Apr 102014
 

[Kultur]

Wir leben in der Postmoderne, sagt man. Das bedeutet ideologiefrei, pragmatisch, in realistischer Einschätzung der begrenzten Möglichkeiten dieser Welt, selbstbezogen mit dem Anspruch, daraus in jedem Fall das Beste zu machen, zu mindest das Beste für sich selbst. Orientierung an der eigenen Karriere (Lean in!) schließt Ungebundenheit und Lustbetonung nicht aus: Um Work-Life-Balance geht es. Und ansonsten: „Everything goes.“ Politik ist nicht besonders angesagt,  eher Technik und effizientes Politik-Management – überhaupt Management. Das ist mehr als nur ein Begriff aus der Ökonomie. Er wird übertragen in den eigenen Lebensbereich: Das eigene Leben managen, heißt: Krieg’s endlich gebacken. Vernetzt sein gehört auch dazu, nicht nur wörtlich, was die aktuellen Gadgets betrifft, sondern ebenso die Freunde. „Beziehungen“ nannte man das früher, soziale Kontakte, oder „Vitamin C“.

Man könnte fortfahren. Man wird dabei spüren, dass es nicht mehr ganz richtig ist, was man da über die aktuelle Zeit schreibt. Es hat sich etwas verändert. Das Gesagte stimmt so nicht mehr. Es gibt schrille Zwischentöne. Die Harmlosigkeit im Umgang mit der Zukunft (wird schon weiter gehen wie bisher) und die Hoffnung auf die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik (alles machbar) ist geschwunden oder zumindest sehr gebrochen. Ursachen dafür? Sicher vielfältige. Markante Symbole dieser Veränderung sind aber mit den Hashtags #snowden und #internetkaputt gekennzeichnet. Und dann der nächste Schlag: #ukraine, #krimkrise. Militärische Bedrohung, Sanktionen, Krieg? Nein, beileibe nicht, aber unmöglich? Das bisher Undenkbare wird auf einmal wieder denkbar: In Europa könnte die lange Phase des Friedens und der rechtlich, vertraglich geregelten Konfliktbewältigung zu Ende gehen.

Bisher war da allenfalls der Islamismus, aber den wähnte man doch weit weg. Und wegen der paar potentiellen Terroristen im eigenen Land musste man sich nicht allzu großes Kopfzerbrechen machen. Die islamistische Szene in DE scheint gut im Blick und einigermaßen sicher im Griff zu sein. Aber anderes beunruhigt viel mehr: Das enthusiastisch gefeierte Netz hat seine Unschuld verloren. „Internet kaputt“ – ein Menetekel. Aber auch hier ist die Schnüffelpraxis der NSA nur die eine, oberflächliche Seite der Medaille. So nach und nach dämmert es, was „das Netz“, zumal das „Netz der Dinge“ (smart home usw.), alles mit sich bringt an Datenerfassung und Auswertungsmöglichkeiten. Da kommen noch einige Fragen und zu lösenden Probleme des Daten- und Persönlichkeitsschutzes auf uns zu, gerade auch im Bereich des Arbeitsrechts.

Plünderung Roms

Plünderung Roms (Wikimedia)

Nicht erst seit der Krimkrise, aber vor allem im Zusammenhang mit der Lage in der Ukraine, in der EU und seitens der russischen Politik werden auf einmal wieder ganz andere Töne laut, Ansichten und Befindlichkeiten, die man längst in der vielzitierten „Mottenkiste der Geschichte“ wähnte. Nationalstolz, Volksseele, ureigenster Kern der Nation, Korrekturen der Geschichte, Wiedererstehung eines Großreiches, der umstürzende Segen der Gewalt. Man traut seinen Ohren nicht. Als ich den Artikel des russischen Schriftstellers Viktor Jerofejew las: „Die Krim ist Putins Meisterstück„, stockte mir förmlich der Atem. Ist es denn möglich, so begeistert und offenbar ohne jedes Arggefühl von der Größe Russlands, der russischen Seele, die der Westen sowieso nicht verstehe, und dem wieder auferstehenden „Dritten Rom“ zu schreiben?

Darin dass man den „alten Westen“ (wohl in Abwandlung der Rumsfeld-Diktion vom „alten Europa“) getrost ignorieren könne, weil er völlig irrelevant sei, ist sich Jerofejew mit einem Vertrauen und Ideengeber  des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan einig. Yigit Bulut sieht den Abschied von Europa gekommen („Wir brauchen es heute nicht mehr.“) und das Osmanische Reich allmählich wiedererstehen.

Bulut betonte, die Weltordnung werde künftig von drei globalen Machtzentren bestimmt: Neben den Vereinigten Staaten als „neuem Westen“ werde es einen aus Russland, der Türkei, dem Nahen Osten und Eurasien bestehenden Block geben. Das dritte Zentrum bestehe aus China, Indien und Iran. Europa werde in dieser Machtverteilung keine Rolle mehr spielen. … Er vertritt die Ansicht, dass die Türkei eine aufstrebende Macht sei und dass Europa diesen Aufstieg verhindern wolle.

Alles Spinner? Nur merkwürdig, dass diese Töne plötzlich deutlich vernehmbarer werden in Worten und Gedanken, die man lange nicht mehr gehört hat. Wenn  man dazu die zentrifugalen Kräfte innerhalb Europas berücksichtigt – die Uneinigkeit der Nord- und Süd-EU, die inzwischen wieder recht holprige „Harmonie“ zwischen Paris, London und Berlin, dann will einem nichts mehr unmöglich scheinen. 1914 wird sich nicht wiederholen, weil sich Geschichte nie wiederholt. Aber altes, längst überwunden geglaubtes Gedankengut, irrationale Träume von Macht und Größe, von Selbstreinigung durch den Einsatz von Gewalt, Mythen vom uralten Recht und uralten Kern einer Nation und ihren Ansprüchen, geschichtsmächtige Symbole (die „Fahne“, „Rom“) werden beschworen – wer hätte das vor wenigen Jahren  für möglich gehalten? Dass in den USA schon länger voraufklärerische nationalreligiöse Mythen fröhliche Urstände feiern („tea party“), ist ebenfalls schon länger bekannt.

Demgegenüber fällt die pragmatische Nüchternheit der Bundesregierung geradezu angenehm auf, GroKo hin, GroKo her. Andererseits fällt einem zu solch naiven, unpolitischen und geschichtslosen Überlegungen wie denen des Rechtsphilosophen Reinhard Merkel („Kühle Ironie der Geschichte“) schon gar nichts mehr ein, – als könnte man dadurch die Verwirrung nicht noch größer machen. Dass man so oft den Kopf schütteln muss, gibt mir dann doch zu denken.

Dieser Trend, wenn es denn ein anhaltender Trend werden sollte, ist ein gefährlicher Trend, ein Spiel mit alten Feuern und Verführungen. Dies Spiel wurde und wird in aller Welt immer wieder gespielt. Dass es das „noch“ gibt, ist nicht verwunderlich, – dass es das nun wieder mitten in Europa gibt mit Regierungen (Ungarn, Rumänien), die auf autoritäre Führung und Nationalstolz setzen, erst recht aber in Russland und in der Türkei, das lässt schon erstaunen. Statt in die Postmoderne scheinen wir stracks in die Vormoderne zu marschieren. Die Neuauflage wäre bitter, denn was sich wiederholt, wäre allenfalls eine Groteske. Aufpassen sollten wir allerdings schon, welche Geister da am Werke sind, damit nicht wirklich aus der Postmoderne eine Vormoderne wird. „Vormoderne mit Internet“, irrationale nationale Mythen und Blüten verbunden mit den technischen Fähigkeiten totaler Vernetzung, das wäre tatsächlich etwas Neues. Die Frage wird sein, wer da am Ende die Strippen – und den Nutzen zieht.

 10. April 2014  Posted by at 13:05 Allgemein Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne, Vormoderne
Sep 192013
 

Es hat nicht viel gebraucht, und die dünne Hülle der ach so auf abgeklärten Postmoderne ist zerrissen. Dabei war man sich doch sicher, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind, dass Pluralismus und kulturelle Vielfalt zu den Grundgegebenheiten unserer Gesellschaft geworden sind, dass das Internet mitsamt dem damit einhergehenden technologischen Fortschritt uns (zumindest den westlichen Gesellschaften) dem Glück, wenn nicht gleich dem Reich der Freiheit ein Stück näher bringt. Manche beklagen zwar den Verfall traditioneller Werte oder deren Nivellierung, aber das sind dann doch erfreulicherweise klar identifizierbare Agenten des Gestrigen wie die Kirchen. Die Gewerkschaften haben dagegen den Umschwung in die Postmoderne irgendwie doch noch geschafft, wenn auch mit Blessuren (in den Mitgliederzahlen).

Und dann kommt ein Edward Snowden mit seinen Enthüllungen, und die schöne neue Welt freier Kommunikation im grenzenlosen Netz schmilzt dahin wie Frühjahrsschnee an der Sonne. Das Netz ist längst von Unternehmen, Regierungen und Geheimdiensten in Besitz und unter vollständige Kontrolle genommen worden. Der so oft beschworene Wertepluralismus kommt schnell an seine Grenze, wenn es um die (Ideologie der) Hochschätzung der Familie geht. Ziert sich die Kanzlerin, dem Adoptionsrecht schwul/lesbischer Paare uneingeschränkt und locker zuzustimmen, erfährt das postmoderne Selbstverständnis einen Knacks: Das ist ein Verstoß gegen die politisch korrekte Gleichheit. Letztere, die Gleichheit, ist flugs von einem formal-juristischen Prinzip der bürgerlichen Revolution zu einem material-sozialen Prinzip der Postmoderne geworden – und dann doch nicht allen recht und billig.

Schließlich ist da noch die Sache mit Trittin. Dank taz ist die Pädophiliedebatte der frühen Grünen nun zum Hauptthema der letzten Wahlkampfwoche erkoren worden. Trotz mancher Anstrengungen der einschlägigen Zeitungsmedien findet sie doch mehr am Rande statt / soll aus dem Wahlkampf heraus gehalten werden. Dabei zeigt sich, wie jung die letzte Vergangenheit noch ist, denn es geht um den Zeitraum der achtziger bis hinein in die neunziger Jahre. Wohl weils voriges Jahrhundert ist, scheint es weit weg zu sein. Doch geschwind tauchen da die Flugschriften der Stadtindianer wieder auf und holen manchen Akteur der gesitteten = politisch korrekten Postmoderne wieder ein. Und schon ereifern sich manche über die perfide „moralische Keule“ der Konservativen und rufen nach „kulturgeschichtlicher Einordnung“. Dabei merken sie gar nicht, wie sehr sie hier auf einmal mit zweierlei Maß messen, weil ihr eigenes Denken, vielleicht auch ihre eigene Vergangenheit betroffen ist und nicht die derjenigen, auf die traditionell gerne mit dem Finger gezeigt wird.

Twitter Thread

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Der Firnis der unideologischen, wertneutralen und multikulturellen Postmoderne ist dünn. Er ist besonders dünn, seit das große Projekt „Freiheit im Netz – digitale Selbstverwirklichung“ in den Rechenzentren und Algorithmen der NSA, Google  etc. dahin geschieden ist. Die Allmacht von BIG DATA ist zum Bumerang geworden. Diese Hoffnung aber auf ein neues Paradies auf Erden, nein, im unergründlichen Cyberspace, der Vorstufe zum digitalen Nirwana, hielt aber die postmoderne Avantgarde zusammen. Nerdaktivisten und post-neoliberale (ups, was für ein Wort) Business-Freaks und deren Spindoktoren stimmten ja trotz aller Gegensätze darin überein, dass Freiheit und Glück des künftigen Menschen („Mensch-Maschine“ als Idealkonstrukt der Digitalkultur) nirgendwo anders als im Netz, in den Wolken entgrenzter Kommunikation und ubiquitären Wissens und Konsums liege. Womöglich wurde da mehr verwechselt als nur die Vernetzung von Datenbanken und die Aneignung von Wissen und Erfahrung.

Diese Brüchigkeit der postmodernen Selbstgefälligkeit ist ein gutes Zeichen. Der Übergang in eine Zeit nach der Postmoderne (Post-Postmoderne? Spät-Postmoderne? Neue Moderne?) hat die Chance, von den ungedeckten Versprechungen der Digital- und Derivate-Nerds Abstand zu nehmen. Es könnte ein wohltuender Abstand werden, wenn die kritische Betrachtung dieser jüngsten vorgeblich unideologischen, aber mit den 80ern und 90ern noch ach so tief verbundenen Neo-Ideologen (Neo-Liberale wie Netz-Gurus) einiges wieder nüchterner ins Licht setzt. Techniken und Strategien sind stets Mittel zu einem Zweck, nie Selbstzweck. Algorithmen werden nicht wertfrei entwickelt und eingesetzt. Macht bleibt Macht und möchte noch mächtiger werden. Ökonomie mag mal mehr die „unsichtbare Hand“, mal den rationalen homo okonomicus hätscheln, ihr essentielles Interesse bleiben Gewinn und Monopol. Regierung und ihre Dienste streben Kontrolle an, möglichst vollständig. Der vollmundige Pluralismus und die kulturelle Vielfalt verdecken oft vorhandene Machtstrukturen und Interessenlagen – und verdecken dunkle Seiten der jüngsten Vergangenheit.

Kurz gesagt: Auch die Postmoderne hat nur mit Wasser gekocht, auch das Netz ist nicht das Evangelium, auch die Neue Moderne (oder wie immer man die Zeit nach der Postmoderne nennen wird) wird ihrerseits mit Wasser kochen, ihre Interessen, Träume, Ideologen und Versäumnisse haben. Schön menschlich ist das. Schön zu sehen, wie manch vollmundige Großsprecher und Gender-Aktivistinnen, wie manch Prophet grüner Heilslehren am Ende doch nur auf dem Teppich der Tatsachen landen. Als Tiger gestartet – als Bettvorleger gelandet? Nein, das habe ich nicht gesagt…

 

Kleine ausgewählte Linkliste als Hintergrund des hier Geschriebenen:

Twitter-Gespräch mit MusikBÄRchen @musicaloris (siehe Bild im Text)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/evgeny-morozov-liest-pynchons-bleeding-edge-in-der-tiefe-12577093.html

http://taz.de/Debatte-Gruene-und-Paedophilie/!123992/

http://www.taz.de/!51494/

http://www.carta.info/64383/das-aushalten-von-ambivalenzen/?utm_source=buffer&utm_campaign=Buffer&utm_content=bufferb550f&utm_medium=twitter

http://www.faz.net/aktuell/politik/portraets-personalien/juergen-trittin-goettinger-verhaeltnisse-12580083.html

 19. September 2013  Posted by at 13:15 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Postmoderne Tiger auf dem Teppich