Nov 102019
 

Technologie als Kultur-Ersatz

Zwei Themen begegneten mir kürzlich, die scheinbar kaum etwas miteinander zu tun haben. Einmal geht es um den Transhumanismus, also um die Vervollkommnung oder Überwindung des natürlichen Menschen. Zum andern erregte der Abgesang auf die Geisteswissenschaften von Hans Ulrich Gumbrecht (NZZ) Aufsehen und blieb nicht unwidersprochen (Andreas Kablitz, FAZ). Gemeinsam ist beiden Themen die Aufkündigung eines Kulturverständnisses, das die Förderung und Bildung des Individuums in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einbettet, die Humanität sozial verortet (kategorischer Imperativ) und sie auch mittels wissenschaftlicher Weltdeutung („Aufklärung“) kritisch begleitet. Ein solcher Umbruch, wenn er sich denn tatsächlich vollziehen würde, wäre eine Ansage an die Gegenwart, die öffentlicher Diskussion bedürfte.

Da die beiden Artikel von Gumbrecht und Kablitz für sich selber sprechen, muss erläutert werden, was es mit dem Transhumanismus auf sich hat. Deutlich wurde die Problematik in einem Vortrag von Michael Hauskeller (Liverpool) im Rahmen der Ringvorlesung des Zentrums für Wissenschaftstheorie und des Centrums für Bioethik an der Westfälischen Wilhelms – Universität Münster. Wenngleich die Begriffe Humanismus, Posthumanismus und Transhumanismus schillernd sind, so ist dieser überwiegend angelsächsischen Bewegung gemeinsam, den auf Renaissance und Aufklärung beruhenden Humanismus radikal weiterzuführen, sei es durch Überwindung, sei es durch überbietende Vollendung. Mittel dafür sind die rasant wachsenden technologischen Möglichkeiten und Fähigkeiten des heutigen Menschen, sich der gezielten Genmanipulation, der Künstlichen Intelligenz (AI / KI) und der Mensch-Maschine-Kopplung zu bedienen. Der natürliche Mensch, wie ihn die „Bio-Konservativen“ sehen, ist aus dieser Sicht defizitär insbesondere hinsichtlich Krankheit, Leid und Tod. Gibt es das Wissen und die Mittel, diese Defizite zu beseitigen, ist der Mensch geradezu verpflichtet, sich selbst zu entgrenzen und eine neue Seinsform als Transhumanum zu verwirklichen. Science Fiction – Themen berühren sich mit utopischen Gedanken bei Vertretern dieser Bewegung, gehen darin aber nicht auf (siehe zum ersten Überblick Wikipedia deutsch, vor allem aber den ausführlichen Artikel Wikipedia englisch.) Es ist die ernst gemeinte und philosophisch formulierte These, dass die Aufklärung als Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant) erst noch bio-technologisch und KI-basiert ins Werk gesetzt werden, sie je nach Sichtweise vollendet oder überwunden werden müsse. Der natürliche Mensch selber (und nicht bloß seine Befindlichkeiten, Ansichten und Haltungen) ist zum Gegenstand der Kritik und Korrektur geworden. Ein neues transhumanes Design wird geschaffen.

Die dadurch aufgeworfenen ethischen Fragen sind erheblich und berühren die Grundlagen des menschlichen Selbstverständisses. Sie sind aber vor allem gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Biochemische Mittel zur körperlichen und intellektuellen Leistungssteigerung sind allenthalben im Umlauf, – nicht nur im Sport ist „Doping“ ein zentrales Problem. Die Frage der Steuerung menschlicher Reproduktion ist zunächst durch Vorauswahl von Gendefekten in den Bereich des bei Schwangerschaften Alltäglichen gerückt. Zumindest verläuft die Entwicklung der Medizin und der Prothetik in eine Richtung, die neben der Heilung auch Verbesserung, Optimierung ermöglicht. Die Perspektiven der Transhumanisten mögen noch extravagant oder abwegig erscheinen, sie sind gleichwohl real gegebene Möglichkeiten wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Manipulation. Schon allein deswegen sollte man sich damit auseinandersetzen.

Transhumanisten Symbol
Transhumanisten – Symbol (c) Wikimedia Commons

Demgegenüber scheint der Abgesang auf die Geisteswissenschaften als universitäre Disziplinen vergleichsweise harmlos. Die Replik von Kablitz auf Gumbrechts Provokation (wenn sie denn überhaupt als solche empfunden wird) ist bestimmt noch nicht alles, was dazu zu sagen wäre. Gumbrecht beschreibt doch schlicht die angelsächsische Wirklichkeit, die schon durch entsprechende Begriffe angezeigt wird: „Science“ ist evidenzbasierte Naturwissenschaft, alles andere sind die „humanities“, das Menschlich-Allzumenschliche in Geschichte, Literatur, Kunst, das Gumbrecht nur noch für den Zweck ästhetischen Konsums gerechtfertigt hält. Es fallen allerdings neben der Geschichte die Soziologie, Psychologie, Jurisprudenz und wohl auch die Ökonomie durch das Raster, sofern sie sich nicht ausschließlich erfahrungsbasiert, sondern ebenso hermeneutisch und normativ definieren. Ausschließlich datengetriebene Kulturwissenschaften wären eher das Gegenteil von dem, was wir gemeinhin als liberale, aufgeklärte, gesellschaftsbezogene Kulturwissenschaften verstehen. Die Restriktion der Wissenschaft auf Empirie, Evidenz, Daten und Technologie mag zu einer enormen wirtschaftlichen Steigerung der Verwertbarkeit des Wissens beitragen, Produktivkräfte geradezu entfesseln, so dass umfassende Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die sich ihren kritischen, analytischen, exemplarischen Anspruch nicht rauben lassen, an den Rand gerückt werden. Die Auswirkungen solcher Tendenzen zu immer stärkeren Verwertungsinteressen („Drittmittel“) lassen sich auch an deutschen Universitäten beobachten.

Und hier trifft sich das Fortschreiten der technischen (Natur-) Wissenschaften als einer Art wissenschaftlicher ‚Säkularisierung‘ mit den Zielen des Transhumanismus, – zumindest passt es allzu gut zusammen. Zu machen und zu verwirklichen, was immer möglich ist, dient vor allem der Selbstvervollkommnung, das heißt der Perfektionierung des Einzelnen, der sich selber als ‚transhumanes‘ Ego neu erschafft. Kultur und Gesellschaft, ihre Prägungen und Verpflichtungen, sind da nur hinderlich, lassen sich allenfalls noch individuell ästhetisch goutieren. Der wahre Mensch aber soll der neugeschaffene Mensch sein, der sich seiner Fesseln und Schranken entledigt, – alte Mythen und Utopien lassen grüßen. Nur ist es heute ’science‘, die dabei hilft. ‚Humanities‘ sind dann nur noch etwas für die „Bio-Konservativen“ als zukünftige „Amish-People“. So nennen Transhumanisten ihre Gegner. Das passt erstaunlich gut zusammen.

Nimmt das Programm ernst, ist schnell zu erkennen, dass es dabei letztlich um reine Machtfragen geht, darum nämlich, wer die begrenzten technischen Ressourcen verwaltet und zuteilt, wer die Maßstäbe setzt für das Mögliche und unbedingt zu Erreichende, wer dem Kreis der Erwählten und biotechnisch Optimierten angehören darf und wer als bloß bionatürlicher Rest, selbst wenn es die große Mehrheit ist, ausgeschlossen bleibt. Danach aber wird bei den Transhumanisten gar nicht gefragt. Ob das vorgeblich Gute und Richtige, das es mit dem Transhumanum zu erreichen gilt, tatsächlich bei der Verschmelzung von ‚wissenschaftlichen‘ Evidenzen und Daten gleichsam von selbst „ausfällt“, ob also der so ersehnte Fortschritt etwas anderes ist als eine neue Form eines technologischen Totalitarismus, wird weder bedacht noch diskutiert. Naturwissenschaft allein reicht eben nicht für Gesellschaft und Kultur. Es wird Zeit für eine solche Diskussion, und Ethik und Kritik sind gefragt, wenn darüber entschieden wird, welchen Weg die Menschheit nehmen soll.

Update:
Claus Pias beschreibt in der FAZ „Gestern und morgen sind abgeschafft!“ eine vergleichbare Entwicklung im Blick auf den „Präsentismus“ der digitalen Medien, nämlich als eine Art self-fullfilling prophecy des silicon valley – brilliant beobachtet und geschrieben! (FAZ plus).

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Feb 202015
 

[Kultur]

„Postmoderne“ ist ein oft verwandtes Etikett – ja, für was eigentlich? Leben wir nicht mehr modern? Oder ist es eine Bezeichnung für eine bestimmte Zeiterscheinung so wie hyper- (über-) modern? Vielleicht soll aber doch mehr damit gesagt werden. Wie die Moderne wäre Postmoderne dann die Beschreibung einer Epoche. Sie wird durch das Post- (Nach-) von der Moderne abgegrenzt. Was also kennzeichnet die Moderne, und was ist es genauer, dass man heute dezidiert von Post-Moderne sprechen möchte? [siehe Anmerkung]

Mit Moderne werden zum Beispiel Kunstrichtungen oder Stile verbunden: Malerei der Moderne meint dann die Art der Malerei besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, „Klassische Moderne“ sagt man dazu auch. Kulturgeschichtlich wird vor allem die Zeit nach der Industriellen Revolution als Moderne erlebt, nämlich das moderne Zeitalter von Globalisierung, Technisierung, Fortschritt. Nicht modern zu sein ist dann gleichbedeutend mit „aus der Zeit gefallen“, zurück geblieben, traditionell zu sein, orientiert an der Vergangenheit als „guter alter Zeit“ usw. Für die Moderne als gesellschaftliche Epoche ist ein Wort besonders typisch: Machbarkeit. Darin schwingt mehr mit als nur die Möglichkeit einer Realisierung. Machbarkeit suggeriert den Anspruch, alles sei machbar, zu klären bleibt allenfalls, auf welche Weise. Es ist erstaunlich oder auch bezeichnend, dass besonders die Zeit nach den Weltkriegen als modern empfunden wurde, als nach den furchtbaren Zerstörungen der wirtschaftliche Aufschwung in Europa eingeleitet wurde. Optimismus, Orientierung am Fortschritt, technische Aufholjagd, überhaupt ungeahnte Möglichkeiten wurden aller Orten entdeckt. Automobilität, Weltraumfahrt und Mondlandung können dafür Sinnbilder sein. Schneller – weiter – höher hinaus, das sind die Adjektive der Moderne. Rationalität hatte einen hohen Wert. Dafür typisch ist es, dass technische Erneuerungen in der Industrie, die personal- und kostensparend waren, als „Rationalisierungsmaßnahmen“ bezeichnet wurden.

Überhaupt die Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaften, aber auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, galten als zuverlässige Garanten stetigen Wissenszuwachses, der die Grenzen der Machbarkeit ins Unendliche zu verschieben schien. Wachstum des Wissens, der Wirtschaft, des Kapitals waren die unumstößlichen Grundwerte, Grundüberzeugungen jener Zeit. Religion wurde immer bedeutungsloser, die Kirchen zunehmend leerer. Säkularisierung war dafür der Leitbegriff. Die moderne neuzeitliche, vor allem technische Rationalität konnte und sollte möglichst alle Lebensbereiche durchdringen. Sie lag als Prinzip auch den Bildungsplänen und Bildungsreformen zugrunde. Technokratie wurde zum Schlagwort.

Natürlich ist dies eine sehr vereinfachende und einseitig akzentuierende Skizze. Natürlich gab es immer auch Widerstände, Warnungen, Kritik vor allzu viel Zuversicht und „Fortschrittswahn“. Die „Grenzen des Wachstums“ wurden ausgerufen, und während eine Bildungsreform die andere ablöste, schickten mehr und mehr besorgte Eltern ihre Kinder auf Waldorfschulen oder andere Privatschulen, die eine mehr „ganzheitliche“ Erziehung versprachen. Nichtsdestoweniger war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des erstarrten Kommunismus der westliche Triumph der Moderne grenzenlos. Man sah das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) gekommen: Alles, was sich künftig ereignen sollte, wären nur Variationen des einen globalen Lebensstils, wie er sich im Westen durchgesetzt hatte. Die postkolonial zurück gebliebene „Dritte Welt“ wurde bestenfalls zur Welt von „Schwellenländern“, die eben ökonomisch und kulturell die Schwelle zur westlich libertären Glückseligkeit anstrebten. Niemand und nichts würde sich dem entziehen können – das war das neue Glaubensbekenntnis, neudeutsch Narrativ, des „Posthistoire“.

MIT stata center

MIT’s stata center GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Fast wie ein Gegenbegriff zu diesem überschwenglichen Weltbild des Posthistoire ist inzwischen der Begriff Postmoderne geworden. Man verwendet ihn für alles Mögliche, aber eben immer gerade dann, wenn man unsere Zeit von dem Überschwang der Moderne abheben möchte. Vieles, um nicht zu sagen alles, was die Moderne kennzeichnete, ist inzwischen gebrochen, fragwürdig, obsolet geworden. Die Zuversicht des modernen Fortschrittsglaubens lebt natürlich weiter fort, besonders bei den Verkündern der „digitalen Revolution“ und der durch sie für möglichen gehaltenen qualitativen Beschleunigung der kulturellen Entwicklung des Menschen. Aber mehr und mehr wird der Preis sichtbar, ebenso die illusionäre Hybris dieses Anspruchs und die Fragwürdigkeit solcher technizistischen Weltbilder. Die Postmoderne beginnt damit, an diesen optimistischen und „alternativlosen“ Projektion zu zweifeln. Die Kehrseite der rasanten digitalen Umwälzungen wird allzu deutlich: totale Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Beschleunigung und weitere Verdichtung der Arbeitswelt, um nur einiges zu nennen. Auch die Verheißungen grenzenloser Kommunikation erweisen sich als zwiespältig. Das kommunikative Rauschen macht einerseits alles ‚“egal“, bereitet aber andererseits den verrücktesten, einseitigsten Ideen und Verschwörungstheorien einen Nährboden. Im Netz der freien Kommunikation geht es sehr ruppig und egoistisch (egomanisch?) zu. Das Internet selber wird immer fragmentierter und ökonomisierter. Die „Filterblase“ war nur der vergleichsweise harmlose Auftakt.

Die total globalisierte und zugleich total fragmentierte Welt von heute stellt sich quer zu den Träumen westlicher Wortführer der einstigen Moderne, die heute als neoliberal und turbokapitalistisch gebrandmarkt werden. Sinnbild dafür sind die „Zocker“ in den Bankentürmen. Der „rationale Diskurs“, den dagegen ein Habermas in aufklärerischer Tradition als Leitlinie für pluralistische Demokratien gefordert hatte, wird oft durch blinde Stimmungsmache ersetzt: ein Shitstorm statt vernünftiger Argumente, Pegida statt politischer Diskussion. Vom vielbeschworenen „Qualitätsjournalismus“ ist bei den Netizens jedenfalls fast gar nichts zu finden, statt dessen Meinungsmache und Propaganda des eigenen Vorurteils. Überhaupt wird der Rationalität und Sachlichkeit immer weniger vertraut, schon gar nicht gegenüber der „Lügenpresse“. Sie habe sich zu oft als interessegeleitet, machtorientiert und parteilich erwiesen. Und so geht der „vernünftige Diskurs“ aufgeklärter Bürger den Bach runter.

Auch Religion ist wieder „in“, und seit ein terroristischer „Islamischer Staat“ die Welt mit grauenhaften medialen Inszenierungen erschreckt und verunsichert, blühen auch bei uns wieder obskure Ideen und Verschwörungstheorien. Fundamentalismus ist auch der christlich-abendländischen Welt nicht fremd, sei es in Form der wachsenden Bedeutung der Evangelikalen und anderer traditionalistischer Gruppen, sei es in reaktionären Pontifikaten der katholischen „Weltkirche“. Auch in der Philosophie, insbesondere der Religionsphilosophie, ist das Thema „Glaube“ und Religion“ wieder aktuell, von einer Erneuerung metaphysischer Ansätze ganz zu schweigen. Das Pendel ist offenbar zu weit ausgeschlagen.

Politisch fein austarierte Vertragsverhältnisse zur Sicherung des Friedens in Europa („Legitimität durch rechtsstaatliche Verfahren“) geraten plötzlich ins Wanken, wo Gewalt wieder ein Mittel der Politik wird – oder wo die Ohnmacht der wirtschaftlich Zurückbleibenden ein Protestventil sucht und findet: „Brüssel“. Der Euro sollte als „Projekt“ Europa einen – und bewirkt derzeit das Gegenteil. Seine ideologische Überhöhung („Scheitert der Euro, scheitert Europa.“) fällt seinen Verteidigern auf die Füße. Es scheitert allenfalls ein bestimmtes Konzept von Europa (und seinen herrschenden „Eliten“), das so in vielen südlichen Ländern offenbar nicht mehr anschlussfähig ist.

„Postmodern“ ist ein in der Abgrenzung zutreffendes Kennzeichen für eine Zeit – wer weiß, vielleicht für eine ganze Epoche -, die aus einer Entwicklung stetigen Fortschritts und Wachstums plötzlich sehr macht- und wirkungsvoll mit Gegenentwicklungen und Widerständen konfrontiert wird. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hat vielen Selbstverständlichkeiten und optimistischen Überzeugungen der früheren Moderne den Boden entzogen. Die Anschläge von  „9/11“ 2001, der Irakkrieg 2003 und dann die Finanzkrise 2008 sind die Menetekel dieser Zeit, und was wir heute alles an Scherbenhaufen vorfinden (Ukraine, IS, Irak, Syrien, Libyen, – Euro), hätte man sich vor zwanzig Jahren nicht vorzustellen gewagt.

Die Postmoderne ist also eine Zeit neuer Ungewissheiten, Risiken, Krisen und chaotischen Entwicklungen. Sie scheinen sich allzu oft der bewährten Rationalität zu entziehen, sowohl der Handlungen und Verläufe als auch ihrer Erklärung und Verständigung. Es zeigt sich: Vieles, was wir für Errungenschaften der Neuzeit, speziell der Aufklärung halten, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Zwiespältigkeit technologischer Entwicklungen muss neu berücksichtigt werden. Die Rolle der Religion ist neu zu untersuchen und zu bewerten. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, persönliche Freiheit, Privatsphäre, aber auch Bildung, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe müssen bewahrt und jeweils neu erstritten werden. Das gilt für uns hierzulande eben so wie anderswo, erst recht in der arabischen Welt. Die Postmoderne mag den Abschied aus manchen Illusionen der Moderne bedeuten, dann wäre sie nur heilsam. Zugleich aber drohen mit ihr neue Gewalt, neuer Wahn, neue Ideologien und neuer Obskurantismus. Dem kann und muss man mit dem entgegentreten, was schon vor zweihundert Jahren die Parole war: Aufklärung, Aufbruch aus Verdummung und Überwachung, aus Ungerechtigkeit und (neuer) Knechtschaft, aus Terror und Gewalt. Um diese so skizzierte Postmoderne zu überwinden, müssen Ziele und Werte neu formuliert werden, muss Verantwortung ganz neu buchstabiert werden, müssen kritisches Bewusstsein und entschiedenes Eintreten für unsere Freiheit geübt werden. Es wird nicht leicht sein.

*) Erhellend sind die Wikipedia-Artikel zu Moderne, Postmoderne, Posthistoire.

 20. Februar 2015  Posted by at 18:04 Allgemein Tagged with: , , , , , , ,  1 Response »
Apr 062014
 

[Kultur]

Es gibt zwei Begriffe, die nahezu selbstverständlich verwandt werden, um besondere Merkmale der postmodernen Gesellschaft zu kennzeichnen: Komplexität und Beschleunigung. Während der erste Begriff aus einer Popularisierung des Soziologen Niklas Luhmanns stammt, erfuhr der zweite Begriff seine soziologische Begründung durch Hartmut Rosa. Beide Begriffe sind auf den ersten Blick einleuchtend. Sie scheinen sehr direkt wesentliche Aspekte heutiger Lebens- und Welterfahrung abzudecken. „Alles wird immer komplizierter“ ist die mehr volkstümliche Version der Komplexität moderner Gesellschaften, festgemacht an Erfahrungen mit Bürokratie oder Technik. Und das andere ist: „Immer diese Hetze und Eile heute“, alles muss schnell gehen, keiner will warten.

Tatsächlich stimmt es ja, dass Verkehrsmittel dank moderner Technik und Infrastruktur so schnell sind wie nie zuvor, das Kommunikation mittels der Allgegenwart von Telefonen (Handys, Smartphones, Internet) instantan geschieht, dass Arbeitsabläufe in Produktion und Dienstleistung optimiert werden auf ihren Ressourcenverbrauch hin, und da ist Zeit eine wichtige Größe. Und es stimmt auch, dass die Handhabung vieler technischer Geräte sich keineswegs mehr auf den ersten Blick bzw. beim ersten Gebrauch erschließt, also komplizierter geworden ist, dass Verwaltung, Bürokratie, Serviceabteilungen eine wachsende Vielzahl von Vorschriften, Rechtssetzungen, Normen sowie unterschiedliche bis divergierende Kundenbedürfnisse berücksichtigen müssen. Wer einen Umbau plant, weiß ein Lied davon zu singen. Projekte wie BER und Stuttgart 21 sind ja nicht nur rein technisch-planerisch so kompliziert, sondern vor allem durch ihre gesellschaftlich und rechtlich genormte Einbettung.

ICE 3

ICE 3 Führerstand (Wikimedia)

Hält man beide Phänomene gegeneinander, so bekommt man den Eindruck einer gewissen Gegenläufigkeit, die die jeweils beschriebenen Effekte zumindest teilweise aufhebt. Zwar waren die Verkehrsmittel rein technisch noch nie so schnell und bequem wie heute, aber der Geschwindigkeitsgewinn wird durch Komplexitätsverluste konterkariert: Staus auf den Autobahnen verlängern die Reisezeit unkalkulierbar, Zugverspätungen oder Zugausfälle machen manche Fahrt durch Deutschland zum Alptraum, im Luftverkehr gibt es allzu oft Chaos durch betriebs- oder naturbedingte Störungen (Streik – Eis – Vulkanasche). Schon Rosa stellt fest, dass die Zeiteinheit pro schriftliche Kommunikation durch Email (SMS, Messages) gegenüber herkömmlichen Briefen zwar drastisch abgenommen hat, zugleich aber viel mehr Kommunikation pro Zeiteinheit produziert wird und zu verarbeiten ist. Hier ist also schon quantitativ eine Bremse eingebaut, von dem bedingt möglichen Qualitätsverlust / -gewinn ganz zu schweigen.

Zwar wachsen die technischen Möglichkeiten bei Planung und Ausführung von Projekten insbesondere durch den Einsatz von Digitaltechnik rasant und auf einer qualitativ neuen Stufe der Produktionsbedingungen, gleichzeitig aber nehmen die zu berücksichtigenden Faktoren der Umsetzung und Einbettung ebenso rasant zu: kein Hausbau ohne Umweltgutachten, keine Flughafenerweiterung ohne die Einbeziehung systemübergreifender, gesamtgesellschaftlicher Auswirkungen und Einflussfaktoren. Ähnliches gilt für Dienstleistungen aller Art. Zwar kann ich das jeweilige Kundencenter sehr „leicht & bequem“ (so das Versprechen) per Telefon oder Internet erreichen, aber dann beginnt das Elend langer Wartezeiten, nichtsahnender Callcenter, die Odyssee von Weitervermittlungen, am Ende ohne konkretes Ergebnis. Bei Behörden sind die Abläufe trotz vieler gegenteiliger Bemühungen für den Kunden intransparent, zeitraubend und oft im Ergebnis nicht zufrieden stellend. Mal eben aufs Amt zu gehen und eine Genehmigung abzuholen, das war mal. Und auf den Handwerker wartet man heute je nach Region so lange wie eh und je – oder länger.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren, und jeder und jede könnte etwas dazu beisteuern. Nun gut, könnte man resümmieren, komplexe Systeme sind halt störanfällig, da heben sich Beschleunigung und Komplexität wechselseitig auf. Ganz so gleichgewichtig ist es natürlich nicht, eher ein Pendeln mal in die eine, mal in die andere Richtung, so dass es schwer wird, diesbezüglich in der gesellschaftlichen Entwicklung eine wirkliche Tendenz heraus zu finden. Es bleibt aber auf jeden Fall der vorherrschende Eindruck in der Öffentlichkeit, die Zeit renne immer schneller und die Dinge würden immer komplizierter. Woher kommt das?

Zum einen ist hier mit Sicherheit auf die Alterung unserer Gesellschaft hinzuweisen. Die Klage über Eile und Hetze sowie über die Kompliziertheit der Lebensverhältnisse wird vielfach von Älteren geäußert: „Früher brauchte man doch bloß…“ Erhebliche und zeitlich gedrängte Veränderungen in den Lebensverhältnissen – und die sind unbestreitbar – treffen vor allem die ältere Generation, die sich dann in der heutigen Welt nicht mehr zurecht findet oder nicht mehr recht heimisch fühlt. Aber dies Generationenproblem gab es im Grunde zu allen Zeiten. Mit „komplizierter“ Technik hat die Jugend kein Problem, und mit Eile und Schnelligkeit auch nicht. Ein Zeitproblem tut sich in der jungen Generation dort auf, wo übergroße Ansprüche (meist der Eltern) den Kalender der Jugendlichen voll stopfen. Aber das ist ein anderes Problem. Eher macht es nachdenklich, dass gerade viele in der mittleren Generation, also der „Leistungsträger“ in ihrer Hauptschaffenszeit, über zunehmenden Druck am Arbeitsplatz klagen, sowohl was die Quantität (Zeit) als auch was die Qualität (Komplexität) angeht. Hier scheint es in der Tat für bestimmte Gruppen in der Gesellschaft einen Trend der Arbeitsverdichtung zu geben, dem keine eingebaute Bremse entgegensteht – es sei denn man rechnet Burn-out dazu. Dafür sind die Einflüsse aber vielfältig; sie lassen sich nicht auf die griffigen Kategorien „Komplexität und Beschleunigung“ reduzieren.

Auch für diese Ambivalenz ließen sich weitere Beispiele anführen. Mir wird deutlich, dass „Beschleunigung“ und „Komplexität“ zu oberflächlichen Schlagworten geworden sind mit geringem analytischen Wert. Es sind unscharfe Worthülsen, in die sich sehr unterschiedliche und verschiedenartige Phänomene unserer Gesellschaft hinein packen lassen. Die gewachsenen Freiräume für „Easy-going“, für Geselligkeit, Freizeit und Sport sind dabei noch gänzlich außen vor gelassen. Die Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft, ihr Wandel durch technische Entwicklungen, Zuwanderung, kulturelle Vielfalt usw. ist unübersehbar. Die Frage ist nur, ob oder wem das Angst macht und ob oder wann wir es einfach als Gegebenheiten einer neuen Zeit, unseres Heute, ansehen können mit (wie immer) vielen Chancen und Gefahren, die zu ergreifen und auszutarieren („work-life-balance“) am Einzelnen liegt. That’s life.

Die beliebten Begriffe „Beschleunigung“ und „Komplexität“ gaukeln eine analytische Kraft vor, die der Nachprüfung nicht stand hält. Es sind Schlagworte, Begriffsblasen, die allenfalls etwas Diffuses anzeigen, aber nichts erklären. Sie wie Selbstverständlichkeiten zu benutzen und in der Argumentation stillschweigend voraus zu setzen, macht nichts besser und klarer. Vielleicht sollten wir eine Weile auf sie verzichten.

 6. April 2014  Posted by at 12:52 Gesellschaft, Kultur, Moderne Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Komplexität und Beschleunigung
Jan 192014
 

[Kultur]

Das Wort Revolution hat seinen Schrecken oder seinen Hoffnungswert verloren. Ja, der Sturm auf die Bastille, der Sturm aufs Winterpalais, das waren noch Revolutionen! Danach sahen die politischen Revolutionen anders aus. Schon Ebert wurde die erste Reichskanzlerschaft eines Sozialdemokraten (was damals noch den Klang eines Kommunisten hatte) mehr oder weniger auf dem Silbertablett serviert. Das alte System war schon vorher zerbrochen. So war es auch in Südafrika beim Ende der Apartheid. Das System hatte seine Zeit gehabt und war am Ende; der Übergang der Macht konnte friedlich verlaufen. Wir wurden erst neulich beim Tode von Nelson Mandela daran erinnert.

Etwas anders sieht es zwar mit den arabischen Revolutionen aus, aber da ist man inzwischen eher vorsichtig geworden, für das Geschehen in Tunesien, Libyen und Ägypten überhaupt das Wort Revolution zu verwenden: Die Wortverschmelzung „Arabellion“ scheint das Eigentümliche besser zu treffen: eine Rebellion, deren Ausgang ungewiss ist und keine Änderung des Systems bedeuten muss (siehe Ägypten). Zumindest gingen diese politischen Ereignisse mit Gewalt einher, was eher mit dem herkömmlichen Revolutionsbegriff übereinstimmt.

Politische Revolutionen sind meist mit einem symbolischen Datum bzw. Ereignis verbunden, auch wenn die Vorgänge selber einen längeren Zeitraum beansprucht haben. Der längere Zeitraum eines Übergangs ist wiederum typisch für den weiter gehenden Gebrauch des Wortes Revolution in Fällen tiefgreifender wirtschaftlicher, technischer, wissenschaftlicher und sozialer Veränderungen. Die wissenschaftlich-technische Revolution des 19. Jahrhunderts hat mindestens ein Jahrhundert gedauert, vielleicht aber auch noch länger. Sie begann schon im ausgehenden 17. und dauerte bis ins 20. Jahrhundert fort. Die sozialen Revolutionen, die der ersten massiven Industrialisierung in England und auf dem Kontinent folgten und ihre Auswüchse begrenzten, dauerten ebenfalls viele Jahrzehnte. In Deutschland müsste man bei den Sozialgesetzen Bismarcks anfangen und bis in die sechziger Jahre der Bundesrepublik gehen, als mit der Schaffung eines Sozialgesetzbuches eine neues Kapitel der Sozialgesetzgebung aufgeschlagen wurde (SGB 1969 und die folgenden Jahrzehnte).

Blickt man auf den zeitlichen Verlauf solcher sozialen Revolutionen, dann tut sich eine Eigentümlichkeit auf, nämlich deren Ungleichzeitigkeit im Vergleich zu den globalen technologischen und ökonomischen Revolutionen. Sie können im engeren Sinne nur national bzw. für den Geltungsbereich einer Gesetzgebung namhaft gemacht werden, und das sieht dann von Land zu Land und Region zu Region ganz unterschiedlich aus. Für Europa hat hier die EU einen völlig neuen Gestaltungsraum geschaffen, obwohl auch dieser nur in der Rahmengesetzgebung eine Gleichzeitigkeit garantiert. Im Blick zum Beispiel auf die Länder Südostasiens müsste man ganz anders urteilen. In Bangladesch, Kambodscha, Vietnam usw. steht eine soziale Veränderung im Anschluss an die wirtschaftlich-technische Revolution der nationalen Produktionsweisen erst noch bevor. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung gibt es offenbar keine Gleichzeitigkeit sozialer Revolutionen.

Flammarion

Camille Flammarion, L’Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888

Noch anders sieht es bei wissenschaftlichen und kulturellen Revolutionen aus. Betreffen politische und soziale Revolutionen von Anfang an breite Bevölkerungskreise und ganze Nationen, so macht sich eine kulturelle und erst Recht eine wissenschaftliche Revolution erst in kleinen Kreisen und sehr allmählich bemerkbar. Eine kulturelle Revolution folgt langfristigen Veränderungen in Wissenschaft, Technik und Ökonomie. Sie setzt im Allgemeinen eine Veränderung des Weltbildes voraus, sei es im Ganzen oder teilweise. Auslöser dafür sind „Paradigmenwechsel“ in der Wissenschaft (um einen Begriff von Thomas S. Kuhn zu verwenden). Inwieweit dies für die Geschichte der Wissenschaften in Europa gilt, hat Kuhn in seinem etwas in Vergessenheit geratenem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962) sehr klar heraus gearbeitet.

Das braucht Zeit. Die „Kopernikanische Wende“ nahm einige Jahrhunderte in Anspruch, bis man von einer Breitenwirkung sprechen konnte. Selbst innerhalb der Wissenschaften dauerte es von Kopernikus (†1543) über Johannes Kepler (†1630) und Galileo Galilei (†1642) bis zu Isaac Newton (†1727) und Immanuel Kant (†1804), ehe sich die „neue Denkungsart“ durchsetzte und breite Anerkennung verschaffte. Bei Charles Darwin (†1882) und der Evolutionstheorie könnte man Ähnliches nachzeichnen; die Auseinandersetzung um ihre Anerkennung dauert bis heute an, siehe aktuell ihre Bestreitung durch die Kreationisten. In der Folge dieser neuzeitlichen „Kulturrevolution“ hat sich (zumindest in der westlichen Welt) ein wissenschaftlich-technisches Weltbild etabliert, das unsere heutige Kultur und Lebenswelt paradigmatisch beherrscht. Dabei lässt sich kein Endpunkt feststellen, der Verlauf solcher Entwicklungen und Umformungen ist ständig im Fluss – bis zu einem neuen markanten Punkt, der sich wiederum erst im Kleinen andeuten könnte.

Noch andere Revolutionen betreffen Techniken und Produktionsweisen – und fördern erst in der Folgezeit möglicherweise weitreichende Auswirkungen zu Tage. So hat der Buchdruck zwar vergleichsweise kurzfristig mit Flugblättern und Pamphleten Geschichte gestaltet (Reformation; Dreißgjährige Krieg), aber kulturell erst langfristig Wirkungen gezeigt. Immerhin mussten erst einmal größere Bevölkerungsschichten lesen lernen, um Gedrucktes als Massenware auf den Markt bringen zu können. Die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht setzte sich in Deutschland erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch (Vorreiter Preußen, schon 1717) und gewann 1919 Verfassungsrang. Die Mühlen einer kulturellen Revolution mahlen also langsam.

Technische Umwälzungen verlaufen bedingt durch wirtschaftliche Anwendungen, Profit- und Kriegsinteressen meist sehr viel turbulenter. Die Einführung eines kontinentumspannenden und interkontinentalen Telegrafendienstes in den USA hatte wesentlich militärische und wirtschaftliche Antriebe, unter anderem wegen der schnellen Übermittlung von Börsendaten. Die dadurch verbesserte Kommunikationsmöglichkeit begleitete und förderte die erfolgreiche Industrialisierung durch Mechanisierung und zentrale Steuerung (Fließband). Rundfunk, Fernsehen und Telefonie folgten mehr oder weniger Schlag auf Schlag und veränderten die Möglichkeiten der Information und Kommunikation gravierend. Als letzte Technologie in dieser Reihe trat das Internet hinzu und drang über das World Wide Web in breitere Nutzerschichten ein.

Wie weit es gerechtfertigt ist, den Wandel der Informationstechnologien und damit vernetzter Steuerungs- und Kommunikationstechniken als eine zweite (dritte oder vierte) industrielle Revolution zu kennzeichnen, mögen Spätere beurteilen. Wir stecken noch mitten drin in den langfristigen Veränderungsprozessen, die die gesamte wissenschaftlich-technische Kultur betreffen. Nur weil es derzeit Mode ist, vom Internet als segensbringender neuer Kulturtechnik zu sprechen, muss dies noch keineswegs zutreffend sein. Sprache und Schrift sind grundlegende Kulturtechniken, das andere sind Teilaspekte einer technikbestimmten Industrialisierung. Und hier gilt wie bei aller technologischen Entwicklung bisher: Die treibenden Kräfte sind stets Kapital und Militär. Edward Snowden hat die informationstechnische Arbeitsweise des militärisch-industriellen Komplexes aufgedeckt. Google und Amazon stehen für die derzeitige Übermacht des kommerziell-industriellen Komplexes.

Die Art der Anwendung der Informationstechnologien mögen sich gewandelt haben und in immer kürzeren Intervallen ändern und anpassen. Die Macht- und Informationsoptionen der Staaten und Mächte (insbesondere ihrer Militärs) mögen sich verändert und ausgeweitet haben. Das Konsumverhalten hinsichtlich von Gebrauchsgütern und Dienstleistungen mag sich fortwährend ändern und den aktuellen Technologien anpassen, auch das Kommunikationsverhalten Einzelner mag sich verändern (wiewohl Facebook auch als große Spielwiese betrachtet werden kann, die wächst und welkt). Dies alles ist bemerkenswert und für technisch Affine faszinierend, für technisch weniger Begabte verstörend oder bedeutungslos. Ob ich meine Fahrkarten am Schalter, am Automaten oder online kaufe, bedeutet ja noch keinerlei kulturelle Revolution.

Man sollte also mit dem Hype (positiv wie negativ: „Das Heil im Internet!“ –  „Das Internet ist kaputt!“) etwas vorsichtiger sein. Bei ruhiger Betrachtung und dem Bemühen um historische Distanzierung und Einordnung in das, was Revolutionen, also Umwälzungen, bisher ansonsten bewirkt haben und was sie in ihrem Verlauf beeinflusst, ist es zumindest fragwürdig, von einer zweiten industriellen Revolution zu sprechen, ganz zu schweigen von einer Kulturrevolution. Die Informationstechniken verändern sich. Das beeinflusst natürlich Leben und Arbeiten. In wie weit damit paradigmatische Veränderungen des Weltbildes verbunden sind, die allererst zu einer kulturellen Revolution führen könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt und ist derzeit nicht absehbar.

Revolutionen dieser Art verlaufen sehr langsam, sehr allmählich und keineswegs im Takt der Innovationen von Smartphones. Der Alltag zu Hause, der Alltag der Büros und Geschäfte, der Alltag der Regierungen und Mächte ist viel alltäglicher, gewöhnlicher und unaufgeregter als Medieninszenierungen und Twitter-Stürme glauben machen. Die einen kämpfen ums gute Leben, oder auch nur ums einigermaßen auskömmliche Überleben, die anderen kämpfen um den Erhalt von Macht und Privilegien, wieder andere, die großen Mächte und Regierungen, kämpfen ihre rücksichtslosen Kämpfe um absolute Kontrolle und Beherrschung ihrer Weltdomänen. Dahinein mischen sich technologische Veränderungen von unbekannter Halbwertszeit. Alles ziemlich banal und ziemlich normal. Für das angemessene Urteilen braucht man einen langen Atem. Diesen jeweils aktuellen Veränderungen und ihren Aufgeregtheiten gegenüber ist nur eines wirklich „zielführend“: nüchterne Gelassenheit und kritischer Abstand.

Revolutionen dauern halt länger – und Vernunft sowieso.

UPDATE 20.01.13: In seinem jüngsten als Antwort an Sascha Lobo verfassten Aufsatz „More political interference“ knüpft Evgeny Morozov an den Gedanken des durch das Internet möglicherweise angestoßenen Paradigmenwechsels an. Ich verweise gern auf diesen guten Beitrag zu einer etwas grundsätzlicheren Betrachtung dessen, was „Internet“ bedeuten kann.

 19. Januar 2014  Posted by at 15:11 Kultur, Neuzeit, Revolution, Wissenschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Langsame Revolution
Dez 132012
 
Ich lese des öfteren vom Problem einer „Mensch-Technik-Dichotomie“, ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. In der Mehrzahl sind es Beiträge, die eine solche Dichotomie, also einen Gegensatz zwischen Mensch und Technik, bestreiten. Ich kenne allerdings niemanden, der einen solchen Gegensatz ernsthaft behauptet. Ein Streit um Worte, ein Kampf gegen Windmühlen? Es scheint so.

Technik ist eine Kulturleistung, und jede Kulturleistung ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man „den Menschen“ weg, verschwindet auch die Technik (spätestens wenn die Energieversorgung zusammen bricht). Hier von einer Dichotomie zu sprechen ist ebenso abwegig, wie wenn man eine Dichotomie zwischen Mensch und Musik behaupten oder bestreiten würde. Auch Musik wie alle Bereiche der Kultur ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man den Menschen weg, ist auch die Musik verschwunden. Zurück bleiben allenfalls Töne.

Bisweilen habe ich den Eindruck, manche wenden sich deswegen so energisch gegen eine „Mensch-Technik-Dichotomie“, weil man sich grundsätzlich gegen bestimmte Warnungen oder Vorwürfe wehren will wie zum Beispiel gegen die der „Technikgläubigkeit“, der „Technikverliebtheit“ oder des „Machbarkeitswahns“. Letzterer ist nicht spezifisch auf Technik bezogen, und die ersten beiden Vorwürfe beziehen sich auf ein Gefühl der Übertreibung, wie die Wortbestandteile „Gläubigkeit“ und „Verliebtheit“ zeigen. Auch solche Gefühle sind nicht spezifisch gegen Technik gerichtet, es gibt sie in allen Bereichen menschlicher Betätigung: übertriebene Sportbegeisterung, Star-Kult und anderes mehr. Solche Gefühle der Übertreibung mögen zu Recht oder zu Unrecht eine Abneigung anzeigen, sind aber selten begründete Argumente. Schon gar nicht enthalten sie eine grundsätzliche Kritik. Allerdings kann sich darin eine ideologische Position spiegeln; dann wäre diese Position erst zu erheben. Das behauptete Problem „Mensch-Technik-Dichotomie“ ist also eine Chimäre.

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Dahinter verschwindet ein wirklich grundsätzlicher Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur. Natur ist kein Produkt des Menschen, sondern umgekehrt: Der Mensch ist ein „Produkt“ der Natur. Die Anführungszeichen sind deswegen gesetzt, weil hier der Begriff Produkt nur in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. Streng genommen ist der Mensch kein Produkt der Natur, sondern Teil der Natur. Der Mensch ist Natur. Eine Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ergibt sich nur im Hinblick auf die originär menschlichen Hervorbringungen, also auf das, was wir Kultur nennen, seine materiellen (Artefakte) und geistigen Werke. In alledem bleibt der Mensch aber Naturwesen. Kultur wird zum Teil seiner Natur, meinetwegen zu seiner „zweiten Natur“.

Der Unterschied zur Technik liegt auf der Hand. Technik kann der Mensch machen, verändern, beherrschen. Die Regeln des Gebrauches der Technik setzt der Mensch selbst. Die Natur aber beherrscht den Menschen. Er kann sich Natur immer nur sehr partiell „dienstbar“ machen, sie seinen Bedingungen anpassen und in ihrer Auswirkung verändern. Die Naturgesetze (es bleibe hier unerörtert, was das eigentlich ist) kann der Mensch aber nicht verändern. Sie sind so, wie sie sind, und der Mensch ist ihnen unterworfen. Das hindert den Menschen „natürlich“ nicht daran, sie so weit es geht zu seinem (vermeintlichen) Nutzen zu manipulieren. Auch dieser Eingriff in den Naturverlauf und ihre Nutzbarmachung gehört zur Natur des Menschen, zu seinen natürlich gegebenen schöpferischen Fähigkeiten. Natur zu verändern ist unsere Natur.

Diese Fähigkeiten sind allerdings sehr weitreichend. Ohne dass dem Menschen alle Zusammenhänge schon bekannt sind oder jemals bekannt sein können bzw. werden, beeinflusst und verändert er Faktoren in den Naturzusammenhängen, so dass sich andere zum Teil erwünschte, zum Teil unerwünschte Folgen ergeben. Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Ressourcen ist erwünscht, die dadurch beschleunigte Klimaerwärmung ist unerwünscht. So ist es in vielen, um nicht zu sagen in allen Bereichen der menschlichen Eingriffe in Naturzusammenhänge. Wie das Wort schon sagt: Es sind Zusammenhänge, also äußerst komplexe Strukturen, Regelkreise, labile (Un-) Gleichgewichte („Strömungsgleichgewichte“), die zu erkennen und zu durchschauen wir Menschen in vielen grundlegenden Bereichen noch weit entfernt sind, siehe das Wettergeschehen, das Klimageschehen, die Funktionsweise des Gehirns und vieles andere. Optimisten werden sagen: Noch nicht, aber absehbar bald. Skeptiker werden zu bedenken geben, dass es aufgrund unserer eigenen Verwicklung in Natur, weil wir also selber Natur sind, vielleicht manche grundsätzlichen Hindernisse gibt, bestimmte Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist immer schwierig, wenn der Beobachter sich selber beobachtet (Rückkopplungen, Beeinträchtigungen eines objektiven Ergebnisses).

Also auch als Produzent erstaunlicher Technik bleibt der Mensch Natur, ist er ein Naturwesen. Dieses zu verkennen und außer Acht zu lassen, ist ein sehr schwerwiegender methodischer und sachlicher Mangel, wenn wir uns über den Zusammenhang von Mensch und Technik Gedanken machen wollen. Es geht nur im Zusammenhang von Natur, Mensch und Technik (Kultur). Als „Techniker“ sind wir geneigt, unsere natürlichen Rahmenbedingungen und Konstitutionsmerkmale zu vernachlässigen. Denn nur dann bleibt Technik vollständig machbar und einigermaßen kontrollierbar. Das ist sie dann aber ganz und gar nicht, wenn wir den Menschen einmal als Gefühlswesen, also als von seiner natürlichen Ausstattung bestimmtes und begrenztes Lebewesen zugrunde legen. Das sogenannte Limbische System ist allemal mächtiger als all unsere Bewusstseinsprozesse – unbewusste Natur tief in uns drin.

Dass es nicht zum Atomkrieg gekommen ist (bisher nicht), verdanken wir weniger der menschlichen Fähigkeit, seine Technik zu beherrschen, als der Urangst vor Selbstvernichtung, die zumindest 1962 die entscheidenden Politiker in den USA und der UdSSR bestimmt hat. Das Zeitalter der Drohnen setzt allerdings ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten frei. Umso wichtiger, vielleicht sogar überlebenswichtig, bleibt es, uns Menschen als Natur zu begreifen. Bisher bedeutet das: Wir begreifen alles Mögliche, nur uns selbst, unser eigenes Leben nicht.

 13. Dezember 2012  Posted by at 12:14 Kultur, Natur, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Technik – Mensch – Natur