Jan 192014
 

[Kultur]

Das Wort Revolution hat seinen Schrecken oder seinen Hoffnungswert verloren. Ja, der Sturm auf die Bastille, der Sturm aufs Winterpalais, das waren noch Revolutionen! Danach sahen die politischen Revolutionen anders aus. Schon Ebert wurde die erste Reichskanzlerschaft eines Sozialdemokraten (was damals noch den Klang eines Kommunisten hatte) mehr oder weniger auf dem Silbertablett serviert. Das alte System war schon vorher zerbrochen. So war es auch in Südafrika beim Ende der Apartheid. Das System hatte seine Zeit gehabt und war am Ende; der Übergang der Macht konnte friedlich verlaufen. Wir wurden erst neulich beim Tode von Nelson Mandela daran erinnert.

Etwas anders sieht es zwar mit den arabischen Revolutionen aus, aber da ist man inzwischen eher vorsichtig geworden, für das Geschehen in Tunesien, Libyen und Ägypten überhaupt das Wort Revolution zu verwenden: Die Wortverschmelzung „Arabellion“ scheint das Eigentümliche besser zu treffen: eine Rebellion, deren Ausgang ungewiss ist und keine Änderung des Systems bedeuten muss (siehe Ägypten). Zumindest gingen diese politischen Ereignisse mit Gewalt einher, was eher mit dem herkömmlichen Revolutionsbegriff übereinstimmt.

Politische Revolutionen sind meist mit einem symbolischen Datum bzw. Ereignis verbunden, auch wenn die Vorgänge selber einen längeren Zeitraum beansprucht haben. Der längere Zeitraum eines Übergangs ist wiederum typisch für den weiter gehenden Gebrauch des Wortes Revolution in Fällen tiefgreifender wirtschaftlicher, technischer, wissenschaftlicher und sozialer Veränderungen. Die wissenschaftlich-technische Revolution des 19. Jahrhunderts hat mindestens ein Jahrhundert gedauert, vielleicht aber auch noch länger. Sie begann schon im ausgehenden 17. und dauerte bis ins 20. Jahrhundert fort. Die sozialen Revolutionen, die der ersten massiven Industrialisierung in England und auf dem Kontinent folgten und ihre Auswüchse begrenzten, dauerten ebenfalls viele Jahrzehnte. In Deutschland müsste man bei den Sozialgesetzen Bismarcks anfangen und bis in die sechziger Jahre der Bundesrepublik gehen, als mit der Schaffung eines Sozialgesetzbuches eine neues Kapitel der Sozialgesetzgebung aufgeschlagen wurde (SGB 1969 und die folgenden Jahrzehnte).

Blickt man auf den zeitlichen Verlauf solcher sozialen Revolutionen, dann tut sich eine Eigentümlichkeit auf, nämlich deren Ungleichzeitigkeit im Vergleich zu den globalen technologischen und ökonomischen Revolutionen. Sie können im engeren Sinne nur national bzw. für den Geltungsbereich einer Gesetzgebung namhaft gemacht werden, und das sieht dann von Land zu Land und Region zu Region ganz unterschiedlich aus. Für Europa hat hier die EU einen völlig neuen Gestaltungsraum geschaffen, obwohl auch dieser nur in der Rahmengesetzgebung eine Gleichzeitigkeit garantiert. Im Blick zum Beispiel auf die Länder Südostasiens müsste man ganz anders urteilen. In Bangladesch, Kambodscha, Vietnam usw. steht eine soziale Veränderung im Anschluss an die wirtschaftlich-technische Revolution der nationalen Produktionsweisen erst noch bevor. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung gibt es offenbar keine Gleichzeitigkeit sozialer Revolutionen.

Flammarion

Camille Flammarion, L’Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888

Noch anders sieht es bei wissenschaftlichen und kulturellen Revolutionen aus. Betreffen politische und soziale Revolutionen von Anfang an breite Bevölkerungskreise und ganze Nationen, so macht sich eine kulturelle und erst Recht eine wissenschaftliche Revolution erst in kleinen Kreisen und sehr allmählich bemerkbar. Eine kulturelle Revolution folgt langfristigen Veränderungen in Wissenschaft, Technik und Ökonomie. Sie setzt im Allgemeinen eine Veränderung des Weltbildes voraus, sei es im Ganzen oder teilweise. Auslöser dafür sind „Paradigmenwechsel“ in der Wissenschaft (um einen Begriff von Thomas S. Kuhn zu verwenden). Inwieweit dies für die Geschichte der Wissenschaften in Europa gilt, hat Kuhn in seinem etwas in Vergessenheit geratenem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962) sehr klar heraus gearbeitet.

Das braucht Zeit. Die „Kopernikanische Wende“ nahm einige Jahrhunderte in Anspruch, bis man von einer Breitenwirkung sprechen konnte. Selbst innerhalb der Wissenschaften dauerte es von Kopernikus (†1543) über Johannes Kepler (†1630) und Galileo Galilei (†1642) bis zu Isaac Newton (†1727) und Immanuel Kant (†1804), ehe sich die „neue Denkungsart“ durchsetzte und breite Anerkennung verschaffte. Bei Charles Darwin (†1882) und der Evolutionstheorie könnte man Ähnliches nachzeichnen; die Auseinandersetzung um ihre Anerkennung dauert bis heute an, siehe aktuell ihre Bestreitung durch die Kreationisten. In der Folge dieser neuzeitlichen „Kulturrevolution“ hat sich (zumindest in der westlichen Welt) ein wissenschaftlich-technisches Weltbild etabliert, das unsere heutige Kultur und Lebenswelt paradigmatisch beherrscht. Dabei lässt sich kein Endpunkt feststellen, der Verlauf solcher Entwicklungen und Umformungen ist ständig im Fluss – bis zu einem neuen markanten Punkt, der sich wiederum erst im Kleinen andeuten könnte.

Noch andere Revolutionen betreffen Techniken und Produktionsweisen – und fördern erst in der Folgezeit möglicherweise weitreichende Auswirkungen zu Tage. So hat der Buchdruck zwar vergleichsweise kurzfristig mit Flugblättern und Pamphleten Geschichte gestaltet (Reformation; Dreißgjährige Krieg), aber kulturell erst langfristig Wirkungen gezeigt. Immerhin mussten erst einmal größere Bevölkerungsschichten lesen lernen, um Gedrucktes als Massenware auf den Markt bringen zu können. Die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht setzte sich in Deutschland erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch (Vorreiter Preußen, schon 1717) und gewann 1919 Verfassungsrang. Die Mühlen einer kulturellen Revolution mahlen also langsam.

Technische Umwälzungen verlaufen bedingt durch wirtschaftliche Anwendungen, Profit- und Kriegsinteressen meist sehr viel turbulenter. Die Einführung eines kontinentumspannenden und interkontinentalen Telegrafendienstes in den USA hatte wesentlich militärische und wirtschaftliche Antriebe, unter anderem wegen der schnellen Übermittlung von Börsendaten. Die dadurch verbesserte Kommunikationsmöglichkeit begleitete und förderte die erfolgreiche Industrialisierung durch Mechanisierung und zentrale Steuerung (Fließband). Rundfunk, Fernsehen und Telefonie folgten mehr oder weniger Schlag auf Schlag und veränderten die Möglichkeiten der Information und Kommunikation gravierend. Als letzte Technologie in dieser Reihe trat das Internet hinzu und drang über das World Wide Web in breitere Nutzerschichten ein.

Wie weit es gerechtfertigt ist, den Wandel der Informationstechnologien und damit vernetzter Steuerungs- und Kommunikationstechniken als eine zweite (dritte oder vierte) industrielle Revolution zu kennzeichnen, mögen Spätere beurteilen. Wir stecken noch mitten drin in den langfristigen Veränderungsprozessen, die die gesamte wissenschaftlich-technische Kultur betreffen. Nur weil es derzeit Mode ist, vom Internet als segensbringender neuer Kulturtechnik zu sprechen, muss dies noch keineswegs zutreffend sein. Sprache und Schrift sind grundlegende Kulturtechniken, das andere sind Teilaspekte einer technikbestimmten Industrialisierung. Und hier gilt wie bei aller technologischen Entwicklung bisher: Die treibenden Kräfte sind stets Kapital und Militär. Edward Snowden hat die informationstechnische Arbeitsweise des militärisch-industriellen Komplexes aufgedeckt. Google und Amazon stehen für die derzeitige Übermacht des kommerziell-industriellen Komplexes.

Die Art der Anwendung der Informationstechnologien mögen sich gewandelt haben und in immer kürzeren Intervallen ändern und anpassen. Die Macht- und Informationsoptionen der Staaten und Mächte (insbesondere ihrer Militärs) mögen sich verändert und ausgeweitet haben. Das Konsumverhalten hinsichtlich von Gebrauchsgütern und Dienstleistungen mag sich fortwährend ändern und den aktuellen Technologien anpassen, auch das Kommunikationsverhalten Einzelner mag sich verändern (wiewohl Facebook auch als große Spielwiese betrachtet werden kann, die wächst und welkt). Dies alles ist bemerkenswert und für technisch Affine faszinierend, für technisch weniger Begabte verstörend oder bedeutungslos. Ob ich meine Fahrkarten am Schalter, am Automaten oder online kaufe, bedeutet ja noch keinerlei kulturelle Revolution.

Man sollte also mit dem Hype (positiv wie negativ: „Das Heil im Internet!“ –  „Das Internet ist kaputt!“) etwas vorsichtiger sein. Bei ruhiger Betrachtung und dem Bemühen um historische Distanzierung und Einordnung in das, was Revolutionen, also Umwälzungen, bisher ansonsten bewirkt haben und was sie in ihrem Verlauf beeinflusst, ist es zumindest fragwürdig, von einer zweiten industriellen Revolution zu sprechen, ganz zu schweigen von einer Kulturrevolution. Die Informationstechniken verändern sich. Das beeinflusst natürlich Leben und Arbeiten. In wie weit damit paradigmatische Veränderungen des Weltbildes verbunden sind, die allererst zu einer kulturellen Revolution führen könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt und ist derzeit nicht absehbar.

Revolutionen dieser Art verlaufen sehr langsam, sehr allmählich und keineswegs im Takt der Innovationen von Smartphones. Der Alltag zu Hause, der Alltag der Büros und Geschäfte, der Alltag der Regierungen und Mächte ist viel alltäglicher, gewöhnlicher und unaufgeregter als Medieninszenierungen und Twitter-Stürme glauben machen. Die einen kämpfen ums gute Leben, oder auch nur ums einigermaßen auskömmliche Überleben, die anderen kämpfen um den Erhalt von Macht und Privilegien, wieder andere, die großen Mächte und Regierungen, kämpfen ihre rücksichtslosen Kämpfe um absolute Kontrolle und Beherrschung ihrer Weltdomänen. Dahinein mischen sich technologische Veränderungen von unbekannter Halbwertszeit. Alles ziemlich banal und ziemlich normal. Für das angemessene Urteilen braucht man einen langen Atem. Diesen jeweils aktuellen Veränderungen und ihren Aufgeregtheiten gegenüber ist nur eines wirklich „zielführend“: nüchterne Gelassenheit und kritischer Abstand.

Revolutionen dauern halt länger – und Vernunft sowieso.

UPDATE 20.01.13: In seinem jüngsten als Antwort an Sascha Lobo verfassten Aufsatz „More political interference“ knüpft Evgeny Morozov an den Gedanken des durch das Internet möglicherweise angestoßenen Paradigmenwechsels an. Ich verweise gern auf diesen guten Beitrag zu einer etwas grundsätzlicheren Betrachtung dessen, was „Internet“ bedeuten kann.

 19. Januar 2014  Posted by at 15:11 Kultur, Neuzeit, Revolution, Wissenschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Langsame Revolution
Jul 172012
 

Der fast inflationär gebrauchte Begriff „Evolution“ für kulturelle Teilbereiche reizt zur Auseinandersetzung. Möglicherweise ist er nicht so wertfrei und angemessen, wie es scheint. Eine kleine Kritik der kulturellen Selbstüberschätzung.

Der Begriff „Evolution“ hat Hochkonjunktur. Nicht nur in der Werbebranche, und dort besonders im Automobil-Bereich. Auch im Bereich der Kultur (wollte sagen, dem klassischen, eher „langsamen“ Reich derselben) wird immer öfter und lieber von Evolution gesprochen. Da ist es zum einen natürlich die Kultur selber, deren „Evolution“ von Kulturwissenschaftlern betrachtet wird, zum anderen ist der Begriff in manchen kulturellen Teilbereichen zunehmend beliebt. Von einer „Evolution“ des Rechts ist die Rede, von „sozialer Evolution“ (Habermas), gerne auch von der „Evolution“ der Religionen (Michael Blume) und der Moralvorstellungen, auch Kulturtechniken insgesamt können unter dem Blickwinkel der Evolution gedeutet werden, und zuletzt ist es auch die Technik selber, deren „Evolution“ beschworen wird (z.B. beim Thema AI, „singularity„). Bisweilen ist es einfach eine Ersetzung des als zu bieder empfundenen Begriffes „Entwicklung“, was ja die wörtliche Übersetzung von „Evolution“ ist. Aber die semantische Konnotation des Evolutionsbegriffes enthält doch mehr als nur „Entwicklung“, nämlich etwas Naturgesetzliches, qualitativ Neues, höher Entwickeltes, Besseres, gewissermaßen den Charakter eines „Quantensprunges“. Wie eben dieser aus der Physik entlehnte Begriff „Quantensprung“ gerne als Metapher gebraucht wird, um eine große qualitative Veränderung = Verbesserung anzuzeigen (obwohl ein Quant physikalisch nur ein winziges Päckchen ist!), so wird der Begriff „Evolution“ als Metapher benutzt, um eben das naturgesetzlich Zwangsläufige, aber dabei Fortschrittliche und Höherentwickelte anzuzeigen. Oft scheint allerdings nicht mehr bewusst zu sein, dass es sich beim inflationären Gebrauch des Evolutionsbegriffes um eine Metapher handelt. Dann gerät die Metapher unter der Hand zu einem pseudo-analytischen Instrument, – „pseudo“ deswegen, weil der Begriff als solcher, zumindest in seinem biologischen Kontext, kaum mehr ein analytisches Potential hat. Schauen wir uns den Begriff „Evolution“ also einmal näher an.

„On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life.“ („Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.“) So hieß der Titel des berühmten Buches von Charles Darwin von 1859 (frei im Netz). Er lieferte damit sowohl Definition als auch Programm seiner Arbeit. Erstaunlicherweise kommt das Wort Evolution in diesem Werk keinmal vor, nur zweimal das Verb „evolve“. Darwin spricht statt dessen mehrmals von eine Revolution in der Naturbetrachtung durch dieses Vorgehen. Aber tatsächlich bedeutet das Werk das Programm und die Durchführung dessen, was wir heute unter „Evolution“ verstehen. Schon die Übersetzung des Titels in der 1860 erschienen deutschsprachigen Ausgabe macht Schwierigkeiten: sie interpretiert bereits. [Heute heißt das Buch einfach „Über die Entstehung der Arten.“] Wir würden besser schreiben: „Über den Ursprung der Arten mittels natürlicher Auswahl, oder die Bewahrung der begünstigten Gattungen im Bemühen um Lebenserhaltung“. Ja, das ist natürlich auch eine Interpretation, aber wie ich meine, eine treffendere. Ernst Mayr, der „andere“ Vater der Evolutionsforschung dadurch, dass er die Molekularbiologie und Biogenetik in die Evolutionsforschung integrierte, definiert in seinem Buch „Das ist Evolution“ (2003), “ dass man fast alle Evolutionsphänomene einem von zwei Vorgängen zuordnen kann: entweder dem Erwerb oder der Beibehaltung eines angepassten Zustandes [Selektion] oder der Entstehung und Funktion biologischer Vielfalt [Variation].“ (a.a.O. S. 15; Eckklammern von mir.)  Insgesamt betrachtet hat sich die Evolutionsforschung heute ausdifferenziert und eine kaum noch überschaubare Weite erreicht (Biogenetik, Hirnforschung etc.). Wer „Evolution“ als eine einheitliche „Theorie“ bezeichnet, verkennt das Programm. Es geht dabei um einen bestimmten Blickwinkel, unter dem die Herkunft und Ausgestaltung des Lebendigen betrachtet wird. Darum eignet sich auch der Begriff „Evolution“ kaum zu mehr als einer Abgrenzung: Die Welt des Lebendigen wird nicht als fix und fertig Geschaffene, also statisch, betrachtet, sondern als Gewordene und weiterhin Werdende angesehen, als komplexes dynamisches System. Dabei gilt dieses System nicht als von einem vorgegebenen „Willen“ außengesteuert, sondern als sich selbst organisierendes, quasi chaotisches System ohne bestimmtes Ziel. Letzteres wird allerdings mit dem Hinweis auf ein mögliches „schwaches“ oder sogar „starkes anthropisches Prinzip“ teilweise bestritten (vgl. z.B. Simon Conway Morris‘ „Konvergenzen“). Zumindest liegt auch dann der vermutete „Sinn“ der evolutionären Entwicklung im Prozess selbst. Der Witz ist in jedem Falle: Die Evolution steuert sich selbst, bringt als selbst lernendes System das Lebendige zu Anpassung, Vielfalt, Veränderung.

Wenngleich selbst Jared Diamond meint, dass der Evolutionsbegriff so faszinierend und selbsterklärend sei, dass er „ganz allgemein auch zum Verstehen unserer Welt und des Phänomens Mensch“ tauge (Vorwort zu Mayr), so möchte ich gerade diese verlockende These bestreiten. Die rasante Ausweitung und die Erfolgsgeschichte der Evolutionsforschung hat dazu geführt, dass der Begriff „Evolution“ selbst seine analytische Valenz verloren hat. Er ist fast nur noch ein Oberbegriff, bestenfalls eine Metapher, manchmal auch nur ein Schlagwort, für eine bestimmte Betrachtungsweise geworden. War der Begriff im Bereich der Erforschung des Lebendigen und seiner Geschichte dazu gedacht, den Werdegang und die inneren Regeln sich selbst organisierender Systeme zu beschreiben (sie „evolvieren“, vgl. dazu Ilya Prigogine, Dialog mit der Natur, 1986), so verändert sich bei der Übertragung auf bestimmte Lebensbereiche des Menschen sein Charakter: „Evolution“ suggeriert dann als verdeckte Metapher eine Naturgesetzlichkeit, wo doch ganz eindeutig das „Menschengemachte“, also durch den Menschen bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich (collateral) Gestaltete, Gemachte, Verursachte gemeint ist. Und es ist doch unbestritten, das der Bereich der Kultur einschließlich des Sozialen und der Technik ein Bereich menschlicher Pragmatik oder auch poiesis ist. Allerdings trägt in dieser abgeleiteten Diskussion der Evolutionsbegriff noch etwas Weiteres bei: den Gedanken des Fortschritts. Im Bereich des Lebendigen ist diese Konnotation eigentlich fehl am Platze, denn „Fortschritt“ im Sinne einer „Höherentwicklung“ setzt eine bestimmte Bewertung voraus, die der lebendigen Natur an sich fremd ist: Sie kennt nur Entwicklung und Ausprägung (-> Gen-Expression) dessen, was in einer konkreten Lebensumgebung „favoured“ ist. Oder konkretes Beispiel: Die Dinosaurier waren an ihre Lebenswelt optimal angepasst, also „hoch entwickelt“, bis sich die Lebensumstände änderten und sie ausstarben. Auf die Bereiche der Kultur übertragen möchte die Verwendung des Begriffes Evolution also auch eine sich „naturnotwenig“ ergebende Verbesserung und Vervollkommnung nahe legen, die aber im Grunde auf bestimmten vorgängigen Wertungen beruht, die der jeweilige Autor trifft. Johannes Rohbeck hat in seinem schönen Bändchen „Technik – Kultur – Geschichte“ (2000) gezeigt, wie sich der optimistische Impetus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in einer heute technikbezogenen Fortschrittsphilosophie (oder -ideologie) fortsetzt, wo selbst noch die Technikkritik am aufklärerischen Grundgedankens einer „Erziehung des Menschengeschlechts“ (Lessing) oder der „Idee einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (Kant) mit dem Ziel „ewigen Friedens“ (ders.) partizipiert. Das mag ja alles gut und richtig sein, nur hat es nichts zu tun mit einer quasi naturgesetzlichen Evolution.

Insofern ist auch den Entwürfen und Versuchen, eine „Evolution der Religionen“ zu beschreiben oder eine „Evolutionsgeschichte der Kultur“ zu verfassen, mit Skepsis zu begegnen. Was trägt das Wörtlein „Evolution“ eigentlich zur Erklärung bei, wenn es doch schlicht darum geht, die wechselvolle, jeweils zeit- und umständebedingte (Produktionsverhältnisse, Gesellschaftssystem, Klima) Geschichte von Kulturen oder Religionen nachzuzeichnen? Es bleibt ohnehin stets eine selektive Konstruktion aus heutiger Sicht und Bewertung nach eigenen Maßstäben. Ich halte es jedenfalls für unangemessen, bei der Darstellung der Entwicklung von kulturellen Phänomenen, von Religionen, von technologischen Gegebenheiten, eine innere Notwendigkeit, ein von außen vorgegebenes höheres „allgemeines“ Ziel oder eine geheimnisvolle „List der Vernunft“ bzw. ein Streben des Weltgeistes (Hegel) zu unterstellen. Teleologisch, also auf ein bestimmtes Ziel und auf einen gewissen Sinn hin kann ich Gegebenheiten nur gemäß eines eigenen Weltbildes interpretieren. Aber auch dieses bleibt wie jedes andere „Weltbild“ ein vorläufiges, subjektives „Bild“. Die Wirklichkeit ist immer noch einmal anders, ob wir sie so erkennen können oder nicht. Bestimmte Kulturen oder auch Religionen als „höher entwickelt“ („Hochkultur“, „Hochreligion“) zu bezeichnen, verbietet sich ohnehin dank der kolonialen Korruption dieser Begriffe. Sie kaschieren nur den Anspruch eigener Suprematie. Darum plädiere ich dafür, der Verlockung zu widerstehen und der Inflation des Gebrauch des Begriffes „Evolution“ entgegen zu wirken. „Entwicklung“ meint meist dasselbe, ohne den ideologischen Beigeschmack. Die Versuchung ist derzeit wohl deswegen so groß, weil wir meinen, heute an einem Wendepunkt („Quantensprung“, Paradigmenwechsel“) der Entwicklung der Menschheit zu stehen, meist als positiv bewertet, gelegentlich auch pessimistisch gedeutet. Die Möglichkeiten der Computertechnik und der Vernetzung „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“) scheinen den Menschen noch einmal über sich selbst hinaus wachsen zu lassen zu etwas Größerem, Vollkommeneren („AI“). Die transformierte Netzgesellschaft könne von sich aus zu mehr Befreiung und Beteiligung des Einzelnen führen, wird fröhlich prophezeit. Ich bin skeptisch, nicht nur wegen der faktischen Fragmentierung des vielbeschworenen Netzes und seiner „Netzkultur“ („network in a bottle„). Denn das, was uns heute wie ein „Quantensprung“, nämlich der Lösung des Menschen von seinen natürlichen, evolutionär bedingten Entwicklungsmöglichkeiten vorkommt, könnte sich später als reiner Trugschluss erweisen. Die wirkliche „Lösung“ der Menschheit von seinen naturhaften Festlegungen und Begrenzungen begann viel früher, damals, als der Jäger und Sammler zum Ackerbauern wurde und seine eigene Reproduktion exponential wachsen konnte: Das Gehirn erwies sich bei dem von der Natur nicht eben besonders wehrhaft ausgestatteten homo sapiens als die effektivste „Waffe“, die es je gegeben hat. Aber das ist eine (spannende) andere Geschichte. Sie hat nur in einer bestimmten Hinsicht (Gehirn) etwas mit Evolution, dafür aber sehr viel mehr (Kultur) mit Geschichte und Geschichten zu tun. Auch die heutige Technik ist viel spannender, wenn  sie als „Geschichte“ erzählt wird…

 17. Juli 2012  Posted by at 11:13 Evolution, Geschichte, Kultur, Netzkultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Evolution – Kultur – Technik