Feb 202015
 

[Kultur]

„Postmoderne“ ist ein oft verwandtes Etikett – ja, für was eigentlich? Leben wir nicht mehr modern? Oder ist es eine Bezeichnung für eine bestimmte Zeiterscheinung so wie hyper- (über-) modern? Vielleicht soll aber doch mehr damit gesagt werden. Wie die Moderne wäre Postmoderne dann die Beschreibung einer Epoche. Sie wird durch das Post- (Nach-) von der Moderne abgegrenzt. Was also kennzeichnet die Moderne, und was ist es genauer, dass man heute dezidiert von Post-Moderne sprechen möchte? [siehe Anmerkung]

Mit Moderne werden zum Beispiel Kunstrichtungen oder Stile verbunden: Malerei der Moderne meint dann die Art der Malerei besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, „Klassische Moderne“ sagt man dazu auch. Kulturgeschichtlich wird vor allem die Zeit nach der Industriellen Revolution als Moderne erlebt, nämlich das moderne Zeitalter von Globalisierung, Technisierung, Fortschritt. Nicht modern zu sein ist dann gleichbedeutend mit „aus der Zeit gefallen“, zurück geblieben, traditionell zu sein, orientiert an der Vergangenheit als „guter alter Zeit“ usw. Für die Moderne als gesellschaftliche Epoche ist ein Wort besonders typisch: Machbarkeit. Darin schwingt mehr mit als nur die Möglichkeit einer Realisierung. Machbarkeit suggeriert den Anspruch, alles sei machbar, zu klären bleibt allenfalls, auf welche Weise. Es ist erstaunlich oder auch bezeichnend, dass besonders die Zeit nach den Weltkriegen als modern empfunden wurde, als nach den furchtbaren Zerstörungen der wirtschaftliche Aufschwung in Europa eingeleitet wurde. Optimismus, Orientierung am Fortschritt, technische Aufholjagd, überhaupt ungeahnte Möglichkeiten wurden aller Orten entdeckt. Automobilität, Weltraumfahrt und Mondlandung können dafür Sinnbilder sein. Schneller – weiter – höher hinaus, das sind die Adjektive der Moderne. Rationalität hatte einen hohen Wert. Dafür typisch ist es, dass technische Erneuerungen in der Industrie, die personal- und kostensparend waren, als „Rationalisierungsmaßnahmen“ bezeichnet wurden.

Überhaupt die Wissenschaft, speziell die Naturwissenschaften, aber auch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, galten als zuverlässige Garanten stetigen Wissenszuwachses, der die Grenzen der Machbarkeit ins Unendliche zu verschieben schien. Wachstum des Wissens, der Wirtschaft, des Kapitals waren die unumstößlichen Grundwerte, Grundüberzeugungen jener Zeit. Religion wurde immer bedeutungsloser, die Kirchen zunehmend leerer. Säkularisierung war dafür der Leitbegriff. Die moderne neuzeitliche, vor allem technische Rationalität konnte und sollte möglichst alle Lebensbereiche durchdringen. Sie lag als Prinzip auch den Bildungsplänen und Bildungsreformen zugrunde. Technokratie wurde zum Schlagwort.

Natürlich ist dies eine sehr vereinfachende und einseitig akzentuierende Skizze. Natürlich gab es immer auch Widerstände, Warnungen, Kritik vor allzu viel Zuversicht und „Fortschrittswahn“. Die „Grenzen des Wachstums“ wurden ausgerufen, und während eine Bildungsreform die andere ablöste, schickten mehr und mehr besorgte Eltern ihre Kinder auf Waldorfschulen oder andere Privatschulen, die eine mehr „ganzheitliche“ Erziehung versprachen. Nichtsdestoweniger war mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des erstarrten Kommunismus der westliche Triumph der Moderne grenzenlos. Man sah das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) gekommen: Alles, was sich künftig ereignen sollte, wären nur Variationen des einen globalen Lebensstils, wie er sich im Westen durchgesetzt hatte. Die postkolonial zurück gebliebene „Dritte Welt“ wurde bestenfalls zur Welt von „Schwellenländern“, die eben ökonomisch und kulturell die Schwelle zur westlich libertären Glückseligkeit anstrebten. Niemand und nichts würde sich dem entziehen können – das war das neue Glaubensbekenntnis, neudeutsch Narrativ, des „Posthistoire“.

MIT stata center

MIT’s stata center GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Fast wie ein Gegenbegriff zu diesem überschwenglichen Weltbild des Posthistoire ist inzwischen der Begriff Postmoderne geworden. Man verwendet ihn für alles Mögliche, aber eben immer gerade dann, wenn man unsere Zeit von dem Überschwang der Moderne abheben möchte. Vieles, um nicht zu sagen alles, was die Moderne kennzeichnete, ist inzwischen gebrochen, fragwürdig, obsolet geworden. Die Zuversicht des modernen Fortschrittsglaubens lebt natürlich weiter fort, besonders bei den Verkündern der „digitalen Revolution“ und der durch sie für möglichen gehaltenen qualitativen Beschleunigung der kulturellen Entwicklung des Menschen. Aber mehr und mehr wird der Preis sichtbar, ebenso die illusionäre Hybris dieses Anspruchs und die Fragwürdigkeit solcher technizistischen Weltbilder. Die Postmoderne beginnt damit, an diesen optimistischen und „alternativlosen“ Projektion zu zweifeln. Die Kehrseite der rasanten digitalen Umwälzungen wird allzu deutlich: totale Überwachung, Verlust der Privatsphäre, Beschleunigung und weitere Verdichtung der Arbeitswelt, um nur einiges zu nennen. Auch die Verheißungen grenzenloser Kommunikation erweisen sich als zwiespältig. Das kommunikative Rauschen macht einerseits alles ‚“egal“, bereitet aber andererseits den verrücktesten, einseitigsten Ideen und Verschwörungstheorien einen Nährboden. Im Netz der freien Kommunikation geht es sehr ruppig und egoistisch (egomanisch?) zu. Das Internet selber wird immer fragmentierter und ökonomisierter. Die „Filterblase“ war nur der vergleichsweise harmlose Auftakt.

Die total globalisierte und zugleich total fragmentierte Welt von heute stellt sich quer zu den Träumen westlicher Wortführer der einstigen Moderne, die heute als neoliberal und turbokapitalistisch gebrandmarkt werden. Sinnbild dafür sind die „Zocker“ in den Bankentürmen. Der „rationale Diskurs“, den dagegen ein Habermas in aufklärerischer Tradition als Leitlinie für pluralistische Demokratien gefordert hatte, wird oft durch blinde Stimmungsmache ersetzt: ein Shitstorm statt vernünftiger Argumente, Pegida statt politischer Diskussion. Vom vielbeschworenen „Qualitätsjournalismus“ ist bei den Netizens jedenfalls fast gar nichts zu finden, statt dessen Meinungsmache und Propaganda des eigenen Vorurteils. Überhaupt wird der Rationalität und Sachlichkeit immer weniger vertraut, schon gar nicht gegenüber der „Lügenpresse“. Sie habe sich zu oft als interessegeleitet, machtorientiert und parteilich erwiesen. Und so geht der „vernünftige Diskurs“ aufgeklärter Bürger den Bach runter.

Auch Religion ist wieder „in“, und seit ein terroristischer „Islamischer Staat“ die Welt mit grauenhaften medialen Inszenierungen erschreckt und verunsichert, blühen auch bei uns wieder obskure Ideen und Verschwörungstheorien. Fundamentalismus ist auch der christlich-abendländischen Welt nicht fremd, sei es in Form der wachsenden Bedeutung der Evangelikalen und anderer traditionalistischer Gruppen, sei es in reaktionären Pontifikaten der katholischen „Weltkirche“. Auch in der Philosophie, insbesondere der Religionsphilosophie, ist das Thema „Glaube“ und Religion“ wieder aktuell, von einer Erneuerung metaphysischer Ansätze ganz zu schweigen. Das Pendel ist offenbar zu weit ausgeschlagen.

Politisch fein austarierte Vertragsverhältnisse zur Sicherung des Friedens in Europa („Legitimität durch rechtsstaatliche Verfahren“) geraten plötzlich ins Wanken, wo Gewalt wieder ein Mittel der Politik wird – oder wo die Ohnmacht der wirtschaftlich Zurückbleibenden ein Protestventil sucht und findet: „Brüssel“. Der Euro sollte als „Projekt“ Europa einen – und bewirkt derzeit das Gegenteil. Seine ideologische Überhöhung („Scheitert der Euro, scheitert Europa.“) fällt seinen Verteidigern auf die Füße. Es scheitert allenfalls ein bestimmtes Konzept von Europa (und seinen herrschenden „Eliten“), das so in vielen südlichen Ländern offenbar nicht mehr anschlussfähig ist.

„Postmodern“ ist ein in der Abgrenzung zutreffendes Kennzeichen für eine Zeit – wer weiß, vielleicht für eine ganze Epoche -, die aus einer Entwicklung stetigen Fortschritts und Wachstums plötzlich sehr macht- und wirkungsvoll mit Gegenentwicklungen und Widerständen konfrontiert wird. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hat vielen Selbstverständlichkeiten und optimistischen Überzeugungen der früheren Moderne den Boden entzogen. Die Anschläge von  „9/11“ 2001, der Irakkrieg 2003 und dann die Finanzkrise 2008 sind die Menetekel dieser Zeit, und was wir heute alles an Scherbenhaufen vorfinden (Ukraine, IS, Irak, Syrien, Libyen, – Euro), hätte man sich vor zwanzig Jahren nicht vorzustellen gewagt.

Die Postmoderne ist also eine Zeit neuer Ungewissheiten, Risiken, Krisen und chaotischen Entwicklungen. Sie scheinen sich allzu oft der bewährten Rationalität zu entziehen, sowohl der Handlungen und Verläufe als auch ihrer Erklärung und Verständigung. Es zeigt sich: Vieles, was wir für Errungenschaften der Neuzeit, speziell der Aufklärung halten, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Zwiespältigkeit technologischer Entwicklungen muss neu berücksichtigt werden. Die Rolle der Religion ist neu zu untersuchen und zu bewerten. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, persönliche Freiheit, Privatsphäre, aber auch Bildung, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe müssen bewahrt und jeweils neu erstritten werden. Das gilt für uns hierzulande eben so wie anderswo, erst recht in der arabischen Welt. Die Postmoderne mag den Abschied aus manchen Illusionen der Moderne bedeuten, dann wäre sie nur heilsam. Zugleich aber drohen mit ihr neue Gewalt, neuer Wahn, neue Ideologien und neuer Obskurantismus. Dem kann und muss man mit dem entgegentreten, was schon vor zweihundert Jahren die Parole war: Aufklärung, Aufbruch aus Verdummung und Überwachung, aus Ungerechtigkeit und (neuer) Knechtschaft, aus Terror und Gewalt. Um diese so skizzierte Postmoderne zu überwinden, müssen Ziele und Werte neu formuliert werden, muss Verantwortung ganz neu buchstabiert werden, müssen kritisches Bewusstsein und entschiedenes Eintreten für unsere Freiheit geübt werden. Es wird nicht leicht sein.

*) Erhellend sind die Wikipedia-Artikel zu Moderne, Postmoderne, Posthistoire.

 20. Februar 2015  Posted by at 18:04 Allgemein Tagged with: , , , , , , ,  1 Response »
Jun 042013
 

Religiöse Intervention in Bio- und Medizinethik. Bericht über einen Vortrag von Prof. Dr. Thomas Gutmann, Rechtswissenschaft, Universität Münster

Im Rahmen des Forums Offene Wissenschaft der Universität Bielefeld hielt der Münsteraner Rechtswissenschaftler und Bioethiker Prof. Dr. Thomas Gutmann einen bemerkenswerten Vortrag: klar gegliedert, konzentriert auf wesentliche Punkte, eindeutig in der Zielrichtung. Es geht darin um die Frage der Begründung rechtlicher Normen im liberalen Rechtsstaat.

Gutmann skizziert die jüngere Geschichte der Säkularisierung des Rechts, die mit dem Prozess der Säkularisation und der funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft einher ging. Das säkularisierte Recht transformierte das Erbe der christlich-abendländischen Tradition zum Beispiel hinsichtlich der universellen Gültigkeit des Rechts und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Das Recht musste sich von seinen religiösen Verankerungen lösen und auf der Autonomie der Vernunft und der durch sie bestimmten freien Person gründen. Die Formulierung von Menschenrechten und die Behauptung einer allgemein gültigen Menschenwürde wurden dabei gegen das bis dahin herrschende kirchliche Rechtsverständnis durchgesetzt, das noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Gültigkeit autonom begründeter Menschenrechte bestritt. Der Prozess der Säkularisierung lässt sich generell auf dem Hintergrund der Erfahrungen verheerender Religionskriege und des Zerfalls der selbstverständlichen Gültigkeit religiöser (christlich-kirchlicher) Normen beschreiben. Die aufgeklärte Vernunft trat an die Stelle eines religiösen Absolutheitsanspruchs. Im säkularen Staat haben alle Bürger gleiche Rechte unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung. Religiöse Normen können nicht mehr aus sich heraus Normen des Rechts sein. Am Beispiel der Gotteslästerung (§ 166 StGB) zeigt sich, wie das Rechtsverständnis aus einem ursprünglichen Schutzrecht Gottes, wie fragwürdig auch immer, nun ein Schutzrecht des inneren Friedens konstruiert. Es erhebt sich die Frage, ob diese Begründung rechtlich konsistent oder nur als ausweichendes Hilfsargument verstanden werden kann. Klarer liegt der Fall bei der Begründung der Sittenwidrigkeit der Körperverletzung bei Einwilligung der verletzten Person (§ 228 StGB). Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war dieser Paragraph das „Einfallstor für das katholische Naturrecht“. Mit ihm wurde zu Beispiel das Verhalten eines Arztes, der dem frei geäußerten Wunsch einer über dreißig jährigen Mutter von drei Kindern nach Sterilisation nachkam, wegen „Sittenwidrigkeit“ mit Strafe bedroht. Erst in einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes von 2005 wird das Recht ausformuliert, über sich und seinen Körper autonom zu bestimmen – mit Einschränkungen, wie die weiter unten beschriebene Debatte zeigt.

Auf dem Hintergrund dieser geschichtlichen Entwicklung fragt Gutmann nach der Funktion religiöser Argumentation zur Begründung von Normen im liberalen Rechtsstaat. Bezugnehmend auf John Rawls und Jürgen Habermas verweist er auf die Entkoppelung des Rechts von religiösen Normen. Im liberalen Rechtsstaat kann allein der öffentliche Vernunftgebrauch als Maßstab für ein Recht gelten, das für alle gilt und von allen vernünftig nachvollziehbar ist. Rawls spricht hier vom „vernünftigen Pluralismus“, der um des Friedens willen gute Gründe habe, im öffentlichen Raum nur relative und keine absoluten Wahrheiten gelten zu lassen. Rechtliche Normen müssen daher in einem vernünftigen Diskurs mit Gründen vertreten werden. Auch eine Mehrheit unterliegt dieser Grenze der Rechtfertigung durch die allgemeine Vernunft und darf im liberalen Rechtsstaat nicht einfach religiös oder anderweitige weltanschaulich begründete Normen durchsetzen. Zwar sind sich Rawls und Habermas darin einig, dass der öffentliche Vernunftgebrauch den Anspruch der Religionen auf normative Wahrheiten begrenzt, beide weisen aber etwas unterschiedlich auf das Übersetzungsproblem hin. Rawls möchte religiöse Sprache und Gründe im öffentlichen Diskurs solange gelten lassen, wie sie für alle verständlich und nachvollziehbar sind. Er denkt dabei an die Erfahrungen mit der (US-) amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und deren Anführer Pastor Martin Luther King. Habermas betont mehr das Übersetzungsgebot, das religiös fundierte Bürger im pluralistischen Staat auferlegt, ihre Anliegen und normativen Vorstellungen in solche Worte und Werte zu übersetzen, dass sie für den allgemeinem Vernunftgebrauch nachvollziehbar und einsehbar sind. Er unterscheidet hinsichtlich der institutionellen Trennung von Kirche und Staat zwei unterschiedliche Bereiche von Öffentlichkeit: Die „offizielle“, institutionelle Öffentlichkeit (z. B. Parlamente, Gesetze) darf ihren Diskurs nur mit Gründen der Vernunft führen; für sie kann Normativität nur säkular begründet werden. Die allgemeine Öffentlichkeit aber könne religiöser Argumentation durchaus zugänglich bleiben, solange das „Abstinenzgebot“ des Staates gegenüber den Religionen beachtet werde und solange der Diskurs auf das wechselseitige Verständnis abziele. Für einen Ethikrat beispielsweise, der von einer Landes- oder der Bundesregierung eingerichtet werde, gelte aber in jedem Falle das strikte Gebot weltanschaulicher Neutralität durch Beteiligung unterschiedlicher religiöser bzw. weltanschaulicher Gruppen. Dies sei derzeit nicht der Fall.

Petrischale (Wikipedia)

Petrischale (Wikipedia)

Der Forschungsstand der Lebenswissenschaften und die erweiterten technischen Möglichkeiten lassen heute den Ruf nach „absoluten Grenzen“ wieder legitim erscheinen. Es sind hierbei aber deutlich „Restbestände theologischer Figuren“ des Denkens und Begründens erkennbar. Die umfassendste Diskussion hat es zum Thema Abtreibung gegeben. Heute stellt die humane Reproduktionsmedizin eine Herausforderung dar. Gilt die Autonomie der freien Person im liberalen Rechtsstaat auch gegenüber dem (eigenen) Leben? Die kontroverse Diskussion um das Thema Sterbehilfe (sie zeigte bekannte „Versteinerungen“) hat erneut das ursprüngliche Selbstbestimmungsrecht zur Geltung gebracht, indem nach freier Willensbezeugung die Unterlassung von lebenserhaltendem Zwang als rechtlich erlaubt gilt, insbesondere auf der Grundlage einer Patientenverfügung. Kritischer zu beurteilen ist die Rechtsdiskussion bei der aktiven Sterbehilfe. Die strafbewehrte „Tötung auf Verlangen“ (§ 216 StGB) sieht Gutmann als „religiöses Relikt“, das in bestimmten Fällen eindeutig nicht haltbar sei. Dieser Paragraph sei die „christliche Endmoräne“ einer rechtlich nicht fassbaren Schöpfungstheologie gegenüber der personalen Autonomie. Der Rekurs auf einen gesetzlich zu schützenden „Respekt vor dem Leben“ oder seiner „Unverfügbarkeit“ ist ein argumentatives Relikt, das einer „aufgeklärten, beständigen, freiwilligen Entscheidung zum Sterben“ nicht entgegen gesetzt werden darf.

Das aktuellste Beispiel dieser Diskussion um die Begründung rechtlicher Normen liefert der Bereich der Humangenetik. Deutschland hat sich mit seiner restriktiven Entscheidung zur Stammzellenforschung weitgehend ins Abseits gestellt. Aber die Forschung am menschlichen Genom verursacht „theologische Phantomschmerzen“, die zur Erfindung einer „Gattungswürde“ (Grimm u.a.) geführt haben, die nun in Art 1, 1 GG hinein interpretiert wird. Dies ist nicht nur eine rechtliche Wiederbelebung des Schöpfungsbegriffs, sondern stellt letztlich den unbedingten Schutz des Individuums vor allgemeinen Zwecken des Staates oder eben der Gattung infrage und zerstört damit den Sinn des Artikel 1 GG. Gutmann ermutigte dazu, weltanschaulich unverkrampfter und damit vernünftiger an den Bereich der Humangenetik heranzugehen, statt sich in religiös oder naturrechtlich begründete Rückzuggefechte zu verlieren.

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Es ist deutlich geworden, dass der Prozess der Säkularisierung des Rechts keineswegs abgeschlossen ist. Angesichts einer behaupteten „Rückkehr der Religionen“, angesichts des Erstarkens eines christlichen wie islamischen Fundamentalismus, angesichts des Geltungsanspruchs theologischer Rechtsnormen zum Beispiel durch die Scharia auch in unserem kulturellen Bereich ist es notwendig, die Diskussion um den Wert des liberalen, pluralistischen Rechtsstaates offensiv zu führen. Die Befreiung von der Vormundschaft durch die Religionen (die ursprüngliche Bedeutung von „Aufklärung“) ist eine Errungenschaft, die es wert ist und lohnt, im öffentlichen Diskurs verteidigt und behauptet zu werden. Religiöse und weltanschauliche Fundamentalismen führen zu weit Schlimmerem als nur zur Gefährdung des inneren Friedens.

zur Person Prof. Dr. Thomas Gutmann:

2006 Habilitation an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München („Iustitia Contrahentium. Zu den gerechtigkeitstheoretischen Grundlagen des deutschen Schuldvertragsrechts“; venia legendi für Bürgerliches Recht, Medizinrecht, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Neuere Privatrechtsgeschichte und Juristische Zeitgeschichte). Rufe an die Universitäten Münster, Bremen und Gießen.

Seit 2006 Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Rechtsphilosophie und Medizinrecht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Seit 2007 Mitglied (Principal Investigator) des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Seit 2009 Sprecher der Kolleg-Forschergruppe 1209 „Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik / Centre for Advanced Study in Bioethics“ an der WWU Münster.

 4. Juni 2013  Posted by at 13:48 Ethik, Recht Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Säkulare Normen des Rechts