Apr 122015
 

[Medien]

Die Tageszeitungen experimentieren in der digitalen Welt. Sie müssen, denn „Print“ reicht nicht mehr. Tendenziell wird es künftig nur noch ein Anhängsel sein. Mir geht es hier nicht um eine Sichtung der vielen Analysen und Prophezeiungen über die erwartbare Zukunft der Tageszeitungen, sondern um einen Erfahrungsbericht. Ich war immer ein eifriger Zeitungsleser und bin es noch. Aber die Art und Weise der Lektüre hat sich doch sehr verändert. Das Angebot der Tageszeitungen kommt da mit meinen Erwartungen und Wünschen nicht mit. Vielleicht geht es anderen auch so. Darum schreibe ich mal über meine Wünsche und meinen Frust mit den überregionalen Tageszeitungen in der digitalen Welt. Meine Eindrücke beziehen sich vor allem auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und auf die Süddeutsche Zeitung. Die Webseiten anderer Zeitungen und Magazine nutze ich gelegentlich.

Zu Beginn dieses Monats hat die Süddeutsche (SZ) einen Relaunch im Netz gestartet. Vollmundig hieß es, künftig wolle man das News-Portal SZ.DE, die Zeitung und das Magazin digital unter einem Dach anbieten. Ich habe das mit einem zweiwöchigen Probeabo getestet und fest gestellt: Das Layout ist tatsächlich einheitlicher, übersichtlicher und ansprechender geworden. Bedauerlich und enttäuschend ist, dass es sich nur um ein neues Layout handelt. „Unter der Haube“ ist alles beim Alten geblieben. Es bleibt bei der traditionellen Trennung:

– Neuigkeiten und einige redaktionelle Artikel mit Videos auf dem SZ.DE – Portal, kostenfrei
– Digitale Zeitung auf der Basis der Print-Ausgabe, starr im 24-Stunden-Takt, kostenpflichtig.
– digitale Abo-Alternativen nur täglich oder monatlich.

++++ Digitales Abo betrifft alle Erscheinungsweisen, also Web-App und Tablet / Smartphone gemeinsam.

—– sehr lange Ladezeiten der SZ-Zeitungs-App (Tablet).

—– Artikel der digitalen Print-Ausgabe lassen sich direkt weder drucken noch über Email teilen. Ein digitaler „Zettelkasten“ wird dadurch unnötig schwer gemacht (cut&paste).

Das ist insgesamt entschieden zu wenig Veränderung. Es ist nur ein kleiner Trippelschritt hin zu digitalen Angeboten mit echtem Mehrwert.

SZ.DE

Süddeutsche digital

Die FAZ verfolgt ein ähnliches Modell, ist im Layout aber etwas zurück geblieben, indem sie weiterhin auf das veraltete ePaper, also eine PDF-Version der Druckausgabe, setzt. Bei der Zeitungs-App (Print-PDF, kostenpflichtig) lassen sich wenigstens die einzelnen Artikel anklicken und dann als reine Textausgabe lesen und sogar via Email teilen. Gerade Letzteres begrüße ich sehr, da es in digitaler Form das Sammeln von „Zeitungsausschnitten“ ermöglicht. Dennoch ist aber dieses auf der Druckausgabe beruhende PDF-Format wenig glücklich und nicht mehr zufrieden stellend. Dafür bietet die FAZ über die Tablet / Smartphone-App den Kauf einer Einzelausgabe (1,99 €) oder ein 7-Tage-Abo (9,99) inkl. FAS an. Das ist schon mal eine gute und preiswerte Alternative.

Beide Zeitungen halten also an der Trennung fest von einem kostenlosem Angebot im Netz (SZ.DE, FAZ.NET) und daneben einer kostenpflichtigen Printausgabe in ‚irgendwie‘ digitaler Form. Das ist aus meiner Sicht sehr unbefriedigend.

– Es gibt Doppelungen: Ich lese zuerst im jeweiligen News-Portal der Zeitungen. Wenn ich dann die kostenpflichtige Printausgabe lese, finde ich eine Reihe von Artikeln auch in der Zeitungsausgabe wieder. Die kann ich gleich übergehen – von der fehlenden Aktualität der ersten Zeitungsseiten einmal ganz abgesehen.

– Das freie Portal (FAZ.NET, SZ.DE) bietet die Inhalte top aktuell, medial ansprechend präsentiert, verknüpft mit weiterführenden Links und Videos oder interaktiven Grafiken, – alles das eine Stärke des Mediums Internet. So wünsche ich mir das Format einer Zeitung insgesamt.

– Das freie Web-Angebot ist natürlich beschränkt, „verkrüppelt“ gewissermaßen, denn weiterführende Artikel, Hintergrundinformationen und breitere Analysen gibt es nur in der kostenpflichtigen digitalen Print-Ausgabe.

– Dass die redaktionelle Arbeit bezahlt werden soll, finde ich völlig ok – ich möchte nicht mit Werbung zugemüllt werden. Aber dass es nur in der Form der digital kopierten Druckausgabe geht, ist unzureichend und medial überholt. In der „digitalen“ Druckausgabe fehlen dann auch alle multimedialen Elemente, die halt nicht gedruckt werden können. Das starre 24-Stunden-Korsett der „Zeitungsausgaben“ ist ein weiterer Anachronismus.

– Wenn dann gute Artikel der Druckausgabe einige Zeit später (Stunden oder Tage) doch noch auf der kostenlosen Webseite erscheinen (üblich bei FAZ.NET), frage ich mich erst recht nach dem Mehrwert der Druckausgabe bzw. dem Vorteil des Abos. Hier kannibalisiert sich die gedruckte Zeitung zeitversetzt selber.

FAZ

FAZ digital

Was wünsche ich mir nun als Tageszeitung? Klar, erst einmal alles das, was eine gute Zeitung ausmacht: Gut recherchierte Berichte, Hintergrundartikel, argumentierende und abwägende Kommentare usw. All das ist durchaus seinen Preis wert. Dazu bin ich gerne bereit. Aber es sollte vorzüglich auf das Internet, also auf die digitale Nutzung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zugeschnitten sein.

Was ich mir konkret wünsche:
– eine wirkliche Zeitung auf digitaler Basis; Basisartikel und News kostenfrei, vertiefende und weiterführende Artikel kostenpflichtig (Abo), mit Bewegtbild (Videos) und interaktiven Grafiken, Feedback usw.
– Print-Ausgabe als momentaner Stand („snapshot“) zum Zeitpunkt des jeweiligen druck- und transportbedingten „Redaktionsschlusses“.
– differenzierte Kaufmöglichkeiten für das Mehrwert-Angebot täglich sowie digitale Abos wöchentlich und monatlich.

Kurzum: Ich möchte die gesamte Breite einer aktuellen Zeitung von FAZ und SZ (und anderen) frei verfügbar und in einer kostenpflichtigen Plus-Variante (Mehrwert-Artikel, eigens ausgewiesen, z.B. Mehrwert-Themen in einer ständig aktualisierten Übersicht) angeboten bekommen. Ich wünsche mir, dass Zeitungen eben nicht mehr als „Tageszeitungen“ mit einem bestimmten Redaktionsschluss und einer 24 Stunden starren Ausgabe erscheinen, sondern online fortlaufend aktuell gehalten werden, wie es bei den kostenfreien Portalen bereits der Fall ist. Mehrwert-Artikel können verfügbar gemacht werden dann, wenn sie verfügbar sind. Die Form der Präsentation von Nachrichten und Hintergrundinformationen, Kritiken und Rezensionen sollte durch die Möglichkeiten des Mediums Internet bestimmt sein. Wenn ich Artikel aus dem Bereich Feuilleton zuerst lesen möchte, sollte dafür ein Klick in diesen jeweils aktuellen Bereich ausreichen – und nicht mehr ein „Blättern“ am Tablet. Das Erscheinungsbild, die Erscheinungsweise und das Handling einer gedruckten Zeitung darf nicht die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Formen einer Zeitung bestimmen und beschränken. Das ist der wesentliche Punkt.

Das Beispiel einer gelungenen Präsentation einer sehr informativen Recherche ist der „Artikel“ der FAZ über den Zuckeranbau in Brasilien und seine verheerenden Folgen. Der Druck-Artikel, war schon gut, aber sehr viel besser ist der online gestellte ausführlichere Bericht mit Videos, Grafiken usw, wie er dann im Netz zu finden ist:

Zuckeranbau Brasilien

-> Zuckerrohranbau in Brasilien

Ja, so wünsche ich mir Zeitung heute!

UPDATE 19.04.2015

Ich stieß erst jetzt auf den Kress-Bericht über eine Rede des Chefredakteurs der Washington Post, Marty Baron, die er am 08.04.2015 an der University of California gehalten hat. Thema: Der digitale Wandel im Journalismus („journalism’s transition from print to digital“). Kress.de fasst die Rede zusammen und stellt die zentralen Punkte heraus. „Das Internet entwickelt seine eigenen Möglichkeiten der Kommunikation: dialogorientierter und zugänglicher. Diese Möglichkeiten bieten uns eine völlig neue Mischung aus Tools wie Video, Audio, Social Media und interaktiven Grafiken.“ sagt Baron unter anderem. Der lesenswerte Beitrag bringt aus meiner Sicht die digitale Herausforderung für die Zeitungen gut auf den Punkt.

 12. April 2015  Posted by at 11:02 Medien, Presse Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Zeitung
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel „Hirnforschung“ oder „Schöpfung und Evolution“. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema „Web 2.0 – Welt 2.0“ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der „Szene“ bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die „anderen“ Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas „Internet und Web 2.0“ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: „Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.“ So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die „Twitter-Revolution“ in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 „aktive“ Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven „Netzwerkern“. Die allerdings „machen Meinung“ und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des „Web 2.0“ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl „aktiver“ Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was „aktive Facebook-Nutzer“ sind. Dazu heißt es: „Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.“ Was heißt „interagiert“? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen („Freunden“) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige „Zeitungssterben“ zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

„Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).“ (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der „Netz-Lupe“ nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‚turn‘ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also „lernt“ uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des „Web 2.0“ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Web-Lupe
Jun 182012
 

Die wachsende Bedeutung von Online-Zeitungen, Blogs und Foren stellt die Frage nach der Zukunft der Zeitungswelt. Nicht „print“ oder „online“ ist da die Alternative, sondern ein flexibles, leicht zugängliches und nach Nutzerverhalten differenziertes Online-Angebot auch von Bezahlmodellen ist hier gefragt.

Das Ende der Printmedien wird immer wieder beschworen. Gedacht ist da in erster Linie an die Tages- und Wochenzeitungen. Magazine und Zeitschriften insbesondere zu speziellen Freizeit- oder Gruppenthemen (Lifestyle, Wellness, Outdoor, Computer, Motor, Sport) erfreuen sich offenbar uneingeschränkter Beliebtheit. Aber den Tageszeitungen wird der baldige online bedingte Garaus angekündigt. Journalisten würden von News-Aggregatoren und Newsrobots kannibalisiert, so zuletzt +Christian Sickendieck, aber man liest diese Meinung immer wieder, als wäre es in der Internet-Szene common sense. Einerseits wird der Bedarf an professionellem Journalismus wegen zahlreicher Blogs, Foren und Communities bestritten, andererseits wird das Fehlen eines „guten“ Journalismus beklagt. Offen bleibt dabei bisweilen, ob dabei „gut“ mit „meiner Meinung“ gleich gesetzt wird. Zumindest werde sich das Printgeschäft wirtschaftlich bald nicht mehr tragen, da man alle Nachrichten auch anderswo online frei lesen könne. Ich kann dem so nicht folgen.

Zu bestimmen wäre zuerst die Funktion eines „guten“ Journalismus, ich würde lieber von „qualitativ hochwertig“ sprechen. Das bedeutet: fachlich fundiert, parteipolitisch unabhängig, wirtschaftlich nicht erpressbar, fähig zu eingehender Recherche, begründeter eigener Meinung, Übersicht über Zusammenhänge, mit möglichst „fachfremder“ und internationaler Erfahrung, stilistisch sicher und versiert. Viele Journalistinnen und Journalisten, auf die diese Charakterisierung zutrifft, finde ich bei den überregionalen Tageszeitungen, aber sicher auch bei regionalen Zeitungen. Der Bedarf für diesen qualitativ hochwertigen Journalismus ist offenkundig, zumal Fernsehsendungen (z.B. Talkshows) und auch Online-Beiträge (Blogs, G+) oft eher plakativ, polarisierend und thematisch weniger differenziert sind. Die ziemlich stabile Auflagenstärke der großen Tageszeitungen belegt das. Problematisch ist bei den Tages- und Wochenzeitungen eher das stark einbrechende Anzeigengeschäft, das ehedem das redaktionelle Standbein wesentlich finanziert hat. Die Frage ist weniger,ob wir in Zeiten des Web 2.0 noch guten Journalismus brauchen (klar, eher mehr als weniger, der Bedarf ist aus dem „Erbe“ der Printmedien da), sondern wie er sich organisiert und finanziert. Freizeitblogger, die ihren Job ernst nehmen, tendieren oft ebenfalls zur haupt- oder zumindest nebenerwerblichen Tätigkeit, und stehen dann vor dem selben Problem: der Finanzierung. Bisher, so liest man aus Verlagsnachrichten, hat die Online-Werbung das Volumen der früheren Print-Werbung noch lange nicht wett machen können.

Richtig ist, dass für eine längere Zeit „print“ und „online“ Zeitungen keine Alternative, sondern Ergänzungen sind. Kostenlose Online-Ausgaben der Zeitungen haben sich bei uns zunehmend etabliert und versuchen, ihren „Werbekuchen“ zu vergrößern; gerade dafür bietet das Web 2.0 beste Voraussetzungen (zielgenau, local based etc.). Online-Ausgaben sind eher auf aktuelle Nachrichten orientiert und weniger auf Hintergrundinformationen und Analysen. Gerade diese redaktionelle Arbeit aber ist kostentreibend, personalintensiv und je nach Thema oft nur für eine kleine Zielgruppe relevant. Man kanns beklagen, aber de facto werden Berichterstattung und Analysen aus Regionen und Themen, die derzeit nicht im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit stehen, eher weniger nachgefragt. Gerade diese Berichte sind vielen Zeitungslesern aber nach wie vor wichtig.

Daher komme ich zu meinem letzten Gedanken: Ein wesentlicher Punkt bleibt die Alternative kostenfrei – kostenpflichtig. Viele sind wie ich gerne bereit, für einen ausführlichen redaktionellen Teil der Tageszeitungen zu bezahlen. Bisher sieht das so aus, dass die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ihre Printausgaben als „ePaper“ anbieten, immer noch nicht alle (wie bedauerlicherweise die FAZ) als tägliche Einzelausgabe. Dies sollte zumindest von allen Zeitungen sowohl fürs Web als auch fürs mobile Lesen (Smartphone, Tablet, eBook) zur Verfügung stehen. Auch dies ist noch nicht überall gewährleistet, da besteht deutlicher Nachholbedarf. Dass Zeitungen hier die Wende zur Online-Welt bisher eher zögerlich angehen oder gar verschlafen haben, gehört nicht zum Ruhmesblatt der Verlage.

Es fehlt der Mut, neue Modelle des Vertriebs von „Premium-Inhalten“ anzubieten. Warum sollte man sich da an den bisherigen Möglichkeiten der Printausgaben fest klammern? Artikel-Abos, thematische Abos, kostengünstiger und bequemer Einzelabruf von Artikeln (ein Artikelpreis von € 2 bei Kosten für die Einzelausgabe von € 2,20 ist unverhältnismäßig) bzw. Autoren, all dies ist denkbar, wird teilweise andernorts schon probiert. Es könnte auch hier den Zeitungsmarkt fit machen für die Online-Welt. Ob Verlage dazu gleich „future labs“ benötigen, sei einmal dahin gestellt. Viel wichtiger wäre es, wenn die Zeitungsverlage die Online-Welt ernster nähmen und als Chance begriffen, statt sich abwehrend und ablehnend zu verhalten (siehe DRM oder das unsinnige Leistungsschutzgesetz) wie einst die Musikindustrie. Phantasie aber und Mut zu neuen Vertriebs- und Angebotswegen ist nötig und wäre wünschenswert. Wenn ich mich über Zeitungen ärgere, dann deswegen, weil es „die Großen“ immer noch nicht für nötig halten, schneller und gezielter auf die sich vollziehenden Änderungen im Nutzerverhalten der Zeitungsleser zu reagieren. Ich möchte beispielsweise nicht täglich die Printausgabe (gerne als ePaper) immer derselben Tageszeitung lesen, sondern wechseln und auswählen können. Warum ist online zu kaufen immer noch nicht möglich, was ein gut sortierter Bahnhofskiosk an Printmedien bietet? Das wäre doch das Mindeste, was umzusetzen wäre, und wie gesagt: Da sind noch manche Alternativen, die eher auf die Online-Medien zugeschnitten sind, denkbar und machbar – und wünschenswert. Denn der Bedarf auch an kostenpflichtigen Inhalten ist da, wenn das Angebot preiswert und flexibel ist.

UPDATE [19. Juni]

Thomas Knüwer bestätigt zwar einerseits meinen Befund über das verbreitete (Vor-) Urteil der Netzwelt, es handele sich um „die sterbende Industrie der Zeitungsverlage“ („Tageszeitungen sterben, das ist sicher“), die mittels LSR eine Art „Kohlepfennig“ erhalten solle, seine detaillierte Kritik am Leistungsschutzrecht halte ich ansonsten aber für informativ und richtig.

UPDATE [26. Juni]

Dagegen entlarvt CARTA-Autor Wolfgang Michal den „Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen“ – lesenswert. Die Antwort dazu von Thomas Knüwer ebenfalls – und die inzwischen ausgedehnte Diskussion unter dem CARTA-Artikel! Auch auf das Gespräch mit Constantin Seibt vom Tages-Anzeiger (CH) sei zur Sache hingewiesen.

 18. Juni 2012  Posted by at 09:52 Internet, Medien, Presse Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Zukunft der Zeitung