Jun 152019
 

„Journalismus“ in alten und neuen Medien

Wer ist eigentlich ein Journalist? Der Begriff ist als Berufsbezeichnung nicht geschützt, verrät Wikipedia. Insofern kann sich jeder, der sich dafür hält, selbst so bezeichnen. Ein hauptberuflicher Journalist sollte mindestens 50 % seines Einkommens aus journalistischer Tätigkeit bestreiten. Es ist weitgehend ein Ausbildungsberuf geworden. Ein Studium und / oder eine Journalistenschule sind meist Vorraussetzung, dazu kommt ein mehrjähriges Volontariat bei Rundfunk oder Presse.

Wenn wir öffentlich über „die Journalisten“ sprechen, meinen wir genau diesen professionellen Angestellten oder freien Mitarbeiter eines Zeitungsverlages oder eines Rundfunksenders. Seine Arbeit unterliegt dem rechtlichen und beruflichen Rahmen, wie er jeweils in einer Redaktion (Redaktionsstatut) oder im Rundfunk (Rundfunkrat) gegeben ist. Dazu kommen arbeitsrechtliche Regelungen, die Einordnung in ein Team, die Abhängigkeit von der jeweiligen Chefredaktion und so weiter. Innerhalb der Presse- und Meinungsfreiheit (der Unterschied sei hier nicht näher erklärt) sorgen Richtlinien und Vereinbarungen dafür, dass in einer Redaktion eine bestimmte „Richtung und Linie“ einer Zeitung zum Ausdruck kommt. Bei Radio- und Fernsehanstalten ist der Pluralismus der dargestellten Meinungen ein wichtiges Kriterium.

Natürlich ist gerade auch das Berufsbild des Journalisten durch Internet und digitale Medien stark im Wandel. Auch dies wäre eigens zu beleuchten. Ich möchte den Fokus hier darauf legen, inwiefern Twitter- oder Blogbeiträge sowie YouTube – Videos als journalistisch zu bewerten sind. Das Rezo-Video gibt den Anlass. Klar ist einerseits: Nicht jede öffentliche Äußerung einer Privatperson, wo auch immer, ist schon eine journalistische Arbeit. Auch persönliche Recherche oder bedeutende Reichweite (Likes) sind für sich genommen noch kein besonderer Ausweis einer journalistischen Tätigkeit. Es kommt wesentlich das Selbstverständnis und Ziel und Zweck der eigenen „journalistischen“ Tätigkeit hinzu.

Das Selbstverständnis von Journalisten aus England und Amerika unterscheidet sich von demjenigen ihrer Kollegen auf dem europäischen Kontinent. Klischeehafte Ansichten wie „All The News That’s Fit To Print“ oder „Tell it like it is“ kennzeichnen die angelsächsische Sicht der Dinge. Eine diametral entgegengesetzte Auffassung bringt Tissy Bruns im Vorwort zu einer neueren Untersuchung von Weichert und Zabel auf den Punkt: „Journalisten wollen und sollen die Welt erklären“. Die unterschiedlichen Einstellungen zur Rolle und Aufgabe des Berufsstandes bleiben laut Elisabeth Noelle-Neumann nicht ohne Einfluss auf die Wirkungsabsichten der zwei Journalistengruppen: „In verschiedenen Untersuchungen zeigte sich bei deutschen Journalisten eine Dominanz der eher aktiven und teilnehmenden Rolle mit dem Ziel, den gesellschaftlichen und politischen Prozess selbst zu beeinflussen, während in angelsächsischen Ländern die Rolle des Informationsvermittlers an oberster Stelle der Wertehierarchie steht“. Renate Köcher spricht von „Anspruch auf geistige Führung“ (deutsche Journalisten) und „skrupellose[r] Recherchebegeisterung“ (britische Journalisten).

Wikipedia

Auch die reine Nachrichtenauswahl („das, was ist“) beruht schon auf einem vorgängigen Werturteil, was denn als berichtenswerte Nachricht gelten soll. Erst recht ist die erklärende oder steuernde Aufgabe des Journalisten von politischen und gesellschaftlichen Wertvorstellen geprägt, die den eigenen Kopf sortieren. Im Unterschied zum Werbetreibenden verfolgt ein Journalist also nicht in erster Linie Verkaufsinteressen. Aber er blubbert auch nicht einfach in die Welt hinaus, was ihm gerade so einfällt. Es muss redaktionell verantwortet sein und in den Rahmen des jeweiligen Presseorgans bzw. Rundfunksenders passen. Die Meinungsfreiheit ist sehr weit gefasst, und die gilt auch für einen angestellten Journalisten. Allerdings ist er dazu verpflichtet, eingehend zu recherchieren und genau zu belegen, was er behauptet und schreibt / sagt. Im Zweifelsfall wird ein Journalist, der als Lügner oder Schreiber erfundener Geschichten entlarvt wird, schnell seinen Job verlieren, siehe den Fall Claas Relotius.

Copyright @ Shutterstock/ easy camera

All diese letzten Punkte treffen in der Regel weder auf Twitterer noch auf Blogger oder YouTuber zu. Die Meinungsäußerungen, Stellungnahmen, Einfälle, Geistesblitze, Hasstiraden und was auch immer sind hier überwiegend Äußerungen von Einzelnen, Privatpersonen, auch wenn sie professionell gestaltet und von einem Team dahinter verantwortet werden. Soziale Medien sind eben keine Presse, kein Fernsehen, kein Rundfunk. Es sind öffentliche Meinungsäußerungen, die nicht einem klaren Sender – Empfängermodell unterliegen, denn jeder kann dort ganz praktisch und leicht „Sender“ und zugleich „Empfänger“ sein. Das ist grundlegend neu. Die „Verlegerpresse“ oder der Öffentlich-rechtliche Rundfunk haben kein Monopol mehr auf die medial verbreitete öffentliche Meinung. Das ist das entscheidend „Soziale“ an den Sozialen Medien. Insofern muss man entweder den Journalismus – Begriff dramatisch erweitern, was ich für verfehlt halte, oder, besser, ihn klar eingrenzen auf den professionellen, redaktionell verantworteten Journalismus der Pressehäuser und Rundfunkanstalten.

Das, was ein Thilo Jung oder Rezo und andere auf YouTube tun, kann man für wertvoll, neuartig, locker und cool halten – oder es verdammen – , aber es ist in dieser Form kein Journalismus im eben erklärten Sinn. Wir werden einen neuen Begriff dafür finden müssen, denn auch „Influencer“ trifft nicht die politischen Absichten, die in manchen Videos transportiert werden. Warum nicht dabei bleiben, was es an Vielfalt in den neuen Medien zu sehen, zu hören und zu liken und zu kommentieren gibt: Es sind Twitterer, Blogger oder YouTuber halt! Wenn sie wirkungsvoll sind – umso besser. Denn es ist ein Stück Demokratisierung der Medien. Und das finde ich gut und für eine mündige Zivilgesellschaft eine echte Bereicherung – trotz aller Hasstiraden und Junk – Inhalte, die es da eben auch gibt.

art.

Update 05.07.2019

Wie sich der öffentliche „Diskurs“, besser die lebendige politische Diskussion in den vielen verschiedenen Medien nicht zuletzt durch #Rezo verändert hat und wie sie eine Zeitenwende markiert, beschreibt sehr scharfsinnig Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung: „Jetzt rede ich.“

 15. Juni 2019  Posted by at 13:40 Medien, social media, WWW Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Alles Journalisten?
Nov 062016
 
Die ‚digitale Welt‘ ist allgegenwärtig, besser gesagt: die Digitalisierung der Welt durch Vernetzung. War es vor einiger Zeit noch modern, von „Welt 2.0“ zu sprechen, so wird heute die Version 3.0 übersprungen und allenthalben von „XY 4.0“ geschrieben. „Industrie 4.0“ ist dabei der Slogan der digitalen Marketing-Strategen. „Smart Home“ sei der nächste technische Schritt der Totalvernetzung und -steuerung. Die wirklich spektakuläre Evolutionsstufe aber wird mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI / AI) angestrebt. Sie ist das eigentliche Ziel all dessen, was mittels Big Data und vernetzten Rechenkapazitäten alsbald erreicht werden soll. Nun, die Vorkämpfer der digitalen Kulturrevolution werden nicht müde, neue Ziele auszumalen, die durch die technisch-digitale Bewältigung der Welt möglich und erstrebenswert würden. Nicht weniger als die technische Vervollkommnung des Menschen auf einer neuen Evolutionsstufe (‚homo digitalis‘) wird da verheißen.

Vernetzung

Vernetzung (c) Pixabay

In manchen Bereichen ist das Schlagwort „Digitalisierung“ zum reinen Selbstzweck geworden. Besonders im Bildungsbereich wird der Einsatz von Computern / Tablets sowie vernetzter Lehr- und Lernformen von einigen Enthusiasten als Ziel an sich proklamiert. Diskussion über Inhalte scheint fast überflüssig zu werden: The medium is the message. Das ist auf dem Hintergrund der Überzeugung erklärlich, dass Digitalisierung plus Internet als solche sowohl anthropologisch positiven als auch emanzipativen Charakter haben. Diese Idee des emanzipativen, Freiheit und Egalität fördernden Netzes („Wissen frei für alle“) mag in den frühen Jahren des Internets eine begründete Hoffnung gewesen sein. Sie heute noch zu beizubehalten und zu vertreten, bedeutet die Aufrechterhaltung einer Ideologie, die von der Wirklichkeit längst als ’schöner Schein‘ entlarvt wird.

Statt emanzipativer Wirkungen hat das Netz aufgrund des inzwischen hohen Grades an digitaler Durchdringung eher verblendende, freiheitsbeschränkende und dissoziale Auswirkungen, die nur die Inbesitznahme digitaler Strukturen durch globale Konzerne und autoritäre Regierungen widerspiegelt. Totalüberwachung ist nicht nur möglich, sondern real. Social bots steuern Meinungen und Haltungen, beeinflussen massiv demokratische Wahlprozesse. Attacken im und auf das Netz (‚cyber war‘) sind ebenfalls Realität, aktuelle Testläufe (Mirai-Botnetz) zeigen die Möglichkeiten und Auswirkungen. Weder der ‚Brexit‘ noch die US-Wahlen sind ohne die Einflüsse und Inszenierungen (kontrafaktische Strategien der Desinformation) durch digitale Multiplikatoren mehr beschreibbar. Längst ist das Internet im Bereich der Medien zu einem weiteren, sehr viel effektiveren Distributionskanal geworden, dessen eine Richtung der Verhaltenssteuerung und dem Erreichen von Marktzielen, also dem Verkaufen, dient, dessen „Rückkanal“ aber fast ausschließlich die Erhebung und Verwertung von Daten der Anwender liefert. Emanzipativ und egalitär ist hier gar nichts. Man kann dies sogar in Zahlen wiedergeben anhand des Verhältnisses von verfügbaren Downstream- zu Upstream-Bandbreiten, üblicherweise hierzulande mindestens 10 : 1. Zu Zeiten der ISDN-Technologie für das Internet war es zumindest möglich, synchrones ISDN zu mieten, obwohl schon damals das Überwiegen des asynchronen Netzs deutlich wurde.

Digitalisierung in den Bereichen Konstruktion, Produktion, Distribution sowie datenbasierte Dienstleistungen (z.B. Banken, Börsen) bringen enorme Produktivitätsgewinne, die allerdings ebenfalls ‚asynchron‘, also einseitig verwirklicht und angeeignet werden. Im digitalen Netz ist die Globalisierung eine Einbahnstraße. Die von Kritikern und zugleich Visionären wie Jaron Lanier geforderte „Demokratisierung“ des Netzes durch geldwertes synchrones Geben und Nehmen war bisher nicht mehr als eine schöne Idee: irrelevant. Auch die Idee der digitalen Allmende (open source, open science, open informtion) ist bisher mangels Unterstützung durch die Marktmächtigen kaum in den Bereich der kritischen Masse geraten. Ein Schritt vorwärts hier steht im Wettstreit mit 100 Schritten voran in der digital vernetzten Umstrukturierung von ökonomischer und politischer Macht. Den Wettlauf kann man nicht gewinnen. Hinzu kommt die Entwicklung des durch Facebook, Google & Co monopolisierten Netzes zu einer einzigen Integrationsplattform aller bisherigen Medien. Vorteil aus Sicht der Anbieter: personen- und situationsgenaue Erreichung des ‚Kunden‘ (eher Opfers) zwecks Meinungs- und Verhaltensmanipulation. Opfer passt deswegen besser, weil ‚Kunde‘ noch eine selbstbestimmte Entscheidungsmöglichkeit suggeriert in einem offenen Handlungsprozess. De facto ‚weiß‘ der Algorithmus längst und besser, wie die Entscheidung des ‚Kunden‘ höchstwahrscheinlich fällt und kann entsprechend verstärken oder kompensieren. Nicht die Entscheidungsfindung ist transparent, sondern ‚transparent‘ ist allenfalls die Abschöpfung des wichtigstens digitalen ‚Kapitals‘: der Daten über Einstellungen und Verhalten.

Es wird in Äußerungen der enthusiastischen Vorkämpfer der digitalen Netzrevolution viel von „disruption“ gesprochen, also der usprünglich ökonomische Begriff ’schöpferischer Zerstörung‘ (Schumpeter) verwandt. Er soll positiv besetzt darstellen, auf welche Weise der radikale Bruch mit dem ‚Alten‘ notwendigerweise die schöne neue Welt digital-vernetzten Fortschritts ermöglicht. Kapitalistische Ökonomie wird hier offen zum Urbild einer passgerecht digitalisierten und un-informierten Gesellschaft. Information, die nur massenhaft und scheinbar unstrukturiert verfügbar ist, bewirkt das Gegenteil von Informiertheit, nämlich Desinformation und Orientierungslosigkeit. Wir erleben das politisch und gesellschaftlich allenthalben; der Ruf nach Populisten soll in dieser Orientierungslosigkeit neue Richtung geben – möglichst einfach und dekomplex. So zeigt sich eine fatale Umkehrung der ersehnten Hoffnungen: Statt der Disruption im Interesse der Emanzipation und der unzensierten Wissensverbreitung und des egalitären Wissenserwerbs tritt die monopolistische Information der digitalen Schlüsselinhaber im Interesse der Desinformation und schrankenlosen Manipulierbarkeit aller anderen, die im digitalen Netz an der Nadel hängen, womöglich ohne es direkt zu merken. Vollständig ‚transparente‘, also unsichtbare Auswertung von Daten und Profilen lassen das (juristische) Ideal der „informationellen Selbstbestimmung“ zur überholten Lachnummer verkommen.

Die Disruption durch Digitalisierung wendet sich gegen ihre Kinder: Sie verwandelt sich in die Disruption der vernetzten Digitalisierung selber. Die positiven Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung scheinen von den negativen „collaterals“ verschlungen zu werden. Das ‚resiliente‘ Netz wird zur Hydra, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Sogenannte KI / AI (computergestützte, rekursiv optimierende Simulationen) zeigt sich darum auch eher als Chimäre zwischen Bedrohung und Verheißung. Man muss sich darin einrichten.

 

UPDATE 09.11.2016

In einem Kommentar zum Ausgang der US-Präsidentschaftwahl schreibt MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON (FAZ) über „Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien“:

So langsam muss man die großen Fragen stellen: Hat das digitale Netz, das jetzt in seiner populär zugänglichen Form des WWW mehr als zwanzig Jahre besteht, die Gesellschaft vorangebracht? Hat das Internet zu einem harmonischeren Zusammenleben geführt, hat es die Demokratie gestärkt, so wie die Protagonisten es einst erhofften?

Noch nie konnten sich Menschen ja so gut über die Hintergründe und auch Fakten der Politik und ihrer Akteure informieren. Noch nie gab es soviel Material, um eine abgewogene Entscheidung zu fällen. Noch nie war es so einfach, einen Kandidaten wie Donald Trump der Lüge zu überführen. Zumindest theoretisch. Doch gleichzeitig arbeiten viele Mechanismen der digitalen Kommunikation gegen Aufklärung und Verständigung. Noch nie zuvor wurde eine Wahl so sehr durch die Stimmung in den sozialen Medien beeinflusst.

Es mag später einmal wie einer dieser unglücklichen Zufälle der Weltgeschichte aussehen. Mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp jedenfalls haben die Wut-Bewegungen dieser Welt eine nahezu perfekte Technologie an die Hand bekommen. Sie hat den Charakter des Internets zu einer Zeit grundlegend verändert, in der sich Empörung in politischen Bewegungen bündelt, die wiederum dankbar die Mechanismen der digitalen Laut-Verstärkung aufgreifen. Statt Wissen zu demokratisieren, dient das Netz mittlerweile vielen zuvörderst, um Emotionen zu vervielfältigen.

aus FAZ.NET vom 09.11.2016

Feb 212014
 

[Netzkultur]

Kann man nach #internetkaputt „social media als Kulturraum erhalten“ (+Thorsten Breustedt)? Welche Frage – natürlich kann man. Dabei verstehe ich unter Kulturraum einen Sinn-, Kommunikations- und Handlungszusammenhang einer bestimmten Gruppe von Menschen ähnlich wie bei dem Begriff Musikkultur, aber auch bei den Begriffen Integrations- oder Willkommenskultur oder bei der Rede von einer Kultur der Offenheit und Transparenz. Als partielle Kulturräume innerhalb einer Gesellschaft können sie nur selten Allgemeinverbindlichkeit oder auch nur allgemeines Interesse beanspruchen. Natürlich wäre es schön, wenn eine „Kultur des Hinschauens“ die Zivilcourage aller Bürger stärken würde, aber de facto betrifft das immer nur einen kleinen engagierten Teil. So in etwa verhält es sich auch im „Kulturraum social media“.

Trotz der Millionen Nutzer von sozialen Medien / Plattformen ist es für die meisten doch nur ein weiterer Kommunikationskanal, der die vergleichsweise spärlichen, aber weit verbreiteten Möglichkeiten des SMS abgelöst bzw. ergänzt hat. Typisch dafür ist der Boom von WhatsApp und die Stagnation der Selbstvermarktungsplattform Facebook. In Zeiten von SMS-Flatrates, Twitter, WhatsApp und Facebook sind die meisten Äußerungen doch „Geblubber und Rauschen„, also unverbindliche und an sich belanglose situative Gelegenheitsäußerungen. Eben darum können sie auch so schnell vergessen werden – oder zu einem Shitstorm anwachsen – ‚Fliegen-auf-Sch…‘-Verhalten. Derjenige Teil der social media Kommunikation, der an themenbezogenen Äußerungen und Austausch von Meinungen interessiert ist, beschränkt sich weitgehend auf die Gruppe, die mit „Netzgemeinde“ recht unscharf, aber gleichwohl treffend beschrieben wird. Blogger gehören natürlich dazu, die vielen kleinen und größeren „Portale“ der Internet-Diskussion (netzpolitik.org, netzpiloten.de, carta.info uvam.) und gelegentlich auch die selten gewordenen offenen Diskussionen auf Google+. Noch einmal: Warum sollte diese Kommunikation innerhalb der Netzgemeinde gefährdet sein?

Vernetzung

Vernetzung (pixabay / geralt)

Wegen der Überwachung und also der Schere im Kopf? Oder wegen der Enttäuschung à la Sascha Lobo? Oder weil anderes wichtiger (geworden) ist? Ich denke, zur Aufrechterhaltung eines freien Kummunikationsortes im Netz gehört der Mut zur freien Rede und Meinungsäußerung, unabhängig davon, wer möglicherweise zuhört und sammelt. Das ist eigentlich eine Grundregel innerhalb eines jeden Totalitarismus. Warum sollte das nicht auch für die totale Netzüberwachung gelten? Wer sich selber zensiert oder zurück zieht, hat schon verloren.

Enttäuschung kann nur eine Folge der Selbstüberschätzung sein. Sie kann gut sein, wenn sie auf den Boden der Tatsachen zurück führt. Für sehr viele unter uns Heutigen ist das Netz entweder noch immer „Neuland“ oder eben ein Gebrauchsgegenstand wie Telefon und Fernsehen, nur bunter und präsenter. Internet-Einkauf macht auch mehr Spaß als einen Verkaufssender zu gucken. Für diesen großen Teil der Bevölkerung wäre es vermutlich gleichgültig, ob sie Kurznachrichten und Mitteilungen über ein geschlossenes Subsystem versenden  (z. B. Apple, Telekom) und Wetter-, Klatsch- und Börsenberichte über geschlossene Apps (z. B. Flipboard) erhalten und Einkäufe ebenfalls über ein geschlossenes System tätigen (z. B. Amazons Kindle) – oder eben im „freien Netz“. Ein großer Teil der heftigen Diskussion über „Netzneutralität“ geht aus meiner Sicht am Interesse der meisten Menschen schlicht vorbei, ist de facto nebensächlich. Hauptsache gewisse bequeme Dienste funktionieren zuverlässig.

Für andere (ich zähle mich dazu) ist das freie Netz zwar ein hohes Gut, Medienkompetenz eine Grundkompetenz jeder und besonders der jungen Generation und die Vielfalt und Offenheit sozialer Kommunikation im Netz eine sehr gute und wichtige Sache. Aber anderes ist ebenso wichtig oder wichtiger. Ich denke nicht einmal in erster Linie an private Verhältnisse, sondern an das Interesse an Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist tatsächlich von solcher Bedeutung, dass man das kaum wichtig genug nehmen kann. Hier kündigt sich eine wesentliche Korrektur der Zeiten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 an. Für Europa wird das weit reichende Folgen haben, wie auch immer die Situation in der Ukraine ausgehen wird. Woher bzw. über welches Medium ich Nachrichten darüber beziehe, ist zweitrangig – zuverlässig müssen sie sein. Das nur als ein Beispiel (siehe auch Venezuela oder noch anderswo).

Die Welt der Machtpolitik, der wild-globalen Wirtschaft, der neuen Ideologien ist derartig stark in Bewegung geraten (so kommt es mir vor), dass man schon Verständnis haben kann, wenn ein kleines Land wie die Schweiz am liebsten die Schotten dicht machen möchte – oder wie die (rl) Schotten künftig möglicherweise für sich alleine sorgen wollen. Im Augenblick fühlen wir uns hier in Deutschland wirtschaftlich stark und sozial gelassen (-> Allensbach-Umfrage, FAZ v. 20.02.2014), aber das kann sich schnell wieder ändern, und dann treten sogleich andere Sorgen in den Vordergrund: um den Arbeitsplatz, um die Zukunft der Kinder usw. Manche treibt gar die Sehnsucht nach einem Leben ohne Internet um. Kurzum: Der „Kulturraum social media“ ist weitgehend eine schöne und interessante Spielwiese, die man nutzen und genießen, die man aber nicht zu wichtig nehmen sollte – selbst der Hype um MOOC ebbt gerade wieder ab.

Kultur im weiteren Sinne, als Interesse und Fähigkeit zur Information, Diskussion, Kommunikation; als Phantasie und Kreativität; als Literatur, Kunst und Musik, ist wohl kaum auf ein einziges Medium angewiesen.

22. P. S.: Künftig wird der Fokus der Beiträge in diesem Blog wieder auf Politik, Geschichte und Kultur liegen.

 21. Februar 2014  Posted by at 14:59 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Wichtiger als Netz
Mrz 192013
 
Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der „digitalen Front“: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‚gefährlichen‘ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‚Diskurs‘ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‚Hoheit‘ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die „glasses“ sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass „der Mittelstand“ unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Posted by at 11:49 Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Digitale Pause