Apr 032019
 

Ungleichheit wird zunehmend als ungerecht empfunden.

Wirtschaftliche Ungleichheit in einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft ist normal, sogar in gewissem Umfang erwünscht. Darin liegt unter anderem der Ansporn, vorwärts zu streben und seine Stellung innerhalb von Beruf und Gesellschaft zu verbessern, sein Einkommen zu steigern und für sich und seine Nachkommen größere Chancen zu nutzen. Dies Konzept stößt sich mit der naturrechtlichen Gleichheit aller Menschen. Insbesondere die Aufklärung hat zusammen mit der Französischen Revolution die Idee der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zum politischen Programm erhoben. Menschen sind frei geboren und vor dem Gesetz gleich. Die Brüderlichkeit wird am ehesten mit Solidarität zu übersetzen sein, die dem unverschuldet in Not Geratenen gebührt.

Diese erklärenden Sätze enthalten bereits einige Einschränkungen. Frei zu sein wird zunächst auf den Stand bei der Geburt eingeschränkt, die Gleichheit bezieht sich auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz inklusive der politischen Gleichheit der Stimme, und die Solidarität meint die unverschuldete wirtschaftliche Not in den Unwägbarkeiten des Lebens. Heute ist die öffentliche Meinung eher auf die Freiheit gerichtet, sich selbst zu verwirklichen, über seinen Körper und seine sexuelle Ausrichtung zu bestimmen und seine Bildungs- und Berufswahl nach eigenem Willen zu gestalten. Gleichheit wird formuliert als Forderung nach Chancengleichheit unabhängig von Geburt, Familie und Tradition, seinen Platz in der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial nach eigener Leistung und Begabung zu erreichen. Solidarität schließlich ist ausgeweitet auf alle, die Notsituationen erleben und (auch erneut) Hilfe zum eigenen Leben, zu Gesundheit und Fortkommen inklusive Einkommen benötigen. Gesellschaftliche, soziale Teilhabe ist die Zielbestimmung. Diese gilt besonders auch für Menschen, die aufgrund von Herkunft, Gesundheit oder Unglück benachteiligt sind. Freiheit, Gleichheit, Solidarität decken heute als normative Zielvorstellungen weite Teile des persönlichen wie gesellschaftlichen Lebens ab. Der gesellschaftliche Konsens über diese Wertorientierung spiegelt sich auch darin, dass Sozialausgaben den relativ größten Teil öffentlicher Etats ausmachen.

Dem steht etwas entgegen, was man mit einem Gefühl wachsender Ungerechtigkeit und Ungleichheit, bezeichnet. Hinweise auf anderslautende Daten des Statistischen Bundesamtes oder auf den in den vergangenen Jahren nahezu unveränderten Gini-Koeffizienten (Internationale Maßzahl der Ungleichheit einer Gesellschaft, siehe zum Thema auch diesen Artikel) verfangen da wenig. Es werden dafür Erklärungen gesucht und unterschiedliche Antworten gegeben. Zum einen vergleicht sich der / die Einzelne weniger mit statistischen Daten als mit seinem Umfeld. Sieht man sich dort in einer schlechteren Position als Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen, empfindet man das als ungerecht. Zum anderen ist eine Haltung verschwunden, die Ungleichheit überhaupt als irgendwie gott- oder naturgegeben hinzunehmen bereit ist. Dies ist ein recht neues Phänomen, denn noch vor 2 – 3 Generationen sah das völlig anders aus. Gesellschaft und darin eingebundene persönliche Lebensumstände werden nicht mehr als unabweisbares Schicksal erlebt, sondern als gestaltbare und veränderbare und darum auch als notwendig zu verändernde Zustände erfahren. Ungewolltes Leben bzw. ‚Schicksal‘ wird nicht mehr akzeptiert, denn alle Lebensumstände erscheinen als von irgend jemandem verursacht und gewollt, und das sollte darum im eigenen Interesse verändert und anders gewollt werden. Gesellschaft erscheint dann als durch Macht gestaltbarer und umkämpfter Schauplatz für die Zumessung oder Inanspruchnahme von Lebenschancen und persönlichem Glück / Erfolg. Wird dieser Erfolg versagt oder stellt er sich nicht erwartungsgemäß ein, wird das als ungerecht erlebt; das Gefühlt wachsender Ungerechtigkeit gibt dem Ausdruck.

Das bisher Gesagte erscheint mir aber nur als die subjektive Seite des modernistischen Lebensgefühls: „Alles geht, alles ist machbar.“ Das Auseinanderfallen von erreichtem sozialen Ausgleich und gefühlter Ungerechtigkeit ist nicht nur einer gewachsenen Anspruchshaltung zu verdanken. Es gibt objektive Faktoren, die diese Wahrnehmung unterstützen. Es ist die Erfahrung von Bedrohtheit, die durchaus nicht unbegründete Angst vor Verlust von Arbeit und Status, das Verhalten einer kleinen globalen Geldelite, deren Reichtum an Ausmaß alle bisherigen Erfahrungen übersteigt, – die durch eine neue Weltmacht verschärfte Globalisierung – und vor allem neue Technologien (Digitalisierung, Automatisierung, KI), die beschleunigt in Alltag und Beruf eindringen. Jeder technologische Wandel von solchem Ausmaß wie der derzeit anrollende bringt Gewinner und Verlierer hervor, selbst wenn die Zahl der Arbeitsplätze gleich bleiben sollte (= unwahrscheinlich). Die Vorläufer dieser Entwicklungen treffen gerade ein. Der Klimawandel ist schließlich nur die Quittung für die moderne industrielle Lebensweise, deren Grundlage Verbrauch fossiler Ressourcen und Naturräume sowie globale Freisetzung von CO2 ist. Es gibt also tatsächlich harte objektive Gründe, besorgt zu sein und um seinen Status und die eigene Zukunft wie um die Zukunft der Kinder zu fürchten.

Shanghai
Four-segment panorama of Pudong, Shanghai, China. by King of Hearts, Wikimedia

Hinzu kommen verschärfend die politischen Entwicklungen und Verhaltensweisen von Staaten und Gesellschaften, auf diese sich abzeichnenden massiven Veränderungen zu reagieren. Rückzug auf sich selbst („XYZ first“), Wiederentdeckung bzw. Stärkung des Nationalen, Abwehr alles Fremden (Konkurrenten), verringerte internationale Zusammenarbeit und Solidarität, Rechtsruck ganzer Gesellschaften mit dem Wunsch nach „starken Männern“, vermehrtes Auftreten autokratischer Regime sind nur einige der Kennzeichen unserer politischen Gegenwart. Das Gefühl, dass die wirtschaftliche Lage hierzulande fast noch erstaunlich gut ist, lässt die Sorge vor dem großen Fall umso größer werden. Das Chaos um den Brexit ist dafür die nur scheinbar rational kaum nachvollziehbare Begleitmusik. Angesichts des äußeren und dann auch inneren Drucks (Gilets jaunes) drohen Gesellschaften zu zerreißen; die Spaltung verläuft zwischen zukünftigen Gewinnern und besorgten Verlierern bzw. denen, die sich jeweils dafür halten. Manche Äußerungen der Wirtschaftsbosse (Automobilindustrie) klingen eher wie das Pfeifen im Walde. Nur die Finanzwelt tanzt fröhlich weiter auf dem Vulkan.

In diesem hier skizzierten Kontext wird der scheinbare Widerspruch zwischen erreichtem Wohlstand („Gleichheit“) und gefühlter Ungerechtigkeit erklärbar und verständlich. Als Reaktion helfen weder Alarmismus, Hysterie oder hassgetriebene Abgrenzungen bzw. Ausgrenzung von „Schuldigen“, sondern fällig ist ein öffentlicher und offener Diskurs über die gegenwärtige Lage des Landes (faktenbasiert), über Herausforderungen, Chancen und Risiken. Hier wäre ein ermutigendes „Wir schaffen das“ durchaus angebracht, und die sozialen Medien könnten dazu endlich eine sinnvolle Plattform bieten. (Warum geschieht das eigentlich nicht schon?) Dabei könnte herauskommen, dass vermeintliche und tatsächliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit nur Symptome sind für die planetarischen, globalen und gesellschaftlichen Umbrüche, die zu erwarten sind. Mit Phantasie und Intelligenz, mit positivem Willen, gemeinsamer Kraft und Offenheit zur Zusammenarbeit über Grenzen hinweg lässt sich einiges bewerkstelligen. Der Schülerinnenstreik könnte den Anstoß dazu liefern, dass gesamtgesellschaftlich etwas in Bewegung kommt. Denn nicht das Festhalten am Alten, sondern das mutige und etwas riskierende Vorwärtsdrängen überwindet Ängste, öffnet Chancen, und gewinnt die Zukunft. In diesen Prozess müssen möglichst viele mitgenommen werden. Hallo Politik, hallo Zivilgesellschaft: Aufgabe!!

Reinhart Gruhn.

 3. April 2019  Posted by at 13:37 Freiheit, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gleichheit, Wirtschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ungleichheit – Ungerechtigkeit – Klima
Mai 202016
 
Das Ende der Geschichte wird proklamiert als Katastrophe oder als Paradies. Nüchterner zeigt sich, dass nichts so sicher ist wie die Veränderung. Ein pragmatisches Plädoyer für diskursive Liberalität.

Das Ende der Geschichte wurde in vergangenen Jahrhunderten oft als baldige Katastrophe erwartet. Ob es Luthers Weltuntergangsstimmung war (und das Apfelbäumchen, das er dennoch zu pflanzen gedachte) oder die düstere Gestimmtheit nach den Schrecken des dreißigjährigen Krieges – , Apokalyptiker hatten, wie schon die Bibel zeigt, zu allen Zeiten Konjunktur. Dem steht ein Zukunftsoptimismus entgegen, der das Ende aller Übel in einem baldigen paradiesischen Zustand kommen sieht. Spezifisch neuzeitlich ist es, dieses Paradies nicht mehr im Himmel, sondern auf Erden und politisch machbar zu erwarten. Der Kommunismus, der Nationalsozialismus und auch die liberale Demokratie des kapitalistischen Marktes sahen bzw. sehen den glückseligen Endzustand in der klassenlosen Gesellschaft oder der auferstandenen Volksgemeinschaft oder der schrankenlosen Freiheit des Individuums und des Marktes erreichbar oder schon so gut wie erreicht. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, proklamierte der US-Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ (1992): Die systemischen, antagonistischen Konflikte der Welt seien endgültig überwunden und aufgehoben in einer weltumspannenden liberalen Demokratie westlicher Prägung. Was er damit auch meinte, war, dass die USA als einzige verbliebene imperiale Macht ihre unbestrittene Weltherrschaft antreten konnte. Man sieht: Endzeiterwartungen stimmen niemals.

Dies ist wohl so, weil der Mensch als tätiges Subjekt seine Geschichte gestaltet. Darum gibt es gewisse Konstanten in der Kultur ebenso wie in der Geschichte, und diese liegen in der menschlichen Art (früher hätte man vielleicht gesagt: Seele) begründet: das Streben nach Macht und die Suche nach Selbstbestätigung. Das eine formt die materiellen Interessen, das andere die psychischen. „Die einen sind meist klarer als die anderen – verschwiegen werden oft beide.“ (Fritz Stern, zitiert nach FAZ.NET) Weil diese beiden Interessen tief in der menschlichen Natur verankert sind, prägen und gestalten sie bewusst oder unbewusst, willentlich oder nicht, menschliches Handeln. Diese zunächst individuelle Grundstruktur wird zwar im gesellschaftlichen Handeln vielfältig verknüpft und mit Schleifen der Rückkopplung versehen, gedämpft, verstärkt, in ein neues Konglomerat verwoben, bisweilen gar hybridisiert, aber es ist immer wieder erkennbar. Die Geschichte der Kultur und Politik des Menschen ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Helden und Opfern, von Phantasie und Leidenschaft, von Hingabe und Selbstverleugnung, von grenzenloser Hoffnung und abgrundtiefer Enttäuschung. Das tatsächliche Leben jedes Einzelnen liegt natürlich eher im gesellschaftlichen Durchschnitt, also irgendwo in der lauen Mitte mit ihrem alltäglichem Kleinklein. Man kann Geschichte „von oben“ und „von unten“ schreiben und erhält dadurch einen oft erstaunlichen Wechsel der Perspektive. Dennoch bleibt geschichtliche Entwicklung in einem ständigen Hin und Her, Auf und Ab, Wechsel und Veränderung gegenüber allen Kräften der Beharrung und Dauer. Selbst die Art der Beharrung, des Konservativen, ändert sich. Auch das erlebt man heute sehr konkret.

Es kommt hinzu, dass menschliche Geschichte, also der bewusste Raum menschlichen Handelns und Gestaltens, unwiderruflich global geworden ist. Politik ist Geopolitik, Ökologie ist global, Kultur ist multikulturell, Gesellschaft ist international verflochten, der Einzelne ist Teil eines universellen Netzes – und damit ist nicht nur das Internet gemeint. Das ist nur ein Teil der Universalisierung, seine technologische Seite. Dieser unwiderruflich globale Lebens- und Handlungsraum prägt die Seinsweise des modernen Menschen in einer fast totalitären Weise. Insofern hat vielleicht der Begriff „Anthropozän“ seine Berechtigung, allerdings weniger als evolutionsgeologischer denn als kulturgeschichtlicher Begriff: Die Welt insgesamt, der Erdenraum in seiner überall durch UTC strukturierten Zeit (GPS!) ist faktisch die gesamte ‚Drehbühne‘ menschlichen Handelns und Lebens, Leidens und Sterbens geworden. Es gibt keine unbekannten Winkel und Rückzugsräume mehr. Selbst die News aus den entferntesten Enden erreichen uns sekundenschnell, instantan. Man ist uninformiert, weil man überinformiert ist. Es hängt tatsächlich alles mit allem zusammen, Systemtheoretiker konstruieren Sinn im Unsinn, und oft vermag nur die Chaostheorie ein wenig Licht ins Gewirr zu bringen wie bei den Wettervorhersagen. Dies eröffnet ganz neue Wege zur Verfolgung und Durchsetzung eigener Interessen, sei es als Einzelner, als Unternehmen, als Staat, – aber jegliches global vernetzte Handeln führt auch zu einer unübersehbaren Folge von Nebenwirkungen (collateral effects), die wiederum die Mutter aller Verschwörungstheorien sind: „Das kann doch kein Zufall sein!“ Genau darum gilt es, nüchtern all die Informationen zu erheben und zu prüfen, die einem eben zugänglich sind, und diejenigen Tatsachen zu gewichten und zu bewerten, die eingegrenzt, erkannt und bewertet werden können – samt ihren zugrundeliegenden Interessen und möglichen Konsequenzen. Nie war rationales, deliberatives Denken und Handeln so lebenswichtig wie heute – und Ideologiekritik so notwendig, wenn Liberalität überhaupt noch eine Bedeutung haben soll.

Pegida

Pegida Dresden, (c) Wikimedia

Populismus – Nationalismus – Machtpolitik – Religion

Wir erleben heute wohl nicht zufällig eine Phase der Restauration autoritärer und nationalistischer Konzepte. Das Modell westlicher freiheitlicher Demokratie verliert an Attraktivität gegenüber autoritär verfassten Gesellschaften in Russland und China. Aufstrebende Staaten wie die Türkei, Ägypten, Iran und neuerdings die Philippinen eifern diesem Modell eines ideologischen, nationalistischen Autoritarismus nach. Zugleich erstarken in den klassischen westlichen Demokratien Kräfte und Parteien, die das Etikett „populistisch“ tragen, die konservativ bis nationalistisch ausgerichtet sind und jeweils ein Ressentiment gegenüber Fremden (Mexikanern, Muslimen, Afrikanern) pflegen. Oft zeigt sich in diesen Bewegungen eine Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“, nach (angeblich) traditionell geordneten Rollen und Verhältnissen, nach Abgrenzung von Fremdem und Neuem, nach ungebrochener Stärke und Selbstgenügsamkeit. Es treten doch erstaunliche Parallelen zutage in dem Auftreten des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dem Kaczynski-Regiment in Polen, Orban in Ungarn, der FPÖ in Österreich, dem Front National in Frankreich, der UKIP in Großbritannien, schließlich der AfD in Deutschland und den ‚Rechtspopulisten‘ in den Niederlanden und den skandinavischen Staaten. In der krassen Situation Griechenlands vereinen sich radikale Rechte und radikale Linke in einem historischen Regierungsbündnis – die bisher üblichen Kategorien taugen offensichtlich nicht mehr. Was eint diese in sich so diffusen und voneinander jeweils unterschiedlich national geprägten Kräfte? Vielleicht trifft auf diese Entwicklung das zu, was Fritz Stern über den Nationalsozialismus schrieb: „Die Nazis haben nicht begriffen, dass sie Teil eines historischen Prozesses waren, in dem das Ressentiment gegen die Entzauberung der Welt Zuflucht in Ekstasen der Unvernunft fand.“ (FAZ-Artikel). Da hinein passen dann sogar solche anscheinend ganz unterschiedliche Bewegungen wie der radikale Islamismus mit seinem nur scheinbar ‚mittelalterlichen‘, letztlich aber konsequent modernen Methoden des Terrorismus und der ausgrenzenden und kompromisslos ideologischen Schreckensherrschaft eines IS (oder ISIS, DAESH), Al-Kaida, Boko Haram usw. Es scheint so etwas wie ein „Ressentiment“, ein Aufbegehren, ein Aufstand nicht nur gegen die neuzeitliche „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) mittels Wiederbelebung des Religiösen zu sein, sondern Unwillen und Protest gegen eine Art von Globalisierung und Ökonomisierung (Märkte sind alles), die das Eigene, Vertraute zu nivellieren und zu rauben droht (wie vor 50 Jahren die „Kulturrevolution“ in China), die als weltgeschichtlicher, globalisierter Prozess zugleich allumfassend ist und eben so unverstanden, unbegreiflich und unbegriffen bleibt. So finden sich auch heute wieder Sterns „Ekstasen der Unvernunft“, praktisch in Aktion im Terrorismus, im religiösen Herrschaftswahn, aber auch ideologisch im schicken Eskapismus verschiedenster Verschwörungstheorien, Elitenschelte, in allerlei Spiritismus und salonfähiger Esoterik. Von den terroristischen Anschlägen abgesehen (schlimm  genug) hat es bisher noch keinen ‚großen‘ irrationalen Knall gegeben, doch niemand weiß, was sich im Südchinesischen Meer oder an der südlichen Grenze der Türkei anbahnt – von den Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegung noch ganz abgesehen. Trotz aller verfeinerten politischen und technischen Mechanismen – im Griff hat diese möglichen Entwicklungen niemand. Man kann allenfalls Tendenzen sehen und Konfliktpunkte ahnen, die sich als nicht mehr beherrschbar heraus stellen könnten. Die Zuflucht zu „Ekstasen der Unvernunft“ könnte noch ganz anders verlockend sein.

Das Irrationale findet seinen Weg zurück in die Öffentlichkeit gerade dort, wo im vermeintlichen Protest gegen eine als verzerrt erlebte repräsentative Demokratie die öffentlichen Wahrheitsansprüche selber infrage gestellt und ununterscheidbar werden. In einem Aufsatz in der NZZ hat Boris Schumatsky die „Krise der Wahrheit“ artikuliert. Als Form hybrider Kriegführung hat die Desinformation zu neuer Blüte gefunden – die sogenannten „Sozialen Medien“, also Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram usw. lassen ohnehin die Grenze zwischen Fakt und ‚Fikt‘ verschwimmen. All dies macht doch die Forderung nach einer öffentlichen, gesellschaftlichen Gegenstrategie unabweisbar. Sie kann sich kaum der Mittel der Emotionalisierung und der Simplifizierung, also der Schwarz-Weiß-Malerei bedienen, sondern ihre Devise kann nur lauten: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Um den besten Weg geht es dabei. Nüchterner Realismus ist das einzige Mittel der Wahl, wenn es um die Entgegnung gegenüber neuen Ideologien und Pathologien geht. Das Verführerische in der Argumentation eines Björn Höcke ist, dass er so eloquent ‚modern‘ formuliert und den Nagel im Fleisch der Neuen Rechten genau benennt: die „versifften 68er“ (Jörg Meuthen). Diesen Anti-Eliten gilt es sich zu stellen – und sie nicht zu ignorieren. Gerade in den klassischen Medien Fernsehen und Zeitung (aber keineswegs nur dort) ist viel mehr „Faktencheck“, Hintergrundinformation und sachgerechte Diskussion zu erwarten. Das wäre zumindest der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Darüber hinaus ist die Leerstelle zu füllen, die durch das nahezu völlige Fehlen sachkundiger,  redegewandter und öffentlichkeitswirksamer Intellektueller spürbar ist. Es muss doch über die Fragen nach Glücksratgebern und Alltagspsychologie hinaus ein intellektuelles Potential vorhanden sein, das seinerseits klar Position beziehen und zugleich argumentativ die Gegenwartsprobleme aufgreifen kann. Es ist also auf einer neuen Stufe in einer veränderten Zeit und unter sich wandelnden Bedingungen das zu wünschen, was Jürgen Habermas seinerzeit „die Kraft der deliberativen Vernunft“ genannt hat. Die deliberative Liberalität der neuzeitlichen Moderne ist jedenfalls eine Errungenschaft, die nicht beim ersten (oder zweiten) Sturm aufgegeben werden sollte. Vielleicht werden ja die kommenden zwanziger Jahre die ’neuen Siebziger‘. In jedem Falle ist dabei die geopolitische und globalkulturelle Perspektive einzunehmen: Die westlichen Gesellschaften mit ihren repräsentativen Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, aber auch mit den schreienden Ungerechtigkeiten ihrer kapitalistischen Ökonomien haben wahrhaftig noch eine Aufgabe. Das Programm einer ‚westlichen‘ Reform auf Grund der neuzeitlich aufgeklärten Werte gilt es selbstbewusst zu formulieren und zukunftsgerichtet zu vertreten. Rationalität und Liberalität können sich selbst behaupten.

Okt 122014
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Das Schwierige an der Zukunft ist bekanntlich, dass man nicht weiß, was kommt. Nach Karl Valentin ist die Zukunft heute auch nicht mehr das, was sie mal war. Damit wird eine Verknüpfung mit der Vergangenheit hergestellt. Genau aus dieser Perspektive, nämlich der Vergangenheit, möchte ich in Anbetracht der Erfahrungen der Gegenwart auf die Zukunft blicken. Das scheint heute ganz besonders schwer zu sein.

Es ist nicht einfach die triviale Tatsache, dass man die Zukunft nicht kennt und es meist anders kommt, als man denkt. Insofern ist die Zukunft per definitionem das „unbekannte Land“. Man ist aber immer wieder versucht, zukünftiges Geschehen aus den Entwicklungen der Vergangenheit und den verschiedenen Faktoren der Gegenwart heraus abzuschätzen. Jede Wirtschaftsprognose funktioniert so, selbst die alljährliche Steuerschätzung trifft Aussagen über die zukünftige Entwicklung auf der Basis des gegenwärtig bekannten Datenmaterials. Wenn besonders gut geschätzt werden soll wie etwa bei der Börsenentwicklung, dann werden Hochrechnungen auf der Grundlage vergangener Entwicklungen einschließlich gegenwärtiger Bedingungen und ihrer Muster angestellt. Insbesondere die „technische Analyse“ der Börsenkurse verfährt so. Über einen späteren Abgleich mit der einstigen Voraussage wird seltener berichtet. Je näher der Prognosezeitraum rückt, desto stärker wird korrigiert und angepasst, bisweilen sogar erst aus politischen Gründen fast im Nachhinein (Beispiel Konjunkturentwicklung, wenn es wider Erwarten abwärts geht).

Dass Prognosen fehl gehen, ist bekannt. Später werden dann aus der Vielzahl der unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Prognosen diejenigen ausgewählt und zitiert, die richtig lagen. Meist ist solch ein Treffer aber weniger einer besonders ausgeklügelten Prognosetechnik zu verdanken als dem bloßen Zufall. Schon beim nächsten Mal wird der gefeierte Prognostiker wieder falsch liegen. Soweit es um zahlenmäßig darstellbare Entwicklungen geht, ist die Fehlermöglichkeit stets groß. Immerhin sind die Verhaltensprognosen bei Voraussagen von Wahlergebnissen erstaunlich genau, allerdings auch nur, wenn sie sehr dicht an dem Wahldatum liegen und eine wirklich gute repräsentative Basis haben. All dies ist bekannt und mit entsprechenden Methoden auf der breiten Basis von big data und digitaler Verarbeitung gewiss weiter zu verbessern und zu verfeinern.

Europa Bike www.TheEnvironmentalBlog.org

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Anders sieht es bei der Abschätzung künftiger gesellschaftlicher, kultureller und politischer Entwicklungen aus, zumindest bei der Prognose von wichtigen Trends. Da wird es, was die Zuverlässigkeit solcher Prognosen angeht, ausgesprochen ungemütlich. Es gibt nichts einigermaßen Verlässliches, und was Verlässlichkeit vorgibt, beruht doch nur auf Spekulation oder auf eigenen Hoffnungen und Befürchtungen. Man könnte einwenden, dass auch dies völlig normal sei. Stimmt. Mein Eindruck ist allerdings, dass es in manchen Zeiten noch ungewisser ist als in anderen. Sei es dass wir heute eine spezielle Zeit des Umbruchs erleben, sei es dass die Verhältnisse längerfristig insgesamt in einem ständig beschleunigten Wandel begriffen sind, jedenfalls scheinen wir heute noch weniger als noch vor einigen Jahrzehnten Grund zu haben, irgend etwas halbwegs Sicheres über die Entwicklungen der sagen wir nächsten dreißig Jahre im Voraus sagen zu können. Schon bei zehn Jahren wird es schwierig.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Weltpolitisch ist unter machtpolitischem Gesichtspunkt die künftige Entwicklung so unabsehbar wie kaum zuvor. Welche Rolle die einzelnen Kontinente und kontinentalen bzw. maritimen Großräume und ihre Vormächte spielen werden, wieweit mächtige bewaffnete Kleingruppen mit dezidierten Einzelinteressen die Grenzen, Ressourcen und Gewichte einzelner Staaten aufmischen und dadurch globalen Einfluss gewinnen können, welche Rolle „Nationalstaaten“ überhaupt spielen werden, welche Strategien und Institutionen der Krisenbewältigung und Konfliktlösung überhaupt noch zur Verfügung stehen werden – alles dies ist völlig offen und ungewiss. Soziokulturell sind die Auswirkungen der massiven weltweiten Wanderungsbewegungen (Flüchtlinge, Einwanderung usw.) unabsehbar, die Rolle der religiösen Traditionen und Sprachen und ihre Abgrenzung gegeneinander sowohl in größeren Räumen als auch auf dichtestem Raum unserer Metropolen kaum aktuell zu beschreiben (von „in den Griff zu bekommen“ gar nicht zu reden) geschweige denn vorauszusagen. Schließlich, um ein drittes herausragendes Beispiel zu nennen, sind die Folgen und Weiterungen durch die weltweite Vernetzung, durch Steuerung, Kontrolle und Beeinflussung der Informationsströme (Stichwort Snowden), die Anwendungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen bis hin zu individuellen Auswirkungen von big data überhaupt annähernd zu fassen (→ Neurowissenschaften,→ social media, → smart home). Dazu beliebte Prognosen sind entweder von nahezu blindem Fortschrittsglauben oder von übergroßen Verlustängsten geprägt. Weder ist das Internet und seine Kommunikationsmöglichkeit die Rettung noch der Untergang der Kultur. Auf jeden Fall wird die Digitalisierung der Welt eine nachhaltige Veränderung des gesamten Lebens bedeuten, dessen Ausmaß wir uns heute nicht annähernd vorstellen können. Welche machtpolitischen Folgen sich aus einer Monopolisierung von Informations- (und Desinformations-) Strömen ergeben werden, kann man allerdings heute schon ahnen.

Wenn wir heute etwas über die Zukunftsaussichten unserer Kinder sagen wollen, mag das, zumal wenn man selber schon der älteren Generation angehört, noch einigermaßen zutreffend gelingen können. Bei den Enkelkindern ist das schon bedeutend unsicherer. Auf kleinem Raum und im privaten Umfeld verbreiten sich globale Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen nur allmählich und mit Verzögerung. Dabei seien plötzliche Katastrophen einmal außer Acht gelassen. Wir tun das in Europa recht leichtfertig, weil wir in den vergangenen sechzig Jahren kaum wirkliche Katastrophen erlebt haben, allenfalls Bedrohungen wie die Kubakrise und Tschernobyl. Ich halte das eher für eine glückliche Sondersituation. Es gibt keinerlei Verlässlichkeit, vielmehr einige Unwahrscheinlichkeit, dass dies so bleibt. Insofern können sich die europäischen Nachkriegsgenerationen bis heute mehr als glücklich schätzen, in einem derart offenen, friedlichen und prosperierenden Lebensraum bislang gelebt zu haben. Zumindest die Griechen (und in der Folge viele andere Europäer) werden diesen Zeitraum bereits mit dem Jahr 2008 als zu Ende gegangen ansehen.

Genau diese Erfahrung des Aufschwungs, des Fortschritts, des Friedens, der Öffnung von Grenzen aller Art (auch nationaler und staatlicher) verleitet zu der trügerischen Wahrnehmung, die Vergangenheit könne so etwas wie eine Blaupause für die Zukunft abgeben, wenn nicht der Welt, dann doch wenigstens Europas. Dies dürfte sich als Illusion erweisen. Schon die Ereignisse im Gefolge der Krise in der Ukraine, von der Fraktionierung des EU-Raumes mal ganz abgesehen, könnte einen da mehr Realismus lehren. Zum Frieden bewahren gehört auch, sich wehren zu können. Allein dies – neben vielem anderen – haben wir in trügerischer Sicherheit gewiegt verlernt. Derzeit scheinen auch die Wirtschaftsaussichten Deutschlands wieder Nüchternheit und Realismus zu lehren. „Uns kann keiner“ ist jedenfalls das falsche Rezept.

Gerade weil wir aus solch einer positiv erlebten Vergangenheit kommen, fällt es schwer, die Gegenwart anders als „aus den Fugen geraten“ zu erleben (siehe vorigen Beitrag) und die Zukunft als mehr als ungewiss und unsicher und mühsam zu erarbeiten zu begreifen. Auch eine realistische Einschätzung anstelle von Wünschen und Träumen ist „Arbeit“. Die vergangenen sechs Jahrzehnte können jedenfalls in keiner Weise die Grundlage dafür bieten, unbesorgt und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Das Leben unter sich rasch verändernden Bedingungen wird mehr denn je zum Normalzustand gehören. Man wird sich wieder sehr viel stärker auf eigene Anstrengung, Mühe, Bescheidung und auf die Sicherheit eines vertrauten nahen Umfeldes besinnen müssen. Sich von Ängsten beherrschen zu lassen hat noch nie jemandem geholfen. Illusionen nachzuhängen hat allerdings schon manchen ins Unglück gestürzt. Mit etwas mehr nüchternem Sinn und der Bereitschaft, Neues zu lernen und für bestimmte als unverzichtbar erkannte Werte mit allem Einsatz einzutreten und, ja auch zu kämpfen, wird es kaum gehen. Der „Kampf“ muss nicht mit Waffen geführt werden, es können auch Arbeitsmittel, Worte und Informationen sein. Jedenfalls wird die Zukunft erarbeitet und erstritten werden zu müssen wie lange nicht mehr. Beim Streiten kommt es auch zu Trennungen, zum Abschied.

Um die Zukunft zu gewinnen, müssen wir von manch vertrauter Einstellung Abschied nehmen. Das ist schon fast wieder ein Allgemeinplatz. Heute gilt er aber wie lange nicht mehr. Unsere jüngste Geschichte lehrt uns für die bevorstehenden Aufgaben und Herausforderungen tatsächlich wenig. Sie könnte uns allenfalls ermutigen, die eigenen Kräfte, Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen und sich auf Veränderung und schnellen Wandel einzulassen, statt nur immer „Nein“ zu rufen. Was als treffender Ausspruch Gorbatschow vor 25 Jahren zugeschrieben wird, gilt in der Tat auch heute ganz aktuell: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Update

Über eine sehr destruktive Weise, sich mit Zukunft zu beschäftigen, wird hier geschrieben: „Wie verhindert man, dass ziemlich verbiesterte Leute das Meinungsklima in diesem Land dominieren?“ (FAZ.NET)

 12. Oktober 2014  Posted by at 11:55 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zukunft ungewiss
Mai 252013
 
Der Mensch hat Zeit. – Dieser Satz gilt strikt. Der Mensch ist das Subjekt der Zeit. Die Zeit ist ihm zu eigen. Das Jetzt gibt es sogar ausschließlich für den Menschen. Gegenwart und Vergangenheit sind Interpretationen der Zeit. Zukunft ist das, was erwartet wird, – oder das, was einfach auf uns zu kommt. „Unsere“ Zeit ist ganz und gar etwas durch uns Geschaffenes.

Immanuel Kant definierte Raum und Zeit als „reine Formen der Anschauung“. Zeit ist für ihn ebenso wie der Raum etwas formal Vorgegebenes, das Anschauung und darauf hin Wahrnehmen und Begreifen überhaupt erst ermöglicht und begleitet. Er geht damit zwar über den „absoluten“ Raum Newtons und dem entsprechend über eine absolute Zeit hinaus und nimmt Raum und Zeit gewissermaßen das Objektive. Zugleich sind Raum und Zeit aber die a priori gegebenen Rahmenbedingungen jeglicher Erkenntnis, die auf Anschauung beruht. Die Zeit ist damit kein Gegebenes innerhalb der Welt, sondern die transzendentale Voraussetzung von Welterkenntnis überhaupt. Man kann nun in der Nachfolge Kants darüber streiten, ob damit Raum und Zeit als Rahmenbedingung aller Anschauung und somit aller Erkenntnis der Subjektivität des Menschen zuzuordnen ist, oder ob es sich bei den „reinen Formen“ doch eher um objektive Ideen geht, die menschliche Erkenntnis immer schon vorfindet. Letzteres wäre eine fast noch metaphysische Interpretation, Ersteres würde den Weg bahnen in ein streng subjektivistisches Verständnis von Raum und Zeit.

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Bleiben wir bei der Zeit. Die heutige analytische Philosophie, speziell die Philosophie des Geistes, nimmt die Entwicklungen und vorläufigen Ergebnisse der Neurowissenschaften positiv auf, wenn sie den Geist des Menschen, sein Empfinden, Vorstellen und Begreifen, also den gesamten Bereich des Mentalen, als etwas denken und verstehen möchte, dem stets ein neurales Korrelat zugeordnet ist. Ich vermeide es mit diesem Ausdruck, die Art der Zuordnung irgendwie, womöglich einseitig kausal, zu bestimmen. Das mag sein oder auch nicht – es spielt für diese Überlegungen jetzt keine Rolle. Entscheidend ist der Versuch, die mentalen Phänomene, also Bewusstsein, Wahrnehmen, Vorstellen und schließlich Denken und Begreifen als an das menschliche Gehirn gebunden zu beschreiben. Lässt man sich auf diesen Weg einmal ein, dann gewinnt die Frage an Bedeutung, wie denn genau die Phänomene des Bewusstseins zu beschreiben sind, wie es entsteht, gebildet wird, sich ausprägt und entwickelt, wie also aus „einfacher“ Sinneswahrnehmung im Bewusstsein die eigene Welt des Menschen entsteht. Schließlich führt diese Überlegung weiter zu der spannenden Frage, wie das Selbst, das ‚Ich‘, phänomenal zu beschreiben ist, und wie höher stufige mentale Prozesse nicht nur gegenständliches Erkennen, also mithin das, was wir banal realistisch als Raum erfahren, sondern auch das eigene Gegenwärtigsein und Seiner-selbst-bewusst-Sein ermöglichen. Schließlich gehört es zu den evolutionär höchsten Leistungen des Geistes, in sich das Abbild einer Welt zu konstruieren als ein mentales Modell, und damit strikt ‚gleich-zeitig‘ auch das gegenwärtige Jetzt zu schaffen. Anders herum gesprochen: Abgesehen vom Bewusstsein eines Lebewesens wie des Menschen gibt es kein Jetzt, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, so wie wir sie mit der Metapher des Zeitstrahls verstehen. Die Natur kennt keine Zeit in unserem Sinne, sondern nur Prozesse und Wechselwirkungen, die durch den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, das heißt durch die unumkehrbar ‚gerichtete‘ Zunahme der Entropie bestimmt sind. Zudem ist das, was wir Zeit nennen, in gleichförmig bewegten Inertialsystemen relativistisch gestaucht oder gedehnt, also mitnichten ein objektiv gegebenes unveränderliches Maß.

Bleiben wir beim Augenblick, bei unserem Jetzt. Das Bewusstsein, so könnte man nun sagen, ‚modelliert‘ die Sinneswahrnehmung zu einer Welt, zumindest zu einer ‚Welt für mich‘ aus der exklusiven Perspektive des Jetzt. Das, was mir im Augenblick bewusst ist, konstituiert mein zeitliches Jetzt. Dies ist wiederum die Basis für das „Zeitfenster“ der Gegenwart. In Abgrenzung zum gegenwärtigen Jetzt kann das mentale Modell des Selbst auch eine Vergangenheit bestimmen, die durch die Erinnerung als vergangene Zeit repräsentiert wird. Mit der Zukunft ist es einfacher; sie ist eigentlich gar kein Zeitbegriff, sofern sie nur das bezeichnet, was unter unendliche vielen Möglichkeiten ‚als nächstes‘ passiert. Als vom eigenen Selbst geplante, erhoffte oder befürchtete Erwartung wird sie aber als eine noch nicht realisierte Zeitstruktur für das Ich als „Zukunft“ modelliert. Tatsächlich, so lässt es sich analytisch durchaus plausibel beschreiben, ist die Zeit, zumal die Gegenwart im Jetzt, etwas dem Menschen Ureigenes, nur ihm mental Zugängliches. Die Modelle mentaler Repräsentation schaffen nicht nur das ‚Selbst-Verständnis‘, sondern weit mehr: Sie konstituieren und konstruieren für mich eine Welt in der Zeit, in der allein ich sie und es und ‚alles‘ erleben kann: meine Welt in meiner Zeit.

Wie ’subjektiv‘ verschieden das Jetzt erlebt und gedeutet werden kann, zeigen die verschiedenen Zeiträume der ‚Gegenwart‘: Sprechen wir von der „Gegenwartskultur“, dann besteht diese Gegenwart aus Jahren oder Jahrzehnten. Beziehe ich mich auf den Ort, an dem ich mich „gegenwärtig“ aufhalte, dann kann diese Gegenwart ein Tag oder mehrere Tage sein. Spricht man von Geistesgegenwart, dann meint man eine augenblicklich aktuelle Reaktion, die Gegenwart schrumpft zum Nu dieses Augenblicks. Davon noch einmal zu unterscheiden ist natürlich die Empfindung, die wir beim Erleben unserer Zeit haben: die Minuten oder Sekunden, die so endlos dauern bis zum ersehnten Abpfiff eines Endspiels in Wembley…

Diese Überlegung ist nur eine Möglichkeit. Sie erklärt viel und lehrt uns, unser Erleben in der Welt, in Raum und Zeit, als jeweils eigenes Erleben anders und, wie ich meine, besser zu verstehen. Die heutige analytische „Philosophie des Geistes“ gehört zum Spannendsten, was es seit langem in der Philosophie zu denken gab.

Hinweis: Philosophisch informativ und einführend in die „Theorie des phänomenalen Selbstmodells“ ist Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, 5. Auflage 2012.

 25. Mai 2013  Posted by at 17:59 Bewusstsein, Geist, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Geist
Apr 062013
 
Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, zumindest mit der Öffentlichkeit in den Medien. Würde man sie als realistischen Spiegel der gegebenen Verhältnisse ansehen, dann entstünde ein merkwürdiger Eindruck. Etwas Verwirrung und Unschlüssigkeit ist da zu erkennen über das, was derzeit „wirklich“ Sache ist, ein Rauschen, das kaum markante Spitzen aufweist. Die „Netzgemeinde“ ist schnell abgehandelt, denn spätestens seit Sascha Lobos kritischem Beitrag ist diese hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet und mit Selbstbetrachtungen beschäftigt. Typisch dafür ist auch die Selbstzerlegung der Piraten, die gerade in NRW mit einem neuen Akt in diesem kleinlichen Drama aufwarten. Aber das betrifft inzwischen nur noch einen minimalen Bereich öffentlicher Beachtung und Wahrnehmung.

Dass der Wahlkampf angeblich begonnen hat, merkt man kaum, seit Steinbrück keine unterhaltsamen Beiträge mehr liefert. Von der Regierung hört man eh nichts mehr. Zypern-Krise? Irgendwie kein Aufreger, oder nur ein sehr kurzer wegen der Sparer, aber dass beim Geld nichts mehr undenkbar ist, hatte man auch vorher schon geahnt. Euro-Krise? „Überstanden“, heißt es beruhigend aus Brüssel, auch wenn sich eigentlich nichts wesentlich geändert hat. Die Rezession und damit verbunden Arbeitslosigkeit und Lethargie wachsen in den Ländern Südeuropas. Ob das mit der Lethargie stimmt, weiß ich nicht, das ist nur mein Eindruck aus der „öffentlichen Meinung“, seit in Athen, Nikosia, Lissabon oder Madrid keine Massenproteste mehr vermeldet werden. Aber es würde schon passen, denn in der Not denkt jeder an sich selbst zuerst.

Bei uns im Land scheint die Wirtschaftsentwicklung stabil zu sein mit weiterhin positiven Aussichten. Gute Lohnabschlüsse sorgen in großen Teilen der Bevölkerung für das nötige Kleingeld zur Belebung von Konsum und Reisen. Wenn des Handels größte Sorge der verspätete Frühling ist mit wenig Lust auf Gartenpflanzen, Neuwagen und Sommerklamotten, dann scheint es uns so schlecht nicht zu gehen. Miese Nachrichten findet man wenige, abgesehen von der nicht neuen Klage über steigende Mieten in den attraktiven Ballungsräumen. Selbst die Strompreise treiben niemanden auf die Straße. Über „Armut“ bei uns klagt es sich auch nicht mehr so leicht, seit man sieht, was Armut zum Beispiel in Griechenland aktuell wirklich bedeutet. Also was solls? Ach ja, Korea, irgenwie ein Irrer, leider sehr ernst zu nehmen. – Ansonsten alles gut.

Satellitenantenne (Google)

Satellitenantenne (Google)

Dabei gäbe es genug Dinge, die eines „öffentlichen Diskurses“ bedürften, oder sagen wir es einfacher: über die geredet, diskutiert, gestritten werden sollte. Da sind die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrisen. Wenn die heiße Phase hektischer Nachtsitzungen erst einmal vorbei zu sein scheint, wäre es doch an der Zeit, sehr ernsthaft nach den Ursachen zu forschen. Viele der schnell geäußerten Gründe sind eher Schuldzuweisungen denn genaues Fragen nach den komplexen Zusammenhängen. Auf Ungleichgewichte der Wirtschaftsräume, auf die Folgen der ’neoliberalen‘ Marktideologie, auf eine aggressive Exportpolitik (ja, damit ist Deutschland gemeint) ist mancherorts schon hingewiesen worden. Dem wäre noch viel genauer nach zu gehen. – Dann ist da das weite Feld der Energieversorgung und der Energiepolitik, die bei uns kaum sachdienlich, sonder sehr ideologisch („öko“ ist per se gut) „veröffentlicht“ wird, – „diskutiert“ kann man das ja kaum nennen. Hier wäre eine wirklich streitige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angesagt. Der Strompreis ist nur der eine Aspekt, die Folgen des Klimawandels sind ein anderer. Auch wenn die Prognosen auf prinzipiell unsicheren Modellen beruhen (es können nur Annäherungen sein aufgrund bekannter Daten), ist das Nachdenken und die Diskussion darüber keine Angelegenheit, die man als Modethema mal aufbauschen und dann wieder in der Versenkung verschwinden lassen darf.

Eigentlich geht es bei all diesen Themen um die grundsätzliche Frage, wie wir denn künftig leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern bauen und hinterlassen wollen. Einig sind sich eigentlich alle öffentlichen Äußerungen darin, dass wir uns in Zeiten eines rasanten Umbruchs befinden. Es ist ein Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie, ein Wandel des Verhaltens in Kultur und gegenüber der Um-Welt, ein „Paradigmenwechsel“ der technischen und medizinischen Möglichkeiten, deren Ausmaß noch kaum abzuschätzen ist. Wie wollen wir leben? Wie soll die Welt aussehen, in der wir und unsere Kinder leben wollen und können? Welche Werte können da weiterhin gelten, welche Werte gilt es als verändert zu akzeptieren? Wie gehen wir mit der Tatsache weiträumiger Migration um? Was bedeutet das dichte, spannungsreiche Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen (weltweit!) für den Alltag? Wenn es keine Grenzen des technisch Machbaren gibt, wie gehen wir mit den Perspektiven künftiger Entwicklungen zum Beispiel der Veränderung des menschlichen Erbguts um? Es ist keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wissen und Fakten kann man nicht annullieren.

Die Öffentlichkeit scheint das nicht zu interessieren, zumindest die mediale Öffentlichkeit nicht. Aufklärungs- und Informationsbedarf ist genug da. Anschauungsmaterial ebenso; an kundigen und verständlichen Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung mangelt es nicht. Ich erlebe es so: Da, wo derartige Themen und Perspektiven artikuliert werden, da sagen die Menschen: „Das ist ja wahnsinnig interessant, da müsste man doch viel mehr drüber erfahren und viel intensiver diskutieren.“ Genau dafür ist die Öffentlichkeit doch da. Die „Wissensgesellschaft“ hat eine einzige Voraussetzung: dass man sie auch am Wissen teil haben lässt, nicht nur in Nischen und elitären Zirkeln. Volker Gerhardt hat mit seinem Vertrauen in die rein „an sich“ gegebene aufklärerische Struktur der Öffentlichkeit eine doch etwas reichlich abgehobene These vertreten. Da ist mehr „Fleisch“ nötig, denn es geht immer auch und zuerst um Interessen und um Macht. Ob die „Netzgemeinde“ ohnmächtig ist oder sich selbst beweint, ist ziemlich gleichgültig. Ganz und gar nicht gleichgültig ist es aber, dass die öffentliche Diskussion der uns und unsere heutige und künftige Welt bewegenden Themen eingefordert wird. Das geht nur, indem immer wieder Fragen gestellt werden, dass zum Beispiel Konzepte der TV-Talks durch Querfragen durchbrochen werden, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz weit mehr und besser genutzt werden. Bislang lässt dort oft nur ein neues iPad oder Samsung Galaxy den Erregungspegel steigen. DAS ist entschieden zu wenig, wozu das Netz bisher taugt.

Die Öffentlichkeit hat eine eigene Struktur, die ständig im Wandel ist. Richtig. Die öffentliche Diskussion aber braucht ebenso sehr Sachhaltigkeit und Interesse an gegenseitiger Orientierung. Daran fehlts. Darum klingt das öffentliche Getöse so wirr. Wie wollen wir morgen leben? Darum gehts.

 6. April 2013  Posted by at 10:08 Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , ,  1 Response »