Jun 152019
 

„Journalismus“ in alten und neuen Medien

Wer ist eigentlich ein Journalist? Der Begriff ist als Berufsbezeichnung nicht geschützt, verrät Wikipedia. Insofern kann sich jeder, der sich dafür hält, selbst so bezeichnen. Ein hauptberuflicher Journalist sollte mindestens 50 % seines Einkommens aus journalistischer Tätigkeit bestreiten. Es ist weitgehend ein Ausbildungsberuf geworden. Ein Studium und / oder eine Journalistenschule sind meist Vorraussetzung, dazu kommt ein mehrjähriges Volontariat bei Rundfunk oder Presse.

Wenn wir öffentlich über „die Journalisten“ sprechen, meinen wir genau diesen professionellen Angestellten oder freien Mitarbeiter eines Zeitungsverlages oder eines Rundfunksenders. Seine Arbeit unterliegt dem rechtlichen und beruflichen Rahmen, wie er jeweils in einer Redaktion (Redaktionsstatut) oder im Rundfunk (Rundfunkrat) gegeben ist. Dazu kommen arbeitsrechtliche Regelungen, die Einordnung in ein Team, die Abhängigkeit von der jeweiligen Chefredaktion und so weiter. Innerhalb der Presse- und Meinungsfreiheit (der Unterschied sei hier nicht näher erklärt) sorgen Richtlinien und Vereinbarungen dafür, dass in einer Redaktion eine bestimmte „Richtung und Linie“ einer Zeitung zum Ausdruck kommt. Bei Radio- und Fernsehanstalten ist der Pluralismus der dargestellten Meinungen ein wichtiges Kriterium.

Natürlich ist gerade auch das Berufsbild des Journalisten durch Internet und digitale Medien stark im Wandel. Auch dies wäre eigens zu beleuchten. Ich möchte den Fokus hier darauf legen, inwiefern Twitter- oder Blogbeiträge sowie YouTube – Videos als journalistisch zu bewerten sind. Das Rezo-Video gibt den Anlass. Klar ist einerseits: Nicht jede öffentliche Äußerung einer Privatperson, wo auch immer, ist schon eine journalistische Arbeit. Auch persönliche Recherche oder bedeutende Reichweite (Likes) sind für sich genommen noch kein besonderer Ausweis einer journalistischen Tätigkeit. Es kommt wesentlich das Selbstverständnis und Ziel und Zweck der eigenen „journalistischen“ Tätigkeit hinzu.

Das Selbstverständnis von Journalisten aus England und Amerika unterscheidet sich von demjenigen ihrer Kollegen auf dem europäischen Kontinent. Klischeehafte Ansichten wie „All The News That’s Fit To Print“ oder „Tell it like it is“ kennzeichnen die angelsächsische Sicht der Dinge. Eine diametral entgegengesetzte Auffassung bringt Tissy Bruns im Vorwort zu einer neueren Untersuchung von Weichert und Zabel auf den Punkt: „Journalisten wollen und sollen die Welt erklären“. Die unterschiedlichen Einstellungen zur Rolle und Aufgabe des Berufsstandes bleiben laut Elisabeth Noelle-Neumann nicht ohne Einfluss auf die Wirkungsabsichten der zwei Journalistengruppen: „In verschiedenen Untersuchungen zeigte sich bei deutschen Journalisten eine Dominanz der eher aktiven und teilnehmenden Rolle mit dem Ziel, den gesellschaftlichen und politischen Prozess selbst zu beeinflussen, während in angelsächsischen Ländern die Rolle des Informationsvermittlers an oberster Stelle der Wertehierarchie steht“. Renate Köcher spricht von „Anspruch auf geistige Führung“ (deutsche Journalisten) und „skrupellose[r] Recherchebegeisterung“ (britische Journalisten).

Wikipedia

Auch die reine Nachrichtenauswahl („das, was ist“) beruht schon auf einem vorgängigen Werturteil, was denn als berichtenswerte Nachricht gelten soll. Erst recht ist die erklärende oder steuernde Aufgabe des Journalisten von politischen und gesellschaftlichen Wertvorstellen geprägt, die den eigenen Kopf sortieren. Im Unterschied zum Werbetreibenden verfolgt ein Journalist also nicht in erster Linie Verkaufsinteressen. Aber er blubbert auch nicht einfach in die Welt hinaus, was ihm gerade so einfällt. Es muss redaktionell verantwortet sein und in den Rahmen des jeweiligen Presseorgans bzw. Rundfunksenders passen. Die Meinungsfreiheit ist sehr weit gefasst, und die gilt auch für einen angestellten Journalisten. Allerdings ist er dazu verpflichtet, eingehend zu recherchieren und genau zu belegen, was er behauptet und schreibt / sagt. Im Zweifelsfall wird ein Journalist, der als Lügner oder Schreiber erfundener Geschichten entlarvt wird, schnell seinen Job verlieren, siehe den Fall Claas Relotius.

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All diese letzten Punkte treffen in der Regel weder auf Twitterer noch auf Blogger oder YouTuber zu. Die Meinungsäußerungen, Stellungnahmen, Einfälle, Geistesblitze, Hasstiraden und was auch immer sind hier überwiegend Äußerungen von Einzelnen, Privatpersonen, auch wenn sie professionell gestaltet und von einem Team dahinter verantwortet werden. Soziale Medien sind eben keine Presse, kein Fernsehen, kein Rundfunk. Es sind öffentliche Meinungsäußerungen, die nicht einem klaren Sender – Empfängermodell unterliegen, denn jeder kann dort ganz praktisch und leicht „Sender“ und zugleich „Empfänger“ sein. Das ist grundlegend neu. Die „Verlegerpresse“ oder der Öffentlich-rechtliche Rundfunk haben kein Monopol mehr auf die medial verbreitete öffentliche Meinung. Das ist das entscheidend „Soziale“ an den Sozialen Medien. Insofern muss man entweder den Journalismus – Begriff dramatisch erweitern, was ich für verfehlt halte, oder, besser, ihn klar eingrenzen auf den professionellen, redaktionell verantworteten Journalismus der Pressehäuser und Rundfunkanstalten.

Das, was ein Thilo Jung oder Rezo und andere auf YouTube tun, kann man für wertvoll, neuartig, locker und cool halten – oder es verdammen – , aber es ist in dieser Form kein Journalismus im eben erklärten Sinn. Wir werden einen neuen Begriff dafür finden müssen, denn auch „Influencer“ trifft nicht die politischen Absichten, die in manchen Videos transportiert werden. Warum nicht dabei bleiben, was es an Vielfalt in den neuen Medien zu sehen, zu hören und zu liken und zu kommentieren gibt: Es sind Twitterer, Blogger oder YouTuber halt! Wenn sie wirkungsvoll sind – umso besser. Denn es ist ein Stück Demokratisierung der Medien. Und das finde ich gut und für eine mündige Zivilgesellschaft eine echte Bereicherung – trotz aller Hasstiraden und Junk – Inhalte, die es da eben auch gibt.

art.

Update 05.07.2019

Wie sich der öffentliche „Diskurs“, besser die lebendige politische Diskussion in den vielen verschiedenen Medien nicht zuletzt durch #Rezo verändert hat und wie sie eine Zeitenwende markiert, beschreibt sehr scharfsinnig Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung: „Jetzt rede ich.“

 15. Juni 2019  Posted by at 13:40 Medien, social media, WWW Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Alles Journalisten?
Jan 162019
 

Auch ARD – Faktenfinder ist einseitig.

Kürzlich rauschte diese Meldung durch die Medien: Ältere und Konservative teilen öfter Fake News. Hängen blieb vor allem das Verhalten „Älterer“. Der ARD – Faktenfinder hob nur noch den auffälligen Aspekt des Alters hervor. Die meisten Presseartikel bezogen sich auf den Bericht der Washington Post vom 09.01.2019 über eine Studie von Wissenschaftlern der Princeton University und der New York University, veröffentlich in der Zeitschrift Science Advances am selben Tag. Die deutschsprachigen Presseberichte haben allerdings die Studie selber kaum eingehender zur Kenntnis genommen und analysiert.

Der ARD – Faktenfinder sticht an Ungenauigkeit und tendenziöser Vereinfachung heraus. In den Mittelpunkt wird hier gestellt, dass es besonders Ältere, über 65 Jährige sind, die laut Studie besonders häufig Fake News teilen. In der Überschrift werden zwar noch „und Konservative“ ergänzt, in der weiteren Zusammenfassung kommen sie aber kaum mehr vor. Dieser oberflächliche und verzerrende „Faktenfinder“ wird im Blog ScienceFiles – Kritische Sozialwissenschaft gründlich auseinandergenommen und zudem die zugrunde liegende US-Studie bei ScienceAdvances als methodisch mangelhaft kritisiert. Die Kritik ist stichhaltig und überzeugend – lies dort.

fakenews
(C) Associated Press

Ähnlich einseitig nimmt Dirk von Gehlen in einem Post auf Twitter und in einem Blogbeitrag „Der Typ, der nie übt“ auf das angeblich signifikante Ergebnis der Studie Bezug. Sein Interesse daran formuliert er so: „Mir geht es darum, dass man stets weiter lernt. Medienkompetenz ist nicht nur ein Thema für Schulen“ (Twitter). Das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Fragwürdig ist der vorletzte Absatz in seinem Blog:

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

(Digitale Notizen, 11.01.2019)

Gehen wir einmal davon aus. die Studie hätte recht und würde als ein allgemeingültiges Ergebnis haben, was der Faktenfinder so formuliert: „Nutzer sozialer Medien ab 65 Jahren teilen fast sieben Mal mehr Falschmeldungen im Netz als Jüngere.“ Lassen wir die methodischen Mängel, die geringe statistische Basis (Von 1191 Facebook – Nutzern haben nur 8,5 % = 101 Nutzer überhaupt ein- oder mehrmals auf Webseiten verlinkt, die potentiell Fake News verbreiten, und nur davon waren die meisten älter und konservativ.) und den besonderen Untersuchungszeitraum (Sommer 2016 während des US – Wahlkampfes Trump – Clinton) außer Acht, dann sind doch die Schlussfolgerungen der Autoren umso bemerkenswerter. Hier fasst der Faktenfinder korrekt zusammen: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen sowie mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen.“ Kurz gesagt: Ältere Internetnutzer sind dumm und blöd. Schauen wir uns dies diskriminierende „Ergebnis“ genauer an.

Zunächst räumen die Autoren der Studie ein, dass trotz der sehr geringen Teilen – Aktivität es erwartbar ist, dass besonders konservative Facebook – Nutzer von Fake News Websites angesprochen werden und sie gelegentlich teilen, und zwar angesichts der „overwhelming pro-Trump orientation in both the supply and consumption of fake news during that period“ – „is perhaps expected“. Sie fragen weiter, warum die ältere Generation so anfällig für Fake News sei, allerdings ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass ohnehin eher die Älteren zur Gruppe der Konservativen und sehr Konservativen (Selbsteinschätzung) gehören, und ohne ferner zu erwägen, dass vielleicht die beobachteten Webseiten ohnehin speziell auf die Sorgen und Ängste Älterer, Abgehängter bzw. sich abgehängt Fühlender ausgerichtet sind. Das könnte ja dazu führen, dass man genau das Ergebnis herausbekommt, das man vorausgesetzt hat: Wer besucht Webseiten, die sich an Ältere und Konservative, potentielle Trump-Wähler richten? – Ältere und Konservative. Allerdings äußern sich die Autoren auch hier vorsichtig: „Given the general lack of attention paid to the oldest generations in the study of political behavior thus far, more research is needed to better understand and contextualize the interaction of age and online political content.“

Dann nennen sie aber doch zwei „potential explanations“, die ausdrücklich weiter untersucht werden sollten. Es handelt sich also um mögliche Interpretationen des Ergebnisses, wie sie die Autoren vermuten, aber nicht belegen können. Ich zitiere:

First, following research in sociology and media studies, it is possible that an entire cohort of Americans, now in their 60s and beyond, lacks the level of digital media literacy necessary to reliably determine the trustworthiness of news encountered online .

A second possibility, drawn from cognitive and social psychology, suggests a general effect of aging on memory. Under this account, memory deteriorates with age in a way that particularly undermines resistance to “illusions of truth” and other effects related to belief persistence“.

Even if our models are correctly specified, we use observational data that cannot provide causal evidence on the determinants of fake news sharing.

„Lack of digital literacy“ und „the effect of aging memory … memory detoriates“, also fehlende digitale Kompetenz und Gedächtnisschwäche mit der Unfähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden (!) – sind die beiden Kernpunkte der „Erklärung“. Die Autoren räumen am Ende der Studie aber ein, dass hier nicht von einer kausalen Verknüpfung die Rede sein kann, immerhin.

Dagegen führt schon der im Übrigen ausführlich berichtende Artikel der Washington Post eine Stellungnahme eines weiteren, nicht an der Studie beteiligten Forschers an:

Harvard public policy and communication professor Matthew Baum, who was not part of the study but praised it, said he thinks sharing false information is “less about beliefs in the facts of a story than about signaling one’s partisan identity.” That’s why efforts to correct fakery don’t really change attitudes and one reason why few people share false information, he said.

However, Baum said in an email that conservatives post more false information because they tend to be more extreme, with less ideological variation than their liberal counterparts and they take their lead from President Trump, who “advocates, supports, shares and produces fake news/misinformation on a regular basis.”

Washington Post, 09.01.2019

Baums Auffassung klingt schon sehr viel überzeugender. Der Washington Post – Artikel weist ferner auf das verstärkte Bemühen von Facebook hin, Fake News einzudämmen.

After much criticism, Facebook made changes to fight false information, including de-emphasizing proven false stories in people’s feeds so others are less likely to see them. It seems to be working, Guess said. Facebook officials declined to comment.

So muss denn der Princeton – Professor Andrew Guess zugeben: „“I think if we were to run this study again, we might not get the same results.” Das bedeutet dann aber wohl, dass einer der Autoren die Relevanz ihrer Studie für äußerst begrenzt hält. Sie kann keinesfalls dazu dienen, pauschal eine Altersgruppe für den wachsenden Zuspruch von Fake News Websites oder Facebook – Links veranwortlich zu machen. Die Interpretation, die sie liefern, sagt tatsächlich mehr über die Voreinstellungen der Forscher aus als über valide Erkenntnisse aus einer (noch dazu problematischen) sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Hier äußern sich Mitglieder der US-amerikanischen Ostküsten – Elite; sie können mit ihren „explanations“ allenfalls das Vorurteil der Voreingenommenheit bestätigen. Und das liegt sicherlich nicht in ihrem ausdrücklichen Interesse.

Die Washington Post dagegen zeigt durch ihren gründlich recherchierten und sachlich argumentierenden Beitrag, wie Qualitätsjournalismus funktionieren sollte. Da können sich einige deutsche Medien und Journalisten eine Scheibe von abschneiden.

Reinhart Gruhn

 16. Januar 2019  Posted by at 14:00 Daten, digital, facebook, Konservative, Medien, News, social media, USA Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media und Fake News