Apr 262019
 

Die Krise der globalen Herausforderungen und das Ende des Petrozän.

Es wird vielfach behauptet, die Polarisierung nehme rasant zu in unserer Gesellschaft. Wenn man näher in der eigenen Umgebung hinschaut, kann man davon gewiss manches entdecken, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie es die anstehenden Probleme der Veränderung in der Welt vermuten ließen. Man darf sich dabei nicht vom Bild der social media Plattformen täuschen lassen, sie spiegeln mitnichten die alltägliche Wirklichkeit. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung tummelt sich regelmäßig auf den Internet – Marktplätzen der polarisierten Meinungen. Die meisten Menschen nutzen Facebook und Whatsapp rein privat in der Familie und im Freundeskreis. Die trotz allem noch zu vielen Schreihälse und Selbstdarsteller, Hetzer und Pöbler samt den bots und fake accounts vergiften das Klima in diesen öffentlichen Medien und verzerren die Wahrnehmung. Gewiss, es gibt weit mehr Leser bei Twitter bzw. Zuschauer bei Youtube als Schreiber und Produzenten, aber das genügt offenbar, um den Eindruck einer hasserfüllten, intoleranten und fake news konsumierenden Öffentlichkeit zu erwecken. Wann wird man mit so etwas im Alltag, also IRL (in real life), konfrontiert? Zum Glück bisher selten und ausnahmsweise. Dagegen gibt es eher zu wenig von einer breiten und transparenten, von einer engagierten und um die Zukunftsfragen streitenden öffentlichen Diskussion.

Es gibt Rücksichtslosigkeit, das fällt bisweilen auf, – ob rücksichtsloses Verhalten tatsächlich häufiger wird oder Aggressivität zunimmt, kann ich nicht beurteilen. Die Statistiken (Kriminalität) sprechen eher dagegen. Es gibt drastisch unangemessenes Verhalten, das dann sogleich medial verbreitet und potenziert wird. Selbst auf den Straßen im dichtesten Verkehr geht es eigentlich überwiegend friedlich und angepasst zu – die wenigen Ausreißer fallen dann umso mehr auf. Vielleicht ist es aber auch nur der Fatalismus, dass im Stau ohnehin nichts gegen den Stau hilft. Auf kleinerem Raum allerdings, in den Städten, in Fußgängerzonen und auf Plätzen ist das rücksichtslose Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer oft auffallend und unangenehm. Man rückt sich zu nah und bedrohlich auf die Pelle und beschimpft sich, statt sich ruhig und tolerant zu verhalten im öffentlichen Miteinander.

Denn eines fällt tatsächlich auf: Wir werden mehr. In den ohnehin schon bevölkerungsreichen Ballungsgebieten nimmt das Wachstum der Bevölkerung weiter zu. Es gibt zwar auch bei uns Regionen, die dünn besiedelt sind und unter Auszehrung und Bevölkerungsschwund leiden, aber das sind nur wenige Gebiete. Im Allgemeinen sind auch die naturnahen Regionen von der Freizeitindustrie beherrscht und an schönen Wochenenden und in den Schulferien überlaufen. Man muss schon ziemlich suchen und genau hinschauen, um Einsamkeit und wirkliche Ruhe in einer natürlichen Landschaft zu finden. In Westeuropa gelingt das immer seltener.

Aber selbst wenn es zwar etwas weiterer Wege und Vorbereitung bedarf – es gibt sie noch, abseits liegende Orte und Gegenden, in die man sich ziemlich alleine und auf sich gestellt zurückziehen kann, wenn man es denn aushält. Die Stadt als solche ist es, die weltweit Menschen massenhaft anzieht mit Hoffnungen auf Arbeit und Auskommen. Andere zieht die Abwechslungsmöglichkeit, die Wahl so vieler verschiedener Lebensmöglichkeiten, das Angebot unglaublich vielfältiger Freizeit- und Kulturmöglichkeiten in den großen Städten an. Stadtluft verspricht Lebendigkeit, Aufmerksamkeit, Abwechslung und Zerstreuung. Die großen Städte bieten zudem Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Fülle an, das Angebot von Wohnungen kommt der Nachfrage bekanntlich nicht hinterher. So viele Menschen aus unterschiedlichsten Herkünften, Kulturen, Schicksalen, mit ebenso unterschiedlichen Hoffnungen, Aussichten und Möglichkeiten treffen aufeinander. Da kreuzen die regulären und rechtmäßigen Wege „nach oben“ ebenso viele unrechtmäßige, vielfach kriminelle Wege zu persönlichem Vorteil, zu Macht und Reichtum. Gentrifizierung und kriminelle Clans sind letztlich zwei Seiten einer Medaille: der Stadt mit ihren vielfältigen, widersprüchlichen Möglichkeiten.

Die Verstädterung ist ein weltweites Phänomen. Metropolen mit mehreren Millionen Einwohnern nehmen rasant zu und wachsen weiter überall auf dem Globus. Die Versorgung dieser vielen Menschen mit Wohnung, Nahrung und Energie wird ein zunehmendes Problem. Wasser wird zum kostbaren Gut, sauberes Trinkwasser erst recht. Es ist nicht nur der Klimawandel, der in vielen Regionen für Wassermangel sorgt. In den Megastädten, gewissermaßen den Regionen der typischen Lebensweise und Lebensverhältnisse der Zukunft, prallen die Interessen, Konflikte und Meinungen aufeinander. Es ist der harte Kampf ums Überleben, der an erster Stelle steht, um Zukunft, Chancen und Lebensmöglichkeiten für sich und seine Kinder. In der Schweiz gabe es vor einigen Jahren im Rahmen der „Ausschaffungs-Initiative“ das Schlagwort „Dichtestress“. Da ist etwas dran, und zwar vor allem in den übervölkerten Metropolregionen weltweit. Wenn dieser Globus in 30 Jahren, also einer Generation, mehr als 10 Milliarden Menschen beherbergen wird, dann wird sich etwas verändert haben, und zwar massiv. Da dürften unsere jetzigen Dissense und Dissonanzen nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Konsens ist bekanntlich nur dann möglich, wenn man bei Auseinandersetzungen und Streit aufeinander hört und den anderen zu verstehen sucht, Maximalpositionen aufgibt, um einen Kompromiss zu finden, der beiden Seiten etwas Recht gibt und Zusammenleben weiterhin möglich macht. Wo es allerdings zu eng wird, verliert der Kompromiss an Attraktivität: Vielleicht nimmt mir der Kontrahent gerade die einzige Lebensmöglichkeit, die ich sehe. Dann wird ein fairer, beiden entgegenkommender Kompromiss nicht mehr möglich sein, – Intoleranz und Gewalt (Faustrecht) drängen sich dann als „Lösung“ auf.

Solarkraftwerk Marokko
Solarkraftwerk in Marokko (c) Paris Match 2015

Auf drei Ebenen sehe ich zunehmend Konflikte sich verschärfen, Ressourcen verknappen und Bereitschaft zu Kompromissen schwinden: beim kaum mehr zu verhindernden Klimawandel, durch das ungebremste Bevölkerungswachstum und bezüglich der sozialen Disparitäten, die Chancen für alle verhindern.

Klimawandel *) : Das Klima als hyperkomplexes System ist ausgesprochen träge, es kann sozusagen viel wegstecken. Aber dann, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird und verstärkende Faktoren mehr Gewicht bekommen haben und zusammenwirkende Ursachen zunehmen, kann man aus menschlicher Sicht nur noch wenig tun, um diese Entwicklung zu stoppen. Es ist schon sehr viel gewonnen, wenn man die beschleunigenden Faktoren (zum Beispiel CO2- und Methan-Ausstoß) verringert, um die weitere Beschleunigung des Temperaturanstiegs zu verhindern. Das 2° – Ziel wird sich kaum mehr erreichen lassen – umso wichtiger wird es, den Anstieg so früh und nachhaltig wie möglich zu begrenzen. Außerdem sollten mindestens ebenso viele Mittel auf die Bekämpfung der Folgen der Klimaerwärmung (Dürren, Unwetter, Meeresspiegelanstieg) verwandt werden wie auf die Bekämpfung des Temperaturanstiegs als solchen.

Bevölkerungswachstum: Ich finde es erstaunlich, wie wenig dies ein öffentliches Thema ist. In regelmäßigen Abständen werden Prognosen über die Zunahme der Weltbevölkerung veröffentlicht, aber es scheint eigentlich niemanden zu kümmern, – allenfalls dass man in Europa wegen wahrscheinlicher Überalterung (Bevölkerungsschwund) an politischer und ökonomischer Bedeutung verliert. Dabei dürfte die Begrenzung des Bevölkerungswachstums eine künftige Herausforderung ersten Ranges sein. Wie das überhaupt einigermaßen konfliktarm gelingen können soll, ist mir schleierhaft. Man kann aber auch zynisch auf „Selbstregulation“ setzen: Kriege, Krankheit, Seuchen. Dies ist aber keine humane und verantwortungsvolle Option. Es wird Zeit, dies zum Thema zu machen.

Intoleranz / Verteilungsgerechtigkeit: Soll sich der Kampf aller gegen alle nicht als letztes (Macht-) Mittel erweisen, was bedeuten würde, dass die Mächtigen alleine die Lebensoptionen diktieren (man könnte einschränken: noch mehr als jetzt schon), dann sind Toleranz und Kompromiss die einzigen Möglichkeiten, zivilisiert um Wege und Lösungen zu ringen. Dafür ist ein offener Meinungsaustausch, ein diskursiver Streit um die geeignetsten Mittel und erreichbaren Ziele die unabdingbare Voraussetzung. Um die Überlebensfragen Klimawandel, Bevölkerungswachstum, soziale Drift (in immer weniger Händen / Konzernen sammelt sich der Reichtum der Welt) überhaupt zukunfts- und konsensorientiert angehen zu können, ist ein hohes Maß an Engagement, an Wissen, an Einfühlungsvermögen und dann auch konzentrierte Durchsetzungskraft vonnöten. Wir brauchen also einen gesellschaftlichen Diskurs, eine öffentliche Diskussion, eine Einladung zu kontinuierlichen Werkstattgesprächen zwischen Politikern und gesellschaftlichen Akteuren auf der einen und der interessierten Bevölkerung auf der anderen Seite – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes wie jetzt vor der Europawahl, sondern strategisch im Blick auf die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Globalisierung und Digitalisierung stellen die Rahmenbedingungen dar, um die drei Mega-Herausforderungen Klima, Bevölkerungswachstum und globale Verteilungsgerechtigkeit konsensual zu bewältigen.

Der heute von manchen eingeschlagene Weg in Nationalismus und Identitätsbehauptung ist als Reaktion auf die beschriebenen Probleme zwar teilweise nachvollziehbar, aber nichtsdestoweniger grundfalsch. Nicht die Isolierung und Selbstbeschränkung einzelner getrennter Gruppen kann die Lösung sein, sondern nur verstärkte Solidarität und entschlossenes Zusammenwirken. Das gilt im Kleinen, also auf örtlicher Ebene, genauso wie auf nationaler und erst recht auf internationaler Ebene. Die Konflikte durch weltweite Interessenkollisionen (Migration) und globale Machtverschiebungen (China) werden ohnehin zunehmen. Auf Gremien und Institutionen der internationalen Zusammenarbeit können wir dabei noch weniger verzichten als je zuvor. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, einen Weltkrieg, einen globalen Weltenbrand zu verhindern: den Krieg um die letzten entscheidenden Ressourcen, um die ultimative Macht – und ums nackte Überleben. Der mögliche Schrecken solcher Dystopien sollte uns die Kraft und den Mut verleihen, die „Utopie“ einer friedlichen Menschenwelt in Freiheit für alle mit Leben zu erfüllen und zu teilen. Dazu kann man ruhig einmal auf die Straße gehen.

Aber dazu braucht es mehr als ein oder zwei gute Beschlüsse hochkarätiger internationaler Konferenzen – es braucht ein behutsames, aber entschiedenes Umsteuern in der gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik – national und international. Nicht mit ein paar Demonstrationen an einem Wochentag, sondern mit einer großen gesellschaftlichen Anstrengung, mit einem argumentativen Mitnehmen des Großteils der Bevölkerung, mit der Absicherung von bestehenden und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen, mit dem Mut zum Aufbruch und zu Innovationen, zur Technik 5.0 und Bildung 5.0 – vereint mit der Pflege der Natur und der Bewahrung der Ressourcen dieser Erde für alle können wir den Wandel in eine neue Zeit schaffen. Das Petrozän hat ausgedient.

Reinhart Gruhn

Update 29.04.2019: Dieser beiden Texte ergänzen das Thema:
„Warum ich trotz allem für Europa bin“ von dem Schweizer Regisseur Milo Rau. Und „Fleisch ist viel zu billig, sagt der Klimaforscher Johan Rockström.

Update 03.05.2019 Der rasante Artenschwund, das Verschwinden der Artenvielfalt ist ein Aspekt, der neben dem Klimawandel gesondert berücksichtigt werden muss. Artenschwund und Klimawandel gehören zusammen, weil sie beides miteinander verzahnte Auswirkungen unserer dystopischen Lebensweise sind: lDas Mammutwerk zum Massensterben


 26. April 2019  Posted by at 18:26 Europa, Frieden, Gerechtigkeit, Macht, Politik, Zukunft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Utopie statt Dystopie
Apr 192014
 

[Gesellschaft]

Zu einem Blogbeitrag von Klaus Kusanowski, Öffentlichkeit als Hoffnungsinstanz sowie nach einem Twitter-Geplänkel zum Thema öffentliche Meinung

  1. Die Bestreitung von „Öffentlichkeit“ bzw. öffentlicher Meinung“ ist eine steile, aber verfehlte These. Die Entgegnung, „dass jeder Nutzer zu jedem Zeitpunkt anderes wahrnimmt“, „öffentliche Meinung … überall sehr individuell ausfällt“ und daher (!?) „Öffentlichkeit den Status einer Imagination“ habe, ist entweder trivial oder sie schließt einseitig an die verbreitete These der „filter bubble“ an und spitzt sie individualistisch zu. Nicht „Öffentlichkeit“ ist ein Phantasieprodukt („Imagination“), vielmehr ist das uninformierte, subjektiv wahrnehmende und meinende Individuum eine Abstraktion.
  2. Öffentliche Meinung ist fassbar und quantifizierbar. Kurz gesagt ist es der gewichtete Querschnitt aus Themen, Nachrichten und Kommentaren bezogen auf Reichweite, Auflagenstärke (print) bzw. Nutzerzahlen. Dabei sind unterschiedliche Medien (traditionelle und online, also Portale, Blogs, Social media) entsprechend der quantifizierten Verbreitung in jeweils unterschiedlichen Bevölkerungs- / Altersgruppen relevant.
  3. Meinungsumfragen dokumentieren zu einem bestimmten Zeitpunkt quantifiziert und qualifiziert die Wirksamkeit der öffentlichen Meinung (Momentaufnahme) zu bestimmten Themen.
  4. Die sog „Filterblase“ bzw. der jeweils subjektive Blickwinkel und die eigenen Meinungsvorlieben werden durch die Äußerungen in der Öffentlichkeit nivelliert und rückgekoppelt. Die kontinuierliche Rückkopplung von Wahrnehmung anderer / öffentlicher Meinung und Bildung der eigenen individuellen Meinung kann als ein nichtlinearer Prozess in Netzwerken (nicht nur digitalen) beschrieben werden.
  5. Das Internet (Soc. Media, Foren, Kommentare) macht Interaktion leichter und schneller, verbessert aber nicht unbedingt Kommunikation [eigenes Thema]. Im Übrigen ergänzen / ersetzen soziale Medien die früheren Stammtische (gibt’s kaum noch) und Marktgespräche. Vielfach geschieht informeller Meinungsaustausch am Rande von Vereinsaktivitäten. (Das zu untersuchen wäre ein lohnendes Projekt.)
  6. Wie sehr die These der subjektiven Filterblase bzw. subjektiven Wahrnehmung zu korrigieren ist, beweist die neue Untersuchung von Matthew Gentzkow, Ökonom an der Universität Chicago, siehe FAZ-Blog von Patrick Bernau  [Hab ich extra bestellt … 😉 ]

Many people, flicke

Menschenmenge, by TheBigTouffe, flickr

 19. April 2014  Posted by at 11:16 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Relevanz von Öffentlichkeit
Jan 212014
 

[Netzkultur]

Jeanette Hofmann hat im Tagesspiegel vom 20.01.2014 einen bemerkenswerten Beitrag geschrieben: „Das Internet ist nicht kaputt, aber die Tradition des Privaten“. Dazu hat es bei Google+ Thorsten Breustedt eine interessante Diskussion gegeben, auf die ich mich als Hintergrund beziehe.

J. Hofmann fasst ihre Ansichten zum Thema Internet, privat und öffentlich, so zusammen:

Unser aktueller Großbrand [die NSA -. Affäre], der uns, knapp 350 Jahre nach dem verheerenden Feuer von London, dazu auffordert, die Privatsphäre neu zu denken, besteht in der Erkenntnis, dass die traditionellen Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, auf die wir uns lange verlassen haben, nicht mehr gelten. Die Wohnung, das private Gespräch, die persönlichen Daten, nichts ist mehr sicher vor der Ausspähung durch Dritte im Namen unser aller nationaler Sicherheit. Traditionelle Kulturtechniken wie Schlösser, Vorhänge und Benimmregeln, die uns helfen, zwischen Privatem und Öffentlichem zu trennen, sind mit dem digitalen Fortschritt unsicher, wenn nicht komplett hinfällig geworden. …

Sascha Lobo tat Unrecht mit der Behauptung, das Internet sei kaputt. Ein zentrales Prinzip des Internets besteht ja in seiner diskriminierungsfreien Innovationsoffenheit, die gerade nicht zwischen gesellschaftlich gut und böse unterscheidet. Von dieser Innovationsfreiheit profitieren alle, staatliche Überwachungstechniken, die sich ironischerweise kaum von kriminellen Machenschaften unterscheiden ebenso wie nutzerfreundliche Kommunikationsdienste. Das Netz selbst ist intakt, unsere Traditionen des Privaten sind es, die einer Revision bedürfen.

Es ist zum einen bemerkenswert, wie J. Hofmann als Google-Lobbyistin (sie ist Direktorin des von Google finanzierten Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin) hier sehr schnell, zudem mit fragwürdigen historischen Vergleichen, zu einer Revision der Privatsphäre aufruft. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichen gelten nicht mehr, stellt sie fest. Interessant, dass sie das als Parteigängerin Googles so offen erklärt, was immerhin sämtlichen Datenschutz-Versicherungen des offiziellen Google Hohn spricht. Grund sei die Innovationskraft der Internetindustrie und die faktische Hinfälligkeit des Privaten insgesamt, das leichthin als „bürgerliche Konstruktion“ abgetan wird. Hier gilt offenbar: Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing. Wenn man so zum Spaß einmal überall dort, wo sie vom Privaten schreibt, das Urheber- und Autorenrecht einsetzt, dann wird eine ganz andere Melodie daraus. Sie müsste dann erstaunlicherweise eine Revision des Urheberrechts fordern (das ist nun wirklich eine „Konstruktion“ der bürgerlichen Gesellschaft, Autoren des Mittelalters und der frühen Neuzeit hätten sich darüber scheckig gelacht), da diese der „Innovationsoffenheit“ des Internets doch stracks zuwider läuft. Da hört und liest man aber von der Internet-Industrie mit ihren Kopierschutztechniken und ACTA derzeit noch etwas ganz anderes. Also das Anlegen von zweierlei Maß fällt auf.

Zum anderen wird von Hofmann das Private zum bürgerlichen Zerrbild gemacht. Es geht immerhin um eine Rechtssphäre, deren Wurzeln mit der Unterscheidung von Öffentlich und Privat im Römischen Recht liegen. Ohne hier einen langen historischen Exkurs zu schreiben kann man knapp sagen, dass die Privatsphäre einen Schutzraum für die eigene Person geschaffen hat (das bedeutet ja privat) sowohl gegenüber dem Mitmenschen als auch gegenüber dem Staat. Dieser Schutzraum dient der ungehinderten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, der freien Verfügung über die eigenen Möglichkeiten und vor allem auch der Unversehrtheit von Leben, Wohnung und Eigentum. Dazu gehört auch der Schutz der persönlichen Kommunikation, kodifiziert im „Briefgeheimnis“ (so schon in der Allg. Preußischen Postordnung von 1712). Die Unterscheidung von Öffentlich und Privat im heutigen Verständnis hat natürlich eine neuzeitliche, meinetwegen auch bürgerliche Prägung erhalten, die Sache selbst ist uralt und geht mindestens bis zu den Griechen und ihrer Unterscheidung von Haus (Oikos) und Rat-Platz (Agora) zurück. Das Privatrecht regelt darum die Konfliktfälle im zwischenmenschlichen Bereich, also zwischen Privat und Privat. Seine Grenze findet der Privatbereich und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit naturgemäß am gleichen Recht des Mitmenschen.

Wohnung, Michel Verjux

Installation „o.T.“ des Künstlers Michel Verjux aus dem Jahr 2005. Foto Matthias Wagner K. (Wikimedia)

Das Öffentliche Recht regelt die Streitfälle zwischen Privat und Öffentlichkeit, insbesondere dem Staat. In der heutigen demokratischen Verfassung dient dieser Rechtsbereich vor allem dem Schutz der einzelnen Privatperson vor dem unrechtmäßigen Zugriff des Staates, gerade auch dort, wo der nicht öffentlich, sondern mit Polizeigewalt oder im Geheimen agiert. Das beinhaltet aber zugleich auch ein rechtmäßiges Zugreifen des Staates aufgrund seines Gewaltmonopols zum Schutz vor Rechtsbruch. Hier gilt es auf dem Hintergrund der aktuellen und künftig zu erwartenden technischen Möglichkeiten, die Grenzlinien zwischen rechtmäßigem und nicht rechtmäßigem Zugriff des Staates neu zu bestimmen und auszubuchstabieren. Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Recht der Privatperson bzw. der Persönlichkeit gegenüber dem Staat und der Öffentlichkeit gestärkt und konkretisiert, z. B. durch das Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“, das heute allerdings wieder neu zu definieren wäre.

Ebenso muss aber auch die Linie zwischen Privat und Privat, insbesondere zwischen dem Einzelnen und privaten Korporationen und Unternehmen neu bestimmt werden, und zwar sowohl intellektuell (eine solche öffentliche Diskussion fordert zurecht Evgeny Morozov) als auch rechtlich. Das Urheberrecht ist da nur ein Feld unter vielen, das Recht der einzelnen Person auf die Unverletzlichkeit der Privatsphäre, und zwar heute besonders im Hinblick auf die informationelle Unverletzlichkeit, ist ein viel wichtigerer Bereich, um dessen Erhalt heute gestritten und dessen enormen Freiheitswert man heute verteidigen muss.

Wenn wie von der jeweiligen (Medien-) Industrie behauptet und gefordert, das digitale Eigentumsrecht dem physischen Eigentumsrecht gleichzuordnen ist, dann ist digitaler „Einbruch“ (Hacken, Phishing usw.) und digitale „Sachbeschädigung“ (Viren, Trojaner) und digitale „Verletzung der Persönlichkeit“ (Abhören und Belauschen) dem physischen Einbruch, der physischen Sachbeschädigung und der physischen Verletzung der Persönlichkeit gleichzusetzen. Dasselbe gilt für das Briefgeheimnis, das heute zu einem „Kommunikationsgeheimnis“ erweitert werden müsste.

Neu ist der gesamte Bereich Big Data, weil es in der Vergangenheit weder eine Wirklichkeit noch überhaupt eine Vorstellung davon gab, was heute alles an Datensammeln und Datenauswertung und darauf gestützte Verhaltensprognose möglich ist und bereits angewendet wird. Dieses ist ein ganz neues Feld (wirklich „Neuland“), das unbedingt intellektuell zu bearbeiten und gesellschaftlich zu diskutieren ist, und ebenso ein ganz neuer Rechtsbereich, der national und international kodifiziert werden müsste. Ja, ich weiß, ein langer Weg, aber daran führt eben kein Weg vorbei. Klar ist, das man es sich nicht so einfach machen kann, wie es J. Hofmann, offenbar ihrem Arbeitgeber verpflichtet, tut. Im Gegenteil, wer hier vorschnell nivelliert („Schlösser, Vorhänge und Benimmregeln … sind komplett hinfällig geworden“) und resigniert, leistet nicht nur Vorarbeit für die Interessen von Google, Amazon, …, NSA usw., sondern gibt Freiheitsrechte des Einzelnen leichtfertig auf, die in der Neuzeit mühsam errungen werden mussten. Private Verschlüsselung ist gut, löst aber nicht das Problem. Das tut nur gesellschaftlicher Protest, öffentliche Diskussion und neue Rechtssetzung betreffs digitaler Persönlichkeitsrechte.

Um es knapp auf eine Formel zu bringen: Privat muss auch digital privat bleiben.

 21. Januar 2014  Posted by at 14:18 Bürgerrechte, Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Vorsicht – Privat!
Apr 062013
 
Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, zumindest mit der Öffentlichkeit in den Medien. Würde man sie als realistischen Spiegel der gegebenen Verhältnisse ansehen, dann entstünde ein merkwürdiger Eindruck. Etwas Verwirrung und Unschlüssigkeit ist da zu erkennen über das, was derzeit „wirklich“ Sache ist, ein Rauschen, das kaum markante Spitzen aufweist. Die „Netzgemeinde“ ist schnell abgehandelt, denn spätestens seit Sascha Lobos kritischem Beitrag ist diese hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet und mit Selbstbetrachtungen beschäftigt. Typisch dafür ist auch die Selbstzerlegung der Piraten, die gerade in NRW mit einem neuen Akt in diesem kleinlichen Drama aufwarten. Aber das betrifft inzwischen nur noch einen minimalen Bereich öffentlicher Beachtung und Wahrnehmung.

Dass der Wahlkampf angeblich begonnen hat, merkt man kaum, seit Steinbrück keine unterhaltsamen Beiträge mehr liefert. Von der Regierung hört man eh nichts mehr. Zypern-Krise? Irgendwie kein Aufreger, oder nur ein sehr kurzer wegen der Sparer, aber dass beim Geld nichts mehr undenkbar ist, hatte man auch vorher schon geahnt. Euro-Krise? „Überstanden“, heißt es beruhigend aus Brüssel, auch wenn sich eigentlich nichts wesentlich geändert hat. Die Rezession und damit verbunden Arbeitslosigkeit und Lethargie wachsen in den Ländern Südeuropas. Ob das mit der Lethargie stimmt, weiß ich nicht, das ist nur mein Eindruck aus der „öffentlichen Meinung“, seit in Athen, Nikosia, Lissabon oder Madrid keine Massenproteste mehr vermeldet werden. Aber es würde schon passen, denn in der Not denkt jeder an sich selbst zuerst.

Bei uns im Land scheint die Wirtschaftsentwicklung stabil zu sein mit weiterhin positiven Aussichten. Gute Lohnabschlüsse sorgen in großen Teilen der Bevölkerung für das nötige Kleingeld zur Belebung von Konsum und Reisen. Wenn des Handels größte Sorge der verspätete Frühling ist mit wenig Lust auf Gartenpflanzen, Neuwagen und Sommerklamotten, dann scheint es uns so schlecht nicht zu gehen. Miese Nachrichten findet man wenige, abgesehen von der nicht neuen Klage über steigende Mieten in den attraktiven Ballungsräumen. Selbst die Strompreise treiben niemanden auf die Straße. Über „Armut“ bei uns klagt es sich auch nicht mehr so leicht, seit man sieht, was Armut zum Beispiel in Griechenland aktuell wirklich bedeutet. Also was solls? Ach ja, Korea, irgenwie ein Irrer, leider sehr ernst zu nehmen. – Ansonsten alles gut.

Satellitenantenne (Google)

Satellitenantenne (Google)

Dabei gäbe es genug Dinge, die eines „öffentlichen Diskurses“ bedürften, oder sagen wir es einfacher: über die geredet, diskutiert, gestritten werden sollte. Da sind die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrisen. Wenn die heiße Phase hektischer Nachtsitzungen erst einmal vorbei zu sein scheint, wäre es doch an der Zeit, sehr ernsthaft nach den Ursachen zu forschen. Viele der schnell geäußerten Gründe sind eher Schuldzuweisungen denn genaues Fragen nach den komplexen Zusammenhängen. Auf Ungleichgewichte der Wirtschaftsräume, auf die Folgen der ’neoliberalen‘ Marktideologie, auf eine aggressive Exportpolitik (ja, damit ist Deutschland gemeint) ist mancherorts schon hingewiesen worden. Dem wäre noch viel genauer nach zu gehen. – Dann ist da das weite Feld der Energieversorgung und der Energiepolitik, die bei uns kaum sachdienlich, sonder sehr ideologisch („öko“ ist per se gut) „veröffentlicht“ wird, – „diskutiert“ kann man das ja kaum nennen. Hier wäre eine wirklich streitige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angesagt. Der Strompreis ist nur der eine Aspekt, die Folgen des Klimawandels sind ein anderer. Auch wenn die Prognosen auf prinzipiell unsicheren Modellen beruhen (es können nur Annäherungen sein aufgrund bekannter Daten), ist das Nachdenken und die Diskussion darüber keine Angelegenheit, die man als Modethema mal aufbauschen und dann wieder in der Versenkung verschwinden lassen darf.

Eigentlich geht es bei all diesen Themen um die grundsätzliche Frage, wie wir denn künftig leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern bauen und hinterlassen wollen. Einig sind sich eigentlich alle öffentlichen Äußerungen darin, dass wir uns in Zeiten eines rasanten Umbruchs befinden. Es ist ein Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie, ein Wandel des Verhaltens in Kultur und gegenüber der Um-Welt, ein „Paradigmenwechsel“ der technischen und medizinischen Möglichkeiten, deren Ausmaß noch kaum abzuschätzen ist. Wie wollen wir leben? Wie soll die Welt aussehen, in der wir und unsere Kinder leben wollen und können? Welche Werte können da weiterhin gelten, welche Werte gilt es als verändert zu akzeptieren? Wie gehen wir mit der Tatsache weiträumiger Migration um? Was bedeutet das dichte, spannungsreiche Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen (weltweit!) für den Alltag? Wenn es keine Grenzen des technisch Machbaren gibt, wie gehen wir mit den Perspektiven künftiger Entwicklungen zum Beispiel der Veränderung des menschlichen Erbguts um? Es ist keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wissen und Fakten kann man nicht annullieren.

Die Öffentlichkeit scheint das nicht zu interessieren, zumindest die mediale Öffentlichkeit nicht. Aufklärungs- und Informationsbedarf ist genug da. Anschauungsmaterial ebenso; an kundigen und verständlichen Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung mangelt es nicht. Ich erlebe es so: Da, wo derartige Themen und Perspektiven artikuliert werden, da sagen die Menschen: „Das ist ja wahnsinnig interessant, da müsste man doch viel mehr drüber erfahren und viel intensiver diskutieren.“ Genau dafür ist die Öffentlichkeit doch da. Die „Wissensgesellschaft“ hat eine einzige Voraussetzung: dass man sie auch am Wissen teil haben lässt, nicht nur in Nischen und elitären Zirkeln. Volker Gerhardt hat mit seinem Vertrauen in die rein „an sich“ gegebene aufklärerische Struktur der Öffentlichkeit eine doch etwas reichlich abgehobene These vertreten. Da ist mehr „Fleisch“ nötig, denn es geht immer auch und zuerst um Interessen und um Macht. Ob die „Netzgemeinde“ ohnmächtig ist oder sich selbst beweint, ist ziemlich gleichgültig. Ganz und gar nicht gleichgültig ist es aber, dass die öffentliche Diskussion der uns und unsere heutige und künftige Welt bewegenden Themen eingefordert wird. Das geht nur, indem immer wieder Fragen gestellt werden, dass zum Beispiel Konzepte der TV-Talks durch Querfragen durchbrochen werden, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz weit mehr und besser genutzt werden. Bislang lässt dort oft nur ein neues iPad oder Samsung Galaxy den Erregungspegel steigen. DAS ist entschieden zu wenig, wozu das Netz bisher taugt.

Die Öffentlichkeit hat eine eigene Struktur, die ständig im Wandel ist. Richtig. Die öffentliche Diskussion aber braucht ebenso sehr Sachhaltigkeit und Interesse an gegenseitiger Orientierung. Daran fehlts. Darum klingt das öffentliche Getöse so wirr. Wie wollen wir morgen leben? Darum gehts.

 6. April 2013  Posted by at 10:08 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , ,  1 Response »