Mrz 172017
 

Elite ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Der Begriff ist im aktuellen medialen Gebrauch eindeutig negativ konnotiert. Er bezeichnet nicht einfach eine Gruppe besonders qualifizierter, also ‚herausragender‘ (= eligere) Personen, sondern unterstellt einer solchen nicht näher bestimmten Gruppe einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung – wenn nicht sogar auf die ganze Gesellschaft. Elite steht für Abgehobenheit, Arroganz, Unkenntnis der Situation des normalen Bürgers bzw. des ‚kleinen Mannes‘, – in den politischen Reden von Martin Schulz ist es „der hart arbeitende Mensch“. Elite ist die Negativfolie für den Durchschnittsbürger, dessen Sprachrohr man mit dieser Kritik zu sein glaubt. Zugespitzt findet sich diese Umdeutung des Begriffs Elite in der Verächtlichmachung der Politiker/innen („die da oben“), der Presse („Lügenpresse“) und der Behauptung, selber „das Volk“ zu vertreten. Aber Elite als negativer Streitbegriff ist längst zu einem allgemeinen Topos gesellschaftlicher Kritik geworden. Da hilft es nicht, nach Unterscheidungen zu fragen, welche Elite denn gemeint ist, die Funktionselite, die Geldelite, die Bildungselite, die Machtelite, die Sportelite, die Finanzelite usw. Von Geburtselite ist allerdings gar nicht mehr die Rede, obwohl die Ungleichheit qua Geburt in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Elite ist heute ungefähr so pauschal und negativ wie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Begriff „Establishment“ (siehe zum Elite-Begriff den Wikipedia-Artikel).

„Establishment“ bezeichnete damals die konservative politische Führung samt Wirtschaftsbossen, Springer-Presse und Professoren sowie Richtern mit ihrem „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“. Der Kampf gegen das Establishment geschah mit aufklärerischem Pathos und linker, egalitärer Absicht. Noch die RAF bediente sich dieser antibourgoisen Ideologie pseudomarxistischer Couleur zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten. Der Wahlsieg Willy Brandts 1972 brachte zum ersten Mal so etwas wie das Anti-Establishment demokratisch an die politische Macht. Ein Reformsturm fegte durch die Flure des Establishments, so hofften viele, und in der Bildungsreform geschah ja auch einiges. Es war das Pathos eines Aufbruchs aus dem Mief und der Verlogenheit einer gerade wieder saturierten Nachkriegsgeneration, die mit Vergangenheitsbewältigung nicht viel am Hut hatte. Kiesinger, Globke, Filbinger und viele andere Politiker vor allem aus der CDU hatten eine reiche Nazivergangenheit. Die Kritik des Establishments der westdeutschen Republik in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte etwas in Bewegung, was trotz vieler Auswüchse die Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik offener, freier, unverkrampfter, ’sozialdemokratischer‘ und vor allem geschichtlich sensibler machte. Erst auf diesem Hintergrund konnten nach der Wende die späten Kohljahre, trotz der politischen Leistung der „Wiedervereinigung“, so bleiern und erstarrt erscheinen.

Einer der geistigen Wegbereiter und Wegbegleiter dieser Zeit war und ist Jürgen Habermas, welcher der aufklärerischen Luft der Frankfurter Schule und ihrer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ entstammt. Sein in vielen Jahren ausgearbeitetes und auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse reagierendes  Konzept einer herrschaftsfreien Kommunikation reklamiert die Basis einer für alle Teilnehmer gleich verbindlichen deliberativen Rationalität in einer demokratischen Öffentlichkeit. Seine rationale Diskursethik setzt darauf, im fairen Austausch von Gründen und im Offenlegen von Interessen und Meinungen die gemeinsame Sache gesellschaftlicher Kommunikation zu einem die Gesellschaft zugleich befreienden und befriedenden Prozess zu machen. Bis heute ist seine Stimme eine kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen im Namen aufgeklärter Rationalität und säkularer Liberalität. Ich verweise auf Habermas, weil er gewiß nicht der einzige, aber einer der politisch und kulturell bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands ist. Er hat die vergangenen Jahrzehnte in seiner engagierten Weise begleitet und geprägt. Aktuell betritt er im Vorwahlkampf erneut die politische Bühne der Öffentlichkeit (siehe seine Diskussion mit Sigmar Gabriel.)

Multikulti stoppen

Multikulti stoppen (c) bpb

Der Hinweis auf Jürgen Habermas kann besonders klar verdeutlichen, was es heute mit der wohlfeilen Kritik der „Eliten“ auf sich hat. Sie geschieht auf einem Hintergrund, der in krassem Widerspruch steht zu den Positionen einer kritischen Gesellschaftstheorie, die sich aufgeklärter Rationalität verpflichtet weiß. Es ist der „linksliberale Mainstream“ der vergangenen Jahrzehnte, dem im Kampf gegen die Eliten endgültig der Garaus gemacht werden soll. Rationalität und Aufklärung sind out, Gefühl, hate speech, Populismus sind dafür in. Nicht reale Ungleichheit ist wichtig, sondern die gefühlte, nicht konkret benannte Ungerechtigkeit wird diskutiert, sondern das eigene Gefühl der Betroffenheit, nicht tatsächlicher Ausschluss von Aufstiegschancen wird problematisiert, sondern vermeintliches Abgehängtsein, nicht rational überprüfbare Fakten spielen in der öffentlichen Diskussion eine Rolle, sondern Meinungen, Stimmungen, Emotionen. Der Echoraum der „Sozialen Medien“ macht dies in beliebiger Verstärkung und Schrillheit sichtbar. Viele dieser Themen erscheinen in ihrer medialen Repräsentanz verzerrt und bekommen ein Gewicht, das einer Überprüfung anhand der wohl abgewogenen Fakten kaum standhält. Weder sind der Islam noch die Flüchtlinge noch Unterprivilegierung in einem solchen Ausmaß festzustellen, wie es der Dominanz dieser Themen in der Öffentlichkeit entspricht. Angst vor Überfremdung, vor Terrorismus, vor Einbrüchen, vor Verlusten durch die Globalisierung und vieles mehr vergrößern tatsächliche Phänomene und Probleme ins Überdimensionale – in einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich und sozial so gut geht wie lange nicht mehr. Die öffentliche Diskussion kann diese diffusen Ängste nicht mehr kanalisieren und rationalisieren, sondern befeuert sie durch mediale Aufwertung (Talkshows). Die Gesellschaft, die sich in Teilen lautstarken Populisten öffnet, will mit ihren Stimmungen und Befindlichkeiten als bislang unterdrückte Stimme gehört und beachtet werden. Eine rationale und liberale Diskussionskultur erscheint bei diesen Erwartungen als Hohn einer abgehobenen „Elite“ derer, denen „das Volk“, sprich die jeweiligen Stimmungen und Meinungen, egal sind. Vieles, insbesondere in der Gender-Diskussion, mag überzogen ‚korrekt‘ und vor allem mit der selbstsicheren Attitüde der moralisch Überlegenen vorgetragen sein, – heute aber gilt dies als neumodisches Geschwätz, dass durch „Tacheles-Reden“ endlich beiseite geschoben werden soll. Vermeintliche neue Offenheit („Das wird man ja noch sagen dürfen“) ist aber nur die Maske eines dumpfen Gefühls, das sich absichtlich einer rationalen Einvernahme und Befriedung entzieht. Jede ernsthafte Diskussion wäre ja nur wieder ein erneuter Triumph der „Eliten“. Den neuen Rechten und ihren populistischen Strömungen geht es genau darum: Den links-liberalen und aufklärerisch-rationalen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu beenden und ein Rollback von Nationalem, Völkischem und Irrationalem („Reichsbürger“) zu fördern. Die Offenheit von Kultur und Gesellschaft wird im Heimatkitsch erstickt: statt Globalisierung und offener Gesellschaft Eskapismus hinter nationalistischen Mauern.

Darum ist das derzeitige Erstarken des Populismus und Autoritarismus mit dem Eliten-Bashing nicht nur ein irgendwie merkwürdiges politisches Phänomen, das man mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis nimmt. Es ist auch nicht damit getan, es vorschnell zu erklären mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in manchen Regionen oder mit einer behaupteten sich weiter öffnenden Einkommensschere oder mit einem wachsenden Prekariat oder mit der Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg oder mit der Selbstgefälligkeit vieler Politiker oder, oder, oder. Das mögen im Einzelnen alles Punkte berechtigter Kritik sein, aber die gab es auch schon vor dem Erstarken des Populismus und vor der Ankunft der Flüchtlinge. Was da rumort, ist etwas anderes, tiefer Sitzendes: Das Ressentiment gegen die aufklärerische Vernunft, gegen Abwägung, Ausgewogenheit, Fairness, Differenzierung. Damit einher geht oft auch eine Abwertung der Intelligenz, der Studierten (es werden ja immer mehr…), eben derjenigen, denen man sich zumal im Prozess der Digitalisierung und Vernetzung unterlegen fühlt. Mit Fäusten und Geschrei aber macht man sich dagegen stark – und lautstark Stimmung. Es ist das dumpfe Aufbegehren gegen eine sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaft, gegen eine globalisierte Wirtschaft, gegen zunehmende Rationalisierungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Nur die Jungen und Erfolgreichen kommen da noch mit, – so behaupten es diejenigen, die sich überholt und zurückgelassen wähnen. Dabei ist die Verweigerung der Vernünftigkeit des offenen Gesprächs, des Sicheinlassens auf Veränderungen, neue Bewegungen, Kulturen und Horizonte und das damit einhergehende Sichabschließen in einer vermeintlich heilen Welt dessen, was schon immer so war, die größte Gefahr und die größte Illusion zugleich. So feiern alte Ideen von Nationalismus, Volk und autoritärem Führertum in einer simplen Schwarz-Weiß-Welt fröhliche Urstände. Wir hatten das alles schon vor knapp 100 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt vergleichbare Entwicklungen, die Motive aus der Vergangenheit (Nazis) aufgreifen und neu gemixt zu einer gefährlichen Melange werden lassen.

Darum gilt es, nachdrücklich für die aufgeklärte Vernunft zu streiten und mit aller Geisteskraft und Phantasie nach wirklichen Alternativen zu suchen für eine Welt, die nicht in der Dummheit und Arroganz eines globalisierten Kapitalismus und Ökonomismus versinken darf.


Ich verweise auf einen Artikel vom September 2016 in der ZEIT:

Populismus lässt sich nicht durch Verführung erklären, sagt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller. Ein Gespräch über die gefährliche Kraft gegen jeglichen Pluralismus

„Der Spuk geht nicht so schnell vorbei“

Jun 192013
 

Unsere Vernunft, die Ratio, ist ein mächtiges Werkzeug. Sie stellt Möglichkeiten bereit, die Welt als geordnet zu erkennen und mit Hilfe fester Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben. Seit mehr als zwei Jahrtausenden, jedenfalls solange wir schriftliche Zeugnisse haben, stellen Menschen ihre Vernunft in den Dienst der Welterkenntnis. Zunächst einmal war die Entwicklung der Ratio ein überlegenes Instrument zur Sicherung der Existenz und des Fortbestandes der eigenen Art. Beim Nahrungserwerb (Jagd, Ackerbau), bei der Behauptung und Verteidigung von geeignetem Lebensraum und bei der Nutzung von Vorteilen für die eigene Gruppe (Familie, Clan) konnte vernünftiges Handeln durch das Verfolgen von Strategien und durch Zweck-Mittel-Abschätzung das Erreichen von gewünschten Zielen sichern. Aber zugleich erwies sich die Vernunft auch als ein unerhört mächtiges Mittel, die Welt zu erkennen und ihre Ereignisse zu begreifen. Im Verlauf der Geschichte setzte sich die Vernunft immer mehr als einziges Mittel, als einzig legitime Weise der Welterkenntnis und der Weltbemächtigung durch. Ihr steht das magisch-symbolische Weltverhältnis gegenüber, wie es sich unter anderem in Religionen Ausdruck verschafft. Aber dieses „Verhalten zur Welt“ hat seinen ursprünglichen Anspruch, zugleich auch die Welt in ihrem Wesen zu erkennen, weitgehend eingebüßt. Die Vernunft hat heute das Monopol, das Funktionieren der Welt angemessen zu beschreiben. Sie tut dies mit Hilfe der unterschiedlichen Wissenschaften, die methodisch nachprüfbar die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Welt- und Lebensbereiche aufzuweisen suchen. Die wissenschaftlich geschulte und methodisch eingesetzte Vernunft ist dabei ungeheuer erfolgreich gewesen. Sie ist sozusagen der dickste Knüppel, um dem großen Sack der Geheimnisse dieser Welt zu Leibe zu rücken. Der universale Anspruch der Vernunft auf Welterkenntnis und Welterklärung und in der Folge auch auf Weltbemächtigung besteht also aus guten Gründen. Die Ratio ist schlicht die erfolgreichste „Allzweckwaffe“ des homo sapiens.

Ein Problem besteht nun nicht darin, dass dadurch die religiös-mythologische Weltdeutung entwertet würde. Diese behält ihren Platz und ihr Recht durchaus in ihrem eigenen Bereich der unmittelbaren, emotional-sensitiven Welterfahrung. Wer die Bedeutung der Emotion, Empathie, Sensibilität verkennt, übergeht einen wesentlichen Bereich menschlichen Lebens, wie er sich etwa in Mystik und Kunst ausdrückt. Das Problem besteht vielmehr im Gebrauch der Ratio selber. Zu fragen ist nämlich nach der Rationalität der machtvollen Ratio, – ersichtlich eine Metafrage. Welches sind die Bedingungen und Grenzen der Aussagekraft vernünftiger, d.h. wissenschaftlicher  Theoriebildung? Was können sie erklären und beweisen? Karl Popper hat in seinem „kritischen Rationalismus“ die Auffassung vertreten, jede wissenschaftliche Erkenntnis beruhe darauf, durch Falsifizierung unzureichende Theorien auszuscheiden und auf diese Weise ex negativo der Wahrheit näher zu kommen. Dies erklärt heutige wissenschaftliche Verfahrensweisen aber nur zum Teil. Denn de facto will Wissenschaft stets beweisen, also eine positive Aussage über Existenz, Struktur, Funktion usw. machen. Versuche am CERN wollen ja gerade nicht die Unmöglichkeit des Higgs-Bosons, sondern seine Existenz nachweisen, um die bisher geltende Theorie der Teilchen und ihrer Wechselwirkungen zu bestätigen. Nach dem, was man liest, scheint das auch nahezu gewiss gelungen zu sein. Unter Physikern besteht daher die Zuversicht, auf einem guten Wege zu einer GUT (Grand Unified Theory) zu sein, die die Gesamtheit der Elementarteilchen ebenso umfasst wie die drei bzw. vier kosmischen Grundkräfte (die Gravitation kann man als vierte Kraft bisher noch nicht mit den drei anderen vereinheitlichen). Letztlich geht es bei einer GUT oder gar bei einer TOE (Theory of Everything) immer um eine Rückführung (lat. reductio) der Vielfalt der Erscheinungen und Ereignisse auf wenige einfache Grundgegebenheiten: Teilchen, Kräfte, Strukturen, Gesetze. Ziel ist die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Komplexität auf der oberen Ebene der Wirklichkeit (Makro-Ebene) durch Reduktion auf die Grundgegebenheiten auf der untersten Ebene (Mikro-Ebene, hier Teilchenphysik). Der so erfolgreiche Reduktionismus ist daher faktisch zum leitenden Erkenntnisprinzip geworden.

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Dies Verfahren setzt sich ebenso erfolgreich in anderen Bereichen der Wissenschaft durch. So versuchen die Neurowissenschaften, die Phänomene und Funktionen der geistigen Tätigkeiten auf ihre neuralen Grundlagen zurück zu führen. Auch hier gibt es gewaltige Erkenntnisfortschritte. Die analytische Philosophie angelsächsischer Prägung ist intensiv damit beschäftigt, die empirischen neurologischen Befunde und die biophysischen Theorien auf der Ebene einer Theorie des Geistes (theory of mind) zu verarbeiten. Auch hierbei hilft die Methode der Reduktion, die Vereinfachung und Rückführung in diesem Falle geistiger Fähigkeiten auf ihre neurale Basis (Korrelate) erfolgreich darzustellen. Grundlage des Reduktionismus ist stets ein methodischer (und meist auch ein ontologischer) Materialismus. Wir „sind“ mit unserer Ratio nichts anderes (‚nothing but‚) als Strukturen und Funktionen eines ungeheuer komplex-molekularen Zusammenhangs von Nervenzellen, so wie der Mensch als Ganzes Resultat eines Zusammenspiels biophysischer Strukturen und Prozesse ist. Noch einmal: Dies Verfahren und diese wissenschaftliche Methode ist unglaublich erfolgreich. Der ontologische Reduktionismus ist im Ergebnis jedem metaphysischen Dualismus überlegen.

Das Problem ist aber dadurch nicht beseitigt. Das Problem ist so komplex, wie die Sache, um die es geht. Das Problem besteht darin, dass man zum rationalen Erkennen und Begreifen von Erscheinungen in der Welt jeweils ein Modell braucht, eine erste Theorie, aufgrund derer überhaupt erst Hypothesen aufgestellt, Experimente durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen werden können. Jedes Theoriemodell beruht auf bestimmten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Prinzipien. Besser ist es, sie offen zu legen, aber oftmals scheinen diese Prinzipien so selbstverständlich zu sein, dass darüber kein Wort verloren wird. Die wissenschaftlich formulierte, rational begründete Theorie, welche auch immer, geht von etwas aus und zielt auf etwas anderes ab. Das, worauf abgezielt wird, ist stets davon abhängig, was man als Ausgangspunkt gewählt hat. Im logischen Schlussverfahren ist eine petitio principii ‚verboten‘, weil vorausgesetzt wird, was zu beweisen ist. Wissenschaftliche Theoriebildung aber verfährt grundsätzlich auf der Basis einer petitio principii: Die Voraussetzung, der Geltungsrahmen und die angenommene Funktionsweise (Gesetzlichkeit) bestimmen das Ergebnis. Dies ist kein Verfahrensfehler. Dies ist innerhalb wissenschaftlicher Theoriebildung unvermeidlich. Die angenommenen Voraussetzungen mögen plausibel und gut begründet und bewährt sein, sie sind letztlich nicht ableitbar und werden von der theoretischen Vernunft (voraus) gesetzt. Zumindest sie selbst, die Funktionsweise der Ratio selbst, muss voraus gesetzt werden. Und welcher Art Ratio dann angewandt wird, kann  auch noch einmal streitig sein (deduktiv, intuitiv, inferentiell). Geht man von der Möglichkeit erkenntnismäßiger Reduktion als Weg zur Welterkenntnis aus, dann werden auch nur Ergebnisse folgen und anerkannt werden, die dem reduktiven Ziel entsprechen. Der Schritt von der epistemischen zur ontologischen Reduktion ist dann nur noch ein kleiner, wenn nicht unmittelbar das Erkannte selbst als wirklich fest gestellt wird.

Ein zweiter Aspekt des Problems betrifft das Verfahren, komplexe Verhältnisse auf der Makro-Ebene durch einfachere Verhältnisse auf einer Mikro-Ebene reduktiv zu erklären. Vorausgesetzt wird dabei, dass bei diesem Wechsel der Ebenen  nichts verloren geht. Der Einwand bezieht sich nicht nur auf den bekannten Satz des Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, indem ein zusammen gesetztes Ganzes anders funktionieren könne als jedes seiner Teile. So formuliert ist es eine Trivialität. Natürlich ist zum Beispiel eine mechanische Uhr funktional „mehr“ als bloß die Einzelfunktion ihrer Zahnräder und Federn. Das Entscheidende des Problems liegt darin, dass jede Ebene der Wirklichkeit ihre eigenen Organisationsprinzipien und Funktionsgesetze hat. Beim Wechsel der Ebenen, bei der Reduktion also von oben nach unten, wird auf jeder Stufe von den Funktionszusammenhängen, also von der essentiellen Organistaionsweise der nächst höheren Stufe abgesehen. Betrachtet man in der Molekularbiologie die Arten und Strukturen der vorfindlichen Moleküle, so arbeitet man innerhalb eines ganz anderen Bezugsrahmens als zum Beispiel der Zellbiologe, der die Verhaltensweise von Zellen und Zellverbänden untersucht. Die jeweilige Ebene der wissenschaftlich erforschten Wirklichkeit hat ihre eigene spezifische Organisation und Funktionalität, die auf der reduktiv darunter liegenden Ebene bewusst ausgeblendet wird, sonst wäre ja keine vereinfachende Reduktion erreicht. Die Frage ist aber, ob bei dieser Reduktion nicht gerade das Entschiedende, Spezifische der höheren Koomplexitätsebene verloren geht, dass somit also durch die Reduktion gar nicht mehr die zunächst untersuchte Entität (das vormalig organisierte „Ganze“) in den Blick kommt. Auch dies ist kein methodischer Fehler, sondern liegt in der Sache des reduktiven Ansatzes selber begründet. Dass auf der unteren basalen Ebene der untersuchte Gegenstand / Prozess noch derselbe ist wie der komplex organisierte, bleibt bloße Behauptung. Am Beispiel Hirnforschung: Dass ich durch die Rückführung der geistigen Prozesse auf neurale Funktionen tatsächlich noch die geistigen Funktionen und nicht irgendein anderes Substrat vorfinde, bleibt Behauptung. Sie liegt bereits im Ansatz (petitio) der wissenschaftlichen Methode des Reduktionismus begründet.

Schließlich: Kann rationales Denken auch anders als reduktionistisch verfahren? Kann es andere Wege wissenschaftlich erfolgreicher, d.h. erklärungsfähiger Methoden geben, die der auf jeder Ebene zunehmenden Komplexität und Organisation der höheren Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden? Danach wäre zu suchen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat durch seine Interpretation des Entropiegesetzes als stete Zunahme von Information, also insbesondere durch Organisation und Struktur, einen interessanten Weg gewiesen – ein Ball, der in der Wissenschaftstheorie bisher kaum aufgenommen worden ist. Die Suche nach Alternativen in Ansatz und Methodik ist deswegen unerlässlich, weil es die Bedingungen der Ratio sind, dass jede Methodik eine ‚einseitige‘ Festlegung beinhaltet. Dieser rationalen Grenze der Rationalität lässt sich nicht entkommen, aber man kann ihr entgegenwirken durch eine Vielfalt der Methoden, also der Wege, die Welt vernünftig zu begreifen und zu gestalten. Wissenschaft braucht Pluralität, um nicht ideologisch zu versteinern. Der bisherige Siegeszug des Reduktionismus und des wissenschaftlichen Materialismus beruht in der Tat auf grandiosen Ergebnissen. Diese allein rechtfertigen aber nicht, die Rückfrage nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu unterlassen, die der jeweiligen Theoriebildung zugrunde liegen. Wer weiß, vielleicht bringt einmal eine mehr (ja, wie soll ich es nennen?) „synthetische“ Herangehensweise zum Verständnis von Komplexität noch bessere und adäquatere Ergebnisse. Schließlich wären große wissenschaftliche Erkenntnis ohne die Intuition ihrer Entdecker *) kaum wirklich geworden.

*) Es gab einen schönen Vortrag von Ernst Peter Fischer, Die Nachtseite der Wissenschaft, als DVD leider vergriffen.

 

 19. Juni 2013  Posted by at 13:14 Philosophie, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ratio – Rationalität