Mrz 052019
 

aus: Charles Dickens, Die Pickwickier (1837)


Nachdem nun die Freunde Horatio Fizkins, Esquire, an der Reihe gewesen waren, trat ein cholerischer kleiner Mann mit einem rötlichen Gesicht vor, um eine andere Person vorzuschlagen, dazu geschaffen und geeignet, die Wähler von Eatanswill im Parlament zu vertreten. Und ohne Zweifel hätte der rotgesichtige Herr seine Rede glatt und leicht zu Ende führen können, wäre er nicht so hitzig gewesen; so aber bot er dem Witz der versammelten Menge eine willkommene Zielscheibe. Aber, wie gesagt, nach einigen Sätzen der bilderreichsten Beredsamkeit richtete der rotgesichtige Mann seine Worte an jene in der Menge, die ihn dauernd unterbrachen, und wandte sich dann drohend einigen Herren auf der Tribüne zu. Dem folgte ein Aufruhr, so daß sich der Herr der Notwendigkeit gegenübersah, seine Gefühle in einer ernsten Gebärdensprache auszudrücken, was er auch tat; dann überließ er das Rednerpodest dem Herrn, der ihn unterstützen sollte. Dieser Herr nun las eine Rede, die nicht weniger als eine halbe Stunde dauerte, von einem Papier ab und ließ sich einfach nicht unterbrechen, weil er sie ja schon an die Eatanswiller Gazette geschickt hatte und weil die Eatanswiller Gazette bereits jedes Wort gedruckt hatte.

pickwickier
Die Pickwickier

Nun trat Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge in der Nähe von Eatanswill, höchstselbst vor, um den Wählern eine Rede zu halten. Er hatte kaum den Mund aufgemacht, um sie zu beginnen, als auch schon die Musikkapelle, die in den Diensten des ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey stand, mit aller Gewalt einfiel, gegen die ihre Bemühungen am Morgen ein Kinderspiel waren. Da die Braunen sich dies nicht gefallen lassen wollten, vergalten sie es den Blauen dadurch, daß sie deren Köpfe und Schultern zu bearbeiten anfingen. Worauf die Blauen den Versuch machten sich der unangenehmen Nachbarschaft der Braunen zu entledigen. Und so kam es notgedrungen zu einem Hin- und Herstoßen und einer gewaltigen Schlägerei, die wir genausowenig gutheißen können wie der Bürgermeister, der zwölf seiner Konstabler mit dem strickten Befehl losschickte, sämtliche Rädelsführer – die sich auf etwa zweihundertfünfzig belaufen mochten – zu verhaften Diese Geschehnisse brachten Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, und seine Freunde zur Raserei, bis schließlich Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, seinen Gegner, den ehren-werten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall, bat, fragen zu dürfen, ob diese Musikkapelle mit seiner Zustimmung spiele. Auf diese Frage zu antworten, weigerte sich der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey, und so fuchtelte denn Horatio Fizkin, Esquire, von Fiskin-Lodge, dem ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall mit den Fäusten vor der Nase herum, was wiederum den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey so in Wut brachte, daß er Horatio Fizkin, Esquire, zum tödlichen Zweikampf aufforderte. Diese Verletzung aller bekannten Regeln und Gesetze veranlaßte den Bürgermeister, erneut seine Glocke läuten zu lassen und sowohl Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, wie auch den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall zu sich zu beordern und beide durch eine Bürgschaft zu verpflichten, auf daß der Friede gewahrt bleibe. Auf diese erschreckende öffentliche Rüge hin legten sich die Helfer der beiden Kandidaten ins Mittel, und nachdem sich die Freunde und Anhänger der beiden Parteien für drei Viertelstunden herumgestritten hatten, grüßte Horatio Fizkin, Esquire, in aller Freundschaft den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey; der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey grüßte seinerseits Horatio Fizkin, Esquire; die Musikkapelle hörte zu spielen auf; die Menge beruhigte sich nach und nach, und Horatio Fizkin, Esquire, wurde die Erlaubnis erteilt, in seiner Rede fortzufahren.

Die Reden der beiden Kandidaten, so verschieden sie sonstiger Hinsicht waren, ließen den großen Verdiensten und den hohen Vorzügen der Wählerschaft von Eatanswill alle Gerechtigkeit widerfahren. Jeder sprach die Meinung, daß auf der Welt noch nie unabhängigere, aufgeklärtere, politischere, edlere und uneigennützigere Männer gelebt hätten als jene, die versprochen hätten, für ihn zu stimmen. Jeder der beiden Kandidaten ließ den leisen Verdacht durchblicken, daß die Wählerschaft der Gegenpartei gewiß unsaubere und tölpelhafte Gebrechen hätte, die sie für die Ausübung ihrer wichtigen Pflichten, zu der sie gerufen worden seien, völlig unfähig machte. Fizkin gab seine Bereitschaft kund, alles zu tun, was man von ihm wünsche; Slumkey hingegen teilte seinen Entschluß mit, daß er nichts tun werde, was man von ihm verlange. Beide sagten, daß das Handwerk, die Industrie, der Handel und das Wohlergehen Eatanswills ihnen näher und mehr am Herzen liegen als alles andere in der Welt, und jeder behauptete mit unglaublicher Zuversicht, daß er der Mann sei, den man schließlich wählen werde.

Durch Handaufheben wurde abgestimmt. Der Bürgermeister entschied für den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall. Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, verlangte Stimmenabgabe, und demgemäß wurde Stimmenabgabe befohlen. Anschließend wurde dem Bürgermeister aller Dank für seine geschickte Führung des Präsidiums und der Angelegenheit abgestattet, und der Bürgermeister stattete seinen Dank für den Beweis der Zufriedenheit ab und wünschte im stillen, daß man ihm ein Präsidium mit Stuhl eingerichtet hätte, denn er hatte während der Feierlichkeiten stehen müssen.


Zitiert nach der deutschen Ausgabe im Winkler-Verlag, München 1956 , Seite 231 – 234

Erläuterung: Es geht um die Wahl eines Abgeordneten aus Eatanswill (fiktiver Ort) ins Parlament; die Farben der beiden Parteien (die Blauen, die Braunen) haben mit heutigen politischen Farbbedeutungen nichts zu tun. Namen sind bei Dickens aber oft mit einem satirischen Unterton versehen.
Die Parallelen zu heute sind einfach erstaunlich, liest man den gesamten Text – nach 180 Jahren so viel Ähnlichkeit!

(Reinhart Gruhn)

 5. März 2019  Posted by at 18:52 Geschichte, Gesellschaft, Politik Tagged with: ,  No Responses »
Sep 272013
 
„Neuland ist abgebrannt“ titelt heute Richard Gutjahr in seinem Blog und beschreibt das Desaster der digital natives und des social web bei der Bundestagswahl. Er greift etwas gründlicher auf („Oder ist am Ende doch alles komplizierter?“), was an zynischen, enttäuschten und bissigen Kommentaren zur Wahl am vergangenen Sonntag durchs Netz geisterte und von einzelnen Exponenten der Netzelite in Talkshows zugespitzt wurde. Tenor: Der Wähler ist zu dumm. Der Wähler wurde eingelullt. Die Mehrheit wusste nicht, was sie tat. Merkelland ist Dummerland.

Michael Hanfeld hatte dagegen schon am Montag nach der Wahl in der FAZ sehr bissig und pointiert (es gab entsprechendes Aufjaulen) auf die faktische Bedeutungslosigkeit von Twitter gezeigt. „Motzkis der Republik“ bewegten sich dort nur in der eigenen Filter-Bubble. Sein Fazit: „In den Netzwerken schweigen die Wähler.“ Das wäre in der Tat bemerkenswert, auf jeden Fall scharf beobachtet. „Informationsgewinn gleich Null.“ Tweets seien weder informativ noch aussagekräftig noch repräsentativ. Das „Twitter-Gewitter“ – nur eine Blase.

Dem schließt sich Gutjahr nicht an. Er analysiert genauer, schaut näher hin auf das (fehlende) Zusammenspiel von Online und Offline im Wahlkampf und fragt sich, woran die Wirkungslosigkeit des Netzes und der Netzelite bei der Wahl wohl liegen könnte:

Was also bleibt übrig vom Gedöns rund um Liquid Democracy, 2.0-Kampagnen, dem Wunsch nach mehr Transparenz und Mitbestimmung durch das Netz? Wo genau verläuft die Linie zwischen (Selbst-) Anspruch und Wirklichkeit dieser neuen Kommunikationswege? Haben wir uns alle getäuscht, ist das Internet in Wahrheit irrelevant für den Ausgang von Wahlen? – Am mangelnden Interesse jedenfalls hat es nicht gelegen.

Und auch nicht an den Themen, betont Gutjahr. Die Netzgemeinde habe nämlich durchaus die richtig wichtigen Themen artikuliert: „Zukunftsthemen wie Netzneutralität, Netzsperren und Datenschutz werden uns schon bald einholen, so wie Waldsterben, Klimaerwärmung und Tsunami das getan haben.“ Also was war es dann, das zur Ignoranz des Wählers geführt hat? Gutjahr hat eine andere Antwort parat: Das Alter ist es. Die Bevölkerungspyramide. Die „Zwischendrin-Generationen 50- und 60-plus“. Sie haben kein Interesse an Experimenten. Sie haben keine Kinder. Ihnen ist das Netz fremd, Neuland halt. Sie sind an Zukunft und neuen Technologien nicht interessiert. Sein Gewährsmann ist Thomas Knüwer. Der hatte schon am Montag in seinem Blog noch schärfer formuliert, „die Wahl in Deutschland [ist] faktisch eine Wahl der Älteren bis Alten“ gewesen, d.h. der über 50 Jährigen. Dagegen: „Das wichtigste Lebensumfeld im Alltag junger Menschen wurde nicht abgebildet.“ Welches ist das „wichtigste Lebensumfeld“? Familie? Freunde? Sportverein? Nein – das Surfen im Netz natürlich. So strickt man neue Legenden.

Schauen wir zunächst die Thesen von Thomas Knüwer genauer an. Abgesehen davon, dass der Ärger über den Wahlausgang fast in jeder Zeile seines Blogposts zu spüren ist, hält er es mit den Daten nicht so genau. Schon die Aussage, mehr als 50 % der Wähler sei über 50 Jahre, stimmt so nicht. Laut Bundeswahlleiter sind es nicht ganz 50 % der Wahlberechtigten. Richtig ist: Es ist mit fast der Hälfte die mit Abstand größte Wählergruppe. Dies mag nur als kleine Ungenauigkeit und Übertreibung durchgehen. Weniger genau ist sein Bezug auf die Zahlen, was die Parteipräferenzen der Jungen (Altersgruppe 18 – 29) angeht. Er verweist auf Daten der Forschungsgruppe Wahlen , die belegen sollen, dass die Themen der jungen Generation, ihre Interessen und ihr Lebensumfeld, keine Rolle spielen.

Dieses Sache mit den jungen Wählern wird umso unwohler, je weiter man ins Detail schaut. Denn welche Parteien haben laut der Forschungsgruppe Wahlen mehr Prozentpunkte in der Altersgruppe 18 – 29 als in der Sektion über 60 Jahren?

Die Grünen. OK.

Die FDP. Ups.

Die AFD. Ups.

Nicht erfasst wurden die Piraten – wir dürfen aber davon ausgehen, dass es dort ebenfalls so aussieht. Sprich: Überdurchschnittlich viele junge Wähler, die ihre Stimme abgaben, sehen diese nicht im Bundestag repräsentiert. Gab es das so schon einmal in der Geschichte der Bundesrepublik?

Fakt ist laut eben dieser Zahlen, dass 34 % der jungen Wähler die CDU gewählt haben, nimmt man die nächste Altersgruppe der 30 – 44 jährigen hinzu, sind es gar 38 %, das liegt gar nicht so weit vom Gesamtwert 41,5 % entfernt. 58 % der jüngsten Altersgruppe haben CDU oder SPD gewählt. CDU und SPD weisen als einzige Parteien einen überproportionalen Anteil älterer Wähler auf. Was die Grünen, Linke, FDP und Afd betrifft, so unterscheiden sich die Prozentzahlen der jungen Altersgruppe von den Älteren gar nicht (alle anderen Altersgruppen) oder nur um 1 Prozentpunkt (über 60). Ein besonderes Wahlverhalten der jungen Wähler im Unterschied zu den Älteren ist hier also gerade nicht zu erkennen. Wie Knüwer zu seiner Schlussfolgerung (Zitat oben) kommt, ist mir schleierhaft.

Offenbar wird hier ein Generationenkonflikt herbei geredet, um einer Auseinandersetzung um Sachthemen auszuweichen. Diesen Eindruck verstärkt Gutjahrs pointierte Weiterführung des Themas Generationenkonflikt: Schuld ist die „Zwischendrin-Generation“. Was meint er damit?

Das Neuland wird nicht von den Digital Natives beherrscht, sondern, wie Thomas Knüwer es bereits in seinem Blog pointiert auf den Punkt gebracht hat, von jenen Alten, die noch überwiegend ohne Internet aufgewachsen sind. Ein Blick auf die Bevölkerungspyramide zeigt, dass das vermutlich auch noch für die nächsten beiden Bundestagswahlen der Fall sein wird. Dieses Klientel sitzt auf Vermögen, das es zu verteidigen gilt. Die „Zwischendrin“-Generationen 50- und 60-plus haben kein Interesse an Experimenten. Sie wissen, sie werden von den Vorzügen der neuen Technologien nicht mehr profitieren, zumindest nicht aktiv. Da immer weniger von ihnen Kinder haben, interessieren sie sich auch nur bedingt dafür, was nach ihnen kommt.

Mal abgesehen davon, dass das mit dem Keine-Kinder-haben weniger die Jahrgänge nach 1960 betrifft (nach dem Pillenknick geht es mit der Geburtenrate Ende der 70er Jahre erst einmal wieder aufwärts), sondern in weitaus stärkerem Maße für die nach 1970 Geborenen zutrifft (in deren Fertilitätsphase sackt die Geburtenrate noch einmal kräftig nach unten), ist das unterstellte Desinteresse an Zukunft doch reichlich infam.

Google zum 15. Geb.

Google Doodle zum 15. Geb.

Es wäre interessant zu erfahren, auf welche Erfahrungen sich Gutjahrs Zuspitzung stützt, die „Zwischendrin-Generation“ 50- und 60 plus sei nur an der Verteidigung ihres Besitzstandes interessiert, wolle keine Experimente und sei an den „Vorzügen“ der neuen Technologien und an dem, „was nach ihnen kommt“, schlicht nicht mehr interessiert. Es soll ja tatsächlich noch Großeltern geben, die sich für die Zukunft ihrer Enkel interessieren und sogar zunehmend fleißig „Internet“ lernen und in sozialen Medien kommunizieren. Zunächst klingt das aber sehr vorurteilsbehaftet und sehr pauschal nach dem Stereotyp der sauertöpfischen Alten, die nur noch an sich selbst und ihre bescheidene Lebenserwartung denken. Da soll Richard Gutjahr doch einfach mal einige dieser „Alten“ fragen, was sie von seinen Thesen halten! Wirtschaft und Einzelhandel haben dagegen die Zielgruppe der gut situierten, lebenslustigen Senioren-Konsumenten längst äußerst ertragreich ins Visier genommen.

Es spricht schon eine ganze Menge Unkenntnis und Unverfrorenheit gegenüber dem Zusammenspiel und den Unterschieden der Generationen aus diesen  Thesen. Jedenfalls wirken sie doch arg konstruiert und an den Haaren herbei gezogen, weil einem offenbar sonst nichts Gescheites dazu einfällt. Diffamierung ist auch eine Art von Wählerbeschimpfung, und zwar keine noble und schon gar keine begründete.

„Dazu“ – damit meine ich das Thema Netz und digitale Wirklichkeit, also das, was Gutjahr recht euphorisch mit den „Vorzügen der neuen Technologien“ meint. Ob er dabei heute, am 15. Geburtstag von Google, an die „asymmetrischen Mächte“ der „Informationsökonomie“ denkt? Frank Schirrmacher weiß dazu einiges zu sagen an Chancen, aber auch gewaltigen (asymmetrischen) Risiken. Oder denkt er dabei an Apples schöne neue (geschlossene) Welt? Oder an die NSA, die sich laut ihres Chefs Alexander damit brüstet, Amerika habe das Internet geschaffen, jetzt könne es dieses auch ausnutzen wie es wolle? Oder meint Gutjahr mit den wichtigen Zukunftsthemen auch das (zitierte) Thema Netzneutralität, aber bitteschön doch so genau und ausführlich als Problem dargelegt und erfasst (siehe Richard Sietmann bei Heise), dass man hier schwerlich nur zu einer Schwarz-Weiß-Malerei kommen kann? Immerhin, Datenschutz wird von Gutjahr als wichtiges Zukunftthema wenigstens erwähnt. Manche Älteren dürften in dieser Hinsicht sehr viel sensibler und (begründet) zurückhaltender sein als manche Junge, die (angeblich) alles Technische geil finden. Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein gerne bemühtes, dennoch falsches Stereotyp. Stereotypen und Vorurteile – und erst recht primitive Schuldzuweisungen bringen einen hier kaum weiter.

Vielleicht wäre es tatsächlich angesagt, inhaltlich zu diskutieren, in welcher Welt wir in der digitalen Gegenwart und Zukunft eigentlich leben wollen. Es ist die einfache Begründung Edward Snowdens für sein Tun, dass er in einer Welt, wie er sie in seiner beruflichen geheimdienstlichen Praxis kennen gelernt hat, nicht leben möchte. Darüber wäre es sinnvoll zu diskutieren. Welche Welt wollen wir für uns und unsere Nachkommen? Welche Bürgerrechte sollen gelten? Wieviel Privatheit, wieviel Respekt gegenüber der Person ist unerlässlich? Wie kann man die Asymmetrie von big data ausgleichen und unter Kontrolle bringen? Wie kann nun nachträglich verhindert werden, dass „die schöne neue Welt der NSA nichts anderes [ist] als Wal Mart plus staatlichen Gewaltmonopols minus politischer Kontrolle“, wie Schirrmacher treffend formuliert? Wie also lassen sich die gewaltigen Potentiale der neuen Techniken demokratisch einhegen und zum Nutzen aller (Bildung!) einsetzen, und zwar unter der Geltung des Rechts und der Freiheit, national wie international?

Fragen über Fragen, und wahrlich genug wichtige Zukunftsthemen. Ich bin sicher, dass daran sehr viele Menschen, Bürger, Wählerinnen, egal welchen Alters, interessiert sind. Diese Themen sind bisher kaum ausreichend und über die Grenzen der digital natives hinaus kommuniziert worden. Dafür wird es aber höchste Zeit. Das ist nicht nur ein Problem für die großen Parteien wie die SPD, das ist schon gar nicht bloß ein Problem für Randgruppen wie die Piraten, und das ist erst recht kein Problem, das nur die Jungen interessiert und die Älteren ausschließt. Das alles ist als gesellschaftliches Thema dran und gehört in die Öffentlichkeit, in Diskussion, Information, Rede und Gegenrede. Raus aus dem Käfig der „Netzgemeinde“ !

Lieber Thomas Knüwer, lieber Richard Gutjahr, liebe N.N., ihr habt es euch einfach zu leicht gemacht. Ihr seid zu oberflächlich. Das war nicht ausreichend. Setzen. Noch einmal neu nachdenken.

 27. September 2013  Posted by at 16:14 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , , ,  1 Response »
Aug 142013
 
Es gibt bei uns keine gesetzliche Wahlpflicht. Das ist gut so. Jeder soll die Freiheit haben zu wählen, sich zu enthalten oder eben nicht zu wählen. Ob und in welcher Weise man von seinem Stimmrecht Gebrauch macht, liegt in der freien Entscheidung jedes Einzelnen.

Dennoch gibt es zu denken, wenn die Zahl der Nichtwähler ansteigt und ihre Quote bei den Bundestagswahlen 2009 knapp unter 30 % lag. Man nannte sie die „größte Partei“. Das ist nicht richtig, denn die Nichtwähler eint kein gemeinsamer politischer Wille. Das wesentliche Motiv, nicht zur Wahl zu gehen, ist weder Politikverdrossenheit noch Protest,  – das könnte man noch als politisches Verhalten deuten -, sondern schlicht Desinteresse.

Dies zeigt die Studie „Zukunft der Demokratie“ der Bertelsmann-Stiftung, die jüngst veröffentlicht wurde, die aber wenig mediale Resonanz fand (Übersicht bei n-tv).

Ziemlich unpolitische Freunde – wer in Deutschland warum nicht mehr wählt. Ob jemand wählt, hängt davon ab, wo man wohnt, welche Freunde man hat, und ob in der Familie über Politik gesprochen wurde. Der typische Nichtwähler sieht Wählen nicht als Bürgerpflicht, wohnt in sozialen Brennpunkten, ist jung und so unpolitisch wie sein Umfeld. Die protestierende „Partei der Nichtwähler“ ist ein Mythos: Nicht Demokratieverdrossenheit, sondern politische Gleichgültigkeit erklärt, warum sich einkommens- und bildungsschwache Schichten weniger beteiligen. Deutschland wird zu einer sozial gespaltenen Demokratie.

Zunehmende „soziale Selektivität“ heißt der Fachbegriff unter den Wahlforschern. Er bedeutet, dass sich Wahlverhalten nach Einkommensklassen, Bildungshintergrund, Schichtzugehörigkeit und Generationsverbund differenziert. Es sind immer mehr Jungwähler, die erst gar nicht zur Wahl gehen, auch wenn die Wahlbeteiligung mit steigendem Alter wieder etwas ansteigt. Das Ausgangsniveau ist aber von Wahl zu Wahl niedriger.

Auch die Teilhabe an Bildung und einem politisch interessierten Elternhaus ist bestimmend für Wahlbeteiligung oder Wahlabstinenz. „Dramatisch geringer“ nennt die Studie „die Wahlbeteiligung bei Geringverdienern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen, die sich selbst der unteren Schicht der Gesellschaft zurechnen.“

Wahlen

Stimmabgabe im Wahlbezirk (Wikimedia)

Sich nicht an Wahlen zu beteiligen hat also kaum etwas mit Politikverdrossenheit oder Protest zu tun. Der Intellektuelle, der sich öffentlich als Nichtwähler bekennt (z. B. Harald Welzer, Peter Sloterdijk) ist die Ausnahme. Die Studie resümmiert:

Die Diagnose fällt erstaunlich eindeutig aus: Die Wahlbeteiligung in Deutschland sinkt vor allem deshalb, weil sich die Unterschicht aus der aktiven Teilhabe an der Demokratie verabschiedet. Deutschland ist längst auf dem Weg in eine sozial gespaltene Demokratie. Die politische Ungleichheit wächst, die Inklusion bricht. Das demokratische Versprechen der Gleichheit aller bleibt uneingelöst, weil ein Teil der Gesellschaft sein Wahlrecht verschenkt.

Das ist besorgniserregend, und zu Recht wird die „Bringschuld“ der Politik eingefordert, Themen so darzustellen und eine solche Sprache zu verwenden, dass möglichst alle Gruppen in der Gesellschaft Politik verstehen und nachvollziehen können. Aber auch dies setzt ja schon Interesse voraus. Bei Interesselosigkeit helfen noch so gute Formate und Methoden wenig.

Eher ist die Frage zu stellen, woher diese Interesselosigkeit kommt. Zwei Gründe führt die Studie an: Die Enttäuschung über das nicht eingelöste Gleichheitsversprechen und ein Werte- und Einstellungswandel, der Wahlen nicht mehr als „Bürgerpflicht“ versteht. Dies sind Interpretationen der Verfasser, denn Motive lassen sich schwerlich aus den Zahlen ablesen. Vom Gleichheitsversprechen enttäuscht zu sein leuchtet mir in dieser Formulierung nicht ein, denn wer hat welche Gleichheit (vor dem Gesetz, der Einkommen, der Chancen) versprochen? Zutreffender ist es wohl, von geringer Möglichkeit zur Partizipation, zur Teilhabe an politischen Fragen und gesellschaftlicher Gestaltung zu sprechen.

Das allerdings hat einen ganz praktischen Hintergrund. Wer oft arbeitslos ist, immer wieder oder sogar lange Zeit mit „Hartz IV“ auskommen muss, wer krank oder wenig leistungsfähig ist, wessen soziale, familiäre Bindungen zerbrochen sind, der wird wenig Sinn haben für Politik und gesellschaftliche Themen. Da geht es um das Auskommen und Einkommen von Tag zu Tag, Woche zu Woche, da steht der Lebenskampf, die Bewältigung des Alltags im Vordergrund. Ich glaube kaum, dass ich selbst unter solchen Bedingungen noch irgend welche Lust auf Politik hätte.

Dass es eine soziale Spreizung gibt, ist eine unvermeidliche Realität. Wie stark diese Spreizung ist, ob sie zunimmt und wodurch sie abzubauen ist, bleibt umstritten. Man kann aber sicher sagen, dass eine Verfestigung in prekären Lebensverhältnissen, also Dauerhaftigkeit ohne Aussicht auf Besserung, lähmt, mutlos und krank macht. Da ist politisches Desinteresse allzu verständlich – und noch das geringste Problem des Einzelnen.

Weniger die soziale Spreizung und „Selektivität“ ist das Problem als die fehlende Aufstiegshoffnung, die reale Aufstiegschance. Wer für sich selbst in Arbeit und Familie im Alltag keine Hoffnung auf Veränderung und Besserung sieht, wird lethargisch und uninteressiert. Da ‚hilft‘ dann nur der gerade noch mögliche (TV-) Konsum.

Dies trifft aber auf die große Zahl nichtwählender Jugendlicher nur begrenzt zu, nämlich nur sofern es Jugendliche aus prekären Verhältnissen sind. Bei vielen anderen (den meisten?) Jugendlichen ist der Hinweis auf einen Einstellungs- und Wertewandel plausibel. Man findet ihn auch sonst in der Gesellschaft und besonders bei der (weit gefasst) jüngeren Generation: Individualisierung, Teilkulturen, Gruppenbezug (wenn die Freunde Politik doof finden, gehe ich auch nicht wählen), Freizeitorientierung, Karrierebewusstsein. All dies kann in unterschiedlicher Kombination ebenfalls zur Wahlabstinenz führen, weil es einen einfach nicht interessiert.

Bemerkenswert ist, dass nach Auskunft der Verfasser der Studie Formen direkter Demokratie kaum helfen, im Gegenteil noch die Tendenz zur sozialen Selektivität verstärken würden. Bürgerinitiativen und Volksabstimmungen sind noch stärker vom Bildungsstand abhängig als allgemeine Wahlen. Diese „streuen“ sozial noch am besten.

Gegen die Verfestigung mieser sozialer Verhältnisse und Perspektivlosigkeit muss etwas unternommen werden. Dagegen kann auch etwas getan werden. Das zu diskutieren wäre ein eigenes, wichtiges Thema (Bildung & Motivation, Motivation & Bildung).

Eine Veränderung der Werte und Einstellungen sind aber kaum zu steuern oder kurzfristig zu beeinflussen. Da muss offenbar ein bestimmter Anteil an Nichtwählern als Preis für die hoch differenzierten modernen Lebensstile gesellschaftlich akzeptiert werden. Solange die Zustimmung zur Demokratie im Grundsatz erhalten bleibt (auf die hohe Zustimmungsrate von 82 % „Zufriedenen“ verweist die Studie ausdrücklich) ist der Modus des Nichtwählens eben ein gesellschaftlicher Modus unter vielen möglichen. Ich muss ihn ja nicht teilen.

Nur im Hinblick auf diesen Wandel der Einstellungen kann gesagt werden: Es ist gut so, dass jeder die Freiheit hat zu wählen, sich zu enthalten oder eben nicht zu wählen.

Nur soll er hinterher nicht meckern.

 14. August 2013  Posted by at 13:56 Demokratie, Gesellschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Wählen und Nichtwähler