Mrz 172017
 

Elite ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Der Begriff ist im aktuellen medialen Gebrauch eindeutig negativ konnotiert. Er bezeichnet nicht einfach eine Gruppe besonders qualifizierter, also ‚herausragender‘ (= eligere) Personen, sondern unterstellt einer solchen nicht näher bestimmten Gruppe einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung – wenn nicht sogar auf die ganze Gesellschaft. Elite steht für Abgehobenheit, Arroganz, Unkenntnis der Situation des normalen Bürgers bzw. des ‚kleinen Mannes‘, – in den politischen Reden von Martin Schulz ist es „der hart arbeitende Mensch“. Elite ist die Negativfolie für den Durchschnittsbürger, dessen Sprachrohr man mit dieser Kritik zu sein glaubt. Zugespitzt findet sich diese Umdeutung des Begriffs Elite in der Verächtlichmachung der Politiker/innen („die da oben“), der Presse („Lügenpresse“) und der Behauptung, selber „das Volk“ zu vertreten. Aber Elite als negativer Streitbegriff ist längst zu einem allgemeinen Topos gesellschaftlicher Kritik geworden. Da hilft es nicht, nach Unterscheidungen zu fragen, welche Elite denn gemeint ist, die Funktionselite, die Geldelite, die Bildungselite, die Machtelite, die Sportelite, die Finanzelite usw. Von Geburtselite ist allerdings gar nicht mehr die Rede, obwohl die Ungleichheit qua Geburt in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Elite ist heute ungefähr so pauschal und negativ wie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Begriff „Establishment“ (siehe zum Elite-Begriff den Wikipedia-Artikel).

„Establishment“ bezeichnete damals die konservative politische Führung samt Wirtschaftsbossen, Springer-Presse und Professoren sowie Richtern mit ihrem „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“. Der Kampf gegen das Establishment geschah mit aufklärerischem Pathos und linker, egalitärer Absicht. Noch die RAF bediente sich dieser antibourgoisen Ideologie pseudomarxistischer Couleur zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten. Der Wahlsieg Willy Brandts 1972 brachte zum ersten Mal so etwas wie das Anti-Establishment demokratisch an die politische Macht. Ein Reformsturm fegte durch die Flure des Establishments, so hofften viele, und in der Bildungsreform geschah ja auch einiges. Es war das Pathos eines Aufbruchs aus dem Mief und der Verlogenheit einer gerade wieder saturierten Nachkriegsgeneration, die mit Vergangenheitsbewältigung nicht viel am Hut hatte. Kiesinger, Globke, Filbinger und viele andere Politiker vor allem aus der CDU hatten eine reiche Nazivergangenheit. Die Kritik des Establishments der westdeutschen Republik in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte etwas in Bewegung, was trotz vieler Auswüchse die Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik offener, freier, unverkrampfter, ’sozialdemokratischer‘ und vor allem geschichtlich sensibler machte. Erst auf diesem Hintergrund konnten nach der Wende die späten Kohljahre, trotz der politischen Leistung der „Wiedervereinigung“, so bleiern und erstarrt erscheinen.

Einer der geistigen Wegbereiter und Wegbegleiter dieser Zeit war und ist Jürgen Habermas, welcher der aufklärerischen Luft der Frankfurter Schule und ihrer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ entstammt. Sein in vielen Jahren ausgearbeitetes und auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse reagierendes  Konzept einer herrschaftsfreien Kommunikation reklamiert die Basis einer für alle Teilnehmer gleich verbindlichen deliberativen Rationalität in einer demokratischen Öffentlichkeit. Seine rationale Diskursethik setzt darauf, im fairen Austausch von Gründen und im Offenlegen von Interessen und Meinungen die gemeinsame Sache gesellschaftlicher Kommunikation zu einem die Gesellschaft zugleich befreienden und befriedenden Prozess zu machen. Bis heute ist seine Stimme eine kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen im Namen aufgeklärter Rationalität und säkularer Liberalität. Ich verweise auf Habermas, weil er gewiß nicht der einzige, aber einer der politisch und kulturell bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands ist. Er hat die vergangenen Jahrzehnte in seiner engagierten Weise begleitet und geprägt. Aktuell betritt er im Vorwahlkampf erneut die politische Bühne der Öffentlichkeit (siehe seine Diskussion mit Sigmar Gabriel.)

Multikulti stoppen

Multikulti stoppen (c) bpb

Der Hinweis auf Jürgen Habermas kann besonders klar verdeutlichen, was es heute mit der wohlfeilen Kritik der „Eliten“ auf sich hat. Sie geschieht auf einem Hintergrund, der in krassem Widerspruch steht zu den Positionen einer kritischen Gesellschaftstheorie, die sich aufgeklärter Rationalität verpflichtet weiß. Es ist der „linksliberale Mainstream“ der vergangenen Jahrzehnte, dem im Kampf gegen die Eliten endgültig der Garaus gemacht werden soll. Rationalität und Aufklärung sind out, Gefühl, hate speech, Populismus sind dafür in. Nicht reale Ungleichheit ist wichtig, sondern die gefühlte, nicht konkret benannte Ungerechtigkeit wird diskutiert, sondern das eigene Gefühl der Betroffenheit, nicht tatsächlicher Ausschluss von Aufstiegschancen wird problematisiert, sondern vermeintliches Abgehängtsein, nicht rational überprüfbare Fakten spielen in der öffentlichen Diskussion eine Rolle, sondern Meinungen, Stimmungen, Emotionen. Der Echoraum der „Sozialen Medien“ macht dies in beliebiger Verstärkung und Schrillheit sichtbar. Viele dieser Themen erscheinen in ihrer medialen Repräsentanz verzerrt und bekommen ein Gewicht, das einer Überprüfung anhand der wohl abgewogenen Fakten kaum standhält. Weder sind der Islam noch die Flüchtlinge noch Unterprivilegierung in einem solchen Ausmaß festzustellen, wie es der Dominanz dieser Themen in der Öffentlichkeit entspricht. Angst vor Überfremdung, vor Terrorismus, vor Einbrüchen, vor Verlusten durch die Globalisierung und vieles mehr vergrößern tatsächliche Phänomene und Probleme ins Überdimensionale – in einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich und sozial so gut geht wie lange nicht mehr. Die öffentliche Diskussion kann diese diffusen Ängste nicht mehr kanalisieren und rationalisieren, sondern befeuert sie durch mediale Aufwertung (Talkshows). Die Gesellschaft, die sich in Teilen lautstarken Populisten öffnet, will mit ihren Stimmungen und Befindlichkeiten als bislang unterdrückte Stimme gehört und beachtet werden. Eine rationale und liberale Diskussionskultur erscheint bei diesen Erwartungen als Hohn einer abgehobenen „Elite“ derer, denen „das Volk“, sprich die jeweiligen Stimmungen und Meinungen, egal sind. Vieles, insbesondere in der Gender-Diskussion, mag überzogen ‚korrekt‘ und vor allem mit der selbstsicheren Attitüde der moralisch Überlegenen vorgetragen sein, – heute aber gilt dies als neumodisches Geschwätz, dass durch „Tacheles-Reden“ endlich beiseite geschoben werden soll. Vermeintliche neue Offenheit („Das wird man ja noch sagen dürfen“) ist aber nur die Maske eines dumpfen Gefühls, das sich absichtlich einer rationalen Einvernahme und Befriedung entzieht. Jede ernsthafte Diskussion wäre ja nur wieder ein erneuter Triumph der „Eliten“. Den neuen Rechten und ihren populistischen Strömungen geht es genau darum: Den links-liberalen und aufklärerisch-rationalen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu beenden und ein Rollback von Nationalem, Völkischem und Irrationalem („Reichsbürger“) zu fördern. Die Offenheit von Kultur und Gesellschaft wird im Heimatkitsch erstickt: statt Globalisierung und offener Gesellschaft Eskapismus hinter nationalistischen Mauern.

Darum ist das derzeitige Erstarken des Populismus und Autoritarismus mit dem Eliten-Bashing nicht nur ein irgendwie merkwürdiges politisches Phänomen, das man mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis nimmt. Es ist auch nicht damit getan, es vorschnell zu erklären mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in manchen Regionen oder mit einer behaupteten sich weiter öffnenden Einkommensschere oder mit einem wachsenden Prekariat oder mit der Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg oder mit der Selbstgefälligkeit vieler Politiker oder, oder, oder. Das mögen im Einzelnen alles Punkte berechtigter Kritik sein, aber die gab es auch schon vor dem Erstarken des Populismus und vor der Ankunft der Flüchtlinge. Was da rumort, ist etwas anderes, tiefer Sitzendes: Das Ressentiment gegen die aufklärerische Vernunft, gegen Abwägung, Ausgewogenheit, Fairness, Differenzierung. Damit einher geht oft auch eine Abwertung der Intelligenz, der Studierten (es werden ja immer mehr…), eben derjenigen, denen man sich zumal im Prozess der Digitalisierung und Vernetzung unterlegen fühlt. Mit Fäusten und Geschrei aber macht man sich dagegen stark – und lautstark Stimmung. Es ist das dumpfe Aufbegehren gegen eine sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaft, gegen eine globalisierte Wirtschaft, gegen zunehmende Rationalisierungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Nur die Jungen und Erfolgreichen kommen da noch mit, – so behaupten es diejenigen, die sich überholt und zurückgelassen wähnen. Dabei ist die Verweigerung der Vernünftigkeit des offenen Gesprächs, des Sicheinlassens auf Veränderungen, neue Bewegungen, Kulturen und Horizonte und das damit einhergehende Sichabschließen in einer vermeintlich heilen Welt dessen, was schon immer so war, die größte Gefahr und die größte Illusion zugleich. So feiern alte Ideen von Nationalismus, Volk und autoritärem Führertum in einer simplen Schwarz-Weiß-Welt fröhliche Urstände. Wir hatten das alles schon vor knapp 100 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt vergleichbare Entwicklungen, die Motive aus der Vergangenheit (Nazis) aufgreifen und neu gemixt zu einer gefährlichen Melange werden lassen.

Darum gilt es, nachdrücklich für die aufgeklärte Vernunft zu streiten und mit aller Geisteskraft und Phantasie nach wirklichen Alternativen zu suchen für eine Welt, die nicht in der Dummheit und Arroganz eines globalisierten Kapitalismus und Ökonomismus versinken darf.


Ich verweise auf einen Artikel vom September 2016 in der ZEIT:

Populismus lässt sich nicht durch Verführung erklären, sagt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller. Ein Gespräch über die gefährliche Kraft gegen jeglichen Pluralismus

„Der Spuk geht nicht so schnell vorbei“

Mai 202016
 

Das Ende der Geschichte wird proklamiert als Katastrophe oder als Paradies. Nüchterner zeigt sich, dass nichts so sicher ist wie die Veränderung. Ein pragmatisches Plädoyer für diskursive Liberalität.

Das Ende der Geschichte wurde in vergangenen Jahrhunderten oft als baldige Katastrophe erwartet. Ob es Luthers Weltuntergangsstimmung war (und das Apfelbäumchen, das er dennoch zu pflanzen gedachte) oder die düstere Gestimmtheit nach den Schrecken des dreißigjährigen Krieges – , Apokalyptiker hatten, wie schon die Bibel zeigt, zu allen Zeiten Konjunktur. Dem steht ein Zukunftsoptimismus entgegen, der das Ende aller Übel in einem baldigen paradiesischen Zustand kommen sieht. Spezifisch neuzeitlich ist es, dieses Paradies nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden und politisch machbar zu erwarten. Der Kommunismus, der Nationalsozialismus und auch die liberale Demokratie des kapitalistischen Marktes sahen bzw. sehen den glückseligen Endzustand in der klassenlosen Gesellschaft oder der auferstandenen Volksgemeinschaft oder der schrankenlosen Freiheit des Individuums und des Marktes erreichbar oder schon so gut wie erreicht. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, proklamierte der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ (1992): Die systemischen, antagonistischen Konflikte der Welt seien endgültig überwunden und aufgehoben in einer weltumspannenden liberalen Demokratie westlicher Prägung. Was er damit auch meinte, war, dass die USA als einzige verbliebene imperiale Macht ihre unbestrittene Weltherrschaft antreten konnte. Man sieht: Endzeiterwartungen stimmen niemals.

Dies ist wohl so, weil der Mensch als tätiges Subjekt seine Geschichte gestaltet. Darum gibt es gewisse Konstanten in der Kultur ebenso wie in der Geschichte, und diese liegen in der menschlichen Art (früher hätte man vielleicht gesagt: Seele) begründet: das Streben nach Macht und die Suche nach Selbstbestätigung. Das eine formt die materiellen Interessen, das andere die psychischen. „Die einen sind meist klarer als die anderen – verschwiegen werden oft beide.“ (Fritz Stern, zitiert nach FAZ.NET) Weil diese beiden Interessen tief in der menschlichen Natur verankert sind, prägen und gestalten sie bewusst oder unbewusst, willentlich oder nicht, menschliches Handeln. Diese zunächst individuelle Grundstruktur wird zwar im gesellschaftlichen Handeln vielfältig verknüpft und mit Schleifen der Rückkopplung versehen, gedämpft, verstärkt, in ein neues Konglomerat verwoben, bisweilen gar hybridisiert, aber es ist immer wieder erkennbar. Die Geschichte der Kultur und Politik des Menschen ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Helden und Opfern, von Phantasie und Leidenschaft, von Hingabe und Selbstverleugnung, von grenzenloser Hoffnung und abgrundtiefer Enttäuschung. Das tatsächliche Leben jedes Einzelnen liegt natürlich eher im gesellschaftlichen Durchschnitt, also irgendwo in der lauen Mitte mit ihrem alltäglichem Kleinklein. Man kann Geschichte „von oben“ und „von unten“ schreiben und erhält dadurch einen oft erstaunlichen Wechsel der Perspektive. Dennoch bleibt geschichtliche Entwicklung in einem ständigen Hin und Her, Auf und Ab, Wechsel und Veränderung gegenüber allen Kräften der Beharrung und Dauer. Selbst die Art der Beharrung, des Konservativen, ändert sich. Auch das erlebt man heute sehr konkret.

Es kommt hinzu, dass menschliche Geschichte, also der bewusste Raum menschlichen Handelns und Gestaltens, unwiderruflich global geworden ist. Politik ist Geopolitik, Ökologie ist global, Kultur ist multikulturell, Gesellschaft ist international verflochten, der Einzelne ist Teil eines universellen Netzes – und damit ist nicht nur das Internet gemeint. Das ist nur ein Teil der Universalisierung, seine technologische Seite. Dieser unwiderruflich globale Lebens- und Handlungsraum prägt die Seinsweise des modernen Menschen in einer fast totalitären Weise. Insofern hat vielleicht der Begriff „Anthropozän“ seine Berechtigung, allerdings weniger als evolutionsgeologischer denn als kulturgeschichtlicher Begriff: Die Welt insgesamt, der Erdenraum in seiner überall durch UTC strukturierten Zeit (GPS!) ist faktisch die gesamte ‚Drehbühne‘ menschlichen Handelns und Lebens, Leidens und Sterbens geworden. Es gibt keine unbekannten Winkel und Rückzugsräume mehr. Selbst die News aus den entferntesten Enden erreichen uns sekundenschnell, instantan. Man ist uninformiert, weil man überinformiert ist. Es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen, Systemtheoretiker konstruieren Sinn im Unsinn, und oft vermag nur die Chaostheorie ein wenig Licht ins Gewirr zu bringen wie bei den Wettervorhersagen. Dies eröffnet ganz neue Wege zur Verfolgung und Durchsetzung eigener Interessen, sei es als Einzelner, als Unternehmen, als Staat, – aber jegliches global vernetzte Handeln führt auch zu einer unübersehbaren Folge von Nebenwirkungen (collateral effects), die wiederum die Mutter aller Verschwörungstheorien sind: „Das kann doch kein Zufall sein!“ Genau darum gilt es, nüchtern all die Informationen zu erheben und zu prüfen, die einem eben zugänglich sind, und diejenigen Tatsachen zu gewichten und zu bewerten, die eingegrenzt, erkannt und bewertet werden können – samt ihren zugrundeliegenden Interessen und möglichen Konsequenzen. Nie war rationales, deliberatives Denken und Handeln so lebenswichtig wie heute – und Ideologiekritik so notwendig, wenn Liberalität überhaupt noch eine Bedeutung haben soll.

Pegida

Pegida Dresden, (c) Wikimedia

Populismus – Nationalismus – Machtpolitik – Religion

Wir erleben heute wohl nicht zufällig eine Phase der Restauration autoritärer und nationalistischer Konzepte. Das Modell westlicher freiheitlicher Demokratie verliert an Attraktivität gegenüber autoritär verfassten Gesellschaften in Russland und China. Aufstrebende Staaten wie die Türkei, Ägypten, Iran und neuerdings die Philippinen eifern diesem Modell eines ideologischen, nationalistischen Autoritarismus nach. Zugleich erstarken in den klassischen westlichen Demokratien Kräfte und Parteien, die das Etikett „populistisch“ tragen, die konservativ bis nationalistisch ausgerichtet sind und jeweils ein Ressentiment gegenüber Fremden (Mexikanern, Muslimen, Afrikanern) pflegen. Oft zeigt sich in diesen Bewegungen eine Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, nach (angeblich) traditionell geordneten Rollen und Verhältnissen, nach Abgrenzung von Fremdem und Neuem, nach ungebrochener Stärke und Selbstgenügsamkeit. Es treten doch erstaunliche Parallelen zutage in dem Auftreten des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dem Kaczynski-Regiment in Polen, Orban in Ungarn, der FPÖ in Österreich, dem Front National in Frankreich, der UKIP in Großbritannien, schließlich der AfD in Deutschland und den ‚Rechtspopulisten‘ in den Niederlanden und den skandinavischen Staaten. In der krassen Situation Griechenlands vereinen sich radikale Rechte und radikale Linke in einem historischen Regierungsbündnis – die bisher üblichen Kategorien taugen offensichtlich nicht mehr. Was eint diese in sich so diffusen und voneinander jeweils unterschiedlich national geprägten Kräfte? Vielleicht trifft auf diese Entwicklung das zu, was Fritz Stern über den Nationalsozialismus schrieb: „Die Nazis haben nicht begriffen, dass sie Teil eines historischen Prozesses waren, in dem das Ressentiment gegen die Entzauberung der Welt Zuflucht in Ekstasen der Unvernunft fand.“ (FAZ-Artikel). Da hinein passen dann sogar solche anscheinend ganz unterschiedliche Bewegungen wie der radikale Islamismus mit seinem nur scheinbar ‚mittelalterlichen‘, letztlich aber konsequent modernen Methoden des Terrorismus und der ausgrenzenden und kompromisslos ideologischen Schreckensherrschaft eines IS (oder ISIS, DAESH), Al-Kaida, Boko Haram usw. Es scheint so etwas wie ein „Ressentiment“, ein Aufbegehren, ein Aufstand nicht nur gegen die neuzeitliche „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) mittels Wiederbelebung des Religiösen zu sein, sondern Unwillen und Protest gegen eine Art von Globalisierung und Ökonomisierung (Märkte sind alles), die das Eigene, Vertraute zu nivellieren und zu rauben droht (wie vor 50 Jahren die „Kulturrevolution“ in China), die als weltgeschichtlicher, globalisierter Prozess zugleich allumfassend ist und eben so unverstanden, unbegreiflich und unbegriffen bleibt. So finden sich auch heute wieder Sterns „Ekstasen der Unvernunft“, praktisch in Aktion im Terrorismus, im religiösen Herrschaftswahn, aber auch ideologisch im schicken Eskapismus verschiedenster Verschwörungstheorien, Elitenschelte, in allerlei Spiritismus und salonfähiger Esoterik. Von den terroristischen Anschlägen abgesehen (schlimm  genug) hat es bisher noch keinen ‚großen‘ irrationalen Knall gegeben, doch niemand weiß, was sich im Südchinesischen Meer oder an der südlichen Grenze der Türkei anbahnt – von den Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegung noch ganz abgesehen. Trotz aller verfeinerten politischen und technischen Mechanismen – im Griff hat diese möglichen Entwicklungen niemand. Man kann allenfalls Tendenzen sehen und Konfliktpunkte ahnen, die sich als nicht mehr beherrschbar heraus stellen könnten. Die Zuflucht zu „Ekstasen der Unvernunft“ könnte noch ganz anders verlockend sein.

Das Irrationale findet seinen Weg zurück in die Öffentlichkeit gerade dort, wo im vermeintlichen Protest gegen eine als verzerrt erlebte repräsentative Demokratie die öffentlichen Wahrheitsansprüche selber infrage gestellt und ununterscheidbar werden. In einem Aufsatz in der NZZ hat Boris Schumatsky die „Krise der Wahrheit“ artikuliert. Als Form hybrider Kriegführung hat die Desinformation zu neuer Blüte gefunden – die sogenannten „Sozialen Medien“, also Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram usw. lassen ohnehin die Grenze zwischen Fakt und ‚Fikt‘ verschwimmen. All dies macht doch die Forderung nach einer öffentlichen, gesellschaftlichen Gegenstrategie unabweisbar. Sie kann sich kaum der Mittel der Emotionalisierung und der Simplifizierung, also der Schwarz-Weiß-Malerei bedienen, sondern ihre Devise kann nur lauten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Um den besten Weg geht es dabei. Nüchterner Realismus ist das einzige Mittel der Wahl, wenn es um die Entgegnung gegenüber neuen Ideologien und Pathologien geht. Das Verführerische in der Argumentation eines Björn Höcke ist, dass er so eloquent ‚modern‘ formuliert und den Nagel im Fleisch der Neuen Rechten genau benennt: die „versifften 68er“ (Jörg Meuthen). Diesen Anti-Eliten gilt es sich zu stellen – und sie nicht zu ignorieren. Gerade in den klassischen Medien Fernsehen und Zeitung (aber keineswegs nur dort) ist viel mehr „Faktencheck“, Hintergrundinformation und sachgerechte Diskussion zu erwarten. Das wäre zumindest der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Darüber hinaus ist die Leerstelle zu füllen, die durch das nahezu völlige Fehlen sachkundiger,  redegewandter und öffentlichkeitswirksamer Intellektueller spürbar ist. Es muss doch über die Fragen nach Glücksratgebern und Alltagspsychologie hinaus ein intellektuelles Potential vorhanden sein, das seinerseits klar Position beziehen und zugleich argumentativ die Gegenwartsprobleme aufgreifen kann. Es ist also auf einer neuen Stufe in einer veränderten Zeit und unter sich wandelnden Bedingungen das zu wünschen, was Jürgen Habermas seinerzeit „die Kraft der deliberativen Vernunft“ genannt hat. Die deliberative Liberalität der neuzeitlichen Moderne ist jedenfalls eine Errungenschaft, die nicht beim ersten (oder zweiten) Sturm aufgegeben werden sollte. Vielleicht werden ja die kommenden zwanziger Jahre die ’neuen Siebziger‘. In jedem Falle ist dabei die geopolitische und globalkulturelle Perspektive einzunehmen: Die westlichen Gesellschaften mit ihren repräsentativen Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, aber auch mit den schreienden Ungerechtigkeiten ihrer kapitalistischen Ökonomien haben wahrhaftig noch eine Aufgabe. Das Programm einer ‚westlichen‘ Reform auf Grund der neuzeitlich aufgeklärten Werte gilt es selbstbewusst zu formulieren und zukunftsgerichtet zu vertreten. Rationalität und Liberalität können sich selbst behaupten.

Jan 092015
 

[Politik, Kultur]

Von Krisen wird in letzter Zeit viel geredet und geschrieben. Es stimmt ja auch: Finanzkrise – Wirtschaftskrise – Eurokrise, aber auch Politikkrise – Vertrauenskrise – Glaubwürdigkeitskrise. „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ sind die hetzerischen Parolen, die eigentlich eine Demokratiekrise anzeigen. All dies scheint zu kulminieren in dem ausgesprochenen Eindruck oder in dem unausgesprochenen Gefühl, dass nichts mehr so bleibt, wie es war. Orientierungslosigkeit ist die eine Folge, eine andere ist Unsicherheit. Wenigen gelingt es bisweilen, die verworrene Lage etwas zu erhellen und wirkliche Erklärungen zu liefern – und nicht nur Vorurteile und Klischees – ganz zu schweigen vom Verzicht auf vernünftige Erklärung durch Verschwörungstheorien. Woher kommt’s?

Ich denke, wir erleben gerade eine Zeit, in der die Wechsel fällig werden, die in den vergangenen 50 Jahren auf die Zukunft ausgestellt wurden. Das ist zumindest ein Aspekt der allgemeinen Verunsicherung. Mit dem Bild der „Wechsel“ meine ich dies:

  1. Das Versprechen der Universalität und der Selbstverständlichkeit westlicher Werte.
  2. Das Versprechen eines global gültigen und durchsetzbaren Rechts.
  3. Das Versprechen steigenden Wohlstands durch ungebrochenes Wachstum.
  4. Das Versprechen, dass die liberale und deliberative Vernunft alles zum Guten regeln kann.

Man könnte gewiss noch mehr Punkte nennen, ich möchte mich auf diese als die für mich wesentlichen konzentrieren. Man kann die Punkte ebenso gut in umgekehrter Reihenfolge oder etwas anders angeordnet lesen. Ich werde sie mit einigen Bemerkungen versehen – in ihrer hier gewählten Reihenfolge.

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zu 1.) Das Versprechen der Allgemeingültigkeit und des Sich-von-selbst-Verstehens westlicher Werte (Menschenrechte, Meinungsfreiheit, unabhängige Rechtspflege) ist obsolet geworden nicht zuletzt durch „Abu Ghraib“ und „Guantanamo“, durch CIA-Folter und NSA-Überwachung. De facto hat der „war against terror“ aufgrund 9/11 eine Krise des westlichen Wertekonsenses herbei geführt. Ihr Ursprung als politischer Machtanspruch und damit ihre Fragwürdigkeit liegt bereits in der simplen Logik des „Kampfes der Systeme“ im Kalten Krieg begründet: „Wir sind die Besseren.“ Nachdem die Konkurrenz der Blöcke durch den „Sieg des Westens“ (so die Selbstdeklaration) beendet wurde, schien die weltweite Durchsetzung dieser Werte zwangsläufig und nur noch ein Frage der Zeit zu sein. Die Ausrufung eines „Endes der Geschichte“ (Fukuyama) und das expansiv-politische Programm eines „nation building“ (Afghanistan, Irak) dokumentieren dieses Selbstverständnis. (Heute erscheint das nur noch naiv.) Begleitet wurde es durch eine Phase der ökonomischen Durchdringung der Weltmärkte durch multinationale“ („Multis“), meist US-amerikanische Unternehmen. Dass das so nicht läuft, wurde zuerst auf wirtschaftlichem Gebiet deutlich. Zunächst wirkten ja auch noch die Euopäer mit (Deutschland als „Wirtschaftswunderland“ und als Export-Weltmeister), dann traten vorüber gehend die asiatischen „Tiger-Staaten“ und schließlich China als globale Wirtschaftsmacht mit rasant wachsendem Potential auf den Plan. Indem sich die Volksrepublik China zum mächtigsten Gegenspieler der USA aufschwingt, werden die westlichen Werte bestenfalls kulturalistisch relativiert oder schlechterenfalls abgelehnt und bekämpft. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping lässt neuerdings die Universtäten wieder auf einen stramm antiwestlichen Kurs ausrichten (FAZ vom 07.01.2015) Der russische Präsident Putin stimmt nicht erst seit dem Ukraine-Konflikt in den Chor derer ein, die „den Westen“ als dekadent und aggressiv brandmarken und seine „Werte“ ablehnen. Blickt man hinüber zum Hass auf alles Westliche bei den Islamisten aller Couleur (der Name der nigerianischen Terrorgruppe „Boko Haram“ bedeutet „westliche Bildung ist Sünde“), insbesondere bei den radikalen Fundamentalisten, die den „Islamischen Staat“ an die Stelle westlicher Nationalstaaten setzen, so ergibt sich eine überraschende Übereinstimmung in den Zielen ansonsten sehr unterschiedlicher Machtgruppen: Der westlichen Kultur, dem westlichen Machtanspruch, den „westlichen“ Menschenrechten Paroli zu bieten. Dabei geht es ausdrücklich längst nicht nur um die Bekämpfung eines politischen Machtanspruchs oder Einflussgebietes / Herrschaftsbereiches des „Westens“ ( = der USA und ihrer „Vasallen“), sondern um einen Kampf gegen die vermeintlich einseitige „westliche Kultur“ insgesamt. Die Nutzung westlicher Produkte (McDonalds) und modernster westlicher Technologien scheint damit nicht in Widerspruch zu stehen. Fukuyama hatte mit seinem „Ende der Geschichte“ sicher Unrecht, aber Samuel Huntingtons Panorama vom „Kampf der Kulturen“ (1996) gewinnt unter veränderten Bedingungen eine bedrückende Aktualität.

Der tödliche Anschlag auf „Charlie Hebdo“ in Paris (07.01.2015) macht die kulturelle Dimension des islamistischen Kampfes deutlich, auch wenn zurecht gesagt wird, dass dies Verbrechen weniger Teil eines Kulturkampfes als Fanal eines Kampfes gegen die Kultur überhaupt sei (Ch. Herwartz auf n-tv). So viel kann man jetzt schon, kurz nach dem furchtbaren Ereignis, vermuten: Dieser Anschlag wird Europa und die Welt verändern – vielleicht ebenso nachhaltig wie der terroristische Anschlag von 9/11 in New York. Eine solche Veränderung geschieht zuerst in den Köpfen. „Die Fundamentalisten haben Etappensiege in unserer Kultur errungen, weil sie die Koordinaten dessen verschieben, was angeblich religiöse Gefühle verletzen könnte.“ (Wolfram Weimer) Die Schere im Kopf geht allen anderen Restriktionen voraus.

zu 2.) Mit dem Glauben an einen unaufhaltsamen globalen Fortschritt war in den vergangenen Jahrzehnten stets auch die Zuversicht verbunden, dass der Rechtsstaatlichkeit im Innern eines Landes auch die Verrechtlichung in den internationalen Beziehungen folgen und gewaltsame Konflikte verhindern werde. Das hat sich offenkundig als Trugschluss erwiesen. Zwar gibt es unbestreitbar wichtige und auch weiterhin unverzichtbare internationale Institutionen (Vereinte Nationen, Völkerrecht, Internationaler Gerichtshof, Internationaler Strafgerichtshof), doch ihre begrenzten Fähigkeiten und ihre Unterordnung unter machtpolitische Gegebenheiten (UN Sicherheitsrat) und Interessen sind allzu offensichtlich. Der Internationale Strafgerichtshof bleibt im Verdacht einer „Siegerjustiz“, solange weder die großen Mächte USA, China, Indien und Russland dem Rom-Statut beigetreten sind (d.h. sich dem Gerichtshof zu unterwerfen bereit sind) noch Sanktionsmaßnahmen vorhanden sind, die auf mehr als den guten Willen der Beteiligten angewiesen sind (z.B. die Wirkungslosigkeit des „Haftbefehls“ gegen Bashir, Sudan). Sind Machtinteressen großer Staaten berührt, wird auch das Völkerrecht hintan gestellt bzw. passend interpretiert (z.B. Koalition der Willigen, wenn kein UN-Mandat zu erreichen ist [USA]; einseitige Verschiebung der Grenzen wie im Fall der Krim [RUS]; Ausweitung von Hoheitszonen in bisher internationalen Gewässern [China]). Allerdings sind auch die großen Mächte weiterhin bemüht, zumindest den Anschein rechtmäßigen Verhaltens zu wahren, und sei es durch mancherlei abenteuerliche Interpretationen oder Konstruktionen, denn die Sorge vor zunehmender internationaler Rechtlosigkeit und damit zunehmender Unberechenbarkeit ist nicht unbegründet. Gleichwohl nimmt die Verlässlichkeit internationaler Regeln offenbar in dem Maße ab, wie sich einzelne Mächte heraus gefordert oder in ihrem Machterhalt bedroht sehen. Militärische Optionen und gewaltsame Grenzveränderungen sind sogar in Europa wieder eine politische Option geworden.

Der „IS“ hat eine neue Qualität der Missachtung gemeinschaftlichen Rechtes praktiziert (also durch sein Handeln bestätigt), die sowohl im Innern als auch nach außen bisher anerkannte Rechtsnomen außer Kraft setzt (Menschenrechte) und sein einseitig fundamentalistisches Verständnis der „Scharia“ als Norm dagegen setzt – oder einfach durch blanken Terror ersetzt.

International scheint die Verrechtlichung der Beziehungen an eine Grenze gestoßen zu sein, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die großen Erwartungen in die friedensstiftende Wirkungen internationaler Normen und Gerichtsbarkeit sich nicht erfüllt haben. Wer keinen Frieden will und die Machtprobe sucht, den bremst auch kein Recht. So richtig es bleibt, die Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren zu verteidigen (Kanzlerin Merkel im Blick auf Russland), so wichtig wird doch der engere Zusammenhalt und eben auch die Stärke (kulturell, ökonomisch, militärisch) derjenigen Gruppe von Staaten sein, die sich gleichen Werten und internationalem Recht ebenso verbunden sehen wie der Rechtsstaatlichkeit im Innern.

zu 3.) Dass ungebrochenes Wachstum zu steigendem Wohlstand führt, ist inzwischen nicht mehr unumstritten, solange nicht geklärt ist, wie sich Wohlstand berechnet und (wichtiger) wie er sich verteilt. In letzter Zeit finden ökonomische Auffassungen Zustimmung, die steigendes Wachstum von einer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich begleitet sehen (z.B. Thomas Piketty). Abgesehen davon ist aber auch die Frage der Kosten des Wachstums und Wohlstands (eines kleinen Teils der Weltbevölkerung) zu klären, insbesondere wenn das Wachstum nicht „nachhaltig“ erzeugt worden ist. Ein Großteil der Kosten sind kaum genau zu fassen oder gar zu beziffern (z. B. Klimaveränderung, Verbrauch natürlicher Ressourcen, Vernichtung der Artenvielfalt, „Ewigkeitsschäden“). Auch die durch ökonomisches Wachstum und durch globalisierte Warenströme verursachten gesellschaftlichen Veränderungen sind kaum in einer einfachen Kosten – Nutzen – Rechnung abzubilden. Zumindest so viel scheint sicher: Dem großen Nutzen für einen recht kleinen Teil der Menschheit (in den industrialisierten Staaten) steht ein äußerst fragwürdiger Nutzen für den Rest der Welt gegenüber. Die ungebrochene Zuversicht in die Allmacht und Allweisheit der Märkte, wie es die „neoliberale“ Ideologie für alle Bereiche der Gesellschaft postulierte, hat einer weit reichenden Ernüchterung Platz gemacht. Nicht erst durch die Finanzkrise ist ökonomisch nicht mehr alles so, wie es vorher selbstverständlich war. Die Suche nach alternativen Wirtschaftsformen, nach größerer gesamtgesellschaftlicher Verträglichkeit der kapitalistischen Ökonomie, das Streben nach Nachhaltigkeit und Schonung natürlich begrenzter Ressourcen ist heute kein Thema in einer gesellschaftlichen Nische, sondern eher Mainstream. Dabei sind weniger, wie in den achtziger Jahren, die Grenzen des Wachstums als vielmehr die Kosten und Nebenkosten („collateral damage“) unseres Wirtschaftens und unseres Wohlstands zum Thema geworden.

Diese Fragen werden noch einmal neu zugespitzt durch die Auswirkungen der Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche. Hier lassen sich Tendenzen jenseits von Euphorie und Abwehr allererst erahnen. Die Veränderungen (gesellschaftlich, ökonomisch, kulturell) werden gewaltig sein. Hier gilt heute und nach „Snowden“ erst recht, dass die technischen Möglichkeiten in den Händen weniger großer Konzerne und mächtiger Staaten ohne zu installierende Kontrolle zu einer erheblichen Bedrohung des individuellen Lebens werden können. Besonders auf diesem Gebiet muss dem Gefühl der Unsicherheit und der erfahrbaren Ohnmacht mit internationalen gesetzlichen Rahmenbedingungen und einer Neubestimmung der Freiheitsrechte in der digitalen Welt begegnet werden. Wie weit sich das mit den Bemerkungen zu 2.) verträgt, sei dahin gestellt. Es geht schlicht um die Demokratisierung der digitalen Welt. Der Kampf darum hat gerade erst begonnen.

zu 4.) Die stärkste Verunsicherung geht vielleicht davon aus, dass ein „Urversprechen“ der Moderne sich als uneinlösbar heraus stellen könnte: dass die liberale und deliberative Vernunft alles zum Guten regeln kann. Es ist das langanhaltende Erbe der Aufklärung, das hier auf dem Spiel steht. Zwar haben auch schon die Ideologien des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Kommunismus) den Freiheitswerten und Vernunftmaximen der Aufklärung Hohn gesprochen, aber mit dem Scheitern dieser Ideologien schien nach dem Ende des 2. Weltkriegs eine Zeit der Freiheit und der „Herrschaft der Vernunft“ anzubrechen – zumindest in der westlichen Welt. Extreme Ideologien waren obsolet geworden, Wissenschaft und Technik traten in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen und des kulturellen Lebens und setzten ihre eigene Rationalität als Standard durch. Über die Art der Rationalität (technisch – – kritisch) und über die Inhalte der Liberalität (individuell – – gesellschaftlich) wurde teils heftig gestritten, aber Liberalität und Rationalität als solche standen niemals grundsätzlich zur Disposition. Die „deliberative“ Vernunft (Habermas) galt als Garant eines rationalen, offenen Diskurses in der Gesellschaft über gesellschaftliche Themen. Probleme sollten in einem rationalen Diskurs möglichst aller Beteiligten gelöst werden können („runder Tisch“). „Legitimation durch Verfahren“ (Luhmann) wurde zum Leitbegriff einer ganzen Epoche, abgewandelt in Rechtsstaatlichkeit, „Gerechtigkeit“ durch Verfahren, die transparent, rational und „fair“ sind (Rawls). In der säkularen Gesellschaft geriet rechtlich und sachlich durch rationale Verfahren nicht Fassbares oder Regelbares eigentlich überhaupt nicht mehr in den Blick. An den Rändern der Diskussion tauchte zwar das Wissen um einen rational nicht einlösbaren Vorbehalt auf („Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Ernst-Wolfgang Böckenförde), aber Rationalität, Liberalität, Humanität galten als weithin anerkannte Maximen im gesellschaftlichen Raum.

Dieses Selbstverständnis ist zerbrochen durch den theokratischen Machtanspruch religiöser Fundamentalisten, durch das Aufblühen verschiedenster Sekten oder sogenannter ‚alternativer Wissenschaften‘, die das rational begründete und argumentierende „Schulwissen“ diskreditieren. Der Islamismus ist derzeit diejenige Ideologie, die am offensivsten und wirkungsvollsten den aufklärerisch-säkularen Kanon von Humanität, Liberalität und Rationalität zerstört. Über das islamistische Umfeld hinaus gibt es eine Vielzahl von Strömungen, die ähnlich „antirational“ im Sinne von anti-neuzeitlich, anti-aufklärerisch zu verorten sind. Der wieder erwachende Nationalismus verbunden mit völkischer Mystik (Russland), die Beschwörung einer Legitimation aus Traditionalismus und politischer Ideologie (China) und überhaupt das Erstarken des Einflusses religiöser Fanatismen (Islamismus weltweit; Hinduismus in Indien; Evangelikale in den USA) lassen befürchten, dass die jetzt gerne als „Postmoderne“ titulierte Epoche einen dezidiert anti-aufklärerischen, antisäkularen und antirationalistischen Impuls verstärkt. Gerade die großen Religionen sind aktuell gehalten, das in ihnen enthaltene Gewaltpotential zu neutralisieren. Hier hat besonders der Islam eine große Verantwortung.

Nicht dass auf „Pegida“ – Demonstrationen „rechte“ Parolen auftauchen, ist so bemerkenswert, sondern dass die Pegida-Organisatoren und – Teilnehmer sich überhaupt einer Diskussion verweigern, sich also bewusst außerhalb eines gesellschaftlichen Diskurses stellen. Mit „Volksverrätern“ und einer „Lügenpresse“ kann man eben gar nicht mehr reden. Das muss als Verweigerung der Bereitschaft zum offenen Gespräch und zur Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs verstanden werden. Die liberale und deliberative Vernunft hat sich da bereits verabschiedet. An ihre Stelle treten vorrationale Deutungsmuster und irrationale Ängste, die sich in neuen Ideologien Geltung verschaffen können. Der Islamismus (siehe Frankreich) demonstriert, dass er auf das staatliche Gewaltmonopol pfeift. Andere könnten ihm darin folgen. Wenn nicht mehr auf einer gemeinsamen Basis diskutiert werden kann, wird der gesellschaftliche Konsens als Basis friedlichen Zusammenlebens brüchig. Einige Vorzeichen weisen darauf hin.

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Die angerissenen Punkte machen deutlich, dass unsere Zeit eine Zeit der Crisis ist. Wenn sie durch unterschiedliche „Krisengebiete“ charakterisiert ist, wird eine Lösung kaum auf einen Schlag gelingen. Zeit ist ein wichtiger Faktor, ebenso die nüchterne Analyse und ständiges Bemühen um Aufklärung, um die Krisenpunkte einzugrenzen und Auswege finden zu können. Dass die gewählten Mittel das erstrebt Ziel nicht diskreditieren dürfen, sollte klar sein. Umso wichtiger ist es, die Werte und Maximen der Aufklärung, nämlich Liberalität, Humanität, Rationalität, hoch zu halten und entschieden zu verteidigen. Manchmal, so scheint es heute, sind Ironie und Satire die deutlichste Verteidigung der Freiheit. Darum werden ihre Autoren auch von den neuen Ideologen so gehasst, verfolgt und getötet. Damit ist der terroristische Anschlag von Paris zum Kulminationspunkt einer möglichen Zeitenwende geworden. Die Zeit der Crisis drängt zu einer Lösung. Alles hängt davon ab, wie wir mit dieser Crisis umgehen, welche Schlussfolgerungen wir ziehen, damit es nicht mehr „noch schlimmer“, sondern eher „wieder besser“ wird.

 9. Januar 2015  Posted by at 15:13 Kultur, Politik Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Crisis
Jun 192013
 

Unsere Vernunft, die Ratio, ist ein mächtiges Werkzeug. Sie stellt Möglichkeiten bereit, die Welt als geordnet zu erkennen und mit Hilfe fester Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben. Seit mehr als zwei Jahrtausenden, jedenfalls solange wir schriftliche Zeugnisse haben, stellen Menschen ihre Vernunft in den Dienst der Welterkenntnis. Zunächst einmal war die Entwicklung der Ratio ein überlegenes Instrument zur Sicherung der Existenz und des Fortbestandes der eigenen Art. Beim Nahrungserwerb (Jagd, Ackerbau), bei der Behauptung und Verteidigung von geeignetem Lebensraum und bei der Nutzung von Vorteilen für die eigene Gruppe (Familie, Clan) konnte vernünftiges Handeln durch das Verfolgen von Strategien und durch Zweck-Mittel-Abschätzung das Erreichen von gewünschten Zielen sichern. Aber zugleich erwies sich die Vernunft auch als ein unerhört mächtiges Mittel, die Welt zu erkennen und ihre Ereignisse zu begreifen. Im Verlauf der Geschichte setzte sich die Vernunft immer mehr als einziges Mittel, als einzig legitime Weise der Welterkenntnis und der Weltbemächtigung durch. Ihr steht das magisch-symbolische Weltverhältnis gegenüber, wie es sich unter anderem in Religionen Ausdruck verschafft. Aber dieses „Verhalten zur Welt“ hat seinen ursprünglichen Anspruch, zugleich auch die Welt in ihrem Wesen zu erkennen, weitgehend eingebüßt. Die Vernunft hat heute das Monopol, das Funktionieren der Welt angemessen zu beschreiben. Sie tut dies mit Hilfe der unterschiedlichen Wissenschaften, die methodisch nachprüfbar die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Welt- und Lebensbereiche aufzuweisen suchen. Die wissenschaftlich geschulte und methodisch eingesetzte Vernunft ist dabei ungeheuer erfolgreich gewesen. Sie ist sozusagen der dickste Knüppel, um dem großen Sack der Geheimnisse dieser Welt zu Leibe zu rücken. Der universale Anspruch der Vernunft auf Welterkenntnis und Welterklärung und in der Folge auch auf Weltbemächtigung besteht also aus guten Gründen. Die Ratio ist schlicht die erfolgreichste „Allzweckwaffe“ des homo sapiens.

Ein Problem besteht nun nicht darin, dass dadurch die religiös-mythologische Weltdeutung entwertet würde. Diese behält ihren Platz und ihr Recht durchaus in ihrem eigenen Bereich der unmittelbaren, emotional-sensitiven Welterfahrung. Wer die Bedeutung der Emotion, Empathie, Sensibilität verkennt, übergeht einen wesentlichen Bereich menschlichen Lebens, wie er sich etwa in Mystik und Kunst ausdrückt. Das Problem besteht vielmehr im Gebrauch der Ratio selber. Zu fragen ist nämlich nach der Rationalität der machtvollen Ratio, – ersichtlich eine Metafrage. Welches sind die Bedingungen und Grenzen der Aussagekraft vernünftiger, d.h. wissenschaftlicher  Theoriebildung? Was können sie erklären und beweisen? Karl Popper hat in seinem „kritischen Rationalismus“ die Auffassung vertreten, jede wissenschaftliche Erkenntnis beruhe darauf, durch Falsifizierung unzureichende Theorien auszuscheiden und auf diese Weise ex negativo der Wahrheit näher zu kommen. Dies erklärt heutige wissenschaftliche Verfahrensweisen aber nur zum Teil. Denn de facto will Wissenschaft stets beweisen, also eine positive Aussage über Existenz, Struktur, Funktion usw. machen. Versuche am CERN wollen ja gerade nicht die Unmöglichkeit des Higgs-Bosons, sondern seine Existenz nachweisen, um die bisher geltende Theorie der Teilchen und ihrer Wechselwirkungen zu bestätigen. Nach dem, was man liest, scheint das auch nahezu gewiss gelungen zu sein. Unter Physikern besteht daher die Zuversicht, auf einem guten Wege zu einer GUT (Grand Unified Theory) zu sein, die die Gesamtheit der Elementarteilchen ebenso umfasst wie die drei bzw. vier kosmischen Grundkräfte (die Gravitation kann man als vierte Kraft bisher noch nicht mit den drei anderen vereinheitlichen). Letztlich geht es bei einer GUT oder gar bei einer TOE (Theory of Everything) immer um eine Rückführung (lat. reductio) der Vielfalt der Erscheinungen und Ereignisse auf wenige einfache Grundgegebenheiten: Teilchen, Kräfte, Strukturen, Gesetze. Ziel ist die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Komplexität auf der oberen Ebene der Wirklichkeit (Makro-Ebene) durch Reduktion auf die Grundgegebenheiten auf der untersten Ebene (Mikro-Ebene, hier Teilchenphysik). Der so erfolgreiche Reduktionismus ist daher faktisch zum leitenden Erkenntnisprinzip geworden.

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Dies Verfahren setzt sich ebenso erfolgreich in anderen Bereichen der Wissenschaft durch. So versuchen die Neurowissenschaften, die Phänomene und Funktionen der geistigen Tätigkeiten auf ihre neuralen Grundlagen zurück zu führen. Auch hier gibt es gewaltige Erkenntnisfortschritte. Die analytische Philosophie angelsächsischer Prägung ist intensiv damit beschäftigt, die empirischen neurologischen Befunde und die biophysischen Theorien auf der Ebene einer Theorie des Geistes (theory of mind) zu verarbeiten. Auch hierbei hilft die Methode der Reduktion, die Vereinfachung und Rückführung in diesem Falle geistiger Fähigkeiten auf ihre neurale Basis (Korrelate) erfolgreich darzustellen. Grundlage des Reduktionismus ist stets ein methodischer (und meist auch ein ontologischer) Materialismus. Wir „sind“ mit unserer Ratio nichts anderes (‚nothing but‚) als Strukturen und Funktionen eines ungeheuer komplex-molekularen Zusammenhangs von Nervenzellen, so wie der Mensch als Ganzes Resultat eines Zusammenspiels biophysischer Strukturen und Prozesse ist. Noch einmal: Dies Verfahren und diese wissenschaftliche Methode ist unglaublich erfolgreich. Der ontologische Reduktionismus ist im Ergebnis jedem metaphysischen Dualismus überlegen.

Das Problem ist aber dadurch nicht beseitigt. Das Problem ist so komplex, wie die Sache, um die es geht. Das Problem besteht darin, dass man zum rationalen Erkennen und Begreifen von Erscheinungen in der Welt jeweils ein Modell braucht, eine erste Theorie, aufgrund derer überhaupt erst Hypothesen aufgestellt, Experimente durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen werden können. Jedes Theoriemodell beruht auf bestimmten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Prinzipien. Besser ist es, sie offen zu legen, aber oftmals scheinen diese Prinzipien so selbstverständlich zu sein, dass darüber kein Wort verloren wird. Die wissenschaftlich formulierte, rational begründete Theorie, welche auch immer, geht von etwas aus und zielt auf etwas anderes ab. Das, worauf abgezielt wird, ist stets davon abhängig, was man als Ausgangspunkt gewählt hat. Im logischen Schlussverfahren ist eine petitio principii ‚verboten‘, weil vorausgesetzt wird, was zu beweisen ist. Wissenschaftliche Theoriebildung aber verfährt grundsätzlich auf der Basis einer petitio principii: Die Voraussetzung, der Geltungsrahmen und die angenommene Funktionsweise (Gesetzlichkeit) bestimmen das Ergebnis. Dies ist kein Verfahrensfehler. Dies ist innerhalb wissenschaftlicher Theoriebildung unvermeidlich. Die angenommenen Voraussetzungen mögen plausibel und gut begründet und bewährt sein, sie sind letztlich nicht ableitbar und werden von der theoretischen Vernunft (voraus) gesetzt. Zumindest sie selbst, die Funktionsweise der Ratio selbst, muss voraus gesetzt werden. Und welcher Art Ratio dann angewandt wird, kann  auch noch einmal streitig sein (deduktiv, intuitiv, inferentiell). Geht man von der Möglichkeit erkenntnismäßiger Reduktion als Weg zur Welterkenntnis aus, dann werden auch nur Ergebnisse folgen und anerkannt werden, die dem reduktiven Ziel entsprechen. Der Schritt von der epistemischen zur ontologischen Reduktion ist dann nur noch ein kleiner, wenn nicht unmittelbar das Erkannte selbst als wirklich fest gestellt wird.

Ein zweiter Aspekt des Problems betrifft das Verfahren, komplexe Verhältnisse auf der Makro-Ebene durch einfachere Verhältnisse auf einer Mikro-Ebene reduktiv zu erklären. Vorausgesetzt wird dabei, dass bei diesem Wechsel der Ebenen  nichts verloren geht. Der Einwand bezieht sich nicht nur auf den bekannten Satz des Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, indem ein zusammen gesetztes Ganzes anders funktionieren könne als jedes seiner Teile. So formuliert ist es eine Trivialität. Natürlich ist zum Beispiel eine mechanische Uhr funktional „mehr“ als bloß die Einzelfunktion ihrer Zahnräder und Federn. Das Entscheidende des Problems liegt darin, dass jede Ebene der Wirklichkeit ihre eigenen Organisationsprinzipien und Funktionsgesetze hat. Beim Wechsel der Ebenen, bei der Reduktion also von oben nach unten, wird auf jeder Stufe von den Funktionszusammenhängen, also von der essentiellen Organistaionsweise der nächst höheren Stufe abgesehen. Betrachtet man in der Molekularbiologie die Arten und Strukturen der vorfindlichen Moleküle, so arbeitet man innerhalb eines ganz anderen Bezugsrahmens als zum Beispiel der Zellbiologe, der die Verhaltensweise von Zellen und Zellverbänden untersucht. Die jeweilige Ebene der wissenschaftlich erforschten Wirklichkeit hat ihre eigene spezifische Organisation und Funktionalität, die auf der reduktiv darunter liegenden Ebene bewusst ausgeblendet wird, sonst wäre ja keine vereinfachende Reduktion erreicht. Die Frage ist aber, ob bei dieser Reduktion nicht gerade das Entschiedende, Spezifische der höheren Koomplexitätsebene verloren geht, dass somit also durch die Reduktion gar nicht mehr die zunächst untersuchte Entität (das vormalig organisierte „Ganze“) in den Blick kommt. Auch dies ist kein methodischer Fehler, sondern liegt in der Sache des reduktiven Ansatzes selber begründet. Dass auf der unteren basalen Ebene der untersuchte Gegenstand / Prozess noch derselbe ist wie der komplex organisierte, bleibt bloße Behauptung. Am Beispiel Hirnforschung: Dass ich durch die Rückführung der geistigen Prozesse auf neurale Funktionen tatsächlich noch die geistigen Funktionen und nicht irgendein anderes Substrat vorfinde, bleibt Behauptung. Sie liegt bereits im Ansatz (petitio) der wissenschaftlichen Methode des Reduktionismus begründet.

Schließlich: Kann rationales Denken auch anders als reduktionistisch verfahren? Kann es andere Wege wissenschaftlich erfolgreicher, d.h. erklärungsfähiger Methoden geben, die der auf jeder Ebene zunehmenden Komplexität und Organisation der höheren Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden? Danach wäre zu suchen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat durch seine Interpretation des Entropiegesetzes als stete Zunahme von Information, also insbesondere durch Organisation und Struktur, einen interessanten Weg gewiesen – ein Ball, der in der Wissenschaftstheorie bisher kaum aufgenommen worden ist. Die Suche nach Alternativen in Ansatz und Methodik ist deswegen unerlässlich, weil es die Bedingungen der Ratio sind, dass jede Methodik eine ‚einseitige‘ Festlegung beinhaltet. Dieser rationalen Grenze der Rationalität lässt sich nicht entkommen, aber man kann ihr entgegenwirken durch eine Vielfalt der Methoden, also der Wege, die Welt vernünftig zu begreifen und zu gestalten. Wissenschaft braucht Pluralität, um nicht ideologisch zu versteinern. Der bisherige Siegeszug des Reduktionismus und des wissenschaftlichen Materialismus beruht in der Tat auf grandiosen Ergebnissen. Diese allein rechtfertigen aber nicht, die Rückfrage nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu unterlassen, die der jeweiligen Theoriebildung zugrunde liegen. Wer weiß, vielleicht bringt einmal eine mehr (ja, wie soll ich es nennen?) „synthetische“ Herangehensweise zum Verständnis von Komplexität noch bessere und adäquatere Ergebnisse. Schließlich wären große wissenschaftliche Erkenntnis ohne die Intuition ihrer Entdecker *) kaum wirklich geworden.

*) Es gab einen schönen Vortrag von Ernst Peter Fischer, Die Nachtseite der Wissenschaft, als DVD leider vergriffen.

 

 19. Juni 2013  Posted by at 13:14 Philosophie, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ratio – Rationalität