Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art „déjà vu“ – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit „Occupy wallstreet“ im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der „Piraten“ bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des „Web 2.0“ war zumindest medial – wie heißt es so schön? – ‚in der Mitte der Gesellschaft‘ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der „Arabische Frühling“ eine „Twitter – Revolution“ gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen „Transparenz“, „Teilhabe“, „Kontrollverlust“, „Liquid democracy“ (=“neues Betriebssystem“ des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften „Frische“ der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber – anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt – und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen „Internet-Gemeinde“: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war („Gipfeltreffen“), rückte das Thema „Internet“ und „social media“ als gleichsam „weiches“, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches „Spielzeug“, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der „digital natives“, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben „Nerds“, „Spackos“, „Piraten“ waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer „evolutionären“ Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‚herrschaftsfreien Interaktion‘, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß „instrumentellen Vernunft“ im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das „normal-elitäre“ Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um „lupenreinen“ Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein „neues“, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die „digital natives“, die sozialistische Bewegung ist nun die „Netzgemeinde“, statt „bürgerlich“ heißt es „analog“ oder „offline“, und der schlimmste Vorwurf, der einst „Faschisten“ lautete, heißt heute „Technikfeind“ oder „Verweigerer“: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als „faschistoid“, so gilt eben heute das beharrende Element als „technikfeindlich“. Aus dem Zauberwort „sozialistisch“ ist das kürzere „digital“ geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue „Leitkultur“.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der „richtigen“ Seite der Entwicklung sieht („Evolution“ sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher „Dummen“ schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann „kritisch“ verhält, wenn es um die Diffamierung der „Bedenkenträger“ oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue „Wahrheit“ manifestiert sich im „Netz“, genauer im „Schwarm“, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation „X“ der „digital natives“ geworden ist. Nicht so sehr die „cloud“, die „crowd“ wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der „Piraten“ doch tatsächlich jede Menge ergrauter „Revoluzzer“ aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, „instant“ eben. Das Wort „Hype“ kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne „Nerds“ und „Geeks“. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug „echte“ Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei „Künstliche Intelligenz“ helfen kann, ok  – aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von „New Republic“) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Posted by at 13:12 Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Déjà vu ’68
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel „Hirnforschung“ oder „Schöpfung und Evolution“. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema „Web 2.0 – Welt 2.0“ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der „Szene“ bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die „anderen“ Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas „Internet und Web 2.0“ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: „Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.“ So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die „Twitter-Revolution“ in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 „aktive“ Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven „Netzwerkern“. Die allerdings „machen Meinung“ und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des „Web 2.0“ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl „aktiver“ Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was „aktive Facebook-Nutzer“ sind. Dazu heißt es: „Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.“ Was heißt „interagiert“? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen („Freunden“) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige „Zeitungssterben“ zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

„Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).“ (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der „Netz-Lupe“ nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‚turn‘ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also „lernt“ uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des „Web 2.0“ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Web-Lupe
Jan 082012
 
Die derzeitige Bedeutung der Sozialen Medien wird weit überschätzt. Der Informationsgehalt von Weblogs und Diskussions-Plattformen ist oft gering und stellt überwiegend „Meinung“ dar. „Wissen“ wird schon alles genannt, was ungeprüft aus zweiter Hand übernommen wird. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

Social media ist in aller Munde – liest man, denkt man. Zumindest wird in den vergangenen Monaten hierzulande sehr viel öfter darüber geschrieben und diskutiert als sagen wir mal im Jahr 2010. Dass die Rebellionen in den nordafrikanischen Staaten eine neue Art Revolution geboren haben, nämlich die Twitter-Revolution, dass soziale Medien wie Facebook und Twitter die Welt schneller verändern, als es das Fernsehen je konnte, dass mit den neuen Kommunikationsstrukturen die Institutionen der alten „analogen“ Welt völlig überrollt und überflüssig würden, ja dass eine neue Form direkt partizipierender Demokratie möglich und teilweise schon wirklich würde, siehe die „Piraten“ mit ihrer „liquid democracy“, die alle Mängel der „abgewirtschafteten“ parlamentarischen Formen und Parteien beheben werde, dies alles gehört zu den weithin verbreiteten Ansichten „im Netz“: Jeder kann mit machen, „end to end“ kommunizieren anstatt auf die Vermittlung von eindimensionalen Medien und papiernen Stimmzetteln angewiesen zu sein. Wissen strukturiere sich neu, die „Cloud“ ermögliche nun die instant Verfügbarkeit aller nur irgendwie und irgendwo erwünschten Informationen, und dies alles gehe so schnell vonstatten, dass wir den epochalen Umbruch kaum richtig merkten, er aber faktisch vorhanden sei. „Ich kann mir ehrlich gar nicht vorstellen, wie die Wissenschaft in ihren überfrachteten Strukturen da je auf einen Nenner kommen will. Die Welt ist viel zu schnell geworden für Doktorarbeiten.“ So heißt es sehr typisch in einem Blog.

Überhaupt die Weblogs. Obwohl auch hier vereinzelt darüber räsonniert wird, sie entsprächen von ihrer Struktur her noch viel zu sehr den „alten“ unidirektional verlaufenden Kommunikationen und seien daher den Threads in Medien wie Google+ unterlegen bzw. dadurch bald ablösbar, so repräsentieren Blogs doch bis heute neben den nicht zu unterschätzenden Themenforen überwiegend die Art der Meinungsbildung und -verbreitung im Internet. Blogs sind die Zeitung des „kleinen Mannes“, heißt es, wobei auf einzelne Beispiele verwiesen wird, wo Blogs tatsächlich an den Umfang und die Qualität von klassischen Medien heran reichen wie z.B. die „Huffington Post„, – wobei gerade dieses Beispiel zeigt, wie ein Blog zu einem klassischen Online-Medium und News-Portal mutiert ist (sehr interessant ist die Studie von Lisa Sonnabend:  Das Phänomen Weblogs – Beginn einer Medienrevolution?). Ohne Zweifel, es gibt eine Vielzahl interessanter und inhaltlich qualifizierter Blogs, insbesondere Themen-Blogs. Wirkliche „Perlen“ findet man aber wie so oft eher zufällig; es sind nicht unbedingt diejenigen Blogs, die das beste Ranking haben.

Und damit komme ich auch schon zur anderen Seite der Medaille. Es gibt eine unüberschaubare Menge an Blogs allein in deutscher Sprache, aber wenn man einige davon zufällig auswählt und eine Zeit lang verfolgt, dann fällt einem doch auf, wie wenig Information sie wirklich enthalten. Das Meiste ist eben doch Meinung, persönliche Ansicht, sind Gedankenfetzen, Ideen, Einfälle, aber ohne weitere Begründung oder auch später erfolgende gedankliche Ausformulierung. „Denken per Blog heißt: release early, release often. Man kann die Vorgänge nur iterativ begleiten, immer wieder zur Diskussion stellen, korrigieren, umdenken, denn die Ereignisse werfen schon morgen wieder die eine oder andere Annahme um.“ (M. Seemann alias mpr0) Genau das aber ist kein Nachdenken, sondern allenfalls ein oft recht wirres Assoziieren. Spontane Einfälle ersetzen eben nicht Denken, sondern nur Augenblicks-Empfindungen oder situativ entsprungene Ansichten. Die dadurch entstehende Information hat einen sehr geringen und flüchtigen Gehalt. „Iterativ“ heißt eben auch: kommt und geht schnell. Mit Wissen und seinem Erwerb und seiner Verarbeitung hat das wenig zu tun. Ich gebe zu: Wissenserwerb ist mühsam, nicht so einfach spontan und nur kreativ zu machen! Hier aber wird „Nachdenken“ zur naiven Mitmach-Aktion. Eben dies spiegeln viele Blogs und erst recht „Diskurse“ auf Netzplattformen wie Google+. Die Anführungszeichen deswegen, weil ich dort das, was man bisher unter Diskurs (= ein ernsthafter, gedankliche anstrengender Austausch von begründeten Argumenten) versteht, so gut wie noch nie gefunden  habe.

Das angeblich jetzt überall frei verfügbare Wissen ist eine weitere Fiktion. Was ist denn dieses Wissen, das zum Beispiel bei Wikipedia (nutze ich viel und gern zum ersten Überblick) abrufen kann? Es ist in der Regel „zweiter Aufguss“, d.h. Darstellung vom Wissen und wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen anderer. Dazu ist ein Lexikon ja auch da. Bei Themen-Portalen und Themen-Blogs ist das genau so, oft noch stärker: Da wird woanders erworbenes Wissen meist vereinfacht online dargestellt. Wissen selbst aber gewinnt man nur durch intensives Studium von Quellen, von Originaltexten oder aus Veröffentlichung von experimentellen Verfahren und Ergebnissen. Diese sind wiederum so gut wie nie „frei verfügbar“. Außerdem würden sie nur von sehr wenigen verstanden. Das Internet ist also kein eigentlicher Wissensspeicher, sondern ein weites Feld populärwissenschaftlicher Vereinfachung – bestenfalls. Denn meist findet sich dort neben allerlei Abstrusem (jedem Tierchen sein Pläsierchen) persönliche Meinung und eigene Ansichten. Das ist völlig ok und mag auch zur eigenen Meinungsbildung beitragen. Aber es ist kein grundlegendes Wissen, es ersetzt schon gar nicht die eigene Lektüre und gedankliche Aufarbeitung eines bestimmten Themas. Auch dies macht Mühe und braucht Zeit – beides ist aber ein Luxus, den sich das schnelllebige Netz mit seinen „Netizens“ nicht gönnt. Statt dessen wird viel „Unterhaltung“ geboten, und wenn sie gut und kreativ ist, dann ist das ja auch etwas Positives.

Ich bleibe noch einmal kurz bei der These, das Netz ersetze jetzt schon traditionelle Zeitungen und Nachrichtenmedien wie Radio oder Fernsehen. Abgesehen davon, dass ich das zahlenmäßig überhaupt nicht realisieren kann (siehe unten), möchte ich aus eigenen Erfahrung auf Zeitungen und auf die Kompetenz von Journalisten und Redakteuren keinesfalls verzichten. Die Zeitung muss nicht auf Papier sein, lieber sind mir Online-Ausgaben, egal ob kostenfrei oder im Abo (diese sollten aber, wenn sie den redaktionellen Volltext bieten, deutlich preisgünstiger sein als bisher). Kein Blog oder mir bekanntes News-Portal, das nicht mit der Professionalität einer Zeitungsredaktion ausgestattet ist, kommt auch nur annähernd an die Qualität der Informationen letzterer heran. Twitter mag sehr viel schneller und manchmal aktueller sein, aber erstens ist Schnelligkeit nicht alles, was ich erwarte, und zweitens sind auch Online-Redaktionen lernfähig, wie sich zeigt. Gründlichkeit der Recherche, eigene unabhängige Beobachter und Reporter vor Ort (Syrien!), vor allem dann Hintergrundinformationen und davon unterschieden bewertende Analyse des Geschehens sind wesentliche Teile von gehaltvollen Newsmedien. Ich jedenfalls möchte darauf nicht verzichten. Ich möchte möglichst viele Fakten zu einem mich interessierenden Thema erfahren und Gründe, die zu meiner Meinungsbildung führen, nachprüfen können. Nur dann ist ein eigener, selbstbewusster und kritischer Umgang mit Nachrichten möglich. Sonst sind es halt nur schnelle „news“, deren Meldung als solche irgend eine Wirklichkeit „reflektieren“, die aber erstens schnell vergessen wird, zweitens mit den tatsächlichen Gegebenheiten nicht abgeglichen werden kann und soll. Dann stimmt McLuhens These „the medium is the message“ – aber diese message ist eigentlich ohne Informationsgehalt. Darauf kann man gerne verzichten. Eben so wie ich auf 95% der Tweets verzichten kann, sie haben null Info. Der Spaßfaktor kann hoch sein, aber das ist ein anderes Bewertungskriterium. Begründete Meinung und sachlich fundierte Diskussion sind in Blogs und Foren auch selten zu finden. Deswegen die vielen Blogs zu durchforsten ist, als suche man die Nadel im Heuhaufen. Auch darauf kann ich gerne verzichten. Wie schrieb jüngst jemand bei Twitter? „Mit Wissenschaft hat es Social Media nicht so.“

Schlussendlich: Um wen geht es bei den Netznutzern, den Schreibern und Lesern von Blogs und Twitter und G+ eigentlich? (Facebook lasse ich hier unberücksichtigt, weil das aus meiner Sicht eine eigene Kategorie von Medium zur Selbstdarstellung und sozialen Verknüpfung der eigenen Person ist.) Es ist trotz beeindruckender Zuwächse doch nur eine noch marginale Minderheit in unserem Land. Die Google+ Nutzerzahl in Deutschland liegt bei unter 1 Million laut nicht überprüfbarer Angabe im Googleplusblog, wobei unklar ist, wieviele davon regelmäßig aktiv sind. Bei Twitter sind es nur 500.000 Accounts laut Socialmedia-Blog. Auch dies nur als ungefährer Anhaltspunkt, da die Zahlen nicht verifizierbar sind bzw. die Account-Angabe noch wenig über die tatsächliche Nutzung aussagt. Dafür wären genaue demoskopische Untersuchungen nötig; mir ist dazu noch keine bekannt, allenfalls zur Internetnutzung im Allgemeinen. Diese Größenordnungen der User von Social Media bei uns stellen also im Vergleich zur Reichweite von Radio, TV und sogar Tageszeitungen (48 Millionen Leser täglich laut die-zeitungen.de) nur einen Bruchteil dar. Bevor man da von tiefgreifenden Veränderungen oder „Internet-Revolution“ sprechen kann, muss also noch sehr viel Wasser den Rhein, die Elbe, die Oder und die Donau hinunter fließen.

Fazit: Die Bedeutung von Sozialen Medien wird derzeit weit überschätzt, am meisten von den Nutzern derselben, was ja kein Wunder ist. Dass sich da etwas tut und langfristig verändert, steht außer Frage. Aber in welche Richtung die Entwicklung geht und was davon wirklich wünschenswert und positiv ist, ist noch offen und außerdem natürlich Ansichtssache. Jedenfalls wäre es schon nicht schlecht, wenn sich die selbsternannten Gurus des Internet-Zeitalters etwas mehr Bescheidenheit angewöhnen würden und vor allen Dingen eines tun, was beim schnellen Texteingeben und Absenden fast immer zu kurz kommt: Erst nachzudenken und dann zu schreiben. Das Internet wäre um sehr viel überflüssigen Mist ärmer. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

 8. Januar 2012  Posted by at 11:14 Internet, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media – eine Pseudowelt?