Nov 112012
 

Unsere westliche Kultur ist vom Fortschrittsgedanken geprägt. Spätestens seit Beginn der Neuzeit, im Grunde aber schon mit der Renaissance, gewinnt eine Anschauung der Welt an Bedeutung, die nicht mehr den „ewigen“, gottgegebenen Ordnungen verhaftet ist, sondern die Welt als durch den Menschen veränderbar und verbesserbar ansieht. Das ersehnte „Reich der Freiheit“ ist nicht mehr der jenseitige „Gottesstaat“ (Augustin) im qualitativen Unterschied zu allen menschlichen Reichen, vielmehr wird die Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Aufgabe des Menschen selbst erkannt. Niccolò Machiavelli war es, der in „Il principe“ und den „Discorsi“ (1531/32) ein neuzeitliches Programm der „good governance“ entworfen hat. Der gesellschaftliche Fortschritt ist planbar geworden. Die zur selben Zeit rasch zunehmende Fähigkeit zu technischen Entwicklungen und Erfindungen (Leonardo da Vinci) vergrößert den Handlungsspielraum menschlicher Gestaltungskraft. Mit dieser ersten technologischen „Revolution“ auf der Basis der Mechanik und erst recht mit jeder weiteren technologische Stufe erweitert sich der Freiheitsraum um ein Vielfaches; Freiheit wird erfahrbar als Steigerung der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten zur Erreichung bestimmter Ziele. Auch gänzlich neue Ziele kommen dabei in den Blick; das Fliegenkönnen bleibt nicht mehr den Vögeln und dem mythologischen Traum (Dädalus und Ikarus) vorbehalten. Die Mondlandung 1969 wird nicht das letzte „neue Ziel“ der Menschheit sein. Die abendländische Kultur erschöpft sich nicht mehr im Urbild der gefeierten Antike oder im bloßen Sammeln von Wissen und Beschreiben von Einzelphänomenen (Enzyklopädien), sondern die Kultur im weiteren Sinne (Arbeit, Alltag, Recht usw.) transformiert sich zur expliziten Verwirklichung technischer Möglichkeiten, die den menschlichen Handlungsraum vergrößern und erweitern. Eine ehedem überwiegend literale Kultur (Handschriften, Bibliotheken) wird zur technisch-sozialen Kultur erweitert, wie sie unsere Neuzeit prägt. Damit vergrößert sich zugleich die Menge der Akteure, die an dieser Kultur teilhaben. Die neuzeitliche Kultur hat die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen und zu gestalten. Der Fortschrittsgedanke wird dabei zum entscheidenden Katalysator, denn er wird zum allgemein akzeptierten Kriterium dessen, was „vorwärtsweisend“ und darum gut und nützlich ist. Was sich dem entgegen stellt, ist „von Gestern“, veraltet und überholt und auf weitere Sicht ohne Existenzberechtigung.

Leonardo da Vinci, Automobile (Wikipedia)

Gegen diesen „Mythos der Neuzeit“ gibt es seit langem Einwände. Statt von der positiv besetzten Fortschrittsidee wird dann skeptisch vom „Fortschrittsglauben“ gesprochen, der anfechtbar und letztlich irrational sei. Nicht erst die Erfahrungen der zahllosen Kriege und Genozide mit immer exzessiverer Gewaltanwendung („totaler Krieg“) haben den neuzeitlichen Optimismus getrübt. Grundsätzliche Erwägungen bestreiten die quasi axiomatische Gewissheit des „Immer-weiter, Immer-höher, Immer-schneller, Immer-besser“. Zu Recht wird heute angesichts der Folgen nach dem Preis gefragt, den die westliche Zivilisation und ihre technologisch vermittelte Kultur kostet, ob sich die Menschheit diesen Preis, bestehend im Aufbrauchen endlicher Ressourcen und verschärfter Ungleichheit, überhaupt leisten könne. Einmal ist es der moralisch-philosophisch beschriebene „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) bzw. die erreichten „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome), ein andermal wird auf die grundsätzliche Ambivalenz jeder geschichtlichen Entwicklung verwiesen; erst vom Ende her zeige sich, was wirklich geworden und für den Menschen gut ist. Bei der buchhalterischen Betrachtung stehe eben jeder gesellschaftlichen „Progression“ eine ebensolche „Regression“ gegenüber, welche den Saldo des „Fortschritts“ meist ins Minus bringe, bestenfalls auf Null stelle. Bei der Diskussion über Chancen oder Gefahren des Internets zum Beispiel erleben wir genau diese Argumentationsmuster: Positive Freiheitsverheißung kontra negativen Manipulationsverdacht (Kontrollverlust). Dahinter steht ein jeweils unterschiedliches Bild vom Menschen: Hier das Bild des letztlich zum Guten fähigen und bereiten Mensch, der aus Fehlern lernt und zu Kompromissen und Verzicht bereit ist (das Faustische „wer immer strebend sich bemüht“), dort die Skepsis des zu allem fähigen, eben auch zu jeder Bosheit und Brutalität bereiten Menschen, dessen unstillbarer Gier und Gewaltbereitschaft nur die passende Gelegenheit geboten werden müsse. Manche psychologischen Untersuchungen über das Stressverhalten von Soldaten scheinen dieses letzte Bild eher zu bestätigen. Dieser gegensätzliche Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, also hinsichtlich der Entwicklungs- und Verhaltensmöglichkeiten des Menschen, wird von einem naturalistischen „Realismus“ allenfalls gemildert. Wenn die Neurowissenschaften die recht urtümlichen Reiz-Reaktions-Schemata menschlichen Verhaltens beschreiben (“Jäger und Sammler“ – Mentalität), erklärt das zwar manches, hilft aber nicht dabei, diskursiv ein Urteil über Ziele und Werte menschlichen Verhaltens bzw. gesellschaftlicher Handlungen und Strukturen zu finden. „Kultur“ bleibt definitorisch im Bereich dessen, was der Mensch über seine Natur hinaus gehend anstrebt und verwirklicht. Damit bleibt auch der weite Raum der Kultur unserer technisch-sozialen Zivilisation nicht frei von Ambivalenzen; Kultur bleibt so ambivalent wie der Mensch selbst, der sie gestaltet und trägt.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich festhalten:

  • Unsere Kultur ist von einem technisch-sozialen Fortschrittsgedanken geprägt. Er betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Fortschrittskultur ist Alltagskultur geworden. Der Fortschrittsgedanke selber ist eine geschichtliche Idee der Neuzeit.
  • Fortschritt in diesem Sinne bietet Freiheit als erweiterte Wahlmöglichkeit an. Der Markt der Möglichkeit ist unüberschaubar groß geworden. Damit haben auch die Rollen und Verhaltensmodelle im individuellen Leben eine bisher nie da gewesene Flexibilisierung erfahren.
  • Die neuzeitliche westliche Kultur ist der Entfaltungsraum jedes Einzelnen geworden, der zugleich Individualität und Uniformität bereit hält, nämlich freie individuelle Auswahl gleicher allgemeiner Ziele und Werte.
  • Die Grenzen dieser Kultur des Fortschritts liegen nicht in den Möglichkeiten und Zielen, sondern in den Fähigkeiten und Ressourcen. Eine Ende des Fortschrittsprozesses ist nicht absehbar.
  • Die Kultur erfährt jeden Schub der Entwicklung als Anstoß zur Transformation. Die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Entwicklungsschübe lässt kulturelle Transformation zum Prozess permanenter Veränderung werden.

Als Frage stellt sich mir, welches Verständnis von Wirklichkeit dadurch impliziert ist. Jedenfalls ist es ein dynamisches Verständnis, weniger „Wirklichkeit“ als ständige „Verwirklichung“, aristotelisch gesprochen Entelechie. Neuzeitlich hinzu getreten ist der naturwissenschaftlich im 2. Hauptsatz der Wärmelehre verankerte Zeitpfeil der Entropie. Fortschritt bedeutet dann zugleich Zunahme von Entropie, bedeutet Zunahme von Information (Carl Friedrich von Weizsäcker), bedeutet wachsende Differenzierung des Einzelnen, bedeutet aber paradoxerweise auch zunehmende Nivellierung („Kältetod“) des Gesamtsystems. Lässt sich Leben als eine Form des Entropie-Aufschubs verstehen, so werden am Ende die ‘Kosten’ eingefordert: Im Tod wird die „geborgte“ Energie wieder abgegeben, das Individuum stirbt. Da aber das Leben insgesamt kein perpetuum mobile ist, tendiert auch das Gesamtsystem des Lebens und darin eben auch des Systems „Mensch & Kultur“ zur Informations-Implosion. Will sagen: Der Fortschritt hat eine systemimmanente Grenze, sofern die sich darin vollziehende Wirklichkeit (nicht nur die Ressourcen!) eine entropisch begrenzte ist. Unser Fortschrittsdenken blendet dies aber als aktuell irrelevant aus. Das mag eine Weile gehen. Grundsätzlich aber ist es eine Infragestellung durch die Wirklichkeit selbst.

Damit öffnet sich ein Blick auf die Befindlichkeit des Individuums. „Bin“ ich tatsächlich nur, sofern ich mich „verwirkliche“, also aus mir heraus gehe, „existiere“? Finde ich meinen Sinn nur dann und darin, wenn ich möglichst viele Türen unterschiedlicher Chancen öffnen und in ein Leben treten kann, in dem ich mich immer wieder „frei“ bestimme und selber schaffe? Liegt der Sinn (und damit die Ruhe und Zufriedenheit) meines Seins nur in meinem „Existieren“ = Heraustreten? Oder finde ich mich selbst eher in der Introversion, also der Rückwendung, Zuwendung zu mir selbst in meinem Inneren? Liegt also die Wahrheit meines Seins und damit meine wahrhafte Persönlichkeit in der Abwendung vom extrovertierten Fortschrittsleben und in der Hinwendung zur introvertierten Suche und Erkenntnis meiner selbst? Ist wirkliches Sein nur als tätige, instrumentelle Verwirklichung fassbar oder nicht vielmehr als Rücknahme, Rückkehr, Loslassen, Gelassenheit und Ruhe seiner selbst? Wird erst dann Sein als lebendige Fülle erlebbar? Ist dies „alternativ“ oder vielmehr „zugleich“? – Mystiker haben so gedacht, sagen wir, aber ebenso die Nachfolger des Parmenides, Platons und so vieler anderer. Sie weisen darauf hin: Die Fülle liegt innen, in mir, nicht außen im ‘Getriebe’. Dann wird auch der Tod nicht zur letzen Katastrophe des tätigen Menschen, sondern zur Hingabe, zur Rückgabe aller meiner individuellen Potentiale und Energien an das Sein, das Alles und Nichts ist: Entropie als Aufgehen im Einen. Dann hat mich die Wirklichkeit eingeholt – nicht der schlechteste Gedanke.

 11. November 2012  Posted by at 13:43 Kultur, Neuzeit Tagged with: , , ,  2 Responses »
Okt 282012
 

Kultur ist in aller Munde: Unternehmenskultur, Spielkultur, Sprachkultur, Hochkultur – die heute möglichen und  gebräuchlichen Zusammensetzungen mit -kultur sind unüberschaubar geworden. Wo mit einem Begriff „alles mögliche“ gemeint sein kann, besteht der Verdacht, dass gar nichts Bestimmtes mehr gemeint und gesagt ist. Vorsichtige Annäherung an die große Frage: Was ist denn überhaupt „Kultur“? Ist Kultur etwas spezifisch Menschliches?

Museum Folkwang, Wikipedia

Traditionell kann man „Natur“ und „Kultur“ einander gegenüber stellen. Dann ist Kultur dasjenige Vermögen des Menschen, das ihn „Natur“ gestalten und sich über sie „erheben“ lässt. Gerade das „Erhabene“ hat man als Kennzeichen der Kultur, zumindest der „Hochkultur“ angesehen. Diese Sichtweise ist uns aber inzwischen gänzlich fremd geworden. Kultur wird alltäglich – und doch will man, wenn man von einer „-kultur“ spricht, noch etwas Auszeichnendes, Besonderes sagen. Man denkt dann an eine bestimmte Art und Weise des Tuns, an einen „Stil“ vielleicht. Aber der Gedanke führt im Kreis, denn dann müsste erst geklärt werden, was denn „Stil“ ist.

Andererseits ist Kultur auch immer sozial verankert, denn offenbar ist als Kultur nur erkennbar und bestimmbar, was eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder gar eine Gesellschaft dafür hält. Ganze Lebensbereiche hat man zur Kultur gezählt, der entsprechende Wikipedia-Artikel zählt dazu auf:  Technik, Kunst, Recht, Moral, Religion, Wirtschaft und Wissenschaft. Mindestens. Die Medizin gehört auch dazu. Ja, was eigentlich nicht? Denn schon der Ackerbau ist ja eine Kulturleistung, und Kultivieren auch ein gärtnerischer Begriff. Wir sind wieder beim Allerweltswort gelandet. Scheinbar gibt es keine genaue Bestimmtheit.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man probehalber einen weiteren und einen engeren Gebrauch des Begriffs Kultur unterscheidet. Weit gefasst bezeichnet „Kultur“ mehr oder weniger alle Lebensäußerungen des Menschen, die über die unmittelbare natürliche Selbsterhaltung und Fortpflanzung als Einzelner und Gattung hinaus gehen. Kultur ist dann die Summe all unserer Handlungsweisen, sofern sie über das Lebensnotwendige hinaus weisen. Praktisch sind das aber die allermeisten unserer Handlungen und Auffassungen. Selbst das Lebensnotwendige kann auf eine Art und Weise bzw. in einem Gestaltungszusammenhang geschehen, dessen Charakter eben schon etwas über die reine Not hinaus Gehendes ist. Das macht dann zum Beispiel den Unterschied zwischen Essen als reiner Nahrungsaufnahme und gediegenem „Speisen“ aus.

Von hier aus gelangt man zu einer engeren Bedeutung von „Kultur“, die sich wie von selbst zeigt. Es ist der Charakter eines Tuns, der etwas Nicht-Notwendiges, Spielerisches, Freies, Phantasievolles kennzeichnet. Kultur in diesem engeren Sinne meint dann die Art und Weise, die Ausgestaltung, den erweiterten Sinn, das Symbolische oder anderswie Zeichenhafte, das ein Tun umrahmt, prägt und eben aus dem Alltäglichen hervor hebt. Der angespitzte Pfeil des Jägers kann der puren Notwendigkeit eines zweckmäßigen Jagdgerätes entspringen. Der geschnitzte Schaft, der bunte Federbusch, jeglicher Zierrat fügt dem alltäglichen Gerät etwas Neues, Überschießendes hinzu, das es in einen neuen Sinnzusammenhang stellt, zum Beispiel einen sozialen und /oder kultisch-religiösen. Kultur in diesem engeren Sinne fügt eine als solche alltägliche Handlung in einen neuen, erweiterten Kontext, kombiniert den bloßen Zweck mit einem bestimmten Sinn oder mit einer besonderen Bedeutung. Die kulturelle Handlung oder Denkweise ist nun nicht mehr nur zweckrational auf Optimierung des Nutzens ausgerichtet, sondern stiftet über die erweiterte Bedeutung, die dem Tun beigelegt wird, einen neuen, sozial kommunizierbaren Sinn. Kultur führt auf diese Weise zu einer Sichtweise menschlichen Verhaltens, die sich erst einer hermeneutischen Reflexion erschließt oder die erst in einem sozialen Verbund ihre volle Tragweite und Verweisstruktur erhält. Kultur gewinnt so eine besondere Bedeutung als Trägerin von Kunst, Spiel, Freude, Grenzenlosigkeit, die dem naturnotwendigen Tun als solchem nicht inne wohnt. In der Kultur schafft sich der Mensch eine neue „Welt“: seine Welt.

Man kann nun von hier aus fragen, ob all die Verhaltensweisen, denen man oft den Begriff „-kultur“ anhängt, berechtigterweise so genannt werden. Gibt es tatsächlich eine „Unternehmenskultur“, wenn doch jedes Unternehmen der strengen Zweck-Mittel-Relation unterliegt? Oder wird mit dieser Kennzeichnung nur eine gesellschaftliche Akzeptanz usurpiert, der Unternehmenszweck quasi als „gemeinnützig“ deklariert – “ don’t be evil“? Kritische Anfragen – letztlich entscheidet die Sprache und ihr faktischer Gebrauch auch über das Wörtlein „Kultur“. Aber manches scheint doch allzu offensichtlich nur ein Etikettenschwindel zu sein. Denn – auch nur mal zum Test gefragt – könnte es je so etwas wie eine „Kultur des Tötens“ geben? Oder ist „Kultur“ doch stets irgendwie sozial positiv besetzt und dem „Humanum“, dem „Guten“, wie man früher sagte, also dem menschlich Positiven (Leben, Freiheit) verpflichtet?

Es gibt also Grund genug, über den Gebrauch und den Sinn des Wortes Kultur nachzudenken. Eine inflationäre Verwendung von aller möglichen „-kultur“ muss nicht viel mehr heißen, als dass es sich gut macht, etwas mit dem Mäntelchen „Kultur“ zu schmücken. Wir sollten schon wissen, was wir sagen und was wir meinen. Nur eine Handvoll Kultur ist zu wenig.

ERGÄNZUNG am 29.10.:

Eine Diskussion bei Google+ ergibt noch folgende Überlegung:

Die Frage, ob es eine „Kultur des Tötens“ gibt, ist ja wirklich eine echte Frage. Die Beispiele Opferfest und Goldenes Kalb, +Anna Maria Zehentbauer , zeigen die Ambivalenz.

Ich denke auch an die bei vielen Völkern verbreitete Sitte, vor der Jagd oder dem Schlachten die Gottheit(en) und / oder das Tier (!) um Verzeihung zu bitten, dass man ihm das Leben nehmen müsse, um selber leben zu können. Da steht das „kultische“ Töten in einem sozialen Sinnzusammenhang des gemeinschaftlichen Überlebens.

Der Unterschied zum Töten von Menschen zum Beispiel im Krieg scheint dann fast nur noch graduell zu sein, wenn vor den Schlachten Gott / Götter um Hilfe für den Sieg über die Feinde angefleht wurden und noch werden und man „Gott mit uns“ brüllt.

Aber  ist es wirklich „Kultur“ in der positiven Bedeutung des Begriffs (Stiftung eines sozialen  Sinnzusammenhangs), was man z. B. an „kultiviertem“ Lebensstil der Offiziersklasse heraus gestellt hat (Musikliebhaber z.B.), wenn die Herren anderntags darüber beraten, wie sie den Feind am besten massakrieren können? Sind dann nicht heute Drohnen die „kultivierteste“ Art zu töten, sauber und technisch perfekt? Oder die „Todesspritze“ (USA)?

Es steckt also die Frage nach dem „gerechten“ Töten dahinter, nach dem „gerechten Krieg“. Wird gemeinhin als Eindämmung blindwütigen Mordens und insofern als Kulturleistung angesehen. Ich frage mich allerdings, ob wir heute nicht einen Schritt weiter gehen müssten. Allzu sehr und allzu oft sind Mord und Bereicherung mit dem Mantel höheren Sinns versehen worden. Aus meiner Sicht wird da aus Kultur Scheinkultur, Un-Kultur, Kultur als Deckmantel eigener, brutaler Interessen. Weisen da nicht ein Gandhi oder Albert Schweitzer eher und besser in die Richtung kultureller Entwicklung: „Ehrfurcht vor dem Leben“?

 28. Oktober 2012  Posted by at 21:56 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Eine Handvoll Kultur
Jul 222012
 

Religion gehört zum Menschsein. Das ist mehr als nur eine „wilde These“, denn Religiosität ist anthropologisch verankert und bietet im positiven Fall Vergewisserung und Sinn. Von der Vergessenheit darüber, was Religion leisten kann.

Warum tun wir uns heute in Westeuropa so schwer mit der Religion? Was macht es inzwischen so schwierig, religiöse Phänomene überhaupt nachvollziehen und beurteilen zu können? Wie kommt es zu dieser fast unüberbrückbar gewordenen Distanz zwischen Religiösem und Säkularem? Die heftige Debatte um das religiöse Recht auf Beschneidung lässt jedenfalls Gräben aufbrechen, von denen man bisher kaum eine Ahnung hatte. Kirchentage und Papstbesuche erweckten den Anschein: Alles ist gut mit der Religion. Doch dann war da der islamische Fundamentalismus, dann kamen die unsäglichen Verbrechen der katholischen Kirche an ihr anvertrauten Kindern ans Tageslicht. Für sich genommen ist das als Erklärung  für den säkularistischen, antireligiösen „drain„, den man feststellen kann, zu wenig. Die Frage muss tiefer angesetzt und geklärt werden. Die Ursachen liegen gewiss in gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, Brüchen und Umbrüchen des letzten Jahrhunderts, wenn nicht mehr. Dem wäre nachzugehen. Neuere Untersuchungen, die über die klassische und durchaus umstrittene „Säkularisierungsthese“ hinaus gehen, gibt es erst ansatzweise, aber eine wiederbelebte „Säkularisierungsdebatte“ zeichnet sich ab. Die Wahrnehmung von Religiosität in Europa ist äußerst vielschichtig. In Deutschland befinden wir uns dabei in einer Sondersituation, wie verschiedene Studien zur Religiosität unter Jugendlichen (z.B. Shell-Studien, Studien der Bertelsmann-Stiftung) ergeben haben. Dies benennt auch jüngst sehr pointiert Ulrich Willems („Centrum für Religion und Moderne“ in Münster):

Das religiöse Bewusstsein und die religiöse Praxis sind nirgendwo auf der Welt so gering wie in Europa. Europa ist mit Blick auf die Religion so etwas wie die säkulare Ausnahme in der Welt. – In Deutschland herrscht unterschwellig das Vorurteil, Religion habe viel mit Aberglauben zu tun. Religion sei nicht zeitgemäß, womöglich sogar gefährlich. Daraus leitet sich die Forderung ab, die Religionen müssten sich modernisieren. Sie sollten ihre vermeintlich obskuren Traditionen und Praktiken – wie die Beschneidung – überdenken und sich zudem weniger in das Leben ihrer Anhänger, aber auch weniger in die Politik einmischen. Dass die Säkularisierung in Europa so stark ist, hat wiederum verschiedene historische Ursachen.

So zeigt sich eine „stark antireligiöse Haltung der Gesellschaft“, die auf der anderen Seite kaum mehr weiß, was Religion eigentlich ist, was religiöses Leben ausmacht und was religiöse Systeme leisten. Genau diesem Defizit möchte ich etwas abhelfen, indem ich meine Überlegungen zum Thema „Was ist Religion?“ weiter führe.

Religion ist ein eigenständiger Bereich menschlicher Weltbewältigung. Ich sehe religiöses Erleben als eine anthropologische Konstante an, die wesentlich zum Menschsein gehört. Ihre Formen der Äußerung können allerdings von sehr unterschiedlicher Art und Intensität sein. Es mag von Natur aus unmusikalische Menschen geben, unreligiöse allerdings nicht; das sage ich bewusst auch gegen den berühmten Ausspruch von Jürgen Habermas, er sei „religiös eher unmusikalisch“. „Religiös“ muss nicht heißen „theistisch“ und schon gar nicht „kirchlich“. Als eigenständiger Bereich ist religiöses Erleben etwas emotional-Habituelles im Unterschied zum Bereich des rational-pragmatischen Verhaltens. Das vernunftgeleitete Handeln geschieht auf der Basis der Zweck-Mittel-Relation entsprechend anerkannter Werte und Ziele und dient in großen Teilen unseres Lebens einer mehr oder weniger erfolgreichen Weltbewältigung. Religiöses Erleben vollzieht sich dagegen auf einer emotional-psychischen Ebene in rituell geprägten Vergewisserungen und im Transzendieren unserer jeweils unabgeschlossenen Lebenssituation auf ein umfassenderes Ganzes hin.

Dieses Ausgerichtetsein auf ein Jenseits des eigenen Subjekts bezieht sich zu allererst auf ein anderes Ich, ein „Du“. Soll dieser Andere aber nicht nur Spiegelbild meiner eigenen Defizite sein, imaginiert mein fühlendes Ich etwas Größeres, Umfassenderes, vielleicht auch Machtvolleres. Es kann die Nation oder die Gattung sein oder irgend etwas anderes, auf das hin bezogen ich mich selbst emphatisch einbringen und vergewissern kann. In der Regel greift dieses konkrete Andere aber zu kurz, weil es selber wieder nur begrenzt ist und scheitern kann. Denn das umfassende Ganze, das dem Einzelnen Vergewisserung, Bestätigung, Trost und Sinn verleihen kann, wird genau genommen als außerhalb meiner eigenen Begrenzung und jenseits meines Scheiterns intendiert. Es wird zum unbegrenzten Jenseits meiner Erfahrungs- und Erlebniswelt.

Ursprünglich begegnet dieses Jenseits meiner eigenen Selbstbezogenheit schon im allernächsten Gegenstand, der mir seinen Widerstand entgegen setzt. Die ursprüngliche, d.h. „urtümliche“ ebenso wie erfahrungsmäßig primäre Gegenständlichkeit von etwas Anderem außerhalb meiner bringt mir die Erfahrung der Begrenzung, des Widerstandes, der Abhängigkeit. Dieses Andere kann durchaus eine Sache sein, keineswegs nur eine Person. Leben insgesamt bedeutet ja Überwindung von Widerstand, bedeutet einen Aufwand, um, thermodynamisch gesprochen, der Entropie entgegen zu wirken. Der Widerstand kann als machtvoll, gar als übermächtig erfahren werden. Dann begegnen wir der „Macht“ des Zufalls, des Schicksals, des Glücks oder Unglücks, erfahren Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit. Die gemeinschaftliche kultische Ordnung dieser Empfindungen und Gefühle, ihre rituelle „Abholung“ und „Aufhebung“, die Vermittlung von Gewissheit und Orientierung, den Aufweis von Sinn und die Anleitung zur Bescheidung und Ein-Ordnung in ein größeres Ganzes vermittel genau das umfassende kulturelle System zur Welt- und Lebensbewältigung, das wir Religion nennen.

Religion ist immer ganzheitlich ausgerichtet. Zwar kann man, wie von mir getan, das religiöse Erleben speziell dem emotionalen und seelischem Bereich (von Seele zu reden ist allerdings unmodern geworden, eher schon vom ‚Psychischen‘) des Menschen zuordnen, weil es dem zweckrationalen, handlungsorientierten Vernunftbereich entgegen zu stehen scheint. Letztlich aber bezieht sich die Weltbewältigung der Religion auf alle Bereiche menschlichen Lebens, betrifft also Leib, Seele und Geist, mind & brain. Von einem „Bereich“ zu sprechen ist missverständlich, weil es an etwas Sektorales, Abgeteiltes erinnert. Besser ist die Vorstellung eines layers, also einer besonderen Schicht oder Dimension unseres persönlichen Lebens, die unter oder über anderen Schichten liegt. Man kann diesen layer zwar versuchen auszublenden, das wird aber nur zum Schaden der ganzen Person und zum Verlust wesentlicher Dimensionen unseres Lebens führen, wenn es denn überhaupt möglich ist. Meist meldet sich verleugnete oder verdrängte Religiosität in ganz anderen, neuen Abhängigkeiten wieder. Auch der A- oder Antitheismus kann bekanntlich zum Dogma werden.

Einen letzten Hinweis möchte ich noch zur Orientierung der Religion auf Gegenständlichkeit geben. Oft wurde und wird Religion als ein kulturelles System von Symbolen, als symbolische Lebensäußerung interpretiert. Das mag man so tun, wenn man hier „Symbol“ recht versteht. Natürlich ist die Welt aller Religion und aller konkreten religiösen Systeme voller Symbole in Handlungen, Redeweisen und Gegenständen. Letztere sind eigentlich das ursprünglichste „Symbol“, weil sich in den religiösen Gegenständen der oben genannte ursprüngliche Widerstand der äußeren Welt manifestiert. Das archaisch scheinende Götterbild (oder auch Heiligenbild) ist eben mehr als nur Bildnis und Zeichen. Benennt man es als Symbol, dann kommt es nicht auf die Differenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem an, sondern gerade auf das Moment der Identität, der Realpräsenz des ungegenständlichen, umfassenden Bezeichneten im konkreten Gegenstand des Zeichens. Kein Mensch hat jemals eine Steinfigur angebetet, sondern vielmehr die im Bildnis als real  erlebte Gegenwart des Jenseitigen. Religionen wie die sogenannten Schriftreligionen haben das Götterbildnis („Götzenbild“) durch das Buch ersetzt, die Thora oder den Koran. Im Christentum ist es zum einen Teil die Bibel (evangelisch), zum anderen die Hostie (katholisch). Die Repräsentanz der Gegenwart des grenzenlos Jenseitigen im begrenzten, diesseitigen Gegenstand gehört zur „Grundausstattung“ jeder gelebten Religion (vgl. Opfer, Totem, Heiliges). Der Bezug aufs Körperliche ist ihr also wesentlich. Im religiösen Kult bringt sich daher der Mensch auch ganzheitlich ein: der Körper kniet, liegt, wird getauft, beschnitten, tätowiert usw., alles als Zeichen der Entsprechung, der Einordnung in das als machtvoll, sinnvoll und hilfreich empfundene System einer konkreten religiösen Lebensgemeinschaft, wie es die Religionen bieten. Innerhalb dieses Systems kann dann auch die Rede von Gott, Göttern, Göttlichem, Himmelsboten usw. seinen Ort finden, aber Religion ist nicht an theistische Vorstellungen und Reden gebunden.

Insofern ist die Leistungsfähigkeit der Religion eigentlich unglaublich groß. Sie bietet dem Menschen Halt, Vergewisserung, Rechtfertigung, Trost, Sinn und Ziel, die er als solche in den Widerständen des Lebens und seiner Welt per se nicht finden kann. Es ist ungewöhnlich und fragwürdig, wenn Menschen eines bestimmten Kulturraums meinen, gegen Religiosität, gegen Religionen und religiöse Weltanschauungen angehen zu müssen. Die institutionelle Form, die sich Religionen geben und die Vorrechte, die diese Institutionen beanspruchen zu müssen glauben, die unterliegen allerdings dem gesellschaftlichen Konsens. Da ist Kritik und Begrenzung, ja „Einhegung“ (Jan Assmann) geboten. Unkontrollierte Religiosität ist tatsächlich eine gefährliche Sache, ein „gefährlicher mentaler Stoff“ (Friedrich Wilhelm Graf), wie alle Religionskriege und religiösen Exzesse beweisen. Die emotionale Verankerung der Religion macht ihren Nutzen, aber auch ihren Schrecken aus. Doch diese Gewaltbereitschaft soll gesondert erörtert werden.

P.S.: Meine Reverenz erweisen möchte ich dem „Großmeister“ der Erfassung und Beschreibung dessen, was  Religion ist: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Mit seiner Beschreibung  des „Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit“ mit dem Ziel der „Anschauung des Universums“ (also nicht des Weltalls, sondern des „Ganzen“) hat er einen Religionsbegriff mit fortdauernden Potentialen etabliert.

 22. Juli 2012  Posted by at 12:08 Kultur, Religion Tagged with: ,  1 Response »