Okt 112012
 

Die Gültigkeit der Aussage „Nichts ohne Gehirn“ und die Eigenständigkeit des geistigen Bereiches („Layer“) innerhalb der einen Wirklichkeit habe ich in den vorigen beiden Beiträgen zu umreißen versucht. Es fehlt noch eine recht entscheidende Überlegung. Es geht um die Frage nach der Verbindung, nach der Bindung oder „Teilhabe“, wie früher gesagt wurde, zwischen der „Welt“ des Mentalen, Geistigen und der Wirklichkeit, wie sie „ist“, wie sie die Naturwissenschaften erfasst. Wie kommt man von dort nach hier und von hier nach dort? Was ist der vermittelnde „link“? Klingt auf dem ersten Blick vielleicht trivial, ist es aber ganz und gar nicht. Der heutige Begriff von Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht gründlich genug bedacht, wenn diese Frage übergangen wird.

In einem TV-Beitrag zum Thema „Macht des Unbewussten“ (WDR 09.10.2012) erklärte ein Hirnforscher, es gebe zwar „die Welt da draußen“, nur hätte „ich“ sie noch nie gesehen, denn das einzige, was „ich“ wissen könne, seien die Bilder der Außenwelt, die mir mein Gehirn präsentiere. Ich wisse und erführe also nur, was mir Sinne und Gehirn ‚vorgaukeln‘. Vielleicht ist dieser Neurologe ja ein wenig philosophisch bewandert, dann weiß er auch, dass genau dies die These der klassischen griechischen Skepsis ist, mehr als 2000 Jahre alt. Eines ihrer Hauptargumente beruhte auf der Erfahrung, dass es subjektiv keine Möglichkeit gibt, zwischen einer „echten“ Wahrnehmung und einer Sinnestäuschung zu unterscheiden: Ich bin in meinem Erkennen und Wissen abhängig von dem, was mir die Sinne und das Gedächtnis vermitteln. Was „wirklich“ ist, vermag ich nicht zu erkennen (Pyrrhonische Skepsis). Heute ist es das Gehirn, das mir fast gänzlich unbewusst, aber im Lebensvollzug „transparent“ die Wahrnehmung der Umwelt verarbeitet und aufbereitet. Aus dem Gehäuse meines Kopfes komme „ich“ nicht heraus. Neurale Prozesse konstruieren „meine“ Wirklichkeit.

Die radikale Skepsis hatte schon in der Antike wenige Anhänger, denn allzu offensichtlich spricht die Alltagserfahrung doch dagegen: „Irgendwie“ orientiere ich mich eben doch ganz erfolgreich in der realen Außenwelt. In der Hirnforschung hat sich auch keineswegs Skepsis breit gemacht, sondern nur die Instanz verschoben, die den Kontakt zur Außenwelt vermittelt. Es ist nicht das wache Bewusstsein, sondern vielmehr die unbewusste Steuerung durch Sinneseindrücke und deren erfolgreiche Verarbeitung und Interpretation in den verschiedenen Arealen des Gehirns. Das Bewusstsein in der der Hirnrinde ist nur eines davon.

GPS Satellit im Orbit, Wikipedia

Die Frage ist also weniger, ob oder wie die Welt „draußen“ in mir repräsentiert wird (das geschieht offenbar, und sehr erfolgreich), sondern wie und auf welche Weise es zu einer Übereinstimmung kommt zwischen den geistigen Tätigkeiten, Vermögen,  Konstruktionen und den Realitäten der natürlichen Welt. Denn ebenso offenbar sind die „idealen“ Konstrukte  des Geistes keineswegs deckungsgleich mit ihren Entsprechungen in der tatsächlichen Welt. Den geometrischen Kreis kann ich zwar exakt berechnen, aber nie exakt zeichnen, und er kommt auch in der alltäglichen Welt nie exakt, sondern allenfalls annäherungsweise vor. So waren es gerade die geometrischen und mathematischen Erkenntnisse, die Welt der Zahlen und der Geometrie, die einen Platon zur Beschreibung der „Ideen“ als der „wahren“ Wirklichkeit hinter der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit führten. (Gunter Dueck sieht das etwas zu kurzschlüssig.) Sie schienen doch umso vieles genauer und wirklicher zu sein als alles, was wir sehen und messen  können. Und genau diese Erkenntnis ist dann Ausgangspunkt der enormen Leistungen unserer modernen Naturwissenschaft: die Welt mathematisch zu beschreiben und so zu verstehen und produktiv nutzen zu lernen.

Und jetzt können wir die offene Frage nach der „Verbindung“ genauer stellen: Wie kommt es, dass die mathematischen Produkte unseres Geistes die Welt der Dinge so unglaublich exakt und genau beschreiben können? Ist die natürliche Welt also „zahlenhaft“? Was aber, wenn die Mathematik, wie ein Erwin Schrödinger es formulierte, nur eine hervorragend geeignete Sprache wäre, also ein menschliches Konstrukt, um Naturdinge angemessen zu beschreiben? Wie kommt es dann zu der Übereinstimmung von Denken (in Zahlen) und Wirklichkeit (in Dingen)? Und noch zugespitzter: Finden oder erfinden wir „Naturgesetze“? Sind es überhaupt „Gesetze“ (wer hätte sie denn erlassen oder aufgestellt?) oder nur heuristische Prinzipien? Was ist aber mit der ungeheuren Exaktheit, mit der bestimmte Naturkonstanten (z. B. ‚h‘, ‚c‘, ‚G‘, anders aber ähnlich π) in Zahlenwerten bestimmbar und immer wieder experimentell und mathematisch bestätigt werden? Sind die Formeln und Regeln der Logik (hm, welcher?) nur Operanden unseres Denkens oder sind es Strukturen der Wirklichkeit „da draußen“? Worin besteht der „link“ zwischen den denkerisch erkannten, ‚geistigen‘ Strukturen und der realen, dinglichen Wirklichkeit?

Oder ist die Wirklichkeit doch nur das, zu was unser Erkennen (mit Sinnen und Geist, Hirn und Verstand) sie bestenfalls „machen“, „schaffen“ kann? Leuchtet da Platons Sonne tatsächlich von außen in die Höhle (das war ein Vorschlag für die Lösung des Problems des „missing link“) oder ist die „Sonne“ nur in uns, in unserem mentalen, geistigen Vermögen, womit wir wieder in der gefährlichen Nähe der Skepsis wären? Oder zeigt die Hirnforschung insofern einen Lösungsweg auf, als wir diese Selbstbezüglichkeit anerkennen und nutzen sollten, weil wir aus der „Falle“ der Selbstreferenz niemals heraus kommen können: Das Gehirn betrachtet und befragt das Gehirn, was es als Gehirn leistet und „denkt“? Schließlich sind auch die Erkenntnisse und Interpretationen der Hirnforscher selbst wiederum mentale Leistungen menschlicher Gehirne, – bauzperdauz.

Ich weiß die „Lösung“, sollte es eine geben, natürlich nicht. Ich lasse mich freilich auch nicht damit abspeisen, die Frage sei halt falsch gestellt, so what? Die Frage nach der adäquaten Verbindung, Entsprechung, Teilhabe, wie auch immer man es nennen mag, von „realen“ und „geistigen“ Inhalten bleibt ja bestehen, wenn man genauer hinsieht und weiter denkt. Vielleicht kann man das Problem tatsächlich nur „komplementär“ lösen, dass es eben je nach Ausgangspunkt der Fragestellung unterschiedliche Antwortmodelle geben wird. Dann ist es wie in der Quantenphysik: Es gibt keine „vorstellbare“ Beschreibung, nur eine exakte mathematische Lösung. Und das reicht immerhin, um die tollsten Computer und andere Sachen zu bauen…

 11. Oktober 2012  Posted by at 10:10 Bewusstsein, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Missing Link
Jan 212012
 

Was ist die Seele? Gibt es sie? Ist der Begriff „Seele“ ein Konstrukt metaphysischer Vergangenheit? In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Bücher erschienen, die der Frage nach der Seele als einer zentralen philosophischen Frage erneut nachgehen. Es geht also nicht um esoterische Literatur. Vielfach sind es Erörterungen, die an die Diskussionen über die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung anknüpfen. Offene Fragen wie die nach Willensfreiheit und Personalität werden in der aktuellen Philosophie des Geistes thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Seelenbegriffs angebracht.

Unter dem Thema „Augustin oder: Die Reinigung der Seele“ bin ich dem Verständnis von „Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart“ nachgegangen. Es ist dabei ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie entstanden, der aus dem Rückblick heraus die gegenwärtigen Aporien und festgefahrenen Antithesen des naturalistischen Reduktionismus und des ontologischen Dualismus in gleicher Weise vermeiden und überwinden helfen möchte. Kristallisationspunkt ist die Person Augustins geworden, weil sich in ihr das verdichtet, was das Verständnis der Seele in der abendländisch-christlichen Philosophie über Jahrhunderte geprägt hat. Gerade seine Verbindung psychologischer Selbstbetrachtung (in den Confessiones) mit der radikal negativen Anthropologie (Erbsünde) auf der Basis eines einseitigen Sexismus hat folgenschwere Konsequenzen gehabt bis in unsere Tage. Der Seelenbegriff ist nicht zuletzt durch Augustin geprägt und in gewisser Weise „vergiftet“ worden. Die Neuzeit hat sich dieses Begriffes weitestgehend entledigt. Statt dessen wurde Bewusstseinsphilosophie oder eben eine Philosophie des Geistes entworfen, die ohne Umschweife zu den heutigen Fragestellungen der Kognitionswissenschaften hingeführt haben. „Gehirn & Geist“, „theory of mind“ sind die heute aktuellen Stichworte einer Diskussion, die das Seelische als etwas Unwissenschaftliches der Esoterik überlassen hat – oder allenfalls als empirische Psychologie einzuholen trachtet.

Welchen Sinn hat es da, sich erneut mit dem Begriff „Seele“ herum zu schlagen? Dies soll in dem hier vorgestellten Beitrag aufgezeigt werden. Es gibt von unterschiedlicher Seite spannende Versuche, Vorschläge und Entwürfe, den Begriff „Seele“ als Katalysator in eine Diskussion einzubringen, die sich mit den Schwierigkeiten der sogenannten „Qualia“ nicht zufrieden geben kann. Vielleicht kann dadurch ein Weg gefunden werden, aus der unglücklichen Sackgasse der Antithetik entweder empirischer Naturalismus oder ontologischer Dualismus heraus zu kommen.

Der Beitrag steht frei im Netz zur Verfügung als der erweiterte Text eines Vortrages (HTML ) oder als eBuch (PDF).

Augustin oder: Die Reinigung der Seele.
Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart
Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie

 

 21. Januar 2012  Posted by at 17:27 Bewusstsein, Geist, Hirnforschung, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Seele und Geist