Okt 072017
 

Wir unterliegen einem rasanten Wandel wie nie zuvor, gesellschaftlich, politisch, technologisch usw., so liest man. Kaum eine Zeitbeschreibung oder Ortsbestimmung insbesondere nach der jüngsten Bundestagswahl kommt ohne diese Floskel vom „rasanten gesellschaftlichen Wandel“ aus. Plötzlich werden neue Mauern in der Gesellschaft entdeckt, digitale Umwälzungen konstatiert, politische Unsicherheiten und kulturelle Infragestellungen, die offenbar ganz neu sind und auf einmal kumulativ aufzutreten scheinen, so dass „die Welt aus den Fugen geraten“ ist – noch solch eine beliebte Metapher. Je öfter ich das lese, desto mehr muss ich mich wundern – über die allzu große Vergessenheit und über die Lust am finalen Drama. Das trifft dann laut vielfacher Klage besonders die „Abgehängten“, „Verlierer“ und von „Heimatlosigkeit“ Bedrohten – und schon hat man ein alles erklärendes (und vereinfachendes) Narrativ zur Hand.

Dass die Welt im steten Wandel begriffen ist, das ist keine neue Erkenntnis. Sogar die Bemerkung, nichts sei beständiger als die Veränderung, kann kaum mehr als besonders originelles Bonmot gelten. Diejenigen, die so viel oder gar zu viel Wandel feststellen, meinen also offenbar, dass der Wandel heute besonders intensiv, die Veränderungen besonders tief greifend und die geforderte Anpassungsfähigkeit besonders groß sei, womöglich „nie da gewesen“ sei – superlative Zuspitzungen sind nicht nur bei Herrn Trump beliebt. Die „rasante“ Ausbreitung des Internets und digitaler Techniken („disruption“) scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Wenn man allerdings nur wenige Jahrzehnte zurückblickt, werden einem die heutigen Veränderungen gar nicht mehr so außergewöhnlich erscheinen. Vermutlich ist es eine Form der gesellschaftlichen Vergessenheit, welche die (sozialen) Medien fleißig befeuern, wenn sie die „Umwälzungen“ der nicht mehr allerjüngsten Vergangenheit einfach übersehen oder aus dem Gedächtnis verlieren.

Was waren denn die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anderes als eine vollständige Veränderung aller Lebensverhältnisse – nach Nazifaschismus, Krieg, Zerstörung, mit Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen? Kann man sich heute überhaupt noch einen größeren Umbruch vorstellen als diesen? Es dauerte ein weiteres Jahrzehnt mit dem sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Vorsicht, ideologischer Begriff), dem zeitweise erfolgreichen Verdrängen des Naziterrors, der millionenfachen Opfer und der Tausenden von Tätern, die schnell adrett gewendet und „entnazifiziert“ einigen Siegermächten gerade recht kamen, um als neue „Elite“ im Kampf gegen den Bolschewismus zu dienen. Was für einen großen Wandel, und zwar gesellschaftlich und kulturell, bedeutete ab den sechziger Jahren die sexuelle Emanzipation, ausgelöst durch die „Pille“, die zu einer Entkrampfung der verlogenen und verdrucksten früheren Sexualmoral führte, dazu Ende der Sechziger die aufbegehrende Jugend, mit Rockmusik, Schwofen, flower power oder saturday night fever, und ihrem Angriff auf die Verdrängung der Nazidiktatur und ihrer Gräuel durch die (ältere) Kriegsgeneration. Was sich als Studentenrevolte artikulierte, war ja nur die Spitze eines tief greifenden Wandels der gerade erst restaurierten (klein-) bürgerlichen Lebensverhältnisse. Anfang der siebziger Jahre fing dann ein sozialdemokratischer Bundeskanzler (Willy Brandt, Regierungserklärung 1969) mit der Demokratie „erst richtig an“ – in wenigen Jahren hatte sich die bundesrepublikanische Gesellschaft, wie man heute sagen könnte, total gewandelt mit entsprechenden politischen Umbrüchen und neuen Parteien auf der Linken und nun auch wieder auf der Rechten. Was daran gerne nostalgisch als kulturelle Revolution der ‚Achtundsechziger‘ verklärt oder verleumdet wird, hatte einen auch ökonomisch relevanten Hintergrund: Die ersten Wellen der Automatisierung gelangten in die Großindustrie, „REFA-Leute“ waren der Schrecken der Belegschaften, weil es da um Rationalisierung und Arbeitsplatzabbau ging. Die aufkommende Forderung nach der 35-Stunden-Woche war auch darauf eine Reaktion. Im Ruhrgebiet, der Kernzone des industriellen Wiederaufbaus im Nachkriegsdeutschland, brach in den sechziger Jahren die Kohlekrise aus, und auf sie folgte die Stahlkrise und leitete den größten strukturellen Wandel einer Industrieregion ein (es betraf auch andere Regionen), den Deutschland (West) in Friedenszeiten je erlebt hat. Unsicherheit? Ängste um den Arbeitsplatz? Streiks? Heillose Brüche in den Biografien? Verlust der vertrauten industriellen und sozialen Umwelt? Was heute, 50 Jahre später, als schützenswerte Industriekultur gefeiert wird, als erfolgreiche Umgestaltung einer rußigen Industrielandschaft in eine grüne Kulturlandschaft, das bedeutete damals den Ruin ganzer Städte, den Abbruch ererbter Berufe („Steiger“), die Vernichtung von Qualifikationen und vertrauter Erwerbsbiografien ganzer Generationen. Wenn das kein tief greifender Umbruch war – jedenfalls sehr viel tiefer, als man ihn sich heute vorstellen kann.

Zeche Zollverein – (c) wikimedia commons

In diese Zeit fiel nicht nur die Mondlandung, sondern auch die Kubakrise und die reale Gefahr eines dritten Weltkrieges mit unvorstellbarem Vernichtungs- und Zerstörungspotenzial. Die Wolkenpilze des Wasserstoffbomben, die im Pazifik getestet wurden, kamen in schwarz-weißen Bildern in die Fernseher. Ach ja, muss ich noch etwas zur medialen Revolution schreiben, die mit dem Einzug des Fernsehens (und Telefons!) in alle Haushalte verbunden war, die dann den Begriff „Massenmedien“ hervorbrachten? Waren das etwa normale, ruhige Verhältnisse einer heute nostalgisch verfärbten Vergangenheit – die doch erst kürzlich stattfand, weniger als ein Menschenleben lang? Ich beschreibe ja nur die Zeit, die ich selbst erlebt habe. Dann die siebziger Jahre mit dem Terrorismus der RAF, die Reaktionen von Staat und Gesellschaft durch rigide Neuerungen im Recht – Baader / Meinhoff hatten Deutschland West im Griff und verwandelten die Gesellschaft. Zur Bedrohung durch den kalten Krieg von außen trat für die Nachkriegsgesellschaft die neue Erfahrung einer Bedrohung im Innern, Pershingraketen und Nachrüstungsdebatte taten ein Übriges. Alles ‚business as usual‘? Mitnichten – eine Kette von „disruption“! Das leitet nahtlos über in die Zeit des Zusammenbruchs und der Auflösung des Ostblocks, die letztendlich zur „Wiedervereinigung“ führte, dem größten denkbaren politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbruch vor allem im Osten, der ehemaligen DDR, den man sich denken kann. Die Folgen und Auswirkungen all dieser Umbrüche und „rasanten Veränderungen“ unserer jüngsten Vergangenheit sind mitten unter uns gegenwärtig.

Ich stoppe hier und wundere mich noch mehr. Diese knappe Vergegenwärtigung jüngster deutscher Geschichte mit ihren Umbrüchen und Veränderungen zeigt, dass wir erstaunlich geschichtsvergessen und aktualitätsfixiert sind und dadurch den heutigen „rasanten Wandel“ fehlinterpretieren oder auch überbewerten im Vergleich zu dem Wandel der jüngsten Vergangenheit. Tatsächlich erleben wir einen starken Wandel, erneut steht Vertrautes auf dem Spiel, ändern sich die Kategorien der Wahrnehmung und Beurteilung, treten neue Herausforderungen auf den Plan, die unsere Gesellschaft prägen und verändern. Diesen Wandel gilt es zu gestalten – auch eine Plattitüde – , ebenso wie die vorangegangenen Zeiten des Wandels bewältigt und gestaltet werden mussten. Der Prozess des ständigen Wandels und der erforderlichen Anpassung ist nicht einfach, die Digitalisierung macht manchen Probleme, die globale Veränderung produziert Gewinner und Verlierer, muss darum stets gesellschaftlich neu justiert, diskutiert und sozial abgefedert werden – aber dieser Prozess als solcher ist absolut nichts Neues. Er vollzieht sich fortwährend. Unsere Welt verändert sich („rasant“ für den Zuschauer), so wie sie es immer tat. Gewiss gibt es auch eine verstärkt globale Wahrnehmung und Sichtweise, die uns heute viel leichter möglich ist als früher. „Klimaveränderungen“ (wörtlich und als Metapher) sind global und verlangen globale Lösungen, machtpolitische Verschiebungen ebenso. Vielleicht ist es auch ein demografisches Phänomen, dass die zahlenmäßig stark gewordene ältere Generation sich um die Früchte ihrer Lebensleistung betrogen und die Fortdauer des vertrauten Deutschland bedroht sieht. Auch das war schon immer so. Wir sollten dem kein so großes Gewicht beimessen. Sich einzustellen auf den großen Wandel in der Welt fällt nicht immer leicht, und ein Blick zurück hilft uns in der Gegenwart nur sehr begrenzt, weil es die heutigen Fragestellungen und Aufgaben so eben früher nicht gab. Der Blick zurück ohne Vergessenheit relativiert aber einiges an Übertreibungen und auch an Ängsten. Wandel war schon immer, wir haben ihn bewältigt, mal besser, mal schlechter. Aber Dramatisierungen und Alarmismus helfen niemandem und keiner Sache. Wir sollten alles dafür tun, geschichtsbewusst und selbstbewusst die Veränderungen heute anzugehen.

Reinhart Gruhn

Jul 312016
 

Transformation einer Ära bedeutet eine Zeit des Übergangs mit offenem Ausgang – für Deutschland, für Europa.

Das Ende der Nachkriegszeit, also der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion 1989/1990 erreicht. So konnte man es seinerzeit lesen. Besonders aus deutscher Perspektive war mit dem „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ (1990) und der daraufhin erfolgten Wiedervereinigung die Zeit der Besatzungszonen und des Sonderstatus von Berlin endgültig vorbei, die rechtlichen Kriegs- und Nachkriegsfolgen beseitigt. Deutschland, so wurde verkündet, sei nun „nur noch von Freunden umgeben“. Dies war nur eine von vielen politischen Illusionen der Jahre nach 1990.

Das Ende des Kalten Krieges bescherte Europa alsbald einen heißen Krieg auf dem Balkan. Der Zerfall Jugoslawiens führte zu mehreren Kriegen (Jugoslawienkriege), in denen Jahrzehnte unter der Decke glimmende Konflikte ausbrachen und sich in schlimmen Menschenrechtsverletzungen austobten. Erst das Abkommen von Dayton 1995 brachte einigermaßen Ruhe auf den Balkan zurück, ohne jedoch die Konflikte wirklich zu lösen. Der Geogien- oder Kaukasuskrieg 2008 schien zwar nur weit entfernte Konflikte zu betreffen, aber es ging dabei auch um Europa, die NATO und die Erweiterung der Europäischen Union.

Dayton 14.12.1995 (c) Wikimedia from Clinton Library

Dayton 14.12.1995 (c) Wikimedia from Clinton Library

Die NATO-Osterweiterung blieb und bleibt ein andauerndes Problem, das zwischen dem Westen und Russland unterschiedlich beurteilt wird, zumal in Zeiten wachsender Spannungen. Fiel es der EU zu, die alten und neu entstandenen unabhängigen Staaten des früheren Ostblocks möglichst schnell auf (west-) europäische Werte zu verpflichten und in die Union zu integrieren, so trug doch das, was als entscheidender Stabilitätsanker gewollt war, zur Destabilisierung und Überdehnung der EU bei. Die internationale Finanzkrise 2007/2008 und die darauf folgende Schulden- oder Eurokrise 2010 zeigten die wirtschaftlichen Folgen einer auch politisch induzierten Fehlentwicklung. Über die Ursachen und Gründe wird bis heute sehr unterschiedlich diskutiert. Fakt ist, dass die Europäische Union mit dem Brexit 2016, also dem britischen Referendum gegen die weitere Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der EU, einen vorläufigen Höhepunkt der Desintegration und damit eine Sinnkrise der europäischen Einigung überhaupt erreicht hat.

Schon die Krimkrise 2014 endete bekanntlich mit der Besetzung der Krim durch Russland und ihrer Einverleibung in russisches Straatsgebiet. Die damit zusammenhängende Ukrainekrise seit 2014 erbrachte bislang eine faktische Abspaltung der Ostukraine und eine massive Verschlechterung der Beziehungen westlicher Staaten, insbesondere der NATO-Länder, zu Russland. Die weitere Verstärkung der Präsenz von NATO – Fähigkeiten in den osteuropäischen (neuen) Mitgliedsländern ist die unmittelbare Folge – Russlands Offenhalten des Ukraine-Konflikts als „Faustpfand“ ebenso.

Zwei wesentliche Prinzipien der europäischen Nachkriegsordnung wurden durch diese Ereignisse verletzt: Die Unverrückbarkeit der Grenzen und die friedliche Regelung internationaler (hier also: zwischenstaatlicher) Konflikte durch Verträge und internationales Recht. Grenzen wurden auf dem Balkan, im Kaukasus und in Osteuropa wiederholt gewaltsam verändert und mit dem Gesetz des Stärkeren neu gezogen. Zudem stehen Grenzänderungen auf dem Weg über mögliche Referenden in Schottland und Katalonien auf der politischen Agenda. Erneute nationalstaatliche (Selbst-) Abgrenzungen sind ständiges Thema der erstarkten europäischen Nationalkonservativen. Mit der nationalen Abgrenzung einher geht die Ablehnung von Einwanderung, befürchteter Überfremdung und Islamisierung. Mehr oder weniger alle EU-Länder haben mit erstarkenden rechten, nationalkonservativen Bewegungen, Parteien und Regierungen zu tun. Nicht nur Prinzipien werden verletzt, nicht zuletzt in der EU-Finanz- und Währungspolitik (Stichwort: Verschuldung), sondern ein länderübergreifender Konsens über den Wert einer offenen, pluralistischen Demokratie gerät ins Wanken.

Die jüngsten terroristischen Anschläge in Frankreich und Deutschland, deren islamistischer Hintergrund zumindest von Seiten des IS fast immer reklamiert wird (und sich oft im Nachhinein als zutreffend erweist), haben zu einem hohen Maß an Verunsicherung in den europäischen Gesellschaften geführt mit der Folge, weitreichende Einschränkungen der freiheitlichen Bürgerrechte in Kauf zu nehmen wie in Frankreich. Dass ein fanatischer, fundamentalistischer Islam sich in der Öffentlichkeit immer mehr Raum verschafft und die Arbeit etablierter islamischer Verbände in Deutschland  (Ditib, VIKZ, Islamrat u.a.) unter Rechtfertigungsdruck bringt, ist unverkennbar. Dass mit den autoritären Gegenmaßnahmen des türkischen Präsidenten Erdogan gegen den jüngsten Putschversuch in seinem Land auch die Zusammenarbeit mit bislang akzeptierten (türkisch) muslimischen Verbänden fragwürdig wird, ist eine naheliegende Folge.

Die geopolitische Lage ist durch die Kriege im Nahen Osten und den militärischen Kampf gegen den IS nicht zuletzt durch den islamistischen Terrorismus zu einer europapolitischen Frage geworden. Dies gilt umso mehr, als durch die Veränderungen in der Türkei ein türkischer Nationalismus auf den Plan tritt, der an der Ostflanke der NATO zusätzlich für erhebliche Verunsicherung sorgt. Es sind nicht nur die Folgen der Globalisierung, die auf Europa übergreifen, sondern ungelöste Konflikte direkt an den Grenzen und innerhalb Europas. Diese Konflikte haben kulturelle, wirtschaftliche und politische Komponenten, die nüchtern zu analysieren in der Hitze der medialen Aufmerksamkeitsjagd immer schwieriger wird. Auch hier ist das zu erkennen, was ich die „neue Unübersichtlichkeit“ genannt habe.

Bei all dem wird deutlich, dass wir es in Europa mit der Zeit eines epochalen Übergangs zu tun haben. Es vollziehen sich fortwährend, manchmal schleichend, bisweilen offensichtlich, Transformationen der bisherigen Koordinaten von Politik und Gesellschaft, deren Ausgangspunkt klar ist (erweiterte ‚Nachkriegszeit‘, Legalismus, Menschenrechte), deren Richtung nur undeutlich erkennbar ist (Rückkehr des Nationalismus, Kultur- und Religionskonflikte, Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten) und deren Ergebnis noch überhaupt nicht absehbar ist. Transformationsprozesse, die den gesamten ökonomisch-politischen und sozio-kulturellen Bereich betreffen, sind von eigener Komplexität und Dynamik. Versuchte „Komplexitätsreduktionen“ enden oft in Schwarz-Weiß-Malerei und falschen oder zumindest schiefen Alternativen (Freiheit kontra Sicherheit, Offenheit kontra Leitkultur, Nation kontra Europa usw.). Wie in jeder Epoche des Übergangs ist mit Verwerfungen und Fehlentwicklungen zu rechnen, die auch explosiven Charakter haben können. Hier politisch verantwortlich gegenzusteuern und dennoch das Notwendige an Veränderung (z.B. Nachjustieren der Sicherheitsinstrumente, personelle Verstärkung und Intensivierung von Präventionsmaßnahmen) zu leisten, dabei die europäischen Institutionen so umzugestalten, dass sie den veränderten Zeit-und Rahmenbedingungen emtsprechen können, ohne zu kollabieren, und vor allem die Gewalt im Land einzudämmen und den inneren und äußeren Frieden in Europa zu erhalten, das dürfte die größte Aufgabe und schwierigste Herausforderung der Politik in dieser Zeit sein. Das Ideal wäre auch die künftige Vereinbarkeit von Friedenssicherung und Wohlstandsbewahrung durch Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Keiner kann wissen, ob der Ära der Transformation ein glückliches Ende beschieden ist und welche Kosten es geben wird, – aber man kann viel für ein Gelingen und den Erhalt einer „Offenen Gesellschaft“ tun.

UPDATE

Ganz in diesem Sinne führt Nevid Kermani sehr bemerkenswert aus, „Was uns in dieser Lage möglich ist“, FAZ vom 02.08.2016

Jul 302015
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Gehen wir davon aus, dass „Fortschritt“ eine Kategorie zur Deutung von Geschichte ist, die sich in der Moderne als Leitbegriff durchgesetzt hat. Dass darin eine bestimmte Weltanschauung mitgesetzt ist, haben wir im vorigen Beitrag erörtert. In Verbindung mit der Evolutionstheorie legt es sich nahe, auch den Gang der menschlichen Geschichte entsprechend dem Evolutionsgedanken zu verstehen. Die Menschheit entwickelt sich aus steinzeitlich-primitiven Formen zu immer höheren und besseren geistigen und technischen Fähigkeiten. Marxismus und Systemtheorie erklären je auf ihre Weise den Fortgang der Geschichte als dialektischen Prozess oder als Bewältigung immer komplexer werdender Gesellschaftsstrukturen. Beiden gemeinsam ist die Auffassung, dass der Fortgang der Geschichte ein Aufstieg zu immer besseren, vollkommeneren Formen gesellschaftlicher Existenz ist. Der Technizismus legt gewissermaßen noch einen drauf und versteht die kulturelle Entwicklung des Menschen im Wesentlichen als unterschiedliche Stadien technischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu Einschnitten werden dann besondere technische Fortschritte erklärt wie die küstenferne Navigation, mechanische Kriegsmaschinen, Schießpulver, Buchdruck, Dampfmaschine, Mondlandung, Computer usw. All dies sind dann Stationen auf dem Weg der Menschheit, sich von den Zwängen der Natur zu befreien und über die Kräfte der Natur die Oberhand zu gewinnen.

Eine mehr kulturgeschichtliche Betrachtung setzt die Markierungspunkte zwar etwas anders, verbleibt aber meist ebenso im Denkmodell des Aufstiegs bzw. der Entwicklung. Da sind dann die entscheidenden Wendepunkte der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau, die Erfindung der Schrift und des Buches, die Entdeckung der Metaphysik (Jaspers‘ „Achsenzeit“), der Aufbau strukturierter Sozial- und Herrschaftssysteme („Polis“, „Pax Romana“ usw.), der Übergang zur empirischen Naturforschung, die Aufklärung samt gesellschaftlicher Revolutionen und schließlich die „Neuzeit“ als bislang höchste Stufe der kulturellen Entwicklung – „Neu-Zeit“ als Programm. Man kann die Akzente und Wendepunkte gewiss noch anders setzen und anderes einbeziehen, aber es besteht doch das weithin geteilte Einvernehmen darüber, dass die „neue“ Zeit der Moderne nie da gewesene Möglichkeiten für den Menschen bietet und sich wissenschaftlich, technisch und reflexiv weit über die vergangenen Zeiten erhebt. Eigentlich ist in dieser Sichtweise nicht nur das berüchtigte „Mittelalter“ eine finstere Zeit, sondern alle Zeit vor den Segnungen der Neuzeit. Es ist vielleicht dies ein Kennzeichen des modernen Selbstverständnisses: Nicht nur in der „besten aller Welten“ (Leibniz), sondern vor allem in der besten aller Zeiten zu leben, mag auch noch so viel „noch“ mangelhaft und verbesserungswürdig sein.

Auf die Spitze getrieben ist dieser Fortschrittsglaube als grenzenloser Optimismus bei den Technizisten der Digitalisierung und der globalen Vernetzung. Ein Pionier dieser Internetwelt, die sich vor allem als eine Internet-Ökonomie darstellt, ist Jaron Lanier. Mit seiner Idee einer „humanistischen Internetökonomie“ (Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft? 2014) teilt er zwar den Optimismus des Silicon Valley, (alles ist machbar, alles ist möglich), zieht aber doch eine kritische Grenze ein: „humanistisch“ meint bei ihm „Menschen-zentriert“, das heißt, der Mensch als Urheber aller Werte soll auch in einer kybernetischen Welt im Zentrum bleiben und nicht überflüssig werden, immerhin. Die von ihm und vielen anderen entwickelten Ideen und Modelle für die digitale Welt sind faszinierend, man kann sich dem Spiel mit Utopien kaum entziehen. Und doch mehren sich die Zweifel, ob dies alles nicht doch mehr Wunsch und Verführung als wirkliche Welt oder erstrebenswerte Zukunft ist.

„Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix - Wikimedia

„Eugène Delacroix – Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix – Wikimedia

Man kann sowohl die vergangene als auch die gegenwärtige Zeit völlig anders sehen. Man muss dafür nicht in einen grundsätzlichen Pessimismus verfallen, sozusagen als das Spiegelbild des grenzenlosen Optimismus. Man muss die Welt um einen herum und die überlieferte Geschichte vor einem her nur von einer anderen Seite sehen, pragmatischer wahrnehmen. Auch dann bleiben da die unbestreitbaren technischen „Errungenschaften“ und die kulturellen Großtaten und Wandlungen, welche die nachfolgenden Generationen prägten, „nachhaltig“, gewiss. Manche erhalten vielleicht noch ein größeres Gewicht. Wird mit dem Begriff der „neolithischen Revolution“ der epochale Übergang zu Ackerbau und Viehzucht gekennzeichnet, der menschlichen Gruppen ein unvergleichlich besseres und zuverlässigeres Nahrungsangebot bereit stellte, so sind Schrift und Buch, wenngleich lange Zeit königliche und priesterliche Privilegien, mindestens ebenso grundlegend, weil Verpflichtungen nun nachprüfbar und wiederholbar dokumentiert wurden (Gesetze, Schulden) und Erfahrungen nicht mehr nur im mündlichen Gedächtnis tradiert, sondern in schriftlicher Form „festgehalten“ werden konnten. Dies ist dazu eine der Voraussetzungen für die Beschäftigung mit Metaphysik und die Bildung von Groß-Religionen. Vielleicht ist dann erst die Digitalisierung ein weiterer kultureller Einschnitt, an dessen Anfang wir gerade stehen – möglicherweise. Wie man sieht, sind die wirklich nachwirkenden Markierungen gar nicht so viele wie gemeinhin gedacht. Es ist letztlich sehr viel mehr Kontinuität und Wiederholung da als das Aufkommen von wirklich „Neuem“.

Dies bestätigt auch ein Blick auf das praktische Leben. Es ist nach wie vor vom Bemühen um Selbsterhaltung und Machtentfaltung, um Überleben und Nachkommenschaft gekennzeichnet. Jedenfalls steht das für den weitaus größten Teil der heute lebenden Menschen im Mittelpunkt. Selbst die modernsten Gesellschaften bzw. ihre Eliten spiegeln diese Anstrengung des Lebens nur auf einer anderen, scheinbar besseren, weil luxuriöseren Stufe wider. Die tatsächliche Welt ist von Liebe und Hass, Kriegen und Gewalt, Grausamkeiten und Willkür, Not und Krankheit und akuter Todesgefahr so durchgängig geprägt, dass es schwer fällt, hier von „Fortschritt“ zu sprechen. Es sind Grundkonstanten des kreatürlichen Lebens. Die „modernen“ Formen des Terrorismus sind ja gerade kein Rückfall ins Mittelalter, sondern mit aktuellsten technischen Mitteln inszenierter Schrecken. Für Folter gilt dasselbe. Die Erklärung der Menschenrechte (UN) hatte offenbar nur 1948 nach dem Ende eines weiteren schrecklichen Krieges eine Chance, wenigstens deklariert zu werden. Dass die Zivilisiertheit des Menschen nur ein hauchdünner Firnis ist, hat weit mehr Wahrheit als nur die eines zynischen Bonmots. Die gelebte Wirklichkeit ist für den größten Teil der Menschheit von größter Unsicherheit und einem alltäglichen „Kampf ums Überleben“, zumindest um bessere Chancen für sich und die eigenen Nachkommen bestimmt. Dass diese „Last“ der Menschheit kleiner wird, ist wohl eine illusionäre Hoffnung.

Ein noch einmal anderes Bild ergibt der Blick auf das, was man „Ideengeschichte“ nennen könnte. Man ist versucht zu sagen, so furchtbar viel Neues ist in den vergangenen 2500 Jahren nicht passiert, nicht gedacht worden. Grundlegende Ideen und Alternativen des Denkens wie Realismus und Idealismus, Materialismus oder Skeptizismus, kausalitäts-geschlossen oder teleologisch-offen, logisch-formal oder gegenständlich-substantiell usw. sind so alt wie das philosophische Denken überhaupt. Wenn Vertreter der analytischen Sprachphilosophie hervor heben, so begrifflich genau und logisch konsistent habe man nie zuvor gedacht, dann sollten sie einmal scholastische Abhandlungen und Erörterungen lesen. Da sind moderne Philosophen und Literaten wie Foucault, Derrida, Sloterdijk usw. mit ihren Themen wie Macht, Existenz, Sein und Nichts, Glück und Leiden sehr viel näher an ‚ewigen‘ Grundthemen menschlichen Nachdenkens und Bemühens. Gewisse Fragestellungen sind wie archetypisch gegeben: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ – „Was soll das alles?“ – „Wozu lebe ich?“ Es hilft nichts, jede Generation muss und wird darauf ihre eigenen Antworten finden. Und wie man das gesellschaftliche Zusammenleben am besten organisiert, ist heute so unklar und umstritten wie eh und je: mehr konservativ-hierarchisch oder mehr liberal-egalitär, mehr individualistisch oder mehr kollektiv, mehr national-begrenzt oder mehr elitär-ubiquitär usw. Wenn wir unsere heutige Form einer rechtsstaatlichen Demokratie und kapitalistischen  Ökonomie als den geschichtlichen Endpunkt und jeder Veränderung enthoben ansehen, dann wird das Erwachen aus diesem Irrtum umso überraschender sein.

Man könnte bisweilen verleitet sein, in den alten Satz „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ einzustimmen. Aber das ist falsch. Es gibt viel Neues, sehr viel Neues, Veränderung allenthalben, Brüche, Umbrüche, Aufbrüche, – die Geschichte ist voll davon. Es gibt nicht nur neue technische Erfindungen, sondern auch neue kulturelle Einsichten und Ausdrucksmöglichkeiten, sich neu gestaltende Bereiche in einer eng miteinander verzahnten Gesellschaft, die darin dennoch eine bestimmte Eigenständigkeit entwickeln, so dass die Rede von Systemen und Teilsystemen durchaus ihre Berechtigung hat. Die moderne Naturwissenschaft ist ja nicht dumm, und ebenso wenig die Biowissenschaften, Humanwissenschaften, Soziologie, Psychologie usw. Aber all der in der Neuzeit erlebte „explodierende“ Wissenszuwachs kann doch kaum darüber hinweg täuschen, dass mit jedem Schritt neuen Wissens das Meer des Nichtwissens größer zu werden scheint. Auf der anderen Seite zeigen die existentiellen Konstanten über Zeiten und Kulturen hinweg, dass da bei aller „gefühlten“ Neuheit und Veränderung doch viel mehr Konstanz und Beharrung, also viel mehr Gleichbleibendes und Unverändertes da ist, das uns ein Leben, wie es uns vertraut ist, als Einzelne und in der Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht. Letztlich möchte man ja auch bei Facebook und Instagram nur Aufmerksamkeit und Anerkennung finden. Es täte sicher gut, neben all dem Geschrei über Neuheiten, Errungenschaften, Revolutionen sich einfach dessen bewusst zu werden, was sehr beharrlich und unveränderlich und wenig verbesserlich da ist: Der Mensch mit Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe und Leidenschaft, Vorurteilen und Vorlieben, mit Verständnis und Einfühlungsvermögen, aber auch mit Gewalt, Verachtung und Grausamkeit. All dies hat weder die Neuzeit noch der Computer „abgeschafft“. Es steht nicht zu erwarten, dass sich das bei allem Wandel ändert.

Vielleicht sollte man auf die Rede vom „Fortschritt“ eine Weile verzichten.

 30. Juli 2015  Posted by at 17:13 Geschichte, Gesellschaft, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Geschichte und Beharrung
Okt 122014
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Das Schwierige an der Zukunft ist bekanntlich, dass man nicht weiß, was kommt. Nach Karl Valentin ist die Zukunft heute auch nicht mehr das, was sie mal war. Damit wird eine Verknüpfung mit der Vergangenheit hergestellt. Genau aus dieser Perspektive, nämlich der Vergangenheit, möchte ich in Anbetracht der Erfahrungen der Gegenwart auf die Zukunft blicken. Das scheint heute ganz besonders schwer zu sein.

Es ist nicht einfach die triviale Tatsache, dass man die Zukunft nicht kennt und es meist anders kommt, als man denkt. Insofern ist die Zukunft per definitionem das „unbekannte Land“. Man ist aber immer wieder versucht, zukünftiges Geschehen aus den Entwicklungen der Vergangenheit und den verschiedenen Faktoren der Gegenwart heraus abzuschätzen. Jede Wirtschaftsprognose funktioniert so, selbst die alljährliche Steuerschätzung trifft Aussagen über die zukünftige Entwicklung auf der Basis des gegenwärtig bekannten Datenmaterials. Wenn besonders gut geschätzt werden soll wie etwa bei der Börsenentwicklung, dann werden Hochrechnungen auf der Grundlage vergangener Entwicklungen einschließlich gegenwärtiger Bedingungen und ihrer Muster angestellt. Insbesondere die „technische Analyse“ der Börsenkurse verfährt so. Über einen späteren Abgleich mit der einstigen Voraussage wird seltener berichtet. Je näher der Prognosezeitraum rückt, desto stärker wird korrigiert und angepasst, bisweilen sogar erst aus politischen Gründen fast im Nachhinein (Beispiel Konjunkturentwicklung, wenn es wider Erwarten abwärts geht).

Dass Prognosen fehl gehen, ist bekannt. Später werden dann aus der Vielzahl der unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Prognosen diejenigen ausgewählt und zitiert, die richtig lagen. Meist ist solch ein Treffer aber weniger einer besonders ausgeklügelten Prognosetechnik zu verdanken als dem bloßen Zufall. Schon beim nächsten Mal wird der gefeierte Prognostiker wieder falsch liegen. Soweit es um zahlenmäßig darstellbare Entwicklungen geht, ist die Fehlermöglichkeit stets groß. Immerhin sind die Verhaltensprognosen bei Voraussagen von Wahlergebnissen erstaunlich genau, allerdings auch nur, wenn sie sehr dicht an dem Wahldatum liegen und eine wirklich gute repräsentative Basis haben. All dies ist bekannt und mit entsprechenden Methoden auf der breiten Basis von big data und digitaler Verarbeitung gewiss weiter zu verbessern und zu verfeinern.

Europa Bike www.TheEnvironmentalBlog.org

Europa Bike www.TheEnvironmentalBlog.org

Anders sieht es bei der Abschätzung künftiger gesellschaftlicher, kultureller und politischer Entwicklungen aus, zumindest bei der Prognose von wichtigen Trends. Da wird es, was die Zuverlässigkeit solcher Prognosen angeht, ausgesprochen ungemütlich. Es gibt nichts einigermaßen Verlässliches, und was Verlässlichkeit vorgibt, beruht doch nur auf Spekulation oder auf eigenen Hoffnungen und Befürchtungen. Man könnte einwenden, dass auch dies völlig normal sei. Stimmt. Mein Eindruck ist allerdings, dass es in manchen Zeiten noch ungewisser ist als in anderen. Sei es dass wir heute eine spezielle Zeit des Umbruchs erleben, sei es dass die Verhältnisse längerfristig insgesamt in einem ständig beschleunigten Wandel begriffen sind, jedenfalls scheinen wir heute noch weniger als noch vor einigen Jahrzehnten Grund zu haben, irgend etwas halbwegs Sicheres über die Entwicklungen der sagen wir nächsten dreißig Jahre im Voraus sagen zu können. Schon bei zehn Jahren wird es schwierig.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Weltpolitisch ist unter machtpolitischem Gesichtspunkt die künftige Entwicklung so unabsehbar wie kaum zuvor. Welche Rolle die einzelnen Kontinente und kontinentalen bzw. maritimen Großräume und ihre Vormächte spielen werden, wieweit mächtige bewaffnete Kleingruppen mit dezidierten Einzelinteressen die Grenzen, Ressourcen und Gewichte einzelner Staaten aufmischen und dadurch globalen Einfluss gewinnen können, welche Rolle „Nationalstaaten“ überhaupt spielen werden, welche Strategien und Institutionen der Krisenbewältigung und Konfliktlösung überhaupt noch zur Verfügung stehen werden – alles dies ist völlig offen und ungewiss. Soziokulturell sind die Auswirkungen der massiven weltweiten Wanderungsbewegungen (Flüchtlinge, Einwanderung usw.) unabsehbar, die Rolle der religiösen Traditionen und Sprachen und ihre Abgrenzung gegeneinander sowohl in größeren Räumen als auch auf dichtestem Raum unserer Metropolen kaum aktuell zu beschreiben (von „in den Griff zu bekommen“ gar nicht zu reden) geschweige denn vorauszusagen. Schließlich, um ein drittes herausragendes Beispiel zu nennen, sind die Folgen und Weiterungen durch die weltweite Vernetzung, durch Steuerung, Kontrolle und Beeinflussung der Informationsströme (Stichwort Snowden), die Anwendungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen bis hin zu individuellen Auswirkungen von big data überhaupt annähernd zu fassen (→ Neurowissenschaften,→ social media, → smart home). Dazu beliebte Prognosen sind entweder von nahezu blindem Fortschrittsglauben oder von übergroßen Verlustängsten geprägt. Weder ist das Internet und seine Kommunikationsmöglichkeit die Rettung noch der Untergang der Kultur. Auf jeden Fall wird die Digitalisierung der Welt eine nachhaltige Veränderung des gesamten Lebens bedeuten, dessen Ausmaß wir uns heute nicht annähernd vorstellen können. Welche machtpolitischen Folgen sich aus einer Monopolisierung von Informations- (und Desinformations-) Strömen ergeben werden, kann man allerdings heute schon ahnen.

Wenn wir heute etwas über die Zukunftsaussichten unserer Kinder sagen wollen, mag das, zumal wenn man selber schon der älteren Generation angehört, noch einigermaßen zutreffend gelingen können. Bei den Enkelkindern ist das schon bedeutend unsicherer. Auf kleinem Raum und im privaten Umfeld verbreiten sich globale Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen nur allmählich und mit Verzögerung. Dabei seien plötzliche Katastrophen einmal außer Acht gelassen. Wir tun das in Europa recht leichtfertig, weil wir in den vergangenen sechzig Jahren kaum wirkliche Katastrophen erlebt haben, allenfalls Bedrohungen wie die Kubakrise und Tschernobyl. Ich halte das eher für eine glückliche Sondersituation. Es gibt keinerlei Verlässlichkeit, vielmehr einige Unwahrscheinlichkeit, dass dies so bleibt. Insofern können sich die europäischen Nachkriegsgenerationen bis heute mehr als glücklich schätzen, in einem derart offenen, friedlichen und prosperierenden Lebensraum bislang gelebt zu haben. Zumindest die Griechen (und in der Folge viele andere Europäer) werden diesen Zeitraum bereits mit dem Jahr 2008 als zu Ende gegangen ansehen.

Genau diese Erfahrung des Aufschwungs, des Fortschritts, des Friedens, der Öffnung von Grenzen aller Art (auch nationaler und staatlicher) verleitet zu der trügerischen Wahrnehmung, die Vergangenheit könne so etwas wie eine Blaupause für die Zukunft abgeben, wenn nicht der Welt, dann doch wenigstens Europas. Dies dürfte sich als Illusion erweisen. Schon die Ereignisse im Gefolge der Krise in der Ukraine, von der Fraktionierung des EU-Raumes mal ganz abgesehen, könnte einen da mehr Realismus lehren. Zum Frieden bewahren gehört auch, sich wehren zu können. Allein dies – neben vielem anderen – haben wir in trügerischer Sicherheit gewiegt verlernt. Derzeit scheinen auch die Wirtschaftsaussichten Deutschlands wieder Nüchternheit und Realismus zu lehren. „Uns kann keiner“ ist jedenfalls das falsche Rezept.

Gerade weil wir aus solch einer positiv erlebten Vergangenheit kommen, fällt es schwer, die Gegenwart anders als „aus den Fugen geraten“ zu erleben (siehe vorigen Beitrag) und die Zukunft als mehr als ungewiss und unsicher und mühsam zu erarbeiten zu begreifen. Auch eine realistische Einschätzung anstelle von Wünschen und Träumen ist „Arbeit“. Die vergangenen sechs Jahrzehnte können jedenfalls in keiner Weise die Grundlage dafür bieten, unbesorgt und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Das Leben unter sich rasch verändernden Bedingungen wird mehr denn je zum Normalzustand gehören. Man wird sich wieder sehr viel stärker auf eigene Anstrengung, Mühe, Bescheidung und auf die Sicherheit eines vertrauten nahen Umfeldes besinnen müssen. Sich von Ängsten beherrschen zu lassen hat noch nie jemandem geholfen. Illusionen nachzuhängen hat allerdings schon manchen ins Unglück gestürzt. Mit etwas mehr nüchternem Sinn und der Bereitschaft, Neues zu lernen und für bestimmte als unverzichtbar erkannte Werte mit allem Einsatz einzutreten und, ja auch zu kämpfen, wird es kaum gehen. Der „Kampf“ muss nicht mit Waffen geführt werden, es können auch Arbeitsmittel, Worte und Informationen sein. Jedenfalls wird die Zukunft erarbeitet und erstritten werden zu müssen wie lange nicht mehr. Beim Streiten kommt es auch zu Trennungen, zum Abschied.

Um die Zukunft zu gewinnen, müssen wir von manch vertrauter Einstellung Abschied nehmen. Das ist schon fast wieder ein Allgemeinplatz. Heute gilt er aber wie lange nicht mehr. Unsere jüngste Geschichte lehrt uns für die bevorstehenden Aufgaben und Herausforderungen tatsächlich wenig. Sie könnte uns allenfalls ermutigen, die eigenen Kräfte, Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen und sich auf Veränderung und schnellen Wandel einzulassen, statt nur immer „Nein“ zu rufen. Was als treffender Ausspruch Gorbatschow vor 25 Jahren zugeschrieben wird, gilt in der Tat auch heute ganz aktuell: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Update

Über eine sehr destruktive Weise, sich mit Zukunft zu beschäftigen, wird hier geschrieben: „Wie verhindert man, dass ziemlich verbiesterte Leute das Meinungsklima in diesem Land dominieren?“ (FAZ.NET)

 12. Oktober 2014  Posted by at 11:55 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zukunft ungewiss
Jul 262013
 

Der Tunnelblick ist ein bekanntes Phänomen. Der Begriff stammt zunächst aus der Augenheilkunde und meint dort die „konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest“ (Wikipedia). Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff aber eher „im übertragenen Sinne die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Dinge wahrzunehmen, die außerhalb dessen liegen, wofür sich der Betroffene aktiv interessiert“ (ebd.). Man sagt dann auch mit einem veralteten Bild, einer habe Scheuklappen auf. Mir scheint allerdings, dass der Tunnelblick ein recht allgemeines Phänomen der Wahrnehmung ist, das die Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten, für wichtig erachteten Gegenstandsbereich kennzeichnet. Wenn diese Konzentration auf einen einzigen Bereich sehr stark und die Verengung der Wahrnehmung  länger anhaltend ist, dann wird daraus eben das, was man mit dem „Tunnelblick“ zutreffend bezeichnen kann. Es handelt sich um eine eingeschränkte Wahrnehmung meiner Umwelt.

Dass diese Einschränkung durchaus sinnvoll sein kann, zeigt die Bewegung im Straßenverkehr oder das Verhalten bei Gefahr. Alles kommt dann darauf an, sich auf das Wesentliche und Wichtigste zu beschränken. Damit liegt man im Allgemeinen richtig. Es kann aber durchaus passieren, dass man dabei einen plötzlich seitlich auftauchenden Fußgänger übersieht oder dass man einen etwas „abwegigen“ Ausweg aus einer Gefahr nicht erkennt. Die Konzentration der Wahrnehmung auf einen engeren Bereich, der durch unsere Alltagserfahrung definiert ist, hat also Vor-, aber auch Nachteile. Im Alltag dürften die Vorteile bei weitem überwiegen, sonst wäre diese evolutionäre Fähigkeit unseres Wahrnehmungsvermögens kaum so entwickelt, wie sie jetzt ist. Bei der Arbeit ist es wichtig, sich zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen. „Multitasking“ ist gut für Computer, offenbar weniger gut für Menschen.

Weltklima (Wikimedia)

Weltklima (Wikimedia)

In der öffentlichen Diskussion politischer Themen ist die Lage aber etwas anders zu beurteilen. Denn hier sollte es doch darum gehen, wichtige Themen umfassend und unter vielerlei Aspekten zu diskutieren. Außerdem sollte ein einzelnes Thema nicht andere, ebenso wichtige Themen verdrängen. Beides aber geschieht praktisch nicht. Themen werden möglichst vereinfacht und mit einer Schwarz-weiß-Schablone erklärt, und das Thema im Vordergrund lässt andere Themen in den Hintergrund treten oder ganz vergessen. Dieses Phänomen einfach mit der Funktionsweise der öffentlichen Medien zu erklären, die jeweils nur einen Fokus in den Mittelpunkt stellen und meist auch wenig differenziert darstellen (das zu tun wäre aber die erwartbare Leistung eines „Qualitätsjournalismus“), greift aus meiner Sicht zu kurz. Medien tun dies nur, weil die Aufmerksamkeit der Kunden und Nutzer – also von uns – meist nur auf einen einzigen Themenkomplex beschränkt ist. Sie tragen damit dem „Tunnelblick“ unserer Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung Rechnung.

Man kann das am Beispiel vieler Themen der letzten Zeit fest machen. Ohne dass jeweils ein bestimmtes Thema endgültig geklärt oder gar gelöst wäre, gerät es doch durch andere Themen in Vergessenheit. Oft reicht ein konkreter, spektakulärer Anlass, um solch eine Änderung des öffentlichen Fokus auszulösen. Derzeit ist das Thema Internet-Sicherheit und Belauschtwerden durch die Amerikaner dran (schon dies ist eine verkürzte, undifferenzierte Kennzeichnung). Die Person Snowden ist bereits aus dem Blickfeld.  Aber andere große Themen sind völlig in der Versenkung verschwunden, als ob sie gar nicht existierten – bis zum Zeitpunkt irgend eines aktuellen Anlasses, wo man sich dann plötzlich daran erinnert: Ja, da war doch schon mal was…

Nehmen wir das Thema Klimaveränderung und Erderwärmung. Es ist der Sache nach so dringend und aktuell wie eh und je, eher noch stärker, da sich viele Prognosen bestätigen, – es interessiert derzeit nur niemanden (abgesehen von den damit befassten Profis). Auch das Thema Energieversorgung ist ja mit dem Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland keineswegs erledigt, befriedigend gelöst und in nachhaltige Modelle umgewandelt. Bisher ist Deutschland hier eine Insel, und Insellösungen sind eben keine globalen Lösungen. Der vermehrte Einsatz von (billiger) Energie aus Kohle, Gas und Öl weltweit (Stichworte fracking, Ölschiefer etc.) treibt den CO2-Ausstoß jährlich auf neue Rekordhöhen. Von einer Umkehr der Richtung in Sachen Energie und Klima kann überhaupt nicht die Rede sein. Dennoch: Das Thema ist völlig weg, und zwar schon lange vor dem Sommerloch. Zu beobachten ist dabei auch, wie ursprüngliche Ein-Thema-Parteien (Grüne, Piraten) sehr schnell ihr Profil-Thema verlieren können.

Die bestehende und sich verschärfende Ungleichheit der Vermögensverhältnisse in der Welt scheint auch niemanden zu beunruhigen. Das Thema taugt allenfalls gelegentlich im Wahlkampf, wenn es um die Forderung nach Mindestlöhnen oder um die Begrenzung des Niedriglohnsektors geht. Passieren tut aber trotz klarer Erkenntnisse nichts, weder in der öffentlichen Diskussion noch im Handeln der Regierungen. Dabei müsste uns nicht nur die weltweite Verschuldung (also das Spiel mit dem Computer-Börsen-Geld) bzw. die konkrete Verschuldung einzelner Länder beunruhigen, sondern die Konzentration der exponentiell wachsenden Vermögen in immer weniger Händen. Ich nenne hier bewusst nicht die Einkommen, denn die sind eine ganz andere Frage. Das weltweite Kapital ist aber in den Händen einer recht kleinen Gruppe von Menschen in unglaublicher Menge verdichtet. Zwar war schon im Alten Rom der Hauptteil der Vermögenswerte in Form von Ländereien in den Händen weniger Patrizier, aber die heutigen Verhältnisse sprengen offenbar jede Vorstellung. Durch die Verzinsung wird dieses Kapital weiter wachsen – und no chance auf irgend eine Korrektur. Mögen auch die Ärmsten tendenziell besser gestellt werden, so laufen die Einkommen der Vermögenden in eine eigene Welt davon. Was dies für die soziale Wirklichkeit bedeutet, und zwar nicht nur national, sondern global, darauf machen nur ganz wenige aufmerksam. Mich wundert, wie das brisante Thema Reichtum – Armut (siehe derzeit Papst Franziskus in Brasilien) schon beim nächsten wirtschaftlichen Aufschwung und bei der nächsten Lohnerhöhung gänzlich vom Tisch ist.

Es gibt zahlreiche weitere unbestritten wichtige Themen: Die Bevölkerungspyramide (Schrumpfung bei uns – Wachstum weltweit), das Gesundheitssystem (industrielle Gesundmacher, die krank machen), die Erhaltung von Lebensräumen und Arten (Überfischung, Schutz der Ozeane, Regenwälder) oder auch die Frage nach der Machbarkeit und Wünschbarkeit technischer „Errungenschaften“ (Genmanipulation, Künstliche Intelligenz, Vernetzung, Langzeitwirkung von Plastikmüll). All diese Themen bezeichnen Probleme unserer heutigen Lebenswelt, die keineswegs nur eingebildet oder randständig sind. Sie betreffen samt und sonders unser alltägliches Leben und insbesondere das der künftigen Generationen. Aber auch da wirkt der Tunnelblick-Mechanismus geradezu perfide: Wir nehmen nur das wahr, was uns heute betrifft, nach uns die Sintflut. Keiner gibt das gerne zu, aber wir leben so. Über den Tellerrand zu schauen, diese Themen immer wieder an sich ran zu lassen, den Tunnelblick mit unserer Vernunft zu sprengen und sich auf eine öffentliche Diskussion der vielfältigen Aspekte unserer Lebenswelten einzulassen, all dies verlangte von uns wohl Übermenschliches. Eigentlich verlangte es nur ein kühles, vernünftiges Denken, ein ehrliches Anerkennen der offenkundigen Probleme und die Bereitschaft zu einem Handeln, das nicht bei den Anderen, sondern bei uns selbst beginnt.

Änderung der Wahrnehmung bedeutet Änderung der Lebenspraxis. Und das ist offenbar das Problem. Niemand verlässt gerne ohne Not den alten Trott. Und mit Scheuklappen und Tunnelblick kann man die „Not“, sprich Notwendigkeit schön ausblenden. Ehe wir auf andere (die Politik, die Medien, die Wirtschaft) mit dem Finger zeigen, sollten wir einfach auf uns selbst weisen. Das wäre ein Anfang.

 26. Juli 2013  Posted by at 11:30 Gesellschaft, Öffentlichkeit, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Tunnelblick
Jan 062013
 

Es ist erstaunlich, wie langsam sich Dinge ändern. Schaut man in die Geschichte, dann findet man rasche Änderungen nur durch den Einsatz massiver Gewalt, im Krieg oder bei Umstürzen der Herrschaft (Revolution, Staatsstreich). Auch dann ist jeweils zu fragen, wie weit es dadurch wirklich zu einer nachhaltigen Veränderung konkreter Verhältnisse durch die Änderung der Herrschaftsverhältnisse gekommen ist oder ob es nur einen Wechsel der herrschenden Elite gegeben hat, sich also gewissermaßen nur das Etikett geändert hat.

Noch wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Machtwechsel in Ägypten zu nachhaltig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen führen wird oder ob sich dort eine neue Elite unter islamistischem Vorzeichen etabliert. Natürlich kann auch ein solcher Wechsel der Eliten weitere Änderungen nach sich ziehen, zumal wenn die herrschende Ideologie sich ändert. Entscheidend für die Beurteilung einer umfassenden Veränderung wird dann sein, ob und wie weit der Herrschaftswechsel zu einer Änderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Beziehungen führt. Doch auch dies braucht wiederum viel Zeit.

Anderes Beispiel. Die „Novemberrevolution“ in Deutschland 1918/19 hat zwar zu einem dramatischen Herrschaftswechsel geführt, aber die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Weimarer Zeit waren weitaus geringer, als es das Ende des Kaiserreiches vermuten ließe. Andererseits gab es 1945 zwar einen durch den Kriegsverlauf (= totale Niederlage Nazi-Deutschlands) verursachten Wechsel im Herrschaftssystem (Konstituierung einer föderalen Demokratie), aber die daraufhin folgenden sozialen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen waren viel gravierender und nachhaltiger als während der Weimarer Republik. Allerdings, und damit zeigt auch dieses Beispiel, die dauerhaften Veränderungen brauchten wiederum Zeit, viel Zeit, ehe man den Umbruch im staatlichen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik Deutschland richtig absehen und beurteilen konnte. Im Grunde  erstreckte sich dieser Zeitraum fast auf das gesamte Bestehen der „alten“ Bundesrepublik, denn die sechziger, siebziger und achtziger Jahre brachten jeweils eigene Impulse und Akzente, die zu einer gesellschaftlichen Transformation und erst nach und nach zu einer gefestigten neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland geführt haben.

Weit reichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, in Ökonomie und Kultur, erst recht in Sitte und Moral erfordern viel größere Zeitspannen als nur ein paar Jahre oder gar ein bestimmtes, heraus ragendes Datum. Solche Daten werden meist im Nachhinein mit der ihnen eigentümlichen Symbolkraft versehen aufgrund der Art und Weise, wie man die betreffende Geschichte jeweils ‚erzählt‘ und welchen Anfangspunkt man setzt. „Zeitdiagnosen“, die in immer schnellerer Folge Umbrüche zu konstatieren vorgeben, verraten meist mehr über die Brille des jeweiligen Autors als über das wirkliche Zeitgeschehen. Jürgen Kaube hat dazu in der FAZ gerade einen schönen Essay geschrieben.

Menschen

Menschen – Vancouver

Alles braucht seine Zeit, insbesondere die Veränderung von Mentalitäten. Da geht der Wandel zwar stetig vonstatten, aber im Schneckentempo. Es braucht für eine solche Veränderung in den Einstellungen (zur Arbeit, zur Freizeit, zur Umwelt, zur Familie, usw. – zum Leben insgesamt) meist mehrere Generationen. Erste Anzeichen von solchen Veränderungen sind erst in der nächst folgenden Generation erkennbar. Bis sich neue Einstellungen und ein neues Verhalten durchgesetzt hat, braucht es dennoch mehr als eine Generation. Erst die Enkelkinder wachsen in einer wirklich „anderen“ Welt auf als ihre Großeltern. Dazwischen stehen die Eltern gewissermaßen als Bindeglied. Sie garantieren die Kontinuität in der Abfolge der Generationen, verknüpfen allein durch ihr Dasein die „alten“ Verhältnisse der Großelternzeit mit den „neuen“ Einstellungen und Verhalten der Enkelzeit. Da auch Eltern ihrerseits einmal Enkel waren und demnächst Großeltern sein werden, entsteht eine unablässige Folge von Stetigkeit, von Kontinuität und Beharrung. Nur so wird offenbar der ebenso fort währende Wandel (nichts ist bekanntlich gewisser als derselbe) ‚lebbar‘, erträglich und in das alltägliche Leben hinein integriert.

Es ist darum müßig darüber zu streiten, ob es in einer bestimmten Zeit, beispielsweise jetzt in der Gegenwart, mehr Wandel oder mehr Kontinuität gäbe. Es gibt immer beides ineinander verwoben. Dann mag es schon einmal in bestimmten Bereichen gewisse „Schübe“ der Veränderung geben (z.B. der Umgang mit Sexualität nach Einführung der Pille), die aber ebenso durch beharrende Einstellungen in bestimmtem Maße ’neutralisiert‘ werden: Bei Umfragen zu den Wertvorstellungen der jüngeren Erwachsenen hat „Treue“ fast immer einen Spitzenwert. Noch einmal: Anders wäre es kaum lebbar. Denn das am stärksten beharrende Element in der Entwicklung einer Gesellschaft ist trotz aller ‚Globalisierung‘ der einzelne Mensch selbst, wie er an einem konkreten, einzelnen Ort lebt und arbeitet. Bei aller Bereitschaft, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, zu neuen Ufern aufzubrechen, die Realität zum Beispiel durch Technik umzugestalten, die Erfahrung auf Netzwelten auszudehnen, will der Einzelne immer wieder Vergewisserung im Vertrauten. Dieser Konservativismus (im wörtlichen Sinne) ist stets die Kehrseite der Bereitschaft zur Veränderung. Darum kann der engagierteste ‚Netizen‘ oder Computertechniker gleichzeitig von einem idyllischen Leben auf dem Lande schwärmen. Das ist eben kein Gegensatz, das sind zwei Seiten einer Medaille. Nur die Langsamkeit ändert die Geschichte nachhaltig.

Ich finde das als älter werdender Mensch eigentlich sehr gut so, in gewisser Weise tröstlich.

 6. Januar 2013  Posted by at 12:03 Geschichte, Gesellschaft, Individuum Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Langsame Geschichte