Sep 122016
 

Wenn man die Äußerungen vor allem aus der CSU, aber auch aus der CDU über die „christlich-abendländischen Werte“ hört und dazu die Kommunalwahlergebnisse aus Niedersachsen nimmt, muss man feststellen, dass der Konfessionalismus neuen Auftrieb bekommen hat. In Niedersachsens Kommunen ist der Wahlausgang weniger entlang der Linien Stadt (SPD) – Land (CDU) abzulesen, sondern viel stärker entlang der Konfessionsgrenzen katholisch (CDU) und evangelisch (SPD) – siehe zum Beispiel Cloppenburg und andererseits das ländliche Ostfriesland.

In Bayern ist die katholisch verankerte CSU übermächtig in den Landkreisen und mittleren Städten. Nur in den Großräumen München und Nürnberg gibt es größere Anteile von SPD-Wählern bei den letzten Kommunalwahlen 2014. Das evangelisch geprägte Franken fällt da erstaunlicherweise nicht aus dem Rahmen, sondern folgt der starken ländlichen Verankerung der CSU. Dies kann man konfessionell gesehen vielleicht dadurch erklären, dass der bayerische Protestantismus zum konservativsten in Deutschland zählt. Der norddeutsche Diaspora-Katholizismus tritt jedenfalls weithin liberaler und offener auf als etwa der stark lutherisch geprägte bayerische Protestantismus. Aus Sicht eines Norddeutschen wie mir kommt der doch sehr „katholisch“ daher.

Aber spielen diese konfessionellen Unterschiede in der politischen Landschaft überhaupt noch eine Rolle und ist nicht die Säkularität so weit fortgeschritten, dass das Christliche überhaupt an Bedeutung verloren hat? Das wäre ein weites Feld, das hier nicht erörtert werden soll. Allerdings ist die These von der modernen, neuzeitlich urbanen Säkularisierung in der Religionswissenschaft und Religionssoziologie sehr umstritten. Was die traditionellen Kirchen an Einfluss verloren haben, das haben viele andere religiöse Gruppen, Gemeinschaften und individuelle Orientierungen hinzu gewonnen. Dies kann man besonders in den Ballungszentren und sogar im ‚entkirchlichten‘ Berlin erkennen.

Nun wird im Rahmen der rechtspopulistischen Debatte über Flüchtlinge und Migranten, über Islam und Afrikaner wieder auf das „Wertefundament des christlichen Abendlands“ hingewiesen. Nicht nur die AfD, gerade auch die CSU macht da begeistert mit. Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass der Verweis auf ein Fundament gemeinsamer Werte im Grunde ein Ausweichen in die Beliebigkeit darstellt. Was sollen schon diese gemeinsamen Werte sein? Vermutlich jeweils das, was der oder die einzelne gerade persönlich als wichtig erachtet. Christian Geyer schreibt dazu in der FAZ:

Es gibt im Grunde kein restriktiveres migrationspolitisches Kriterium als den „Wert“. Ihn kann jeder nach eigenem Gutdünken definieren, kann ihm nach Belieben mehr oder weniger Plastizität zuschreiben. Wer nichts verändern möchte, appelliert an Werte – des Abendlandes, der Kleiderordnung, der Bachs und Goethes -, wie es eben passt und unabhängig davon, wie vital diese Werte im kollektiven Bewusstsein tatsächlich ausgeprägt sind. („Angst essen Werte auf“, Faz.Net)

Und dann werden die „christlich-abendländischen Werte“ bemüht. Welche sollen das sein? Das Judentum kommt offenbar nicht vor, der Islam, der dem Mittelalter immerhin den Aristoteles vermittelt hat, auch nicht. Zudem muss man hellhörig werden, denn wenn ein bayerischer Politiker „christlich“ sagt, ist dies meist synonym mit „katholisch“. Darum kann von Seiten bayerischer Teilnehmer in Diskussionen (wie erlebt) das protestantische Norddeutschland als ‚für das Christentum verloren‘ denunziert werden. Aber noch viel wichtiger fehlt etwas völlig, was nun ganz und gar nicht der ‚abendländisch-katholischen‘ Tradition entspricht: die Aufklärung.

Kants Grabmal

Grabmal Kants, Königsberg – Kalinigrad (c) Wikimedia

Dies kann kaum ein Zufall sein, denn die Aufklärung ist gerade der freiheitliche und rationalistische Aufbruch aus der kirchlichen Enge des Christentums konservativer protestantischer und katholischer Couleur: „Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, und Immanuel Kant macht dies in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung“ insbesondere an der bornierten Christlichkeit seiner Zeit fest. Die Gegenaufklärung durch den Katholizismus hat zum Teil erfolgreich versucht, das Rad wieder zurück zu drehen und den Deckel der christlich-katholischen ‚Werte‘ (Rom, Hierarchie, Mann, Familie) wieder auf den weltoffenen Freiheitsdrang der Aufklärer und Dichter wie Fichte und Hölderlin zu setzen. Wer heute die „abendländisch-christlichen Werte“ zitiert, muss sich schon entscheiden und dazu bekennen, welche Werte er denn meint: Die engen autoritätshörigen Lebensstile, wie sie nach wie vor die katholische Kirche propagiert und bis in die Schlafzimmer hinein vorschreibt  – Papst Franziskus lässt allenfalls seelsorgerlich verantwortete Ausnahmen gelten, da ist keinerlei prinzipielle Änderung erkennbar – oder die liberale, vernunftorientierte Weltoffenheit einer Kultur, die sich nicht auf ‚Nation‘, Kirche und traditionelle Familie beschränken lassen will. Wähler der AfD, so konnte man lesen, sehnten sich im Grunde nach der ‚guten alten Zeit‘ – welcher auch immer, vielleicht der sechziger Jahre, wo es im romantisierenden Rückblick so schön ordentlich, gesittet und wohl sortiert war: hier die Guten (Christen, Katholiken), dort die Schlechten (Protestanten, Atheisten, Schwule, alles Undeutsche).

Das sollte zu denken geben. Wer heute lauthals die „christlich-abendländische Wertegemeinschaft“ beschwört, findet sich sehr schnell wieder in einem braunen Gebräu dumpfer Illiberalität, religiös-autoritärer Borniertheit und nationalistischer Verklärung, die zu den übelsten Schattenseiten der europäischen Moderne geführt haben. In diese Kurve sollten wir in Europa und besonders in Deutschland nicht ein neues Mal einbiegen. Gerade darum ist den Populisten entschieden entgegen zu treten: Gegen diese sogenannten abendländischen ‚Werte‘ stehen die Humanität, die Liberalität, die Weltoffenheit und der kulturelle Austausch freier und selbstbewusster Bürgerinnen und Bürger. Diese aufgeklärte Tradition unserer Geschichte gilt es wertzuschätzen, offensiv im politischen Raum zu verteidigen und in Kultur und Stil lebendig zu erhalten.

Nov 282012
 

Ich glaube, dass das Leben unheimlich gut und schön ist.

Das ist ein Glaubenssatz, denn wissen kann ich es nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Vertrauen auf die Güte des Lebens, auch meines Lebens, geht oftmals gegen den Augenschein. Es siegt nicht immer das Gute. Krebs ist nicht schön. Gewalt, Neid, Hass und Niedertracht gibt es genug  im Umgang miteinander, aber auch Hingabe, Hoffnung, Freundschaft, Mitgefühl. Im miteinander Leben, Denken, Arbeiten finde ich den Sinnzusammenhang, der über den Tod hinaus weist.

Die Natur ist, wie sie ist. Trotz aller Härte des „Kampfes ums Überleben“ kommt sie mir wunderschön vor, faszinierend und stark, aber auch empfindlich und zerbrechlich. Die Kraft des Lebens ist bisweilen unheimlich. Dabei wissen wir noch nicht einmal, woher es kommt, wie es entstanden ist. Stoffwechsel und Fortpflanzung – das Geheimnis des Entropie-Aufschubs, der „geborgten Energie“, des Ursprungs der Zeit. Einzigartig im Universum – bislang.

Der Mensch ist, wie er ist, und macht sich zu dem, was er wird. Er koexistiert im Zusammenhang von Natur und Kultur. Gut und Böse fallen nicht vom Himmel, sondern sind soziale Kategorien. Böckenfördes berühmter Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, wird oft religiös verstanden, als würde damit auf einen transzendenten Hintergrund verwiesen. Dabei ist es der Mensch als soziales Wesen, sind es seine gesellschaftlich geprägten Werte und Grundsätze, die als kulturelle Voraussetzungen des Gemeinswesens „vorwissenschaftlich“ und also nicht ableitbar oder garantierbar sind.

Ich glaube, für ein zufriedenes, gelingendes Leben brauche ich weder den Himmel noch die Ewigkeit, weder Gott noch Unsterblichkeit. Ich suche aber Symbole und Bilder, die mir jenseits der Ratio die Erfahrung des Urvertrauens vermitteln und mich darin immer wieder bestärken: Erzählungen, Rituale, kultische und kulturelle Gemeinschaft. Dies wäre die begrenzte und positiv „eingehegte“ (Habermas) Bedeutung von Religion.

 

***

Was ich definitiv nicht brauche, was ich vielmehr für eine üble Weise der Okkupation und Monopolisierung des menschlichen Bedürfnisses nach Trost, Sicherheit und Jenseitigkeit halte, ist die Institution der Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche hat aus ihrer Geschichte heraus derart mafiöse Strukturen entwickelt, dass man zwischen perfider Scheinheiligkeit, perfekt inszenierter Ideologie und realer Macht kaum mehr unterscheiden kann: ein fundamentalistischer religiös-industrieller Machtkomplex, anachronistisch und doch, was die eigenen Interessen betrifft, stets auf der Höhe der Zeit. –  Die protestantischen Kirchen leiden an organisatorischer und vor allem intellektueller Auszehrung und faktischer Bedeutungslosigkeit, stellen sich oft nur noch naiv, nett und dumm dar: „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ als trinitarischer Bekenntnisersatz der „Gutmenschen“. Wo Dummheit herrscht, kanns gefährlich werden, das sieht man am  evangelikalen Fundamentalismus. – Dabei gibt es überall in den christlichen Traditionen und Institutionen immer auch viele Menschen guten Willens, guter Absichten, guter Taten. Sonst wäre es mit dem Christentum überhaupt nicht auszuhalten.

Was fehlt, ist ein ehrliches Aufdecken der geschichtlichen Gewordenheit und der kulturellen Zeitbedingtheit der christlichen Dogmatik. Himmel, Hölle und Paradies, Trinität und Gottessohnschaft, Gericht und Strafe, die Hypostasierung einer „Heiligen Schrift“ – alles von Menschen gemacht, relativ, fehlbar und absolut kritikbedürftig. Was also fehlt nach der gesellschaftlichen Säkularisierung ist eine „geistliche“ Säkularisierung. Man wird darauf vergeblich hoffen, denn es bedeutete die Selbstabschaffung der Kirchen in ihrer heutigen Form. Dran wäre es. Dann könnte man vielleicht auch wieder Positives am Christentum entdecken.

 28. November 2012  Posted by at 13:41 Christentum, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Was ich glaube
Jul 222012
 

Religion gehört zum Menschsein. Das ist mehr als nur eine „wilde These“, denn Religiosität ist anthropologisch verankert und bietet im positiven Fall Vergewisserung und Sinn. Von der Vergessenheit darüber, was Religion leisten kann.

Warum tun wir uns heute in Westeuropa so schwer mit der Religion? Was macht es inzwischen so schwierig, religiöse Phänomene überhaupt nachvollziehen und beurteilen zu können? Wie kommt es zu dieser fast unüberbrückbar gewordenen Distanz zwischen Religiösem und Säkularem? Die heftige Debatte um das religiöse Recht auf Beschneidung lässt jedenfalls Gräben aufbrechen, von denen man bisher kaum eine Ahnung hatte. Kirchentage und Papstbesuche erweckten den Anschein: Alles ist gut mit der Religion. Doch dann war da der islamische Fundamentalismus, dann kamen die unsäglichen Verbrechen der katholischen Kirche an ihr anvertrauten Kindern ans Tageslicht. Für sich genommen ist das als Erklärung  für den säkularistischen, antireligiösen „drain„, den man feststellen kann, zu wenig. Die Frage muss tiefer angesetzt und geklärt werden. Die Ursachen liegen gewiss in gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, Brüchen und Umbrüchen des letzten Jahrhunderts, wenn nicht mehr. Dem wäre nachzugehen. Neuere Untersuchungen, die über die klassische und durchaus umstrittene „Säkularisierungsthese“ hinaus gehen, gibt es erst ansatzweise, aber eine wiederbelebte „Säkularisierungsdebatte“ zeichnet sich ab. Die Wahrnehmung von Religiosität in Europa ist äußerst vielschichtig. In Deutschland befinden wir uns dabei in einer Sondersituation, wie verschiedene Studien zur Religiosität unter Jugendlichen (z.B. Shell-Studien, Studien der Bertelsmann-Stiftung) ergeben haben. Dies benennt auch jüngst sehr pointiert Ulrich Willems („Centrum für Religion und Moderne“ in Münster):

Das religiöse Bewusstsein und die religiöse Praxis sind nirgendwo auf der Welt so gering wie in Europa. Europa ist mit Blick auf die Religion so etwas wie die säkulare Ausnahme in der Welt. – In Deutschland herrscht unterschwellig das Vorurteil, Religion habe viel mit Aberglauben zu tun. Religion sei nicht zeitgemäß, womöglich sogar gefährlich. Daraus leitet sich die Forderung ab, die Religionen müssten sich modernisieren. Sie sollten ihre vermeintlich obskuren Traditionen und Praktiken – wie die Beschneidung – überdenken und sich zudem weniger in das Leben ihrer Anhänger, aber auch weniger in die Politik einmischen. Dass die Säkularisierung in Europa so stark ist, hat wiederum verschiedene historische Ursachen.

So zeigt sich eine „stark antireligiöse Haltung der Gesellschaft“, die auf der anderen Seite kaum mehr weiß, was Religion eigentlich ist, was religiöses Leben ausmacht und was religiöse Systeme leisten. Genau diesem Defizit möchte ich etwas abhelfen, indem ich meine Überlegungen zum Thema „Was ist Religion?“ weiter führe.

Religion ist ein eigenständiger Bereich menschlicher Weltbewältigung. Ich sehe religiöses Erleben als eine anthropologische Konstante an, die wesentlich zum Menschsein gehört. Ihre Formen der Äußerung können allerdings von sehr unterschiedlicher Art und Intensität sein. Es mag von Natur aus unmusikalische Menschen geben, unreligiöse allerdings nicht; das sage ich bewusst auch gegen den berühmten Ausspruch von Jürgen Habermas, er sei „religiös eher unmusikalisch“. „Religiös“ muss nicht heißen „theistisch“ und schon gar nicht „kirchlich“. Als eigenständiger Bereich ist religiöses Erleben etwas emotional-Habituelles im Unterschied zum Bereich des rational-pragmatischen Verhaltens. Das vernunftgeleitete Handeln geschieht auf der Basis der Zweck-Mittel-Relation entsprechend anerkannter Werte und Ziele und dient in großen Teilen unseres Lebens einer mehr oder weniger erfolgreichen Weltbewältigung. Religiöses Erleben vollzieht sich dagegen auf einer emotional-psychischen Ebene in rituell geprägten Vergewisserungen und im Transzendieren unserer jeweils unabgeschlossenen Lebenssituation auf ein umfassenderes Ganzes hin.

Dieses Ausgerichtetsein auf ein Jenseits des eigenen Subjekts bezieht sich zu allererst auf ein anderes Ich, ein „Du“. Soll dieser Andere aber nicht nur Spiegelbild meiner eigenen Defizite sein, imaginiert mein fühlendes Ich etwas Größeres, Umfassenderes, vielleicht auch Machtvolleres. Es kann die Nation oder die Gattung sein oder irgend etwas anderes, auf das hin bezogen ich mich selbst emphatisch einbringen und vergewissern kann. In der Regel greift dieses konkrete Andere aber zu kurz, weil es selber wieder nur begrenzt ist und scheitern kann. Denn das umfassende Ganze, das dem Einzelnen Vergewisserung, Bestätigung, Trost und Sinn verleihen kann, wird genau genommen als außerhalb meiner eigenen Begrenzung und jenseits meines Scheiterns intendiert. Es wird zum unbegrenzten Jenseits meiner Erfahrungs- und Erlebniswelt.

Ursprünglich begegnet dieses Jenseits meiner eigenen Selbstbezogenheit schon im allernächsten Gegenstand, der mir seinen Widerstand entgegen setzt. Die ursprüngliche, d.h. „urtümliche“ ebenso wie erfahrungsmäßig primäre Gegenständlichkeit von etwas Anderem außerhalb meiner bringt mir die Erfahrung der Begrenzung, des Widerstandes, der Abhängigkeit. Dieses Andere kann durchaus eine Sache sein, keineswegs nur eine Person. Leben insgesamt bedeutet ja Überwindung von Widerstand, bedeutet einen Aufwand, um, thermodynamisch gesprochen, der Entropie entgegen zu wirken. Der Widerstand kann als machtvoll, gar als übermächtig erfahren werden. Dann begegnen wir der „Macht“ des Zufalls, des Schicksals, des Glücks oder Unglücks, erfahren Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit. Die gemeinschaftliche kultische Ordnung dieser Empfindungen und Gefühle, ihre rituelle „Abholung“ und „Aufhebung“, die Vermittlung von Gewissheit und Orientierung, den Aufweis von Sinn und die Anleitung zur Bescheidung und Ein-Ordnung in ein größeres Ganzes vermittel genau das umfassende kulturelle System zur Welt- und Lebensbewältigung, das wir Religion nennen.

Religion ist immer ganzheitlich ausgerichtet. Zwar kann man, wie von mir getan, das religiöse Erleben speziell dem emotionalen und seelischem Bereich (von Seele zu reden ist allerdings unmodern geworden, eher schon vom ‚Psychischen‘) des Menschen zuordnen, weil es dem zweckrationalen, handlungsorientierten Vernunftbereich entgegen zu stehen scheint. Letztlich aber bezieht sich die Weltbewältigung der Religion auf alle Bereiche menschlichen Lebens, betrifft also Leib, Seele und Geist, mind & brain. Von einem „Bereich“ zu sprechen ist missverständlich, weil es an etwas Sektorales, Abgeteiltes erinnert. Besser ist die Vorstellung eines layers, also einer besonderen Schicht oder Dimension unseres persönlichen Lebens, die unter oder über anderen Schichten liegt. Man kann diesen layer zwar versuchen auszublenden, das wird aber nur zum Schaden der ganzen Person und zum Verlust wesentlicher Dimensionen unseres Lebens führen, wenn es denn überhaupt möglich ist. Meist meldet sich verleugnete oder verdrängte Religiosität in ganz anderen, neuen Abhängigkeiten wieder. Auch der A- oder Antitheismus kann bekanntlich zum Dogma werden.

Einen letzten Hinweis möchte ich noch zur Orientierung der Religion auf Gegenständlichkeit geben. Oft wurde und wird Religion als ein kulturelles System von Symbolen, als symbolische Lebensäußerung interpretiert. Das mag man so tun, wenn man hier „Symbol“ recht versteht. Natürlich ist die Welt aller Religion und aller konkreten religiösen Systeme voller Symbole in Handlungen, Redeweisen und Gegenständen. Letztere sind eigentlich das ursprünglichste „Symbol“, weil sich in den religiösen Gegenständen der oben genannte ursprüngliche Widerstand der äußeren Welt manifestiert. Das archaisch scheinende Götterbild (oder auch Heiligenbild) ist eben mehr als nur Bildnis und Zeichen. Benennt man es als Symbol, dann kommt es nicht auf die Differenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem an, sondern gerade auf das Moment der Identität, der Realpräsenz des ungegenständlichen, umfassenden Bezeichneten im konkreten Gegenstand des Zeichens. Kein Mensch hat jemals eine Steinfigur angebetet, sondern vielmehr die im Bildnis als real  erlebte Gegenwart des Jenseitigen. Religionen wie die sogenannten Schriftreligionen haben das Götterbildnis („Götzenbild“) durch das Buch ersetzt, die Thora oder den Koran. Im Christentum ist es zum einen Teil die Bibel (evangelisch), zum anderen die Hostie (katholisch). Die Repräsentanz der Gegenwart des grenzenlos Jenseitigen im begrenzten, diesseitigen Gegenstand gehört zur „Grundausstattung“ jeder gelebten Religion (vgl. Opfer, Totem, Heiliges). Der Bezug aufs Körperliche ist ihr also wesentlich. Im religiösen Kult bringt sich daher der Mensch auch ganzheitlich ein: der Körper kniet, liegt, wird getauft, beschnitten, tätowiert usw., alles als Zeichen der Entsprechung, der Einordnung in das als machtvoll, sinnvoll und hilfreich empfundene System einer konkreten religiösen Lebensgemeinschaft, wie es die Religionen bieten. Innerhalb dieses Systems kann dann auch die Rede von Gott, Göttern, Göttlichem, Himmelsboten usw. seinen Ort finden, aber Religion ist nicht an theistische Vorstellungen und Reden gebunden.

Insofern ist die Leistungsfähigkeit der Religion eigentlich unglaublich groß. Sie bietet dem Menschen Halt, Vergewisserung, Rechtfertigung, Trost, Sinn und Ziel, die er als solche in den Widerständen des Lebens und seiner Welt per se nicht finden kann. Es ist ungewöhnlich und fragwürdig, wenn Menschen eines bestimmten Kulturraums meinen, gegen Religiosität, gegen Religionen und religiöse Weltanschauungen angehen zu müssen. Die institutionelle Form, die sich Religionen geben und die Vorrechte, die diese Institutionen beanspruchen zu müssen glauben, die unterliegen allerdings dem gesellschaftlichen Konsens. Da ist Kritik und Begrenzung, ja „Einhegung“ (Jan Assmann) geboten. Unkontrollierte Religiosität ist tatsächlich eine gefährliche Sache, ein „gefährlicher mentaler Stoff“ (Friedrich Wilhelm Graf), wie alle Religionskriege und religiösen Exzesse beweisen. Die emotionale Verankerung der Religion macht ihren Nutzen, aber auch ihren Schrecken aus. Doch diese Gewaltbereitschaft soll gesondert erörtert werden.

P.S.: Meine Reverenz erweisen möchte ich dem „Großmeister“ der Erfassung und Beschreibung dessen, was  Religion ist: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Mit seiner Beschreibung  des „Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit“ mit dem Ziel der „Anschauung des Universums“ (also nicht des Weltalls, sondern des „Ganzen“) hat er einen Religionsbegriff mit fortdauernden Potentialen etabliert.

 22. Juli 2012  Posted by at 12:08 Kultur, Religion Tagged with: ,  1 Response »