Nov 062016
 

Die ‚digitale Welt‘ ist allgegenwärtig, besser gesagt: die Digitalisierung der Welt durch Vernetzung. War es vor einiger Zeit noch modern, von „Welt 2.0“ zu sprechen, so wird heute die Version 3.0 übersprungen und allenthalben von „XY 4.0“ geschrieben. „Industrie 4.0“ ist dabei der Slogan der digitalen Marketing-Strategen. „Smart Home“ sei der nächste technische Schritt der Totalvernetzung und -steuerung. Die wirklich spektakuläre Evolutionsstufe aber wird mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI / AI) angestrebt. Sie ist das eigentliche Ziel all dessen, was mittels Big Data und vernetzten Rechenkapazitäten alsbald erreicht werden soll. Nun, die Vorkämpfer der digitalen Kulturrevolution werden nicht müde, neue Ziele auszumalen, die durch die technisch-digitale Bewältigung der Welt möglich und erstrebenswert würden. Nicht weniger als die technische Vervollkommnung des Menschen auf einer neuen Evolutionsstufe (‚homo digitalis‘) wird da verheißen.

Vernetzung

Vernetzung (c) Pixabay

In manchen Bereichen ist das Schlagwort „Digitalisierung“ zum reinen Selbstzweck geworden. Besonders im Bildungsbereich wird der Einsatz von Computern / Tablets sowie vernetzter Lehr- und Lernformen von einigen Enthusiasten als Ziel an sich proklamiert. Diskussion über Inhalte scheint fast überflüssig zu werden: The medium is the message. Das ist auf dem Hintergrund der Überzeugung erklärlich, dass Digitalisierung plus Internet als solche sowohl anthropologisch positiven als auch emanzipativen Charakter haben. Diese Idee des emanzipativen, Freiheit und Egalität fördernden Netzes („Wissen frei für alle“) mag in den frühen Jahren des Internets eine begründete Hoffnung gewesen sein. Sie heute noch zu beizubehalten und zu vertreten, bedeutet die Aufrechterhaltung einer Ideologie, die von der Wirklichkeit längst als ’schöner Schein‘ entlarvt wird.

Statt emanzipativer Wirkungen hat das Netz aufgrund des inzwischen hohen Grades an digitaler Durchdringung eher verblendende, freiheitsbeschränkende und dissoziale Auswirkungen, die nur die Inbesitznahme digitaler Strukturen durch globale Konzerne und autoritäre Regierungen widerspiegelt. Totalüberwachung ist nicht nur möglich, sondern real. Social bots steuern Meinungen und Haltungen, beeinflussen massiv demokratische Wahlprozesse. Attacken im und auf das Netz (‚cyber war‘) sind ebenfalls Realität, aktuelle Testläufe (Mirai-Botnetz) zeigen die Möglichkeiten und Auswirkungen. Weder der ‚Brexit‘ noch die US-Wahlen sind ohne die Einflüsse und Inszenierungen (kontrafaktische Strategien der Desinformation) durch digitale Multiplikatoren mehr beschreibbar. Längst ist das Internet im Bereich der Medien zu einem weiteren, sehr viel effektiveren Distributionskanal geworden, dessen eine Richtung der Verhaltenssteuerung und dem Erreichen von Marktzielen, also dem Verkaufen, dient, dessen „Rückkanal“ aber fast ausschließlich die Erhebung und Verwertung von Daten der Anwender liefert. Emanzipativ und egalitär ist hier gar nichts. Man kann dies sogar in Zahlen wiedergeben anhand des Verhältnisses von verfügbaren Downstream- zu Upstream-Bandbreiten, üblicherweise hierzulande mindestens 10 : 1. Zu Zeiten der ISDN-Technologie für das Internet war es zumindest möglich, synchrones ISDN zu mieten, obwohl schon damals das Überwiegen des asynchronen Netzs deutlich wurde.

Digitalisierung in den Bereichen Konstruktion, Produktion, Distribution sowie datenbasierte Dienstleistungen (z.B. Banken, Börsen) bringen enorme Produktivitätsgewinne, die allerdings ebenfalls ‚asynchron‘, also einseitig verwirklicht und angeeignet werden. Im digitalen Netz ist die Globalisierung eine Einbahnstraße. Die von Kritikern und zugleich Visionären wie Jaron Lanier geforderte „Demokratisierung“ des Netzes durch geldwertes synchrones Geben und Nehmen war bisher nicht mehr als eine schöne Idee: irrelevant. Auch die Idee der digitalen Allmende (open source, open science, open informtion) ist bisher mangels Unterstützung durch die Marktmächtigen kaum in den Bereich der kritischen Masse geraten. Ein Schritt vorwärts hier steht im Wettstreit mit 100 Schritten voran in der digital vernetzten Umstrukturierung von ökonomischer und politischer Macht. Den Wettlauf kann man nicht gewinnen. Hinzu kommt die Entwicklung des durch Facebook, Google & Co monopolisierten Netzes zu einer einzigen Integrationsplattform aller bisherigen Medien. Vorteil aus Sicht der Anbieter: personen- und situationsgenaue Erreichung des ‚Kunden‘ (eher Opfers) zwecks Meinungs- und Verhaltensmanipulation. Opfer passt deswegen besser, weil ‚Kunde‘ noch eine selbstbestimmte Entscheidungsmöglichkeit suggeriert in einem offenen Handlungsprozess. De facto ‚weiß‘ der Algorithmus längst und besser, wie die Entscheidung des ‚Kunden‘ höchstwahrscheinlich fällt und kann entsprechend verstärken oder kompensieren. Nicht die Entscheidungsfindung ist transparent, sondern ‚transparent‘ ist allenfalls die Abschöpfung des wichtigstens digitalen ‚Kapitals‘: der Daten über Einstellungen und Verhalten.

Es wird in Äußerungen der enthusiastischen Vorkämpfer der digitalen Netzrevolution viel von „disruption“ gesprochen, also der usprünglich ökonomische Begriff ’schöpferischer Zerstörung‘ (Schumpeter) verwandt. Er soll positiv besetzt darstellen, auf welche Weise der radikale Bruch mit dem ‚Alten‘ notwendigerweise die schöne neue Welt digital-vernetzten Fortschritts ermöglicht. Kapitalistische Ökonomie wird hier offen zum Urbild einer passgerecht digitalisierten und un-informierten Gesellschaft. Information, die nur massenhaft und scheinbar unstrukturiert verfügbar ist, bewirkt das Gegenteil von Informiertheit, nämlich Desinformation und Orientierungslosigkeit. Wir erleben das politisch und gesellschaftlich allenthalben; der Ruf nach Populisten soll in dieser Orientierungslosigkeit neue Richtung geben – möglichst einfach und dekomplex. So zeigt sich eine fatale Umkehrung der ersehnten Hoffnungen: Statt der Disruption im Interesse der Emanzipation und der unzensierten Wissensverbreitung und des egalitären Wissenserwerbs tritt die monopolistische Information der digitalen Schlüsselinhaber im Interesse der Desinformation und schrankenlosen Manipulierbarkeit aller anderen, die im digitalen Netz an der Nadel hängen, womöglich ohne es direkt zu merken. Vollständig ‚transparente‘, also unsichtbare Auswertung von Daten und Profilen lassen das (juristische) Ideal der „informationellen Selbstbestimmung“ zur überholten Lachnummer verkommen.

Die Disruption durch Digitalisierung wendet sich gegen ihre Kinder: Sie verwandelt sich in die Disruption der vernetzten Digitalisierung selber. Die positiven Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung scheinen von den negativen „collaterals“ verschlungen zu werden. Das ‚resiliente‘ Netz wird zur Hydra, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Sogenannte KI / AI (computergestützte, rekursiv optimierende Simulationen) zeigt sich darum auch eher als Chimäre zwischen Bedrohung und Verheißung. Man muss sich darin einrichten.

 

UPDATE 09.11.2016

In einem Kommentar zum Ausgang der US-Präsidentschaftwahl schreibt MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON (FAZ) über „Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien“:

So langsam muss man die großen Fragen stellen: Hat das digitale Netz, das jetzt in seiner populär zugänglichen Form des WWW mehr als zwanzig Jahre besteht, die Gesellschaft vorangebracht? Hat das Internet zu einem harmonischeren Zusammenleben geführt, hat es die Demokratie gestärkt, so wie die Protagonisten es einst erhofften?

Noch nie konnten sich Menschen ja so gut über die Hintergründe und auch Fakten der Politik und ihrer Akteure informieren. Noch nie gab es soviel Material, um eine abgewogene Entscheidung zu fällen. Noch nie war es so einfach, einen Kandidaten wie Donald Trump der Lüge zu überführen. Zumindest theoretisch. Doch gleichzeitig arbeiten viele Mechanismen der digitalen Kommunikation gegen Aufklärung und Verständigung. Noch nie zuvor wurde eine Wahl so sehr durch die Stimmung in den sozialen Medien beeinflusst.

Es mag später einmal wie einer dieser unglücklichen Zufälle der Weltgeschichte aussehen. Mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp jedenfalls haben die Wut-Bewegungen dieser Welt eine nahezu perfekte Technologie an die Hand bekommen. Sie hat den Charakter des Internets zu einer Zeit grundlegend verändert, in der sich Empörung in politischen Bewegungen bündelt, die wiederum dankbar die Mechanismen der digitalen Laut-Verstärkung aufgreifen. Statt Wissen zu demokratisieren, dient das Netz mittlerweile vielen zuvörderst, um Emotionen zu vervielfältigen.

aus FAZ.NET vom 09.11.2016

Dez 112013
 

[Politik]

Ein Blick auf die Weltlage zeigt, dass wir uns mitten in einem Umbruch befinden. Er begann schon in der ersten Dekade dieses Jahrtausends. Manches hat die Finanzkrise 2008 ans Licht gebracht. Das Ende und vor allem das Ergebnis ist nicht abzusehen.

Weltpolitisch gibt es kaum eine Region, in der es nicht gärt. Da ist der südamerikanische Kontinent mit seinem erwachenden Riesen Brasilien, da ist das nach wie vor instabile und von dauernden Bandenkriegen überzogene zentrale Afrika. Seine Nordküste ist nach der arabischen Rebellion noch keineswegs befriedet. Südafrika bildet bei allen inneren Problemen fast einen Hort der Sicherheit und Stabilität. Der Nahe Osten bzw. der weitere mittlere Osten mit Syrien, Irak, Iran, dem Kaukasus, Afghanistan und den sunnitischen Radikalen in Arabien bleibt ein Pulverfass, wo man allenfalls vorüber gehend die Lunte verlängern kann.

Indien, China und die früher sogenannten ostasiatischen „Tigerstaaten“ haben intern gewaltiges Veränderungspotential allein schon aufgrund des immensen Bevölkerungswachstums. Einzig der chinesischen Führung scheint das bewusst zu sein – im Interesse der Erhaltung der eigenen Macht. Japan und China lassen alte Feindbilder aufleben und taumeln direkt auf eine nationalistisch befeuerte Konfrontation zu, beide Seiten durchaus mit Kalkül. Putins Russland strebt nach Wiederherstellung weltpolitischen Einflusses und nutzt dazu alle ihm zur Verfügung stehende geostrategischen Mittel. Die Ukraine steht dabei derzeit im Fokus. Eine „Eurasische Union“ unter Moskauer Führung als Gegengewicht zu USA, EU und China ist das erklärte Ziel.

Nur Nordamerika, Europa und Australien erscheinen da als Regionen der Stabilität und hoch entwickelter Sicherheitsbestrebungen. Man kann sehr leicht verstehen, dass vor allem die USA als dominierende Weltmacht bei der Vielzahl der Konflikte und Konfrontationen sogar militärisch gelegentlich an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gerät („overstretching“). Die bisher macht- und geopolitisch so bedeutsame Frage der Energieversorgung hat sich überraschend entschärft, seit neue Fördermethoden („fracking“; Tiefseebohrungen) die Landkarte der fossilen Energieträger neu aufgeteilt hat. Dass diese Entwicklung sämtlichen Klimazielen stracks zuwider läuft, liegt auf der Hand. Deutschlands „Energiewende“ wirkt da geradezu exotisch. CO2 – Verringerung scheint nur noch ein utopisches Ziel zu sein. Klimaveränderungen sind jedenfalls langfristig auch geostrategisch von Bedeutung.

Die Stichworte Weltbevölkerung – Ernährung – Bildung – Klimaveränderung – Ressourcenverteilung kennzeichnen die enormen Herausforderungen und Probleme der politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Welt in den nächsten Dekaden. Darauf reagiert die Machtpolitik: Die bisher Mächtigen wollen ihre Macht behalten und verteidigen, andere emporstrebende Gruppen, Eliten und Nationen wollen an die Macht gelangen. Das geht nicht ohne Kampf und Verdrängung, oft genug auch nicht ohne Krieg. Instabile Verhältnisse wo auch immer in der Welt erhöhen faktisch die Kriegsgefahr über das bisherige Maß hinaus. Dabei wird es sich um „asymmetrische Kriege“ handeln, einerseits um machtvolle Interventionen und andererseits um Guerillakämpfe, Bandenkriege, Terrorgruppen. „Failed states“ werden eher noch zunehmen. Den geostrategischen Zielen großer Mächte stehen eine Vielzahl zweitrangiger Ziele kleiner Machtgruppen gegenüber, die (gewaltsam) schlicht um Geld und regionalen Einfluss kämpfen.

All diesem gegenüber erscheinen die innereuropäischen Konflikte fast lächerlich gering. Dem ist natürlich nicht so, denn ein Europa mit geschwächten Staaten und Volkswirtschaften hat weniger Einfluss und verändert die weltpolitische Lage. Wer nachlässt, wird zum Spielball anderer Mächte und Interessen. Genau dies ist derzeit in der IT-Industrie und am Internet abzulesen. Die größten und mächtigsten Konzerne der Informationstechnologie befinden sich in den USA. Das Internet ist ebenfalls in den USA entstanden und fest mit der US-Regierung verdrahtet. Europa spielt da kaum eine Rolle und hat dem Silicon Valley nichts entgegen zu setzen. Statt einer vergangenen Chance hinterher zu laufen, ist es sicher richtiger, neue Möglichkeiten zu nutzen und eigene Stärken auszubilden, Stichwort Industrie 4.0 (IT-Maschinenbau). Das nur am Rande.

Nachrichtensatellit

Militär. Nachrichtensatellit (Wikimedia)

Auf dem Hintergrund dieses ganzen Geflechtes von Veränderungen, Konflikten, machtpolitischen Verschiebungen, Herausforderungen, Beharrungskräften usw. ist auch das Thema einzuordnen, für das die NSA-Überwachung ein Beispiel ist. Natürlich steht dabei das US-amerikanische Interesse an Erhaltung und Verteidigung der eigenen Vorherrschaft an aller erster Stelle. Kann man nicht mehr mit Flugzeugträgern und Raketen „alles“ kontrollieren, dann eben mittels der Daten: alles sammeln, alles auswerten, jegliche Information in eine Ressource für einen strategischen Vorteil und für den taktischen Einsatz verwandeln. Der „Heuhaufen“, von dem Gen. Alexander sprach, ist natürlich sehr verniedlichend. Big Data heißt hier nicht „viel“ oder „eine große Menge“, sondern schlicht „ALLES“, alles nur irgendwie und irgendwo Verfügbare, vor allem in den Kommunikationsnetzen: Alles soll unter Kontrolle. Darin ist durchaus eine machtpolitische Logik erkennbar.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass UK, Frankreich, Deutschland (BND), Australien und Neuseeland ungeachtet der jeweiligen staatlichen Fähigkeiten am Datensammeln für die NSA aktiv beteiligt sind. Letztlich geht es um die Aufrechterhaltung bestehender wirtschaftlicher Machtstrukturen, Handelswege und weltpolitischer Dominanz – bis hin zur scheinbar anachronistischen Zusammensetzung des UN – Sicherheitsrates. Es geht dabei auch um die „Verteidigung des Westens“, also um diese Inseln der Stabilität. Davon profitieren wir in Europa mächtig. Das scheint mir das Körnchen Wahrheit bei dem begründenden Argument „Kampf gegen der Terrorismus“ zu sein. Wobei es mit Sicherheit genauso der Kampf für Kapitalinteressen und gegen China und Russland und andere „Kronprätendenten“ ist. „Wer nicht für uns (USA) ist, ist gegen uns.“ Da sich potentiell jeder gegen die USA wenden könnte, muss vorausschauend alles gesammelt und jeder überwacht werden.

Natürlich halte ich den Aufruf der Schriftsteller, die Demokratie und die Persönlichkeitsrechte in der digitalen Welt zu verteidigen, für richtig und notwendig. Es muss Grenzen des Datensammelns geben. Entscheidend ist wie oft: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Wer hat dazu die Fähigkeiten? Wer schafft dazu das Recht? Diese Aufgabe ist brisant, weil nationale Eitelkeiten eben sehr bald zu Machtfragen werden, bei dem das Recht des Einzelnen stets auf der Strecke bleibt. Umso wichtiger der Aufrauf. Umso wichtiger ist es zugleich, die sog. NSA-Affäre (dank Snowden) in den globalen und geostrategischen Kontext zu rücken. Erst dadurch bekommt sie das rechte Maß. Die maßlose Sprache eines Sascha Lobo („Armaggedon“) ist dafür weder hilfreich noch nötig.

 11. Dezember 2013  Posted by at 13:29 Individuum, Kultur, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Daten und weltpolitische Macht
Nov 202013
 

[Netzkultur]

In einem taz-Interview gestern hat Herfried Münkler formuliert:

95 Prozent unserer Handykommunikation ist Informationsmüll. All die Gespräche, die ich in der U-Bahn höre, muss kein Mensch verschlüsseln. Die Leute sprechen so laut, dass der ganze Waggon es versteht. Und was die Leute da sagen, ist zumeist banal, überflüssig und Zeitverschwendung. Jeder Euro zum Schutz dieser ausgetauschten Informationen wäre rausgeschmissenes Geld. Wir würden in einen teuren Rüstungswettlauf eintreten für nichts. Strategisches Denken ist Konzentration auf zentrale Ziele bei begrenztem Ressourceneinsatz. Wir sollten das schützen, was als Geheimnis wirklich wertvoll ist. (taz 19.11.2013)

Mir geht es jetzt nicht darum, ob Münklers Beurteilung insgesamt zutreffend ist oder nicht (NB: Ich halte sowohl die Analyse als auch die Folgerungen für richtig), sondern um die Beurteilung, um welche Kommunikation es sich bei den fraglichen Abhöraktionen überhaupt handelt. Seine Aussage über den 95 % Handy-Informationsmüll ist provozierend, aber wahrscheinlich (SMS!) zutreffend. Wenn man auf die Sozialen Medien insgesamt schaut (Facebook, Twitter, Google+), dann dürfte ebenfalls zutreffen, dass das Meiste einfach Gelegenheitsäußerungen sind, emotionale Feedbacks, überflüssige Mitteilungen, die eigentlich niemanden interessieren („esse gerade Pizza“), spontane Reaktionen aus dem Bauch heraus, also insgesamt ohne viel Gehalt, Sinn und Verstand. Ich würde es das soziale Geblubber oder Rauschen nennen, zum großen Teil ohne wirklichen Informationswert und ohne festen Adressaten. Es ist jedenfalls weniger, als es ein zufälliges Gespräch beim Treffen eines Bekannten auf dem Markt hat.

Rauschen

Weißes Rauschen (wikimedia)

Es ist dieses Blubber-Phänomen, das mir die Kommunikation auf sozialen Plattformen immer wieder verleidet. Ich schließe die häufig gelobten Communities bei Google+ ausdrücklich ein. Jedenfalls was die nicht rein technisch orientierten betrifft. Ebenso die Masse der Kommentare bei Zeitungsartikeln wie bei der FAZ oder SZ – und die sind sogar moderiert. Sie bringen selten eine neue Information oder auch nur einen neuen Gedanken. Meist drücken sie subjektive Befindlichkeit, Vorurteile,  Zustimmung oder Ärger aus.

Auch viele Blogs und Blogbeiträge gehören zu dem informationsarmen „Datenmüll“, und ich will selbstkritisch dieses eigene Blog nicht von der Prüfung ausschließen, ob das, was ich hier schreibe, nun wirklich gehaltvoll und lesenswert ist. Das möge der Leser beurteilen. Manchmal reicht es ja schon, ein Gegengewicht zu sein. Jedenfalls ist vieles, was ich andernorts lese, völlig belanglos und bringt einen, wenn man es denn gelesen hat, nicht wirklich weiter. Anders gesagt: Wenn ich es nicht gelesen hätte, wäre es genauso gut.

Münkler führt dieser „Befund“ (wenn diese provokante Formulierung denn ein solcher ist) zu einer bestimmten Einschätzung der NSA-Schnüffelei bzw. dem Erfordernis, eigene Kommunikation zu verschlüsseln. Darüber könnte man nun diskutieren, ob nicht gerade auch dieser „Müll“ für die komplexen Analysen der NSA (profiling) äußerst ergiebig ist. Jedenfalls ist es richtig, die Art der Kommunikation im Internet zu differenzieren, zu gewichten und nach bestimmten Kriterien zu bewerten. Dabei dürfte, so meine Vermutung, heraus kommen, dass ein großer Teil der privaten Netz-Kommunikation eher unter sozialpsychologischen Kategorien zu fassen ist („Psychohygiene“) als unter sachlich-inhaltlichen. Man tauscht aus („share“) und fühlt sich dabei gut. Insofern trüge das Netz viel weniger zu Bildung und Information bei als oft behauptet, sondern, zumindest in den sozialen Medien, zu einem kommunikativen Wohlfühl-Rauschen. Das ist nicht nichts und auch nicht weniger wert, sondern es hat nur eine ganz andere Funktion als die oft behauptete.

Aus meiner Sicht ist dies ein Hinweis auf die verbreitete Überschätzung der Netz-Kommunikation und des Internet im Alltag. Abgesehen von den Nerds und Freaks lebt niemand „im Internet“. Die Wichtigkeit des Gebrauchsmittels Internet ist unbestritten. Aber die hervor gerufenen Veränderungen sind doch sehr viel zäher und langwieriger als oft beschrieben. So hat das eBook bisher zwar fabelhafte Zuwächse (ich nutze es in bestimmten Fällen gerne), kann das gedruckte Buch aber keineswegs in allen Bereichen ersetzen. Mir fehlt z.B. die Möglichkeit, ein eBook weiter zu verschenken oder antiquarisch zu verkaufen. Ich nutze also nur dann ein eBook, wenn ich den Preis dafür als reinen Leasing-Preis für angemessen halte. Das ist aber meist, zumal bei Neuerscheinungen, nicht der Fall. Interessante wissenschaftliche Literatur ist als eBook überhaupt nicht verfügbar.

Ebenso wenig teile ich Martin Weigerts  jüngst geäußerten Enthusiasmus über die bargeldlose Gesellschaft und das Ende von Geld, wie wir es kennen – eine typische Überschätzung oder Fehleinschätzung. In den USA ist bargeldloses Zahlen längst Standard. Dass es bei uns anders ist, liegt nicht an den fehlenden technischen Möglichkeiten, sondern schlicht am Verhalten der Käufer in Deutschland / Europa, die bisher im Alltag Bargeld vorziehen. Ob das durch „Coin“ oder ähnliche Dienste anders wird, wage ich zu bezweifeln. Zu sehr hat gerade durch die NSA-Schnüffelei der Vorzug anonymen Bezahlens mittels Bargeld wieder an Bedeutung gewonnen. Darauf weist Weigert auch selber hin. „Bitcoin“ andererseits ist eine völlig eigene Geschichte und hat zunächst mit normalem Geld nicht viel zu tun, eher mit einem Spekulationsobjekt wie einem Hedgefond.

Bis dato haben auch Musik- und Video-Streamingdienste die Lust am „monologen“ Fernsehen kaum gemindert. Wie so viele andere Unterhaltungsangebote sind die neuen Streamingdienste einfach hinzu gekommen, eher zu Lasten der CD / DVD. Damit wird eine weitere Funktion des Mittels Internet deutlich: Es schafft andere Verteilwege. Es schafft neue Möglichkeiten des Audio- und Videokonsums, aber es schafft aus sich heraus keine neuen Inhalte. Auch neue Formate sind nur in sehr geringem Maße zum Transport wirklich neuer Inhalte geeignet. Auf YouTube und Vine ist davon gelegentlich etwas zu sehen.

Trotz sehr parteilicher und vorurteilsbehafteter Fragen seitens Martin Kaul hat sich Münkler in dem taz-Interview nicht beirren lassen, seine Beurteilung des Verhaltens der US-Geheimdienste und eventuell zu ziehender Folgerungen aus der NSA-Affäre nüchtern darzustellen. Diese Nüchternheit ist auch der Beurteilung der politischen Konsequenzen nicht nur der gängigen Abhörpraxis, sondern auch des Internets insgesamt mit Brauch und Missbrauch (Cyber-Kriminalität) anzuempfehlen. Wir sollten es geschickt nutzen („Industrie 4.0“) und seine Grenzen erkennen. Der produktive Nutzen ist groß und wird allenfalls unterschätzt. Die Bedeutung der Netzkommunikation aber ist meist genauso groß wie das, was wir sonst jeden Tag zu sagen haben. Im Grunde ist das nicht viel. Nicht viel Wichtiges und Wesentliches jedenfalls. Geblubber und Rauschen.

 20. November 2013  Posted by at 14:42 Internet Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Geblubber und Rauschen
Sep 272013
 

„Neuland ist abgebrannt“ titelt heute Richard Gutjahr in seinem Blog und beschreibt das Desaster der digital natives und des social web bei der Bundestagswahl. Er greift etwas gründlicher auf („Oder ist am Ende doch alles komplizierter?“), was an zynischen, enttäuschten und bissigen Kommentaren zur Wahl am vergangenen Sonntag durchs Netz geisterte und von einzelnen Exponenten der Netzelite in Talkshows zugespitzt wurde. Tenor: Der Wähler ist zu dumm. Der Wähler wurde eingelullt. Die Mehrheit wusste nicht, was sie tat. Merkelland ist Dummerland.

Michael Hanfeld hatte dagegen schon am Montag nach der Wahl in der FAZ sehr bissig und pointiert (es gab entsprechendes Aufjaulen) auf die faktische Bedeutungslosigkeit von Twitter gezeigt. „Motzkis der Republik“ bewegten sich dort nur in der eigenen Filter-Bubble. Sein Fazit: „In den Netzwerken schweigen die Wähler.“ Das wäre in der Tat bemerkenswert, auf jeden Fall scharf beobachtet. „Informationsgewinn gleich Null.“ Tweets seien weder informativ noch aussagekräftig noch repräsentativ. Das „Twitter-Gewitter“ – nur eine Blase.

Dem schließt sich Gutjahr nicht an. Er analysiert genauer, schaut näher hin auf das (fehlende) Zusammenspiel von Online und Offline im Wahlkampf und fragt sich, woran die Wirkungslosigkeit des Netzes und der Netzelite bei der Wahl wohl liegen könnte:

Was also bleibt übrig vom Gedöns rund um Liquid Democracy, 2.0-Kampagnen, dem Wunsch nach mehr Transparenz und Mitbestimmung durch das Netz? Wo genau verläuft die Linie zwischen (Selbst-) Anspruch und Wirklichkeit dieser neuen Kommunikationswege? Haben wir uns alle getäuscht, ist das Internet in Wahrheit irrelevant für den Ausgang von Wahlen? – Am mangelnden Interesse jedenfalls hat es nicht gelegen.

Und auch nicht an den Themen, betont Gutjahr. Die Netzgemeinde habe nämlich durchaus die richtig wichtigen Themen artikuliert: „Zukunftsthemen wie Netzneutralität, Netzsperren und Datenschutz werden uns schon bald einholen, so wie Waldsterben, Klimaerwärmung und Tsunami das getan haben.“ Also was war es dann, das zur Ignoranz des Wählers geführt hat? Gutjahr hat eine andere Antwort parat: Das Alter ist es. Die Bevölkerungspyramide. Die „Zwischendrin-Generationen 50- und 60-plus“. Sie haben kein Interesse an Experimenten. Sie haben keine Kinder. Ihnen ist das Netz fremd, Neuland halt. Sie sind an Zukunft und neuen Technologien nicht interessiert. Sein Gewährsmann ist Thomas Knüwer. Der hatte schon am Montag in seinem Blog noch schärfer formuliert, „die Wahl in Deutschland [ist] faktisch eine Wahl der Älteren bis Alten“ gewesen, d.h. der über 50 Jährigen. Dagegen: „Das wichtigste Lebensumfeld im Alltag junger Menschen wurde nicht abgebildet.“ Welches ist das „wichtigste Lebensumfeld“? Familie? Freunde? Sportverein? Nein – das Surfen im Netz natürlich. So strickt man neue Legenden.

Schauen wir zunächst die Thesen von Thomas Knüwer genauer an. Abgesehen davon, dass der Ärger über den Wahlausgang fast in jeder Zeile seines Blogposts zu spüren ist, hält er es mit den Daten nicht so genau. Schon die Aussage, mehr als 50 % der Wähler sei über 50 Jahre, stimmt so nicht. Laut Bundeswahlleiter sind es nicht ganz 50 % der Wahlberechtigten. Richtig ist: Es ist mit fast der Hälfte die mit Abstand größte Wählergruppe. Dies mag nur als kleine Ungenauigkeit und Übertreibung durchgehen. Weniger genau ist sein Bezug auf die Zahlen, was die Parteipräferenzen der Jungen (Altersgruppe 18 – 29) angeht. Er verweist auf Daten der Forschungsgruppe Wahlen , die belegen sollen, dass die Themen der jungen Generation, ihre Interessen und ihr Lebensumfeld, keine Rolle spielen.

Dieses Sache mit den jungen Wählern wird umso unwohler, je weiter man ins Detail schaut. Denn welche Parteien haben laut der Forschungsgruppe Wahlen mehr Prozentpunkte in der Altersgruppe 18 – 29 als in der Sektion über 60 Jahren?

Die Grünen. OK.

Die FDP. Ups.

Die AFD. Ups.

Nicht erfasst wurden die Piraten – wir dürfen aber davon ausgehen, dass es dort ebenfalls so aussieht. Sprich: Überdurchschnittlich viele junge Wähler, die ihre Stimme abgaben, sehen diese nicht im Bundestag repräsentiert. Gab es das so schon einmal in der Geschichte der Bundesrepublik?

Fakt ist laut eben dieser Zahlen, dass 34 % der jungen Wähler die CDU gewählt haben, nimmt man die nächste Altersgruppe der 30 – 44 jährigen hinzu, sind es gar 38 %, das liegt gar nicht so weit vom Gesamtwert 41,5 % entfernt. 58 % der jüngsten Altersgruppe haben CDU oder SPD gewählt. CDU und SPD weisen als einzige Parteien einen überproportionalen Anteil älterer Wähler auf. Was die Grünen, Linke, FDP und Afd betrifft, so unterscheiden sich die Prozentzahlen der jungen Altersgruppe von den Älteren gar nicht (alle anderen Altersgruppen) oder nur um 1 Prozentpunkt (über 60). Ein besonderes Wahlverhalten der jungen Wähler im Unterschied zu den Älteren ist hier also gerade nicht zu erkennen. Wie Knüwer zu seiner Schlussfolgerung (Zitat oben) kommt, ist mir schleierhaft.

Offenbar wird hier ein Generationenkonflikt herbei geredet, um einer Auseinandersetzung um Sachthemen auszuweichen. Diesen Eindruck verstärkt Gutjahrs pointierte Weiterführung des Themas Generationenkonflikt: Schuld ist die „Zwischendrin-Generation“. Was meint er damit?

Das Neuland wird nicht von den Digital Natives beherrscht, sondern, wie Thomas Knüwer es bereits in seinem Blog pointiert auf den Punkt gebracht hat, von jenen Alten, die noch überwiegend ohne Internet aufgewachsen sind. Ein Blick auf die Bevölkerungspyramide zeigt, dass das vermutlich auch noch für die nächsten beiden Bundestagswahlen der Fall sein wird. Dieses Klientel sitzt auf Vermögen, das es zu verteidigen gilt. Die „Zwischendrin“-Generationen 50- und 60-plus haben kein Interesse an Experimenten. Sie wissen, sie werden von den Vorzügen der neuen Technologien nicht mehr profitieren, zumindest nicht aktiv. Da immer weniger von ihnen Kinder haben, interessieren sie sich auch nur bedingt dafür, was nach ihnen kommt.

Mal abgesehen davon, dass das mit dem Keine-Kinder-haben weniger die Jahrgänge nach 1960 betrifft (nach dem Pillenknick geht es mit der Geburtenrate Ende der 70er Jahre erst einmal wieder aufwärts), sondern in weitaus stärkerem Maße für die nach 1970 Geborenen zutrifft (in deren Fertilitätsphase sackt die Geburtenrate noch einmal kräftig nach unten), ist das unterstellte Desinteresse an Zukunft doch reichlich infam.

Google zum 15. Geb.

Google Doodle zum 15. Geb.

Es wäre interessant zu erfahren, auf welche Erfahrungen sich Gutjahrs Zuspitzung stützt, die „Zwischendrin-Generation“ 50- und 60 plus sei nur an der Verteidigung ihres Besitzstandes interessiert, wolle keine Experimente und sei an den „Vorzügen“ der neuen Technologien und an dem, „was nach ihnen kommt“, schlicht nicht mehr interessiert. Es soll ja tatsächlich noch Großeltern geben, die sich für die Zukunft ihrer Enkel interessieren und sogar zunehmend fleißig „Internet“ lernen und in sozialen Medien kommunizieren. Zunächst klingt das aber sehr vorurteilsbehaftet und sehr pauschal nach dem Stereotyp der sauertöpfischen Alten, die nur noch an sich selbst und ihre bescheidene Lebenserwartung denken. Da soll Richard Gutjahr doch einfach mal einige dieser „Alten“ fragen, was sie von seinen Thesen halten! Wirtschaft und Einzelhandel haben dagegen die Zielgruppe der gut situierten, lebenslustigen Senioren-Konsumenten längst äußerst ertragreich ins Visier genommen.

Es spricht schon eine ganze Menge Unkenntnis und Unverfrorenheit gegenüber dem Zusammenspiel und den Unterschieden der Generationen aus diesen  Thesen. Jedenfalls wirken sie doch arg konstruiert und an den Haaren herbei gezogen, weil einem offenbar sonst nichts Gescheites dazu einfällt. Diffamierung ist auch eine Art von Wählerbeschimpfung, und zwar keine noble und schon gar keine begründete.

„Dazu“ – damit meine ich das Thema Netz und digitale Wirklichkeit, also das, was Gutjahr recht euphorisch mit den „Vorzügen der neuen Technologien“ meint. Ob er dabei heute, am 15. Geburtstag von Google, an die „asymmetrischen Mächte“ der „Informationsökonomie“ denkt? Frank Schirrmacher weiß dazu einiges zu sagen an Chancen, aber auch gewaltigen (asymmetrischen) Risiken. Oder denkt er dabei an Apples schöne neue (geschlossene) Welt? Oder an die NSA, die sich laut ihres Chefs Alexander damit brüstet, Amerika habe das Internet geschaffen, jetzt könne es dieses auch ausnutzen wie es wolle? Oder meint Gutjahr mit den wichtigen Zukunftsthemen auch das (zitierte) Thema Netzneutralität, aber bitteschön doch so genau und ausführlich als Problem dargelegt und erfasst (siehe Richard Sietmann bei Heise), dass man hier schwerlich nur zu einer Schwarz-Weiß-Malerei kommen kann? Immerhin, Datenschutz wird von Gutjahr als wichtiges Zukunftthema wenigstens erwähnt. Manche Älteren dürften in dieser Hinsicht sehr viel sensibler und (begründet) zurückhaltender sein als manche Junge, die (angeblich) alles Technische geil finden. Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein gerne bemühtes, dennoch falsches Stereotyp. Stereotypen und Vorurteile – und erst recht primitive Schuldzuweisungen bringen einen hier kaum weiter.

Vielleicht wäre es tatsächlich angesagt, inhaltlich zu diskutieren, in welcher Welt wir in der digitalen Gegenwart und Zukunft eigentlich leben wollen. Es ist die einfache Begründung Edward Snowdens für sein Tun, dass er in einer Welt, wie er sie in seiner beruflichen geheimdienstlichen Praxis kennen gelernt hat, nicht leben möchte. Darüber wäre es sinnvoll zu diskutieren. Welche Welt wollen wir für uns und unsere Nachkommen? Welche Bürgerrechte sollen gelten? Wieviel Privatheit, wieviel Respekt gegenüber der Person ist unerlässlich? Wie kann man die Asymmetrie von big data ausgleichen und unter Kontrolle bringen? Wie kann nun nachträglich verhindert werden, dass „die schöne neue Welt der NSA nichts anderes [ist] als Wal Mart plus staatlichen Gewaltmonopols minus politischer Kontrolle“, wie Schirrmacher treffend formuliert? Wie also lassen sich die gewaltigen Potentiale der neuen Techniken demokratisch einhegen und zum Nutzen aller (Bildung!) einsetzen, und zwar unter der Geltung des Rechts und der Freiheit, national wie international?

Fragen über Fragen, und wahrlich genug wichtige Zukunftsthemen. Ich bin sicher, dass daran sehr viele Menschen, Bürger, Wählerinnen, egal welchen Alters, interessiert sind. Diese Themen sind bisher kaum ausreichend und über die Grenzen der digital natives hinaus kommuniziert worden. Dafür wird es aber höchste Zeit. Das ist nicht nur ein Problem für die großen Parteien wie die SPD, das ist schon gar nicht bloß ein Problem für Randgruppen wie die Piraten, und das ist erst recht kein Problem, das nur die Jungen interessiert und die Älteren ausschließt. Das alles ist als gesellschaftliches Thema dran und gehört in die Öffentlichkeit, in Diskussion, Information, Rede und Gegenrede. Raus aus dem Käfig der „Netzgemeinde“ !

Lieber Thomas Knüwer, lieber Richard Gutjahr, liebe N.N., ihr habt es euch einfach zu leicht gemacht. Ihr seid zu oberflächlich. Das war nicht ausreichend. Setzen. Noch einmal neu nachdenken.

 27. September 2013  Posted by at 16:14 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , , ,  1 Response »
Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art „déjà vu“ – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit „Occupy wallstreet“ im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der „Piraten“ bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des „Web 2.0“ war zumindest medial – wie heißt es so schön? – ‚in der Mitte der Gesellschaft‘ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der „Arabische Frühling“ eine „Twitter – Revolution“ gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen „Transparenz“, „Teilhabe“, „Kontrollverlust“, „Liquid democracy“ (=“neues Betriebssystem“ des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften „Frische“ der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber – anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt – und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen „Internet-Gemeinde“: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war („Gipfeltreffen“), rückte das Thema „Internet“ und „social media“ als gleichsam „weiches“, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches „Spielzeug“, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der „digital natives“, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben „Nerds“, „Spackos“, „Piraten“ waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer „evolutionären“ Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‚herrschaftsfreien Interaktion‘, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß „instrumentellen Vernunft“ im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das „normal-elitäre“ Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um „lupenreinen“ Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein „neues“, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die „digital natives“, die sozialistische Bewegung ist nun die „Netzgemeinde“, statt „bürgerlich“ heißt es „analog“ oder „offline“, und der schlimmste Vorwurf, der einst „Faschisten“ lautete, heißt heute „Technikfeind“ oder „Verweigerer“: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als „faschistoid“, so gilt eben heute das beharrende Element als „technikfeindlich“. Aus dem Zauberwort „sozialistisch“ ist das kürzere „digital“ geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue „Leitkultur“.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der „richtigen“ Seite der Entwicklung sieht („Evolution“ sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher „Dummen“ schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann „kritisch“ verhält, wenn es um die Diffamierung der „Bedenkenträger“ oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue „Wahrheit“ manifestiert sich im „Netz“, genauer im „Schwarm“, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation „X“ der „digital natives“ geworden ist. Nicht so sehr die „cloud“, die „crowd“ wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der „Piraten“ doch tatsächlich jede Menge ergrauter „Revoluzzer“ aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, „instant“ eben. Das Wort „Hype“ kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne „Nerds“ und „Geeks“. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug „echte“ Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei „Künstliche Intelligenz“ helfen kann, ok  – aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von „New Republic“) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Posted by at 13:12 Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Déjà vu ’68
Mrz 302012
 
Die kulturelle Revolution ausgelöst durch das Internet ist Fakt. Die Chancen und Folgen für Teilhabe und Transparenz sind immens.  Negative Aspekte wie Nationalisierung und Fragmentierung des Netzes und der Gesellschaft kommen dabei oft zu kurz. Wer definiert, was das Web 2.0 sein soll?

Das „Web 2.0“, d.h. die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des digitalen Zeitalters stellen eine kulturelle Revolution dar. Es wird zu Recht unermüdlich (bisweilen mit fast missionarischem Eifer) in den Kreisen der Netzdiskussion auf die enormen Chancen und Veränderungen hin gewiesen, die mittels der Techniken das Internets eingeleitet sind. Dass es nicht nur um den Gebrauch einer „neuen Technik“ geht, man auch nicht mehr „ins Netz“ geht, so wie man einst telefonierte, (Th. Knüwer), sondern dass es sich um ein vernetztes soziales Verhalten handelt; dass es nicht nur um „facebook for fun“ geht, sondern um die Nutzung einer neuartigen „Plattform“ der Teilhabe (Stichwort „Plattformneutralität, wie M. Seemann nicht müde wird zu betonen); dass auf dem Hintergrund der digitalen „Medien“ (besser: Beiträge eines jeden Wort- und Bild- und Ton-Produzenten) um ein völliges Neudenken des „Verwertens“ und des sog. Copyrights geht (Stichwort: Urheberrecht, siehe z.B. M. Beckedahl); dass es – mit einem treffenden Wort der Piraten, schlicht um ein neues „Betriebssystem“ unserer Gesellschaft geht (M. Weisband) mit den Werten der gleichberechtigte Teilhabe, Netzneutralität, umfassenden Bildung, Transparenz und (basis)demokratischer Willensbildung und Beteiligung; dass es mithin um einen Schub an Demokratisierung in unserer Gesellschaft mit dem Aufbrechen überkommener Machtverkrustungen geht, gar um das Entlarven der „Nachhaltigkeitslüge“ (S. Nerz), um mehr Beteiligung, Mitbestimmung, Offenheit, Authentizität im Miteinander, dass also das Web 2.0 dazu beitragen kann, es gar bewirken kann, dass die negativen Folgen der industriellen Moderne durch einen Schwung positiver Möglichkeiten der netzaffinen Postmoderne überwunden werden können – all dies ist gut und richtig und aller Mühe wert, weiter durchdacht, gemacht, ausprobiert zu werden. Diese positive Sicht des Web 2.0 hat zu einer ungeahnten Aufbruchsstimmung geführt, siehe die „Piraten“.

Was das „Internet“ für die politischen Institutionen bedeuten kann oder muss, das wird in der Enquetekommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ verhandelt und ist in einer öffentliche Anhörung zum „Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation“ am 19. März thematisiert worden. Der ausführliche Beitrag von Christoph Kappes zum Thema dieser Anhörung gehört zum Besten, was derzeit dazu zu lesen ist. So weit, so gut. Ich selber teile weithin den Enthusiasmus über all das, was derzeit im Netz und durch das Netz geschieht; es sind wirklich spannende Zeiten!

Ja, nun kommt das Aber. Denn mir kommen in dieser Diskussion gerade von seiten der „Netzgemeinde“ (bei aller Problematik, dieser Begriff ist als Kürzel einfach brauchbar…) einige Aspekte zu kurz. Es ist vielleicht die Begeisterung über die Chancen des Neuen, dass da weniger auf das Negative geschaut wird. Aber es gibt nichts von Menschen Gemachtes, das nicht stets zwei Seiten hätte. Das Augenmerk auf beide Seiten zu legen, trägt zur Nüchternheit und zum Realismus bei.

Erhellend ist für mich die jüngste Sinus-Studie zum Thema „Vertrauen im Internet im Internet“ im Auftrag der DIVSI. „Rund 27 Millionen Menschen in Deutschland leben komplett oder nahezu komplett ohne Internet. Damit sind hierzulande fast doppelt so viele Personen offline wie bislang angenommen.“ Es ist die Gruppe der sog. Digital Outsiders: „Die Digital Outsiders sind entweder offline oder stark verunsichert im Umgang mit dem Internet. Das Internet stellt für sie eine digitale Barriere vor einer Welt dar, von der sie sich ausgeschlossen fühlen und zu der sie keinen Zugang finden.“ Dazu werden mehr als ein Drittel der Bevölkerung gerechnet. Dass weitere 40% als digital affin („natives“) und aktiv („immigrants“) verortet werden, mag trösten. Dennoch besteht ein gewaltiger „digitaler Graben“ in unserer Gesellschaft, der nur zum Teil auf fehlender Bildung und Unvermögen beruht; zum geringeren Teil ist es auch eine Haltung bewusster kritischer Abstinenz. Dies gilt es recht zu bedenken und ernst zu nehmen.

Diese Kritik in Sachen ‚Internet und Web 2.0‘ könnte sich an folgenden Punkten fest machen. Ich zähle stichwortartig einige negative Aspekte auf, die mir in der engagierten Netzdiskussion oft zu kurz kommen:

1. Kontrollierung des Netzes und seiner Standards durch dominante Internet- u. Medienkonzerne (Google, Facebook, Fox-TV u.a., sämtlich in USA)
2. Fragmentierung des Web: WWW ist faktisch US-W oder WW = westliches Web. Staaten wie China, Iran und andere islam. Staaten haben sich ausgeklinkt.
3. Nationalisierung des Netzes durch einzelstaatliche Reglementierung und “Zensur” (-> Frankreich; Australien)
4. Algorithmen gesteuerte Überwachung des Einzelnen (z.B durch DHS in den USA); präemtives Profiling
5. Apple-Effekt: Torwächter-Monopole; was das iPad nicht darstellt, ist im Web “nicht vorhanden”.
6. Es gibt kaum einen länderübergreifenden Diskurs; “Netzgemeinde” = nationale Blase?
7.  Bereitschaft zum politischen Diskurs, zu aktiver Beteiligung bleibt gering (siehe Jugend-Studie); Netz-„Konsumenten“ dominieren über „Netz-Gestaltern“.
8. Die Tendenzen zur Kontrolle des Netzes nehmen eher zu als ab. Sicherheit vor „Kontrollverlust“. Industrie dominiert; Macht vor Recht?
9. Die Verletzbarkeit und Störanfälligkeit des Netzes nimmt durch monopolartige Zugangs-Strukturen und durch Instabilität der ‚Energieversorung und -netze zu.
10. Wie schafft man den Spagat zwischen Transparenz und Vertrauen, zwischen Offenheit und Persönlichkeitsschutz, zwischen technisch Machbaren und human Wünschbaren?

Mit den Fragestellungen des letzten Punktes wird der Bereich geöffnet zu dem weiten Feld an Problematiken, die sich aus den vielfältigen technischen und industriellen Möglichkeiten der „Postmoderne“ ergeben. Ulrich Beck hat vorausschauend darauf hin gewiesen, was es bedeutet, in der „Weltrisikogesellschaft“ zu leben, auch wenn er in dem gleichnamigen Buch (2008) noch kaum auf die digitale Herausforderung Bezug nimmt. Seine kritischen Analysen können auch die Diskussion um „das Netz“ hilfreich aufklären. „Definitionsverhältnisse sind Machtverhältnisse.“ Einer seiner Kernsätze. Wer also definiert, was das Web 2.0 ist, sein wird, was es kann und soll?

UPDATE:

Ich finde eben den Beitrag von Constanze Kurz (CCC) im FAZ-Blog über das ungelöste Problem der Wahl-Computer, die dennoch nach und nach die großen Demokratien erobern und Wahlen der manipulativen Undurchschaubarkeit ausliefern – ein weiterer kritischer Aspekt.

 30. März 2012  Posted by at 09:55 Demokratie, Internet, Moderne, Netzkultur, Revolution, Sicherheit, social media, WWW Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Brave New World 2.0