Kompromiss naturgemäß weniger extrem sind. Es ist eines, eine Partei wie zum Beispiel die SVP aus vielerlei Gründen ins Parlament zu wählen, ein anderes aber, einer ihrer Kampangnen in einer konkreten Frage zu folgen. Der Populismus findet hier weit offene Türen, wie auch ähnliche Parteien in anderen Ländern Europas zeigen. Darum spricht aus guten Gründen viel mehr für ein starkes und glaubwürdiges (ja, genau das bitteschön!) parlamentarisches System als für ein plebiszitäres System wie dasjenige der Schweiz (was im Übrigen nur auf dem Hintergrund des Konsens-Parlamentarismus in Bern verständlich ist).

Die Gründe für die Beschränkung von Offenheit, für Schranken, Kontrolle, Abweisung und „Ausschaffung“ sind allemal der befürchtete Verlust von Pfründen und /oder Identität. Das gilt für die kontrollwütige Machtpolitik der politischen Mächte ebenso wie für den Zürcher Büroangestellten im „Dichtestress“. Es ist eine sehr tief verwurzelte menschliche Verhaltensstruktur, egal ob in den Amtszimmern von Regierungen der Großmächte oder im Büro an der Limmat – oder Spree oder Amstel. In global unsicheren Zeiten und bei befürchtetem Statusverlust stehen die Zeichen auf Abgrenzung und Kontrolle statt auf Offenheit und Freiheit. Das verbindet das Votum der #Schweiz mit dem #Internetkaputt. Ein zweifacher Mythos ist zerplatzt.

 10. Februar 2014  Posted by at 14:24 Netzkultur, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Offenheit kaputt
Aug 092013
 

Zwei Themen sind es, die in den Medien / Blogs / Communities mehr oder weniger nachdrücklich verfolgt werden. Der Springer – Funke – Deal und der Verkauf der „Washington Post“ an Jeff Bezos (Amazon) befördern enthusiastisch zustimmende oder apokalytisch kopfschüttelnde Reaktionen und Voraussagen über das große Zeitungssterben oder eben die digitale Wende / Dividende eines netztauglichen Journalismus.

Don Alphonso (Rainer Meyer) hat dazu heute eine bitterböse Glosse geschrieben: „Internet – Opas erzählen vom Zeitungskrieg“.

Man sieht recht klar, wie sich die Zeitungslandschaft verändert, welche unternehmerischen Reaktionen es gibt (Paywalls bei der BILD („premium“), WELT und NZZ bis hin zu einem offenen hochwertigen Internet-Angebot bei der FAZ und SÜDDEUTSCHEN). Bezos hat nüchtern fest gestellt: „Im Web zahlen die Menschen nicht für Nachrichten, das wird sich auch nicht mehr ändern.“ Wer weiß? Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist die Bewertung dieser Entwicklung. Da gehen die Meinungen weit auseinander, vom völligen Verschwinden der Tageszeitungen bis zur Vision eines neuen Online-Journalismus der Zeitungen im Netz. Zwischen Döpfner (Springer), Bezos, Sixtus schwimmen da die unterschiedlichen Meinungen. Klar ist hier nur so viel, dass noch gar nichts klar ist. So lange die Entwicklung im Fluss ist, sind Prognosen Ratespiele.

Das andere Thema, das immer wieder mit neuen Details in den Vordergrund gerät, ist der massenhaften Datenabgriff durch #NSA, #BND, #GHCQ und andere. Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre im Netz stehen auf dem Spiel. Hier ist die Verunsicherung noch größer. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Schnüffeln, Lauschen, Überwachen ist ja nur die eine Seite. Da geht es um die Beachtung und Gewährleistung des nationalen Rechts. Aber das Internet ist nun einmal nicht national, und das Recht gilt allenfalls bei dem unrechtmäßigen Datenzugriff auf die eigenen Bürger.

Senate House, UoL

Orwells „Ministerien“ – London (Wikimedia)

In der Bewertung gehen auch hier die Meinungen weit auseinander. Einigkeit besteht nur darin, einen Rechtsbruch, so er denn vorliegt, anzuprangern, gerichtlich zu verfolgen und abzustellen. Dass hier grundlegende Freiheitsrechte des Bürgers und Grundrechte unserer Verfassung auf dem Spiel stehen, ist deutlich (siehe vorigen Blogbeitrag zu XKEYSCORE). Darüber aber, wie denn diese Durchsichtigkeit des Einzelnen im Internet zu bewerten ist, gehen die Meinungen auseinander.

Datenspuren müssen nicht nur heimlich aufgezeichnet und verarbeitet werden. Vieles, vielleicht sogar das Meiste über sich selber gibt jeder freiwillig preis, sei es in Onlineshops, Foren oder Communities wie Facebook. Dass die Websuche bei Google Nutzerverhalten auswertet, wird bei zielgenauerer Suche als ein Komfortmerkmal wahr genommen. Nun geht aber die Datenerfassung weit über gezielte Werbung hinaus. Für den, der will und über die Infrastruktur verfügt (Sicherheitsorgane, private Unternehmen) bleibt kaum mehr etwas verborgen. Wir sind gläsern, und unsere Vorlieben sind erkennbar und unser Verhalten ist ziemlich sicher vorhersagbar. Was bedeutet das?

Dazu gibt es grundsätzlich verschiedene Einstellungen. Die einen fühlen sich nackt und entblößt und in ihrer Privatsphäre verletzt – und darum verunsichert und beschämt. Dem Schutz der Privatsphäre wird ein hoher Stellenwert eingeräumt. Wenn es schon staatlichen Organen und dem nationalen Recht nicht gelingen sollte, hier Schutzschranken zu errichten, dann muss der Einzelnen selber Vorsorge treffen. Anonymisierungsdienste und Verschlüsselung sind dann erforderlich, selbst wenn es noch wenig verbreitet und unbequem im Einsatz ist. Hierhin gehört auch das Stichwort der „Datensparsamkeit“ (Evgeny Mozorov) oder Netzenthaltsamkeit.

Andere halten das für überzogen, gar überkandidelt und für die meisten wenig praktikabel. Wahrscheinlich wird sich der Normalnutzer im Netz sowieso weiterhin verhalten wie bisher. Heimlich ausgeforscht zu werden tut ja nicht weh. Oder ist hier doch eine größere Betroffenheitsreaktion zu erwarten, nicht nur von kleinen, sach- und netzkundigen Bürgerrechtskreisen?

Noch andere sehen ganz gelassen etwas Wirklichkeit werden / sein, was sie längst erwartet haben und begrüßen: Das Ende der bürgerlichen, postmodernen Privatheit. Hiernach ist der Netizen die Avantgarde einer neuen Netzpersönlichkeit, die über oder jenseits der Unterscheidung von privat und öffentlich steht. Es ist nicht weniger als die Vision eines neuen Menschen, des homo reticulatus, des netzförmigen Menschen. Hier ergeben sich viele Weiterungen hin auf die Menschmaschine, die schon dem 18. Jahrhundert vorschwebte, oder auf Mensch-Computer-Hybriden eines Ray Kurzweil. Wer leichthin über die Mensch-Maschine-Einheit redet, sollte sich dieses zum Teil totalitären Zusammenhangs bewusst sein. Denn Kennzeichnen dieser Netz-Mensch-Maschine ist die völlige Kontrollierbarkeit.

Der Einzelne gilt nichts, das Netz weiß und kontrolliert alles. Es scheint manchen, wir seien nah dran.

Man könnte meinen, die Diskussion über diese unterschiedlichen Grundeinstellungen würde nun richtig ausbrechen angesichts der Brisanz des Netzes und big data. Doch nichts geschieht. Die Internetszene, gerade in ihren lautstarken und meinungsführenden Verfechtern, hält sich auffällig bedeckt. Das Piraten-Stichwort „Transparenz“ ist aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Diese NSA-Transparenz hatte man wohl nicht im Sinn.

Darum kann man mit gutem Grund fest stellen, dass die allgemeine Verunsicherung gerade in der Netzgemeinde groß ist, größer als in der breiteren Öffentlichkeit. Bisher gab es da viel Spielerisches, Unernstes, nur scheinbar Politisches. Auf einmal hat die Wirklichkeit das schöne Internet mit seinen vielen Möglichkeiten und Spielwiesen eingeholt. Andere haben sich des Netzes bemächtigt. Kann man sich da über die allgemeine Verunsicherung wundern?

Sie sollte uns produktiv und realistisch werden lassen.

 9. August 2013  Posted by at 11:34 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Allgemeine Verunsicherung
Jul 312013
 

Es ist Wahlkampf – und keiner merkts – wohl das Sommerloch. Mir fällt dabei auf, wie sehr die Meinungen innerhalb der Internet Society doch von der Meinung „da draußen“ abweichen, also in den öffentlichen Medien. Im Netz finden sich offenbar nur Kritiker der jetzigen Bundesregierung, Piraten und Anhänger der Grünen (die taz wird oft zitiert), und auch ein paar SPD’ler behaupten sich wacker im Netz. Lese ich so meine Twitter-TL (ok, bubble) oder in bekannteren Blogs und Kolumnen, dann ist das Urteil über die derzeitige Regierung vernichtend und die Hoffnung auf eine Veränderung durch die Wahlen groß. Allerdings liest man auch hier und da, dieses Mal sei es wirklich egal, ob die Regierung oder die Opposition gewinne.

Sommer und Strand

Sommer und Strand

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass auch die Umfragen diesen Eindruck bestätigen. Immerhin liegen Schwarz-Gelb dicht bei Rot-Rot-Grün, also ungefähr halbe-halbe. Nur ist Rot-Rot-Grün keine Regierungsoption, und die Kanzlerpräferenzen der Umfragen weisen in seltener Eindeutigkeit und Konstanz auf Angela Merkel, und zwar mit riesengroßem Abstand vor Steinbrück. Nimmt man die angestrebten Regierungskoalitionen zur Orientierung, dann führen derzeit CDU/CSU und FDP vor SPD und Grünen mit 46 % : 35 % (Forsa und Stern von heute). Das sagt zwar noch wenig darüber aus, wie die Wahl am Ende wirklich ausgehen wird, aber so ist eben der derzeit vielfach bestätigte Trend. Nochmal: Erstaunlich (oder nicht?), dass sich diese öffentliche Meinung in der Netzgemeinde nicht widerspiegelt. Dort liegen die Präferenzen gefühlt strikt entgegengesetzt. Das große Ansehen der Kanzlerin im Ausland findet hier nur müden Spott, das vorsichtige Taktieren, wie die einen sagen, wird innenpolitisch als „Aussitzen“ gegeißelt, der unideologische Pragmatismus als „purer Machterhalt“, und „Neuland“, dieses inzwischen gerne aufgegriffene Bonmot, wurde als Krone der Ahnungslosigkeit und Dummheit von den Netizens gebrandmarkt. Mag die Online- und die Offline-Welt im Grunde auch eine sein und in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen zusammengehörig, jedoch in den Meinungen der meisten Beiträge im Netz findet sich eine klare Spaltung von der Meinung in der sonstigen Medien-Öffentlichkeit, insbesondere in den Umfragen. Das könnte zu denken geben, was den Realitätsbezug der Netzgemeinde betrifft.

Erst recht ist es erstaunlich, dass die vielfältige und breite Berichterstattung über PRISM, NSA, BND usw. die Mehrheit in der Bevölkerung wohl ziemlich kalt lässt. Zumindest sind keine Veränderungen in den Umfragedaten fest zu stellen. Die Piraten haben sogar wieder einen Punkt abgegeben (siehe Forsa). Umgekehrt gilt dafür, dass immer dann, wenn die Kanzlerin eine feste („harte“) Position in Sachen Euro und Bankenaufsicht verkündet (wie auch immer das dann von der Wirklichkeit gedeckt wird), ihre Punktzahl nach oben weist. So war es jedenfalls in den letzten Monaten, was nicht zuletzt die SPD zur kaum verhohlenen Verzweiflung getrieben hat. Man kann also nüchtern fest halten, dass die Netz Community ein politisches Realitätsproblem hat. Nun gut, fordern und wünschen kann man ja vieles, und manches „Teufelszeug“ in der Netzdiskussion wie das „LSR“ (Leistungsschutzrecht, also konkret ob Google kostenlos kleine Textschnipsel bei dem Verweis auf Zeitungsseiten veröffentlichen darf) erweist sich nunmehr als reine Schutzkampagne der Print-Protagonisten, – als Popanz. Inzwischen haben sich fast alle großen Medienhäuser (natürlich unter gewundenen Vorbehalten) mit der Snippet-Zitation durch Google einverstanden erklärt, wäre ja auch zu dumm, sich der Einnahmequelle der durch Google generierten Klicks zu berauben. Offenkundig ist also das LSR weder das Ende der Pressefreiheit noch der Einstieg in die Internetzensur. Alles halb so wild.

Leider ist dieser Hang zu Übertreibungen und zum Katastrophenalarm für die Netzgemeinde typisch, insbesondere was natürlich die Netzfragen, die Netzpolitik betrifft. Vermutlich wird ihr deswegen auch in der übrigen Öffentlichkeit geringe Aufmerksamkeit zuteil und nur wenig Glauben geschenkt – die Piraten waren ein schnell verbrennender Hype. Dabei wäre einem Alarm derzeit mit dem Bekanntwerden der umfassendsten Datenerfassungs-, Lausch- und Schnüffelaktionen aller Zeiten (Snowden) alle Aufmerksamkeit zu wünschen. Anscheinend verpufft der Alarmismus dieses Mal. Da müssen sich schon ein Schirrmacher, Leyendecker (FAZ) oder Prantl (Süddeutsche) stark machen, um die Gefährdung unserer Demokratie in ihren Grundlagen durch solche Praktiken des selbstverständlichen Totalüberwachens zu kennzeichnen. Das Vertrauen auf die Unversehrtheit des Privaten und das Recht auf Freiheit vom und Schutz vorm Staat gehören zu den elementaren Freiheitsrechten unserer Verfassung. Wenn diese dem „Supergrundrecht“ Sicherheit (Friedrichs) geopfert werden, droht die Rechtsordnung als Ganze ins Rutschen zu geraten. Darauf kann man nicht deutlich genug hinweisen. Das Gewicht des Themas als solches hat, wie das Sommerinterview zeigte, die Kanzlerin sehr wohl erkannt. Ob die Reaktion, vor allem die Taten, dann als ausreichend erachtet werden, muss jeder für sich entscheiden.

Es bleibt also zu hoffen, dass die wirklich wichtigen politischen Themen (also zum Bespiel die Freiheitsrechte, Europa und der EURO, Bildung, Niedriglöhne, Fortentwicklung des Rechtsstaats im Internetzeitalter), die natürlich auch in den Wahlauseinandersetzung gehören, nicht der Lethargie des Sommerlochs oder gar der Resignation „Die da oben machen eh was sie wollen“ anheim fallen. Schade wärs. Darum ist es, so hoffe ich, doch nur das Sommerloch…

UPDATE 02.08.:

Wer es mal von der „anderen“ Seite sehen möchte: in der WELT und bei n-tv.

 31. Juli 2013  Posted by at 12:34 Internet, Medien, Öffentlichkeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Nur das Sommerloch
Apr 062013
 

Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, zumindest mit der Öffentlichkeit in den Medien. Würde man sie als realistischen Spiegel der gegebenen Verhältnisse ansehen, dann entstünde ein merkwürdiger Eindruck. Etwas Verwirrung und Unschlüssigkeit ist da zu erkennen über das, was derzeit „wirklich“ Sache ist, ein Rauschen, das kaum markante Spitzen aufweist. Die „Netzgemeinde“ ist schnell abgehandelt, denn spätestens seit Sascha Lobos kritischem Beitrag ist diese hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet und mit Selbstbetrachtungen beschäftigt. Typisch dafür ist auch die Selbstzerlegung der Piraten, die gerade in NRW mit einem neuen Akt in diesem kleinlichen Drama aufwarten. Aber das betrifft inzwischen nur noch einen minimalen Bereich öffentlicher Beachtung und Wahrnehmung.

Dass der Wahlkampf angeblich begonnen hat, merkt man kaum, seit Steinbrück keine unterhaltsamen Beiträge mehr liefert. Von der Regierung hört man eh nichts mehr. Zypern-Krise? Irgendwie kein Aufreger, oder nur ein sehr kurzer wegen der Sparer, aber dass beim Geld nichts mehr undenkbar ist, hatte man auch vorher schon geahnt. Euro-Krise? „Überstanden“, heißt es beruhigend aus Brüssel, auch wenn sich eigentlich nichts wesentlich geändert hat. Die Rezession und damit verbunden Arbeitslosigkeit und Lethargie wachsen in den Ländern Südeuropas. Ob das mit der Lethargie stimmt, weiß ich nicht, das ist nur mein Eindruck aus der „öffentlichen Meinung“, seit in Athen, Nikosia, Lissabon oder Madrid keine Massenproteste mehr vermeldet werden. Aber es würde schon passen, denn in der Not denkt jeder an sich selbst zuerst.

Bei uns im Land scheint die Wirtschaftsentwicklung stabil zu sein mit weiterhin positiven Aussichten. Gute Lohnabschlüsse sorgen in großen Teilen der Bevölkerung für das nötige Kleingeld zur Belebung von Konsum und Reisen. Wenn des Handels größte Sorge der verspätete Frühling ist mit wenig Lust auf Gartenpflanzen, Neuwagen und Sommerklamotten, dann scheint es uns so schlecht nicht zu gehen. Miese Nachrichten findet man wenige, abgesehen von der nicht neuen Klage über steigende Mieten in den attraktiven Ballungsräumen. Selbst die Strompreise treiben niemanden auf die Straße. Über „Armut“ bei uns klagt es sich auch nicht mehr so leicht, seit man sieht, was Armut zum Beispiel in Griechenland aktuell wirklich bedeutet. Also was solls? Ach ja, Korea, irgenwie ein Irrer, leider sehr ernst zu nehmen. – Ansonsten alles gut.

Satellitenantenne (Google)

Satellitenantenne (Google)

Dabei gäbe es genug Dinge, die eines „öffentlichen Diskurses“ bedürften, oder sagen wir es einfacher: über die geredet, diskutiert, gestritten werden sollte. Da sind die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrisen. Wenn die heiße Phase hektischer Nachtsitzungen erst einmal vorbei zu sein scheint, wäre es doch an der Zeit, sehr ernsthaft nach den Ursachen zu forschen. Viele der schnell geäußerten Gründe sind eher Schuldzuweisungen denn genaues Fragen nach den komplexen Zusammenhängen. Auf Ungleichgewichte der Wirtschaftsräume, auf die Folgen der ’neoliberalen‘ Marktideologie, auf eine aggressive Exportpolitik (ja, damit ist Deutschland gemeint) ist mancherorts schon hingewiesen worden. Dem wäre noch viel genauer nach zu gehen. – Dann ist da das weite Feld der Energieversorgung und der Energiepolitik, die bei uns kaum sachdienlich, sonder sehr ideologisch („öko“ ist per se gut) „veröffentlicht“ wird, – „diskutiert“ kann man das ja kaum nennen. Hier wäre eine wirklich streitige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angesagt. Der Strompreis ist nur der eine Aspekt, die Folgen des Klimawandels sind ein anderer. Auch wenn die Prognosen auf prinzipiell unsicheren Modellen beruhen (es können nur Annäherungen sein aufgrund bekannter Daten), ist das Nachdenken und die Diskussion darüber keine Angelegenheit, die man als Modethema mal aufbauschen und dann wieder in der Versenkung verschwinden lassen darf.

Eigentlich geht es bei all diesen Themen um die grundsätzliche Frage, wie wir denn künftig leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern bauen und hinterlassen wollen. Einig sind sich eigentlich alle öffentlichen Äußerungen darin, dass wir uns in Zeiten eines rasanten Umbruchs befinden. Es ist ein Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie, ein Wandel des Verhaltens in Kultur und gegenüber der Um-Welt, ein „Paradigmenwechsel“ der technischen und medizinischen Möglichkeiten, deren Ausmaß noch kaum abzuschätzen ist. Wie wollen wir leben? Wie soll die Welt aussehen, in der wir und unsere Kinder leben wollen und können? Welche Werte können da weiterhin gelten, welche Werte gilt es als verändert zu akzeptieren? Wie gehen wir mit der Tatsache weiträumiger Migration um? Was bedeutet das dichte, spannungsreiche Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen (weltweit!) für den Alltag? Wenn es keine Grenzen des technisch Machbaren gibt, wie gehen wir mit den Perspektiven künftiger Entwicklungen zum Beispiel der Veränderung des menschlichen Erbguts um? Es ist keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wissen und Fakten kann man nicht annullieren.

Die Öffentlichkeit scheint das nicht zu interessieren, zumindest die mediale Öffentlichkeit nicht. Aufklärungs- und Informationsbedarf ist genug da. Anschauungsmaterial ebenso; an kundigen und verständlichen Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung mangelt es nicht. Ich erlebe es so: Da, wo derartige Themen und Perspektiven artikuliert werden, da sagen die Menschen: „Das ist ja wahnsinnig interessant, da müsste man doch viel mehr drüber erfahren und viel intensiver diskutieren.“ Genau dafür ist die Öffentlichkeit doch da. Die „Wissensgesellschaft“ hat eine einzige Voraussetzung: dass man sie auch am Wissen teil haben lässt, nicht nur in Nischen und elitären Zirkeln. Volker Gerhardt hat mit seinem Vertrauen in die rein „an sich“ gegebene aufklärerische Struktur der Öffentlichkeit eine doch etwas reichlich abgehobene These vertreten. Da ist mehr „Fleisch“ nötig, denn es geht immer auch und zuerst um Interessen und um Macht. Ob die „Netzgemeinde“ ohnmächtig ist oder sich selbst beweint, ist ziemlich gleichgültig. Ganz und gar nicht gleichgültig ist es aber, dass die öffentliche Diskussion der uns und unsere heutige und künftige Welt bewegenden Themen eingefordert wird. Das geht nur, indem immer wieder Fragen gestellt werden, dass zum Beispiel Konzepte der TV-Talks durch Querfragen durchbrochen werden, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz weit mehr und besser genutzt werden. Bislang lässt dort oft nur ein neues iPad oder Samsung Galaxy den Erregungspegel steigen. DAS ist entschieden zu wenig, wozu das Netz bisher taugt.

Die Öffentlichkeit hat eine eigene Struktur, die ständig im Wandel ist. Richtig. Die öffentliche Diskussion aber braucht ebenso sehr Sachhaltigkeit und Interesse an gegenseitiger Orientierung. Daran fehlts. Darum klingt das öffentliche Getöse so wirr. Wie wollen wir morgen leben? Darum gehts.

 6. April 2013  Posted by at 10:08 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , ,  1 Response »
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Sep 202012
 

Das Netz im Gegenwind. Der Internetgemeinde weht auf einmal ein eisiger Wind von vorne. Von „Pöbelkultur“ im Netz spricht Richard David Precht und pointiert, soziale Netzwerke seien ein „Modephänomen“. Vor der Gefahr „digitaler Demenz“ warnt Manfred Spitzer in seinem Buchtitel und im TV-Talk, und spitzt zu: Digitale Medien machen dick, dumm und aggressiv. Ein Aufschrei im Netz.

Die Piraten gar, Shooting-Star und Lieblinge der Medien im letzten Jahr, „versacken im Umfragetief“, wie es heißt, und „haben keinen Plan“. Schließlich wird sogar von einem eher liberal eingestellten Journalisten wie Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) die Rechtlosigkeit im Internet beklagt und „endlich“ ein Rechtsrahmen für den Persönlichkeits- und Datenschutz im Internet gefordert. Man merkt: Der Wind hat sich gedreht.

Dann haben sich auf einmal die negativen Schlagzeilen gehäuft. Zuerst die Sache mit Ponader. Negatives Image in der Öffentlichkeit. „Sozialschmarotzer“? Lebenskünstler? Typischer Pirat oder Randfigur? – Feine Risse bei der sonst so positiven Presse über den „frischen Wind“, der dank der Piraten durch die Politiklandschaft wehe. Aber das war, so zeigt sich, nur der Auftakt. Marina Weisband, Liebling der Medien, zog sich zurück. Irgendwie nahm ihr das keiner ab, dass dafür nur private Gründe ausschlaggebend waren. Inzwischen meldet sie sich wieder zu Wort; das derzeitige Elend der Piraten scheint sie auf den Plan zu rufen.

Berichte von Parteitagen der Piraten, die außer technischem (!) Chaos und Personalquerelen nichts brachten. Hinterzimmer – Klüngel in Berlin. Offen ausgetragene Fehden. Shitstorm von Piraten gegen Piraten bei Twitter. Parteitage, die nicht der notwendigen Positionbestimmung, sondern personellen Grabenkämpfen dienen. Hahnenkämpfe. Bis zum Paukenschlag der Sache mit Julia Schramm. Man kann da durchaus von einer Affäre sprechen. Die personifizierte Unglaubwürdigkeit in Sachen Urheberrecht und Eigennutz. Das wäre alles kein Thema (wer hätte sich je über Tantiemen bei Buchveröffentlichung bekannter Politiker aufgeregt?), wenn da nicht dieser riesengroße Anspruch wäre: Wir machen das besser. Transparenz, Beteiligung, Offenheit, Demokratie. Inzwischen schlägt die „Offenheit“ in Langeweile um, weil es keinen mehr interessiert, weil so viel kleinkarierter Dreck auftaucht, den man ohnehin zur Genüge kennt. So wie eigentlich niemanden die Seelenergüsse der Bettina Wulff interessieren. Renate Künast hat das nur auf den Punkt gebracht: „Ich will das gar nicht wissen.“ Auch von den Piraten will man nicht mehr viel wissen. Noch wird ihnen 6 % gegeben in Umfragen.

Es ist der Prozess einer Entzauberung. Wer hoch steht, kann tief fallen. Wer hoch gejubelt wird, fällt meist noch tiefer. Zunächst ist es eine Entzauberung von einzelnen Personen, dann einer ganzen Gruppierung, die gerade erst Partei geworden ist – oder noch auf dem Wege dahin ist. So genau weiß man das nicht mehr. Der Boden der Tatsachen holt die Cyber-Stürmer ein; nicht einmal der Name „Liquid Democracy“ bleibt, denn das Namensrecht für das Programm „Liquid Feedback“ wird ihnen gerade entzogen: „Wir wollen nicht für die gesellschaftliche Etablierung von scheinbar demokratischen Verfahren stehen oder verantwortlich sein, die durch die Teilnehmer selbst nicht überprüft werden können“. So die Programmentwickler. „Solid Feedback“ soll es nun heißen. Solidität. Wunschtraum. Entzaubert. Darüber hinaus: Transformation  der „Netzgemeinde“ zum „Webmob“. So provokativ Ole Reißmann.

Entzaubert werden aber in dem Diskussionsprozess in der „alten“ (analogen) und „neuen“ (digitalen) Öffentlichkeit auch die himmelstürmenden Ideen. Internet = neue Kultur = neue Stufe menschlicher Evolution: Pustekuchen. Wirklich neu ist nur sehr wenig, und was davon anhält, wird sich erst noch zeigen. Da ist zunächst eine sich entwickelnde Technik. Man kann vieles damit und daraus machen, Gutes und Schlechtes. Anlass zum Jubel über neue Bewusstseinsformen und eine neue Qualität der Kommunikation, ja der Demokratie als verwirklichter Beteiligung aller besteht inzwischen keiner mehr.

Facebook ist ein Geschäftsmodell mit derzeit erheblichen Erfolg, wenngleich Übertreibungen (Börse) bereits korrigiert worden sind. Es ist weder das fleischgewordene Urbild menschlicher Kommunikation noch auch nur eine angemessene Abbildung sozialer Strukturen. „Freunde“ heißen nur so, sind es in Wirklichkeit nicht. Facebook zeigt nur eine weitere Möglichkeit unverbindlicher Kommunikation auf. Da ist nichts Außergewöhnliches dran. Spaß kanns trotzdem machen.

Google ist nicht der „neutrale“ Gatekeeper des Netzes, als der es sich gerne darstellt. „Don’t be evil“ hat sich erledigt. „Neutrale Suchergebnisse sind eine Fiktion.“ Und weiter Mayer-Schönberger: „Es gilt Kransberg’s Law: »Technology is neither good nor bad, nor is it neutral.« Bei Google geht es um Wertvorstellungen davon, wie Informationen sortiert werden, was relevant ist. Das bildet der Algorithmus ab. Und selbst wenn ein Algorithmus neutral sein könnte, ist er es im Falle von Google nicht, weil das Unternehmen einen Teil seiner Suchergebnisse manuell verändert.“ So läuft professionelle Firmenpolitik.

Und zu Apple fällt mir schon gar nichts mehr ein, seit die Heiligsprechung von Steve Jobs als etwas peinlicher Nekrolog verklungen ist. Ein stinknormales, derzeit äußerst erfolgreiches Unternehmen. Nur harte Bandagen können es mit ihm aufnehmen. Siehe Hans-Jürgen Jakobs Kommentar heute in der „Süddeutschen“: „iGier“. Trotzdem kann man das iPhone 5 mögen.

Auch Wikipedia hat die Unschuld verloren, wenn es sie denn je hatte. Erneut sind Manipulationsvorwürfe aufgetaucht gegenüber „korrupten Autoren“ und bezahlten Artikeln. Aber es ist ohnehin erkennbar, dass Wikipedia selbst zum Feld gesellschaftlicher und kulturpolitischer Auseinandersetzung geworden ist (Greenstein-Studie: 40 % der Artikel „tendenziös“)  – wie sollte es auch anders sein. Wikipedia = „crowd-qualitätsgesicherter Content“ ist darum noch längst kein Gütezeichen. Brauchbar ist es allemal.

Da ist zu viel „Evangelium“ im Spiel gewesen, zu viel Enthusiasmus, zu viel quasireligiöse Hoffnung und Verheißung, zu viel Ideologie. Das Internet samt „Netizens“ kann das niemals einlösen. Es ist eine Technik, eine Infrastruktur wie die Straßen. Was man draus macht, hängt von den Menschen ab, die es benutzen. Da gibt es keinerlei Anlass zur Glorifizierung, denn neben den Heiligen wohnen stets die Schurken. Allzu oft haben Verkünder eines neuen Heilsverheißung nur eine neue Form der „Hölle“ gebracht. „CTRL-Verlust“ kaschiert nur den Verlust des eigenen Denkens. Mehr Realismus und mehr kritische Distanz ist nötig. Das zu betonen ist das berechtigte Anliegen eines Spitzer oder Precht.

Ich nenn’s eine Entzauberung. Sie war / ist überfällig.

P.S.: Möchte nicht versäumen, auf den bitterbösen Kommentar von Rainer Meyer (Don Alphonso) im FAZ-Blog hinzuweisen. Thema Julia Schramm & Co.

 20. September 2012  Posted by at 12:26 Demokratie, Internet, Netzkultur, Piraten Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Netz – Entzauberung
Mrz 242012
 
Das Internet macht mehr Partizipation, Transparenz, direkte Demokratie möglich. Das jedenfalls ist die Hoffnung vieler Netz-Aktiven. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die „Netzgemeinde“ bei uns stellt sich derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Da ist weiterer Diskussionsbedarf vorhanden.

Anfang dieser Woche tagte die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages, siehe den offiziellen Bericht davon (inkl. dreistündiger Mitschnitt!). Die im Online-Text kurz angerissenen Beiträge der Sachverständigen zeichneten ein recht diffuses Bild, das thematisch vom Beklagen der „Gefahr der digitalen Spaltung“ über die festgestellte bildungsmäßige Disparität bis zum Spannungsverhältnis von Transparenz und Vertrauen / Vertraulichkeit reichte. Am weitesten ging vielleicht der Beitrag von Christoph Kappes, der zwar eine Fülle von Innovationen durch den „social layer“ des Webs und neue „Regel-Sets“ der Gesellschaft anpries, dabei aber nicht immer klar und verständlich blieb. Insgesamt fand er die Diskussion „enttäuschend“, da er sein Anliegen nicht richtig rüber bringen konnte.

Dies geht möglicherweise vielen so, und nicht nur bei den Beiträgen und Diskussionen der Enquete-Kommission. Kappes weist zu Recht darauf hin, dass wir die Entwicklungen im Internet derzeit „im Embryonenzustand“ beobachten und Schlussfolgerungen daraus naturgemäß schwierig sind. Die lange Liste der künftigen Möglichkeiten der Kommunikation im Internet fasst er mit positiver Perspektive so zusammen:

Trotzdem muss ich Erwartungen an die deliberative Kraft des Internets eher dämpfen. Die heutige „Netzgemeinde“ wird vor allem beeinflusst von einer überschaubaren Gruppe gebildeter und diskursfähiger Berufskommunikatoren. Eine Verallgemeine­rung ist nicht möglich. Youtube-Blogger und Facebook-Aktivisten sind eher die Vorbo­ten da­von, dass sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen des Internets bedie­nen. Wie aufgeklärt der Aktivismus aus dem Netz sein wird, ist heute ungeklärt. Es spricht vieles dafür, dass sich im Internet mehr und mehr alle gesellschaftlichen Grup­pen wiederfin­den und diese es für ihre politische Tätigkeit nutzen.

Torsten Kleinz berichtet in ZDF-Blog Hyperland über die Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis“, die derzeit unter der Überschrift “Social Media und Web Science – Das Web als Lebensraum” in Düsseldorf stattfindet. Fazit: Das Internet hat die Lebengrundlage aller Informationsarbeiter grundlegend verändert. Nach dem ersten Tag herrschte aber offenbar mehr Ratlosigkeit als echter Erkenntnisfortschritt darüber, was nun die soziale Dimension des Internets an Neuem bringt und wie sie wirkt:

Doch wie die Dynamik im Internet überhaupt funktioniert, ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Eins ist jedoch steht außer Frage: Alleine durch Informatik und Informationstheorie kommt man dem Rätsel nicht näher. … Das Web ist eine soziale Maschine: Die technischen Grundlagen sind relativ simpel, wie sie jedoch die Realität formen und gestalten entscheidet jedoch der Mensch. … Die ersten Experimente bringen nur sehr, sehr begrenzte Erkenntnisse über die Funktionsweise des Netzes und dem Verhalten der Menschen darin.

Aufschlussreich ist immerhin die Kampagne um den Kriegsverbrecher Kony. Warum sie so erfolgreich war, zeigen erste Analysen, gerade auch, inwiefern sich diese Aktion als eine gezielte Kampagne dechiffrieren lässt, gesteuert aus einem speziellen US-amerikanischen politisch-religiösen Milieu („Invisible Children“). Diese Analyse lässt daran zweifeln, dass Interaktion in den sozialen Medien stets spontan und „chaotisch“ verläuft. Hinter dem scheinbaren Chaos der Klick-Raten, Likes und Retweets können ebenso gut Akteure stehen, die die Funktionsweise der Internet-Kommunikation genau einzusetzen und zu steuern wissen. Und genau dies bringt mich zum Nachdenken und Nachfragen, die ich in die Form einiger Thesen fasse.

1. Zweifellos ist das Internet die größte technische Revolution unserer Zeit. Inwiefern es sich zu einer sozialen und politischen „Revolution“ entwicklen wird, ist noch offen.

2. Der Kommunikation und Interaktion über lokale und temporale Grenzen hinweg bietet ungeheure Möglichkeit der Partizipation (Teilnahme und Teilhabe). Inwieweit dies zu mehr Nähe und Verstehen, Kritik und Dialog, Engagement und Mitwirkung führen wird, und / oder auch zu mehr Kontrolle, Mainstreaming und Hypes bei gleichzeitig  desinteressierter Konsumhaltung, ist noch offen.

3. Viele neue Möglichkeiten bedeutet immer auch: viele mögliche Nebeneffekte („usus“ und „abusus“). So ist zum Beispiel mehr Transparenz  möglich und oft wünschenswert, muss aber, wenn es nicht zum institutionalisierten „stalking“ werden soll, sozial und individual begrenzt bleiben und mit Vertrauensschutz einher gehen.

4. Der schon oft zitierte und beklagte „digitale Graben“ muss ernst genommen werden, und zwar nicht nur als ein zu beseitigender Fehler bzw. Missstand, sondern als de-facto-Verhalten und insofern auch Meinungsäußerung eines erheblichen Teiles der Bevölkerung. Es scheint mir zu kurz geschlossen, Internet-Abstinenz nur als ein Generationenproblem abzutun.

5. Die Diskussion über die Chancen und Wirkungen des Internet  als „social medium“ nur national zu führen, ist widersinnig. Noch sind auch im Internet die sprachlichen Grenzen zugleich Grenzen des Diskussionraums. Natürlich gibt es deutsche Beiträge in Englisch, es ginge aber um eine selbstverständliche Beteiligung deutscher Internet-User an z. B. englischen, skandinavischen, spanischen oder französischen Diskursen und umgekehrt.

6. Ein besonderes Phänomen sind die Aktivitäten politischer Blogger aus Konfliktländern und -zonen (siehe derzeit Syrien) und internationale Kampagnen wie bei den Occupy-Aktionen. Scheinbar grenzenlose Mobilisierung kocht in kürzester Zeit hoch, um nach wenigen Wochen wieder in sich zusammen zu fallen. Da entpuppt sich die Wirkung des neuen Mediums als klassisches Strohfeuer.

7. Die Haltung zum Internet stellt sich in verschiedenen europäischen Ländern politisch und gesellschaftlich offenbar sehr unterschiedlich dar. Hier müsste es überhaupt erst einmal zu einer inter-europäischen Diskussion, ja Wahrnehmung der jeweiligen Internetgruppen  und -interessen kommen.

So ist in Frankreich trotz intensiver Internet-Nutzung eine breitere Internet-affine  Gruppierung kaum vorhanden: „Die Mehrheit der Franzosen nimmt dies [Sarkozys restriktive Netzpolitik] offenbar mit einem gewissen Gleichmut hin. Trotz der europäischen Spitzenreiterposition in verbrauchter Bandbreite und täglicher Internetnutzung spielt Netzpolitik in den politischen und gesellschaftlichen Mainstream-Debatten kaum eine Rolle.“ (Joh. Kuhn in der SZ gestern).

8. Auch hierzulande schwankt die Thematik „Internet“ sehr stark im öffentlichen (= veröffentlichten) Interesse. Der „Bundestrojaner“ und die ACTA-Diskussionen haben für etwas mehr Aufmerksamkeit gesorgt, aber insgesamt bleibt die deutsche Öffentlichkeit (Zeitungen, TV, Radio) von den Bewegungen in den „Netzwelten“ recht unberührt. Dass z. B. Radiosender Facebook-Seiten aktiv nutzen und in Sendungen integrieren, ist zunächst nur ein weiteres zielgruppenbestimmtes „cooles“ Mittel des Mediums Radio. Thomas Gottschalks Versuch, statt Live-Publikum Twitter und Facebook zur Interaktion zu nutzen, hat sich als Fehlschlag erwiesen.

9. Internet-Aktivisten neigen dazu, den eigenen Standpunkt und das eigene Interesse gesellschaftlich zu überschätzen, weil sie ihre neue Weltsicht, die „digitale“ nämlich, vorschnell als allgemeingültig setzen und eine rein technische Möglichkeit sozial verabsolutieren.  So hat auch das Interesse an den „Piraten“ erheblich nachgelassen (vgl. Umfragewerte), weil sie wenig zu nicht-netzspezifischen Themen wahrgenommen werden. Und aktive Twitterer gibt es von Kappes geschätzt weniger als 2 % …

10. Trotz allen Enthusiasmus‘ und weit ausgreifender Thesen und Perspektiven zur Zukunft des Internets stellt sich die „Netzgemeinde“ bei uns derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Dabei ist „sub-“ nicht abwertend gemeint, sondern bezeichnet eine Teilmenge; man könnte auch Nebenkultur sagen. Sie ist durch die eigene Netz-Affinität, durch eigene Netzaktivitäten (teilweise auch beruflich) und Social-Media-Sozialisation geprägt. Der Begriff „Netzgemeinde“ wurde zwar jüngst als quasi-religiös kritisiert (siehe Thomas Knüwer, Indiskretion Ehrensache), trifft aber den derzeitigen Stand aus meiner Sicht am besten.

11. Diskussionen um die Bedeutung und Auswirkungen der „digitalen Revolution“ sind gut, sinnvoll und erforderlich;  auch Enthusiasmus und das Aufzeigen von Chancen helfen weiter (= über den Tellerrand hinaussehen). Die „Internet-Gemeinde“ entwickelt sich doch gerade erst auf einen öffentlichen Diskurs hin. Darum ist auch dieser Beitrag in einem Blog natürlich ein Beitrag an die – „Netzgemeinde“ !

 24. März 2012  Posted by at 12:09 Demokratie, Internet, Medien, Netzkultur, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Netzgemeinde als Subkultur