Jun 252017
 

Nicht dass es nichts mehr zu sagen gäbe. Es wird aber so viel gesagt und geschrieben, dass man lieber still sein möchte. Das Aufmerksamkeits-Paradigma nivelliert Wichtiges und Unwichtiges. Man findet zu den vielen aktuellen Themen noch viel mehr Stellungnahmen, Meinungen, Berichte, Skandale, Wut, Geschrei, dass es einem hyperaktiven Rauschen gleicht. Durch die sogenannten sozialen Medien wird die Beliebigkeit und Ununterscheidbarkeit des Geäußerten noch erheblich gesteigert. Zu ’news‘ wird alles, was irgendwo geäußert werden kann. Die Grenzen zwischen Bericht, Analyse, Meinung, Kommentar verschwimmen. News wollen Fakten setzen, richtige und falsche, je nach dem. Meinung, Trend, Sentiment liegen vorn. Überlegtes, Distanziertes, sachlich Abwägendes mag vereinzelt Stimme finden, aber kaum Aufmerksamkeit. Warum also nicht besser Schweigen – und sich nur noch um meinetwegen Kunstgeschichte kümmern?

Das ist auch keine Lösung, ebenso wenig wie der Escapismus angesichts herrschender Häuserhändler. Gegen gerissene und gefährliche Egomanen und Autokraten, wie sie heute allerorten an die Macht gelangt sind, kann man mit Worten und polarisierender Polemik und Hysterie nichts ausrichten. Selbst Ironie und Satire laufen ins Leere, wo die Wirklichkeit fortwährend die stärkste Realsatire liefert. Das Besonnene hat heute wenig medialen Raum. Es ist vorhanden, aber nur mehr schweigend oder versteckt. Zum Ausdruck kommt es erstaunlicherweise gelegentlich bei Wahlen: wenn die größten Schreihälse dennoch die wenigsten Stimmen erhalten. Nicht immer, aber es kommt vor.

Skabiose

Lila Blume

Dieses Blog mit meiner öffentlichen Stimme wird also größere Pausen machen. Vielleicht ist die Zeit solcher Blogs ohnehin vorbei. Deswegen werde ich nicht zu Facebook wechseln. Lieber stille sein und schweigen, mir meinen Teil denken, gelegentlich äußern (Twitter) – und ansonsten Photographie und Philosophie betreiben – siehe dort.

 25. Juni 2017  Posted by at 10:47 Gesellschaft, Politik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Schweigen in der Aufmerksamkeits – Hysterie
Mrz 242012
 
Das Internet macht mehr Partizipation, Transparenz, direkte Demokratie möglich. Das jedenfalls ist die Hoffnung vieler Netz-Aktiven. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die „Netzgemeinde“ bei uns stellt sich derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Da ist weiterer Diskussionsbedarf vorhanden.

Anfang dieser Woche tagte die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages, siehe den offiziellen Bericht davon (inkl. dreistündiger Mitschnitt!). Die im Online-Text kurz angerissenen Beiträge der Sachverständigen zeichneten ein recht diffuses Bild, das thematisch vom Beklagen der „Gefahr der digitalen Spaltung“ über die festgestellte bildungsmäßige Disparität bis zum Spannungsverhältnis von Transparenz und Vertrauen / Vertraulichkeit reichte. Am weitesten ging vielleicht der Beitrag von Christoph Kappes, der zwar eine Fülle von Innovationen durch den „social layer“ des Webs und neue „Regel-Sets“ der Gesellschaft anpries, dabei aber nicht immer klar und verständlich blieb. Insgesamt fand er die Diskussion „enttäuschend“, da er sein Anliegen nicht richtig rüber bringen konnte.

Dies geht möglicherweise vielen so, und nicht nur bei den Beiträgen und Diskussionen der Enquete-Kommission. Kappes weist zu Recht darauf hin, dass wir die Entwicklungen im Internet derzeit „im Embryonenzustand“ beobachten und Schlussfolgerungen daraus naturgemäß schwierig sind. Die lange Liste der künftigen Möglichkeiten der Kommunikation im Internet fasst er mit positiver Perspektive so zusammen:

Trotzdem muss ich Erwartungen an die deliberative Kraft des Internets eher dämpfen. Die heutige „Netzgemeinde“ wird vor allem beeinflusst von einer überschaubaren Gruppe gebildeter und diskursfähiger Berufskommunikatoren. Eine Verallgemeine­rung ist nicht möglich. Youtube-Blogger und Facebook-Aktivisten sind eher die Vorbo­ten da­von, dass sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen des Internets bedie­nen. Wie aufgeklärt der Aktivismus aus dem Netz sein wird, ist heute ungeklärt. Es spricht vieles dafür, dass sich im Internet mehr und mehr alle gesellschaftlichen Grup­pen wiederfin­den und diese es für ihre politische Tätigkeit nutzen.

Torsten Kleinz berichtet in ZDF-Blog Hyperland über die Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis“, die derzeit unter der Überschrift “Social Media und Web Science – Das Web als Lebensraum” in Düsseldorf stattfindet. Fazit: Das Internet hat die Lebengrundlage aller Informationsarbeiter grundlegend verändert. Nach dem ersten Tag herrschte aber offenbar mehr Ratlosigkeit als echter Erkenntnisfortschritt darüber, was nun die soziale Dimension des Internets an Neuem bringt und wie sie wirkt:

Doch wie die Dynamik im Internet überhaupt funktioniert, ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Eins ist jedoch steht außer Frage: Alleine durch Informatik und Informationstheorie kommt man dem Rätsel nicht näher. … Das Web ist eine soziale Maschine: Die technischen Grundlagen sind relativ simpel, wie sie jedoch die Realität formen und gestalten entscheidet jedoch der Mensch. … Die ersten Experimente bringen nur sehr, sehr begrenzte Erkenntnisse über die Funktionsweise des Netzes und dem Verhalten der Menschen darin.

Aufschlussreich ist immerhin die Kampagne um den Kriegsverbrecher Kony. Warum sie so erfolgreich war, zeigen erste Analysen, gerade auch, inwiefern sich diese Aktion als eine gezielte Kampagne dechiffrieren lässt, gesteuert aus einem speziellen US-amerikanischen politisch-religiösen Milieu („Invisible Children“). Diese Analyse lässt daran zweifeln, dass Interaktion in den sozialen Medien stets spontan und „chaotisch“ verläuft. Hinter dem scheinbaren Chaos der Klick-Raten, Likes und Retweets können ebenso gut Akteure stehen, die die Funktionsweise der Internet-Kommunikation genau einzusetzen und zu steuern wissen. Und genau dies bringt mich zum Nachdenken und Nachfragen, die ich in die Form einiger Thesen fasse.

1. Zweifellos ist das Internet die größte technische Revolution unserer Zeit. Inwiefern es sich zu einer sozialen und politischen „Revolution“ entwicklen wird, ist noch offen.

2. Der Kommunikation und Interaktion über lokale und temporale Grenzen hinweg bietet ungeheure Möglichkeit der Partizipation (Teilnahme und Teilhabe). Inwieweit dies zu mehr Nähe und Verstehen, Kritik und Dialog, Engagement und Mitwirkung führen wird, und / oder auch zu mehr Kontrolle, Mainstreaming und Hypes bei gleichzeitig  desinteressierter Konsumhaltung, ist noch offen.

3. Viele neue Möglichkeiten bedeutet immer auch: viele mögliche Nebeneffekte („usus“ und „abusus“). So ist zum Beispiel mehr Transparenz  möglich und oft wünschenswert, muss aber, wenn es nicht zum institutionalisierten „stalking“ werden soll, sozial und individual begrenzt bleiben und mit Vertrauensschutz einher gehen.

4. Der schon oft zitierte und beklagte „digitale Graben“ muss ernst genommen werden, und zwar nicht nur als ein zu beseitigender Fehler bzw. Missstand, sondern als de-facto-Verhalten und insofern auch Meinungsäußerung eines erheblichen Teiles der Bevölkerung. Es scheint mir zu kurz geschlossen, Internet-Abstinenz nur als ein Generationenproblem abzutun.

5. Die Diskussion über die Chancen und Wirkungen des Internet  als „social medium“ nur national zu führen, ist widersinnig. Noch sind auch im Internet die sprachlichen Grenzen zugleich Grenzen des Diskussionraums. Natürlich gibt es deutsche Beiträge in Englisch, es ginge aber um eine selbstverständliche Beteiligung deutscher Internet-User an z. B. englischen, skandinavischen, spanischen oder französischen Diskursen und umgekehrt.

6. Ein besonderes Phänomen sind die Aktivitäten politischer Blogger aus Konfliktländern und -zonen (siehe derzeit Syrien) und internationale Kampagnen wie bei den Occupy-Aktionen. Scheinbar grenzenlose Mobilisierung kocht in kürzester Zeit hoch, um nach wenigen Wochen wieder in sich zusammen zu fallen. Da entpuppt sich die Wirkung des neuen Mediums als klassisches Strohfeuer.

7. Die Haltung zum Internet stellt sich in verschiedenen europäischen Ländern politisch und gesellschaftlich offenbar sehr unterschiedlich dar. Hier müsste es überhaupt erst einmal zu einer inter-europäischen Diskussion, ja Wahrnehmung der jeweiligen Internetgruppen  und -interessen kommen.

So ist in Frankreich trotz intensiver Internet-Nutzung eine breitere Internet-affine  Gruppierung kaum vorhanden: „Die Mehrheit der Franzosen nimmt dies [Sarkozys restriktive Netzpolitik] offenbar mit einem gewissen Gleichmut hin. Trotz der europäischen Spitzenreiterposition in verbrauchter Bandbreite und täglicher Internetnutzung spielt Netzpolitik in den politischen und gesellschaftlichen Mainstream-Debatten kaum eine Rolle.“ (Joh. Kuhn in der SZ gestern).

8. Auch hierzulande schwankt die Thematik „Internet“ sehr stark im öffentlichen (= veröffentlichten) Interesse. Der „Bundestrojaner“ und die ACTA-Diskussionen haben für etwas mehr Aufmerksamkeit gesorgt, aber insgesamt bleibt die deutsche Öffentlichkeit (Zeitungen, TV, Radio) von den Bewegungen in den „Netzwelten“ recht unberührt. Dass z. B. Radiosender Facebook-Seiten aktiv nutzen und in Sendungen integrieren, ist zunächst nur ein weiteres zielgruppenbestimmtes „cooles“ Mittel des Mediums Radio. Thomas Gottschalks Versuch, statt Live-Publikum Twitter und Facebook zur Interaktion zu nutzen, hat sich als Fehlschlag erwiesen.

9. Internet-Aktivisten neigen dazu, den eigenen Standpunkt und das eigene Interesse gesellschaftlich zu überschätzen, weil sie ihre neue Weltsicht, die „digitale“ nämlich, vorschnell als allgemeingültig setzen und eine rein technische Möglichkeit sozial verabsolutieren.  So hat auch das Interesse an den „Piraten“ erheblich nachgelassen (vgl. Umfragewerte), weil sie wenig zu nicht-netzspezifischen Themen wahrgenommen werden. Und aktive Twitterer gibt es von Kappes geschätzt weniger als 2 % …

10. Trotz allen Enthusiasmus‘ und weit ausgreifender Thesen und Perspektiven zur Zukunft des Internets stellt sich die „Netzgemeinde“ bei uns derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Dabei ist „sub-“ nicht abwertend gemeint, sondern bezeichnet eine Teilmenge; man könnte auch Nebenkultur sagen. Sie ist durch die eigene Netz-Affinität, durch eigene Netzaktivitäten (teilweise auch beruflich) und Social-Media-Sozialisation geprägt. Der Begriff „Netzgemeinde“ wurde zwar jüngst als quasi-religiös kritisiert (siehe Thomas Knüwer, Indiskretion Ehrensache), trifft aber den derzeitigen Stand aus meiner Sicht am besten.

11. Diskussionen um die Bedeutung und Auswirkungen der „digitalen Revolution“ sind gut, sinnvoll und erforderlich;  auch Enthusiasmus und das Aufzeigen von Chancen helfen weiter (= über den Tellerrand hinaussehen). Die „Internet-Gemeinde“ entwickelt sich doch gerade erst auf einen öffentlichen Diskurs hin. Darum ist auch dieser Beitrag in einem Blog natürlich ein Beitrag an die – „Netzgemeinde“ !

 24. März 2012  Posted by at 12:09 Demokratie, Internet, Medien, Netzkultur, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Netzgemeinde als Subkultur
Jan 082012
 
Die derzeitige Bedeutung der Sozialen Medien wird weit überschätzt. Der Informationsgehalt von Weblogs und Diskussions-Plattformen ist oft gering und stellt überwiegend „Meinung“ dar. „Wissen“ wird schon alles genannt, was ungeprüft aus zweiter Hand übernommen wird. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

Social media ist in aller Munde – liest man, denkt man. Zumindest wird in den vergangenen Monaten hierzulande sehr viel öfter darüber geschrieben und diskutiert als sagen wir mal im Jahr 2010. Dass die Rebellionen in den nordafrikanischen Staaten eine neue Art Revolution geboren haben, nämlich die Twitter-Revolution, dass soziale Medien wie Facebook und Twitter die Welt schneller verändern, als es das Fernsehen je konnte, dass mit den neuen Kommunikationsstrukturen die Institutionen der alten „analogen“ Welt völlig überrollt und überflüssig würden, ja dass eine neue Form direkt partizipierender Demokratie möglich und teilweise schon wirklich würde, siehe die „Piraten“ mit ihrer „liquid democracy“, die alle Mängel der „abgewirtschafteten“ parlamentarischen Formen und Parteien beheben werde, dies alles gehört zu den weithin verbreiteten Ansichten „im Netz“: Jeder kann mit machen, „end to end“ kommunizieren anstatt auf die Vermittlung von eindimensionalen Medien und papiernen Stimmzetteln angewiesen zu sein. Wissen strukturiere sich neu, die „Cloud“ ermögliche nun die instant Verfügbarkeit aller nur irgendwie und irgendwo erwünschten Informationen, und dies alles gehe so schnell vonstatten, dass wir den epochalen Umbruch kaum richtig merkten, er aber faktisch vorhanden sei. „Ich kann mir ehrlich gar nicht vorstellen, wie die Wissenschaft in ihren überfrachteten Strukturen da je auf einen Nenner kommen will. Die Welt ist viel zu schnell geworden für Doktorarbeiten.“ So heißt es sehr typisch in einem Blog.

Überhaupt die Weblogs. Obwohl auch hier vereinzelt darüber räsonniert wird, sie entsprächen von ihrer Struktur her noch viel zu sehr den „alten“ unidirektional verlaufenden Kommunikationen und seien daher den Threads in Medien wie Google+ unterlegen bzw. dadurch bald ablösbar, so repräsentieren Blogs doch bis heute neben den nicht zu unterschätzenden Themenforen überwiegend die Art der Meinungsbildung und -verbreitung im Internet. Blogs sind die Zeitung des „kleinen Mannes“, heißt es, wobei auf einzelne Beispiele verwiesen wird, wo Blogs tatsächlich an den Umfang und die Qualität von klassischen Medien heran reichen wie z.B. die „Huffington Post„, – wobei gerade dieses Beispiel zeigt, wie ein Blog zu einem klassischen Online-Medium und News-Portal mutiert ist (sehr interessant ist die Studie von Lisa Sonnabend:  Das Phänomen Weblogs – Beginn einer Medienrevolution?). Ohne Zweifel, es gibt eine Vielzahl interessanter und inhaltlich qualifizierter Blogs, insbesondere Themen-Blogs. Wirkliche „Perlen“ findet man aber wie so oft eher zufällig; es sind nicht unbedingt diejenigen Blogs, die das beste Ranking haben.

Und damit komme ich auch schon zur anderen Seite der Medaille. Es gibt eine unüberschaubare Menge an Blogs allein in deutscher Sprache, aber wenn man einige davon zufällig auswählt und eine Zeit lang verfolgt, dann fällt einem doch auf, wie wenig Information sie wirklich enthalten. Das Meiste ist eben doch Meinung, persönliche Ansicht, sind Gedankenfetzen, Ideen, Einfälle, aber ohne weitere Begründung oder auch später erfolgende gedankliche Ausformulierung. „Denken per Blog heißt: release early, release often. Man kann die Vorgänge nur iterativ begleiten, immer wieder zur Diskussion stellen, korrigieren, umdenken, denn die Ereignisse werfen schon morgen wieder die eine oder andere Annahme um.“ (M. Seemann alias mpr0) Genau das aber ist kein Nachdenken, sondern allenfalls ein oft recht wirres Assoziieren. Spontane Einfälle ersetzen eben nicht Denken, sondern nur Augenblicks-Empfindungen oder situativ entsprungene Ansichten. Die dadurch entstehende Information hat einen sehr geringen und flüchtigen Gehalt. „Iterativ“ heißt eben auch: kommt und geht schnell. Mit Wissen und seinem Erwerb und seiner Verarbeitung hat das wenig zu tun. Ich gebe zu: Wissenserwerb ist mühsam, nicht so einfach spontan und nur kreativ zu machen! Hier aber wird „Nachdenken“ zur naiven Mitmach-Aktion. Eben dies spiegeln viele Blogs und erst recht „Diskurse“ auf Netzplattformen wie Google+. Die Anführungszeichen deswegen, weil ich dort das, was man bisher unter Diskurs (= ein ernsthafter, gedankliche anstrengender Austausch von begründeten Argumenten) versteht, so gut wie noch nie gefunden  habe.

Das angeblich jetzt überall frei verfügbare Wissen ist eine weitere Fiktion. Was ist denn dieses Wissen, das zum Beispiel bei Wikipedia (nutze ich viel und gern zum ersten Überblick) abrufen kann? Es ist in der Regel „zweiter Aufguss“, d.h. Darstellung vom Wissen und wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen anderer. Dazu ist ein Lexikon ja auch da. Bei Themen-Portalen und Themen-Blogs ist das genau so, oft noch stärker: Da wird woanders erworbenes Wissen meist vereinfacht online dargestellt. Wissen selbst aber gewinnt man nur durch intensives Studium von Quellen, von Originaltexten oder aus Veröffentlichung von experimentellen Verfahren und Ergebnissen. Diese sind wiederum so gut wie nie „frei verfügbar“. Außerdem würden sie nur von sehr wenigen verstanden. Das Internet ist also kein eigentlicher Wissensspeicher, sondern ein weites Feld populärwissenschaftlicher Vereinfachung – bestenfalls. Denn meist findet sich dort neben allerlei Abstrusem (jedem Tierchen sein Pläsierchen) persönliche Meinung und eigene Ansichten. Das ist völlig ok und mag auch zur eigenen Meinungsbildung beitragen. Aber es ist kein grundlegendes Wissen, es ersetzt schon gar nicht die eigene Lektüre und gedankliche Aufarbeitung eines bestimmten Themas. Auch dies macht Mühe und braucht Zeit – beides ist aber ein Luxus, den sich das schnelllebige Netz mit seinen „Netizens“ nicht gönnt. Statt dessen wird viel „Unterhaltung“ geboten, und wenn sie gut und kreativ ist, dann ist das ja auch etwas Positives.

Ich bleibe noch einmal kurz bei der These, das Netz ersetze jetzt schon traditionelle Zeitungen und Nachrichtenmedien wie Radio oder Fernsehen. Abgesehen davon, dass ich das zahlenmäßig überhaupt nicht realisieren kann (siehe unten), möchte ich aus eigenen Erfahrung auf Zeitungen und auf die Kompetenz von Journalisten und Redakteuren keinesfalls verzichten. Die Zeitung muss nicht auf Papier sein, lieber sind mir Online-Ausgaben, egal ob kostenfrei oder im Abo (diese sollten aber, wenn sie den redaktionellen Volltext bieten, deutlich preisgünstiger sein als bisher). Kein Blog oder mir bekanntes News-Portal, das nicht mit der Professionalität einer Zeitungsredaktion ausgestattet ist, kommt auch nur annähernd an die Qualität der Informationen letzterer heran. Twitter mag sehr viel schneller und manchmal aktueller sein, aber erstens ist Schnelligkeit nicht alles, was ich erwarte, und zweitens sind auch Online-Redaktionen lernfähig, wie sich zeigt. Gründlichkeit der Recherche, eigene unabhängige Beobachter und Reporter vor Ort (Syrien!), vor allem dann Hintergrundinformationen und davon unterschieden bewertende Analyse des Geschehens sind wesentliche Teile von gehaltvollen Newsmedien. Ich jedenfalls möchte darauf nicht verzichten. Ich möchte möglichst viele Fakten zu einem mich interessierenden Thema erfahren und Gründe, die zu meiner Meinungsbildung führen, nachprüfen können. Nur dann ist ein eigener, selbstbewusster und kritischer Umgang mit Nachrichten möglich. Sonst sind es halt nur schnelle „news“, deren Meldung als solche irgend eine Wirklichkeit „reflektieren“, die aber erstens schnell vergessen wird, zweitens mit den tatsächlichen Gegebenheiten nicht abgeglichen werden kann und soll. Dann stimmt McLuhens These „the medium is the message“ – aber diese message ist eigentlich ohne Informationsgehalt. Darauf kann man gerne verzichten. Eben so wie ich auf 95% der Tweets verzichten kann, sie haben null Info. Der Spaßfaktor kann hoch sein, aber das ist ein anderes Bewertungskriterium. Begründete Meinung und sachlich fundierte Diskussion sind in Blogs und Foren auch selten zu finden. Deswegen die vielen Blogs zu durchforsten ist, als suche man die Nadel im Heuhaufen. Auch darauf kann ich gerne verzichten. Wie schrieb jüngst jemand bei Twitter? „Mit Wissenschaft hat es Social Media nicht so.“

Schlussendlich: Um wen geht es bei den Netznutzern, den Schreibern und Lesern von Blogs und Twitter und G+ eigentlich? (Facebook lasse ich hier unberücksichtigt, weil das aus meiner Sicht eine eigene Kategorie von Medium zur Selbstdarstellung und sozialen Verknüpfung der eigenen Person ist.) Es ist trotz beeindruckender Zuwächse doch nur eine noch marginale Minderheit in unserem Land. Die Google+ Nutzerzahl in Deutschland liegt bei unter 1 Million laut nicht überprüfbarer Angabe im Googleplusblog, wobei unklar ist, wieviele davon regelmäßig aktiv sind. Bei Twitter sind es nur 500.000 Accounts laut Socialmedia-Blog. Auch dies nur als ungefährer Anhaltspunkt, da die Zahlen nicht verifizierbar sind bzw. die Account-Angabe noch wenig über die tatsächliche Nutzung aussagt. Dafür wären genaue demoskopische Untersuchungen nötig; mir ist dazu noch keine bekannt, allenfalls zur Internetnutzung im Allgemeinen. Diese Größenordnungen der User von Social Media bei uns stellen also im Vergleich zur Reichweite von Radio, TV und sogar Tageszeitungen (48 Millionen Leser täglich laut die-zeitungen.de) nur einen Bruchteil dar. Bevor man da von tiefgreifenden Veränderungen oder „Internet-Revolution“ sprechen kann, muss also noch sehr viel Wasser den Rhein, die Elbe, die Oder und die Donau hinunter fließen.

Fazit: Die Bedeutung von Sozialen Medien wird derzeit weit überschätzt, am meisten von den Nutzern derselben, was ja kein Wunder ist. Dass sich da etwas tut und langfristig verändert, steht außer Frage. Aber in welche Richtung die Entwicklung geht und was davon wirklich wünschenswert und positiv ist, ist noch offen und außerdem natürlich Ansichtssache. Jedenfalls wäre es schon nicht schlecht, wenn sich die selbsternannten Gurus des Internet-Zeitalters etwas mehr Bescheidenheit angewöhnen würden und vor allen Dingen eines tun, was beim schnellen Texteingeben und Absenden fast immer zu kurz kommt: Erst nachzudenken und dann zu schreiben. Das Internet wäre um sehr viel überflüssigen Mist ärmer. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

 8. Januar 2012  Posted by at 11:14 Internet, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media – eine Pseudowelt?