Jun 022018
 

Die alte Welt zerbricht; aus europäischer Sicht bricht sie zusammen. Aus chinesischer Sicht dürfte sie eher aufbrechen – zu neuer Blüte. Ein Auseinanderbrechen ist es allemal. Im Westen um den Atlantik herum erodieren Bündnisse, Freundschaften und gemeinsame Interessen schneller, als man es sich bisher vorstellen konnte. Erosion heißt hier: Auch wenn die altbekannten Institutionen UNO, NATO und EU noch unverändert weiter existieren und in ihren bürokratischen Gehäusen ihren Geschäften nachgehen, als wäre nichts gewesen, hat sich unter der Oberfläche bereits ein mächtiger Strom gebildet, der alles mitzureißen und irgendwann auch die Decke einzureißen droht. Dieser Strom besteht aus Nationalismus, Voluntarismus, Merkantilismus, Rassismus, Autoritarismus, Egoismus, Zunehmen des Rechts des Stärkeren und Schwächung der Stärke des Rechts. Das Prinzip des internationalen Rechts, „pacta servanda sunt“, gilt nicht mehr. Es droht jeder für sich selbst zu kämpfen, um möglichst viele Vorteile kurzfristig für sich herauszuholen. Das heißt heute Fairness. Es geht nicht mehr um Abmachungen und Verträge, die dem Interessenausgleich dienen, sondern um „deals“, in denen möglichst trickreich die andere Seite gefügig gemacht und über den Tisch gezogen werden soll. Symbol dafür: Trump.

EU Flaggen

Flaggen vor dem EU-Parlament Straßburg (c) EP

Das klingt nach enttäuschter Liebe gegenüber den USA: Auf einmal wird Europa nicht mehr geliebt. Aber das stimmt nicht, weder das „auf einmal“ noch das „geliebt“. Der Erosionsprozess im atlantischen Verhältnis ist schon länger spürbar gewesen. Obama war verbindlich im Ton und in den Gesten, aber gegenüber Europa durchaus schon „America first“. Die Interessengemeinschaft der Nachkriegszeit ist spätestens nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dann verstärkt während der in Schwung kommenden Globalisierung unter der Ägide des Neoliberalismus abhanden gekommen. Die polarisierenden Effekte der verstärkten internationalen Konkurrenz, die manche Gewinne der Globalisierung ins Negative kehrten, machten sich deutlicher bemerkbar, indem sie Gewinner und Verlierer erzeugten. Mit der globalen Finanzkrise kollabierte ein Kartenhaus aus Übertreibungen, Gier und Schrankenlosigkeit. Kriege auf dem Balkan, danach der sogenannte arabische Frühling, der statt eines demokratischen Aufbruchs eine Instabilität brachte, zu der nur noch das amerikanische Zündeln im Irakkrieg genügte, um eine ganze Region in Flammen aufgehen zu lassen. Terrorismus, Fanatismus, Islamismus waren die Folge, die vor allem Europa erreichten: Terrorattacken und eine Welle der Fluchtmigration, die sich mit einer Armutsmigration verband und nach Norden drängte. Nicht nur Teile am Horn von Afrika, sondern ebenso Teile des arabischen Halbmondes versanken im Chaos mit ungezählten Toten, – allen voran in Syrien.

Gleichzeitig begannen die USA sich aus der Gefahr einer Überdehnung als einzig verbliebener Supermacht auf sich selbst zurückzuziehen und die eigenen Interessen hervorzukehren. Der gemeinsame Feind des Westens im Osten, Moskau, war nach dem Zusammenbruch der UdSSR für eine Weile abhanden gekommen. Die neuen Herausforderungen lagen mehr in der Bekämpfung des Terrorismus („war on terror“) durch massive Rechtsverschärfungen im Innern und militärische Aktionen im Äußeren. Im Großen und Ganzen folgten die europäischen Staaten dieser Linie. Viele träumten immer noch von einer seligen Friedenszeit im Genießen einer „Friedensdividende“, da man ja nun nur noch Freunden umgeben sei, so die Parole in Deutschland. Europa schien nicht nur geeinigt und mit einer gemeinsamen Währung und gemeinsamen Außengrenzen so stark und integriert wie nie zuvor, sondern strahlte auch eine Attraktivität besonders in den neuen Republiken des ehemaligen Ostblocks aus, denen man mit viel Geld und großzügiger Auslegung der Regeln entgegenkam. Das hatte man ja schon in der „alten“ EU zur Genüge erprobt, und nicht nur gegenüber Griechenland und Italien. Auch Frankreich und Deutschland gehörten seit Beginn der Währungsunion zu denen, die gegenüber den Stabilitätskriterien wieder und wieder versagten. Risse taten sich auf, als die „blühenden Landschaften“ des Ostens (eben nicht nur auf dem Gebiet der ehemaligen DDR) in Armut, wirtschaftlicher Abhängigkeit und fehlender politischen Stabilität verharrten. „Bimbes“ (Kohls Devise) half jetzt nicht mehr. In der Ukraine hat Russland gegenüber dem Westen definitiv Stopp gesagt, und mit der Besetzung der Krim die Rückkehr als Großmacht eingeleitet.

So erlebten und erleben wir einen neuen Nationalismus und Chauvinismus in allen europäischen Staaten. Populistische Parteien erstarken insbesondere durch den Trigger Migration. Der Osten zeigt sich autoritär und „störrisch“, weil er die Segnungen aus Brüssel nicht mit gesenktem Haupt hinnimmt. In der Phase der größten Ausdehnung und des scheinbar größten Erfolges der Idee der europäischen Einigung machte sich ein Spaltpilz breit, der von den Basken über Katalonien, die Flamen, Schotten, bis hin zu den Polen, Rumänen und Ungarn reicht, nicht zu vergessen Zypern und der nur mit Mühe befriedete Balkan. Das ist mehr als ein Knirschen im Gebälk, das droht zur Zerreißprobe zu werden umso mehr, als der Euro die Verhältnisse von arm und reich zwischen der Staaten der EU eher verschärft als aufgelöst hat, – jedenfalls gefühlt, mögen die Ökonomen mit noch so vielen positiven Kennzahlen das Gegenteil zeigen. Die in vielen süd- und osteuropäischen Ländern verbreitete Jugendarbeitslosigkeit von 25 – 40 % spricht für sich. Es wachsen nicht nur unter Einwanderern, insbesondere muslimischen, verlorene Generationen heran. Ein Blick nach Griechenland, Spanien und Italiens Süden genügt, von den jungen EU-Staaten im Osten ganz zu schweigen. Die Wiederkehr und Neuauflage eines massiven Nationalismus zum Beispiel in Polen und Ungarn hat politische Gründe und ökonomische Ursachen, ebenso wie die nationalen bis nationalistischen Bewegungen und Parteien, die von Frankreich über Österreich, Skandinavien und Großbritannien an rasantem Wachstum und Einfluss gewonnen haben, nicht einfach so vom Himmel fallen. Wir in Deutschland tun uns da mit der vergleichsweise kleinen AfD schon schwer, sie als Ausdruck der Stimmung eines Teiles der Bevölkerung hinzunehmen. Gerade diese Unsicherheit im Umgang mit den „Rechten“ gibt ihnen aber offenbar noch mehr Aufschwung und verändert jetzt schon die politische Diskussion im Land und im Parlament. Das ist überhaupt nicht verwunderlich und gehört zur öffentlichen Auseinandersetzung. Wir leben gerade mit all unserem wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Errungenschaften nicht auf einer Insel, weder innerhalb der EU noch gegenüber dem Nahen Osten und Afrika. Mich wundert eher, wie sich da manche verwundert die Augen reiben.

Ein kurzer Blick in den fernen Osten. Das 21. Jahrhundert könnte das Jahrhundert Chinas werden, so wie das 20. Jahrhundert das der USA gewesen ist. China gewinnt unglaublich schnell an Stärke, Selbstbewusstsein und Einfluss aufgrund seiner ebenso unglaublichen wirtschaftlichen Aufholjagd, Es gehört jetzt schon zu den drei größten Volkswirtschaften, wenn man die EU als Ganze nimmt, sonst ist es jetzt bereits die zweitgrößte als einzelner Staat und dürfte die USA bald überholen. Das schlägt sich sowohl in erheblicher Zunahme militärischer Stärke als auch in polit-kultureller Einflussnahme nieder. Das Projekt OBOR, „One Belt One Road „, ist mitnichten nur ein logistisches Unternehmen. Es beinhaltet und unterstreicht einen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und letztlich natürlich auch militärischen Anspruch, der bis nach Europa reicht. Da trifft es sich aus chinesischer Sicht bestens, dass der Westen auseinanderdriftet ist wie selten, die USA ihr eigenes Ding machen und Europa in sich uneinig und zerstritten ist, wie es denn weitergehen soll mit der „Union“. Was es hierzu noch mehr zu sagen gibt – man schaue in die aktuellen Zeitungen.

Die alte Welt ist dabei zu zerbrechen. Dieser Eindruck ist vielleicht typisch für mich und meine Generation, die die siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben als eine selten gute Zeit des Friedens, des Wachstums und Wohlstands, nicht nur materiell, sondern auch als Zeit der Zunahme an Bildungsmöglichkeiten, Partizipations- und Freiheitsrechten. Quer durch Europa reisen können nur mit Perso, studieren und arbeiten, wo immer man will innerhalb der EU, mit einem sozialen Netz ausgestattet zu sein, dessen vorhandene Mängel zu beklagen nur auf einem unglaublich hohen Niveau möglich ist – wo und wann hätte es das jemals vorher in Europa gegeben? Einem Europa, dass sich in den vergangenen Jahrhunderten in einer Unzahl von Kriegen gespalten und aufgerieben hatte bis zu den Weltkatastrophen der zwei großen Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich bin danach geboren, dies ist wahrhaftig ein Glück der rechten Zeit! – So schreibt man wohl verklärend, denn es ist allenfalls die halbe Wahrheit. Die andere Seite sind die bewegten und kritischen Zeiten, die es in den 70 Jahren natürlich auch gab: Ungarnaufstand, Kubakrise, Kennedymord, Watergate, Vietnamkrieg, Afghanistankriege, RAF in Deutschland, Notstandsgesetze, Kohle- und Stahlkrise, Ölkrise – da kommt schon einiges zusammen. Aber es gab eben auch den Sputnik (mehrere!), die Mondlandung (mehrere!), Farbfernsehen, Fußball-Weltmeisterschaften, die Erfindung von Computer und Internet, und dann das iPhone bzw. Smartphone, Inbegriff der neuen Mobilität und Konnektivität. Siebzig Jahre mit sehr viel Licht und dennoch auch Schatten, insbesondere die zähe Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Antisemitismus in den Fünfzigern, die dann doch später erstaunlich glückten. Heute stehen wir erschrocken und ungläubig vor neuen Nazis und Antisemiten, die nicht nur aus der muslimischen Bevölkerung kommen: Es ist braune Brut, hierzulande und anderswo in Europa.

Ein Ende merkt man deutlich dann, wenn es eingetreten ist. Für mein Gefühl ist heute der Punkt erreicht, an dem man sagen kann: Die letzten Jahrzehnte und ihre Regeln, Sicherheiten und Vertrautheiten, ihre Probleme und Lösungen, sind definitiv Vergangenheit. Heute ist ganz anderes erforderlich, etwas ganz Neues beginnt, „Digitalisierung“ kann dafür als Chiffre dienen. Ob es schlimm wird oder gut, weiß man noch nicht, denn wir haben viel zu verlieren. Aber mit der Veränderung umzugehen liegt in unserer Hand, besonders in der Hand der mittleren Generation und vor allem der Jugend. Und die Jugend ist so gut gebildet, mit so vielen Chancen und Offenheiten ausgestattet, vielleicht so europäisch und international vernetzt wie nie eine Jugend zuvor. Das sieht doch gut aus, da wird mir nicht bange. Sie wird wachsen mit ihren Aufgaben. Das Zerbrechen und Ende einer alten Zeit enthält zugleich die Möglichkeiten, aber eben auch die starken Herausforderungen dieser neu anhebenden Zeit. Es wird eine Zeit neuer Ideen und Köpfe sein und darum Zeit für alte Köpfe – abzutreten.

Reinhart Gruhn


Zwei Texte, die symptomatisch sind für den politisch-kulturellen Charakter der Veränderung in einer „postheroischen“ Zeit und Gesellschaft:

Herfried Münkler, Wir sind verwundbarer, als wir glauben, NZZ 15.12. 2017

Armin Lehmann, Sehnsucht nach Männlichkeit – Wo die Neue Rechte richtig liegt, Tagesspiegel 03.06.2018

 

 2. Juni 2018  Posted by at 19:16 Demokratie, Deutschland, Europa, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Die alte Welt zerbricht
Jan 062016
 

Es ist nicht das neue Jahr, das nachdenklich macht, – es ist die Qualität der Ereignisse.

Es ist nicht das neue Jahr, was nachdenklich macht, das ist nur ein Termin. Es ist auch nicht die bloße Vielzahl der Ereignisse und Nachrichten, die uns beschäftigen. Es ist mehr die Qualität mancher Ereignisse, die Veränderungen erkennen lässt, Veränderungen in den Rahmenbedingungen, in den Un-Gleich- Gewichten, in den Zuordnungen und Verhältnissen innerhalb größerer Zusammenhänge. Man hat den Eindruck, es würden an verschiedenen Angelpunkten der Welt gleichzeitig die Stellschrauben verändert. Das Netz der politischen Beziehungen scheint in großer Bewegung zu sein, in der alte Knoten rasant an Bedeutung verlieren und neue Knoten entstehen, in dem sich das Gewicht einzelner Bereiche verändert und der Fluss des Ganzen neue Richtungen sucht. Neue Zeiten brechen an, oder vielmehr scheinen wir einen Umbruch zu erleben, dessen Anfang unklar und dessen Ende unabsehbar ist.

Es sind einmal die Ereignisse selber, die ‚brute facts‘, die Aufmerksamkeit erzwingen. Die Bezeichnungen der vielen ‚Krisen‘ stehen für größere Komplexe, die sowohl für sich genommen als auch im Zusammenhang untereinander für Irritationen sorgen: Finanzkrise, Eurokrise, Ukraine- bzw. Krimkrise, EU-Krise, Syrienkrise, Flüchtlingskrise usw. Hinzu kommen Ereigniskomplexe, die mit ‚Terrorismus‘, ‚Islamismus‘, ‚failed states‘, ‚Migration‘ nur angedeutet, aber kaum hinreichend erfasst oder klar abgegrenzt sind. Die nackten Fakten tauchen dabei immer im Zusammenhang einer Deutung auf, mittels derer sie interpretiert, verstanden und eingeordnet werden. Erst so gewinnen die Einzelereignisse an Bedeutung. Und da liegt der Knackpunkt. Es fehlen zunehmend die klaren Kategorien, um Verständnis zu ermöglichen; bisher erfolgreiche Deutungs- und Erklärungsmuster versagen. Auch dies ist ein Prozess des Mehr oder Weniger, denn natürlich gibt es nach wie vor eine Vielzahl von Erklärungen und Interpretationen, die mehr oder weniger klug sein mögen, die aber dennoch die Zusammenhänge zu erhellen versuchen. Und genau dabei zeigt sich, dass diese Erhellung kaum überzeugend gelingt, dass da etwas fehlt zur Erklärung, dass das Geschehen eben doch noch nicht wirklich erfasst, gedeutet und im Zusammenhang verstanden ist.

Nun ist auch der Streit um die rechte Deutung und das angemessene Verständis von Weltereignissen so alt wie die Politik selbst – erst durch die Macht der ‚Deutungshoheit‘ gewinnt ein Ereignis seine Gestalt, in der es überwiegend wahrgenommen wird. Das heute Beunruhigende liegt darin, dass zu viele Ereignisse und zu vieles gleichzeitig und von einander abhängig nach Deutung und Erklärung verlangt. Der Seufzer „Es hängt eben immer alles mit allem zusammen!“ hat ja durchaus recht, markiert aber zugleich die Ohnmacht des Verstehenkönnens. Ökonomische, politische, kulturelle, religiöse Kategorien und Deutungsmuster sind offenbar zunehmend unscharf und hoffnungslos ineinander verschlungen, weil / woraufhin uns die Ereigniskomplexe ebenso vielschichtig und unbestimmt / unbestimmbar erscheinen. Darüber hinaus, und das scheint mir das Entscheidende, steht nicht nur die Klarheit und Anwendbarkeit der Kategorien in Frage, sondern die Kategorien selber. Wir haben offenbar noch nicht die für das Verständnis des heutigen Geschehens nötigen und hilfreichen Begriffe, Kategorien, Denk- und Deutungsmuster gefunden. Das ist das eigentlich Neue und Verunsichernde in diesen „Neuen Zeiten“.

Donald Trump - CC: Gage Skidmore, flickr

Donald Trump – CC: Gage Skidmore, flickr

Nun kann man sich nicht ins stille Kämmerlein setzen und neue, passendere Kategorien ausdenken, ‚erfinden‘. Auch fehlt uns eine alles überwölbende Ideologie / Philosophie, die den Anspruch erheben könnte, „ihre Zeit in Gedanken gefasst“ (Hegel) zu sein. Vielmehr ist das Bedürfnis nach einer wie auch immer gearteten „einfachen Erklärung“ des Komplexen der stärkste Antrieb für den Erfolg all der wieder belebten, virulenten Ismen, die das Chaos lichten und vor allen Dingen den Mächtigen hinreichende Legitimation verleihen sollen, sei es die chinesische Harmonienlehre, sei es die Beschwörung der alten Werte Mütterchen Russlands, sei es die hierzulande häufiger werdende Zitierung der universalen freiheitlich-demokratischen Grundwerte. In einer Zeit, in der die Guten immer auch die Bösen sind, je nach Sichtweise, ist es schwer, Gut und Böse klar zu unterscheiden. Da braucht’s eine einfache Ideologie, die hier alles klärt: So feiern der Nationalismus und Fundamentalismus fröhliche Urstände. Statt dessen wäre aber ein sehr ernsthafter öffentlicher Diskurs nötig, ein öffentlicher Streit um das rechte Verständnis, um die angemessenen Kategorien, um die Relativität der jeweiligen Sichtweise, um das, was uns (!) bei all den Unklarheiten und Unsicherheiten als Wert und Rahmenbedingung kulturell und politisch unverzichtbar ist – und dann auch ‚teuer‘ sein darf.

Diese Diskussion hat noch gar nicht recht begonnen, nur Ansätze sind gelegentlich zu erkennen. Bisweilen scheinen mir manche in Sozialen Medien Engagierte etwas weiter zu sein als die offiziellen Medien (Zeitungen) und erst recht als die Politik. Vielleicht wird die Frage, was eigentlich mit all den Flüchtlingen, Migranten und mit uns in unserer Gesellschaft geschieht, zum Auslöser einer sachlichen, engagierten und ernsthaften Diskussion, die natürlich den Streit um die gewünschten Ziele und die zu beschreitenden Wege einschließen muss. Das Schwierige der zu bewältigenden Aufgabe: Es geht nicht um die Wichtigkeit der Digitalisierung oder um Industrie 4.0 oder um Flüchtlinge oder um Islam oder oder um Fundamentalismus oder um Vormachtstreben oder um Großmachtpolitik oder um universelle Werte und Kulturen oder um die EU oder – es geht um alles zusammen, wie es in der Wirklichkeit tatsächlich in einander verschlungen statt findet. Billiger und einfacher ist eine neue Orientierung nicht zu haben. Ein paar Sonderseiten in den wichtigen Zeitungen reichen dafür nicht, aber sie könnten helfen. Denn die Diskussion muss Plattformen finden, möglichst viele in allen Medien, der öffentliche Diskurs mag mühsam sein, ist aber absolut notwendig, und der Diskussionsprozess wird lange dauern und Wege und Irrwege aufzeigen, aber er muss geführt werden – jetzt.

Wo ist eigentlich heute die „intellektuelle Elite“ – oder gibts die öffentlich gar nicht mehr? Warum schließen sie sich in ihre Lieblingsthemen von „Glück“ oder „Geist und Hirn“ ein, statt sich an die lebenswichtigen politischen Fragen dieser Zeit zu wagen?

 6. Januar 2016  Posted by at 19:06 Kultur, Politik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Neue Zeiten
Mai 252013
 

Der Mensch hat Zeit. – Dieser Satz gilt strikt. Der Mensch ist das Subjekt der Zeit. Die Zeit ist ihm zu eigen. Das Jetzt gibt es sogar ausschließlich für den Menschen. Gegenwart und Vergangenheit sind Interpretationen der Zeit. Zukunft ist das, was erwartet wird, – oder das, was einfach auf uns zu kommt. „Unsere“ Zeit ist ganz und gar etwas durch uns Geschaffenes.

Immanuel Kant definierte Raum und Zeit als „reine Formen der Anschauung“. Zeit ist für ihn ebenso wie der Raum etwas formal Vorgegebenes, das Anschauung und darauf hin Wahrnehmen und Begreifen überhaupt erst ermöglicht und begleitet. Er geht damit zwar über den „absoluten“ Raum Newtons und dem entsprechend über eine absolute Zeit hinaus und nimmt Raum und Zeit gewissermaßen das Objektive. Zugleich sind Raum und Zeit aber die a priori gegebenen Rahmenbedingungen jeglicher Erkenntnis, die auf Anschauung beruht. Die Zeit ist damit kein Gegebenes innerhalb der Welt, sondern die transzendentale Voraussetzung von Welterkenntnis überhaupt. Man kann nun in der Nachfolge Kants darüber streiten, ob damit Raum und Zeit als Rahmenbedingung aller Anschauung und somit aller Erkenntnis der Subjektivität des Menschen zuzuordnen ist, oder ob es sich bei den „reinen Formen“ doch eher um objektive Ideen geht, die menschliche Erkenntnis immer schon vorfindet. Letzteres wäre eine fast noch metaphysische Interpretation, Ersteres würde den Weg bahnen in ein streng subjektivistisches Verständnis von Raum und Zeit.

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Bleiben wir bei der Zeit. Die heutige analytische Philosophie, speziell die Philosophie des Geistes, nimmt die Entwicklungen und vorläufigen Ergebnisse der Neurowissenschaften positiv auf, wenn sie den Geist des Menschen, sein Empfinden, Vorstellen und Begreifen, also den gesamten Bereich des Mentalen, als etwas denken und verstehen möchte, dem stets ein neurales Korrelat zugeordnet ist. Ich vermeide es mit diesem Ausdruck, die Art der Zuordnung irgendwie, womöglich einseitig kausal, zu bestimmen. Das mag sein oder auch nicht – es spielt für diese Überlegungen jetzt keine Rolle. Entscheidend ist der Versuch, die mentalen Phänomene, also Bewusstsein, Wahrnehmen, Vorstellen und schließlich Denken und Begreifen als an das menschliche Gehirn gebunden zu beschreiben. Lässt man sich auf diesen Weg einmal ein, dann gewinnt die Frage an Bedeutung, wie denn genau die Phänomene des Bewusstseins zu beschreiben sind, wie es entsteht, gebildet wird, sich ausprägt und entwickelt, wie also aus „einfacher“ Sinneswahrnehmung im Bewusstsein die eigene Welt des Menschen entsteht. Schließlich führt diese Überlegung weiter zu der spannenden Frage, wie das Selbst, das ‚Ich‘, phänomenal zu beschreiben ist, und wie höher stufige mentale Prozesse nicht nur gegenständliches Erkennen, also mithin das, was wir banal realistisch als Raum erfahren, sondern auch das eigene Gegenwärtigsein und Seiner-selbst-bewusst-Sein ermöglichen. Schließlich gehört es zu den evolutionär höchsten Leistungen des Geistes, in sich das Abbild einer Welt zu konstruieren als ein mentales Modell, und damit strikt ‚gleich-zeitig‘ auch das gegenwärtige Jetzt zu schaffen. Anders herum gesprochen: Abgesehen vom Bewusstsein eines Lebewesens wie des Menschen gibt es kein Jetzt, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, so wie wir sie mit der Metapher des Zeitstrahls verstehen. Die Natur kennt keine Zeit in unserem Sinne, sondern nur Prozesse und Wechselwirkungen, die durch den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, das heißt durch die unumkehrbar ‚gerichtete‘ Zunahme der Entropie bestimmt sind. Zudem ist das, was wir Zeit nennen, in gleichförmig bewegten Inertialsystemen relativistisch gestaucht oder gedehnt, also mitnichten ein objektiv gegebenes unveränderliches Maß.

Bleiben wir beim Augenblick, bei unserem Jetzt. Das Bewusstsein, so könnte man nun sagen, ‚modelliert‘ die Sinneswahrnehmung zu einer Welt, zumindest zu einer ‚Welt für mich‘ aus der exklusiven Perspektive des Jetzt. Das, was mir im Augenblick bewusst ist, konstituiert mein zeitliches Jetzt. Dies ist wiederum die Basis für das „Zeitfenster“ der Gegenwart. In Abgrenzung zum gegenwärtigen Jetzt kann das mentale Modell des Selbst auch eine Vergangenheit bestimmen, die durch die Erinnerung als vergangene Zeit repräsentiert wird. Mit der Zukunft ist es einfacher; sie ist eigentlich gar kein Zeitbegriff, sofern sie nur das bezeichnet, was unter unendliche vielen Möglichkeiten ‚als nächstes‘ passiert. Als vom eigenen Selbst geplante, erhoffte oder befürchtete Erwartung wird sie aber als eine noch nicht realisierte Zeitstruktur für das Ich als „Zukunft“ modelliert. Tatsächlich, so lässt es sich analytisch durchaus plausibel beschreiben, ist die Zeit, zumal die Gegenwart im Jetzt, etwas dem Menschen Ureigenes, nur ihm mental Zugängliches. Die Modelle mentaler Repräsentation schaffen nicht nur das ‚Selbst-Verständnis‘, sondern weit mehr: Sie konstituieren und konstruieren für mich eine Welt in der Zeit, in der allein ich sie und es und ‚alles‘ erleben kann: meine Welt in meiner Zeit.

Wie ’subjektiv‘ verschieden das Jetzt erlebt und gedeutet werden kann, zeigen die verschiedenen Zeiträume der ‚Gegenwart‘: Sprechen wir von der „Gegenwartskultur“, dann besteht diese Gegenwart aus Jahren oder Jahrzehnten. Beziehe ich mich auf den Ort, an dem ich mich „gegenwärtig“ aufhalte, dann kann diese Gegenwart ein Tag oder mehrere Tage sein. Spricht man von Geistesgegenwart, dann meint man eine augenblicklich aktuelle Reaktion, die Gegenwart schrumpft zum Nu dieses Augenblicks. Davon noch einmal zu unterscheiden ist natürlich die Empfindung, die wir beim Erleben unserer Zeit haben: die Minuten oder Sekunden, die so endlos dauern bis zum ersehnten Abpfiff eines Endspiels in Wembley…

Diese Überlegung ist nur eine Möglichkeit. Sie erklärt viel und lehrt uns, unser Erleben in der Welt, in Raum und Zeit, als jeweils eigenes Erleben anders und, wie ich meine, besser zu verstehen. Die heutige analytische „Philosophie des Geistes“ gehört zum Spannendsten, was es seit langem in der Philosophie zu denken gab.

Hinweis: Philosophisch informativ und einführend in die „Theorie des phänomenalen Selbstmodells“ ist Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, 5. Auflage 2012.

 25. Mai 2013  Posted by at 17:59 Bewusstsein, Geist, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Geist
Jan 062013
 

Es ist erstaunlich, wie langsam sich Dinge ändern. Schaut man in die Geschichte, dann findet man rasche Änderungen nur durch den Einsatz massiver Gewalt, im Krieg oder bei Umstürzen der Herrschaft (Revolution, Staatsstreich). Auch dann ist jeweils zu fragen, wie weit es dadurch wirklich zu einer nachhaltigen Veränderung konkreter Verhältnisse durch die Änderung der Herrschaftsverhältnisse gekommen ist oder ob es nur einen Wechsel der herrschenden Elite gegeben hat, sich also gewissermaßen nur das Etikett geändert hat.

Noch wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Machtwechsel in Ägypten zu nachhaltig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen führen wird oder ob sich dort eine neue Elite unter islamistischem Vorzeichen etabliert. Natürlich kann auch ein solcher Wechsel der Eliten weitere Änderungen nach sich ziehen, zumal wenn die herrschende Ideologie sich ändert. Entscheidend für die Beurteilung einer umfassenden Veränderung wird dann sein, ob und wie weit der Herrschaftswechsel zu einer Änderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Beziehungen führt. Doch auch dies braucht wiederum viel Zeit.

Anderes Beispiel. Die „Novemberrevolution“ in Deutschland 1918/19 hat zwar zu einem dramatischen Herrschaftswechsel geführt, aber die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Weimarer Zeit waren weitaus geringer, als es das Ende des Kaiserreiches vermuten ließe. Andererseits gab es 1945 zwar einen durch den Kriegsverlauf (= totale Niederlage Nazi-Deutschlands) verursachten Wechsel im Herrschaftssystem (Konstituierung einer föderalen Demokratie), aber die daraufhin folgenden sozialen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen waren viel gravierender und nachhaltiger als während der Weimarer Republik. Allerdings, und damit zeigt auch dieses Beispiel, die dauerhaften Veränderungen brauchten wiederum Zeit, viel Zeit, ehe man den Umbruch im staatlichen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik Deutschland richtig absehen und beurteilen konnte. Im Grunde  erstreckte sich dieser Zeitraum fast auf das gesamte Bestehen der „alten“ Bundesrepublik, denn die sechziger, siebziger und achtziger Jahre brachten jeweils eigene Impulse und Akzente, die zu einer gesellschaftlichen Transformation und erst nach und nach zu einer gefestigten neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland geführt haben.

Weit reichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, in Ökonomie und Kultur, erst recht in Sitte und Moral erfordern viel größere Zeitspannen als nur ein paar Jahre oder gar ein bestimmtes, heraus ragendes Datum. Solche Daten werden meist im Nachhinein mit der ihnen eigentümlichen Symbolkraft versehen aufgrund der Art und Weise, wie man die betreffende Geschichte jeweils ‚erzählt‘ und welchen Anfangspunkt man setzt. „Zeitdiagnosen“, die in immer schnellerer Folge Umbrüche zu konstatieren vorgeben, verraten meist mehr über die Brille des jeweiligen Autors als über das wirkliche Zeitgeschehen. Jürgen Kaube hat dazu in der FAZ gerade einen schönen Essay geschrieben.

Menschen

Menschen – Vancouver

Alles braucht seine Zeit, insbesondere die Veränderung von Mentalitäten. Da geht der Wandel zwar stetig vonstatten, aber im Schneckentempo. Es braucht für eine solche Veränderung in den Einstellungen (zur Arbeit, zur Freizeit, zur Umwelt, zur Familie, usw. – zum Leben insgesamt) meist mehrere Generationen. Erste Anzeichen von solchen Veränderungen sind erst in der nächst folgenden Generation erkennbar. Bis sich neue Einstellungen und ein neues Verhalten durchgesetzt hat, braucht es dennoch mehr als eine Generation. Erst die Enkelkinder wachsen in einer wirklich „anderen“ Welt auf als ihre Großeltern. Dazwischen stehen die Eltern gewissermaßen als Bindeglied. Sie garantieren die Kontinuität in der Abfolge der Generationen, verknüpfen allein durch ihr Dasein die „alten“ Verhältnisse der Großelternzeit mit den „neuen“ Einstellungen und Verhalten der Enkelzeit. Da auch Eltern ihrerseits einmal Enkel waren und demnächst Großeltern sein werden, entsteht eine unablässige Folge von Stetigkeit, von Kontinuität und Beharrung. Nur so wird offenbar der ebenso fort währende Wandel (nichts ist bekanntlich gewisser als derselbe) ‚lebbar‘, erträglich und in das alltägliche Leben hinein integriert.

Es ist darum müßig darüber zu streiten, ob es in einer bestimmten Zeit, beispielsweise jetzt in der Gegenwart, mehr Wandel oder mehr Kontinuität gäbe. Es gibt immer beides ineinander verwoben. Dann mag es schon einmal in bestimmten Bereichen gewisse „Schübe“ der Veränderung geben (z.B. der Umgang mit Sexualität nach Einführung der Pille), die aber ebenso durch beharrende Einstellungen in bestimmtem Maße ’neutralisiert‘ werden: Bei Umfragen zu den Wertvorstellungen der jüngeren Erwachsenen hat „Treue“ fast immer einen Spitzenwert. Noch einmal: Anders wäre es kaum lebbar. Denn das am stärksten beharrende Element in der Entwicklung einer Gesellschaft ist trotz aller ‚Globalisierung‘ der einzelne Mensch selbst, wie er an einem konkreten, einzelnen Ort lebt und arbeitet. Bei aller Bereitschaft, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, zu neuen Ufern aufzubrechen, die Realität zum Beispiel durch Technik umzugestalten, die Erfahrung auf Netzwelten auszudehnen, will der Einzelne immer wieder Vergewisserung im Vertrauten. Dieser Konservativismus (im wörtlichen Sinne) ist stets die Kehrseite der Bereitschaft zur Veränderung. Darum kann der engagierteste ‚Netizen‘ oder Computertechniker gleichzeitig von einem idyllischen Leben auf dem Lande schwärmen. Das ist eben kein Gegensatz, das sind zwei Seiten einer Medaille. Nur die Langsamkeit ändert die Geschichte nachhaltig.

Ich finde das als älter werdender Mensch eigentlich sehr gut so, in gewisser Weise tröstlich.

 6. Januar 2013  Posted by at 12:03 Geschichte, Gesellschaft, Individuum Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Langsame Geschichte